Freitag den 15. Mai. MS 1903. — Nr. 71. DM e^Slfsri H^W ^►'>'i,1rl IH 0'*’?.$' » TtV- ^^MWWWA>j VEZ^W (Nachdruck verboten.) Das Gasthaus am Strande. Roman in zwei Bänden von Florence Warden. Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen. (Fortsetzung.) Er hatte aber eine empfindliche Stelle berührt und sie fing leise zu weinen am „Armer Onkel!" schluchzte sie. „Es brach mir fast das Herz, als er mich nicht mehr erkannte. Und dann, als sie ihn Wegnahmen —" „Wegnahmen?" „Ja. Er war ganz harmlos und würde sich immer 3ig von mir haben leiten lassen. Tie Polizei aber kam — nahm ihn mit fort" „Tie Polizei?" „Ja." „Sie hat uns beide, seitdem wir den „Blauen Löwen" verließen, immer verfolgt", flüsterte sie. „Und ich weiß, sie suchen durch ihn hinter das Geheimnis — Du weißt, was ich meine — zu kommen. Ist das nicht furchtbar?" Elifford antwortete nicht sogleich Ihm schien, daß die Aussichten, das Mädchen zu retten, für ihn in der Tat immer kleiner würden. Ihre völlige Hoffnungslosigkeit, ihre krankhafte Furcht, hatten ihn angesteckt. Während der kurzen Stille, die zwischen ihren Fragen und Antworten lag, schien sie immer aufzuhorchen und sich anzustrengen, jeden Don, der von außen kam, zu vernehmen. Der Schrei eines kleinen Gassenbubens ließ sie zusammenfahren; ein Karren, der rasch um die Ecke fuhr, trieb ihr das Blut zu Kopf. Die Nerven des armen Kindes waren völlig erschüttert. Elifford blickte verzagt auf sie hin. Selbst die starke Liebe, die jede Probe bestanden hatte, war scheinbar machtlos, ihr mehr als einen nur augenblicklichen Trost zu geben. „Mein Liebling", flüsterte er, „laß mich Dich! für die Nacht in die Stadt bringen. Ich will Dich geradeswegs zu Deiner Tante führen und Dich in der möglichst kürzesten Frist heiraten und England mit Dir für immer verlassen." Nell fuhr zurück uiti> starrte ihn an. „Tu verstehst mich nicht', sagte sie. „Die Sache ist jetzt wirklich im Gange. Tie Polizei verheimlicht nicht, daß man endlich genug in Händen hat, um vorgehen zu können. Ich habe den stärksten Grund, den allerstärksten, zur Annahme, daß sie mich no»ch heute zu holen kommen." „Um Dich gefangen zu setzen?" schrie Elifford heiser. „Nein, nicht sowohl das." Und sie schauderte. Dann aber kam noch ein stärkerer Ausdruck des Schreckens ihr tn die Augen. „Vielleicht ist es das aber doch! vielleicht ist es wirklich das, was sie beabsichtigen", wisperte sie unsicher. „Sie sagten, daß sie nur meine Aussage brauch? ten. Aber — aber —" Sie zögerte — stockte — Cliffords Herz war bedrückt. Sicher konnte keine Jury, die je zu Gericht saß, dieses hilflose, sanfte Mädchen zu etwas' anderem, als einem unbewußt begangenen Verbrechen verurteilen. Er würde sein Leben verpfändet haben, daß sie an diesem geheimnisvollen Verbrechen ebenso unschuldig der Absicht nach wäre, als er es' der Tat nach war. „Mein Liebling, mein armer Liebling, natürlich wollen sie nichts als Deine Aussage —" sagte er heiser. Seine Stimme schwankte jedoch und seine Augen waren umflort. Er suchte sie auszumuntern, sie zu ermutigen, und ihr Dinge zu sagen, die er kaum fühlen konnte. Tas Mädchen schien ihn fast nicht zu hören. Plötzlich-, inmitten seiner vergeblichen Anstrengungen, sie zu trösten, stand sie rasch auf. „Sie sind da", sagte sie. Elifford fuhr auf. Er hatte nichts' gehört. Nells geduldige Ohren waren aber schärfer als seine. Einen Augenblick später pochte man an die äußere Tür. Tann wurde an die Tür des Zimmers geklopft. Er blickte wild um sich und ergriff sie beim Arme, um sie hinter dem kleinen Sofa zu verbergen. Sie aber lächelte traurig und schüttelte den Kopf. „Herein", sagte sie. Und wie sie es vorausgesagt hatte, mit unheimlich sicherer Weissagung, meldete sich ein Beamter der Polizei in Stroan, sehr höflich, mit vielen Entschuldigungen und wohlwollend bei ihr an. „Bedauere unendlich, Miß, Sie stören zu müssen", sagte er. „Doch mutz ich Sie bitten, mich bis Stroan zu begleiten, nur um vor Gericht etwas auszusagen, das uns ein bißchen weiterhilft." „Das ist keine Werhaftnehmung?" fragte Elifford, seine Aengstlichkeit zu verbergen suchend. „Nein, Sir." Nells weißes Gesicht aber schien den Glauben zu verraten, daß es doch eine wäre. 20. Kapitel. Endlich ein Fingerzeig. Es gab in dem Unglück, das über Nell hereingebrochett war, für Elifford doch einen Lichtstrahl des Trostes. Trotz allem Zittern ihrer Glieder und der Blässe ihres Gesichts schien sie durchs die Ankunft der Polizei sich eher erleichtert als bedrückt zu fühlen. Mit völliger Selbstbeherrschung wendete sie sich an den Beamten und sagte: „Darf ich mit Mr. King noch allein sprechen, ehe ich gehe?" „Gewiß, Miß. Vielleicht wäre es Ihnen angenehm, mit Mr. King bis nach Beach zu gehen; wir werden ein Cah 282 dort warten lassen, das Sie dann mit nach Stroan nimmt." Dieser .Vorschlag ward angenommen und Nell und Clifford verließen zusammen das Haus. Sie gingen in völliger Stille dahin, bis sie die reizlosen Borstadtgassen hinter sich und das Dorf St. Mary mit seiner altersgrauen, etwas höher gelegenen Kirche erreicht hatten. Sie rasteten einen Augenblick im Schatten des großen viereckigen Turms. Clifford sah das Mädchen an seiner Seite an und war betroffen, zu finden, daß der Trübsinn, der bei seiner Ankunft auf ihr gelastet hatte, zerstreut worden war. „Aber Nell", sagte er mit einem verwunderten Lächeln um den Lippen, „ich sagte Dir zwar, daß Du bald wieder Tein früheres Selbst werden würdest, doch hätte ich nicht vermutet, daß die Verwandlung so rasch vor sich ginge." Ihr Gesicht bewölkte sich etwas, aber der Seufzer, den sie ausstieß, war mehr ein Seufzer der Erleichterung als der Angst. „Kannst Tu Dir vorstellen, was es heißt", sagte sie ernst, als sie sich zur Seite wandten und den Weg durch die gekrümmte Dorfstraße weiter verfolgten, „wochenlang tn Unruhe und Furcht vor etwas, das Du selbst nicht recht kennst, zu leben? Und dann zu finden, wie Du Dir im Dunkeln den Weg zu einen: furchtbaren, schmachvollen Geheimnis getastet hast, die Du liebtest, bringen mußte. Nimm an, Tn wärst nun gezwungen, alles das zu bekennen, bedenke, gezwungen, es bekennen zu müssen! Würde es da nicht für Dich eine Erlösung sein, selbst wenn Du damit eine furchtbare Strafe auf Dich niederzögst?" Clifford war still. Er war über ihre Worte bestiirzt, da sie ja anzeigten, daß sie in die schreckliche Geschichte verwickelt wäre; doch wollte er sich noch immer nicht in die Vorstellung ihrer Schuld oder selbst tn die Annahme fügen, daß sie eine passive Rolle in dieser Tragödie mitgespielt hätte. Nell bestand jedoch! darauf, eine Antwort von ihm zu erhalten. „Ich glaube, Liebling", sagte er dann sehr zärtlich, „daß Tu Dich um vieles mehr als nötig beunruhigt hast, und daß Du noch viele Leute finden wirst, die ebenso bereit wie ich sind, zu sagen, daß Nell Claris nie eine schreckliche Strafe verdienen würde, selbst wenn sie danach sttebte." Diese Worte wurden nicht nur, sie zufrieden zu stellen, gesagt. Er begann, gleich ihr, zu fühlen, daß die völlige Klarlegung dieser Sache, furchtbar wie der Vorgang auch sein müßte, tn aller Weise besser für sie wäre, als der Aufschub, unter dem sie so lange gelitten hatte. Welches auch immer ihr Anteil an dieser Sache gewesen sein mochte, so war er doch jedenfalls nur ein passiver und unbeabsichtigter, wenn nicht ein vollständig unbewußter. Seine Antwort schien das Mädchen zu befriedigen, denn sie ging ohne jede Bemerkung weiter an seiner Seite, wobei ein gelassener Ausdruck auf ihrem uuglücklichen Gesichte zu erscheinen begann. Fast schweigend gingen sie raschen Schrittes weiter in der Richtung auf die Bucht, die sie auf dem kürzeren Wege über die Felder erreichten. Ein Cab erwartete sie, wie der Polizeibeamte versprochen hatte, außerhalb des Dorfs auf der Straße. Sobald Nell es gewahrte, blieb sie stehen und sagte: „Ich vergaß, was ich Ihnen zu sagen wünschte. Ich möchte, daß sie nach Shingle End gingen, um ihnen zu sagen, dem Obersten nämlich daß die Polizei mich geholt hat." „Dem Obersten?" wiederholte Clifford betroffen, von der Erinnerung an den unbestimmten Verdacht ergriffen, den er bei seinem letzten Besuche im Hause dieses Herrn gehabt hatte. Er hätte gern noch mehr Fragen an sie gerichtet, sie erkannte jedoch diese Absicht und ging rasch weiter. Ein paar Schritte davon traf sie mit dem Polizeibeamten zusammen, der sie ehrerbietig begriißte und ihr den Kutschenschlag öffnete. Nell wendete sich zurück und reichte Clifford schweigend die Hand. Doch als er sie einen kurzen Augenblick drückte, blickte sie zu ihm auf, indem ein Lächeln ihr über die Lippen und Augen flog. „Gewiß", dachte er bei sich selbst, „ist es Hoffnung und nicht Verzweiflung, was ich in ihren Augen sehe." Tie Tür des Cab war wieder geschlossen worden, und Clifiord, der einen langen Weg vor sich hatte, ging rasch daran vorüber, indem er die Richtung nach Stroan einschlug. Er hatte jedoch, nicht viele Schritte gemacht, als er bie Stimme des Polizeibeamten hinter sich hörte. „Ich bitte um Entschuldigung, Sir —" Clifford hielt an und jener holte ihn ein. „Darf ich Sie fingen, Sir, ob Sie zum Obersten Bostak gehen?" „Nun ja." „Tarf ich Sie bitten, Sir, dem alten Herrn und seiner Tochter vorderhand nichts über Miß Claris zu sagen? Die arme Dame und der arme Herr sind neuerdings in einem; Zustand furchtbarer Aufregung gewesen, und wenn sie diese Nachricht so plötzlich erfahren, könnte es einen Schlaganfall oder so etwas nach sich ziehen." Clifford zögerte. Er hatte Nell versprochen, ihre Botschaft auszurichten, andererseits stimmt er ganz mit dem Polizeibeamten überein. Er suchte Zeit zu gewinnen." „Nun, ich werde so vorsichtig wie möglich sein und mich nicht allzusehr beeilen." „Das wird genügen, Sir", sagte der Beamte mit einem bedeutsamen Blicke; er grüßte und ging zurück an das, Cab. Clifford setzte daher seinen Weg in keinem zu raschen Schritte fort. Und als das Cab mit dem Beamten auf dem Bocke neben dem Kutscher ihn überholte, sah er Nells Gesicht am Fenster mit ein wenig Verwunderung und Vorwurf in den Augen über die Langsamkeit, mit der er ihren Auftrag vollzog. Sie selbst, die Aermste, saß aufrecht und horchte auf den Schall der Hufe der Pferde und auf das Rollen der Räder über die Sttaße, wie eine Person, die des zusammenhängenden Denkens unfähig ist. Sie hatte gewußt, daß dieser Schlag kommen mußte, sie hatte manche müde Nacht Stunde für Stunde damit verbracht, Mittel zu ersinnen, um ihm zu entgehen. Doch jeder Plan war gescheitert, noch ehe sie ihn ins Werk setzen konnte, denn Tag für Tag sah sie sich von der Polizei überwacht, und es war ihr klar geworden, daß, wohin sie auch ginge, man ihr wie ihr Schatten folgen und sie, sobald man es an der Zeit hielt, sich in ihren Händen befinden würde. Es war das Haus eines der Friedensrichter des OrM. wohin man sie brachte. Das Cab lenkte sehr bald nach rechts ein und kam dann sogleich an dem Pförtnertore von Horne Park an. Horne Court war ein weitläufiges Gebäude, nagelneu, mit vielen Giebeln, aus feuerroten Ziegeln. Es hatte so viele kleine Türmchen und Türme, eckige und spitze, die nach allen Richtungen hin aus dem Hauptgebäude hervorsprangen, daß es wie ein Wexierstück aussah und den Beschauer neugierig machte, ob man ohne Plan aus einem Teile des Baus in den andern gelangen könnte. Es war das Studierzimmer, ein wunderlich gestalteter Raum mit eiuer imposanten, von Büchern augefüllten Galerie, in das Nell vor den Friedensrichter des Orts geführt wurde. Sir Neville Bax war ein geschmeidiger und dabei gebieterischer Gentleman mit lauter Stimme und von herrischem Wesen, der, nachdem er die häßliche Frau der Grafschaft geheiratet hatte, diese Missetat dadurch gutzumachen suchte, daß er sich als Bewunderer des übrigen schönen' Geschlechts aufwarf. Er starrte Nell mit beifälligen Augen an. „Nun, Miß Claris, wie ich höre, haben Sie mir einen Sachverhalt mitzuteilenn?" begann er in einem wohlwollenden Tone, vor dem Nell zusammenzuckte. Sie antwortete nicht unmittelbar. „Nun, fürchten Sie sich nicht. Sprechen Sie sich nur aus und die Wahrheit. Es ist der beste Weg; es ist in der Tat der einzige Weg, wenn, wie ich erfahre, die Polizei schon so vieles weiß." Nell zitterte. „Ich höre", fuhr er fort, „daß Sie mir eine wichtige Aufklärung hinsichtlich der Diebereien im Gasthof Ihres Onkels, dem „Blauen Löwen", zu geben haben." „Es ist nur eine sehr geringfügige Sache, die ich weiß", antwortete Nell. „O — doch kleine Dinge führen zuweilen zu großen Ergebnissen", entgegnete Sir Neville aufgeräumt. „Sie wissen, daß im Grundstück des „Blauen Löwen" bei Gelegenheit des ersten dort begangenen Diebstahls eins; 283 Person schlief, deren Gegenwart daselbst nur Ihnen bekannt war?" „Ja", stammelte Nell und brach in Dränen aus. (Fortsetzung folgt.) Paris, rechtes Ufer. Französischer Vortrag von Lektor Götschh. (Nachdruck verboten.) Nach längerer Unterbrechung, während der Herr Lektor Götschy, einer Aufforderung des Ne-rphilologischen Provinzialverbandes Hessen-Nassau folgend, an den bedeutendsten Orten dieser Provinz Rezitationen und Vorträge hielt, die, dank seinem wohllautenden, biegsamen Organe, seinem Geist und Witz, reichen Beifall fanden, ist es auch den Gießener Freunden der französischen Sprache und Literatur wiederum vergönnt gewesen, den Reiz seiner Muttersprache zu genießen. Es war der erste Abend eines aus fünf Vorträgen und Rezitationen bestehenden Cyklus. Herr Götschy sprach darin, durch treffliche Lichtbilder unterstützt, über das Leben und die Bauten der auf deut rechten Seineufer gelegenen Teile der Weltstadt Paris. Manche launige und witzige Bemerkung würzte den fesselnden Vortrag, der den Kennern der schönen Stadt manches großartige Bild ins Gedächtnis zurückgerufen, den anderen Zuhörern aber interessante Belehrungin anziehendster Form geboten hat. Ohne sich in langen Lobpreisungen über Paris als la Wille- Lumiore, le nombril de la terre le centre de la civili- sation, zu ergehen, führte der Vortragende als kun- diger Cicerone seine Zuhörer zunächst auf den Place de l'Etoile, von dem strahlenförmig mehr als ein Dutzend breiter, in herrlichem Grün prangender, reich belebter Straßen nach allen Richtungen der Windrose ausgehen. In der Mitte des Platzes erhebt sich,, weithin sichtbar unb den ganzen Westen der großen Stadt beherrschend, der Arc de Triumphe, de l'Etoile, der größte Triumphbogen des Erdballs, ein imposantes Bauwerk, das, unter Napoleon begonnen und 1836 unter Louis-Philippe vollendet, die Heldentaten des ersten Kaiserreiches verherrlicht. Unter den Hautsreliess, die den Bogen schmücken, tritt auf dem Lichtbilde besoirders le dopart von Rude hervor, eine lebhaft bewegte Gruppe, die uns zurückversetzt in die große Revolution, als die Krieger der jungen Republik unter den Klängen der Marseillaise auszogen zum siegreichen Kampfe gegen das in Waffen starrende monarchische Europa. Der schwache Greis, der kräftige Mann, der unmündige Jüngling, der reiche Bürger und der vom Druck der Feudallasten unb der Verachtung endlich befreite Bauer, sie alle sind auf beit Kriegsruf Gallias herbeigeeilt, um sich todesmutig dem Feinde entgegenzustürzen. Tie Gruppe erinnert den Franzosen an die Begeisterung der ersten Revolutionsjahre; wir Deutsche aber denken unwillkürlich an den Gegensatz, den sie zum entsprechenden Relief am Niederwalddenkmal bildet: hier der feierliche Abschied der Krieger von den Lieben in der Heimat, das Gefühl stiller Wehmut im Kampfe mit der stillen Begeisterung, die das Bewußtsein verleiht, einem heiligen Kampfe für die höchsten Güter der Heimat entgegenzugehen; dort die wilde leidenschaftliche (Awegung des Romanen, wie sie aus dem politischen Kampfe, der Erregung des inneren Streites, erwachsen ist. — Won dem Triumphbogen solgen wir dem Redner durch die Champs-Elysses mit ihren prächtigen Anlagen, vornehmen Willen, fürstlich eingerichteten Gasthöfen, ihren Cafes chantants und ihrem bunten Gewimmel von Reitern, stolzen Equipagen, Kinderwagen, Radfahrern und Fußgängern jedes Alters und jeder Rasse, zum berühmten Place de la Concorde. Das fröhliche,, buntbewegte Treiben, das sich um den Obelisk von Luxor und um das Geplätscher der von Meer- und Flußgöttern getragenen Wasserbecken oder zu Füßen der acht allegorischen Städtegestalten Lille und Straßburg, Bordeaux, Nantes, Rouen, Brest, Marseille und Lyon heute abspielt, läßt den entzückten Beschauer wohl nicht ahnen, welch düstere und blutige Ereignisse sich auf diesem einzig schönen Platze vollzogen, der als Place de la Revolution von 1793 bis 1795 mehr als 2800 Menschen, darunter die Höchsten und Edelsten der Nation, als Opfer der Schreckensherrschaft auf der Gouillotine verbluten sah. Auch Bilder d:er neuesten Geschichte tauchen vor unserem geistigen Auge auf: war doch derselbe Platz im März 1871 der Lagerplatz der deutschen Truppen, die nach langes mühsamer Belagerung ihren Einzug in die Weltstadt halten konnten, — um dann nach ihrem Abzug Zeuge eines erbitterten Kampfes zwischen den vorrückenden Truppen Mac Mahons und den Kommunards zu werden. Was dem Platze heute seine Schönheit verleiht, ist nicht sowohl das Ebenmaß feiner Verhältnisse oder der Schmuck der Springbrunnen, der Statuen und des Obeliskes, als vielmehr die herrliche Umrahmung: steht man in der Mitte, so erblickt man nach Süden, jenseits der Seine, das Abgeordnetenhaus (Palais Bourbon), nach Osten den Tuilerien- garten, den kleinen Triumphbogen und das Sonore, nach Westen die Champs-Elysees mit ihrem großen Triumphbogen, nach Norden, zwischen den prächtigen Palästen des Marineministeriums, die Madeleine-Kirche. Besonders die Champs-Elysees gewähren abends im Scheine ihres Lichter- glanzes einen feenhaft prächtigen Anblick. Nur ungern trennen wir uns von den herrlichen Bildern, um, der rue Royale folgend, die Eglise de la Madeleine zu besichtigen, eine Kirche in Form eines römischen Tempels mir 52 korinthischen Säulen. Es ist die Kirchss des reichen und vornehmen Paris, der aristokratischen Trauungen, der von der feinen Damenwelt besuchten Fastenpredigten eines besonders beliebten Geistlichen, der besten Kirchenmusik. Bon hier aus folgen wir den Boulevards, diesem prächtigen Straßenzug, der an Stelle den alte«, unter Ludwig XIV. niedergelegten Festungs- und Bollwerke entstand und heute den Mittelpunkt eines unaufhörlichen glanzvollen Treibens und lebhaftesten Fremdenverkehrs ist. Ter Redner versteht es, ein höchst anschauliches Bild des mächtig pulsierenden Lebens auf den Boulevards zu entwerfen. Wir sehen die endlosen Reihen von Fuhrwerken jeder Art aus dem breiten, von grünenden Bäumen umschlossenen Fahrdamm, das Gewoge der Fußgänger, die, geschäftig dahin eilend oder gemütlich schlendernd, sich zu beiden Seiten dahinbewegen. „London hat seinen Picadilly und dessen Menschen- und Wagengewühl, Berlin seine Promenade Unter den Linden mit ihren Königspalästen Petersburg seine Perspektive mit ihren pfeilschnellen Schlitten, Madrid seine Puerto del Sol mit ihren stolzen Caballeros und Manolas, Wien den Ring mit seinen unvergleichlichen Monumentalbauten; aber die Boulevards haben dies alles auch und noch einiges mehr." Welche Fülle des Schönen und Anmutigen in den Schaufenstern! Welche Fülle von Charakteren und Typen auf der Straße! Unter den Gebäuden fesselt zuerst die Große Oper unsere Blicke, das größte Theater der Welt. Die Hauptfassade ist reich mit Skulpturen geschmückt, unter denen die den Tanz darstellende, von Carpeaux geschaffene Gruppe besonders vollendet ist. Nicht minder reich ist das Innere geschmückt mit seiner herrlichen Treppe, seinen Foyers, seinen Wandel- gänaea und Büffets, die besonders zur Fastnachtszeit als Schm Plätze der großen Maskenbälle Zeugen des heitersten und mmutigsten Treibens eines lebensfrohen Volkes sind. Nach einem kleinen Abstecher zur Colonne Vendome, eine Nachahmung der Trajanssänle in Rom mit reichem Basreliefs-Schmuck, d.er den Sieg bet Austerlitz verherrlicht und von einer Statue Napoleons I. überragt wird, kehren wir zu den großen Boulevards zurück. Ihrem Zuge folgend kommen wir an der Porte St. Martin und Porte St. Denis, zwei zu Clären Ludwigs XIV. und feiner Siege über Holland und Spanien errichteten Triumphbogen, vorüber und gelangen nach dem Place de la Republique, auf dem sich die imposante Statue der Republik erhebt. Tie gewaltige Bronzefigur mit dem Oelzweig in der erhobenen Rechten ist von den Gestalten der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit umgeben; zwölf Bronzereliefs stellen bedeutungsvolle Szenen aus der Geschichte der dret Republiken dar; vorn steht ein eherner Löwe, der mit erhobener Tatze die Urne des suffrage universel beschützt. — Von hier lenken wir unsere Schritte nach Süden, von wo uns der „Genius der Freiheit" schon in der Ferne grüßt. Ttese Statue erhebt sich auf der schlanken Colonne de Jucklet, die zu Ehren der Barrikadenkämpfer der Julirevolutcon in der Mitte des Place de la Bastille errichtet ist. Wir befinden uns auf historischem Boden, auf der Stätte, wo einst die Bastille stand, das Bollwerk und Sinnbild der Krönungsmacht und Königswillkür, das Staatsgefängnis!, hinter dessen dicken, hohen und grauen Mauern gar oft die Stimme der Gerechtigkeit und Freiheit für immer verhallte. — Nach Westen uns wendend, durchschreiten wtr bte Vorstadt St. Antoine, den Mittelpunkt der Fabrikation der 284 bibelots, jener Nippsachen und Kunstgegenstände, die glänzendes Zeugnis von dem unerreicht feinen Geschmack und Schönheitssinn des Pariser Kunstgewerbes und der unerschöpflichen Erfindungsgabe des Pariser Arbeiters ablegen. Tas nächste größere Gebäude, das der Redner eingehender schildert, ist das Hotel de Wille, ein mit reichem Skulpturenschmuck versehener, höchst anmutiger Renaissancebau, nach dem letzten Kriege an Stelle des ehemaligen von den Communards eingeäscherten Stadthauses erbaut, welches der Schauplatz so vieler entscheidender Ereignisse in bewegter Zeit war. Aus der reichen Geschichte dieses Baues wählt der Redner die tragikomische Szene aus, die sich hier abspielte, als Lamarttne, der geistreich^ Dichter, Philosoph und Staatsmann, während der Februarrevolu- tton der unangenehmen Verpflichtung, die nicht durch Schönheit ausgezeichneten Vertreterinnen der Freiheit zu küssen, mit großer Geistesgegenwart durch die Bemerkung entging: „Sie haben sich standhaft und mutig wie Männer verhalten: Männer aber küssen sich nicht, sondern schütteln sich die Rechte!" — Der glänzenden Rue de Rivoli mit ihren Arkaden folgend, kommen wir nun an dem alten Turm St. Jacques und dem Denkmal der Jungfrau von Orleans vorüber nach dem vornehmsten, ausgedehntesten und berühmtesten Gebäude der Weltstadt, dem Sonore. Ernst ein königliches Schloß von geringer Ausdehnung, ist dieser Bau nach mannigfachen Erweiterungen unter Ludwig XIV., Napoleon I. und III. der größte Palast der Welt geworden. Berühmt durch seine Architektur, den Reichtum seines Säulen- und Skulpturenschmucks, noch berühmter durch die herrlichen Kunstschätze, die er als Nationalmuseum Frankreichs birgt, ist er unerschöpflich in seiner Fülle des Schönsten und Interessantesten, was die Kunst aller Völker und Zeiten geschaffen. Aus dieser Fülle wählt der Redner aus: la galerie d'Apollon mit den Krondiamanten sowie einer Sammlung geschnittener und edler Steine, la falle des Cariatides, Bonus de Milon. Nach einem Hinweis auf die Rekonstruktionsversuche, die sich mit der durch göttliche Hoheit ausgezeichnete Statue beschäftigt haben, schließt der Redner seinen fesselnden Vortrag mit den Worten, die Goethe int Jahre 1827 unter dem Eindruck des Besuches des erst 24jährigen Parisers Ampöre zu Eckermann sprach und welche die auffallend reiche Entwicklung dieses jugendlichen Geistes durch die mannigfache Anregung erklären, welche Paris, die Stadt der Kunst, Literatur und Wissenschaft, die Stätte großer historischer Erinnerungen, die Wirkungsstätte der führenden Geister einer großen Natton, auf Schritt und Tritt gewährt. Vermischter. * Was ist schlechte Luft. Im allgemeinen wird dre Kohlensäure, also das durch die menschliche Atmung erzeugte Gas, als hauptsächlicher Luftverderber betrachtet. Es ist nun aber festgestellt, daß die Kohlensäure an sich wenig oder gar keinen Einfluß auf die Gesundheit hat. Menschen können 2—3 Stunden ohne merkliches Mißbehagen in einer Luft atmen, die neben ihrem vollen Gehalt an Sauerstoff noch 20 v. H, Kohlensäure enthält, und tn gewöhnlicher Luft ist die Gegenwart von 1. b. H. Kvhlen- jaure ohne schädliche Wirkung. Wenn die Kohlensäure in der Luft jedoch durch die menschliche Atmung nur um ein Zehntel v. H. vermehrt wird, so erhält die Luft eine höchst ungesunde Eigenschaft. Zwischen der Kohlensäure, die man z. B. aus kohlensaurem Kalk entwickeln kann, und der von Menschen ausgeatmeten Kohlensäure besteht selbstverständlich keinerlei chemischer Unterschied. Wenn trotzdem hier und dort die Wirkung eine so verschiedene ist, so liegt der Schluß nahe, daß die vom Menschen ausgeatmete Kohlensäure noch einen giftigen Begleiter hat, der sich bisher Nachforschungen entzogen hat. Solange wir ihn nicht kennen, bleibt natürlich nichts anderes übrig, als die Verunreinigung der Luft an der Menge der in ihr enthaltenen Kohlensäure zu messen. Ter schädliche Einfluß, der durch menschliche Atmung verdorbenen Luft ist bekannt; er besteht r.tR?*iöerfuft, Unbehagen, schwerem Kopfschmerz und Uebelkett. Außerdem kann kein Zweifel daran bestehen, daß em Aufenthalt in schlechter Luft den Erwerb anderer Krank- Herten begünstigt. Namentlich steht höchst wahrscheinlich die Ejgung zu Erkältungen mit einem vorausgegangenen Ein- sluß schlechter Lust in naher Beziehung. Die durch Atmung verdorbene Luft verrät sich durch den Geruch, und es ist eigentlich merkwürdig, daß die chemische Analyse den Stofs noch nicht gefunden hat, dessen Anwesenheit für unsere Nase offenbar wird. Solange hier unser Wissen nicht weiter vorgedrungen ist, läßt sich gegen die bösen Einflüsse schlechter Lust eben nichts weiteres tun als eine möglichst weitgehende Anwendung genügender Lüftung aller zum menschlichen Aufenthalt bestimmten Räume. * Glückliches Mecklenburg! Im „Güstrower Anz." liest man folgende Anzeige: „Ein Junge, der konfirmiert ist, findet hochfeine Stellung als Mhfütterer. Näheres . . . ." Schon Goethe sagt von Mecklenburg: „Hier ist das Wohlbehagen erbliche, Die Wange heiter wie der Mund, Ein jeder ist an seinem Platz unsterblich, Sie sind zufrieden und gesund." Literarisches. — Georg Reicke, Im Spinnenwinkel. Roman aus einer kleinen Stadt. Berlin und Leipzig, Schuster unb Löffler. — Tiefen Roman schrieb Georg Reicke, noch ehe er seinen Posten als Berliner Bürgermeister antrat. Tie Kleinstadt (Heiligenstadt nennt sie Reiche und meint damit wohl das Städtchen Heyligenbeil in seiner ostpreußischen Heimat), in die der Referendar (Accessist) Gerhart verschlagen worden ist, besitzt ein ganz gefährliches Exemplar des modernen Mädels, bezeichnenderweise im „Spinnenwinkel". Alice hat bereits einen Bräutigam begraben, der ein großer Künstler, aber auszehrend war. Nun sucht sie nach einem Ersatz, und wie es scheint, mit Vorliebe: unter den beim Amtsgericht sich ablösenden Referendarem Unter den Verehrern, deren Photographien das Album vouj Alice, der Tochter des Physikatsarztes (Kreisarztes) einschließt, nimmt Gerhart die einundzwanzigste Stelle ein. Tie Sache zwischen beiden wird rasch ernsthaft, natürlich hat das moderne Mädchen dabei die Führung. Ter Referendar schwankt zwischen Poesie und Jurisprudenz hin und her, zwischen Wollen und Nichtwollen. Alice mutet ihm zu, die Jurisprudenz zu lassen, Schriftsteller zu werden und sie mit nach Berlin zu nehmen, alsbald, als Frau oder als Geliebte. Auf einen langen Brautstand will sie sich nicht einlaffen. Während Gerhart noch immer nach einem Entschluß ringt, hat sich Alice kurz resolviert; sie greift auf einen früheren Verehrer aus der Zahl der Zwanzig im Album zurück und verlobt sich mit ihm. Da kommt dem Referendar endlich die Entschlußkraft wenigstens so- wett, daß er feinen Eltern schreibt, er wolle Schriftsteller werden. Von der Erscheinung Alicens gibt uns GeorgReicke: einen Begriff, indem der Referendar sie einer Wachspuppe ähnlich findet in einem Pelzladen, an dem er täglich in Leipzig vorbeigegangen, und die er, da man das Schaufenster abends nicht erleuchtete, unter ihrem Pelzbarett immer s» traurig dunkel und schmerzlich still in das winterlich belebte Straßenleben hatte hinausblicken sehen. Von ihrem inneren Wesen urteilt Alice selbst: „Ich halte es für ein unberechtigtes Verlangen, hinter eine Seele kommen zu wollen. Ein Mensch ohne Schleier ist recht herzlich langweilig und selten bedeutend. Nimmst Tu den Seelen ihren Schleier, so sind sie sehr nüchtern und alltäglich." Aus dem Gefühl dieses Mangels heraus sucht sie leidenschaftlich nach einer Seele bei anderen. Da sie diese bei Gerhart nicht gefunden hat, gibt sie ihn auf. Alice gehört offenbar in das Geschlecht der geheimnisvollen Heldinnen, wie sie Paul Heyse liebt. Das Milieu der kleinen Stadt im preußischen Osten, in der die einfache Geschichte verläuft, ist sehr hübsch nach dem Leben geschildert und immer erfreut Reicke durch die Prägnanz seiner Sprache und den überraschenden Erfolg seiner Ideen. Zifferblatträtsel. Nachdruck verboten. I II III IV V VI VII VIII IX X XI XII An Stelle der Ziffern des Zifferblattes einer Uhr sind die Buchstaben D, EEE, I, K, NN, BRR, W derart zu setzen, daß die Zeiger bei ihrer Umdrehung Wörter von folgender Bedeutung berühren: 1—6 Vorname 3—6 Luftbewegung 1—7 Pflanz- und Werkzeug 4-8 Asiat 7—11 Teil des Hauses 9—12 Teil der Frucht 9—2 Deutscher Schriftsteller. SMattwn: Auaust Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch. und Steindruckcrei (Pietsch Erben) in Gießen.