Mittwoch den 15. Juli. Nr. 104 1903 HÜB' O Trü W ämäi”ft"» tf®s silri "i 5*3® (Nachdruck verboten.) Schloß Osterno. Roman von S. Merriman. (Fortsetzung.) „Was schlagen Sie vor?" fragte er. „Sie kennen die Gesetze dieses Landes besser als ich." Steinmetz rieb sich mit dem Zeigefinger die Stirn. „Unsere Freundin, die Polizei, wird daran ihre Freude haben. Ich bin der Meinung, daß wir ihn an jenen Baum dort lehnen und dann sein Pferd nach, Twer mitnehmen. Es wird ihn niemand entführen. Ich werde die Polizei davon benachrichtigen, aber erst, wenn Sie in den Petersburger Zug gestiegen sind. Natürlich werde ich dem Jsvrav- nik zu verstehen geben, daß Eure Durchlaucht sich durch solche Kleinigkeiten nicht belästigen lassen wollten und daß Sre Ihre Reise fortsetzen." „Ich habe keine Lust, den armen Teufel die ganze Nacht so allein zu lassen. Es könnten Wölfe kommen, und dann — die Raben." „Ach, Sie sind zu weichherzig, mein lieber Alexis. Kommen Sie, tragen wir ihn zu dem Baum hinüber." Ter Mond stieg eben über der Linie des Horizonts auf. Ringsum lag die Steppe in leblosem Schweigen. Die zwei Lebenden trugen den namenlosen, unkenntlichen Toten zu einem Ruheplatz unter einer ein paar Schritte von der Straße entfernten, verkrüppelten Fichte. Sie streckten ihn ehrerbietig der ganzen Länge nach aus, verschränkten seine mit Erde bedeckten, beschmutzten Hände über der Brust imb banden das Taschentuch über sein Gesicht. Dann wandten sie sich um und ließen ihn in der helleii Nächt allein. Schweigend ritten sie weiter, bis sie in die schmutzige Stadt gelangten, die die eiilstige Rivalin und das Opfer des glänzenden Moskau ist. Sie ritten geradeswegs zur Station, wo sie im Eisenbahnrestauriant 1— nebenbei gesagt, einem der besten der Welt — dinierten. Um ein Uhr rollte , der Nachtexpreßzug Moskau-Petersburg mit ferner amerikanischen Riesenlokomotive in die Station. Steinmetz stand auf dem Perron und sah dem Zuge nach, der langsam in der Nacht verschwand. Dann trat er zu einer Laterne, zog ein Taschentuch aus der Tasche und betrachtete nacheinander jede Ecke desselben. ES war ein kleines, feines Battisttaschentuch. In einer Ecke waren die Buchstaben R. B. zierlich in Weiß eingeftickt. „Ach ja", stieß Steinmetz hervor. „Ein Etwas sagte mir, daß er es war." Er drehte das kleine Stück Battist noch immer zwischen den Fingern und untersuchte es langsam, mit großer Sorgfalt. Er hatte das Taschentuch aus dem Rocke des namenlosen Reiters gezogen, der jetzt zwölf Meilen entfernt allein auf der Steppe lag. Steinmetz kehrte in den großen Restaurationssaal zurück und befahl dem Kellner, ihm ein Glas Benediktiner; zu bringen. Tann schritt er auf den großen, schwarzen Ofen zu, der Ul dem Eisenbahnrestaurant von Twer steht und öffnete mit der Spitze des Stiefels das Türchen. Das Holz darin krachte und knisterte. Er warf das Taschentuch hinein lind schloß die Tür. „Mein lieber Fürst", murmelte er, „es ist ein Glück, daß ich das gesunden habe und nicht Sw." 3. Kapitel. Diplomatisch. „Alles ist da, was Europa an Glanz und Verlogenheit besitzt", hatte Herr Claude v. Chauxville zu Anfang des Abends über die große Soiree auf der französischen Botschaft zu einer Dame gesagt, und das „Mot" hatte die Runde durch alle Säle gemacht. Jii der Gesellschaft macht ein kleines „Mot" einen großen Weg. Der Herr Baron v. Chauxville war überdies ein Fabrikant von „Mots". Dem Namen nach ivar er Attache bei der französischen Botschaft in London, seinem Berufe nach war er Epigrammatiker, das heißt: eine Art gesellschaftlicher Revolver. Er ging los, wenn man ihn im Gespräche berührte, und häufig tat er einen Fehlschuß. Die Königin des Abends war zweifellos Frau Etta Beaumont. Um sich von dieser Tatsache zu überzeugen, brauchte sie nur in den Spiegel zu sehen, und hundert Männer im Saale wären bereit gewesen, es zu beschwören. Diese Dame war erst vor kurzem am Horizont der Londoner Gesellschaft aufgegangen. Sie war eine junge Witwe und erwähnte ihren Gatten nur selten. Er war verschiedenen Gesandtschaften zugeteilt gewesen, sagte sie, hatte eine glänzende Carriere vor sich gehabt und war plötzlich im Auslände gestorben. Daun pflegte sie einen leisen Seufzer auszustoßen und zu lächeln, was deutlich besagte: „Wir wollen von etwas anderem reden." lieber Frau Etta Beaumont konnte gar kein Zweifel herrschen. Sie war aristokratisch bis in die Fingerspitzen, gelassen, selbstbewußt, ganz große Dame. Aus bet Art und Weise, wie sie sich kleidete, nach der Zahl ihrer Diener und Pferde, die sie hielt, der allgemeinen Wohlhabenheit, die ihre ganze Existenz umgab, konnte inan auf ihren Reichtum schließen. Daß sie schön war, konnte jeder selbst sehen. In diesem Augenblicke sprach sie in tadellosem Französisch mit einem hochgewachsenen Franzosen. Sie war beinahe ebenso groß tote er. Hellbraunes Haar siel in hübschen Welten von einer weißen Stirn zurück, kluge dunkelgraus Augen und ein entzückender Teitit, — einer von jenen, die infolge eines ruhigen Gewissens oder starker Nerven sich nie verändern, — blaßrote Wangen, ein ausdrucksvoller, beweglicher Mund, ein blendend weißer Nacken, so sah, Etta Beaumont in der Blüte ihrer Jugend aus. 414 „Sie behaupten also, das; es fünf Jahre her ist, seit wir uns zuletzt sahen?" sagte sie W dem großen Franzosen. „Habe ich nicht jeden Tag gezählt? Sehen Sie doch die,e grauen Haare an. Ach, Madame, das waren schöne Tage in Petersburg!" „Sprechen Sie nicht von Rußland", bat sie. „Ich kann es nicht ertragen, ;— es ist eine zu schmerzliche Or- innerung." Noch während des Sprechens verwandelte sich ihre Miene zum Ausdruck froher Neberraschung. Sie nickte und lächelte einem Manne zu, der sie offenbar zu fuchen schien. „Mer ist das?" fragte der Franzose. „Ich sehe ihn feit einiger Zeit überall." „Eiii Engländer — Mr. Paul Alexis", antwortete dre Dame. Der Franzose zog die Augenbrauen in die Höhe. Er wußte es besser: das war kein Engländer. Er verbeugte sich und ging. Baron Chauxville von der französischen Botschaft beobachtete von der anderen Seite jede Bewegung, jeden" Gesichtsausdruck Ettas. Ter Mann, den wir zuletzt auf dem Eisenbahnperron von Twer sahen, trug jetzt volle Soireetoilette. Er tour hlerhergekommen, um Frau Beauniont zu finden, und das wußte "diese Dame. „Ich habe nicht geglaubt, Sie hier zu sehen", sagte sie. „Sic sagten, daß Sie hier sein würden", antwortete er einfach. „Sie halten das also für einen Grund, um einer langweiligen, diplomatischen Soiree beizuwohnen?" „Für den besten Grund, den^s giebt", sagte er ruhig, Mit einer Ehrlichkeit, die sie beinahe rührte. Sie machte eine vnmerlliche Bewegung auf ihn zu, als erwartete sie, daß er ansaiigen werde zu flüstern. Sie gehörte jener Schiile an, er aber nicht. Sein Geist vermochte keinen Gedanken zu fassen, der Flüstern erfordert hätte. „Könnten Sie mir einen Stuhl verschaffen?" fragte Frau Beaumont. Sie stand mit dem Rücken vor einem kleinen Sopha, das drei Personen zu fassen vermochte, aber nur für zwei berechnet war. Natürlich sab sie es nicht, sondern schaute überall hm. nur nicht nach dieser Richtung, indem sie ihre tadellos behandschuhten Finger nach seinem Arm ausstreckte. ^Jch bin müde vom Stehen", fügte sie hinzu. Er wandte sich um und deutete auf das Sopha, auf das fic nun sofort zuschritt. Während sie sich niederließ, bemerkte er undeutlich, daß sie eine entzückende Toilette trug. Sie war entschieden eine der bestgekleidete-n Frauen im Saale. Ihr Kostüm war kühn, ohne auffallend zu sein, denn es war bloß eine verwegene Mischung von Weiß und Schwarz. In der Tat iväre es schwer gewesen, an Etta Beaumont etwas auszusetzen, wenn man sie bloß als eine schöne, entzückend gekleidete Dame betrachtete. Dieser Mann, der doch im Zeitalter des Cynismus lebte, kannte den Cynismus nicht. Er dachte nicht im Traume daran, daß das reizende Haar die Hälfte seiner Schönheit den geschickten Händen einer Kammerjungfer verdankte, und daß das herrliche Kleid der einzige Gedanke seiner Trägerin in vielen Mußestunden gewesen war. Frau Etta Beaumont blickte niit einer gewissen Bewunderung zu ihm auf. Für eine Frau, die nie etwas anderes geatmet hatte, als die Atmosphäre des Salons, war dieser Mann wie die reine Gebirgsluft. „Sie sehen aus, als wüßten Sie nicht, was niüde sein heißt; aber vielleicht wollen Sie sich doch setzen. Ich kann Ihnen Platz machen." Er nahm mit sichtlicher Freude an. „Und jetzt lassen Sie mich hören, wo Sie waren", sagte sie. „Bei unserer legten Begegnung hatte ich nur Zeit, Ihnen die Hand zu reichen. Sie sagten, daß Sie fort waren?" „Ja, ich war in Rußland." Ihr schönes Gesicht blieb ruhig, gelassen und aufmerksam. „Ach, wie interessant! Ich war auch in Petersburg; ich liebe Rußland sehr." Während sie sprach, blickte sie quer durch den Saal hinüber zu dein großen Franzosen, ihrem früheren Gefährten. „Wirklich?" ries Paul eifrig, und sein Gesicht strablte auf. Paul getroffen 4. Kapitel. Don Quixote. „Ich interessiere mich außerordentlich für Rußland. Kennen Sie Petersburg?" fragte sie etwas hastig. „Ich meine die dortige Gesellschaft?" „Nein, ich kenne nur ein paar Leute in Moskau." Sie nickte und unterdrückte einen leisen Seufzer, der, wenn ihr Gesicht einen iveniger fröhlichen Ausdruck gehabt hätte, wie ein Seufzer der Erleichterung geklungen haben würde. „Wen kennen Sie eigentlich?" fragte sie in gleich- giltigem Ton. Sie betrachtete aufmerksam die Spitze ihres Taschentuches, dessen leiser Duft zu ihm.ausstieg. Er war ein einfacher Mensch, und der leise Duft verursachte ihm ein angenehmes Gefühl — das Gefühl der Vertraulichkeit. Er nannte mehrere wohlbekannte moskowitische Namen, und sie sing plötzlich zu lachen an. „Wie schrecklich sie klingen", sagte sie heiter, „sogar mir, und ich war doch in Petersburg. Mer sprechen Sie russisch, Herr Alexis?" „Ja", antwortete er, „und Sie?" Sie schüttelte den Kopf und seufzte leise. „Ich? O, nein; ich habe leider kein großes Sprachen- -talent." hatte. Frau Etta Beaumont ein- oder zweimal und sich sehr für sie interessiert. Vom ersten Augenblick an übte ihre Schönheit großen Einfluß auf ihn, aber sie ioar damals eine verheiratete Frau. Nun traf er sie wieder und sah, daß eine bloße Bekanntschaft sich mittlerweile zur Freundschaft entwickelt hatte. Er hätte nicht zu sagen vermocht, ivann und wo die große soziale Schranke überschritten worden war; er fühlte nur in unbestimmter Weise, daß eine solche Veränderung stattgefnnden hatte. Die Freundschaft hatte sich dann bei ihm rasch zu etwas anderem entwickelt; das merkte Paul sehr bald, und Frau Etta Beaumont hätte aus seinem Gespräche trotz aller Unschuld, Harmlosigkeit und Bescheidenheit den Zustand seiner Gefühle erraten können, wenn ihr Witwenschleier sie nicht gar so dicht umhüllt hätte. Offenbar hatte sie keine Ahnung von Pauls Empfindungen, denn sie forderte ihn in aller Gemütsruhe auf, fte am nächsten Tage zu besuchen und ihr von Rußland, dem „lieben Rußland", zu erzählen. „Meine Kousine Nelly wohnt bei mir", fugte sie hinzu, „Sie. ist ein sehr liebes Mädchen und wird Ihnen sicher '^Ll nahm sofort an, behielt sich aber das Recht vor, diese Kousine zu hassen, bloß weil die junge Dame existierte und zufällig bei Frau Etta Beaumont wohnte. Am nächsten Nachmittag um fünf Uhr erschien er in dem Trauerhause und füllte den kleinen Hausflur vollständig mit seiner riesigen Gestalt aus. Ein Diener führte ihn in den Salon, wo er Frau Etta Beaumont und ihre Kousine antraf. Fräulein Nelly verbeugte sich und verließ gleich darauf das Zimmer, indem sie den Eindruck von Frische, Gesundheit, und einer gewissen klaren Heiterkeit zurückließ, die in dem schlammigen Wasser der Gesellschaft wie ein Filter wirkte. „Es ist sehr gut, daß Sie kommen, — ich langweile mich", sagte Frau Etta. In Wahrheit ruhiv sie, um für den Abend frisch zu sein. Diese Dame verstand die Kunst, schön zu sein, in hohem Grade. Paul antwortete nicht sogleich, sondern betrachtete eine große Photographie, die im Rahmen auf dem Kaminsimse stand. Es- ivar die Photographie eines hübschen jungen Mannes von achtundzwanzig oder dreißig Jahren mit schmalem Gesicht, blondem Haar und einer verschlagenen Miene. „Wer ist der Mann?" fragte er plötzlich. „Wissen Sie es nicht? Mein Mann." Paul murmelte eine Entschuldigung, wandte den Blick aber nicht von der Photographie ab. „O, es tut nichts", sagte Frau Etta, als erjeui Bedauern aussprach, einen schmerzlichen Gegenstand berührt zu haben. „Ich rede nie —" , . Sie hielt inne. „Nein, das will ich nicht sagen , fuhr fic fort. „ Aber sie hätte die Worte ebenso gut aussprechen können; denn was sie. meinte, ivar leicht zu verstehen. e 5 e ü ( k l i k ! 1 ( ] 1 j I 410 Eine wahre Geschichte von Babys erster Steife* Baby war in einem oberhessischen Landstädtchen geboren und gedieh bei seinem Fläschchen und unter Mamas und des Dienstmädchens Lieschen Aufsicht vortrefflich. Seine Welt war einstweilen noch sein Kinderwagen, in dem das kleine Wesen an schönen Nachmittagen unter dem Schatten der Landstraße oder der Anlagen ums Kriegerdenkmal einige Stunden herumgefahren wurde Als eines Tages Mama niit der oberhessischen Eisenbahn nach der großen Provinzial- Hauptstadt Gießen reisen wollte, um dort ihre Eltern zu besuchen und allerhand Sachen einzukaufen, die in dem kleinen Landstädtchen nicht zu haben waren, durfte Baby mit an den Bahnhof fahren. Diese Auszeichnung war ihm jedoch sehr gleichgiltig, fast als ob es gewußt hätte, daß sie gar nicht ihm selber galt, sondern dem Kinderwagen, der zugleich als Fuhrwerk für ein Handköfserchen, ein Handtäschchen, ein Schirmsutteral, eine Hutschachtel und drei kleinere Paketchen dienen mußte. Baby ließ es ruhig geschehen, daß man alle diese Sachen zu ihm in den Wagen lud; was sonst noch mit ihm fuhr, war ihm völlig Wurst; hatte es doch sein Fläschchen mit vollen 15 Nummerchen. Das war für Baby die Hauptsache, und daran trank es sich die erforderliche Bettschwere an, um den Rest des Tages gemütlich zu verschlafen. Als Mama, Lieschen und der Kinderwagen den Bahnhof erreichten, lag Baby in den letzten Zügen, d. h. es hatte nicht lange mehr an seinem Fläschchen zu ziehen. Der Zug der oberhessischen Bahn rollte heran, Mama suchte sich einen Platz, Lieschen brachte ihr aus dem Kinderwagen, der auf dem Bahnsteig unter dem Schatten des Güterschuppens stand, das vielerlei Kleiugepäck an den Wagen, daun hatte sie im letzten Augenblick vor Abgang des Zuges ihre Madame noch hundert Sachen zu fragen: was sie morgen mittag dem Herrn kochen sollte, ob sie in der guten Stube auch die Fenster putzen, das Bett der Madame im Garten lüsten, ob sie die Milch fürs Baby noch weiter mit Kalkwasser mischen sollte, und was dergleichen kleine Haus- haltssorgeu mehr waren, über die sie von der Madame schon dutzende Mal gründlichst angewiesen worden war. Endlich pfiff der Zug und setzte sich in Bewegung, Lieschen trabte noch ein Stückchen nebenher, immer noch mit der Madame verhandelnd, dann blieb sie stehen und winkte ihr Luin Abschied nach, bis der Zug hinter den Bäumen verschwand. Als Lieschen aus den Bahnsteig zurückkehrte, war auch ihr Kinderwagen verschwunden. Sie rannte verzweifelt hin und her, schaute in alle Ecken, hinter jede Tür und Mauer, aber vergebens. Dann wußte sie nichts Besseres zu tun, als gottsjämmerlich M weinen. Da es mittlerweile wieder völlig still auf dem kleinen Bahnhof geworden ivar, drangen ihre Klagetöne bis ins Bureau des. Mannes „Ich verlange kein unverdientes Mitgefühl", setzte sie ernsthaft hinzu. _ . Er wandte sich um und sah sie an, wahrend sie m anmutiger Haltung dasaß. Einen Augenblick schlug sie die Augen zu ihm aus, — eine Art photographischer Klappe, die einhundertstel Sekunde lang die sensitive Platte ihres Herzens zeigte — darin unterdrückte sie, freilich ohne rechten Erfolg, einen Seufzer. „Ich war furchtbar jung, als ich verheiratet wurde. Ich wußte damals noch nicht, was ich tat; aber selbst, wenii ich es gewußt hätte, würde ich Wohl nicht die Kraft gehabt haben, meinen Eltern zu widerstehen." „Sie haben Sie dazu gezwungen?" „Ja", sagte Frau Etta, und möglicherweise drehten sich in diesem Augenblick irgendwo in der Nähe von London ein paar respektable, harmlose Tote in ihren Särgen um. „Hoffentlich gießt es eine besondere Hölle für Eltern, die das Glück ihrer Töchter ihrem eigenen Ehrgeiz opfern", sagte Paul mit plötzlicher Wut, die seine Zuhörerin er- Dieser Mann war für Etta Beaumont voll von Ueber- raschungen. Es war gleichsam ein Spielen mit dem Feuer, eine Unterhaltung, feie beliebt sein wird, so lange weibliche Neugierde existiert. „Was sind das für schreckliche Reden", sagte sie leichthin. „Nun, das ist alles jetzt vorüber, wir brauchen alten Kummer nicht auszugraben. Ich wollte Ihnen nur zu verstehen geben, daß diese Photographie einen Teil meines Lebens bedeutet, der mir nichts als Schmerzen gebracht hat." (Fortsetzung folgt.) mit der roten Mütze; der kam hervor und fragte unwirsch, was das denn für eine unverschämte Brüllerei sei. Es dauerte natürlich eine guw Weile, bis Lieschen sich verständlich machen und den Verlust des Kinderwagens mit Inhalt berichten konnte, dann ging wieder einige Zeit hin mit gemeinsamem Suchen und Ueberlegen, und schon war mehr als eine halbe Stunde verstrichen, bis der Stationsvorsteher auf den Gedanken kam, seinen einzigen Untergebenen, der zugleich Weichenwärter, Saaldiener, Lampen- anzünder, Packträger usw. war zu fragen, ob er den Kinderwagen nicht gesehen habe. Der Mann, der gerade damit beschäftigt ivar, frisches Petroleum ans einige Lampen zu gießen, ließ sich in seiner Arbeit nicht stören und brummte nur, er wisse von nichts, er könne sich auch um die Kinderwagen von d en fremden Leuten nicht kümmern, das sollten die Kindermädchen selbst tun. Diese Antwort ivar das Zeichen zum Beginn einer neuen Tränenflut; Lieschen sank hilf- und ratlos auf eine Bank und erklärte zwischen dem Schluchzen, es bleibe ihr jetzt nichts übrig, als in den Mühlteich zu gehen. Der vielseitige Bahnbedienstete hatte inzwischen seine Lampen fertig aufgefüllt, und dabei schien ihm selbst eine Lampe aufgegangen zu sein. Als er mit seiner Petroleumkanne an der jammernden Liese vorüber kam, blieb er stehen und fragte: „War das vielleicht en Kinnerwage mit blaue Vorhäng'?" Lieschen bejahte schluchzend. „Na, den han se spediert!" — Wie, spediert? wurde nun gefragt, und da stellte sich heraus, daß das Stationsfaktotum gesehen, hatten wie der Kinderwagen mit einem Korb voll Hühnern und einem Sack Kartoffeln, neben denen er vor dem Güterschuppen stand, in den Packwagen des abgegangenen Zuges gehoben . worden war. Diese Enthüllung beruhigte das Mädchen nicht nur, sondern erfüllte sie überraschender Weise sogar mit lauter Freude. „Nun ist ja alles gut, dann hat ja die Madame ihr Kind gleich bei sich, wenn sie nach Gießen kommt, und kann es den Großeltern zeigen. Na, die wirk» sich freuen!" Es wurde dem Stationsvorsteher nicht ganz leicht, Lieschen klar zu machen, datz^ sie ganz im Irrtum sei, daß Madame bei der Ankunft in Gießen ihr Kind gar nicht zu sehen bekomme, und daß dieses im dunkeln Gütermagazin mutterlos warten müsse, bis es jemand abhole, wenn es nicht als unbestellbar vorher schon an irgend einer Station ausgesetzt worden sei. Aber nun wisse man wenigstens, was zu tun sei, schloß der Stationsvorsteher, er werde jetzt hinter dem Zug drein telegraphieren. Wie das zu geschehen hatte und was damit eigentlich bezweckt wurde, war Lieschen ganz schleierhaft, aber es beruhigte sie zu hören, daß das Telegramm schneller ging als der Zug. Sie setzte, sich daher auf eine Bank auf dem stillen Bahnsteig, trocknete ihre Tränen mit der weißen Kinder- müdchenschürze und wartete geduldig, bis das Telegramm ihr anvertrautes Baby mitsamt dem Kinderwagen zurückbringe. Jetzt hatte sie keine Sorgen mehr; vor 7 lihr abends brauchte sie mit dem Baby nicht zu Hause zu sein, eher kam auch der Herr nicht zum Abendessen, so konnte die ganze böse Geschichte noch gut gehen. Dem Baby war es mittlerweile in der Tat ganz gut gegangen. Es war noch auf dem Bahnsteig nach Leerung seines Fläschchens eiugeschlafen und merkte daher nicht, wie es samt seinem Wägelchen in den Packwagen gehoben wurde, und die Zugbeamten merkten auch nichts von Babys Anwesenheit, denn es verhielt sich mäuschenstill hinter den zugezogeneu blauen Vorhängen. Auch ist ja die Versendung von Kinderwagen als Eilgut kein ungewöhnlicher Fall, nur sind sie dann immer leer. Daß der vorliegende bewohnt war, ahnte und merkte man nicht, und so wäre er ruhig bis an die Endstation Gießen mitgefahren und wäre dort im Güterschuppen geendet, wenn nicht S. Bürokratius über dem Baby ge- ivacht hätte. Der Packmeister nämlich prüfte als gewissenhafter Beamter während der Fahrt den Inhalt seines Wagens und verglich ihn mit seinen Papieren; wie früher kein Mensch ohne Papiere reisen konnte, so reist auch heute noch kein Packstück ohne Papier. Daher erschien der,Kinderwagen dem Packmeister sofort verdächtig, als sich kein Schein dazu vorfand; er besah den Wagen von links und rechts, von oben und unten, und fand, daß auch das Gepäckstück selbst nicht bezettelt war. Mit solch vorschriftswidrigem Reisegut will natürlich ein braver Packmeister nichts zu tun haben, und schon an der nächsten Station ließ er das Stück aussetzen, mit dem Bemerken, es müsse nach X. zurück. So stand Baby mit seinem Wägelchen wieder auf 416 * Das haben, und überwunden Bilderrätsel. (Nachbildung verboten.) Lehrer", hat die Behandlung der Dramen int deutschen Unterricht zum Gegenstand und folgenden Wortlaut: „Nie, niemals hat ein dichterisch Geblüt Sich zum Magister aller Welt verstiegen. Es ist bei ihm die Schöpfung das Gemüt, Er sagt euch frei, was and're euch verschwiegen." „Die schönsten, edelsten der Triebe, Die je ein Mensch aus sia, verriet. Von Vaterland, von Lust und Liebe, Sie drückt der Dichter aus in seinem Lied." Der die „Stümper" besonders freimütig anredenden Zeile dieses Gedichts war von der zarten Hand', jedenfalls emes „Recht so! Schul- /amtbild von ihrem inneren Leben zu entwerfen. Mit viel Umsicht und Gründlichkeit bemüht sich bte Versa,serm namentlich, das psychologische Verständnis für den Charakter ihrer Heldin zu erschließen. Urteil des Primaners. In der „Zeitschrift für den deutschen Unterricht" teilt der Oberlehrer Dr. Carl Müller in Dresden ein von einem Primaner verfaßtes Gedicht mit, das er in des Schülers „Poesiealbum" gefunden hat. Dieses Gedicht, betitelt: „Gedicht über die „Was sprecht ihr da, ihr öden, hohlen Köpfe, Was dieser Mann und jener hat gemeint, Wohl über dessen Geistes edelste Geschöpfe Was euch gar am beschwerlichsten erscheint!" „Ich wills euch sagerl: Was ihr glaubt, Hat nie der Mann in seiner Dichtung sagen wollen, I h r habt ihm Regeln der Aesthitik in den Mund geschraubt. Und Euch, Stümper, hätt' man niemals glaube« sollen." ist- ____ Vermischter. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung der Schachaufgabe in vor. Nr.: I. Dh5—f7, Se4 2. DgGf. — 1. . .> Le5 2- Sd2'!"- X*' - Sg7 2. Sföf. — 1. . beliebig^. De6f. ehtent anderen Bahnsteig, viele Kilonieter von seiner yer- mat entfernt, ohne Vater, Mutter und Lieschen, aber es machte sich nichts daraus, denn es schlief seinen gesunden Verdaminasschlaf weiter. Und niemand aus der fremden Station ahnte hinter den blauen Vorhängen Babys Anwesenheit mit Ausnahme einiger Fliegen, die bte Mitch- rette am Fläschchen unb auf dem Kissen aufsaugten und danil auf Babys warmen roten Bäckchen herumspazierten. Auf einmal wurde die Stille des Bahnhofs durch dcu> Mnalinalina des Telegraphen unterbrochen, und der Draht erzählte dem Stationsvorsteher das Abhandenkommen des Kinderwagens. Eine Viertelstunde später kam em Zug m umgekehrter Richtung durch, der Wagen wurde hmemgesetzt und fuhr wieder der Heimat N- M- Dort stand Lieschen m Hanger froher Erwartung auf dem Bahnsteig, und als das Wägelchen aus dem Packwagen geschoben wurde, ries sie nur: „Ist dem Kinde auch nichts Pas,iert? „Welchem Kind?" fragte der Packmeister zurück, denn auch er halte von Babys Anwesenheit nichts bemerkt. Baby war wirklich sehr lieb gewesen, und schlief iioch weiter, als Lieschen das Wägelchen nach Hause rollte. Nur sehr naß war es, als es aus seinen Kissen genommen wurde, aber das kam o —... auch sonst vor, ohne daß man aus Reisen gmg. Lieschen Backfisches, die Randbemerkung beigefügt: kam zwar eine Kleinigkeit zu spät nach Hause, aber dav | meistert» eish eit ist unausstehlich!" schadete nichts, denn der Herr selber kam auch zu spat, d« er als richtiger Strohwitwer vom Bureau aus ms Kasino zum Spätschoppen gegangen war. So endete Babys I Literarisches. Srn1’S6 bn-1 Kerne AusreiA? selbst hatT^etwas davon Snutfe, Gro ß Herzog in vo - Wei- ~ I von Eleonore von Bojanowski. XII und 429 S. Gemernnirtzrges. Stuttgart, I. G. Cotta Nachfolger. — „Sie sind gar nicht * Gegen Heiserkeit ist der Gebrauch des I einander gemacht, und haben sich nie geliebt", schrieb kalten Wassers innerlich und äußerlich sehr zu em- I r*on 1776 Christian von Stolkberg an den befreundeten »fehlen. Der Patient trinkt des Morgens während des Klvpstock über das junge Weimarer Furstenpaar; und Ankleidens ein Glas frischen klaren Wassers, aber nicht auf I zeitlebens sind bte Beziehungen zwischen den Gatten „krt- cittmal; auch muß den ganzen Dag hindurch fortwährend tifd) kühl" geblieben. Es war ettt tragisches Geschick, daß eine kleine Quantität frischen Wassers getrunken werden. I die Prinzessin Luise von Hessen, diese Frau nutbeut Der Abends vor dem Schlafengehen nimmt der Kranke eine Mgen, starken und doch so feinftthligen Getst an die Seite Serviette, taucht sie in kaltes Wasser, drückt dieselbe aus, Herzogs Karl August fesselte. Wenn auch' ihr hochfaltet sie zusammen wie ein Halstuch und legt sie sich um gesinnter Stolz es verbot, sich über das Verhältnis zu ben Hals: eine trockene Serviette wird ebenfalls zusammen- ihrem Gemahl, auch Vertrauten gegenüber, auszusprechen, gefaltet, über die erste gelegt und befestigt. Alsdann legt f0 klingt doch durch alle ihre Aeußerungeu und Briefe sich der Patient ins Bett und decke sich recht warm zu, um der Grundton herber Resignation hindurch. Goethe brachte eine neue Erkältung zu verhüten. Diese Kaltwasserkur, ihr anfangs eine schwärmerische Verehrung entgegen; zett- e wa acht Tage fortgesetzt, wird das liebel sicherlich be- weise war der mystisch angelegte Lavater ihr Ver rauter; feitiaen am längsten und tiefsten wirkte der Einfluß des von * D e r H a n d s ch w e i ß itt ein höchst lästiges, bei feinen gleich hohem, sittlichen Ernst erfüllten Herder, bis auch Handarbeiten, beim Klavierspiel, Zeichnen, beim Händedruck bie Beziehungen zu diesem wegen ferner Sympathien sur unangenehm empfundenes liebel, dessen Beseitigung der bie französische Revolution s^ abkuhlten Es ist em sehr damit Behaftete sich angelegen sem lassen sollte. Die falsche bankenswertes Untertiehmen, die Nachrichten über. Luise Meinung, daß eine Beseitigung des Handschweißes schließlich | .u sammeln und ailf Grund dieses Materials em Ge andere Krankheiten zur Folge haben könnte, ist ungerecht- famtbild von ihrem inneren Leben zu entwerfen. Mit fertigt. Man muß allerdings dem ganzen Körper etne ge- 5 - --- — f,rf’ eignete Pflege angedeihen lassen und durch Bäder und Abreibungen auf eine gleichartige .Hauttätigkeit hinarbeiten. Die Hände sind in Lohebädern oder Abkochungen von Eichenrinden zu waschen und durch Wechselbäder in kaltem und warmem Wasser zu kräftigen. Das Einpudern mit einem Streupulver hat nur beschränkte Wirkung, indem dasselbe momentan zwar die Haut trocken macht, aber nicht dauernd die Schweißbildung beseitigt. * Tierquälereien bei Ausflügen. Auf Ausflügen soll man bedenken, welche Qualen die Pferde in der glühenden Sonnenhitze vor stark überfüllten Wagen und auf steil ansteigenden oder sandigen Wegen zu ertragen haben. Können die Pferde nur schwer vorwärts kommen, so sollte das Publikum, besonders bei heißem Wetter, aussteigen bis die überarbeiteten Tiere sich erholt ' so weit zu Fuß gehen, bis die Schwierigkeit Redaktion: August Götz. — Notativnsdruä und Terlag der Brübißchen Universttvls-Buch. und Stemdruckerei. R. Lange, Gießen.