Nontag den 14. Jezemöer. BBf ‘ ,r'‘1 1 wS® mB: ZM (Nachdruck verboten.) Wotans Derloöung. Novelle von R o b e r t K o h l r a u s chi (Fortsetzung.) Ter neue Ankömmling, der niemanden als diese eine Dame begrüßte, begann schon zu sprechen, bevor er sich noch gesetzt hatte. „Ich war zu sehr in den Nietzsche vertieft", sagte er mit einer lauten, anmaßenden -(Stimme, die dem Ohr wehe tat. „Ich habe heute die Ueberzeugung gewonnen, daß der Kerl lauter Unsinn geschrieben hat. Ich werde nächstens mal eine Schrift gegen ihn loslassen. Ich werde ihn gehörig verreißen, das steht fest. Ich schimpfe überhaupt riesig gern, besonders wenn ich einen Mann vor mir habe. Ich bin der Ansicht, daß die dümmste Frau immer noch zehnmal klüger ist, als der klügste Mann." So laut er sprach, so ging seine Rede doch setzt in einer allgemeinen Unterhaltung unter. Wie auf Befehl fingen alle Gäste zugleich an mit krankhafter Lebhaftigkeit zu sprechen, ein Teil von ihnen auch mit so hoch erhobener Stimme, als hätten sie die bestimmte Absicht, jenen einzelnen totzuschreien. In diesem plötzlich entstandenen Lärm konnte Rauchnrann von seinem Nachbarn, denr alten Herrn, eine Auskunft über den lauten Redner erbitten. „Mer ist der .Herr, wenn ich fragen darf?" „Tas is unser Schwarzer", lautete die Antwort, in deren Don ein tiefer Ingrimm zitterte. „Warum Sie ihn so nennen, sehe ich wohl. Aber sonst, was ist es für ein Mensch?" „'n Undiert". Er schleuderte die hannoversche Ueber- setzung des „Untiers" mit solchem Nachdruck hervor, daß Rauchmann ein wenig zurückfuhr, dann aber lachen mußte. Bevor er weiter fragen konnte, fuhr sein Nachbar fort: „Tas is man so mein Name für ihn. Er hat sonst 'n ganzen Hümpel davon. Sie nennen ihn den Schwarzen, oder den Ichmenschen, weil er noch niemals 'n Satz anders wie mit „Ich" angefangen hat, oder den Uebermenschen, was die von uns, die Italienisch können, auch übersetzt haben, die nennen ihn den „Sopra". Tas Undiert ärgert uns alle braun und blau, und wir verderben uns alle miteinander die Kur, und wenn's nicht bald anders wird, dann schmeißen wir 'n 'mal 'raus. Um so 'n dummen Bengel will man doch» nicht seine ganze Gesundheit zusetzen, das is doch man einmal wahr! Wenn das Undiert hier am Tische sitzt, dann fühle ich gleich, wie meine Billardkugel rot wird, un das laß ich mir auf die Länge Nu mal nrch gefallen." Cr hatte sich sehr in Zorn geredet und schob jetzi seinen Teller energisch zurück, als sei es ihm unmöglich geworden, noch einen Bissen zu genießen. Die anderen aber waren, da der „Uebermensch", mit Essen beschäftigt, verstummt war, tvieder plötzlich still geworden, und für ein paar Sekunden tönte nur das silberne Gehämmer von Messern und Gabeln auf den weißen Tellern durchs den Saal. Tie Generalin hatte sich bisher kaum am Gespräch beteiligt, sondern ihr Essen mit Eifer und einem gewissen künstlerischen Behagen verzehrt, das sich auch in einem! zierlichen Ginteilen und Zerlegen der einzelnen Speisen geäußert batte. Jetzt war sie fertig, lehnte sich zurück und ließ die Blicke langsam einmal im Saale die Runde machen. Dann wandte sie ihr Gesicht, dessen Linien trotz aller Fülle noch so fein und freundlich geblieben waren, zu der alten Jungfer an ihrer Seite und fragte: „Werden Sie auch hier unten bleiben zum Konzert?" „Ein Konzert?" Nicht die Angeredete hatte es gefragt! Es war Rauchmann, als hätte er selbst unwillkürlich die Morte gerufen. Ebenso unwillkürlich fielen dabei feine. Blicke auf Edith und begegneten abermals ihren Augen, die mit dem Ausdruck unverhohlener Heiterkeit auf seinem erschrockenen Antlitz ruhten. Sie versuchte zwar sogleich^ die nun schon gewohnte, feindlich-ernsthafte Miene anzunehmen, doch mißlang es kläglich. Aus ihrem Lächeln wurde ein herzliches, kaum zu unterdrückendes Lachen; denn in diesem Moment vernahm sie die Antwort der schwerhörigen Dame auf ihrer Mutter Frage. „Ach. nce, bis zum Herbst, — nee, so lange bleibe ich denn doch nicht hier. Tas wäre mir zu warm." Tie Generalin hatte sia./ besser in der Gewalt als ihre , Tochter; sie verzog kaum die Mundwinkel, als sie sich jetzt zu ihrer Nachbarin hinnberbeugte und langsam mit icharfer Accentuierung sagte: „Pardon, ich fragte nach dem Konzert heute abend. Wir werden nämlich ein Konzert haben nach Tisch, die Kellnerin hat es mir erzählt. Tie anderen Gäste haben sich schon heute mittag bereit erklärt, dazubleiben und zuzuhören, und man hofft von uns neuen dasselbe." „Ja, wirklich? Gibt es denu Sänger hier?" fragte die Zitronendame, die jetzt verstanden hatte und auf die Nachricht hin ein Gesicht machte, als hätte sie diesmal eine ausnahmsweise süße Frucht erwischt. Ein mutwilliges Blitzen aus Ediths Augen zu dem berühmten Sänger hinüber — sie konnte es mit dem besten Willen in diesem Augenblick nicht unterlassen, ihn anzu- iajnuen, — ein bewußteres, freieres Lächeln um die Lippen der auf ihn blickenden Generalin und dann deren Antwort auf die Frage ihrer Nachbarin: „Darüber kann ich Ihnen teilte Auskunft geben. Es handelt sich um eine reisende Sängerin, die scheinbar die Kurorte hier abgrast. Vermutlich ist es nur eine besondere Form der landesüblichen Bettelei; aber schließlich doch eine anständigere Forrch als die hier an der Landstraße geübte. Und — Du liebep Gott! — solch eine arme Person will doch auch essen; da wäre es wohl grausam, sie hungrig wieder fvrtgehett 742 zu lassen, wenn man selbst hier satt und behaglich am Tische sitzt." „Nu, natierlich, wir bleiben", entschied die alte Jungfer, und auch Edith wollte anscheinend ein zustim- niendes Wort hinzufügen, doch verstummte sie alsbald wieder, von der starken Stimme des „Uebermenschen" erschreckt. „Ich werde mir den Schwindel heute abend auch einmal anhören", schrie er durch den Saal, obwohl die Worte nur an die Dame neben ihm gerichtet waren, die ihn mit ihren Blicken verschlang-. „Ich halte Musik im allgemeinen nur für ein lästiges Geräusch, aber in diesem Nest, wo jede geistige Anregung fehlt, kann ich meine Prinzipien nicht in ihrer ganzen Reinheit durchführen. Ich bin der Ansicht, daß alle sogenannten Künste sich überlebt haben, und ich gehe mit dem Gedanken um, etwas anderes an ihre Stelle zu setzen. Ich werde demnächst etwas darüber veröffentlichen." Do jprach er weiter, aber zugleich begann auch die krampfhaft angeregte, laute Unterhaltung der übrigen von neuem, und das allgemeine Getöse verschlang seine großen Worte. Rauchmann konnte kaum verstehen, was der alte Herr mit der Billardkugel zu ihm sagte: „Damit droht er immer, cmer schreiben tut ex nie 'was. So 'n Fautdiert, so 'n Undiert, es ist wahrhaftigen Gott zu doll!" Ter Schwarze schwieg- nicht wieder, und so mußten auch alle anderen weiter reden. Unter erzwungenem Sprechen und Lachen ging die Tafel zu Ende, und nun wurden die Anwesenden ersucht, sich für kurze Zeit zu entfernen, damit die Vorbereitungen für den Kunstgenuß getroffen werden konnten. Als Rauchmann in den Flur trat, hörte er draußen den Regen immer noch unverändert niederfallen und den See mit großen regelmäßigen Wellen ans Ufer schlagen. Tie üble Laune, die im warmen Lichte des Speisesaals im Toppelschein der elektrischen Flammen und der roten, leuchtenden Tapeten ein wenig nachgelassen hatte, kam ihm zurück. Und als nun auch Edith an ihm vorüberschritt, die Wicke , starr geradeaus gerichtet, als müsse sie den Ungehorsam ihrer Augen bei Tisch jetzt bestrafen, da entschied er bei sich im füllen: „Ich Packe überhaupt g-arnicht aus, morgen geht's wieder fort!" Nun war der Saal für das Konzert hergerichtet, das Pianino aus dem kleinen Musikzimmer unter donnerndem Rollen hinüber geschafft worden. Langsam verfügten sich die Gäste in den gelüfteten, kühler gewordenen Raum zurück. Tie Stühle standen jetzt in langen Reihen an den Mauern entlang, das leere, weiße Hufeisen der Tafel trat in dem sanften, roten Leuchten der Wände grell hervor. Ein jeder nahm den Platz wieder ein, den er bei Tisch inne gehabt hatte, nur um die Entfernung der Mauer von der Tafel geschieden; auch Ranchmann folgte den übrigen. In seiner Brust war ein unllarer, seltsamer Widerstreit von Empfindungen, ein Zürnen und Mißbehagen und zugleich ein Verlangen ohne Ziel. Edith saß ihm auch jetzt schräg gegenüber, nicht einmal durch die Tafel mehr von ihm getrennt. Es schien ihm zuweilen, als wenn die Generalin Lust hätte, ihn anzufprechen, doch machte er dann mit besonderer Anstrengung „Glasaugen", wie er es zu nennen pflegte, und blickte starr geradeaus auf die Blumen von dunklerem Rot im helleren, gleichfarbigen Grunde der Tapeten. Es dauerte nicht lange, bis die Sängerin kam. Sie erschien in Begleitung eines Klavierspielers, eines jungen blassen, verhungert aussehenden Menschen, der aber gleich ihr elegant gekleidet war. Sie selbst prangte in schwarzem Atlas und rauschte so sicher, zugleich mit so gewinnendem Neigen des Kopfes ourch den Saal, daß jeder die Ueber- zeugung gewann, beim bevorstehenden Einsammeln des Zolls für die Kunstleistung nicht sparen zu dürfen. Ein paar gesch ievene Programme in italienischer Sprache waren' verteilt worden, und nun begann das Konzert. Zuerst kam ein Klavierstück, der Marsch Eoun-ods „Faust". Als der Spieler wie ein Ungewitter über die Tasten herfiel, fuhren alle nervösen Leute zusammen, und der Herr mit der Billardkugel griff nach seinem Halse. Turch dies Beispiel veranlaßt, tat auch die schwerhörige Tarne das Gleich^ obwohl ihr das Gehämmer vermutlich nur wie sanfte Sphärenmusik klang. Als das Stück zu Ende war, ertönte mäßiger, zaghafter Applaus, in den Wauchmann einstimmte, ohne sich vorzudrängen. Turch halbgeschlossene Lider bemerkte er, wie ihn Edith erstaunt betrachtete. Ter alte Herr an seiner Seite brummte in sich hinein. „Der Kerl will woll probieren, wie uns die Kur angeschlagen is? Lange halte ich- den Radau nick)! aus." Nun trat die Sängerin vor und lächelte, sich verneigend, abermals die Gesellschaft an. Sie war eine üppige, stattliche Erscheinung, und was an Jugend abging, ersetzte die Schminke. Aber ihr Gesang machte die Empfindlichen nervös, wie das Spiel ihres Partners es getan hatte. Die Stimme war in der Höhe scharf, in der Tiefe so ausgesungen, daß sie kaum etwas mehr hergab. Tas wußte i>ie Kluge ganz gut, und so spielte sie dem Publikum eine wohleingeübte Komödie vor, die als momentane Unpäßlichkeit 'erscheinen lassen sollte, was ein Verlust für immer war. So oft sie einen tiefen Ton nicht fassen konnte, griff fie mit der Hand an die Kehle und fchifitelte mit bedauernder Miene den Kopf, als wollte fie sagen: „Dio mio, hier sitzen so wunderschöne Töne, mit gerade heute wollen sie nicht heraus." Nach diesem ersten Vortrag applaudierten noch ein paar mitleidige Seelen, dann verstumnite der Beifall. Rauchmann hatte sich an dem Zoll des Mitleids nicht mehr beteiligt; seit die Sängerin ihr Lied begonnen hatte, war er sehr ernst geworden und blickte mit traurigen, träumerischen Augen unablässig auf die dunkelroten Blumen an den Wänden. Edith beobachtete ihn vorsichtig, ohne daß er es bemerkte, und war erstaunt, auf den Mienen des berühmten, von Glück und Erfolg so hoch empor getragenen Mannes diesen Ausdruck sinnenden Kummers zu finden. Als die Hälfte des Programms vorüber war, erfolgte die Sammlung der Beiträge. Sticht die Sängerin selbst ging mit dem Teller umher, sondern die Kellnerin Lina waltete des wenig erfreulichen Amtes. Sie bemerkte wohl die Verstimmung der Gesellschaft und suchte durch guten Humor die Gebelaune wieder zu erwecken. Indem sie den Teller umhertrug, der diskret mit einer kleinen, zu einem Täschchen zusammengefalteten Serviette bedeckt war, machte sie ein ganz erbärmliches Gesicht und klagte immer ivieder: „Heut muß ich bitten kommen. Ach, ich bin so arm, so sehr arm! Una poveretta, meine Herrschaften, nna pove- rcttci!" Tie meisten lachten, und gaben willig. Ein Häuflein abgegriffener Lirescheine sammelte sich auf dem Teller, doch klapperte bei den Mißvergnügtesten auch Kupfer dazwischen. Als aber die Sammlung beendet war, als die scharfe, t-onl-oie Stimme der Sängerin wieder erllang, da begann ein langsamer Aufbruch Ter alte Herr neben Rauchmann machte den Anfang; er verschwand in sich hineinbrummend, aber sonst vorsichtig und diskret. Ärmere folgten seinem Beispiel in gleicher Weise, bis dann der „Uebermensch" mitten in einer Arie aus der „Traviata" mit großem Geräusch aufstand, in der Ecke des Saales die bunte Tecke um seine Schultern drapierte und mit lauten Schritten hinausging. Ans Opposition blieben nun die übrigen fitzen, ein kleiner Rest von etwa zehn Personen, ein Drittel der aanzen Gesellschaft. Sobald jedoch die Kellnerin vor der" letzten Nummer des Programms in bedenklicher Weise noch einmal mit dem Teller sich näherte, dessen Ertrag die Sängerin inzwischen ungeniert gezählt und in die Tasche des schwarzen Atlaskleides hatte verschwinden lassen, da brach eine neue Panik ans. Mrt unhöflicher Hast entflohen die Gäste, nur Edith und ihre Mutter, die schwerhörige Tarne und Rauchmann blleoen zurück. Er blickte zornig auf die Fliehenden; seine Stirn war gerötet, seine Bugen blitzten. . Jetzt kam die Kellnerin zu der kleinen Schar in der Ecke des Saales. Die Generalln spendete noch einmal eine Lira aucb Edith griff in die Tasche und tat es ihr gleich. Tie Zitronendame folgte dem Beispiel, Rauchmann aber suchte den Schein, den er hervorgezogen hatte, hastig in das diskrete Servietlentäschchen auf dem Teller hm- einzustecken. Allzu hastig sogar; denn im Elfer verseh te er sein Ziel, das Papier flatterte znr Erde, faltete fich auseinander, und verriet Ediths scharfen Augen feinen Jetzt war auch die letzte Nuinmer vorüber, und als die Sängerin schwieg, da begann Rauchmann zu applaudieren, "so laut und nachdrücklich, daß die Wände des beinahe leeren Saales davon wiederhallten. Edith aber — von einem Gefühl getrieben, das stärker war als ihr 743 4,Auch das war noch nicht die Hauptsache, nein. Aber das haben Sie von so oft und so viel er schnell. Ihr Loh selbst nicht, warum, war es der Wechsel „Nein, nein, gewiß nicht. Tas kam erst in allerletzter Linie. Tie Hauptfachs war mir, meine Seele wieder frei zu haben, sonst kann ich nicht atmen. Und dann — wenn ich auch lange Zeit ein Vorurteil gegen die Künstler gehabt habe, ja, vielleicht selbst jetzt noch ein wenig habe, trotz der Erkenntnis meines Unrechts — die Kunst habe ich doch immer ungeheuer geliebt. Und jetzt darf ich es Ihnen ja wohl sagen, welche getvaltige Eindrücke ich gerade durch Ihre Kunst empfangen habe. Sie sind der einzige Sänger, von dem ich eine Wagnergestalt vollkommen verkörpert gesehen habe. Ich bewundere Wagner sehr, io ernt ich mir auch meinen Mozart und Beethoven und Weber nicht durch ihn aus dem musikalischen Paradies vertreiben lasse, und habe auch seine Schriften ein wenig studiert. Und da habe ich, wie gesagt, noch niemals jemanden gefunden, der seine Absichten so bis ins kleinste zur Tüt mackt und dabei doch eine starke Individualität in jedem Augenblick so sehr bewahrt. Aber anderen, klügeren Leuten ja schon besser gehört, daß ich —" „Von niemandem lieber", sagte tat ihm ungeheuer wohl, er wußte Mar es die Freiheit ihres Urteils, von Krieg zum Frieden, was ihn so sanft berührte? Jedenfalls blieb das Gefühl und erfüllte ihm die Brust mit angenehmer Wärme. „Tas also hat Sie dazu bewegt?" setzte er fragend hinzu. Er wolle sie gern wieder sprechen hören. i kicher, wurde rot, zauderte noch eine Sekunde und sagte dann, ihn fest anschauend, und die Augenlider sehr schnell bewegend: „Herr Rauchmann, ich habe Sie um Verzeihung zu bitten." . 0 ’ ö «Wieso, gnädiges Fräulein?" „ , e®?0 t# Sie beleidigt habe, vorgestern auf der Fahrt. Ich habe Ihren Stand beschimpft, ohne genügende Ursache dafür zu haben. Nach einem einzigen Beispiel, oder auch nach einem halben Tutzend, darf man über eine ganie Menschenklasse nicht aburteilen; das haben Sie-mir vorgehalten, und Sie haben reckt gehabt. Mein Stolz hat es zuerst nichtzugeben wollen; ich habe mich tüchtig gegen die Erkenntnis gewehrt, daß ich im Unrecht war. In dieser Nacht habe ich wenig geschlafen, — da ist es mir klar geworden. Und wenn ick etwas für richtig erkannt habe, dann, führe ich es gern möglich schnell zu Eiide. Darum bin ich denii auch hier und bitte um Verzeihung." „Sie beschämen mim, gnädiges Fräulein". Einen Moment betracktete sie ihn wieder prüfend ein wenig unzuftieden, wie es schien. „Sie sagen das in einem Ton wie jede andere HSflichkeitsphrase. Ich glaube. Sie sind mir doch n.chs böse. Tas täte mir sehr leid; denn ich kann Sie versicyern —" . Ta sie stockte und abbrack, führte er den Satz zu Ende, wie er sich ihn dachte. Sein Ton war jetzt wärmer und herzlicher. „Taß es Ihnen nicht leicht geworden ist, diese Bitte um Verzeihung auszusprechen, 'meinen Sie? A.OS5 kann ich mir vorstellen. Ich denke mir's furchtbar schwer sogar." „Nun, ganz schlimm ist es auch nicht." Sie lächelte bor sich hin; es war ein feines, humoristisches Lächeln. „Probieren Sie's doch einmal." „Probieren, wieso?" „Mir scheint eigentlich. Sie sind an der Reihe damit. Tenn so ganz korrekt haben Sie mir gegenüber sich doch auch wohl nicht verhalten." „Ich um Verzeihung bitten?" Er runzelte die Stirn und preßte die Lippen zusammen; als er aber ith ansah, und ihren Augen begegnete, die jetzt ganz fest und offen auf ihn blickten, da fühlte er eine plötzliche Wandlung, in seinem Innern. „Recht haben Sie eigentlich", sagte er freundlich. „Probieren wir's also einmal. Eins, zwei, drei, los: Ich bitte hiermit feierlichst um Verzeihung." Er hatte ihr die Hand entgegengehalten, und sie schlug fröhlich ein. „Gewährt, — gegenseitig. Und von heute ab gute Freundschaft, nicht wahr?" „Gute Freundschaft, gewiß." „Es wäre ja sowieso garnicht durchzustihren gewesen mit unserem Kriegszustand. Hier auf dem engen Raum, wo man sich täglich und stündlich begegnet —" „Also nur darum?" Wille — hob gleichfalls die Hände und stimmte ein in den Die Sängerin lächelte lieblich und verbeugte sich wreder und wieder, noch einmal bedauernd und entschuldigend an ihre Kehle fassend, während die Hönde der beiden feindlichen Menschen, die kein Wort Mehr zu einander sprachen, zu gleichem Beifall ineinander klangen. Nun erhob sich Rauchmann rasch, verbeugte sich leicht gegen feme Nachbarin, noch flüchtiger gegen die beiden anderen Tanien und verließ den Saal. Ter Sänger hatte inzwischen auf seinem Zimmer heizen lasten; die Zweige von Olivenholz knisterten im niedrigen Ofen, es war behaglich und warm. Rauchmann trat für einen Augenblick aus den Balkon hinaus, doch floh er alsbald in das Zimmer zurück. Es regnete noch immer fort; auf dem schwarzgrauen, bewegten See ließen die weißen Wellenkämme sick auch jetzt erkennen und das Anschlägen der Brandung ans Ufer tönte unfreundlich empor. Eine Weile noch ging der Sänger auf und nieder, — sein Blut war seltsam erhitzt und in Wallung, — dann streckte er sich auf die eiserne Bettstatt, prüfte mit Rauchern den Zustand seines Halses, wunderte sich nach deutscher Art abermals ein paar Minuten lang, daß es ^uch in Italien schlechtes Wetter gab, und versank trotz des Widerspruches erregter Nerven bald in Schlaf. Beim Erwachen am anderen Morgen begrüßte ihn ein warmes, dunkelgelbes Licot, das vom Fenster herkam. Sich umwendend, sah er die festen, braunen, hölzernen Fenster- laden, die er geschlossen hatte, von außen gleichsam an- gegluht, so daß der Spalt zwischen ihnen mit einem Licht- strom von jener dunkelgelben Färbung angefüllt war. Auch den Regen hörte der Sänger nicht mehr und das Wellenrauschen tönte gedämpfter. Sollte wirklich, — rasch erhob er sich, eilte zum Fenster und schlug die Laden zuruck, um gleich die Augen geblendet zu schließen vor dem gewaltsam hereindringenden Sonnenlicht. Tann aber I schaute er blinzelnd zwischen den Lidern hervor -— warum mußte er dabei schon wieder an Edith imd an ihr zwinkerndes Anschauen denken? — und sah die Welt da draußen leuchtend verwandelt. Ter Himmel war blau, der See von gleicher, nur tieferer Farbe, die Sonne warm, hell Und lachend! Nun, ganz so übel schien Italien denn doch nicht zu drunten war ja auch ein Garten mit allerlei Grün, letzt im Februar! Ein wenig anders, als in Deutsch- land, sah es Wotan heute schon aus! Sein Hals, — damit war es noch dasselbe, das fühlte er, zu seinem Erstaunen eigentlich; bei solchem Sonnenschein mußte es doch bald besser werden. Jedenfalls konnte man es unter so ver- wandelten Verhältnissen eine Weile mit anschauen iind durfte es wohl wagen, die Koffer auszupacken. guter Laune kleidete Rauchmann sich mit behaa- I kicher Langsamkeit an und sand, als er fertig war, daß I der Helle, aber doch noch warme Anzug, den er sich vor- I besucht hatte, ihm vortrefflich stand in dem klaren, voll | heremflutenden Lichte. Mit sich selbst zufrieden, stieg er hinunter in den Speisesaal zum Frühstück. Er war einer I der letzten; seine Nachbarinnen fehlten auf ihren Plätzen, und nur gegenüber an der anderen Seite der Tafel sah er .em paar fremde, mit Eifer und Zweckbewußtsein kaueride Gesichter. Ter Kakao war gut, und das erhöhte noch des Sangers zufriedene Laune. Ten Mantel umhängend, trat er nach dem Frühstück ui den , Garten hinaus, in den leuchtenden | Sonnenschein. Hier draußen war es wirklich ganz nett! | Rauchmann verstand nicht viel von Blumen und Pflanzen, | ~ eL' butte sich niemals arg. darum gekümmert, — j cber das sah er doch, daß ein paar Palmen und andere I nnmergrune Sach>en hier wuchsen, und das — ja, das dort waren ZrtronenbäuMe mit gelben, reifenden Früchten! I Prt-r du ^dstne, die brannte schon jetzt in der Morgen- I k^uhe so krafng, die Gäste des Hotels wandelten, meist I ^bpe Hut und Mantel, auf dem rasch getrockneten Kies I "'bder, — nein, Italien war in der Tat nicht I so übel. 1 I Um nun wirklich an seine Koffer zu gehen und aus- zupacken, wandte sich Ranchmann zum Hause zurück. In dem Moment aber, als er die Tür zu,n Flur öffnete prallte er ein wenig zurück; denn er sah sich Edith unmittelbar gegenüber, die in den Garten hinaustrat Er grüßte mit derselben kühlen, fremden Höflichkeit, wie am Abend zuvor, sie aber neigte den Kopf tiefer und fteund- | 744 Vermiete» lich er .eitern abend habe ich etwas von Ihnen , gesehen, die Sängerin, wissen Sie, es war ein Himderilireschein, den Sie der Annen auf den Teller legten. Ich habe es gesehen, durch Zufall, meine’ Augen sind scharf." „Und ich will Ihnen sagen, warum ich es getan habe weil es für mich in der Welt nichts Unglücklicheres gibt, als einen unvollkommenen Künstler, der nicht kann, was er tvi.II 11 „Sehen Sie, das hat mich getroffen. Gneil großen Künstler» beleidigt ;n haben, war mir schon unangenehm, aber einem guten Menschen wehe zu tun, das ist mir unmöglich. Und seit gestern abend weiß ich, daß Sw ein guter Mensch sind." (Fortsetzung folgt.) Redaktion: «uzust Gütz» — Motatienkdruck und Derlaa der Brühl'schen UniverMM-V«O und Steindruckerei. R. Lange, Gießen gottesdienMchen Amte. Als wir ihck verließen, hatten wir den Eindruck, daß er seiner Rolle lebte, daß sie ihm zu Fleisch und Blut geworden war. Und die Aufführung des Passionsspiels bekräftigte diesen Eindruck. Die Art, wie er gegen alle landlänfigen Schauspielerregeln jedes äußere Ueicheu des Affekts zurückdrängte und in allen Momenten der Handlung und des Leidens den Grundton der unerschütterlichen Milde und Sanftmut festhielt — war trotz einer gewissen Monotonie nicht nur originell, sondern auch höchst eindrucksvoll. Unvergeßlich ist mir namentlich bte Szene, in der Christus die Wechsler aus dem Tempel jagt. Keine Spur von Erregung, Zorn oder auch: nur moralischer Entrüstung war in dem Gehaben dieses Christus. Ruhig, wie unter dem Eindruck einer inneren Nötigung, sprach er die Textworte, ganz leise rührte er mit der Geißel in seinen Händen, und, als bann bie Hinausgewiesenen, tote von einem Tonnerschlag getroffen, hinausstürzten, hatte mau bte unvergleichliche Wirkung des Wunderbaren. Schau- spieler toitrben das eine „Nuanee" nennen; aber es war nichts Einstudiertes, sondern natürlicher Ausdruck der Innerlichkeit, der Intuition, die einer ganz naiven Etn- bilduuciskraft entsprang. Mayr hat später — tn höheren Jahren — die Christusrolle an Lang abgetreten und stch bdinit begnügt, den verbindenden Text zu den Bildern zu sprechen; das merkwürdige weihevolle Wesen ist ihm bis an sein Lebensende eigen geblieben. bezetchuen. Auflösung in nächster Nummer Auflösung deS Merkrätsels in vor. Nr.r Wiedehopf. bürtig 'an. Es sollte zu Weihnachten als Geschenk für unsere jungen Mädchen heraugezogen werden. Töchter-Album. Begründet von Thekla von Gumpert. Herausgegeben von Berta Wegner-Zell, ^ahr- gang 1903. (49. Band des ganzen Werkes.) Mtt 10 Farbendruckbildern, drei Beilagen und zahlreichen Abbildungen im Text. Elegant gebuttden 7,50 Mk. — Ein Jahrbuch, das sich nun fast ein halbes Jahrhundert aus der Hohe erhalten hat, bedarf keiner besonderen Empfehlung mehr. All die Familien des In- und Auslandes, tn denen es nun seit Generationen eingebürgert, wtssett am besten, welch einen Schatz an Unterhaltung, Belehrung und Forderung des Gemütslebens unserer Heranwachsenden Jugend jeber dieser umfangreichen Bände bietet. DreigroßeTondichter, Karl Maria von W e b er, Franz Schubert, Felix Mendelssohn - Bar tholdy. ^n biographischen Erzählungen von Gn.cav Hocker. Mtt^dret Porträts. Elegant gebuttden 3 Mk. Glogau, Karl Flemming. Ten Lebensgang dieser Drei schildert der Verfasser tn „-------, wahren Lebensbildern, die Mer, der für Musik, ihre Cut miiderter Gestalt. Seine Bewegungen,waren sanft und feter- wtcklungsgeschichte und ihre großen Meister Sinn hat, gern hatte sich offenbar ganz in seine Rolle htneut- ^wder und wieder lesen wird. seine Sprechweise war langsam, letse uno doch | ______ gelebt — _T-_,_____........., nachdrücklich, hatte etwas ttatürlich Pathetisches, das sich in I seltsamer Weise mit der Mundart verband. Er erzählte I gern, ohne daß ivir die Rolle der Interviewer spielen I mußten. Er sprach davon, daß er öfter von Fremden, bte I mit dem Theater zu tun haben, ausgesucht werde, so sei I kürzlich Herr v. Pilsen aus Berlin bei ihm gewesen (er 1 l meinte offenbar den .Hoftheaterindentanten von Hülsen; I nse Bnckstaben zu der Name einer Station an einer vielbenutzten Bahn nach Statt der Stiche snd'edesnal M Die eingesügten Bayern lag ihm eben näher). Dann berichtete er davon, setzen, so daß^bekanntt HatKw-rt« äi!cI)eS Laut daß er im Vorjahre (1870) zum Militär einberufen ge- 1 Buchstaben müssen tm Ityannnenyang Wesen, aber durch die Gnade des Königs um, seiner Ober- ammergauer „Verpflichtung" willen vom Kriegsdienst be- freit worden sei. In diesem Zusammenhänge, wie in anderen Mitteilungen sprach er von seiner Christusdarstell- nng nicht wie von einem Spiele, sondern wie von einem FÄllriitsel. Nachdruck verboten. —tttic, U ' alb, W । ■ te. * Der Christusdarsteller Mayr. Der Hingang des Oberammergauer ChristusdarstellerS Mayr, der am 1. Dezember in München (auf der Deckertschen Klinik) dahinqeschieden ist, weckt 'Erinnerungen an die altere Blütezeit des berühmten bayerischen PassionssptelA. Ein Ge- denkutann jener Tage schreibt der „Voss. Ztg. : ^ch lernte Mayr zu einer Zeit kennen, da sein Ruhm eben tm Aufgange war, und da seine Mitbürger von Oberammergau ihn noch nicht zu ihrem Haupte, zu ihrem Gemeindevorsteher erkoren hatten. In Gesellschaft des von Gattin und Sohn Stttmitllt* begleiteten Schauspielers Edmund Sauer, der spater den | ® Berlinern als'trefflicher Heldendarsteller des Kgl. Schau- Königin Luise. BonElisab eth Halden (Agnes spielhanses bekannt geworden, reifte ich tm August 1871 Breitzmann). Mit Lichtdruck. Oktav-Format. In vornehmem nach Oberammergau, wo sonst bie Passionsspiele am Attv- z Lein enb and. Ladenpreis 4 Mk. (Verlag von H. I. Met- gang des Jahrzehnts stattfanden, diesmal aber des Krieges bin(.er itt Berlin SW. 48.) lieber das Leben der Königin wegen um ein Jahr später, als sie - dem Herkommen Luise, die für alle Deutsche stets das Ideal edler Weib- gemäß — angesetzt waren. Es war ein seltsamer über» ltd)lteit gwweu wird, beschert uns Elisabeth Halden ein kost- raschender Eindruck, die Apostel in ländlicher Tracht, wie ^ches Buch. Es ist ihr gelungen, neben dem Geschick der sie später Uhde mit allem Raffinement künstlerischer Absicht Königin, das in erster Linie fesselt, unser Interesse auch dargestellt hat, den Petrus mit dem charakteristischen runden I bett Kreis der übrigen handelnden Personen auf das Haarschopf und der von einem Backenkraiiz umringelten i ^ghafteste zu erregen. Tas geschmackvoll und vornehm aus- halbmondförmigen Glatze, den, Johannes mit den langen, | aestattete Buch reiht sich an Tiefe des Gemüts und Innigkeit straften blonden Haaren zu feiten des länglichen, glatten I E^pfindulig den anderen Werken der Verfasserin eben- Jünglingsgesichtes, ihren Geschäften nachgehen zu sehen. । ■■ -------- -ra f'- Chriftus-Mayr, von dem damals schon viel gesprochen wurde, war nicht sichtbar; da wir den Wunsch hatten, ihn im Privatleben kennen zu lernen, wandten totr uns an den Avant, der durch einen überaus üppigen, verwilderten Haarwuchs kenntlich! war (er wurde und wird wohl auch, noch heute als kraftstrotzelider Urmensch dargestellt) und der im Gegensatz zu seinem unzivilisierten Aussehen überaus gefällige Vater der Menschheit geleitete uns sofort zu feinem verehrten Mitbürger. Wir traten in bie Parterrestube eines sehr schlichten Bauernhäuschens, in eine Bildschnitzer Werkstatt, deren Meister (offenbar von keinem „Lanipenfteber belästigt) seiner täglichen Beschäftigung oblag und sich bet unserem Eintreten erhob, um uns mit einer leuyten, abgemessen feierlichen Verbeugung zu empfangen. Mayr war eine frappierend interessante Erscheinung; schlank, hoch, der bleiche Kopf mit dem langen, gewellten Haar und dem schmalen Bollbart fesselnd durch die bleicheu, felueu, etwas knochigen Gesichtszüge und das milde Licht in den tiefliegenden Augen — der nazarenische Christustypus in ge-