Samstag den 14. Wovemöer. lll Ä < . r-i-1 (Nachdruck verboten.) Kn Mädchenschicksal. - Frei nach dem Englischen von A. Wendt. 1. Kapitel. e In einer der nördlichsten Grafschaften Englands', in öder, fast schauriger Gegend, wo kein Baum, keine Pflanzen das Auge erfreuen, nur nackte, steile Felsen dem Reisenden jeden Augenblick den Weg zu versperren scheinen, liegt das kleine Städtchen L. Die Bewohner, zum großen Teil Bergleute, sind einfache Menschen und führen, fern dem Getümmel, fremd den Sitten größerer Städte, ein ruhiges^ zufriedenes Dasein bei ihrer monotonen und wenig einträglichen Arbeit. Bor kurzem hatte sich in vorerwähnter Stadt ein junger Arzt, Robert Gratton, niedergelassen; ein Manu von stillem, freundlichem Wesen, welches jeden angenehm und sympathisch berührte, der Gelegenheit hatte, mit ihm näher zu Verkehren. Er hatte sich in seiner bescheidenen Wohnung eine Art Laboratorium eingerichtet, das zu ebener Erde lag. Hier braute und destillierte er verschiedene Mixturen und Pulver, die später als Medizin für die Kranken dienen sollten, welche feine Hilfe in Anspruch nahmen. Außer den Besuchen, welche er seinen nicht zahlreichen und fast ausschließlich sehr armen Patienten abstattete, brachte er die meiste Zeit in diesem, seinem öeiligtume zu, cknd es war ihm nicht angenehm, wenn er bei feinen Versuchen und Experimenten gestört wurde. Obgleich Jane Gratton, die einzige Schwester des jungen Arztes, dies wußte und im übrigen ein musterhaft ruhiges, gefetztes Wesen hatte, hinderte dies alles sie nicht, eines Nachmittags ziemlich geräuschvoll die Studien ihres Bruders zu unterbrechen, indem sie sehr erregt zu ihm ins Zimmer trat, einen Bries in ihrer Rechten hoch empov- haltend. „Robert", riejf sie atemlos,‘„eine ganz besondere Neuigkeit! Ich werde sie Dir aber nicht eher mitteiten, als bis Tu errätst, um was es sich handelt." „Da fange ich erst gar nicht an zu raten", entgegnete er lächelnd. Sein Gesicht hatte ein müdes Aussehen, als er zu feiner Schwester aufblickte. „Sage es, bitte, lieber gleich — mein Kopf schmerzt mi'ch heute, und das Nachdenken wird mir schwer." „Lady Haies hat geschrieben", antwortete Jane schnell, „sie bittet miG einige Zeit zu ihr nach Yales-Hall zu kommen. Tu läßt mich gehen, Robert, nicht wahr?" Ter junge Doktor zögerte und sah sie traurig sinnend an. „O, schlage es mir nicht ab!" bat das Mädchen, ihre kleinen, zierlichen Hände auf seinen 9Irm legend und ihr liebliches Gesicht zu dem seinen erhebend. „Bitte, lieber Robert, laß mich gehen, ich will Dich auch noch tausendmal lieber haben, als es bereits der Fall ist, lieber als jeden andern auf der Welt!" „Auch lieber als Willy?" fragte Robert lächelnd. „Natürlich, das tue ich schon jetzt", entgegnete sie. „Nun aber lies den Brief, er ist so freundlich bittend abgefaßt." Ter junge Mann nahm das Schreiben, und nachdem er gelesen, ließ er seine Augen noch einige Sekunden nachdenklich darauf ruhen. Lady Haies war eine vertraute.Freundin der verstorbenen Mutter der Geschwister gewesen und durch eine reiche Heirat in glänzende Lebensverhältnisse ein getreten, während der Vater der beiden als Arzt eine zwar sehr geachtete Stellung in Manchester einnahm, an irdischen Gütern aber wenig erübrigen konnte. Sein bescheidener, anspruchsloser Sinn, die Vorliebe für den ärztlichen Beruf und besonders seine opferfreudige Menschenliebe waren der Welt in seinem Sohn erhalten geblieben. Tie reiche, vornehme Lady hatte der einfachen Doktorsfrau bis zu deren Tode ihre Freundschaft treu bewahrt und für Jane eine besondere Vorliebe gefaßt; ja, sie hätte dieselbe nach dem Tode ihres Gatten am liebsten ganz zu sich genommen, da ihr einziger Sohn, Sir Harry, sich meist auf Reisen befand. Robert liebte int Grunde seines Herzens Lady Yates nicht; ihre Freundschaft hatte nach seiner Meinung stets etwas Gönnerhaftes; er erinnerte sich ihrer als einer sehr weltlich eigennützigen und vergnügungssüchtigen Dame, welche sich auf ihrer schönen Besitzung Yates-Hall meist sterblich langweilte und die Saison ausschließlich in London verlebte. Im Herbst besuchte sie gewöhnlich das Seebad Ramsgate, liebte überhaupt Die Veränderung und Zerstreuung so sehr, daß es nur erklärlich erschien, wenn sie Roberts ernstem, schlichten Wesen wenig sympathisch war. — Er wußte, daß der Einfluß der Lady aus Jane teilt günstiger sein würde, wenn diese auf längere Zeit bei ihr wäre, und dennoch war er nicht int stand?, der Schwester etwas zu verweigern, wenn diese ihn, wie eben jetzt, mit ihren großen, dunklen Augen bittend ansah. „Tu sagst Ja, Robert, o gewiß, Du tust es, nicht wahr?" sagte sie schmeichelnd. „Ich möchte so gern gehen, ich erinnere mich der alten, schönen Besitzung so gut, trotzdem ich noch ein Kind war, als ich das letztemal nach Yates-Hall geschickt wurde. Ich will auch immer gut zu Dir sein, wenn ich zurückkomme; ja, ich will auch nie mehr mit Willy schmollen." „Was wird aber Willy sagen?" warf der junge Doktor bedenklich ein. „Aber Bester, wenn Du es erlaubst, kann er doch nichts dagegen haben!" „Meinst Du? Wäre ich mit so einem kleinen, leichtfertigen Mädchen verlobt, ich würde es nicht gern scheu, wenn es fortginge." „O, Willy ist nicht böse darüber!" „In diesem Punkt bin ich denn doch nicht ganz sicher", sagte Robert, „er ist zwar ein ziemlich! phlegmatischer Ndensch, aber —" Jane verzog den Mund und bewegte den breiten, goldenen Ring an ihrem Finger. „Mir scheint, Willy bekommt 678 Viel zu sehr seine Wünsche erfüllt, viel mehr, als ihm gut ist", sagte sie. „Wirklich? Armer Willy! ich bezweifle, daß er weniger haben könnte." Unwillkürlich mußte Robert daran denken, daß seine Schwester gewöhnlich den Freund unbarmherzig tyrannisierte. „Wir werden sehen!" rief Jane lachend. „Gelt, ich darf -gehen, Robert, nicht?" „Wenn Du so gern willst, Liebling", antwortete er. „Ich muß dann suchen, eine zeitlang ohne Dich fertig zu werden. Langsam, langsam!" setzte er lachend hinzu, als das Mädchen ihn stürmisch umarmte und mit ihren Küssen fast erstickte. „Greb nicht alle fort, mein Mädel, spare einige auch für Willy!" Lachend, mit von Freude geröteten Wangen sprang Jane davon, um Lady Dates Zeilen zu beantworteu. Doch eine Stunde später, als Robert zum Tee heraufkam, fand er sie zu seinem Erstaunen vor dem Kamin sitzen, trübe und regungslos in das fast erloschene Feuer starrend. „Was ist geschehen, was fehlt Dir?" fragte der junge Mann. Jane sprang auf. „Ach, Du bist es, Robert; geschehen ist nichts; aber — aber ich denke, ich bleibe doch lieber zu Hause." Die roten Lippen zitterten, und es klang ein Beben aus der jugendlichen Stimme, wie von verhaltenem Weinen. „Warum, mein Liebling?" „Ich! weiß es selbst nicht, ein eigentlicher Grund ist nicht vorhanden." Robert legte die Hand leicht auf die Schulter seiner Schwester. „Ist dies vielleicht der Grund?" fragte er, auf ihr schon vertragenes Merinokleid zeigend. Traurig lächelnd entgegnete Jane: „Ich glaube, daß es in Dates-Hall sehr großartig und vornehm sein wird, ich werde schwerlich! in jene Kreise hineinpassen, und möchte meine Einfachheit nicht gern zur Schau tragen." Den ernsten Ausdruck in ihres Bruders Gesicht gewahrend, fuhr sie hastig fort: „Ich mache mir gar nichts daraus, Robert, ich gebe den Plan auf und bleibe hier bei Dir." Während des einfachen Mahles versuchte sie, um ihrer Aeußerung den Schein der Wahrheit zu leihen, so heiter und unbefangen wie sonst zu sein, und nur ein aufmerksamer Beobachter konnte das Gezwungene in ihrem Verhalten bemerken. Robert verließ nach dem Tee das Haus, und als er nach! längerer Abwesenheit wieder ins Wohnzimmer trat, saß Jane noch am Tisch-, nachdenklich den Kopf in die Hand gestützt. „Jane", redete er seine Schwester an, freundlich zu ihr tretend, „sieh nicht so traurig aus! Hier, nimm diese Banknote und kaufe dafür Flies, was zur Kleidung einer Dame nötig ist. Dir nimmt das Geld die Sorge vom Herzen, und ich kann es sehr w-ohl entbehren; „Du weißt, meine Einnahmen haben sich verbessert." „O, Robert, tote kann ich Dir diese Güte jemals genug danken!" ries das Mädchen, freudestrahlend den Bruder umarmend. Das ganze Entzücken über die fast schon aufgegebene Reise leuchtete aus ihreu Augen. Bilder zukünftiger Freude schwebten ihr vor, als sie sich bald danach auf ihr Zimmer zurückzog, um zu überlegen, wie sie am besten von dem gespendeten Gelbe ihren Kleid-ervorrat ergänzen könnte. Nun begann eine sehr geschäftige Zett für Jane Gratton. Kaum daß sie für ihren Verlobten zu kurzem Geplauder Muße sand, so viel hatte sie zu schaffen, zu kaufen, zu nähen. Willy Smith- war von der projektierten Reise durchaus nicht entzückt, er trennte sich sehr ungern von seiner Braut, zumal da er wußte, wie lebhaften, leichterregbaren Geistes Jane war, nur zu empfänglich für Abwechselung, Freuden und Genüsse, welche das Leben an der Seite ihres Bruders ihr so wenig bot. Er war einer jener Menschen, welche zu gutmütig und zu schwach in ihrer Liebe sino, um jemals der Geliebten einen Wunsch zu versagen. Smiths Vater war Besitzer einer großen Nadelrabrik in der Nähe von L. und Willy sein einziger Sohn uno Erbe. Da beide Verlobte noch sehr jung waren, überdies der Vater des Bräutigams, ein sehr rüstiger, tatkräftiger Mann in den besten Jahren, keines- tvegs geneigt schien, dem Sohn schon jetzt die Fabrik selbständig anzuvertrauen, stand es mit den Heiratsausfichten Noch sehr ungewiß. Jane machte dies wenig Kummer, sie ließ sich die Aufmerksamkeiten und Freigebigkeit Willys gern gesallen, amüsierte sich mit ihm in den kleinen, geselligen Zusammenkünften, die mitunter in der Nachbarschaft stattfunden, zu welchen er sie führte, und tyrannisierte ihn auch gelegentlich, ohne sich ein Gewissen daraus zu machen; sie wußte, daß auf kurzes Schmollen stets wieder die Versöhnung folgte. Schnell genug verstrich die Zeit mit den Vorbereitungen, Einkäufen und Besorgungen, und an einem freundlichen Septembermorgen' fuhr Jane, von ihrem Bruder begleitet, zur Bahnstation. Dort stand schon Willy, sie erwartend und ziemlich- melancholisch dreinschauend. Es war nicht viel Zeit übrig, das Gepäck war kaum ausgegeben, als das Signal zur Abfahrt ertönte, und nach kurzem Abschied entführte der rollende Zug das junge Mädchen den beiden! jungen Männern, welche ihm noch lange nachblickten, als der weiße Dampf allein noch die Richtung bezeichnete, welche; er ein geschlagen. Eine traumähnliche"Empfindung hatte sich Janes bemächtigt, und mit einem eigentümlichen, ihr sonst fremden Gefühl von Frohlocken und Wohlbefinden sah sie aus dem Fenster des Waggons in das freie, weite Land. „Ist all dies nicht ein Traum?" fragte sie sich lächelnd. „Sind diese freundlichen Dörfer, der bunte Herbstschmuck der Bäume nicht eine Vorspiegelung meiner erregten Phantasie?" Sie kniff ihren runden Arm, zupfte und glättete die Falten ihres Kleides, befühlte und besah ihren kleinen Handkoffer, den sie vor sich auf dem leeren Sitz hatte — nein, sie träumte nicht, es war alles wahr, entzückende, glückselige Wirklichkeit! Nach langer Fahrt, als schon die Sonne sich als prachtvoller, glutroter Ball zum Untergang neigte, erschien unseren! Reisenden b|e Gegend bekannter, besonders die Umgebung der kleinen, ländlichen Station, wo nun der Zug anhielt. Sie brauchte nicht den Namen zu hören, sie wußte, daß sie das Ziel ihrer Reise, Dates-Hall, erreichst hatte. Sie war die einzige, welche hier ernt Orte aus dem Zuge stieg. Ein Weilchen blieb sie zögernd, sich nach allen Seiten umblickend, stehen. Ta sie außer einigen Bahnbediensteten niemand gewahrte, umschritt sie das kleine, fast ganz von wildem Wein umrankte Stattonshäuschen und sah nun die breite Dorfstraße vor sich liegen. Ganz in ihrer Nähe hielt eine Equipage, der soeben ein großer elegant gekleideter Herr, mit einer gelben Rose im Knopfloch, entstieg. Als er Jane .bemerkte, trat er auf sie zu und richtete in freundlicher Weise an sie die Frage: „Habe ich die Ehre, Miß Gratton zu begrüßen? Ich bin beauftragt. Sie zu empfangen und nach! Dates-Hall zu geleiten, wo man Sie bereits erwartet. Mein Name ist Harry Dates; ich darf wohl kaum hoffen, daß Sie sich meiner noch erinnern." „Sir Harry — in der Tat — ich hätte nicht geglaubt. Sie in England anzutreffen! Lady Dates schrieb mir, daß Sie sich!-meist tot Ausland aufhielten und —" „Sie sind nun sehr enttäuscht, mich hier zu finden! Sprechen Sie es nur ruhig aus, Miß Gratton, als Kinder pflegten wir uns nnsere Meinungen. keineswegs vorzuenthalten." „O, das wollte ich durchaus nicht sagen, wie könnte ich das?" wehrte Jane verwirrt diese Behauptung ab, sich vergeblich; bemühend, in der schlanken, männlichen Erscheinung ihres Begleiters den halberwachsenen Knaben Von damals zu erkennen. . , , Er half ihr aus der Verlegenheit, indem er sie einlud, in dem großen, bequemen Wagen Platz zu nehmen, in dem sich; ihre Koffer und ihr sonstiges Gepäck bereits befanden. Unter fröhlichem Geplauder legten sie die ganze, nicht allzu lange Fahrt durch! die herrliche Gegend zurück, lvährend die Schatten des Abends sich tiefer und tiefer auf die Felder senkten und dem Gehölz am Wege -entlang einen geheimnisvollen Reiz verliehen. , Bald hatten sie die alte Besitzung erreicht; ein düsteres- unregelmäßig gebautes, schloßartiges Gebäude, aus dessen Fenstern Heller Lichtschein strahlte, und durch dessen geofs- nete Haustür Jane in eine große Vorhalle blickte, deren glänzender Fußboden den Schein eines behaglichen Kamtn- feuers widerspiegelte. Als die Angekommenen die Halle betraten und- -eben tot Begriff waren, die breite Treppe zum zweiten Stock hinauszugehen, trat ihnen die stattliche Ersch;einung der Lady Dates entgegen. Sie begrüßte und umarmte Jane aufs herzlichste und zog sie sogleich mit sich: in das nächste Gemach, 679 — eine Art von Empfangs- oder Speisezimmer mit schön geschnitzten Eichenmöbeln, in welchem eine kleine Gesellschaft von vier Damen und eben so vielen Herren um den Theetisch versammelt war. Tie Lady selbst half Jane beim Ablegen ihrer Sachen und stellte sie sogleich den Versammelten vor, welche die Neuangekommene in dem einfachen, dunklen Reisekleide mit den, von der etwas scharfen Lust und von Befangenheit geröteten Wangen kritisierend von der Seite musterten. Jane fühlte, daß ihr schlichtes Kleid nicht recht zu den eleganten, duftigen Toiletten der Damen paßte; sie ärgerte sich im füllen über die Handlungsweise der Lady, welche sie, in der Freude über ihr Eintreffen, sofort wie sie ging und stand in die Gesellschaft führte.- Doch bald vergaß sie all ihre Skrup!el über die Liebenswürdigkeiten der jungen Herren ihr gegenüber, für welche diese ungekünstelte, Prunklose Schönheit in ihrer ersten Fugend jedenfalls einen großen Reiz haben mußte; denn sie sammelten sich eifrig um sie, ihr jede nur erdenkliche Aufmerksamkeit erweisend. Lady Iates' zufriedenes Lächeln zeigte, wie sehr sie sich über den Erfolg freute, der ihrem Schützling zu teil wurde. Bald nachher war auch Sir Harry eingetreten, und mit ihm kam neues Leben in die Unterhaltung, neues Scherzen, neues Lachen. Jane sand, daß der Sohn des Hauses bei weiten! der stattlichste der anwesenden Herren war. In seiner Erscheinung erinnerte er an die stolze Gestalt der Lady, sein Wesen war gewinnend, doch zugleich auch! ernst und männlich, während die Liebenswürdigkeit der anderen dem jungen Mädchen angelernt, leer und phrasenhaft erschien. Es war Jane sehr erwünscht, als nach einer Stunde die Gesellschaft sich verabschiedete und es ihr möglich wurde, ftch! für heute auf ihr Zimmer zurückzuziehen, um sich von den Strapazen der Reise und allem Ungewohnten auszu- ruhen. Ein seltsames Gefühl überkam sie, als ihr Blick beim Entkleiden auf den breiten, goldenen Ring fiel, den sie an ihrer linken Hand trug. Sie konnte sich über dies Gefühl keine Rechenschaft geben und plötzliche wie wenn der Reif fte drückte, zog sie dies Zeichen ihres Verlöbnisses mit Willy eilig vom Finger und barg es in ein Kästchen, das sie tief rn die Schublade ihrer Kommode versteckte. Das Gesicht Janes, welches der darüberhängende Spiegel bei dieser Handlung zeigte, war von einer tiefen Röte überzogen. War sie d er Reflex einer Gewissensregung über die eben vollzogene, wenn vielleicht auch kaum bewußte Treulosigkeit gegen ihren Bräutigam? Bald darauf hatte ein fester Schlaf das junge Mädchen umfangen und sie aller Skrupel und Bedenken enthoben. Fortsetzung folgt. Maudereien aus der Kaiferstadt. (Nachdruck verboten.) Symphonie im Opernhause. — Das Dreimännerdenkmal am Goldfischteich. — Sohnrey's Dorsmusikanten. — Cavaretklänge Tie künstlerisch am höchsten stehenden Konzerte, die in der Reichshauptstadt geboten werden, sind die Sym- Phonie-Abende der Königlichen Kapelle unter der Leitung des genialen Felix Weingartner. Aber nur einem ganz geringen Bruchteil des millionenköpfigen Publikums ist es vergönnt, diese musikalischem Höhenabende mitgenießend zu erleben, nicht etwa der Eintrittspreise wegen; denn bas Stück Geld dafür möchte nianch em Enthusiast mit dem größten Vergnügen opfern; nein, es ist fast niemals ein Billet zu haben. Der alte Stamm -5 Abonnenten ist so groß, daß für die Fremden und Nicht Abonnierten so gut wie nichts an Plätzen übrig bleibt. Fch> kenne eine alte Dame, der es im vorigen Winter trotz allen heißen Bemühens nicht ein einziges Mal ae- lungen ist, ein Billet zu erlangen. Es sind eben immer wieder dieselben erwartungsfrohen Gesichter, die das und d)/ Runge alle bis auf den letzten Platz füllen, leidenschaftliche Kunstfreunde, echte Verehrer der absoluten Musik, treue Anhänger des Meisters Beethoven, der hier ZU Worte kommt. Dazwischen die blasierten Physiognomien jener unglaublichen Leute, die überall da- ^>u müssen, wenn ihnen auch Beethoven PirX^hn«,8 sagen hat, deren heimlichen Götze ^ollo-Theater oder Julius Einödshofer, der Komponist des „Kleinen Köhn", zu fein pflegt. Während ?PCrpff?tCTn I)fltozen stunde heucheln sie fabelhaftes Interesse, aber nach! und nach schleicht sich! jene blöde Müdigkeit rn ihre Züge, die ihre am Schlüsse begeistert applaudierenden Hände Lügen straft. Mitten in einem zarten; Pianissimo überwältigt sie das Gähnen und nur mit dem Gedanken an Uhl, Hiller oder Dressel, wo sie nachher soupieren wollen, vermögen sie sich einigermaßen in Fassung, zu erhalten. Freilich, ist es auch eine schwere Kost, die Weingartner in seinen ersten Teilen zu bieten pflegt. So brachte er das letztemal geben List's gewaltiger Dante-Symphonie mit ihrer geradezu erschütternden Höllen-Malerei zwei Vorspiele Hans Pfützners, des immer mehr in den Vordergrund tretenden Berliner Komponisten, die für Ibsens „Fest auf Solhaug" komponiert sind und in ihrem stimmungsreichen Feingehalt die schöpferischen Kräfte dieses Talentes oft überraschend eigenartig, zu tage treten lassen. Beethoves D-Dur-Symphonie, die den zweiten Teil füllte, nimmt man in einem solchen Konzert schon als eine Art Erholung, natürlich im edelsten Sinne gemeint. Denn die Tiefe und der Gedankenreichtum seiner symphonischen Werke ist trotz aller Modernen immer noch, einzig, wenn man auch an dem Denkmal am Goldfischteich im Tiergarten, das nun erst im nächsten Frühling eingeweiht werden soll, beinah zu anderen Vorstellungen kommen könnte. Schon daß man ihn mit Heyden und Mozart zusammen auf ein S'am ent gestellt hat, will vielen nicht gerade glücklich gerecht erscheinen, nachdem sie kurz zuvor das Wagner-Monument, aus dem der Bayreuther Meister sehr bequem als Alleinherrscher thront, passiert haben. Daß aber Beetoven auf dem Dreimännerdenkmal den unglücklichsten Platz erhalten hat und fein Antlitz dem melancholischen Gewässer zukehrt, als habe man ihn an diesem versteckten Platze noch extra verstecken wollen, berührt wirklich seltsam. Ueberhaupt unsere Denkmäler! Das gäbe ein langes Kapitel mit wenig Behagen. Lassen wir die marmorne Pracht, die unter den halbentlaubten, herbstlich gefärbten Wipfeln des Tiergartens doppelt kalt erscheint, und gehn wir auf ein paar Stunden zu Kroll, ivo auf den Brettern, pie seit ein paar Jahren „Neues Königliches Theater" heißen, von eifrigen Dilettanten ein Stück Thüringer Dorsleben lebendig gemacht wird. Man spielt dort Heinrich Sohnr eh's „Dorfmusikanten", einen Trompeter von Säckingen. Geschichte, ins! Thüringisch- bäuerliche transponiert. Sohnrey, der durch seine Dorfnovellen sowohl als auch, durch seine journalistische Tätigkeit im Interesse des Bauernstandes eine ernste Beachtung verdient, zeigt in diesem Stücke nicht gerade, daß er dramatische Gestaltungskraft besitzt. Trotzdem finden die Vorstellungen, die zu einem wohltätigen Zwecke erfolgen und Protektion in hohen Kreisen genießen, ein großes und dankbares Publikum, das sich natürlich zur Hälfte schon aus den lieben Angehörigen rekrutiert, die das üntwielende Töchterlein auf der Bühne bewundern wollen. Eine Er- schemung, die bei lokalen Festspielen allerorten zu tage tritt und zum mindesten kein Unheil anrichtet! Und man kommt wahrhaftig bei diesen harmlosen Dilettantenleistungen, die durch die Siegte eines Fachmannes von der Hofoper immerhin aus einer gewissen annehmbare!: Höhe stehn, noch viel eher auf feine Rechnung, als wem: man das Unglück hat, von irgend einem großstädtischen Nachtvogel in eines jener Kabarets verschleppt zu werden, die als giftige Nachblüte Wolzogenscher Ueberkunst sich in diesem Herbste noch zahlreicher aufgetan haben, als das Jahr zuvor. Natürlich handelt es sich hier erst recht um ein Geschäft. Man bewirbt sich entweder um eilte Einladung, die zwischen 50 Pfennig und 3 Mark Entgelt „mit Wonne" zu haben ist, oder aber man zahlt vor dem verdächtigen Saal 1 Mark für Garderobe und genießt auf diese Weise „freien Eintritt". Drinnen aber bestellt inan sich auf die liebenswürdige Nötigung eines anhänglichen Ganymedes hin eine Flascne fehr mäßigen aber stolz im Preise gehaltenen Weines; denn Bier ist aus Stimmungs-' gründen — und weil der Wirt sonst Saalmiete beansprucht — streng verpönt. Alsdann ist man fertig zum Genuß, Man trtnkt den Wein gewöhnlich nicht aus, auch wenn man Hilfe dabei findet; aber trotzdem schmeckt er uns schließlich doch besser als das groteske Gemengsel voN übergeschnappter Poesie verkannter Halbgenies, brutaler Zoten perverser „Dichterinnen" und schlecht gesungener), grazieloser Chansons gesunkener Opernsterne. Der Grobgehalt schwankt. Hier und da ist man etwas manierlicher; an anderen Orten geberdet man sich dafür um fo cyni- 680 scher; einige wenige dieser Afterkunst-Tempel geben sich sogar Mühe, von der trivialen Schablone nach Kräften abzustechen. Aber selten mit Glück. Nun, ich denke, auch diese Ueberbrettl-Nachwehen werden wir alsbald überstanden haben! A. R. Vermischtes. * ®te Verlobung am Koburger Hofe, wo weben die Schwester des jugendlichen Herzogs Karl Eduard mit dem Fürsten Alexander v. Teck versprochen wurde, setzt den Gerüchten ein Ziel, nach denen die Prinzessin Alice von Großbritannien und Irland die im stillen erwählte Braut des deutschen Kronprinzen sei. Lange genug hat es geheißen — und die Mär ist namentlich von englischen Gesellschaftsblättern sorglich gehegt und gepflegt worden — es bekunde der älteste Sohn des deutschen Kaisers ein nachhaltiges Interesse für seine fast gleichalterige Base, die mit ihrer Mutter, der verwitweten Herzogin van Albany, meist auf deutschem Boden lebt, seitdem der Tod des feines eigenen Sohnes und Erben zuvor beraubten Herzogs Alfted von Koburg (Edinburg) und der Familienrat der englischen Agnaten den jüngeren Bruder der Braut zum Nachk- folger in den thüringischen Herzogtümern und dereinstigen Oberhaupt der weitverzweigten Koburger Fürsteufamilie gemacht hatten, die nrit sämtlichen regierenden und de Pos sedierten Dynastengeschlechtern verwandt ist und außer in den sächsischen Stammlanden in England, Belgien, Portugal und — Bulgarien regiert. Die Braut ist eine überaus anmutige Erscheinung und im Jugendschmuck ihrer 20 Jahre am Berliner Hofe und in den intimen Familienzirkeln der Kaiserin bisher die erklärte Schönheit gewesen. Der Vater der Braut war der stets zarte und kränkliche jüngste Sohn der Königin Viktoria von England, Prinz Leopold, Herzog von Albany, der als Kurgast infolge eines Stnrzes von der Treppe im Kasino zu Cannes am 28. März 1884 gestorben ist. Seine Witwe Helene, geborene Prinzessin von Waldeck, eine Schwester der Königin-Mutter der Niederlande und der verstorbenen ersten Gemahlin des Königs von Württembergs hat dem jetzigen Herzog Karl Eduard von Koburg-Gotha erst vier Monate nach dem Tode seines Vaters das Leben geschenkt. Sie hat als Witwe unfrohe Tage gesehen, namentlich seitdem sie ihre Schwiegermutter, die Königin Viktoria, vergeblich- um die Erlaubnis zu ihrer Wiederverheiratung und zwar mit Lord Rosebery, dem Witwer von Hanna von Rothschild, gebeten hatte. Die Herzogin von Albany mußte die Ungnade ihrer königlichen Schwiegermutter fühlen und war, für sich mit 6000 Pfund und für ihre Kinder vom Parlament gar nicht dotiert, meist genötigt, bei ihren Verwandten auf dem Kontinent der Reihe nach- einen standesgemäßen Familienanschluß zu finden. Baldin Stuttgart, bald in Koburg, bald in Potsdam, siedelte sich die Herzogin mit ihren Kindern an, bis die Verhältnisse durch die Thronbesteigung ihres Sohnes eine Aenderung erfuhren, und von ihr, der jetzt 42jährigen, heißt es, sie^ habe nur die Verheiratung ihrer Tochter abwarten wollen, um Hymens Fackel noch einmal und zwar für sich- selbst zu entzünden. Der Bräutigam, Prinz Mexander von Teck, Bruder der Prinzessin von Wales, ist der- dritte Sohn des verstorbenen, in England naturalisierten Herzogs und der in England so überaus populär gewesenen Prinzessin Marie Adelaide, einer verstorbenen Schwester des Herzogs von Cambridge und der Großherzogin Auguste von Mecklenburg- Strelitz. Die Herzöge von Teck sind die unebenbürtigen Nachkommen jenes Herzogs Mexander von Württemberg, als dessen Finanzminister Jud Süß eine so tragische Rolle gespielt hat. Den Namen haben die Tecks von der bei Owen im württembergischen Donaukreis gelegenen Ruine. Prinz Alexander von Teck ist englischer Hnsarenmajor, 1874 geboren und hat 1896 rn Matabeleland und Von 1899 bis 1900 im Burenkriege gedient. * Aus der Tertia zum Traualtar. In den Jugenderinnerungen des verstorbenen preuß. Ministers Bosse finden wir unter zahlreichen ernsten und heitern Einzelheiten folgendes köstliches Geschichtchen. Bosse berichtet p „Einer unserer Mitschüler in Tertia überragte auch die größten unter uns um mehr als Haupteslänge. Er war der Sohn eines wohlhabenden Bauern aus dem benachbarten Dorfe Warnstedt und hieß Leonhard Bodenstein. M saß schon seit drei Jahren in der Tertia und mußte wenigstens 18 bis 19 Jahre alt sein. Er war ein gutmütiger, harmloser Bursche. Sein Interesse beschränkte sich auf Essen und Trinken, aber mit dem Lernen wollte es durchaus nichts werden. Eines Tages kam während der Unterrichtsstunde der „Herr Direktor", für uns eine gewaltige Respektsperson, in die Klasse und hörte dem Unterricht zu. Am Schlüsse der Stunde fragte er zu unferm höchlichen Erstaunen unfern großen Mitschüler: Nun, Bodenstein, Sie wollen abgehen? Wie hängt denn das zusammen? So mitten im Semester? — Ja, .Herr T'rekter, erwiderte Bodenstein, mein Vater will, daß ich mich verändern soll. — Die ganze Klasse brach in ein homerisches Gelächter aus. Sich verändern heißt in meiner Heimat soviel wie heiraten. Sogar der Direktor und der Klassenlehrer konnten sich des Lachens nicht erwehren. Aber Bo- denftein, sagte der Direktor, Sie wollen doch nicht heiraten? — Doch, Herr T'rekter, entgegnete Bodenstein gleichmütig. Er ging wirklich ab, um aus Tertia heraus in den Stand der heftigen Ehe zu treten. Das war freilich in unserer Tertia noch nicht dagewesen, und wir erzählten zu Hause unfern Eltern den Vorgang mit sehr gehobnem Tertianerbewußtsein." Kleine praktische Ratschläge. Möbel zu polieren. Feine einheimische Holzarten, sowie auch dre festen ausländischen Hölzer werden am ein- sachisten nut Milch poliert. Nachdem die Möbel von Schmutz und Staub gereinigt sind, nimmt man Milche und zwar so frisch wie möglich, da dann die fetten Teile sich noch nicht abgesondert haben, und streicht sie auf das Holz, worauf man mit einem wollenen Lappen so lange reibt, bis alle Feuchtigkeit verschwunden ist. Dieses Verfahren wird mehrere Male wiederholt. Die Milch hat vor dem Oel den Vorzug, daß sich der Schmutz nicht so leicht an die Geräte hängt, daß sie keinen unangenehmen Geruch verbreitet, und daß die Möbel sogleich wieder gebraucht werden können. Bet neuen Möbeln wiro das Einreiben wöchentlich wiederholt. — Neber die zunehmende Unfähigkeit der Frauen, ihre Kinder zu stillen, hatte Prof. G. v. Bunge 1899 in der medizinischen Gesellschaft zu Basel! einen Vortrag gehalten, der allgemeines Aufsehen in allen ärztlichen Meisen erregte, umsomehr, da der Redner als Hauptursache dieser beklagenswerten Erscheinung den Alko- holismus nachwies. Soeben erschien jener Vortrag in 3. Auflage (Verlag von Ernst Reinhardt, Münchens, und die 665 Fälle, die Bnnges erster Statistik zu Grunde gelegt waren, sind auf ein Material von 1629 Fällen an gewachsen. Tas Ergebnis hat eine Aenderung nicht dadurch erhalten, keit, ihr Kind zu stillen und diese Fähigkeit Die Tochter eines Trinkers verliert in der Regel die Fähig- ist unwiderbringlich verloren für alle kommenden Generationen. Wortspiel. Nachdruck verboten. Cs sollen neun Wörter von der Bedeutung unter a gesucht werden. Von jedem dieser Wörter ist durch Umstelltmg der Buchstaben ein anderes Hauptwort zu bilden von der Bedeutung unter b. Sind die richtigen Wörter gefunden, so bezeichnen die Ansaugs- buchstaben unter b ein weihevolles Musikstück. 1. Amtsperson 2. Griechischer Gott 3. Vorname 4. Zeichen 6. Gebäck 6. Griechische Göttin 7. Teil des Feldes 8. Stimmungsausdruck 9. Land in Asien b. Amtskleid Blume Singvogel Gefäß Kriechtier Nahrungsmitrel Land in Asien Truppengattung Nutzgewächs (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Rösselsprungs in vor. Nr.r Dein bestes Glück, o Menschenkind, Berede dich mit nichten, Daß es erfüllte Wünsche sind. Es sind erfüllte Pflichten. Gerok. Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Brstbl'schcn Universitäts-Buch- und Steindruckerei. N. Lange. Güßen»