Nr. 24 Samstag den 14. Februar. 1903 W s, 6 II m W Ü OB I - n | (Nachdruck verboten.) Ein Einbrecher aus Passion. Bon E. W. Hornung. Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischere von F. Mangold. I. Die Ideen des März, Es war etwa eine halbe Stunde nach Mitternacht, als tch in den Albanhklub, die letzte Zufluchtsstätte, die mir meine Verzweiflung eingab, zurückkehrte. Der Schauplatz meines Verderbens war noch ziemlich in demselben Zustande, worin ich ihn verlassen hatte. Baccaratmarken lagen auf dem Tisch verstreut, und leere Gläser standen neben überfüllten Aschenschalen. Ein Fenster war geöffnet worden, damit der Rauch abziehe, aber dafür ließ es den Nebel herein. Raffles hatte sich nur seines Fracks entledigt und statt dessen einen seiner unzähligen Hausröcke angezogen, und doch runzelte er die Stirn, als ob ich ihn aus dem Bette gerissen hätte. „Etwas vergessen?" fragte er. „Nein", antwortete ich, mich ohne Umstände an ihm vorbeidrängend und mit einer Ungeniertheit in sein Zimmer vorausgehcnd, die mich selbst in Erstaunen versetzte. „Sie sind doch nicht etwa gekommen, um Revanche zu fordern? Denn die würde ich Ihnen beim besten- Willen allein nicht geben können. Es tat mir selbst leid, daß die andern. . ." Wir standen uns an seinem Kamin gegenüber, als ich ihm ins Wort fiel. „Raffles", sagte ich, „Ihre Ueberraschung, daß ich so und um diese Stunde zu Ihnen zurückkchre, begreife ich. Ich kenne Sie ja kaum und habe Ihr Zimmer bis heute abend noch nie betreten. Aber ich war Ihr Leibfuchs in der Schule und Sie sagten, Sie erinnerten sich meiner. Das ist natürlich keine Entschuldigung, aber wollen Sie mich anhören — nur zwei Minutne?" „Gewiß, mein Lieber, so lange Sie wollen. Zünden Sie sich eine Sullivan an und nehmen Sie Platz", entgegnete er, indem er mir seine silberne Zigarettendose anbot. „Nein", erwiderte ich kopfschüttelnd und mit fester Stimme, „ich werde weder rauchen, noch Platz nehmen, und wenn Sie gehört haben, was ich Ihnen zu sagen habe, werden Sie Ihre Einladung schwerlich wiederholen." „Wirklich?" antwortete er, während er seine eigene Zigarette anzündete und seine klaren blauen Augen auf mich richtete. „Wie können Sie das wissen?" „Weil Sie mir natürlich die Tür weisen werden", rief ich bitter, „und Sie würden recht haben, wenn Sie das täten. Aber was kann es nutzen, auf den Busch zu klopfen? Sie wissen, daß ich vorhin zweihundert Pfund verloren habe." Er nickte. „Und daß ich nicht so viel Geld bei mir hatte." „Ja, ich entsinne mich." „Aber ich hatte mein Checkbuch und schrieb für jeden von Euch einen Check dort an jenem Pult." „Run?" „Keiner davon ist das Papier wert, worauf er ge* schrieben ist, Raffles. Ich habe mein Guthaben bei der Bank überschritten." „Doch gewiß nur für den Augenblick." „Rein, es ist alles fort." „Aber irgend jemand hat mir doch gesagt, Sie seien in ganz guten Verhältnissen und hätten geerbt." „Das habe ich auch — vor drei Jahren — das war eben mein Fluch — und nun ist alles hin — bis auf den letzten Heller! Ja, ich bin ein Narr gewesen, wie es keinen zweiten auf der Welt gibt oder geben wird.....Genügt Ihnen das noch nicht? Warum werfen Sie mich denn nicht hinaus?" Statt das zu tun, ging er mit sehr langem Gesicht auf und ab. „Können denn Ihre Verwandten nichts für Sie tun?" fragte er endlich. „Gott sei dank!" rief ich. „Verwandte habe ich nicht. Ich war meiner Eltern einziges Kind und habe alles geerbt. Mein einziger Trost ist, daß sie dies nicht mehr erlebt haben und niemals erfahren werden." Bei diesen Worten warf ich mich auf einen Stuhl und verbarg mein Gesicht, während Raffles fortfuhr, auf dem reichen Teppich, der mit der ganzen Ausstattung seines Zimmers in Einklang stand, aus und ab zu gehen, ohne daß sich die Gleichmäßigkeit seiner leisen Schritte geändert hätte. „Sie haben sich doch früher mit Literatur befaßt", sagte er endlich. ,Haben Sie nicht vor Ihrem Abgang das Schulmagazin heransgegeben? Jedenfalls entsinne ich mich, daß Sie mir als Fuchs meine Verse machen mußten, und diese Art von Literatur ist ja heutigestages in der Mode. Jeder Dummkopf kann sich sein Brot damit verdienen." „Kein Dummkopf könnte mir meine Schulden vom Halse schreiben", antwortete ich kopfschüttelnd. „Sie haben aber doch irgend eine Wohnung?" fuhr er fort. „Ja, in Mount Street." „Wie steht's denn mit den Möbeln?" In meinem Elend mußte ich laut auflachen. „Nicht ein Fußbänkchen darunter, woran nicht schon seit Monaten die Pfändungsmarke des Gerichtsvollziehers klebte!" Als er diese Worte hörte, blieb Raffles mit empor» gezogenen Augenbrauen und einem strengen Blick stehen, dem ich jetzt, wo er das schlimmste wußte, besser begegnen tonnte. Dann nahm er achselzuckend seine Wanderung wieder 94 auf, und einige Augenblicke sprach keiner von uns ein Wort, allein in seinem schönen, starren Antlitz las ich mein Schicksal und mein Todesurteil. Mit jedem Atemzuge verwünschte ich meine Torheit und daß ich so feige gewesen war, mich überhaupt au ihn zu wenden. Weil er in der Schule als Kapitän der Cricketspieler freundlich gegen mich und ich sein Leibfuchs gewesen war, hatte ich es gewagt, auch jetzt noch auf seine Güte zu zählen; weil ich zu Grunde gerichtet und er reich genug war, den ganzen Sommer Cricket zu spielen, und während des Restes des Jahres nichts zu tun, hatte ich törichterweise auf seine Nachsicht, feine Teilnahme und feine Hilfe gerechnet! Ja, ich hatte mich im Herzen trotz meiner äußerlichen Schüchternheit und Deuiut auf ihn verlassen, und mir geschah ganz recht. In seinen aufgeblähten Nüstern, der starren Kinnlade, den kalten, blauen Augen, die niemals nach mir hinsahen, kam ebensowenig Milde, als Teilnahme zum Ausdruck. Ich griff nach meinem Hute, erhob mich schivankend, und würde ohne ein weiteres Wort gegangen sein, wenn nicht Raffles zwischen mir und der Tür gestanden hätte. „Wo wollen Sie hin?" fragte er. „Das ist meine Sache", erwiderte ich. „Wollen Sie mich vorbeilassen?" „Nicht eher, als bis Sie mir gesagt haben, wohin Sie gehen und was Sie vorhaben?" „Können Sie das nicht erraten?" rief ich, und dann blieben wir uns lange gegenüber stehen und sahen einander in die Augen. „Haben Sie den Mut dazu?" fragte er endlich in einem so cynischen Ton, daß sich der Bann, der mich umfangen hielt, löste und der letzte Tropfen meines Blutes zu kochet, begann. „Das will ich Ihnen zeigen", antwortete ich, indem ich einen Schritt zurücktrat und den Revolver aus der Tasche riß. „Wollen Sie mich vvrbeilassen, oder soll ich es hier tun?" Die Mündung berührte meine Schläfe und der Daumen den Drücker. Wahnsinnig vor Aufregung, wie ich war, zu Grunde gerichtet, entehrt und jetzt fest entschlossen, meinem elenden, verfehlten Dasein ein Ende zu machen, ist es mir noch heute unbegreiflich, daß ich die Tat nicht auf dem Fleck vollbrachte. Der Wunsch, die verächtliche Befriedigung zu haben, einen anderen tu meinen Untergang zu verwickeln, verstärkte mit seiner erbärmlichen Stimme die meiner niedrigen Selbstsucht, und noch jetzt überläuft mich ein Schauder bei dem Gedanken, daß mir die Erinnerung an einen Blick der Furcht oder des Schreckens eine hämische Genugtuung gewesen und ich glücklich gestorben sein würde, wenn sich im Angesicht meines Gefährten etwas derartiges gezeigt hätte. Statt dessen erschien eilt Ausdruck in seinen Zügen, der meine Hand lähmte. -Weder Furcht, noch Schreck lag darin, nur Ueberraschung, Bewunderung uno ein solches Maß befriedigter Erwartung, daß ich meinen Revolver mit einem Fluche wieder in die Tasche steckte. „Sie Teufel!" zischte ich. „Ich glaube. Sie wollten mich dazu bringen!" „Da irren Sie sich", antwortete er, leicht zusammenfahrend und mit einem Farbenwechsel, der zu spät kam. „Um Ihnen jedoch die Wahrheit zu sagen, so glaubte ich halb und halb, Sie würden wirklich lÄmst machen, und nie int Leben hat mich etwas in gleichem Maße angezogen. Daß Sie aus solchem Stoff gemacht seien, Bunny, hätte ich mir nicht träumen lassen! Nein, ich will gehenkt werden, wenn ich Sie jetzt noch gehen lasse. ^Versuchen Sie aber den Scherz nicht noch einmal, denn ich würde zum zweiten- male nicht ruhig dabeistehen und zusehen. Wir müssen einen Ausweg aus der Klemme finden, aber geben Sie mir erst einmal Ihren Revolver." Bei diesen Worten legte er mir voll Güte eine Hand auf die Schulter, während die andere in meine Tasche glitt und sich, ohne daß ich mich widersetzt hätte, meiner Waffe bemächtigte. Das geschah nicht nur deshalb, weil Raffles, wenn er wollte, die bestrickende Gabe hatte, sich unwiderstehlich zu machen. Nie im Leben bin ich einem Menschen begegnet, der in Hinsicht auf Macht über andere den Vergleich mit ihm hätte aushalten können, aber meine Fügsamkeit entsprang doch noch anderen Umständen, als der bloßen Unterwerfung der schwächeren Natur unter die stärkere. Die geringe Hoffnung, die mich nach dem Albany- Klub geführt hatte, war wie durch einen Zauberschlag in ein beinahe betäubendes Gefühl der Sicherheit verwandelt worden. Raffles wollte mir doch helfen! Ja, Raffles wollte mein Freund fein! Es war, als ob sich plötzlich die ganze Welt auf meine Seite gestellt habe, und weit entfernt, mich feinem Tun zu widersetzen, ergriff ich seine Hand und drückte sie mit einer Inbrunst, deren ich ebenso wenig Herr war, als des voraugegangenen Wahnsinns. „Gott segne Sie!" rief ich aus. „Verzeihen Sie mir alles, was ich gesagt habe. Ich will Jbnen die Wahrheit bekennen. Ich glaubte wirklich, Sie würben mir in meiner Not helfen, obgleich ich wohl wußte, daß ich teilte An-! spräche an Sie hatte. Indessen um der alten Schulzeiten willen, dachte ich. Sie würden mir vielleicht noch eine Gelegenheit geben. Wenn nicht, dann wollte ich mir eine Kugel durchs Hirn jagen — und das werde ich auch jetzt noch tun, falls Sie andern Sinnes werden." Denn trotz seines gütigen Tones und des noch gütigeren Gebrauches seines alten Schülspitznamens, fürchtete ich, daß sich eine solche Sinnesänderung vollziehe, da fein Aus-! druck ein anderer wurde, während ich sprach. Seine nächsten Worte bewiesen mir jedoch, daß ich mich geirrt hatte. „Voreilig mit Ihren Schlußfolgerungen wie ein Kn abe! Ich habe meine Fehler, Bunny, aber in meinen Entschlüssen zu schwanken, gehört nicht dazu. Setzen Sic sich, mein Lieber, und zünden Sie sich eine Cigarette an; das beruhigt die Nerven. Ich bestehe darauf. — Whisky? Das Schlimmste, was Sie trinken können. Hier ist Kaffee, den ich gerade braute, als Sie kamen. Nun hören Sie mich an. Sie sprachen von „noch einer Gelegenheit"! Was meinen Sie damit? Noch eine Gelegenheit, ©accarat zu spielen? Mit meiner Zustimmung gewiß nicht. Sie glauben, das Glück müsse sich wenden. Aber nehmen wir einmal an, es wende sich nicht! Dann machten wir eine schlimme Sage nur noch schlimmer. Nein, lieber Freund. Sie haben genug über die Stränge geschlagen. Wollen Sie sich ganz in meine Hand geben oder nicht? Gut, bann wird nicht mehr gespielt, und ich verpflichte mich, meinen Chek nicht eiuzu- kassieren. Aber unglücklicherweise haben noch andere heute welche in Händen, und das Schlimmste ist, Bunny, daß ich im Augenblick ebenso tief darin stecke, als Sie." Jetzt kam an mich die Reihe, Raffles anzustarren. „Sie?" stieß ich hervor, „Sie stecken in der Klemme? Wie kann ich das glauben, wenn ich mich hier umsehe?" „Habe ich Ihnen den Glauben verweigert?" erwiderte er lächelnd. „Und nehmen Sie angesichts Ihrer eigenen Erfahrung an, daß ein Mensch notwendigerweise ein Guthaben bei der Bank haben muß, weil er eine Wohnung in diesem Hause hat, zu ein paar Klubs gehört und ein bischen Cricket spielt? Ich versichere Ihnen, mein Lieber, daß ich in diesem Augenblick in ebenso großer Geldverlegenheit bin, als Sie es jemals waren. Ich lebe nur von meiner Schlauheit — von weiter nichts. Für mich war es ebenso notwendig, heute abend ein paar Groschen zu gewinnen, als für Sie. Wir segeln in demselben Boot, Bunny; und es wäre ratsam, wenn wir zusammen ruderten." „Zusammen!" rief ich, mit beiden Händen zugreifend. „Ich will alles für Sie tun, Raffles, was Sie verlangen können", sagte ich, „wenn es Ihr Emst war, daß Sie mich nicht im Stiche lassen wollen. Schlagen Sie mir vor, was Sie wollen — ich werde es tun! Als ich hierher kam, war ich ein Verzweifelter, und das bin ich noch jetzt in demselben Maße. Was ich tue, ist mir einerlei,_ wenn ich mir nur ohne Skandal ans dieser Klemme helfen kann." Noch jetzt sehe ich ihn vor mir, wie er sich auf einem der prächtigen Stühle zurücklehnte, womit sein Zimmer auegeftattet war. Ich sehe seine lässige, atlethische Gestalt, seine bleichen, scharf geschnittenen, glatt rasierten Züge, feine lockigen, schwarzen Haare, feinen kräftigen, gewissenlosen Mund, und wieder fühlte ich, wie der klare Strahl feiner Augen kalt und leuchtend gleich einem Sterne, in' mein Herz bringt — unb bie geheimsten Geheimnisse meines Herzens ergründete. „Ich möchte wissen, ob das alles Ihr Ernst ist", sagte er endlich. „In Ihrer gegenwärtigen Stimmung gewiß, aber wer kann bis zum letzten Augenblick für feine Stim-4 mung einstehen? Wenn jedoch ein Mensch diesen Ton an- schlägt, darf man das Beste hoffen. Darüber fällt mir ein, daß Sie in der Schule ein ganz schneidiges Kerlchen waren und mir einmal einen großen Dienst geleistet haben. Wissen Sie noch, Bunny? Na, warten Sie mal, vielleicht kann ich Ihnen einen noch größeren erweisen. Lassen Sie mir nur Zeit, bie Sache zu überlegen." 95 Nach diesen Worten erhob er sich, zündete sich eine frische Cigarette an, und begann wieder, im Zimmer auf und ab zu gehen, aber mit langsameren und bedächtigeren Schritten, und viel länger als vorher. Zweimal blieb er an meinem Stuhle stehen, als ob er im Begriffe sei, zu sprechen, allein jedesmal besann er sich anders, und nahm seine Wanderung schweigend wieder auf. Einmal riß er das Fenster auf, das er vor einiger Zeit geschlossen hatte, und blieb ein paar Augenblicke, sich in den den Hof des Albany-Klubs füllenden Nebel hinauslehned, daran stehen. Inzwischen schlug eine auf dem Kaminsims stehende Uhr eins, dann halb zivei, und noch war kein Wort wieder zwischen uns gewechselt. Trotzdem blieb ich geduldig auf meinem Stuhle sitzen, und ich erlangte sogar einen gar nicht zu den Umständen passenden Gleichmut. Unbewußt hatte ich meine Bürde auf die breiten Schultern dieses Freundes geladen, und meine Gedanken folgten meinen wandernden Augen, während die Zeit dahingiug. Das geräumige Zimmer bildete ein Viereck und trug mit seinen Flügeltüren und dem marmornen Kaminsims den Stempel der dem Albany-Klub eigentümlichen, etwas düsteren, altmodischen Vornehmheit. Es war allerliebst ausgestattet und eingerichtet, mit dem richtigen Maß von künstlicher Unregelmäßigkeit und gutem Geschmack. Was mir jedoch am meisten auffiel, das war das Fehlen der gewöhnlichen Merkmale, die meist die Wohnung eines Cricketspielers kennzeichnen. Statt des üblichen Gestells mit stark gebrauchten Schlaghölzern, nahm ein wohlgefüllter Bücherschrank von geschnitztem Eichenholz den größeren Teil einer Wand ein, und wo ich Gruppenbilder von Cricket- spielern zu finden erwartete, sah ich Darstellungen von „Liebe und Tod" und des „Seligen Damozel" in staubigen Rahmen. Der Bewohner hätte ein Dichterling statt eines Athleten von reinstem Wasser sein können. Allein in Raffles' verwickelter Natur hatte der Sinn für Aesthetik stets eine hervorragende Rolle gespielt; einige von diesen Bildern hatte ich selbst in seinem Arbeitszimmer in der Schule abgestäubt, und sie erinnerten mich an eine andere Seite seines vielseitigen Wesens — und an den kleinen Vorfall, den er eben angedeutet hatte. (Fortsetzung folgt.) Zum Kriegsjahre 1762, Herzog Ferdinand von Braunschweig gegen die Franzosen in Hessen. (Nachdruck verboten.) (Schluß.) Am 30. August früh 8 Uhr ging der Erbprinz in drei Kolonnen unter den Generalen von Hardenburg, v. Scheele und v. Oheim auf Assenheim vor, während General v. Luck- ner von Bingenheim nach Dorheim Marschierte, um dort dre Wetter zu überschreiten. Hier traf auch später der Erbprinz zur Rekognoszierung ein und entdeckte bei Oberroßbach Condes Truppen. Eine weitere Besichtigung ergab, daß feindliche Abteilungen bereits bei den: Gehöfte Hassel- hecke unweit des Johannisberges sich ausgestellt hatten. Sofort erteilte der Erbprinz dem General v. Luckner den Befehl, den Feind am Johannisberg anzugreifen und aus seiner Stellung zu vertreiben. Die Generale v. Hardenberg und v. Scheele werden beordert, Luckner zu unterstützen. Dieser ging bei Nieder-Mörle, eine halbe Stunde nördlich von Nauheim über den Usabach, von wo aus man allmählich zu dem durch eine Schlucht von dem Johannisberg getrennten Eichberg ansteigt. Es gelang Luckner, den Feind an der linken Flanke zu fassen. Unter» dessen war auch der Erbprinz mit den Truppen des Generals v. Hardenberg allerdings unter erschwerten Umständen über die Wetter bei Wisselsheim und Rödgen aus Nauherm vorgegangen und hatte den Erfolg, den Feind von Höhe zu Höhe zu vertreiben. Die zurückweichenden Truppen wurden gegen 11 Uhr von dem auf die Nachricht von einem feindlichen Zusammenstoß von Oberroßbach ab- mar)chierenden Prinzen Condö ausgenommen, der nun, auch noch unterstützt von Stainville, gegen den Johannisberg wieder vorrückte. Kaum hatte der Erbprinz seine Truppen bei dem Wartturm auf dem Johannisberg geordnet, als er sich von einer feindlichen Uebermacht angegriffen sah. Da es schwierig war, die Geschütze die steile Anhöhe hinaufzubringen, mußte der Erbprinz verzichten, das heftige Artilleriefeuer des Feindes in der gewünschten Weise zu erwidern. Vergebens versuchte der Erbprinz, sich an die Spitze seiner Truppen stellend, dieselben zum Stehen zu bringen; er wurde durch eine Flintenkugel im Unterleib verwundet und mußte das Kommando an den General v. Hardenberg abgeben. Die weichende Infanterie erstrebte, die Uebergänge über den Usabach zu erreichen. Ihr Rückzug wurde durch die Eskadronen Luckners gedeckt, der, von der Uebermacht der feindlichen Reiterei bedroht, be- fürchtetie, den Uebergang bei Nieder-Mörle zu verlieren. 3 Eskadrons des Regiments v. Müller eilten zur Hilfe und hielten 12 feindlichen Eskadrons stand. Der Herzog ließ auf die Nachricht von dem Beginn des Gefechts seine Truppen von Geis-Nidda nach Bingenheim marschieren. Er selbst begab sich nach Melbach, östlich von Nauheim, um die zurückweichenden Truppen des Erbprinzen wieder aufzustellen. Da der Feind keine Miene zu weiterem Angriffe machte, führte der General v. Hardenberg an Stelle des kampfunfähigen Führers die Kolonnen in das Lager bei Wölfersheim. Conde, der seine Stellung auf dem Johannisberg behauptet hatte, ließ seine Truppen hier stehen und vereinigte sich bei Friedberg mit der Hauptarmee, die bis Assenheim lag, während das sächsische Korps bei Bergen stand. Tas Treffen am Johannisberg kostete die Verbündeten an Toten und Verwundeten 500 und an Gefangenen 900 Mann; der Verlust des Feindes war geringer; er büßte nur wenige an Gefangenen ein. Den Erbprinzen traf der unglückliche Ausgang des Treffens hart. Noch 30 Jahre später, im Revolutionskrieg 1792 bei der Kanonade bei Valmy berührte ihn die Erinnerung an jenen unglücklichen Tag äußerst schmerzlich. Als man auf die abgebrochene Angriffsbewegung bei Valmy zu sprechen kam, äußerte der frühere Erbprinz und damalige Herzog: „Tie wahre Ursache wissen Sie: sie liegt in unserer ganzen Lage. Mer nun will ich Ihnen noch eine Ursache sagen. Kennen Sie die Höhen von Johannisberg bei Nauheim ohnweit Friedberg? Ich habe da eine scharfe Affäre mit dem Prinzen Conds gehabt; ich wußte nicht, was hinter den Höhen stand; ich wurde geschlagen. Die Höhen von Valmy haben große Aehnlichkeit mit den Höhen bei Johannisberg. Ich wußte auch nicht, was dahinter stand. Man wird vorsichtig, wenn man Unglück im Kriege gehabt. Und ich habe viel Unglück gehabt!" Die Marschälle suchten nicht weiter, ihren Ersolg bei Johannisberg auszunützen; sie wagten die folgenden Tage nicht, den Herzog anzugreifen. Auf ihrem rechten Flügel über Altenstadt, Erbstadt, Eichen und Windecken bis nach Bergen hin setzte ihnen General Freitag arg zu, sodaß sie sich bei Bergen verschanzten und verstärkten. Alle diese Streifzüge hatten nur den Zweck, den Feind auf dieser Seite festzuhalten. Die Marschälle planten, mit ihrer gesamten Macht vorzudringen und Kassel zu entsetzen. Hierhin standen ihnen zwei Wege offen, entweder den Marsch über Gießen zu nehmen, oder die Route zu benutzen, die sie auf ihrem Hinmarsch genommen, also über Büdingen und Fulda vorzudringen. Der letztere schien ihnen zu gefährlich, da der Herzog, der mit ferner Gesamtmacht bei Staden stand, ihnen leicht denselben verlegen konnte, und so entschlossen sie sich, den längeren über Gießen zu wählen. Der Herzog hatte die Absicht, wie aus dem Berichte vom 5. September an den König Friedrich hervorgeht, sich hinter die Ohm zurückzuziehen. Am 4. September verließ Condo die Gegend von Friedberg und marschierte über Butzbach, Gießen nach Groß-Buseck, wo er am 7. ein Lager bezog. General Luckner folgte ihm und erreichte am 9. über Nordeck das Städtchen Kirchhain an der Ohm. Am 8. September brach der Herzog morgens um 4 Uhr von Staden mit der Hauptarmee auf und gelangte nach einem beschwerlichen Marsche nach Grünberg. Infolge der schlechten Witterungsverhältnisse blieben die Munitionswagen des linken Flügels zwischen Laubach und Vil- lingen stecken. General Wintzingerode wurde wom Feind bei Laubach angegriffen und genötigt, sich nachNieder-Ohmen zurückzuziehen. Nachdem er sich wieder gesammelt, geht er gegen den Feind vor, der sicy nach Gießen zur Hauptarmee zurückzieht. Am 11. brach die Hauptarmee des Herzogs auf und 96 erreichte tit 4 Kolonnen Over-Ofleiden, Burggemünden, Homberg an der Ohm, wohin das Korps des Erbprinz rückte. Am 10. September hatte die Avantgarde der Franzosen unter Stainvtlle bei Krofdorf die Lahn überschritten. Tie feindliche Hauptarmee folgte ihm und bezog auf den Höhen beim Gleiberg ein Lager, nachdem Stainville über WiSmar nach Fronhausen marschiert war, wo Prinz Co'ndö zu ihm stieß. Suchtet ging auf die Nachricht, daß der Feind Goßfelden bei Marburg besetzt und die Höhen von Wetter beherrschte, bei Franken berg vor, um die Straße nach Marburg zu behaupten und dem Feinde den Weg nach Kassel zu verlegen. Auch der Herzog dehnte seinen rechten Flügel weiter aus, um Suchtet: die nötige Unterstützung zu gelvähren. Da die Feinde in ihrem Weitermarsche ge- hemmt waren, versuchten sie auf dem linken Flügel der Verbündeten über Alsfeld hin vorzudrtngen. General Freitag hielt sie beständig im Schach und vereitelte auch dieses Vorhaben. So sahen sich denn die Franzosen in das Terrain zwischen Sahn mtb Ohm hineingedrängt. Der Herzog stand auf dem rechte« Ohmufer und dehnte, seine Flügel von Frankenberg, Kirchhain bis über Homberg cm der Ohm hin aus. Der Feind nahnr seine Stellung am linken Ohmufer etwa in derselben Ausdehnung gerade dem Herzoge gegenüber. Stadt und Festung Amöneburg, ein wichtiger Brückenkopf auf den: linken Ufer der Ohm, war mit G00 Mann von den Verbündeten unter Kapitän Kruse besetzt, aber von den Franzosen cerniert worden. Amöneburg mußte der Herzog wohl anfgeben; aber seine Stellung ander Ohm war imter allen Umständen zu halten. In der Nähe von Amöneburg bei der „B r ü ck e r M ü h l e" führte eine Brücke über die Ohm. Hinter derselben ließ der Herzog eine Redoute errichten und mit 200 Mann besetzen. Am 21. September, morgens 6 Uhr, näherten sich die Franzosen unter dem Schutze eines dichten Nebels dem Uebergange über die Ohm und eröffneten eine heftige Kanonade vom linken Ufer der Ohm aus die Brücker Mühle in b auf Amöneburg. Bis 8 Uhr hielten die Mannschaften in der Verschanzung das Feuer des Feindes ruhig aus, als ihnen Unterstützung durch den General v. Zastrow wurde. Die Kanonade von der Höhe bei Amöneburg war so heftig auf das rechte Ohmufer, daß die Mannschaften in der Verschanzung von Zeit zu Zeit abgelöst werden mußten. Ter Feind brachte immer mehr Geschütze heran; es gelang ihm sogar, über die Brücke vorzudringen. Aber mit wahrer Heldenmütigkeit schlugen die Bedrängten den Angriff auf die Verschanzung ab, sodaß der Feind sich wieder über die Brücke zurückzog. Bis 2 Uhr dauerte die Kanonade. Tie brave Mannschaft in der Redonte bediente sich, nachdem die Verschanzung förmlich abgekämmt war, der Seichen als Brustwehr. In die Mauern der Feste Amöneburg hatte das heftige Feuer des Feindes eine Bresche gelegt. Eine Auffvroerung an den Kommandanten zur Uebergabe wurde abgelehnt. Als das Artilleriefeuer auch noch in der Nacht fortgesetzt wurde, mußte sich die Besatzung ergeben. Sie erhielt einen ehrenvollen Abzug. Das 6kfocht bei der Brücker Mühle kostete die Verbündeten 745 Mann, der Verlust des Feindes war noch bedeutender. Vis Ende Oktober verhielten sich die beiderseitigen Truppen ruhig in ihren Lagern, und nur der kleine Krieg wurde mit abwechselndem Glücke aus beiden Seiten fortgesetzt. Mitte Oktober sandte der Herzog den General Ahlefeld zur Verstärkung der Belagerungstruppen nach Kassel. Tie Belagerungsarbeiien wurden jetzt energischer unter Leitung des hessischen Generals Huth betrieben. Am 1. November ergab sich der kranzös-sche General Tiesbach mit einer Besatzung von 6Ö0Q Mann, die freien Abzug erhielt. Nun war noch die Festung Ziegenhain mit einigen hundert Mann Franzos n besetzt, die der Herzog mit 4 Bataillonen und 4 Eskadron- einschließen ließ. Am 3. November war zwischen Frankreich und England zu F-ontaineblau Friede geschlossen worden. Ein Kourier brachte am 7. die Nachricht an die französischen Marschälle, die am 8. eine Unterredung an der Brücker Mühle mit • . et Herzog von Braunschweig hatten. Sie baten um Einstellung der Feindseligkeiten, die der Herzog unter der Bedingung bewilligte, daß sich Ziegenhain ergebe. Da die Marschälle Schwierigkeiten machten, so verzögerten sich die Verhandlungen. Als dann nun am 14. auch ein Kourier von London bei dem Herzog eintraf, der den abgeschlossenen Frieden meldete, wurde am 15. zwischen den beiderseitigen Heerführern Waffenstillstand geschlossen. Am 16. und 17. November begaben sich die französische und die verbündete Armee in ihre Winterquartiere. Marburg, Ziegenhain und Gießen wurden vom Feinde geräumt. Prinz Soubise verläßt am 17. die Armee und kehrt nach Frankreich zurück. Ter Herzog Ferdinand von Braunschweig erhält am 3. Dezember den vom König von England erbetenen Abschied und kehrt am 24. nach Braunschweig zurück. Hiermit enden die ruhmvollen Waffentaten des Herzogs von Braunschweig, neben Friedrich dem Großen einer der bedeutendsten Feldherrn des 7 jährigen Krieges, der es meisterhaft verstanden, unter den schwierigsten Verhältnissen fünf Jahre lang in Deutschland den Franzosen die Spitze zu bieten. Es wird darum immer zu beklagen jein, daß England im einseitigen Interesse einen vorzeitigen Frieden mit Frankreich abschloß. Hätte England noch einige Monate zugewartet, zumal sich die Verhältnisse seines Verbündeten, des Preußenkönigs Friedrichs II. von Tag zu Tag günstiger gestalteten, so hätte es zweifellos mit Unterstützung seines Parteigenossen auch für seine deutschen Bundesgenossen von dem mürbe gewordenen Frankreich vorteilhafte Bedingungen erlangt. Wahrlich, die schweren Opfer der deutschen Fürsten und ihrer Länder, die Jahre lang der Schauplatz des westlichen Kriegstheaters waren, hätten diese Rücksicht verdient! Dilettant und Dichter. (Nachdruck verboten.) Ter Dilettant schreibt lang und breit Und stets voll Hast und Eile; Der Dichter braucht oft lange Zeit Für eine kurze Zeile. Der Dilettant schwört, daß nur Glut Ihn der Begeist'rung leite; Dem Dichter, was sein Herz auch tut. Bleibt der Verstand zur Seite. Der Dilettant, wenn was gelang. Weiß nie, warum's geraten; Ter Dichter, auch im Schaffensdrang, Ist Meister seiner Taten. Edwin Bormann. Charade. (Nachdruck »erboten.) Kein Mens» kommt zu der Ersten gern, Tock lieben’« die gelehrten Herrn, Tie Aerzte und Juristen sehr. Gar nützlich ist die Silbe Zwei, Wehrt von dir ab so mancherlei, Was dir sonst machte viel Beschwer. Wer sich dem Ganzen anvertrant, Ter hat nur aus den Wind gebaut. Das Ganze kommt von oben her. (AnsMnn in nächster Ntimmer.f Auflösung des Scherzrätsels in vor. Nr.r Schwamm. Auflösung des Preisrätsels in Nr. 17 der Familienblätter 3. Rain, Iran, Narr 2. Elbe, Nebel, Gebet. 1. Rast, Oase Lase Lohengrw . Tie Gewinner sind. 1. Fr.tz Sievers, Gießen Moltkestraße 24 — Preis: „Geschtchlen aus der Tonne" von Tbeod. Storm: 2. VT« Verwalter Ludwig Wahl, Londors - Preis- -Angela Borgta von fionr. Ferd. Meyer. Die Preise sind von den Gewinnern gegen Vorzeigung der Abonne» mentsqnttlnng in der Geschastsstelle des „Gießener Anzeigers tu Empsaug zu nehmen. Redaktion: Curt $ lato. - RetaMnsdrtw nut t erleg der V?ilU'scket> llttiterftätä.8 n6« und §teindruckerei lPutsch Erdein in Eießen,