Nr. 25 M-W ?; K (Nachdruck verboten.) Ein Einbrecher aus Passion. Von E. W. Hornung. Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen von F. Mangold. (Fortsetzung.) Jedermann weiß, in wie weitgehendem Maße der Ton einet Schule von dem der Elf — der Cricketspieler — und ganz besonders vom Charakter des Cricketkapitans bestimmt wird, und ich habe es niemals in Abrede stellen hören, daß unser Ton zu A. I. Raffles' Zeit gut, oder daß der Einfluß, deu auszuübeu er sich die Mühe gab, ein günstiger gewesen sei. Trotzdem flüsterte man sich in der Schule zu, er durchstreife die Stadt bei Nacht in einem grellkarrier- ten Anzug und mit einem falschen Barte. Man flüsterte sich das zu, aber man glaubte es nicht. Mir allein war es als Tatsache bekannt, denn Nacht für Nacht hatte ich das Seil hinter ihm in die Höhe gezogen, wenn der Rest des Schlafsaales in tiefem Schlummer lag, und war stundenlang wach geblieben, um es ihm auf ein gegebenes Zeichen wieder herunterzulassen. Eines Abends war er tollkühn gewesen, sodaß er um ein Haar in der Blütezeit seines Ruhmes schmählich aus der Schule gejagt worden wäre. Seine unglaubliche Kühnheit und außerordentliche Kaltblütigkeit, denen, zweifellos meine Geistesgegenwart zu Hilfe kam, waudteu indes diese unangenehmen Folgen ab, und der wenig ehrenvolle Zwischenfall konnte mit dem Mantel des Schweigens bedeckt werben. Aber ich kann nicht behaupten, daß ich ihn vergessen hätte, als ich mich in meiner Verzweiflung an das Mitleid dieses Mannes klammerte, und ich fragte mich gerade, inwieweit ich seine Nachsicht dem Umstand zu verdanken hätte, daß auch er sich seiner erinnerte, abs er stehen blieb und sich wieder über seinen Stuhl neigte. „Ich dachte eben an die Nächt, wo wir beide um ein Haar äbgefaßt worden wären", begann er. „Warum fahren Sie zusammen?" „Weil ich in diesem Augenblick auch daran dachte." „Sie waren damals ein kleiner Racker von der rechten Sorte, Bunny", fuhr er lächelnd fort, als ob er meine Gedanken gelesen hätte. „Sie hielten reinen Mund und waren kein Feigling; Sie stellten keine Fragen und schwatzten nicht aus der Schule. Ich möchte wohl wissen, ob Sie jetzt noch ebenso sind." „Das weiß ich nicht", entgegnete ich, durch seinen Don etwas verblüfft. „Ich habe meine eigenen Angelegenheiten so gründlich verpfuscht, daß ich mir ebensowenig traue, als andere heute mir trauen werden. Aber trotzdem habe ich nie im Leben einen Freund im Stiche gelassen, das kann ich wohl sagen, sonst wäre ich heute abend vielleicht nicht in einer so verfluchten Klemme." „Sehr richtig", sagte Raffles, vor sich hinnickend, als ob ec einen geheimen Gedankengang bestätigt finde, „sehr richtig; so stehen Sie mir auch in der Erinnerung, und ich wette darauf, daß das heute noch ebenso wahr ist, als vor zehn Jahren. Wir ändern uns nccht, Bunny, wir entwickeln uns nur. Weder Sie, noch ich sind wirklich anders ge=* worden, als damals, wo Sie mir das Seil herunterließen und ich hinaufkletterte. Für einen Kameraden würden Sie vor nichts zurückschrecken — nicht wahr?" „Vor nichts in der Welt!" rief ich begeistert aus. „Selbst nicht vor einem Verbrechen?" fragte RaffleZ lächelnd. Nachdenklich zögerte ich; sein Ton war anders geworden, aber ich war sicher, daß er mich nur necken wollte. Und doch schien in seinen Augen so viel Ernst zu liegen, als immer, und ich war nicht in der Stimmung, Vorbehalte zu machen. „Nein, selbst nicht davor", erklärte ich. „Sagen Sie mir, um welches Verbrechen es sich handelt, und 'ich bin der Ihre." Einen Augenblick sah er mich erstaunt, dann zweifelnd an, und schüttelte mit dem leisen, eynischen Lachen, das ihm so eigentümlich war, den Kopf, als ob er die Sache von sich weisen wolle. „Sie sind ein netter Kerl, Bunny! Ein richtiger verzweifelter Charakter — he? Im einen Augenblick Selbstmord, im nächsten jedes beliebige Verbrechen, das ich Vorschläge. Was Ihnen fehlt, mein Junge, ist ein Hemmschuh, und Sie haben toohl daran getan, sich an einen anständigen, die Gesetze achtenden Bürger zu wenden, der einen guten Ruf zu verlieren Hai. Aber trotzdem müssen wir das Geld diese Nacht haben — es mag biegen ober brechen." „Diese Nacht, Raffles?" „Je früher, um so besser. Jede Stunde nach zehn Uhr morgens ist gefährlich. Wenn einer von Ihren Checks bis zu Ihrer Bank gelangt, wird die Zahlung verweigert, und Sie sind entehrt. Nein, wir müssen uns das Geld diese Nacht verschaffen, und morgen vormittag sobald als möglich eilt neue» Konto für Sie eröffnen. Und ich glaube, ich weiß, wo wir das Zeug bekommen können." „Um zwei Uhr nachts?" „Aber wie — wo — zu dieser Stunde?" „Bei einem meiner Freunde hier in Bond Street." „DaS muß ein sehr intimer Freund sein." „Intim ist nicht das rechte Wort, aber ich kamt bei ihm ein und aus gehen und habe einen eigenen Schlüssel zu seiner Wohnung." „Und Sie wollen ihn mitten in der Nacht heraus-« twmmetn ?" „Wemt er zu Bett liegt, ja." „Ist es nötig, daß ich Sie begleite?" „Unbedingt." Der Leser wird sich wundern, daß ich tat, wie nur geheißen wurde, aber er kennt eben A. I- Raffles nicht. Die Hälfte seiner Macht lag in der verbindlichen Art, rn der er den Gebieter hinter dem Führer zurücktretcn ließ, und es war geradezu uumöglich, einem Manne nicht zu folgen, der mit solchem Feuer führte. Als ich hörte, wie er ferne Schuhe abstreifte, tat ich dasselbe und stieg hinter ihm die Treppe empor, noch ehe ich mir klar gemacht hatte, welch ein ungewöhnliches Vorgehen es sei, mitten ui der Nacht iemcmb zu besuchen, von dem man Geld erbitten wollte. Augenscheinlich aber stand Raffles auf außerordentlich vertrautem Fuße mit ihm, und ich konnte gar nicht anders, als annehmen, daß solche Schabernacke zwischen ihnen gang und gäbe waren. So langsam tasteten wir uns die Treppe hinan, daß ich Zett hatte, mancherlei zu beobachten, bevor wir oben an- lauqten. Auf der Treppe lag lein Läufer, die ausgespretzten Finger seiner rechten Hand fühlten nichts auf der feuchten Wand, während mir die meiner linken mir verrieten, daß dicker Staub ans der Handleiste des Geländers lag. Eme unheimliche Empfindung hatte sich meiner bemächtigt, seit wtr in dem Hause waren, und diese verstärkte, sich nut jeder Stufe, die wir erstiegen. Was für ein Einstedler war das, den wir in seiner Zelle erschrecken wollten? Jetzt kamen wir an einen Absatz. Das Geländer wandte ! sich nach links und abermals natch links. Noch vier Stufen, daun standen wir wieder auf einem neuen, längeren Absatz, und Plötzlich flammte ein Streichholz in der schwarzen Finsternis auf. Von seinem Anreiben hatte tch nicht das geringste gehört. Der Schein war blendend; als sich nteute Augen jedoch daran gewöhnt hatten, sah ich Raffles, das Streichholz mit einer Hand hoch haltend mcd mit der andern beschattend, zwischen kahlen Bretterwänden, und den offenen I Türen leerer Zimmer stehen. „Wohin haben Sie mich geführt?" rief ich. „Das .Haus I ist ja nicht bewohnt." I „Bst! Warten Sie!" flüsterte er, indem er mir in eins der leeren Zimmer vorausgiitg. Sein Streichholz erlosch, als wir die Schwelle überschritten, und er strich ohne das I geringste Geräusch ein anderes an. Nun kehrte er nur den Rücken und machte sich mit etwas zu schaffen, das tch nicht sehen konnte, allein als er das zweite Streichholz wegwars, leuchtete statt dessen ein anderes Licht und em schwacher I Oelgeruch machte sich bemerkbar. Ich trat vor, um einen Blick über seine Schulter zu werfen, aber ehe ich das tun konnte, drehte er sich um und ließ den Schein einer winzigen | Laterne auf mein Gesicht fallen. Was ist das?" stammelte ich mit stockendem Atem. „Was für einen faulen Streich führen Sie im Schilde?" I ' „Er ist schon gespielt", antwortete er mit euient ruhigen Lachen. „Gegen mich?" „Ich fürchte, ja, Bunny!" „Es ist also niemand im Hause?" „Niemand außer uns beiden." Was Sie von einem Freund in Bond Streat sagten, der uns das Geld geben würde, war also weiter nichts als Schw,mdel?^icht vollkommen wahr, daß Danby mein Freund ist." „Danby?" „Der Juwelier unten." c „Was meinen Sie?" flüsterte ich zitternd tote Espenlaub, als die Erkenntnis seiner wahren Absicht tu nur empordämmerte. „Werden wir das Geld von dem Juwelier erhalten'?" „Nun, das nicht gerade." „Was denn?" „Geldeswert — aus seinem Laden." Weitere Fragen waren überflüssig, mir war alles klar, ausgenommen meine eigene Blindheit. Ein Dutzend Anspielungen hatte er gemacht, und ich hatte keine durchschaut. Und nun stand ich in dem leeren Zimmer vor ihm und starrte ihn au, und er stand mit seiner Blendlaterne mir gegen über und lachte mich aus. „Ein Einbrecher!" keuchte ich. „Sie — Sie? .. ,Hch sagte Ihnen ja, daß ich von meiner Schlauheit IeBe'„$ganim haben Sie mir Ihre Absicht nicht mitgeteili? 1 Weshalb haben Sie mir nicht getraut? Warum war es „Dann kann's nichts helfen, aber ich muß gestehen, i daß mir der Gedanke sehr wenig gefällt, Raffles." Ziehen Sie die andere Alternative vor?" fragte ment' Genosse mit einem höhnischen Grinsen. „Nein, zum Henker, I das war unrecht", rief er reuig tu demselben Atemzuge. ,,^ch 1 begreife Sie sehr wohl, denn ich weiß, daß es eine furcht- I Eure Probe ist, allein daß Sie draußen stehett bleiben, ist ganz unmöglich. — Ich will Ihnen etwas sagen, Sie sollen I eine kleine ^Aufmunterung haben — aber nur eine. Hier I ist der Whisky und da ein Syphon. Ich will einen Mantel umnehmen, tvährend Sie sich ein Glas zurechtmachen. Das tat ich und war nicht allzu bescheiden dabei, denn dieser Plan in ar mir darum nicht weniger widerwärtig, j daß ihm, wie es schien, nicht aus dem Wege zu gehen war, I indesseii mutz ich eiuräunten, daß er, noch ehe mein Mas I leer war, viel von seinem Schrecken verloren hatte, ^n» I zwischen trat Raffles wieder ein. Ein Mantel verhüllte seme bunte Flanelljacke, und ein weicher Filzhut war nachlässig | aus seinen Lockenkopf gestülpt, den er lächelnd schüttelte, als ich ihm die Flasche reichte. ,Weun wir wieder hier find", sagte er. „Erst die Arbeit und bann das Vergnügen. Sehen Sie wohl, welches Datum | wir haben?" fügte er hinzu, indes er ein Blatt von seinem Wandkalender abritz, während ich mein Glas leerte. ,/Ser 15. März. „Des Märzes Ideen, des Märzes Ideen! Vergessen Sie das nicht. He, Bunny, mein Junge, die werden i Sie nicht vergessen, wie?" Lachend warf er eine Schaufel Kohlen aufs Feuer, bevor I er wie ein sorglicher Hausvater das Gas klein drehte, und I so verließen wir das Zimmer, als die Uhr auf dem Kamin- j flms zwei schlug. Piccadilly lag wie ein mit kaltem weißem Nebel gefüllter, vom verschwommenen Schein der Laternen eingefaßter und mit einer dünnen Schicht klebrigen Schmutzes be- > deckter Graben vor uns. Wir begegneten keiner Menschen- seele aus dem verlassenen Bürgersteig und wurden von dem Schutzmann, der den Dienst im Stadtviertel hatte, mit einem sehr scharfen Blick beehrt, aber auch durch eine Berührung des Helmes begrüßt, als er meinen Begleiter erkannte. „Die Polizei kennt mich, wie Sie sehen", bemerkte Raffles lachend, als wir weitergingen. „Arme Teufel, tu einer Nacht wie diese heißt's aufpaffen! Für Sie und mich mag ein Nebel eine Unannehmlichkeit sein, Bunny, aber er ist eine wahre Gottesgabe für die Verbrecher, besonders so spät im Jahre. Aber hier find wir an Ort und Stelle — und ich will mich hängen lassen, wenn der Mensch nicht doch im Bett liegt und schläft!" Wir waren in Bond Street eingebogen und standen jetzt aus der rechten Seite ein paar Schritt von der Ecke am Randstein des Bürgersteigs. Raffles schaute nach einigenFenstern auf der anderen Seite der Straße empor, Fenster, die durch den Nebel kaum zu erkeunen waren, denn nicht der geringste Lichtschimmer hob sie aus ihrer Umgebung hervor. Sie lagen über einem Juwelierladen, wie ich an dem Gilck- loch in der Tür und dem dahinter brennenden Hellen Licht sah, aber der ganze obere Teil nebst der neben dem Laden gelegenen Haustür toareit so schwarz als der Himmel „Wollen wir's nicht für diese Nacht aufgeben?" drängte ich. „Morgen früh haben wir noch Zeit genug." „Keineswegs", entgegnete Raffles. „Ich habe fernen Schlüssel, und wir wollen ify.it überraschen. Vorwärts!" Bei diesen Worten ergriff er mich am rechten, -Arm, zog mich eilig über die Straße und öffnete die Tür mit feinem Drücker, um sie im nächsten Augenblick rasch, aber geräuschlos hinter uns zu schließen. Nuu standen wir zusammen im Dunkeln. Draußen näherten sich gemessene Schritte, die wir schon beim Ueberschreiten der Straße durch den Nebel gehört hatten. Jetzt, wo sie deutlicher wurden, umklammerten Raffles' Finger meinen Arm fester. . „Vielleicht ist er es selbst", flüsterte er. „Er ist ein Satan von einem Nachtvogel. Keinen Laut, Bunny! Wir wollen ihn zu Tode erschrecken. — Ah!" Die taktmäßigen Schritte waren vorüber gegangen, ohne anzuhalten. Raffles holte tief Atem, und seine Finger, die meinen Arm so seltsam umspannt hatten, lösten sich. „Aber trotzdem keinen Laut!" fuhr er in demselben Flüstertöne fort. „Wir wollen ihn regelrecht überraschen, wo er auch sein mag. Ziehen Sie Ihre Schuhe aus und folgen Sie mir." 99 nötig, mich zu belügen?" fragte ich, denn trotz meines Abscheus fühlte ich mich empfindlich verletzt. „Ich wollte es Ihnen eigentlich sagen", antwortete er, „und war mehr als einmal drauf und dran, es zu tun. Sie entsinnen sich doch, wie ich wegen eines Verbrechens bei Ihnen auf den Busch klopfte, obgleich Sie wahrscheinlich vergessen haben, was Sie darauf antworteten. Ich glaubte auch nicht, daß es Ihr Ernst war, allein ich gedachte Sie auf die Probe zu stellen. Jetzt sehe ich, daß ich recht hatte, aber ich verdenke Ihnen das nicht. Mich allein trifft die Schuld. Machen Sie sich aus dem Staub, mein lieber Junge, so rasch Sie können, und überlassen Sie die Sache mir. ^Verraten werden Sie mich doch Wohl nicht, was Sie auch sonst tun mögen!" (Fortsetzung folgt.) Theater auf dem Gleiberg. (Nachdruck verboten.) Als vor tausend Jahren der Bergfrit auf dein Glei- verg errichtet wurde, ahnte sein Erbauer schwerlich, wel- chen Zwecken die im Schuß des Turmes entstehenden Gebäude später noch alle dienen sollten. Dem Schicksal, Zucht- oder Arbeitshaus zu werden, ist der Nassanerbau ja glücklich entgangen, dafür aber wird er Jahrhunderte lang von feinen fernen Besitzern nur als Zehntscheuer benutzt. Dann versuchte der lernende Teil unserer Hochschule, den Gleiberg zur Universität zu erheben, und nistet sich dort ein. Endlich, nachdem sich droben so manches Drama abgespielt hat, und jetzt friedliche Zeiten bei uns eingekehrt sind, wird die Burg zum Schauspielhaus. Kaum hält man es für möglich, und doch ist es Tatsache, denn die Ankiindigung liegt schwarz auf weiß vor mir. Die Erfahrung muß lehren, ob das Unternehmen Erfolg hat, einstweilen dürfen wir dem guten Ruf, der dem Direktor und seiner tüchtigen Truppe vorausgeht, volles Vertrauen entgegenbringen. Es ist Herr F. Carlos, Königl. Preuß. konzessionierter Schauspiel-Direktor vom Theater in Koblenz, der mit seiner zwanzig Personen starken Gesellschaft den kühnen Plan gefaßt hat, auf dem Gleiberg einen Cyelus von Vorstellungen zu eröffnen. Die Idee, die diesem künstlerischen Versuch zu Grunde liegt, ist jedenfalls originell und hat eine gewisse Berechtigung. Herr Direktor Carlos ist sich der Kühnheit seines Unternehmens auch selber vollkommen bewußt. Er setzt uns deshalb in einer Art Vorrede zu den gleichzeitig übersendeten Theaterzetteln seine Absichten auseinander. Vor allem, meint er, wenn es eine ungewöhnliche Idee ist, auf den Ruinen eines ehemaligen Bergschlosses theatralische Vorstellungen zu geben, so ließe sich erwarten, daß in unserer nach Originalität strebenden Zeit diese romantische Idee viel Eingang finden dürste, wenn auch Gegner schon nicht ausbleiben werden. Also dem der Romantik zuneigenden Zeitgeschmack will Herr Carlos dienen; er will Stimmung erzeugen. Und darin hat er recht, wenn er glaubt, daß die Umgebung ungemein viel Einfluß auf die Stimmung, in die der Hörer versetzt werden soll, ausüben wird. Welchen Eindruck muß z. B. Schillers Wallenstein erwecken, wenn er in einem echten Renaissanceschloß, wie es der Nassauerbau des Gleibergs darstellt, zur Aufführung gelangt und wenn dieses Schloß einen Teil einer im dreißigjährigen Krieg, also in der Zeit Wallensteins zusammengeschossenen Burg bildet? Oder man denke sich Shakespeares Zähmung der Widerspenstigen, besonders die Szenen im Hause Petrucchios; oder Moretos Donna Diana, kann es hierfür eine geeignetere Bühne geben als in eben jenem Renaissancebau? Doch die Umgebung tuts nicht allein, das künstlerische Können der Darsteller bleibt doch immer die Hauptsache. Aber auch hierüber kann uns die „Vorrede" des Herrn Carlos beruhigen. Wie andere Bühnen-Ensembles größerer Städte, so will auch das Koblenzer Theater die nach dem Minter sich einstellende Pause zu Gastspielreisen benutzen. Tie Mitglieder haben daher den Vorzug, gut aufeinander eingespielt zu sein. Außerdem steht der Direktor mit ehemaligen beliebten Mitgliedern größerer Bühnen in Unterhandlungen, um sie für sein Unternehmen zu gewinnen. Durch diese bevorstehende Vermehrung seines Personals wird er in der Lage fein, auch größere Stücke gut zu besetzen. Für Kostüme und Dekorationen ist ebenfalls — wie sich nicht anders erwarten läßt — gut gesorgt. Menn von feiten des Publikums aus den für Verwöhntere immerhin fühlbaren Mangel einer Bühnen-Ein- richtung großen Stils aus dem Gleiberg Rücksicht genommen wird, glaubt Herr Carlos des Erfolges seines künstlerischen Versuches sicher zu sein. Was die Wahl der Stücke angeht, so wird die Direktion selbstredend nicht vor den größten Ausgaben zurückschrecken. Vorläufig, d. h. für die drei ersten Vorstellungen, hat sie leichtere Sachen angesetzt, vermutlich um deu neu zu engagierenden Kräften Gelegenheit zu geben, sich mit der vorhandenen Truppe einzuspieleu. Das ist sehr vernünftig gedacht, denn nichts ist störender für den Eindruck eines dramatischen Kunstwerkes, als ein Zusammenspiel, das nicht klappt. Für Gießen gewinnen diese ersten Vorstellungen aber auch noch dadurch an Interesse, daß sie, wenn auch von älteren Autoren herrührende, so doch hier noch niemals anfgeführte Stücke bringen. Das erste ist ein sünfaktiges Lustspiel von Wolff: Cäsariv oder die bekehrte Spröde. In ihm birgt sich eine originelle Nachbildung des bekannten Shakespeare'schen Stückes, das ich oben erwähnte. Die zweite Vorstellung wird Kotzebues „Intermezzo", über das weiter kein Wort zu verlieren ist, aus unverdienter Ruhe erwecken und in der dritten Vorstellung soll ein Versuch mit der großen Oper gemacht werden. Wenzel Müllers „Teufelsmühle am Wienerberge" mit dem Text von Hensler wird über die Bretter gehen, ein Werk ganz im romantischen Geist gedichtet und komponiert. Es wird also gewissermaßen die Hauptprobe des ganzen Unternehmens sein. Noch einige wenige Bemerkungen möchte ich der An- kündigung des Herrn Carlos entnehmen. Herr Carlos steht auf dem Standpunkte, daß der Verkehr seiner Schauspieler mit den: Publikum für beide Teile nicht zuträglich sei, da einerseits die Unbefangenheit der Darsteller, andererseits der künstlerische Eindruck, den der Hörer bekommen soll, Einbuße erleide» muß. Der Schauspieler soll zwar dem Menschen Menschen zeigen, aber nicht seine Person, sondern nur die vom Dichter gewollte. Bei persönlichem Verkehr aber werden beide gar leicht im Bewußtsein des Hörers verwischt. Aus diesen Gründen rechtfertigt sich das Verbot der Direktion, das das Betreten der Bühne jedem Unbefugten untersagt. Endlich glaubt Herr Carlos, daß der mit dem Besuch seines Theaters für die Gießener verbundene Spaziergang und der „Genuß ländlicher Freuden" nur vorteilhaft auf den Erfolg seines Unternehmens wirken kann, und ich muß zugeben, daß ein Heimweg dnrck die schweigende Natur nach hohem Kunstgenuß dessen Eindruck nur verstärken und vertiefen kann. Die Vorstellungen sollen nach der Eröffnung jeden Sonntag und Mittwoch nachmittags um 4 -oder 5 Uhr beginnen. Alles Wettere wird Herr Carlos durch den Gießener Anzeiger bekannt machen. Ich bedauere aber, meine geehrten Leserinnen und Leser zu den Vorstellungen unseres kühnen Theaterdirektvrs nicht begleiten zu können, da dieser mitsamt seinen tüchtigen Künstlern längst im Grabe ruht. Theaterzettel und Vorrede sind datiert vom Juni im Jahre des Heils 182-4 Handelsartikel aus Abfallholz. Nachdruck verboten. Der größte Teil der in den Sägemühlen und den Holz verarbeitenden Betrieben erzeugten Abfälle werden zu Heizzwecken verwendet; doch ist diese Art der Verwendung keineswegs immer die vorteilhafteste. Es werden auf diesem Wege ungeheure Mengen guten Holzes verschwendet, welche sich zu vielbegehrten Handelsartikeln verarbeiten lassen; ja, es können sogar großindustrielle Betriebe auf der nutzbringenden Verwendung von tzolzabfällen begründet werden. Daß dies in der Tat möglich ist, haben uns wieder die Amerikaner gezeigt, obivohl natürlich nicht bestritten werden soll, daß man auch in Deutschland diese Abfälle nützlich zu verwenden versteht. Die Amerikaner haben aber, und dies ist das wesentliche, Spezialmaschinen für diese eigenartige Industrie geschaffen, sodaß sie in höchst vorteilhafter Weise zu arbeiten vermögen. Findige Köpfe bemerkten, daß die in den großen Wäl- 100 beim Maines telegenen Fabriken enorme Quantitäten Holz verschwenden. Die weihen Fichtendänme lieferten das vräcyiigfte Bauholz, aber der Abfall ging fast ganz verloren. Es häuften sich große Stapel die,es Abfaliyolzes tu den verschiedeneil Fabriken an, daß sie schließlich eine große Last wurden. Es war schwer, dieses Holz au Ort und Stelle zit verbrennen, ohne die Fabrik der größten Feuersgefahr auszusetzen. Es durch Wagen oder Karren an einen anderen Punkt zu befördern, Wäre ebenso umständlich als kostspielig gewesen. Irgend ein geschäftskundiger Yankee hatte damit begonnen, irgendwelche kleine Artikel aus dem Abfallholz zu fertigen, und heute gießt es überall in den Wäldern Maines Fabriken, welche gewisse kleine Holzarttkel in großen Massen als Spezialitäten produzieren. Eine der ersten Fabriken beschäftigte sich mit der Fabrikation hölzerner Zahnstocher. Es wurde eine kleine Maschine erfunden, welche aus weichem Fichtenholz Hunderte von Zahnstochern auf einen Schlag schnitzte. So bedeutend wurde diese Fabrikation, daß der jährliche Ertrag der Wälder Maines an Zahnstochern jetzt mehr als 500 Millionen ausmacht. Die kleinsten Stückchen Holz können in oen eigenartigen Maschinen für diesen Zweck verarbeitet werden, und das Rohmaterial ist tatsächlich foftenfret zu haben, da viele der großen holzindustriellen Betriebe schon jetzt zufrieden damit sind, daß die großen Massen von Holz ohne Unkosten aus ihrem Bereich entfernt werden. Andere Fabriken fertigen als Spezialartikel die langen, hölzernen Fleischspieße, welche die Schlächter zum Auf- hängen von Fleisch und Würsten verwenden, bezw. die kleinen Knebel, welche zum Schließen der Würste dienen. Es werden in Maine wöchentlich allein eine halbe Million solcher Spieße fabriziert. Eine einzige, größere Fabrik fertigt während des Sommers nicht weniger als 5 Millionen Spieße und 50 Millionen Zahnstocher, abgesehen von einer Reihe anderer kleiner Holzartikel. Natürlich bildet in diesen Wäldern auch die Garnrolle einen Hauptfabrikationsartuel. ES giebt hier fast 20 solcher Fabriken, die jährlich etwa 250 Millionen Rollen fabrizieren. Man macht sich kaum einen Begriff von dieser Menge. Die Rollenfabriken verwenden nur weiße Birke, und sie verbrauchen immense Quantitäten dieses Holzes, obwohl sie nur Abfälle oder junge Bäumchen verwenden, bereit Be- seitigung erforderlich ist. Für die jährliche Produktion an Rollen sind mehr als 15 Millionen Fuß weißen Birkenholzes erforderlich. Außerdem werden ungeheure Quau- titäteit dieses zur Rolleufabrikation geeigneten Birkenholzes nach englischen und schottischen Fabriken versandt. Ä,ie Fabrikation von Garnrollen und Tonnenreifen hat in ,vU Kälbern Maines noch eine desonoere Ausgabe zu uju.^n. Man sagt allgemein, daß die,e Jndugrie ine Wälder Maines davor bewahre, von weißen Birkenschvß- lingen überwuchert zu werden. Früher nährten sich Vielleicht Millionen von Wild, namentlich Kaninchen, von den Schößlingen der grauen und weißen Birken; aber die zunehmende Vertilgung des Wildes zerstörte das von der Natur. geschaffene Gleichgewicht. Es giebt kein üppiger gedeihendes Gewächs als die Birke, und wenn man das Wachstum des Baumes in diesen Wäldern nicht ein- schränkt, so verbreitet er sich so außerordentlich, daß alle anderen Bäume verdrängt werden. Nun aber entdeckten die Tonnenreifen- und Garnrollenfabrikanten, daß es gar kein besseres Material für ihre Zwecke gäbe, und der unerschöpfliche Vorrat führte nun zur Entwicklung dieser gewaltigen Industrie, welche gleichzeitig die Birken auf bestimmte Flächenräume einschrlinkte. Die Tonnenreifen werden allerdings nicht nur aus jungen Birkett, sondern auch aus braunen Eschen fabriziert. Die jährliche Produktion beträgt etwa 35 Millionen Stück, und die Nachfrage steigt noch beständig. Die Reifen werden von Leuten gefertigt, welche die Wälder durchstreifen, die jungen Bäume schneiden und zurichten. Der für diese Reifen gezahlte Preis beträgt durchschnittlich 4 Mark pro Tausend Reifen von geringem Durchmesser und 5 Mark für das Tausend der größten Reifen. Ein tüchtiger Arbeiter kamt täglich 2000 Bäume schneiden und fortschasfen. Wenn diese gespalten, gehobelt und zu der richtigen Länge geschnitten sind, so geben sie etwa 4000 Reifen. Ein Mann muß also ziemlich flott arbeiten, um bei biefer Arbeit täglich 12 vis 20 Mark zu verdienen. Für einen deutschen Arbeiter wäre ja das allerdings schon ein sehr schöner Verdienst. Manche der alten Arbeiter verdienen hier diesen Betrag während der stillen Zeit des Jahres, d. h. wenn keine Fremden zu führen und zu beherbergen find. Im Sommer ist es sehr still im Reiseugeschäfr, und wenig Leute versuchen, Birken- und Eschen-Schößlinge zu sammeln, wenn sie täglich mehrere Dollars entlad) dadurch verdienen können, dag sie den Touristen als Führer durch den Wald dienen. Die Leute haben also jedenfalls ihr sehr gutes Auskommen. Etwa 2000 Leute find mit dem Sammeln junger Birken und Eschen in den Wäldern Maines beschäftigt, und die Gesamteinnahme aus dieser Quelle wird auf 40 000 bis 50 000 Dollars geschätzt. (Nach George E. Walsh tu Seien- tifie Ameriecm.) Ein Gewinn ist an den kleinen Artikeln natürlich nur dadurch zu erzielen, daß sie in außerordentlich großen Mengen produziert werden. An einem Päckchen Zahnstocher, welches mit einem Pfennig bezahlt wtro, kann natürlich nur ein lächerlich geringer Reingewinn erzielt werden. Aber wenn man berücksichtigt, da,; alljährlich Millionen dieser Päckchen erzeugt und verkauft werden, so bringen sie doch etwas ein. Es ist z.B.ntcyt selten, daß ein Fabrikant den Auftrag erhält, 5 Millionen Damensteine zu liefern; bei einer so massenhaften Fabrikation läßt sich schon ein sehr schöner Gewinn erzielen, wenn das Rohmaterial billig ist. Artikel für die Spielzeugindustrie werden namentlich aus Abfällen gefertigt, sodaß ihre außerordentliche Bil.^g- keit erklärlich ist, und die amerikanischen S-Pielzeugarricet aus Maine sind in der Tat von einer so außerordentlicyeii Billigkeit, daß sie in dieser Hinsicht den berilhmteu deutschen Spielzeugen auf dem Weltmarkt die empfmdlichste Konkurrenz zu bereiten beginnen. Der ganze Witz besteht in der wirklichen vorteilhaften Ausnutzung jedes kleinsten Stückchen Holzes, denn die bei der Fabrikation von Sptel- zeugkästeu wieder entstehenden Abfälle bilden immer noch ein geeignetes Material für Zahnstocher usw. Es steht letzt fest, daß Millionen hölzerner Spielsachen, welche zu Weihnachten auf den Markt gelangen, in keinem anderen Teil der Welt so billig hergestellt werden tonnen, tote in Maine, und jedes Jahr toerden neue Maschinen zur Fabrikation von Spielzeugen erfunden, durch welche Hie Herstellung noch immer wohlfeiler wird. Sogar der billigen deutschen Handmalerei auf den Waren wissen die Amerikaner ent- gegeuzuarbeiten, denn sie haben sogar Maschinen erfunden, die Spielfachen zu bemalen. Sie sprechen es selbst aus, daß sie darauf Einarbeiten, das „Made in Germanh von allen Spielsachen zu entfernen, damit die Worte „front the Maine woods" an feine Stelle treten. Die deutschen Spielwarenfabrikanten haben jedenfalls alle Veranlassung, mit dieser mächtigen Konkurrenz zu rechnen und selbst die trefflichsten Maschinen zur Verarbeitung von Abfallholz einzuführen. -v • Bilderrätsel. ^Nachbildung verboten.- lAuflösnng in nächster Nummer.) Auflösung der Charade in vor, Nr.r Fallschirm. Redaktion: Curt Plato. - Romtionsdruck und V«lag der -Brühl's-b-n Universitäts-Bulb- und Eteindruckerei (Pi-ts-b Erben) in Gießen.