Ur. 12(1 1903. Olf Samstag den 15. August. aMa-M aPÄaJiti ^WM yin ui-; rflkMfiim-ii W^W (Nachdruck verboten.) Schloß Osterno. Roman von S. M e r r l m a n. (Fortsetzung.) Er sprach kein Wort, und nach einer Weile fuhr Wassili mit der Puhe und Klarheit eines Advokaten in seiner Erzählung fort. „Auf der Steppe wurde eine Leiche gefunden, — die Leiche eines nicht mehr ganz jungen Mannes, der ungefähr wie ein kleiner Handlungsreisender gekleidet war. In seiner Tasche befand sich etwas Geld, aber nichts, was ihn hätte dentifizieren können. Er wurde hier in Twer durch die Polizei begraben, nachdem eine in Twer auf gegebene, anonyme Postkarte sie von der Auffindung des Leichnams verständigt hatte. Die betreffende Person wollte sich auf kein Verhör einlassen. Wer hat den Leichnam gefunden? Wer war der Tote? Frau Etta Beaumont nahm an, daß es ihr Gatte sei, und kraft dieser Annahme wurde sie Fürstin Alexis. Eine schwache Grundlage, auf der sie ihr Glück erbaut hat, nicht wahr?" „Woher wußten Sie, daß der Leichnam gefunden wurde?" fragte Chauxville, dem der schwache Punkt in der Kette der Argumente Wassilis sofort auffiel. „Die russischen Zeitungen brachten darüber kurze Berichte, die in ein paar ausländischen Blättern abgedruckt wurden, da die Polizei der Meinung war, daß der Mann ein Ausländer sei." „Sie glauben also, daß die Dame auf solch eine Annahme hin alles gewagt hat?" fragte Herr von Chaux- ville, nnt Anstrengung seine Erregung unterdrückend. „Ja, denn ich kenne die Dame." In Chauxvilles trüben Augen leuchtete für eine» Moment ein ungewohntes Licht auf. Er biß nervös auf das Ende seiner Zigarette und wischte sich zornig den Tabak von den Lippen. . „Vielleicht hat sie etwas erfahren, was Sie nicht lmssen?" richtig, — das eben ist es, was mich augen- vlmilch interessiert, das ist es, was ich herausbringen . ,, Herr von Chauxville blickte kaltblütig auf. Er sah letzt seinen Vorteil. . "Dus ist wohl die Ursache Ihrer plötzlichen Redseligkeit?" fragte er. Wassili nickte. "Sie bringen es nicht allein heraus, darum soll ich Ihnen helfen?" ' Wassili nickte abermals. „Und der Preis?" fragte Chauxville, indem er sich vorbengte, um scheinbar das Muster des Teppichs zu studieren. Sein Gesicht wurde durch diese Bewegung verborgen. Er rettete Etta und schämte sich über sich selbst. „Wenn Sie mir Auskunft geben können, dürfen Sie selbst den Preis bestimmen", sagte Wassili kalt. Ein langes Schweigen entstand. Chauxville wandte sich um, und ergriff ein Glas Liqueur, das auf dem Tische stand. Seine Hanb war nicht ganz sicher; er führte das Glas rasch mt die Lippen, leerte es auf einen Zug, dann stand er auf und sah nach der Uhr. „Hat die Dame Sie erkannt, als sie bei Ihnen in Paris speiste?" fragte er endlich. „Ja; aber sie wußte nicht, daß ich sie erkannte." Einen Augenblick hatten beide Steinmetz vergessen. Herr von Chauxville stand in tiefem Sinnen da. „Und was denken Sie über Robert Beaumont?" „Wenn er nach Nischni-Nowgorod und über die Wolg» entkam, so ist et wahrscheinlich in diesem Augenblick in Ostsibirien oder Persien. Er hat noch nicht Zeit gehabt, ganz Asien zu durchqueren." Herr von Chauxville ging zur Tür, blieb aber, mit der Hand auf der Klinke, wieder stehen. „Ich fahre morgen früh", sagte er. Wassili verbeugte sich. Herr von Chauxville verließ das Zimmer. Sie reichten einander nicht die Hand, — manchmal empfinden auch Diebe Schamgefühl. 25. Kapitel. Im Netz. ,/Jch schlage vor, daß Katharina Sie in ihrem Ponny- wagen ein bißchen spazieren fährt, mein lieber Baron." Tie Gräfin hatte sich wohl gehütet, diesen Vorschlag zu machen, so lauge sie mit Katharina allein war. Sie ivar eine jener Mütter, die ihre Töchter beherrschen, indem sie sie in Gesellschaft, wenn die Tochter nicht widersprechen darf, mit ihren Befehlen überraschen. Herr von Chauxville verbeugte sich. „Wenn es das gnädige Fräulein nicht langweilt." Tie Gräfin blickte ihre Tochter mit einem salbungsvollen Lächeln an, als rate sie ihr, sich diese Gelegenheit zu nutze zu machen. „Wenn Herr von Chauxville nicht erfriert", antwortete Katharina mit ihrer gewohnten Ehrlichkeit. Er lachte. „Vor der Kälte der Luft fürchte ich mich nie, gnädigeK Fräulein. Ich sehne mich, Ihr schönes Vaterland kennen zil lernen. Gestern, während der letzten Stunden der Reise, war es schon ganz dunkel, und außerdem war ich schneeblind. Ich sah absolut nichts." „Sie luerben auch heute nichts als Schnee sehen." „Ter der Zurückhaltung eines jungen Mädchens gleicht", fügte der Baron hinzu. „Er hält warm, was darunter ist." „Sie brauchen sich nicht zu fürchten, wenn Katharina Sie kutschiert", lispelte die Gräfin, die diese Bemerkung als ein unbestimmtes Kompliment aufnahm. „Se kutschiert großartig, unb ist nie nervös. Ich habe noch nie jemand 'so gut kutschieren sehen." 478 „Ich zweifle nicht, daß die Hände des gnädigen Fräuleins trotz ihrer Kleinheit sehr fest sind", sagte Herr von Chauxville. Tie Gräfin war entzückt, zeigte ihr Entzücken und sah Katharina, die ernst auf die Uhr blickte, stirn- runzelnd an. „Wann möchten Sie fahren?" wandte sie sich an den Gast ihrer Mutter. „Bin ich nicht Ihr Sklave, jetzt und immerdar?" antwortete der galante Baron. „Tas will ich nicht hoffen", entgegnete Katharina ruhig. „Es gibt Gelegenheiten, wo ich für Sie gar keine Verwendung hätte. Wollen wir elf Uhr sagen?" „Mit Vergnügen; dann gehe ich jetzt und erledige meine Briefe", sagte der Baron, indem er das Zimmer verlieh. „Ein reizender Mensch!" rief die Gräfin, ehe die Tür sich noch völlig geschlossen hatte. „Ein Narr", verbesserte Katharina. „Liebes Kind, wie kannst Du nur so etwas sagen!" seufzte die Gräfin, mehr gekränkt als erzürnt. „Ein kluger Narr, das ist der Unterschied. Die klugen Narren sind die schlimmsten." Tie Gräfin zuckte mit hoffnungsloser Miene die Achseln, und Katharina verließ den Salon. Sie ging in ihr eigenes Zimmer hinauf, in dem sich ihr Klavier befand. Es war der einzige Raum im Hause, der nicht überheizt war; denn sie öffnete manchmal das Fenster, was in den Augen der Gräfin geradezu als Verbrechen galt. „Katharina begann zu spielen, fieberhaft, nervös, mit all der wunderlichen Kraft ihrer Natur. Sie war wie eine Schwerkranke, die eine verzweifelte Kur versucht. Sie kämpfte gegen die Zeit. In den letzter! Wochen begann die Musik sie etwas im Stiche zu lassen und bot ihr nicht den Trost, den die Einsamkeit und das Klavierspiel ihr gewöhnlich gewährten. Sie befand sich in einer gefährlichen Stimmung; denn sie fürchtete fich davor, sich Chauxville anzuvertrauen. Die Zeit flog vorbei, aber ihre Stimmung änderte sich nicht. Sie saß noch am Klavier und spielte, als die Tür sich öffnete, und die Gräfin mit vom Treppensteigen gerötetem Gesicht und zorniger Miene erschien. „Katharina, der Schlitten steht vor der Tür, und der Baron wartet!" rief sie ganz außer sich, „Was denkst Tu Dir denn? Es wird nicht viele geben, die Dir solche Aufmerksamkeit widmen. Sieh doch Tein Haar an? Warum kannst; Du Dich nicht anziehen, wie andere Mädchen?" „Weil ich nicht wie andere Mädchen aussehe", antwortete Katharina bitter. „Still, Kind!" sagte die Gräfin erzürnt. „Du bist so, wie der liebe Gott Dich geschaffen hat." „Dann muß mich der liebe Gott im Finsteren geschaffen haben", rief Katharina, indem sie hinauseilte. „Sie kommt sofort", sagte die Gräfin Lanowitsch zu ihrem Gaste, der, eine Zigarette rauchend, in der Vorhalle auf- und abschritt. „Sie will natürlich — hm! — etwas sorgfältig Toilette machen." Herr von Chauxville verbeugte sich ernst, ohne eine Bemerkung zu machen, und bot der Gräfin eine Zigarette an, die sie annahm. Nachdem er sein Ziel erreicht hatte, wollte er nicht den (Andruck Hervorrufen, daß er Katharina bewundere. Ein paar Minuten später erschien das Mädchen, die Pelzhandschuhe überstreifend, und ehe das Tor geöffnet wurde, zog sich die Gräfin diskret in die entnervende Wärme ihrer eigenen Gemächer zurück. Katharina ergriff die Zügel und stieß einen kleinen Schrei aus, woraus die Ponnys ausgriffen, und der Schlitten, Wolken von Schnee auswirbelnd, zwischen den Fichten dahinglitt. Anfangs bot sich keine Gelegenheit zum Gespräche denn die Ponnys waren frisch und unruhig. Die Straße, auf der sie fuhren, ivar noch nicht von anderen Schlitten ausgefahren, so daß der gleichsam pulverisierte Schnee wie Staub aufflog uud ihnen in Mund und Augen drang. „Es wird gleich besser werden, wir kommen bald au? die Landstraße", sagte Katharina, die mit ihren unge- stllmLD, tartarischen Vollblutpferdchen kämpfte. Herr von Chauxville saß ganz still, aber wenn er Katharinas Kraft, das Gespann zu regieren, auch vielleicht mißtraute, so zeigte er es nicht. Wenn er mit Katharina allein war, lag in seinem Benehmen ein feiner Unterschied, eine Andeutung von Kameradschaftlichkeit, von gemeinsamen Interessen und gemeinsamen Wünschen, deren sie fich bewußt war, ohne daß sie einen bestimmten Sinn darin fand. Das ärgerte und erschreckte sie. Während sie den Pferden volle Aufmerksamkeit schenkte, ühlte sie Angst vor den ernsten Worten dieses Mannes. Herr von Chauxvilles Benehmen rief den Eindruck hervor, daß er von Katharinas Gedanken mehr wisse, als jeder andere, und sie war einfältig genug, sich dadurch erschrecken zu lassen, zu glauben, daß sie sich verraten habe. Er bemerkte vielleicht die ängstlichen Seitenblicke, die Katharina auf ihn warf, erriet vielleicht, daß Schweigen wirksamer sei als Reden. So saß er ruhig da und schaute gerade vor fich hin, als sei er in seine eigenen Gedanken zu sehr vertieft, um der Landschaft auch nur ein flüchtiges Interesse zu schenken. . „Warum sind Sie hergekommen?" fragte Katharma plötzlich. Herr von Chauxville schien aus einem Traum zu erwachen, wandte sich um und blickte sie mit erkünsteltem Erstaunen an. Sie waren jetzt auf der Landstraße angelangt, wo der Schnee ausgefahren war, konnten daher miteinander sprechen. „Aber, gnädiges Fräulein, nur Sie zu sehen." „Ich gehöre nicht zu dieser Sorte Mädchen", antwortete Katharina kalt. „Ich will die Wahrheit wissen." Er brach in ein kurzes Lachen aus und betrachtete sie mit prüfenden Blicken. „Mein gnädiges Fräulein, Propheten und Könige haben die Wahrheit gesucht und sie nicht gefunden", sagte er in leichtem Tone. Katharina antwortete nicht. „Ich bitte Sie, zu glauben, daß Ihre Gesellschaft eurer der Gründe war, die mich die Gastfreundschaft der Gräfin annehmen ließen", fuhr der Franzose nach einer Pause fort. „Und?" . Herr von Chauxville sah fie an. Er kannte nrcht viele Frauen, die einen festen Verstand besaßen. „Und?" wiederholte Katharina. „Ich habe natürlich auch noch andere Grunde." Katharina nickte kurz und wartete. „Ich möchte in der Nähe des Fürsten Paul {ent', fügte Herr von Chauxville hinzu. „Lieben Sie ihn so sehr?" fragte Katharina, wahrend ein finsteres Lächeln ihr kräftiges Gesicht verzerrte. „Gerade so, wie Sie, gnädiges Fräulein", antwortete Chauxville. Katharina zuckte zusammen. Sie wußte nrcht, ob fie Paul haßte, aber in Bezug arrf Etta konnte über ihre Gefühle kein Zweifel herrschen, und diese waren so stark, dap sie wie ein elektrischer Strom die junge Frau durchbohren und ihren Gatten treffen konnten. Fn Petersburg gaben Sie mrr Ihr Wort, mir zu helfen" sagte Herr von Chauxville, und sie widersprach ihm nicht, obwohl sie wußte, daß es eine Lüge war. „Ich kam her, um von Ihnen die Erfüllung Ihres Versprechens zu verlangen." , Tie harten, blauen Augen unter der Pelzmütze starrten gerade vor sich hin. Katharina schien wie eine Schlafende zu kutschieren. So weit das Auge über die schneebedeckte Ebene, durch die schweigende Fichtenallee schweifen konnte, befanden sich diese beiden allein in einer weißen, erstorbenen Welt, die ihnen allein zu gehören schien. Katharina fuhr nie mit Glocken, und so war kein Laut zu hören, als das Knirschen des Stahles in dein pulvere- fierten Schnee. Sie waren allein, und niemand sah und hörte fie, als der, der in den Wüsteneien der Welten lauscht. , „Was verlangen Sie von mir?" fragte sie. „O, nicht viel", antwortete Chauxville; denn er war ein vorsichtiger Mann, der Frauenlauneu kannte. Tie Katharina, die in der klaren, scharfen Luft Mrttel- rußlands ein feuriges Gespann kutschierte, und die Katharina, die in der entnervenden, blumendurchdufteten Atnio- sphäre eines Salons Klavier spielte, waren zwei ver- 479 schiedene Wesen; Herr von Chauxville war nicht der Mann, die beiden miteinander zu verwechseln. „Nicht viel, gnädiges Fräulein", wiederholte er. „Ich möchte nur, daß die Frau Gräfin die ganze Gesellschaft von Osterno auf einen kurzen Besuch einlüde." Tas lag auch in Katharinas Wünschen. Sie wollte sich durch den Anblick Ettas, der schönen, selbstvertrauenden, der Liebe Pauls so sicheren Etta, selbst martern, sie wollte sehen, wie Paul seine Frau mit jener offenen Bewunderung anblickte, die sie für etwas ganz anderes hielt, als Liebe, für etwas unendlich viel Niedrigeres, als jene Leidenschaft. Ihr Herz, das unter der Last des Unglücks zermalmt war, begrüßte mit Freuden jede Veränderung, selbst wenn sie noch elender dadurch wurde. „Tas kann ich tun", sagte sie. „Es war schon längst besprochen, daß in unseren Wäldern eine Bärenjagd stattfinden sollte." „Gut, gut!" murmelte Herr von Chauxville sinnend. „Also vielleicht in ein paar Tagen, wenn es der Gräfin Vaßt." (Fortsetzung folgt.) Wässer der Wildnis. Eine Wanderung im .Hochgebirge von Peter R o s s e g g e r. Was habe ich von so einer Bergpartie? Kann ich die Berge in den Sack stecken? Kann ich die Gipfel und die Felswände herabbeißen? Kann ich die schöne Aussicht zusammenrollen, unter die Achsel nehmen und mit nach Hause tragen? So fragte mich einmal jemand, der beim Biertisch saß und Karten spielte. Die Berge in den Sack stecken, von den Steinen was herabbeißen, das kann zwar ich ebenfalls nicht, will es auch nicht, aber die schönen Landschaftsbilder zusammenrollen und mit nach Hause nehmen, das kann ich. Alle die Berge und Gletscher und Wasserfälle und Seen, die Landschaften, die ich je von Berggipfeln aus geschaut, im Archiv sind sie hinterlegt. Weder Namen noch Menschengesichter kann ich mir merken, aber viele Landschaften in der Erinnerung stehen jetzt schon dreißig, vierzig Jahre und länger und recht oft, Wenns dunkel und still ist um mich, da packe ich sie aus, sehe sie mir an und freue mich an ihnen. Und selbst, wenn mein leibliches Auge einmal erblinden sollte, bleiben sie mein Eigentum so lange, bis Gott das letzte innere Lichtlein mir auslischt. Daher muß es nur jener Kartenspieler am Bierttsche, der nur das Herabbeißen und Jndensackstecken kennt, schon nachsehen, wenn ich in Lust und Mühsal immer wieder ausziehe, um meine Bildersammlung zu vermehren. So auch dieses Jahr, kaum der Schnee zerging. Das ist für Reisen und Talwanderungen im Gebirge die beste Zeit. Die Eisen- bahnzüge sind noch nicht überfüllt, die Gasthöfe sind noch demütig, die Straßen sind nicht mehr schlammig und noch nicht staubig, die Flüsse sind wildlebendig, die Wasserfälle sind rasend, die hohen Berge sind noch weit herab beschneit, sodaß keine große Phantasie dazu gehört, um Gletscherlandschaften aus ihnen zu machen. Von den Tälern Oberkärntens wird das Mölltal als das schönste bezeichnet. Darf ich verraten, daß es ein noch schöneres gibt? — In Spital an der Drau aussteigen. Dort steht gegen Norden hin ein hoher Gebirgszug, dessen Vorberge uns schon Achtung zurufen, obgleich sie noch niedrig und sanft sind gegen jene, die im Hintergründe stehen, wo dieser Gebirgszug aus gewaltige Tauerngrat stößt. Aus einer bewaldeten Engschlucht der Vorberge rollt mit breiter wilder Wucht die Lieser hervor. Ihre bräunlich^grauen Wellen gehen so hoch, wie die eines bewegten Meeres, nur viel energischer und zielstürmischer — sie'wallen hinab, hinab. Dieses Wasser ist das Kind der Berge und doch kennt es keine andere Gier, als hinab, immer hinab, der Änederung zu. Wir werden es noch sehen, wie ihm kein Stein zu hart ist, es schleift ihn ab, wälzt ihn davon, wie ihm kem Sprung zu hoch ist, nur um aus den sonnigen Höhen ™ Tiefen zu kommen. Und ist es draußen, dieses ttndrsche Bergwasser, in der Unendlichkeit des bitteren .Uirneg, banu Heimweh, sachte steigt es in Dünsten auf, mt in Wolken durch die Himmel und sucht sein heimatliches Bergland, wo es sich gerührt unter fließenden Tränen nieder- laßt, um sogleich wieder seine Flucht in die Niederungen zu unternehmen. Wie nun das Wasser niederwärts strebte und der Mensch aufwärts, so begegneten sie sich in den bewaldeten Bergschluchten zwischen Spital und Gmünd. In einem Nebentale, ganz nahe an der Lieser und doch versteckt, liegt der Millstätter See. Dort ruhen sie ein wenig aus, die Fallenden und die Steigenden. Ein schöner, langer Hochsee, hinter waldigen Vorbergen in weitem Rund von weißen Bergen umgeben. Mit einem Webgenossen, der auch gegen Gmünd wanderte, unterhielt ich mich über das Wasser. Das Wasser, war fein Ausspruch liebe er in allen Gestalten, mit Ausnahme der im Trinkglase. In das Trinkglas gehöre etwas weniger Niederträchtiges, etwas, das anstatt in die Tiefe zu trachten, zu Kopfe steigt. Darauf mein Entgegnen, daß man Flüssigkeiten kenne, die zu Kopfe steigen, dann aber den Kopf und was dran ist, in die Tiefen des Straßen- grabens schleudern. Das ließ er gelten. — Dort drinnen, wo zur Lieser links aus dem Hochgebirge die Malta kommt, liegt das Städtchen Gmünd. Nachdem ich dort in Feldners Gasthofe — ich sage nicht Hotel, denn dazu ist es viel zu deutschheimifch — mich ausgeruht und gestärkt hatte, war es Halbwegs zu wagen mit dem Maltatale. Ein Einspänner beförderte mich so weit es mit dem Wagen geht, und das ist etwa drei Stunden des Fußgehens. Das Tal hat hinter dem Dorfe Malta einen vorgeschobenen steilen Berghang, sonst ist es breit, sonnig und läßt sich ganz zahm an; Ortschaften, Gehöfte an den Berghangen weit hinauf. Aber zur linken Hand oben hebt sich das Hochgebirge an zu entfalten in seltsamen Riesengebilden mit Abstürzen, die seit der Welt Urstand noch nie ein Sonnenstrahl beschienen hat. So träumen sie von ihrer blauenden Höhe finster nieder ins Tal, durch das zwischen Matten, Felsblöcken und über Sandhalden hin der Fluß sich schlängelt. Dort hinten, wo das Tal sich scheinbar schließt, geht von brauner Felswand ein weißes Band nieder bis zur Talmatt. Nach einer Stunde stehe ich staunend vor diesem Bande. Es ist der Wasserfall des Fallbaches. Man würde ihn stundenweit hören, wenn nicht jede Schlucht ihr eigenes Rauschen hätte. Der Fall ist über 150 Meter hoch, also wesentlich höher, als das höchste Gebirge bei Berlin von der Sohle aus. Er warf zu meiner Frühjahrszeit mindestens zwanzig Mühlbäche auf einmal herab. Hoch oben springt er aus dem Rinnsal der Zinne etwa fünfzig Meter in einer geschlossenen weißen Masse nieder, schwer und dick, als ob unendlicher Schnee herabflute. Dann prallt er an einen Felsvorsprung, zerschellt zu einem breiten, dichten Schleier, der in Tüchern wieder an fünfzig Meter niedergeht, sich dann zerfranst und in weißen Raketen herab zischt- Diese raketenförmigen weißen Wasserpfropfen lösen sich plötzlich und kommen immer wieder nach, Keines dieser Tücher und Raketenbänder erreicht dem Boden, alles zersprüht schließlich zu einer Nebelmasse, die wie ein Wolkenbruch unten ans Eis schlägt. Denn ein Krater aus Eis nahm zurzeit diesen Wasserfall auf. In seinem Rachen verschwand der schwere weiße Nebelschwaden, um unterhalb der Eiswand wieder hervorzubrausen und dann wie ein gewöhnlicher Alpenbach weiterzurinnen, auf den Matten noch einige Bauernmühlen treibend, bis wo er sich mit der Malta vereinigt. Nie war ich je solange vor einem Wasserfall gestanden als vor diesem. Er ist unerschöpflich an Mannigfaltigkeit, kommt jeden Augenblick in neuen Geflechten, Strähnen, Aussprühnngen, Stäubungen, Raketen ic. herab. Schwer und feierlich langsam fällt er, man kann bequem bis zehn zählen, bis die oberste Gieß unten ankommt. An hundert Schritt bleibt man diesem Wasserfall vom Leibe. Schon aus solcher Entfernung steht man mitten im Gewitter. Regen und eiskalter Wind schlägt nieder, eilt Sausen und Brausen und Donnern betäubt das Ohr, und man ist bald naß bis an die Haut. Daß in der Sonne alle Regenbogenfarben spielen, daß je nach dem Luftzug ein dumpfes Brausen oder ein dünnes Zischen oder ein hohles Gurgeln oder ein säuselndes Singen oder ein windähnliches Rauschen herabkommt, weiß jeder, der ähnliches gesehen. Es ist ein Lied von ewigen Dingen, jede Strophe anders feit undenklichen Zeiten, und in diesem Augenblick, als ichD hier in meiner Stube zu Graz schreibe, und in diesem Augenblick, als Du, mein Freund, es Gott weiß wo in der Welt liest, braust immer und immer das Lied von der Felsivand nieder, dort weit oben im Maltatale. Als obs nur dieser Fallbachfall allein so ttiebe. Als ob nicht gerade in demselben Tale, wenn auch weniger hohe, sonst aber noch weit gewaltigere Wasserfälle raseten! Wian wende sich auf der Matte nur um und man sieht querüber in den Größgraben hinauf, aus dessen Hinter- 480 gründ die Ungetüme des hohen Reißeck, des Sanleck, des Tüllneck niederstarren. Glerch am Eingang dieses Grabens der wuchtige Gößfall, tö eiter oben, wo die Waldnatnr ins Starre der Felsen übergeht, der Zwillingsfall, zwei Wasserstürze nebeneinander, ein hoher und ein breiter, sich, breitenö ringsum. Den Feldbachfall rechts, den Gößfall links, so stehe ich bei einem Gehöfte, der Pflügelbof geheißen, am Ende des Maltatales. Von hier aus wird es eine viele Stunden lange, wilde Schlucht, in der kein Wagen mehr vorwärts kann, in der nur noch, wenige Hütten zu finden sind, in der die Alpenuatur in ihrer Ursprünglichkeit herrscht und jeden Kulturversuch der Menschen zurückweist. Wege und Brückett mit Mühe und Fleiß, aber die Natur hat darüber geschrieben: dermalen freiwillig gestatteter Weg! Die nächste Lawine, das nächste Hochwasser vernichtet ihchso gründlich, als sei nie ein Menfchenfuß hier gewandelt. Nachdem ich votn Pflügelhof aus drei Stunden gegangen, gestiegen, geklettert bin über Querschluchten, Wasserstürze, Tümpeln, Steinblöcke und Schrüude, dounerts in allen Wänden. Eilt feuchtkalter Luftstrom schlägt mir an die Wangen. Ich stehe vor den zwei größten Wasserfällen dieser Gegend, dein Hochalpenfall und dein Maltafall, an dem mit Fichten und Tannen ttrnstandenen „Blauen Turnpf", in dein die schäumenden Wasser kreisen. Nur Gletscherwasser, denit hoch oben breiten sie sich ringsum, die Eisfelder; darüber kühit in den stillen kalten Himmel aufragend, die Hafnerspitze 3061 Meter, der Ankogel 8252 Meter, die Hochalpenspitze 3355 Meter hoch. Will ich noch einige Stunden Vordringen, so biegt das Tal plötzlich links um, und id), stehe am Rande des weithin starrenden Elend- gleischers, überragt von dem finsteren, zerrissenen Schwarzhorn. Im Elend, so heißt dieses weltentlegene Hochtal, ein überaus herrlicher Gebirgskessel, wie die Touristen sagen, die morgen wieder fortgehen; ein unbeschreiblich trostloser Bergwinkel, wie die armen Hirten meinen, die monatelang in der starren Einsamkeit leben müssen. Mir ist der Grazer Tourist sehr gut bekannt, der vor Jahren im Mattatale, unweit dort, wo der Fallbachfall ist, seine Augengläser zerbrochen hatte. Im Klettern den Hang hinan schnellte ihm ein Fichtenzweig ins Gesicht und die Augengläser flogen in den Abgrund. Es waren derer voii Nummer sechs, und jetzt war der MaUu, der allein im Hochgebirge stand, so viel als blind. Er sah, !vas zunächst an ihm war, int weiteren nichts, als das Weiß des Himmels und das Graue der Berge mit den Verschwommenen Rändern. Ein nebelhaftes Bild, wie durch verbliudetes Glas gesehen. Und er war doch weit hergekommen, um zu schauen. Er hatte nun die größte Mühe, zum Weg hinabzufinden, ohtte über Wände zu stürzen. Dort fragte er einen Steinklopfer, ob Wenn der in Malta oder drüben in Fernbach niemanden wisse, der Augengläser habe. „Glasaugen meinen's? Schaun's her, die hab' ich ja selber", antwortete der Steinschläger. Ja, da hätte der Tourist erst Augengläser auf der Nase habe« müssen, um zu sehen, daß der andere „Glasaugen" auf der Nase hatte. Aber feine Freude war kurz; Steiuklopser tragen Augengläser, selbst wenn sie die adleräugigsten Wildschützen find, Brillen aus Fensterglas, damit ihnen der Staub nicht ins Auge sprüht — „beim Steinschlag'n". Hingegen wußte dieser Steinklopfer einen alten Pfründner im Dorf Malta, der Gläser trage, weil er sehr kurzsichtig fei. Der Tourist nahm einen Gaiskuaben, der ihn zum Alten führte. Und siehe, der hatte Hornbrillen, die besser waren als keine. „Was steigen's denn herum, wenn S' nix sehen!" sagte er zum Touristen. „In die Schluchten wollus etni? Gehn's, das is a grausliche Gegen, Wo seins denn her? Aus Graz? Tort solls ja eh schön sein, was gehn's denn nachher weg? Leihen tu’ ich f Ihnen schon, die Glasaugen, aber was Schöuer's zilm Anschauen soll'u Sie sich wohl suchen, als Ivie den Graben da ins Elend hinein." So wanderte der Tourist nun frisch bewaffneten Auges in das Hintere Malta tat hinauf. Da wilrde die Gegend immer düsterer und schauerlicher. Himmelhohe Berge und ein Abgrund, alles Stein, Schutt, zerreißendes Wasser. Stellenweise hingen die Felsen über, sodaß sie herabzustürzen . drohten. Der Tourist wagte sich, kaum vorwärts, er schwindelte an den Stegen und Abgründen. Wilde Tiere glaubte er zu sehen, oben in den Runsen, Wölfe, Bären, sogar ein Lindwurm reckte seinen schauderhaften Kopf aus einem Felsloche hervor. Dann der versteinerte Schnee, der nimmer wegging, der Eis- und Felsblöcke herabwälzte auf die Wiesen, ivo nur ein kurzes Gräslein wächst. Alles öde, trostlos, nur krächzende Raben fliegen herum unter den Wänden und suchen nach Tieren, die verhungert sind. Dann immer wieder die Wasserfälle mit ewiger Stimme schreiendr Menschenwurm, weiche zurück! — Dem Touristen graute, er ging in dieser Wildnis nicht mehr weiter. Wie wenn hinter ihm eine Lawine niederfährt, daß er nicht mehr zurück kann! Ein Eingeschlossener, ein Verdammter in dieser kalten Hölle! Als nun auch die Nebel niederstrichen an dem wilden Berg, sodaß ein frostiges Dämmern die ewig rauschende schauerliche Einsamkeit zudecken wollte — da dachte der Tourist ans sonnige, fruchtbare Hügelland draußen, wo es so gefahrlos und heimlich ilinherzugehen ist — ein Paradies im Vergleich, zu diesen starren, menschf» losen Schrecknissen. Er kehrte um aus dem Elend, war froh, als er die drohenden Wände hinter sich hatte und wieder im Dorfe Malta war, ivo es Sonne gab und Fruchtfelder und Menschen. Dem Pfründner gab er die Brillen zurück, hernach draußen in Gmünd kaufte er sich neue. Als er dann durch das Liesertal hinab der Eisenbahn znivan- derte, begann es ihm leid zu tun, daß die wilden Berge zurückblieben. Er konnte es nun nicht begreifen, daß er tags zuvor im Hinteren Maltatal eine solche Angst bekommen, daß er feine Absicht, über den Elendgletscher nach Malnitz hinüberzuwandern, nicht ausgeführt hatte. Das ärgerte ihn jetzt, er kam sich feige vor. Ich will dich aufklären, mein lieber Grazer Tonrist. Du hast das Hochgebirge durch die Brille des Pfründners angesehen! — Schon der geschäftige Gebirgsbauer findet an den unfruchtbaren, unwirtlichen Alpenwildnisfen nichts Anziehendes; und erst gar ein alter Pfründner, dessen Kindskopf das Wilde und Großartige ins Märchenhafte steigert und der die Hochgebirge mit Dämonen beseelt. Aber geschadet hat's dir doch nicht. Es ist ganz gut, wenn wir manchmal erinnert werden an die feindlichen Mächte, die in den Wildnissen schlummern. Sei es schon nicht größerer Vorsicht halber, so gewinnt das Gebirge doch neuerdings den Reiz des Geheimnisvollen, der ihn: durch das ehrfurchtslose banale Touristenwesen und Unwesen fast abhanden gekommen ist. Im allgemeinen möchte ich dem Touristen des Pfründners Brillen nicht anraten, bisweilen soll er sie nur an die Nase stecken. Denn wenn die Ehrfurcht erlischt, dann ist es mit der Poesie des .Hochgebirges vorbei. vermischtes, * Physik schwach! Tie- Regina-Bogenlampenfabrik in Köln stand mit Rittern Geschäftshaus in Jerusalem in Briefverkehr wegen Lieferung elektrischer Beleuchtungsein- richtungen und erhielt dabei, wie die „Köln. Zig." mitteilt, folgendes tiefsinnige Schreiben: „Jerusalem, den 25. 5. 03. Ihr Schreiben vom 14. d. M. bestätigend, teile Ihnen er» gebenst mit, daß wir wohl davon unterrichtet sind von dem Verbot des Sultans, jedoch haben wir Erkundigung eingezogen, daß, wenn die Elektrizität an und für sich nicht bei der Lampe verpackt (z. B. als Muster ohne Wert rekommandiert per Post, nur der Brennstoff, das Glas nebst Kohle) verschickt wird, man dieselbe beziehen kann. Bitte,' mir mitzuteilen, ob das „Watt" von Salzsäure oder von irgend einer Masse, die auch verboten ist, gemacht wird, daß jedoch die Einbringung nicht erfolgen kann. Aus welchen Substanzen entwickelt sich „der Watt"? Vielleicht könnte man das hier bekommen oder erzeugen? Indem rch Ihrer Antwort umgehend entgegensehe, zeichnet Hochachtend! N. N." Gleichung. (Nachdruck verboten.) (a—b) 4- (c—d) + e = x. a Blumen, b Himmelskörper, c Teil des Gedichtes, d Nahrungsmittel, e Körperteil, x alte Waffe. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Wortspiels in vor. Nr.: a. Stern, Bier, Eisen, Lias, Eule, Hering, Eier, b. Astern, Ubier, Reisen, JliaS, Keule, Ehering, Leier. Aurikel. Nedaktion: August Götz. — Rotationsdruck und S eilen der Brstlil'scheu Universitäts-Buch- und Stciudruckerei. N. Lauge, Gießen.