1903. Witlivoch den 14. Hktoöer. Bl i 1 H-uW 8 m M« ■g M (Nachdruck verboten.) Das WemWeil m der Bretagne. -Von B. W. Howard. (Fortsetzung.) „Diese Kohlenzeichnung wird Sie kaum interessieren", sagte Hamor zuversichtlich; „wir wollen lieber die Farben- skizze vornehmen. Posez Guenn mit dem Wasserkrug." „Sogleich", erwiderte Guenn mit fröhlicher Bereitwilligkeit.^ „Kopf links, rechten Fuß vor, die linke Schulter etwas herunter!" „Kanu ich ertragen, das mit anzusehen?" seufzte der Priester innerlich. „Die Skizze ist beinahe vollendet", erklärte Hamor freundlich; „aufrichtig gesagt", setzte er lachend hinzu, „habe ich schon bessere Bilder gemalt, was das Technische betrifft, aber Guenn sieht in dieser Stellung ganz besonders hübsch aus, cknd die meisten Leute fragen ja nach nichts anderem." „Großer Gott!" dachte der schweigsame Priester, „ist es dahin gekommen! Ein freies, bretagnisches Mädchen, — die sich dazu hergibt! Ist das die kühne, furchtlose Guenn Nodellec — gefangen, gezähmt, abgerichtet — dem Wunsch und Willen eines fremden Mannes gehorsam!" Thymert versagte der Atem, er zog krampfhaft an seiner Soutane, ihm war, als müsse ihm die B-rivst vor bitterem Weh zerspringen. Guenn fühlte sich stolz und glücklich bei rhrem Tun, bas ließ sich nicht verkennen, ihre ganze Seele war willenlos hingegeben unter des Malers sorgloser Hand. Ein wildes Verlangen ergriff ihn, weit hinaus- zusegeln mit seinem Boote, hinaus in die zornige, stürmische See. „Ich muß fort", stieß er hastig hervor. „Ich habe- toetttg Zeit." „Aber wir haben ja noch gar nichts ausgemacht", klagte Guenn mit einem bedauernden Blick auf Hamor. „Das hat keine Eile," sagte der Maler höflich, „wenn monsieur le recteur heute zu-cheschäftigt ist. Wir wollten nämlich für ein paar Tage um Gastfreundschaft auf den Lanmons bitten. Das Vorurteil der Welt, monsieur le recteur macht auch uns Künstlern das Leben schwer. Man läßt uns nicht ruhig gewähre,! - sogar in der kleinen Welt von Plouvenec nicht", setzte er lachend hinzu. „Da ich Sre, aber als großen Geist kennen gelernt habe, werde M e Not nicht zögern, Ihre Hilfe für meine künstlerischen Plane rn Anspruch zu nehmen." »Sehr wohl, Monsieur, sehr wohl", versetzte Thymert, srch steif vernergend; er fühlte sich durchaus nicht aufgelegt, der Kunst blindlings zu dienen, und ahnte nicht im entferntesten, was Monsieur Hamor eigentliche von ihm wolle. Guenns schmeichelnde Stimme machte ihm jedoch bald klar,- um was es sich handelte. „Sehen Sie, monsieur le eure", begann sie glühend vor Eifer, „es ist unser großes Mld. Ich stehe in dem Fährboot; Monsieur sagt, ich sei so hübsch mit dem großen Ruder. Aber natürlich würden alle Buben kommen, um mich anzusehen und uns bei der Arbeit stören. Deshalb möchten wir zu Ihnen herüber kommen, wo sich niemand darum kümmert, was wir tun. Es war meine Idee, ich sagte Monsieur Hamor gleich, daß Sie uns beistehen würden. Es trifft sich glücklich, daß Sie heute gekommen sind, denn wir haben nicht viel Zeit zu verlieren. Das Wetter ist gerade jetzt noch günstig und die Beleuchtung ist gut", erklärte sie voll neuerworbener Weisheit; „das Biw ist für ,Salon' bestimmt", fügte sie noch mit ehrfurchtsvoller Scheu im Flüsterton hinzu. Mas kümmerte sich Thymert um Beleuchtung, Malerei und Kunstausstellung — doch den, innigen Verlangen, das aus Guenns Worten sprach, konnte er nicht widerstehen. „Kind, liebes Kind", rief er aus, alles um sich her vergessend; „fordere von mir, was Du willst, Thymert und die Lannions sind immer bereit, Dich zu empfangen, wenn Du ihrer bedarfst." Er reichte Hamor flüchtig die Hand und schritt bereits' im nächsten Augenblick über den Hof. Das Fratzengesicht hinter ihm lachte lange und unhörbar. 14. Kapitel. „Du bist schön, Guenn, bleibe schön für mich", — diü Worte wirkten wie ein Zauber auf das junge Mädchen. Sie schien mit jedem Tage liebreizender zu werden. Eine Flut neuer Gedanken, das innere Glück, das ihr Hamors ständige Gegenwart bereitete, das stolze, beseligende Gefühl, daß er ihrer bedurfte, ihr eifriges Streben, allen seinen Wünschen gerecht zu werden — durchgeistigte ihr ganzes Wesen wie nie zuvor. Keine glückliche Braut, seng im Bewußtsein von ihm, dem Herrlichsten von allen, auserkoren zu sein, konnte sich sicherer, wonnetrunkener fühlen, als Guenn in diesen schönen Tagen. Kein tapferer junger bretagnischer Edelmann, der an der Spitze der Chouans zwischen den mächtigen Granitmauern seiner eigenen blühenden Besitztümer gegen die Republikaner marschierte, hatte je von reinerer Hingabe für seine heilige Sache geglüht, als dieses feurige, treue Herz für das, was es als seinen hohen Beruf empfand. Sie gab ihr Herz dem neuen Gefühle hin, wie sich die Rose deni warmen Strahl der Sommersonne erschließt, alle weiblichen Triebe in ihr erwachten, die kleinen Rauheiten und Schroffheiten ihres Wesens verschwanden und nur selten noch zeigte sich der alte trotzige Zug um ihre jungen Lippen. Dabef verlor sie nichts von ihrer Eigenart, die sie so vorteilhaft vor den andern Mädchen auszeichnete — sie bewahrte ihren Abscheu vor jeder Falschheit und Hinterlist, ihre Gerechtig- keitsliebe, die sie trieb, sich der Schwachen und Wehrlosen — 610 an zunehm en und die Abwesenden zu verteidigen — Züge, die man in jedem Rang und Stand so selten bei dem weiblichen Geschlecht antrifft, und die doch wahrlich für die höhere Bildung des Weibes wichtiger sind als Keramik und Sanskrit. — Guenn hatte ihr Leben lang etwas zu schützen und zu pflegen gehabt, ein Vögelchen, das aus dem Nest gefallen war, ein krankes oder gequältes Tier, das sie in der zerlumpten Schürze nach Hause trug. Seit ihrem sechsten Jahr hatte man sie in Plouvenec so gesehen, und das zornige kleine rosige Ding wußte dabei tapfer die geballte Fanst gegen die sie verfolgenden bösen Buben zu brauchen. Später sorgte sie wie ein ängstliches Mütterchen für Nannte, der noch jetzt, obgleich er so klug geworden, seiner Lahmheit halber ihre Pflege nicht entbehren konnte. Auch Jeanne stand unter ihrer Obhut; sie selbst plagte sie zwar zu Zeiten aufs unverantwortlichste, aber wehe demjenigen, der es außer ihr gewagt haben würde, Jeanne zu nahe zu treten! Kurzum, Guenn liebte „ihre Leute", und beschützte alle, die ihrer Hilfe bedurften. Und nun widmete sie ihre liebe Fürsorge, diesen mächtigsten aller Triebe, Humors Bilde, Hamors Interessen, und vor allem Hamor selbst. Sie brachte sein Atelier in Ordnung, stellte Blumen in seine Vase, wusch seine Pinsel, und als sie ihn eines Tages schlafend'fand, legte sie sorglich einen Shawl über seine Kniee, wofür sie nur ein rauhes: „Nimm die Decke weg, ich lasse mich nicht verhätscheln!" als Dank erhielt. Solche Kleinigkeiten konnten sie jetzt nicht mebr berühren. Selbst wenn Monsieur Hamor Jeanne auf die Wange klopfte, fühlte sie keine Eifersucht mehr. Jeanne war ja ein Kind und stand nicht in so ernstem Bündnis mit Monsieur wie sie selbst. Sogar Staunton entging die Veränderung im Aeußern und Innern des Mädchens nicht, obgleich er gerade in eine neue, große Strandlandschaft vertieft war und zudem sterblich verliebt in eine junge Dänin drüben in Nevin. Trotz eigener Arbeit, Hoffnung und Liebeslust ließ er eines Tages, als Guenn freundlich grüßend an ihm vorüberschritt, die Bemerkung fallen: „Das hübsche Kind wird ja alle Tage größer und schöner!" Unterdessen hatte sich in Guenns Kopf eine andere Idee festgesetzt; ihr kam plötzlich die unbestimmte Empfindung, als fehlten ihr verschiedene äußere Zutaten um Hamors ganzen Beifall zu erringen. Bisher hatte sie sich ihrem Anzug gegenüber vollständig gleichgiltig verhalten. Wenn nur die Coiffe in fleckenloser, schneeiger Weiße schimmerte, ob dann die übrige Kleidung abgetragen und schadhaft erschien, das machte den braven, bretagnischen Mädchen wenig Kummer. Sie tanzten lustig an Markt- und Festtagen, ohne auch nur einen Gedanken an diese Mängel zu verschwenden. Guenn sah freilich auch die reichen Bauerntöchter aus Quimper und Nevin in den alten Sckb erstickereien, den breiten bretonischen Spitzen an den Hauben und den funkelnagelneuen Wollröcken, aber sie bemerkte zu gleicher Zeit, was ja jeder sehen mußte, der Augen im Kopfe hatte, daß sie selbst stets von den besten Tänzern und den bravsten Schiffern umdrängt war. Die Martosen des Herrn Kommandanten, Leute, die mit allen hübschen Mädchen in den großen Hafenstädten der ganzen Welt getanzt hatten, Wetterhafte Männer, auf deren blauen Kappen mit den lustig flatternden Bändern „Merle" in wechen Buchstaben stand — sie alle würdigten die schwerfälligen, aufgetakelten Mädchen von Quimper keines Blickes, sondern trachteten nur mit gierigem Verlangen ein Lächeln oder em launiges Wort von der kleinen reizenden Schönen zu erhaschen, die sich mit so sorgloser Anmut in den endlos verschlungenen Jrrgängen der Gavotte bewegte. Wer achtete wohl auf ihre Flicken oder ihre verschossene Kleidung? So hatte denn Guenn bisher weder Tand noch Mode- tram bedurft. Jetzt aber ging all ihr Dichten und Trachten danach. Monsieur sprach immer so viel von Farben und •vPFPr' da lag es doch auf der Hand, daß sie ihm eine viel beßere Hilfe bei seinem großen Werk sein konnte, wenn sre ein neues, farbiges Kleid von gutem Schnitt und ein paar bunte Bänder obendrein besäße. Eines Tages fand sie Hamor vor dem Spiegel in der ' » des Ateliers in ernster Betrachtung ihres Bildes ver- lunken. Er beobachtete sie lächelnd und dachte: „Die Weiber ind doch alle gleich!" — eine Lieblingsbehauptung sehr jugendlicher Männer, die sich! auf ihre Menschenkenntnis etwas zu Gute tun. Er wurde jedoch einigermaßen irre an seiner Weisheit, als sie ihm ohne die geringste Verlegenheit freundlich zulächelte und ruhig in ihrer Prüftmg fortfahrend, bemerkte: „Ich möchte doch gern herausbekommen, was Ihnen an meinem Gesicht so gut gefällt — was kann es nur sein? — Wissen Sie" — sie brach in ein lustiges Lachen aus — „ich sehe nur Guenn Rodellec und nichts werter!" Daber blickte sie forschend in ihre großen, blauen Augen und ordnete die weiße Coiffe, ohne eine Spur von Eitelkeit. Trotzdem war ihres Herzens sehnlichster Wunsch -auf neue Kleider gerichtet. Das Guadenfest zu Revin rückte näher, dort versammelte sich alle Welt, und Hamor würde sre tanzen sehen. Dies war zwar schon der Fall gewesen, ab und zu bei kleineren Anlässen, aber noch nie als glück- lrche.Bewerberin bei dem großen Preistanz, wo die jungen Mädchen aus sieben Ortschaften um den Sieg rangen Guenn kannte ihre Kräfte; häufig hatte sie das Feld großmütig den anderen überlassen, aber diesmal wollte sie sich in ihrem Glanze zeigen urrd die Preise gewinnen, welche für die beste und ausdauerndste Tänzerin bestimmt waren. Er sollte staunen! — Im Hinblick darauf begann sie auch, arglos berechnet, ihrem vernachlässigten Liebhaber Alain wieder einige Beachtung zu schenken. Er war von jeher ihr Lester Tänzer gewesen, und sie hatte ihn jetzt seit Wochen aufs grausamste übersehen. Für ein Plouvenecer Dorfmädchen war es keine leichte Sache, sich ein neues Gewand zu verschaffen, da die Eltern jeden Pfennig des regelmäßigen Verdienstes beanspruchten. Nur hier und da gab es einen extra Franken für Botengänge und andere kleine Nebendienste, der sie auf kurze Zeit reich machte. Hamor und Staunton hatten schon mehr als einmal mit Rührung und- Verwunderung beobachtet, wie Guenn und Jeanne für ihre paar überschüssigen Sous von einem Gärtner Herbstblumen erstanden, mit denen sie spielten und sich vergnügten, als hätten sie ein Anrecht nicht nur auf die Notdurft, sondern auch auf den Schmuck des Lebens. „Man sollte es wirklich kaum glauben", sagte Hamor entzückt, als er von seinem Fenster aus die beiden Mädchen mit ihren Blumenschätzen im Hofe sitzen sah, „wer so etwas in einer Beschreibung der Bretagne zu lesen bekäme, würde es jedenfalls für erfunden halten." „Die armen Dinger, ihnen scheint's ganz natürlich!" bemerkte Staunton gutmütig. Guenn hatte also offenbar keine Sparpfennige zur Ber- fügung und keinen Anspruch auf ihren Verdienst. Sie mußte auf andere Mittel sinnen, sich das erforderliche Geld zu verschaffen, wollte sie ihre Pläne für das Reviner Gnadenfest zur Ausführung bringen. Es war ja nicht nur das neue Kleid, das sie ersehnte — einmal angeregt, verflieg sich ihr Ehrgeiz noch weiter bis zu einem Kopfputz mit breiten, schönen Spitzen — die Monsieur sicher gefallen würden — und zu einem neuen Brusttuch. Und noch eins war der Gegenstand ihres heißen Verlangens — ein Etlvas, dessen Besitz den schroffen Gegensatz aufheben mußte, der zwischen ihrem Leben und dem ihres Abgottes bestand, und den sie trotz aller Glückseligkeit mit jedem Tage klarer zu sehen begann, — es war ein Stückchen weiße, wohlriechende Seife. (Fortsetzung folgt.) Gin Haunnsspaziergang. Frankfurt a. M, im Sept. Einen der schönen Spätsommertage benutzten wir, um eine Partie in den Taunus zu unternehmen, die das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden sollte. Wir wollten uns wieder einmal an der herrlichen Natur erfreuen und erfrischen und zugleich die beiden, diesen Sommer eröffneten Anstalten: das Lehrerinnenheim auf Hohemark und das Kinderheim bei Schönberg besichtigen. Mit dem Schnellzug erreicht man in 20 Minuten Ob erurs el, Station der Frankfurt-Homburger Bahn, das aufblühende Städtchen, das am Fuße des Taunus gelegen, sich zu einer wahren Villenvorstadt Frankfurts herauswächst. Weniger bekannt als Cronberg i. T., das mit dem Witwensitze der unvergeßlichen Kaiserin Friedrich, Schloß Fried- richshof, einen Weltruf erlangt hat, das eine berühmte Künstlerkolonie besitzt, und wohin die Frankfurter Millionäre mit Vorliebe ihre fchloßartigen Billen bauen, bietet 1 1 < i 1 i ( ! 1 r s i 5 1 c 1 ( 1 $ l i < 1 1 611 — es gerade dem Mittelstände, der fern von der Unruhe und dem Getriebe der Großstadt sich eines behaglichen ruhigen Heimes erfreuen will, eine erwünschte, nicht zu teure Unterkunst. Kaufleute und Gelehrte, Architekten und Angestellte, deren Beruf sie täglich nach Frankfurt führt, wählen mit Vorliebe Oberursel als Wohnsitz, was sie um so eher können, da die Stadt gute Schulen besitzt und alle Lebensbedürfnisse preiswert zu haben sind. So sind, dem Bedarf entsprechend, neue Straßen mit schönen Wohnhäusern für eine oder mehrere Familien entstanden, alle von Gärten umgeben und praktisch, der Neuzeit entsprechend, ans?- gestattet. Oberursel wird schon im Jahre 792 erwähnt, seine Kirche wurde von Ludwig dem Deutschen an das Domstift zu Frankfurt g/eschenkt. 1444 verlieh Kaiser Friedrich III. dem Städtchen Stadt- und Marktrecht, es gehörte zur Herrschaft Königstein und kam mit dieser an Kurmainz, von dem es 1803 an Nassau fiel. Oberursel war Hauptort des Höhenmark, einer Waldgenossenschaft, die sich tief in den Taunus hinein erstreckte und an der 28—30 Dörfer Anteil hatten. Die erhaltenen Weistümer reichen zwar nur bis 1401 zurück, doch ist die Institution eine ursprüngliche, mit der ersten deutschen Besiedelung gleichzeitige. Die Mark war der Märker rechtlickDs Eigentum, Märker war jeder der Einwohner der berechtigten Orte, der „eigenen Rauchs hatte. Im Laufe der Zeit kam es natürlich zu vielen Uebertretungen der ursprünglichen Satzungen, jeder suchte, wenn auch widerrechtlich, möglichst viel aus dem Walde an sich zu reißen, sodaß es nach vielerlei Streitigkeiten und langen Unterhandlungen im Jahre 1813 zur endgiltiaen Teilung kam. In und um Oberursel sind viele Fabrikbetriebe und zahlreiche Mühlen, die der Ursel- Lach mit Wasser versorgt. Der Wald ist nicht sehr nahe; man muß ein gutes Stück in der Sonne pilgern, Lis er erreicht ist. Wer oben angelangt, an der Hopfschen Villa, die weit und weiß in das Land hineinleuchtet, welch umfassender Blick tut sich uns auf, in die Mainebene und nach dem Spessart, nach Homburg und auf Oberursel selbst. Jetzt srnd wir im Schatten und in der Kühle des Waldes, die uns den ganzen Tag nicht mehr verlassen, im richtigen Taunuswald. Der „Ravensteintempel" ladet zur Ruhe ein, und tote verzehren hier mit gutem Appetit das mitgebrachte Frühstück. Wie herrlich sitzt es sich hier; wir lassen die Schönheit und Einsamkeit des Ortes auf uns wirken und nichts stört uns als der Anblick der ringsumher verstreuten Butterbrotpapiere und Eierschalen. Der Tempel ist ja ein beliebter Frühstücksplatz und scheint am vorhergegangenen Sonntag fleißig besucht worden zu sein. Daß die meisten Menschen so wenig ästhetisches Gefühl besitzen und kein Verständnis dafür, wie sie die Schönheit des Waldes durch gedankenlos htngeworfenes schmutziges Papier und Ueber- reste ihrer Mahlzeiten entheiligen. Wir biegen nun rechts in den Waldweg, der nach der Hohemark führt; eine Lokalbahn verbindet diese Ansiedluna mit Oberursel, aber wer gut zu Fuß ist und keine Eile hat, der totrb den Fußweg dahin vorziehen. Die ehemals so betriebsame „Spinnerei" mit ihrem Häuserkomplex liegt still und tot vor uns, kein Rauch entsteigt den Schornsteinen, kein Rad dreht sich, sie hat liquidieren müssen und harrt eines Käufers, der sie zu neuem Leben erwecken foll.^ Der alten Restauration Hohemark ist in dem neuen Waldlusthotel eine Konkurrenz entstanden, Sommerfrischler finden da gute Unterkunft. Dicht dabei liegt das Lehrer- innenheim, Altersheim und Erholunashaus für Lehrerinnen, ^as Haus macht einen schmucken Eindruck, von einem Garten umgeben enthält es 29 vermietbare Zimmer, Wohnung für die Vorsteherin, Bade- und Wirtschaftsräume, einen schonen, luftigen Speisesaal mit anstoßender, gedeckter Veranda, Salon, Lese- und Musikzimmer und reizende, in denen e§ sich, gxschMt vor Wind und Wetter, behaglich sitzen läßt. Das Heim ist das ganze Jahr geöffnet und bietet zu mäßigen Preisen sowohl ständige als vorübergehende Aufnahme. In erster Linie für Frank- furter Lehrerinnen Vestimtnt, finden, soweit Platz vorhanden, S S {0 e Lehrerinnen und andere Damen der N/?^en Stande Unterkunft. Wie manche müdgearbeitete, ^ele wird sich dort erfrischen und bei be- en emem sorglosen, ruhigen Lebensabend ent- gegengehen Hochbeftiedigt von dem Gesehenen verließen F? das uns die liebenswürdige Bor- Wte™ dom Boden bis zum Keller gezeigt Wir verfolgen den Waldweg, der nach Cronberg führt, tiefer, heiliger Waldesfrieden umgibt uns, über uns wölben sich die Gipfel der mächtigen Buchen und Eich- bäume, durch die der dunkelblaue Himmel lacht. Der Waldesboden ist bedeckt mit farbigen Pilzen aller Art. Wir kommen an der neuerbauten Nerven- und Heilanstalt Hohemark vorbei, die in ein paar Wochen eröffnet werden soll. Nach ungefähr fünfviertelstttndigem Gehen erreichen wir das gegen Schöneberg hin am Wäldesrande gelegene Kinderheim, das diesen Sommer eröffnet worden ist. Er dient kränklichen, erholungsbedürftigen Schulkindern, Mädchen im Alter von 6—14 Jahren zum Erholungsaufenthalt. Im Parterre liegen die große Küche, Badezimmer mit Douchen und ein Raum für die Spiel- und Bücherschränke usw. Im ersten Stocke ist der Schlafsaal. Das Zimmer der Leiterin liegt daneben, auf demselben Vorplatze noch die Schlafräume für den Hausverwalter und seine Frau und das Dienstpersonal. Die jugendliche Leiterin, läßt ihre Heimkinder singen, spielen, tanzen und turnen, zieht mit ihnen in den Wald, nm Beeren zu pflücken und lehrt sie von einfachen Wald- und Wiesenblumen prächtige Sträuße binden, die dem Speisesaal dann zur Zierde dienen. Vor den ^„Ferienkolonien" hat diese Stiftung den großen Vorzug, daß das Haus den ganzen Sommer über, später auch im Winter, benutzt wird und in hygienischer Hinsicht viel mehr Garantien bietet als die Unterkunft in Wirts- oder Bauernhäusern. Die Sonne war untergegangen, es war Zeit, an die Heimfahrt zu denken, die von Cronberg aus erfolgte. Der Abendhimmel bedeckte sich mit feuriger Glut, die ihren Abglanz auf die malerisch vor uns liegend ■ 9"-dschaft warf. Wie schön ist doch unser Taunus, imr ■ Reize entdeckt der, der ihn mit offenem Auge un durchwandert. Warum in die Ferne schweifen, sie., .. Schöne liegt so nah, variieren wir und schließen mit den Worten unseres unvergeßlichen Stoltze, dieses wahren Taunus- freundes : Dir neigt der holde Friede sich zum Gruße Und Mit deine schönen Täler ganz; Dir neiget sich die Anmut und die Muse Und bieten dir den Schleier und den Kranz; Dir neigt die Schönheit sich und schließt die Reihe Und druckt dir auf die Stirn den Kuß der Weihe. E. C. — A ls V o rb o t e d er Weltausstellung in St. Louis ist soeben ein Albuin erschienen, ivelches in Wort und Bild die D eu t s ch-Tiro le r Alpen schildert, die zu den ersten Sehenswürdigkeiten jener Ausstellung gehören werden. Bereits aus der vorjährigen Düsseldorfer Ausstellung fand das Unternehmen Zustimmung; nach den Plänen seines Erbauers, Hermann Knauer, ivird es am Mississipi in fünffacher Vergrößerung erstehen. Die von der Berliner Baufirina Boswau u. Knauer Ges. m. b. H,, übernommenen Arbeiten sind in vollem Gange Merkrätsel. (Nachdruck verboten.) Laune, Astern, Herrschaft, Wicke, Licht, EraSmus, Mainz, Kaiser, Stendal, Fritz, Summe. Von jedem der vorstehenden Wörter sind 2 nebeneinanderstehende Buchstaben zu merken, die alsdann im Zusammenhang gelesen eine hohe Staatsbehörde bezeichnen. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Worträtsels in vor. Nr.t Rheinländer. Die neue Winlermode. (Berliner Originalbericht.) Bearbeitet und mit Abbildungen versehen von der Internationalen Schnittmanufaktnr, Dresden-^. Tie Hast und Schnelligkeit, die unserer Zeit eigen ist, findet auch ihren Ausdruck in dem schnellen Wechsel der Moden. Kaum ist eine neue Mode entstanden, so wird sie durch die Leistungsfähigkeit der mit dem Bekleidungs- wesen zusammenhängenden zahlreichen Industrien so allgemein verbreitet, daß sie ihre Exklusivität in aller Kürze wieder einbüßt. Diese Sachlage weist die Frau von Ge- 612 fchmacr Darauf Yin, nicht nur in Dem lediglich Neuen die wahre Eleganz zu erblicken, sondern ebenso in der individuellen Gestaltung der neuen Formen. Dies ist auch der beste Weg, sich von der Tyrannei der Mode möglichst frei zu machen, denn was nicht ausgesprochen neueste Mode gewesen ist, kann auch nicht so ohne weiteres unmodern werden. Uebrigens kommt die Mode selbst diesem Streben auch insofern entgegen, als sie, indem sie vieles bringt, jedem etwas bietet. Dabei kann man beobachten, daß es immer nur bestimmte Grundformen sind, die in der verschiedensten Weise durch Farbenzusammenstellung, Stoffwahl und Ausputz variiert werden. Betrachten wir z. B. die modernen Taillen: die leichte schmiegsame Blusensorm ist hier immer noch Trumps, doch hat dieselbe für den kommenden Winter ganz bestimmte Formen angenommen, welche zum großen Teil von der Wahl des Stoffes abhängig sind. So werden z. B. ganz leichte Stoffe, wie man sie für Gesellschaftskleider verwendet, wie Chiffon, Crepe de Chine und dergleichen, zumeist in dichte Reih- falteit oder in hochstehende gebrannte Plissees geordnet. Die folgerichtige Ergänzung hierzu ist dann fast ausnahmslos die Passe, welche in diesem Winter nicht nur bis zum Armloch reicht, sondern mit über die Armkugel greift. Diese höchst kleidsame Form erfordert allerdings einen sehr guten Schnitt, was wohl auch der Grund dafür sein mag, daß man sie oft imitiert vorfindet, indem die Passe nur auf die Taillengrundsorm aufgesetzt wird, wählend der Aermel, wie gewöhnlich, eingefügt ist und nur an der Armkugel gleich der übergreifenden Achfelpasse besetzt ist. Diese Achselpasse tritt natürlich in den verschiedensten Variationen auf,: welche teils in der Form selbst, teils tu der verschiedenartigen Ausstattung bestehen. So kann die Achselpasse z. Bi nicht nur einfach! rund, sondern auch in spitzer Form gehalten sein, wie sie unser Modell Nr. 284 veranschaulicht!. In diesem Falle besteht die Achselpasse aus Spitzenstoss! und ist der Ansatz durch einen Randbesatz gedeckt, welcher in der vorderen Mitte unter einer vollen Schleife endet. Eine andere, für diesen Winter sehr beliebte Ausstattung der Achselpassen besteht in der abwechselnden Zusammenstellung von schmalem Spitzeneinsatz mit eingereihten Stoffstreifen, wozu natürlich nur leichte und duftige Stoffe verwendet werden können. Diese Form eignet sich aber nur für die runde Achfelpasse. Will man diese Achselpassen auch für schwerere Stoffe verwenden, so läßt mau sie einfach glatt und besetzt sie längs der Rundung mit Borten, Posamentenbesätzen oder dergleichen. Eine andere charakteristische Form für den kommenden Winter ist die vorn und hinten überhängende Blusenforin mit breitem, miederartigen Faltengürtel. Diese Blusensorm kann insofern variiert werden, als sie entweder eingereiht oder in schmälere oder breitere Falten abgesteppt wird. Auch die übrige Ausstattung kann äußerst verschiedenartig gehalten sein, denn! Modell No. 284. Modell No. 271. ' 6 Modell No. 292. sie wird meistens mit einem schmalen Einsatz und kragen- artiger Schultergarnitur versehen, was schon an sich die verschiedenartigste Variation in Bezug auf Stoff, Farbe und Ausstattung zuläßt. Siehe Modelt Nr. 292. Aehnlich wie die Blusen wirken die modernen Faltenjäckchen, denn auch sie werden meist mit einem breiten Faltengürtel gearbeitet, über den die Aalten des Jäckchens nicht zu lang herabhängen dürfen. Diese Faltenjäckchen haben gegenüber der überhängenden Bluse den Vorteil, daß sie auch für stärkere und weniger schlanke Figuren kleidsam sind. Die übrige Ausstattung dieser Faltenjäckchen besteht entweder in einem Arrangement von hängenden Posamenten in der vorderen Mitte oder in einem jener so ungemein beliebtes modernen Spitzenkragen. Diese Jäckchenformen sind allerdings nur in mittelstarken Stoffen ausführbar, während man für starke Stoffe wieder andere Jäckchen erfunden hat. Dieselben sind im Gegensatz zur allgemeinen Mode meist ganz glatt gehalten. Ihre charakteristische Neuheit besteht darin, daß sie nicht wie früher mit einem Umlegekragen oder breitem Schulterkragen ausgestattet sind, sondern mit einem in der vorderen Mitte schießenden Stehkragen. Dadurch verändert sich vor allem die Form des vorderen Einsatzes, welcher nur als ganz schmaler oben spitz verlausender Streifen sichtbar wird. Diese Jäckchen werden selbstverständlich ebenfalls durch einen hohen Faltengürtel ergänzt, wie es auch unser beigefügtes Modell Nr. 271 veranschaulicht. Dem ganzen Charakter dieses Jäckchens entsprechend ist auch der Aermel ziemlich glatt gehalten und zeigt entweder Melouenform oder die einfache nach unten weiter werdende Fa?on. Für die anderen Taillen- und Blusenformen ist der Aermel auch stark von der Mode beeinflußt worden. Derselbe hat zumeist eine reichliche Weite, welche jedoch an der Achselkugel vollständig verschwinden muß, um die natürliche Form der Schulter nicht zu beeinflussen. Zu diesem Zwecke wird der Aermel an der Achsel meist ganz glatt besetzt, wenn er nicht, wie anfangs beschrieben, im Zusammenhang mit einer über die Achsel greifenden Passe gearbeitet wird. , ,, Allgemein willkommen wird die untere hohe Manschette des Aermels sein, welche eine freiere Bewegung des Armes gestattet, ohne daß der Aermel so leicht tote bisher beschmutzt wird. _ Zum Schluß noch einige Worte über die modernen Röcke. Hier gibt es zwar eine Menge Neuheiten, die aber bis jetzt alle noch wenig Anklang beim Publikum gefunden haben, denn die am meisten gesehene Rockform ist immer noch die einfache Schnittform mit geschweiften Nähten, aber in reicher Ausstattung, wie z. B. mit Blenden-, Borten- und 'Pos am en tenb e sä tz e n, Steppereien und dergleichen. Ats Neuheiten dagegen werden Hüftpassenröcke, Faltenrocke, Röcke mit eingerethten oder in Falten geordneten Volants und hauptsächlich eingereihte Röcke empfohlen. Inwieweit dieselben Anklang beim Publikum finden werden, muß uns jedoch erst die Zukunft lehren. Redaktion: August Götz.— Rotationsdruck und B erlag der Brütl'schen UniversttKts-Buch« und Steindruckcrei. R. Lange. Gießen.