Samstag den 14. Mars. Nr. 39. 1903. IIX MM Sjamimül n 'Ä (Nachdruck verboten.) Ein Einbrecher aus Passion. Bon E. W. Hornung. Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen von F. Mangold. (Fortsetzung.) Gegen eilt llhr nachmittags des solgendeu Tages sah ich ihn auch. Ich stand an meinem Fenster in Mount Street und wartete auf ihn, als er in rasender Eile irr einer Droschke angefahren kam und herausfprang, ohne dem Kutscher ein Wort zu sagen. Gleich darauf empfing ich ihn an der Tür des Aufzugs, und er schob mich eilig in mein Zimmer. „Fünf Minuten, Bunny !" rief er. „Nicht einen Augenblick länger." Bei diesen Worten riß er seinen Ueberzieher ab und schlenderte ihn anf den nächsten Stuhl. „Ich bin in der größten Eile", keuchte er, „und habe mich furchtbar abgehetzt. Kein Wort, bis ich Dir erzählt, was ich getan habe. Meinen Feldzugsplan habe ich mir gestern während des Frühstücks zurechtgelegt. Zunächst mußte ich mich an diesen Craggs heranschlängeln. In ein Haus, wie das Hotel Metropole, kann man nicht einbrechen; die Geschichte muß von Innen her besorgt werden. Erste Frage: wie kann man sich au den Mann heranmachen? Nur ein Vorwand war benutzbar — er mußte mit diesem verwünschten Gemälde im Zusammenhang stehen, damit ich erfuhr, wo und wie er es aufbewahrte. Einfach aus Neugier hingehen und ihn bitten, es mir zu zeigen, das war nicht ratsam; ebensowenig konnte ich mich als zweiten Vertreter des anderen alten Knaben einführen, und die Schwierigkeit, den rechten Weg zu finden, machte mich so brummig gestern beim Frühstück. Allein, ehe wir uns erhoben, sah ich einen Ausweg. Wenn es mir gelang, mir eine Kopie des Bildes zu verschaffen, konnte ich hingehen und um die Erlaubnis bitten, sie mit dem Original zu vergleichen. Deshalb fuhr ich nach Esher, um zu ermitteln, ob es eine Kopie gebe, und war gestern nachmittag anderthalb Stunden in Brom Hall. Dort war keine Kopie, aber es mußte welche geben, denn seit das Bild in seinem Besitz ist, hat Sir Bernard selbst die Erlaubnis zur Herstellung von zwei Kopien erteilt. Er kramte die Adressen der betreffenden Maler hervor, und ich verbrachte den Rest des Abends damit, die Maler selbst zu suchen, allein sie hatten die Arbeit anf Bestellung gemacht, und die eine Kopie ist außer Landes gegangen; hinter der andern bin ich noch her." „Also hast Du Craggs noch nicht gesehen?" „Doch, gestern, und mit ihm angefreundet, und wenn eS möglich ist, so ist er der gelungenere von den beiden alten Schwerenötern, «her Du sollst sie beide studieren. Heute morgen nahm ich den Stier bei den Hörnern und log wie Ananias — das war ein Glück — denn der alte Spitzbube segelt morgen nach Australien ab. Ich erzählte ihm, mir sei eine Kopie des berühmten Porträts der Jnfanta Maria Teresa von Valesquez zum Kaufe angeboten worden, ich sei bei dem angeblichen Besitzer des Originals gewesen, nur um dort zu hören, daß es soeben an ihn — Craggs — verkauft worden sei. Du hättest sein Gesicht sehen sollen, als ich das sagte! Er grinste rings um seinen sündhaften alten Schädel herum! ,Hat der alte Debenham eingeräumt, daß es ein Berkans ist?' fragte er, und als ich das bejaht hatte, kicherte er ungefähr fünf Minuten vor sich hin. Das machte ihm solchen Spaß, daß er gerade das tat, was ich gehofft hatte: er zeigte mir das berühinte Bild — das glücklicherweise räumlich gar nicht groß ist — ebenso wie das Behältnis, worin er es aufbewahrt. Das ist eine Art eisernen Kartenfutterals, das er zur Verpackung der Pläne seines Grundbesitzes in Brisbane gebraucht hat, und er fragte, ob jemand ahnen werde, ob es auch einen alten Meister enthalte. Aber er hat es mit einem neuen Klubschloß versehen lassen, und während er in der Betrachtung des Bildes schwelgte, gelang es mir, den Schlüssel zu erwischen. Machs hatte ich in der hohlen Hand, und heute nachmittag fertigte ich den Nachschlüssel an." Jetzt sah Raffles nach der Uhr, sprang auf und erklärte, er habe mir eine Minute zu viel gewidmet. „Nebenbei bemerkt", sagte er, „Du mußt heute abend bei ihm im Hotel Metropole dinieren." „Ich?" ^Ja, aber Du brauchst nicht so auszusehen, als ob Dir die Petersilie verhagelt wäre. Wir sind beide eingeladen. — Ich schwor, Du würdest bei mir dinieren, und nahm die Einladung für uns beide an, aber ich werde nicht erscheinen." Schelmisch und mit bedeutungsvollem Glanz ruhteu seine klaren Augen auf mir, und ich flehte ihn an, mir zu sagen, was er im Schilde führe. „Ihr werdet in seinem Privatzimmer speisen", ent- geanete Raffles, „das neben dem Schlafzimmer liegt. Du mußt ihn so lange als möglich bei Tische festhalteu, Bunny, und unaufhörlich sprechen." Wie von einem Blitze erleuchtet, stand mir sein Plan vor Augen. , , „Du willst das Bild holen, während wir bei Tische sitzen?" „Ja." „Wenn er Dich aber nun hört?" „DaS darf er eben nicht." „Aber wenn er's nun doch tut?" Bei dem Gedanken überlief mich ein Zittern. „Wenu er's tut, giebt's einen Zusammenstoß, weiter nichts", sagte Raffles. Revolver sind im Hotel Metropole nicht am Platze, aber ich nehme ganz bestimmt meinen Totschläger mit." „Tas ist aber schauderhaft!" rief ich. „Da zu sitzen und mit einem vollkommen fremden Menschen zu plaudern, während ich weiß, daß Du im nächsten Zimmer an der Arbeit bist!" „Zweitausend Pfund fiir jeden!" entgegnete Raffkes ruhig. „Rasfles, Raffles", erwiderte ich, „ich fürchte wahrhaftig, ich verpfusche die Geschichte." „Ach was. Du und verpfuschen, Bunny. Ich kenne Dich besser, als Du Dich selbst kennst." Bei diesen Worten zog er seinen Ueberrock an und ergriff seinen Hut. „Um wie viel Uhr soll ich dort sein?" fragte ich mit einem tiefen. Seufzer. „Um dreiviertel Acht. Es wird ein Telegramm von mir eintreffen, worin ich sage, ich könne nicht kommen. Er schwatzt !vie ein Rohrspatz, und es wird Dir nicht schwer fallen, das Gespräch im Gang zu halten, aber laß ihn ums Himmels willen nicht von seinem Bilde reden. Wenn er sich erbietet, es Dir zu zeigen, sage. Du müßtest gehen. Er hat das Futteral heute nachmittag umständlich verschlossen, und es ist nicht der geringste Grund vorhanden, weshalb er es auf dieser Halbkugel der Erde noch einmal öffnen sollte." „Mo finde ich Dich, wenn ich dort loskomme?" „Ich werde in Esher sein, hoffentlich erreiche ich den Zug mn 9,55 Uhr." „Aber ich iverde Dich doch heute nachmittag noch einmal sprechen?" rief ich aufgeregt, denn seine Hand lag bereits auf dem Türgriff. „Du hast mich noch lange nicht genug unterwiesen, und ich werde die Karre ganz bestimmt verfahren." „Ach !vas, Du und verfahren", sagte er wieder, „aber ich werde das tun, wenn ich noch einen Augenblick verliere. Ich muß noch furchtbar umherrennen, und in meiner Wohnung würdest Du mich nicht finden. Könntest Du nicht selbst mit dem letzten Zug nach Esher kommen? Das ist das beste — Du fährst nach Esher und bringst uns die neuesten Nachrichten! Ich werde Dich beim alten Debenham anmelden, und er kann uns beide für die Nacht beherbergen. Bei Gott! Er kann uns gar nicht gut genug behandeln, wenn er sein Bild wieder erhält." „Wenn!" stöhnte ich, als er mir zum Abschied zunickte, und ich ganz schlaff vor Besorgnis, krank vor Angst und in einem wahrhaft kläglichen Zustand von Lampenfieber zurückblieb. Denn ich hatte schließlich nur eine Rolle zu spielen. Falls nicht Raffkes' Geschick unter Umständen versagte, wo es ihn nie im Stichs ließ, wenn nicht Rafsles, der gewandte und geräuschlose, dies eine Mal plump und täppisch war, so hatte ich weiter nichts zu tun, als „zu lächeln und zu lächeln und ein Schurke zu sein". Das Lächeln und die mutmaßlichen Wendungen eines eingebildeten Gespräches übte ich den halben Nachmittag ein, ich erfand Geschichten, las im Klub ein wenig in einem Buch über Queensland, und als es 7,45 Uhr war, machte ich meine Verbeugung vor ent ent ältlichen Herrn mit einem kleinen Kopfe und zurücktretender Stirn. „Also Sie sind Mr. Raffles' Freund?" fragte er, mich mit seinen hellen kleinen Augen ziemlich ungezogen musternd. „Haben Sie etwas von ihm gesehen? Ich erwartete ihn früh, denn er wollte mir etwas zeigen, aber er ist nicht gekommen." ©ein Telegramm war augenscheinlich auch noch nicht eingetroffen, und meine Schwierigkeiten begannen früh. Ich hätte Raffles seit ein Uhr nicht gesehen, entgegnete ich und sprach salbungsvoll die Wahrheit so lange ich konnte, aber noch ehe icü geendet hatte, wurde an die Tür geklopft. Es war das Telegramm, das der Queensländer mir reichte, nachdem er es gelesen hatte. „Aus der Stadt gerufen!" knurrte er. „Plötzliche Erkrankung einer nahen Verwandten! Was für nahe Verwandten hat er denn?" Natürlich wußte ich von keinen, und einen Augenblick bebte ich vor den Gefahren der Erfindung; dann erwiderte ich, ich sei mit seinen Angehörigen nie zusam- mengetroffen, und fühlte mich durch meine Wahrheitsliebe gekräftigt. „Ich glaubte, Ihr wärt Busenfteunde?" sagte er mit einem (wie es mir vorkam)) mißtrauischen Aufleuchten in seinen schlauen kleinen Augen. „Nur in der Stadt", antwortete ich. „Auf sein Gut habe ich ihn noch nie begleitet." „Na, es wird sich wohl nicht ändern lassen, aber ich begreife nicht, warum er nicht erst hierher gekommen ist, und mit gegessen hat. Das Totenbett, an das ich ohne mein Diner ginge, möchte ich sehen. Aber cs wird uns wohl nichts übrig bleiben, als ohne ihn ztt essen, und er muß sich sein Futter schließlich doch in irgend einem Hundeloch kaufen. Macht es Ihnen nicht zu viel Mühe, die Klingel dort zu drücken? Sie werden wohl wissen, weshalb er mich aufgesucht hat. Tut mir leid, daß ich ihn nicht noch einmal sehe, um seiner selbst willen. Raffles hat mir gefallen — ganz ungeheuer gefallen. Ist ein Cyniker — das habe ich gern — bin selbst einer. Sehr geschmacklos von seiner Mutter oder Tante — hoffe, sie beißt ins Gras." Diese Bruchstücke seines Gefprächs gebe ich zusammenhängend wieder, obgleich sie in Wirklichkeit von einander getrennt ivaren und durch einzelne Bemerkungen von mir unterbrochen wurden. Sie vertrieben uns die Zeit, bis das Diner aufgetragen wurde, und gaben mir Gelegenheit, mir ein Urteil über den Menschen zu bilden, das durch seine späteren Aeußerungen bestätigt wurde. Es >var ein Eindruck, der mit dem letzten Rest der Reue über meine verräterischen Absichten bei ihm verschwand. Der Mensch war einer von dem schrecklichen Typus, den man alberne Cyniker nennen konnte, seine Reden bewegleit sich in bissigen Bemerkungen über alle Menschen und alle Dinge, und seine besten Leistungen bestanden in geistlosem und gemeinem Hohn, dem nichts heilig war. Schlecht erzogen und schlecht unterrichtet, war ihm (seiner eigenen Darstellung zufolge) bei einem plötzlichen Steigen der Bodenpreise ein Vermögen in den Schoß gefallen, aber dabei besah er eine gewisse Bauernschlauheit und Bosheit, und er kicherte über das Mißgeschick der weniger Pfiffigen Spekulanten, die bei derselben Gelegenheit Verluste gehaot hatten. Noch heute fühle ich keine Reue über mein nehmen gegen den ehrenwerten I. M. Craggs, Mitglied der gesetzgebenden Versammlung. , , o Aber die geheimen Qualen, die mir meine mrursachte, werde ich nie vergessen, die abspannende ..tuye, die es mich kostete, mit einem Ohr meinem Wirte zuzuhören und mit dem andern nach Rafsles hinzuhorchen. Einmal vernahm ich etwas von ihm — . obgleich dis Zimmer nicht durch eine von den altmodigen Doppeltüren verbunden waren, und trotzdem, daß die einfache Tür, die von einem ins andere führte, mit einem reichen, dicken Vorhang bedeckt war, hätte ich darauf schworen mögen, daß ich ihn einmal hörte. Ich verschüttete meinen Mein und lachte aus vollem Halse über einen rohen Ausfall meines Wirtes. Danach vernahm ich nichts mehr, obschon ich mit der größten Anspannung lauschte; allem etwas später, als sich der Kellner endgiltrg entfernt hatte, sprang Craggs selbst zu meinem größten Schreck auf und stürzte in sein Schlafzimmer, während ich wie versteinert sitzen blieb, bis er zurückkehrte. (Fortsetzung folgt.) Der Dichter des Messias?) (Zum 14. März 1903.) Von Paul Witt ko. (Nachdruck verboten.) Tie deutsche Nation, soweit sie auf der Höhe der Bil- düng steht, sollte des heutigen Tages mit Wehmut gedenken, er sollte für sie ein Gedenktag sein, ein feierlicher Tag ernster Erinnerung an einen Dichter, der einst alle Poeten seiner Zeit überragte, an einen dem Höheren geweihten Genius, der, für Glaube, Vaterland und Freunde begeistert, eine neue Welt des Glaubens und der Liebe öffnete, sein Volk und seine Muttersprache aus dem Niederen und Gewöhnlichen auf gleiche und höhere Stufe erhob als andere Völker und andere Sprachen Europas. Heute vor hundert Jahren starb in Hamburg der kgl. dänische Legationsrat und markgräfl. badische Hofrat Friedrich Gottlieb Klop stock (geboren am 2. Juli 1724 zu Quedlinburg). *) Ein populäres „Klopstockbüchlein", herausgegeben von D. G. Behrmann, erschien dieser Tag« in der Agentur deS Rauhen Haust» zu Hamburg. Preis 1 Mk. I > c : } s t ) t e 1 c t s e t, ii re « n t, d 4 l- rl, g « ti t, n e^ ce lt- b- »n «s — 155 — Wer nennt heute den Namen K'lopstock nicht ohne ein gewisses Schaudern Unberührbarer Ehrfurcht! „Wer wird nicht einen Klopstock loben, doch wird ihn jeder lesen? Nein!" Dieses Lessing-Mort gilt natürlich heute mehr denn einst, jedoch mit Unrecht! Klopstock kann ja nie mehr einer von den Vielgenannten werden. Dazu ist seine Kunst nach Stoff und Behandlung zu exklusiv, zu tiefsinnig, zu feierlich, und zumal unsere Zeit hat, wie Fontane sehr richtig sagte, wenig Sinn für Feierlichkeit. So sehr Klopstocks Dichtungen einst mit ungestümer Lesegier verschlungen wurden, so wenig gehören sie heute zur Bildungsmode, daß man gemeiniglich nicht mehr von ihnen weiß, als daß sie in allen Bibliotheken existieren, ganz oben oder ganz unten oder ganz hinten, so wohl verwahrt, daß niemand zu ihnen dringt. Der Sohn hört's vom Vater und dieser hörte es vom Großvater usw. usw., daß er des 18. Jahrhunderts größte dichterische Kraft War, der überragende Geist seiner Zeit, daß er ein Poet war, dessen Erscheinen von größter Bedeutung war für die geistige Entwicklung der Nation und ihrer höheren Interessen. Sie hören es und glauben's kaum! Wer es aber unternimmt, diesen durch sein Mer sanktionierten literarhistorischen Lehrsatz nachzuprüfen, wird leicht und freudig seinen Beweis führen, ob auch die Jugend von heute andere Götter kennt und ehrt, und er wird vielleicht manchen anderen noch dazu vermögen, jene alten verstaubten Lieblingsbücher aus der frühen Jugend unserer Köter beschämt hervorzusuchen, und sie alle werden verwundert sehen, daß wir in Klopstock einst einen Dichter echten Deutschtums besessen haben. Der Dichter des „Messias" war ein Prophet, ein Prophet der Einheit und Größe unseres Vaterlandes, das er liebte mit glühender Seele. Vor 130 Jahren, Anno 1773, weissagte er, daß nach einem Jahrhundert Deutschlands Joch sinken werde! Also ein ganzes Säkulum wandelt er dem Siegeszuge der neuerstandenen Germania als ein begeisterter Seher und Barde voraus! Eindringlich warnt er vor der „Ueberschätzung des Auslandes": Verkennt denn euer Vaterland, Undeutsche Deutsche! Steht und gafft Mit blöder Bewund'rung großem Auge Das Ausland an! Neue Bahnen weist er der deutschen Sprache, die er als „die bildsamste von allen Sprachen" erkannte, und er haßt jeden, der sie „verbrittet" oder „gallieismet"; denn „Sie ist, damit ich's kurz, mit ihrer Kraft es sage, An mannigfacher Uranlage Zu immer neuer, und doch deutscher Wendling reich; Ist, was wir selbst, in jenen grauen Jahren, Da Taeitus uns forschte, waren. Gesondert, ungemischet, nur sich selber gleich." Er entwand unsere Sprache von der zugleich spielerischen und breiten Weichheit, in die sie durch die Poesie jener Zeit verfallen war, er gab ihr sprachschöpferisch neue lutherische Kraft, Gedrängtheit und Klangfülle. Er viertiefte die deutsche. Lyrik, die die anderen Poeten seinerzeit nur als eine angenehme Unterhaltung für Mußestunden betrachteten. Ms Zögling von Schulpforta (1739—45) schon hatte er sich in die deutsche Geschichte und Sage versenkt und wollte es wagen, die Jahrhunderte lang verlassenen Wege zur fernen Vorzeit unseres Volkes als Poet zu wandeln. Wie unsere heutige Zeit sich den großen deutschen Dramatiker ersehnt und scheel blickt auf die nordischen Nachbarlande, so ersehnte sich, das Deutschland jener Zeit den großen nationalen Epiker. Der Jenenser und mehr noch der spätere Leipziger Student der Gottesgelahrtheit war noch ein „Lehrling der Griechen", und so nannte er seine erste, 1747 entstandene Ode. Aber während er in der Form sich an die althellenische klassische Poesie anlehnte, wählte er seine Odenstoffe zumeist aus der Geschichte seines Vaterlandes. Er stieg hinab in die Tiefen des verrauschten Stromes deutscher Sage, und immer heißer regte sich in ihm der Trieb, poetisches Metall aus ihm hervorzuholen. Er wollte ein großes Gedicht aus einen großen Mann schaffen. Wie der Held hieß, wußte er lange selber nicht. Da stieß er auf die Geschichte Heinrichs des Voglers. „---Schon da mein Herz Den ersten Schlag der Ehrbegierde schlug. Erkor ich, unter den Lanzen und Harnischen Heinriche den Befreier, zu singen." Einige seiner schönsten Oden aus dem Jahre 1743 war er vaterländische Sänge auf den ersten deutschen König. „Allein ich sah die höhere.Bahn, Und entflammt von mehr, beim nur Eh wcgier, Zog ich weit sie vor. Sie führet hinauf Zu dem Vaterlande des Menschengeschlechts." Miltons „Verlorenes Paradies" hatte er gelesen und den kühnen Plan gefaßt, den Erlöser selber zum Helden seines großen Gedichtes zu wählen — aus die Gefahr hin, Neidern und Gegnern Nahrung zuzuführen. Die größten Schwierigkeiten machte ihm zunächst die Wahl der metrischen Gewandung. Aus dem Wege, für seine epische Dichtung einen besonderen Stil zu finden, Ivar er zur Ode gelangt, die er für die Lyrik, ja später sogar geradezu mit Eigensimt für jede Aussprache, festhielt; auf dem Wege zum Erlöser der Menschheit erlöste er die deutsche Lyrik aus der engen Fessel des Reims, den er zu hassen begann. Er empfand wohl dunkel das, was später der Nibelungen-Jordan in seinen ästhetischen Schriften klar zum Ausdruck brachte, nämlich, daß der Endreim unsere gute alte Sprache mit ihren volltönenden Endsilben erst hatte verkümmern müssen, ehe er zur Herrschaft hatte gelangen können, daß er der Sprachkunst in vieler Hinsicht mehr hinderlich als förderlich ist. Das verschwimmend Duftige des Reimes paßte nicht zu der Wucht und Kraft seiner Gedanken und Vorstellungen. So band er sich denn zunächst an Versmaße, die er aus der Dichtung des Altertums in die deutsche einführte. Bald aber versuchte er sich auch in ganz freien Rhythmen und Poesiegebilden ohne strophische Gliederung, in neuen selbstgeschaffenen Strophenformen. So erhielten seine lyrischen Dichtungen in ihrer originellen Odenform etwas von dem Bibelton und zugleich, durch ihre Sprachgewalt, vom dröhnenden Orgelton. Der „immanente" Rhythmus unserer jüngsten Lyriker, der Arno Holz, Johs. Schlaf, Paul Ernst (interessant sind dessen fein gefühlte „Polymeter") usw., bauen sich auf Klopstocks freier Odenrhythmik auf. Sie find die Schüler Klopstocks, wie dieser ein Schüler war des Alkäos, des kundigen Thebaners Pindar und, nicht zuletzt, des Homer. Homers Hexameter, „der mit so vieler Würde herwandelt", den uralten Vers des Heldenliedes, wählte er zu seinem Messias, dessen erste drei Gesänge 1748 gedruckt und mit unendlicher Teilnahme ausgenommen wurden, obwohl sie die ersten dichterischen Erzeugnisse eines simplen Langensalzaer Hauslehrers waren. Wer dieses epische Gedicht, „des neuen Bundes Gesang", mit seinen 19 757 Versen gelesen hat, wer mit dem Dichter „durchlaufen ist die furchtbare Laufbahn", dem lohnt, um mit Schiller zu reden, des Dichters „reiches Herz die schwere Müh', es zu begreifen". Eigentliche Erfindung und Ge- staltungskunst läßt der Dichter, der sich nur auf bett’ Höhen des Gedankens bewegt, vermissen. Aber es spricht doch,eine wunderbare Anmut und Erhabenheit aus dem Rn sengedickste. Des jugendlichen Dichters Wangen erglühten noch in jenem heiligen Feuer, das die glücklichsten Einfälle zu einem Geschenk der Götter macht, als er in seinen poetischen Absichten so weit ausholte. Doch als das Werk, ein Viertel) ahrhundert später, vollendet war, da zeigten die Schlußgcfünge die vorsichtigere Art des vom viel gewundenen Lebenswege ermüdeten Mannes, und die großartigen Aussichten, die sich dem Geiste des jungen Poeten einst bei Beginn der Behandlung des Themas geboten hatten, hatten ihn zu wett gelockt und ihm allmählich die Fähigkeit genommen, an Ziel und Beschränkung zu denken. So wie der Messias vorliegt, bezeichnet er jedenfalls für alle Zeiten eine schöne Blüte in dem reichen Kranze religiöser Dichtung, der unsere Literatur schmückt, schon durch seine innige Glaubenswärme. Doch leider stehen die letzten Gesänge nicht annähernd auf der Höhe der ersten, lös ist in erster Linie eine Stimmungsund 'Empfindungsdichtttng von so vornehmer Exklusivität, daß ihr eine populäre Wirkung nie beschieden sein könnte. Das hindert aber nicht, daß auch wir Heutigen gern und freudig anerkennen sollten, daß der „Messias" zahlreiche wundervolle lyrische und idyllische Stellen enthält und heb- liche Schilderungen, entstanden ans einer imposanten Einbildungskraft, Stellen, die nur deshalb unbekannt geblieben sind, weil sie in der allgemeinen Flut der langen Gesänge untergehen. Man bewundert heute Wenger die kühne Energie und Stoffwahl und achtet gar nicht des für jene Zeit ebenso kühnen Sprunges zum Versmaße der Hellenen, sondern in erster Linie bett großen Meister sprachlichen Ausdrucks. Und es ist bezeichnend und bisher kaum beachtet, — ISO — nur das obere sächsische Vogtland, welches von den Beben ziemlich heimgesucht wurde, diesmal ist das gesamte Bogt- land bis Plauen davon betroffen. Einen besorgniserregenden, ja beängstigenden Charakter nahmen die Erderschütterungen am Donnerstag, am Frei-, tag und zum Teil in der Nacht zum Samstag an. Ans der Nnmasse der vorliegenden Berichte seien nur einige wenige charakteristische Momente herborgehoben: In Oelsnitz und Boqtsberg hatte man an den genannten Tagen das Ge-! fühl, al» ob der Boden sich hebe, in Brambach bei Oelsnrtz wurde beobachtet, daß der Boden nach den einzelnen Stößen noch Minuten lang nachzitterte. In Raun bei Brambachs erhielt das Schnlhaus in der Nahe der Grundmauern lange Risse. In Schöneck trieben die unablässigen nervenerregen-, den wellenartigen Erschütterungen viele Einwohner nur notdürftig bekleidet des Nachts auf die Straße; Aufregung und Schreck waren allgemein. Am heftigsten wurden tue Erschütterungen in den direkt auf den Felsen gebauten Häusern gespürt. In Arnoldsgrün bei Schoneck war es, als ob die Häuser hochgehoben würden; der Wasserstand verschiedener Brunnen ging nach den heftigsten Stoßen um etwa zehn Zentimeter zurück. Irr Unter-Sachsenberg ber Auerbach war die Erregung besonders groß, namentlich imter den Frauen und Kindern, da die aus Holz erbauten Häuser zu krachen begannen, die Schellengeläute in den Ställen ertönten und zahlreiche Gegenstände zur Erde fielen. Zn Treuen i. B. stürzte bei einem starken Stoße eut Kind aus dem Bett, und ein Klavier wurde ein Stuck von der Wand abgerückt. In Reichenbach gerieten tue tut Bette ruhenden Personen iu schaukelnde Bewegung. In verschie- b en eit Kohlenbergwerken des Zwickauer Bezirks fuhren die Bergleute wegen der drohenden Einsturzgefahr wieder aus. Zu 'Markneukirchen bei Zwickau waren gegen Morgen alle Wohnungen erleuchtet und hunderte von Menschen auf der Straße. In Klingerthal bei Zwickau dauerten die Stotze fast ununterbrochen an; Leuten, die sich auf dem Berge anqebaut haben, war es, als ob ihr Haus die ganze Rächt hindurch auf einem mit brodelndem Wasser gefüllten Kessel stünde. In Asch (Böhmen) waren die Erdstöße von gewaltiger Vehemenz; auch hier war alles auf der Straße, Kinder und Frauen weinten, in den Häusern erwsch das elektrische Licht; in den Felspartien ber Haslau lösten sich große Felsblöcke ab und stürzten zu Tal. In Graslch (Böhmen) wurden mehrere Häuser stark beschädigt, und auf dem Hausberge entstand eilt weitklaffender, drei Meter breiter Erdriß. Die Mauern der Gebäude kinrschten und die Dachbalken ächzten. Die erschreckten Schläfer sprangen entsetzt aus den Betten auf die Straße, viele waren nicht zu bewegen, in ihre Behausungen zuruckzukehren und htelEn die Nacht hindurch trotz der Kalte auf der Straße aus. Ein Teil der Friedhofsmauer stürzte em. Die Erregung war mitunter panikartig; man war auf alles gefaßt. Auch in Karlsbad wurden die Erschütterungen verspürt; man batte Besorgnis wegen der Heilquellen, doch sind dieselben bisher unbeeinflußt geblieben. In Greiz (Thüringen) war, wie dem ,/Vvgtl. Anzeiger" geschrieben wird, die Verwirrung gleichfalls groß, Pendeluhren blieben stehen, lose Knflänk »l« IW. u»d i-rbraA". und die Empfindung einzelner war, als ob sw auf Wellen schaukelten. Von den Bewohneril einer ganzen Straße blieb nicht einer im Hause, da man glaubte, die Mauern stürzten ein. Ueberall waren die Stone von donnerahnlichem Rollen begleitet, vielfach aber auch, namentlich in Asch, von kanonen- schußartigen Detonationen. daß der „Messias" schon in seinen Anfangsversen die ersten Keime der von Wilh. Jordan vor einem halben Jahrhundert bewußt erneuerten Stabreimpoeste enthält DaS Kunstgesetz Homers, -die architektonische Anord- ililug des epischen Stoffes bei Homer hat Klopstock noch nicht entdeckt, und die charakteristische Ausstattung des epischen Verses mit rhapsodischen Hauchen, die die tönende Deklamation so wesentlich fördern, verspottete er sogar gelegentlich einmal. . , ■ Schöneres und Bleibenderes beim als Epiker hat Ktop- stock als Lyriker in seinen Oden geschaffen. Hier ist er wahrhaft klassisch, vermählt er den Geist des Altertums mit bent seiner eigenen Zeit. Die herrlichsten sind ferne Liebesgesänge an „Fanny" (lute er seine Koustne Marte Schmidt nannte) und an „Eilli" (Meta Moller, ferne spatere Gattin) und seine dem Baterlande und seiner großen Geschichte und Sage gewidmeten Oden. Die germanisch-nor- dische Mythologie hatte schon den Jüngling mächtig gefesselt; der Messias hatte ihn abgewaudt von seinem anfangs betretenen Psade vaterländischer Dichtung. Als er sich von dieser Bürde befreit hatte, da faßte er den Plan, eine nationale dramatische Kunst dem deutschen Volke zu geben. In mehreren kraftvoll wuchtigen Oden schon hatte er Deutsch- lands alte Heldengestalten, hatte er Hermann und Thusnelda zu neuem Leben erweckt und der Jugend einen köstlichen Quell tüchtiger Gesinnung, geistiger Hoheit, lebensfroher Kraft erschlofsen; nun ging er daran, den Befreier Germaniens in einem Dramencyklus zu verherrlichen. Hier führte er für die Chorgesänge den Namen „Bardiet" (von barditus") ein. Er verwechselte dabei mit den „Barden", den Sängern der Kelten, die „Skalden", die Sänger der nordischen Stämme. Doch wie seine anderen, seine biblischen Dramen, sind auch diese verschollen, mit Recht; denn sie bedenten den unglücklichsten Wurf, beit der Dichter getan bat. Wie mancher unter unseren Neueren die deutsche Sagenwelt nach dramatischen Stoffen mit Glück durchstöbert m kluger Berücksichtigung des neu erstarkten deutschen Patriotismus, so entsprach auch jener Zett die Don Klopstock betätigte dramatische Verherrlichung vaterländischer Heldenzeit in gewissem Sinne einem Zeitbedürfnis. Mer der Dichter "vermochte nicht mehr wie einst die Sprache zu meistern; kalt und gedrechselt klingen nicht nur m seinen, übrigens ganz und gar undramatischen Dramen bte Verse des alternden Poeten, die Gedanken sind geschraubt, der Satzban wird grillenhaft, der Ausdrnck dunkel und künstlich, es überwuchert ungemein die Reflexioii. Verständnislos steht der alte Klopstock auch denjüngeren Dichtern seiner Zeit gegenüber. Der einst so Liebenswürdige, so gesellig Frohe, der milde Kinderfreund und Berherrlicher be« Eislaufs, der noch nahe an der Siebzigerecke zum zweitenmale zu heiraten sich hatte entschließen können (Johanna Elisabeth von Winthem, die Nichte seiner ersten Gattin), begriff die neue Zeit nicht mehr. In deut letzten Lustruin seines Lebens war ob feines Grollens und Zürnens gegen die Jüngeren, die Kommenden, des silberhaarigen tatenumgebenen Greises beredter Mund fast verstummt; nur selten nocki klang ein Vers auf vom langsam dahinsiechenden Barden. _ , ,, Seine Zeit kommt nicht mehr heran, er hatte sich schon bei Lebzeiten überlebt. Aber auch in den spätesten Zeiten des deutschen Volkes verdient er nicht nur genannt, sondern auch gekannt zu werden als einer der edelsten Deutschen, dessen Flammenworte hinströmten zum Ruhme unseres Vaterlandes. Tie Erdbeben in Sachsen und Böhmen dauern, wie der „Darmst. Ztg." aus Plauen i. B. unterm 8. März geschrieben wird, noch immer an und unterscheiden sich von den Erderschütterilngen früherer Perioden nicht nur durch die außerordentliche Heftigkeit und Dauer der einzelnen Stöße und deren enorm große Anzahl — au einzelnen Orten wurden allein an einem Tage in der Zett von 2—3 Uhr früh nicht weniger als 30 Stöße beobachtet — sondern vor allem dadurch, daß das 6etc. Gebiet sich nicht Mehr auf das sächsische und böhmische Vogtland beschränkt, sondern sich auch weiterhin ins Erzgebirge und dessen Vorläufer in Sachsen, bis nach Greiz und Rudolstadt, also auf Thüringer Gebiet und über Hof und Eger bis nach Graslitz und Karlsbad ausgedehnt hat. Auch war es sonst Crgänzun gsräts el. (Nachdruck verboten.) . . r b . st . M . . s . . w . rd ... chm . . z . r . t ., K . . n . i- . es . . a . k . n . i . . c . k . s . n, D.. s . . 8 . st . . . o . e. s.l.st s..d d . . n . g, . . ch sch . i . m s . . d Do . n . t o . n . R . . e .l (Auslösung in nächster Nummer.) Auflösung des Anagramms in vor. Nr.r Zeigt die trübe, dunkle Seite Dir auch oft das Leben, Fst's vom Bild doch nur der Schatten, Um das Licht zu heben. Anastasius Grün.) Redaktion: Curt Plato. - No'atronsdruck und Verlag der Trühl'scke« UniversMs-Vuch- und Meindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.