Nr. 7. 1903. au^S. H.'Noii. 6ieas.ftn «»Ct~ MMZz E sch vks?A —i---—- MchUM (Nachdruck verboten.) Eine verhängnisvolle Fahrt. Roman von B. M. Croker. Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen von Alwina Vischer. (Fortsetzung.) „Der Teufel soll mich holen, wenn das nicht eine famose Idee ist!" murmelte der Mann mit den Zügeln, „ich wollte, ich wäre auch auf diesen Gedanken gekommen — aber Terence ist immer so flink mit seinen Entschlüssen. Fortgeschossen ist er wie ein Pfeil, und läßt mich hier mit einem zappeligen aufgeregten Viergespann sitzen. Hoffentlich gehen sie mir nicht auch noch durch." Dann wandte er sich zu bcn Insassen des Wagens und fragte scherzend: „Hat vielleicht jemand Lust zu kutschieren?" Mer niemand wollte sich dazu verstehen. Nachdem die Reisenden dann eine kurze Strecke zurückgelegt hatten, bemerkten sie einen verstört aussehenden Herrn, der in atemloser Hast auf sie zugelaufen kam, und keuchend die Worte hervorstieß: „Der Wagen — der Wagen — der andere Wagen, haben Sie ihn nicht gesehen, wo ist er?" „Auf der Landstraße, eine Meile weiter nach Bally- bay zu." „Meine Frau und meine Schwägerin sind darin. Sind sie unverletzt?" „Na, ich denke wohl!" erwiderte der stellvertretende Rosselenker. „Der Kutscher dieses Postwagens ist über den Berg gelaufen, um den Weg abzuschneiden, und die Pferde womöglich zum Stillstehen zu bringen. Wenn dies irgend einer in ganz Irland zu stände bringen kann, so ist er es." „Was für einen Weg ging er?" „Hier die Schafweide hinauf. Hoffentlich kam er zur rechten Zeit an." „Beim Himmel, wenn nicht, so sind sie jetzt alle mause- tot", sagte ein behäbiger Pächter, „denn kein Pferd der Welt kann den Umrang am Teufelellenbogen im Galopp nehmen." Sir Greville hörte diese tröstliche Bemerkung wohl kaum, mehr. Schon rannte er wieder vorwärts und zwar in einer Gangart, bei deren Anblick seine Londoner Freunde vor Erstaunen Mund und Mgen aufgesperrt hätten. ; Fünftes Kapitel. Terence. ! Die endlos erscheindende Anhöhe übte schließlich doch «eine beruhigende Wirkung auf die Pferde aus. Die nicht mehr ganz jungen Stangenpferde fingen an, sich ihres Ungestüms zu schämen, nur der Schecke und das übermütige .Sattelpferd hatten sich noch nicht ganz von der Einwirkung des roten Sonnenschirms erholt. Trotzdem hoffte Maureen, daß die größte Schwierigkeit nun überwunden und sie im stände sein werde, das Fuhrwerk siegreich an seinen Bestimmungsort zu führen — vorausgesetzt natürlich, daß sich kein weiterer Zwischenfall ereignete. Als sie die Anhöhe erreicht hatten, wandte sie sich zu ihrem vor Angst zitternden Gefährten und sagte: „Ich glaube, ich kann die Pferde jetzt anhalten, bitte steigen Sie ab' und legen Sie den Hemmschuh an". „Ich verstehe nichts von Hemmschuhen", brummte er. Mit Ausbietung all' ihrer Kräfte brachte Maureen die Pferde endlich einen Augenblick zum Stillstehen, und sagte dann mit zorniger Miene und in gebieterischem Toner „Verlassen Sie sogleich den Wagen." „Das war ohnedies meine Wsicht", antwortete er, blitzschnell vom Wagen springend. Kaum fühlte er festen Boden unter den Füßen, so brach er in wütende Verwünschungen über das erbärmliche Fuhrwerk und über die ganze Posteinrichtung aus. „Warten Sie nur, mein liebes Fräulein, ich will den Hemmschuh schon anlegen", rief der alte Rektor. Rasch und geschockt führte er sofort seinen Vorsatz aus, während die beiden vorderen Pferde ungeduldig tänzelten und Lady Fanshawe mit weinerlicher Stimme bat: „O, Maureen, Maureen, laß mich auch aussteigen." Mer das Gespann hatte sich bereits wieder in Bewegung gesetzt und trabte jetzt ruhig und langsam bergab. Schon war mehr als die Hälfte des Weges zurückgelegt, als der Schecke in plötzlich wiedererwachendem Uebermut ausschlug und den Kopf des hinteren Pferdes traf, worauf dieses über den Strang schlug. Im Nu entstand eine unlösbar erscheinende Wirrnis unter den vier Pferden, bei deren Anblick auch Maureens Mut zu schwinden begann. In diesem verhängnisvollen Augenblick gewahrten die Reisenden einen Herrn, der in höchster Eile quer über die Felder daherlief, sich über eine Hecke schwang, und ehe man sich's versah, den beiden Vorderpferden in die Zügel fiel. Die Wirkung war verblüffend. Beruhigend sprach er auf den Schecken ein, streichelte dessen aufgeregten Kameraden, richtete ein ermutigendes Wort an die Stangenpferde, und schwang sich auf den Bock. „Nun ist alles in Ordnung", rief er, sich nach rückwärts wendend. „Die Tiere kennen mich, und werden jetzt so fromm gehen wie die Lämmer. Sie brauchen sich nicht im geringsten mehr zu ängstigen." Die Veränderung, die seit dem Eingriff des Fremden mit den Pferden vor sich gegangen war, grenzte in der Tat an das Wunderbare. Schon der Klang seiner Stimme und das Gefühl seiner starken Hand genügte, das wilde aufrührerische Quartett in vier reumütige, ehrbare Pferde zu verwandeln. Maureen war aufs höchste erstaunt, über die spielende Leichtigkeit, mit der er die Tiere in ruhigere Gangart brachte. „Bedauere, daß ich Sie Ihres Amtes entsetzen mußte", 26 sagte er, sich lächelnd an die neben ihm sitzende junge Dame wendend. Der Fremde hatte eine klare, angenehme Stimme, seine Sprache einen leichten Anflug von irländischem Dialekt, und es schien Miß D'Arcy, als zucke ein kaum merkliches spöttisches Lächeln um seine Mundwinkel, was sie zu der etwas kurzen Antwort reizte: „£), bitte." Allein die unerwartete Hilfe war doch eine solch überwältigende Erleichterung fiir sie, daß sie, als jetzt die hochgradige Nervenanstrengung nachließj nur mühsam die Tränen zurückhalten konnte. Das Beispiel des Fremden, die Kaltblütigkeit, mit der er einer anscheinend ver- " zweifelten Lage mit so raschem Erfolg entgegengetreten war, weckte indes ihren Stolz und spornte sie zur äußersten Anstrengung ihrer Kräfte an. Trotzdem entging es ihm nicht, daß sie zitterte und daß das mutige Mädchen mit den flatternden schwarzen Haaren dem Zusammen- brechen nahe war. Jetzt eben wehte ihm der Wind eine lange Locke ins Gesicht, die weich war wie Seide und nach Veilchen duftete. „Verzeihen Sie", stammelte sie verwirrt, die Haare zusammenfassend. „Ich hatte bis jetzt keine freie Hand, und mein Hut liegt irgendwo in einer Wasserpfütze." „Ihre Hände sind ja ganz zerschunden", rief er, „wie leid mir das thut!" »Ach, es ist nicht so schlimm. Unglücklicherweise hatte ich kurz ehe ich die Zügel an mich nahm, die Handschuhe tlusgezogen." „Wie kam es denn, daß die Pferde durchgingen?" Mit wenigen Worten berichtete sie ihm von dem davongelaufenen Postillon, von dem Absteigen des Kutschers und der damit beginnenden Katastrophe. „So war also ein roter Sonnenschirm an allem Unheil schuld", sagte er, ein rascheres Tempo einschlagend. Dann schwieg er, um ihr Zeit zur Wiedergewinnung ihrer Ruhe zu lassen, denn er sah den Kampf wohl, den sie mit sich selbst bestand und hatte große Hochachtung vor ihrem kühnen Mut und ihrer Selbstbeherrschung. „Tom Sweeny, der Kutscher", fuhr er endlich fort, »wird ganz außer sich sein, daß er Wagen, Pferde und Recsende im Stich lassen, zu Fuß nach Karra zurückkehren und selbst die Nachricht von seinem Unglücksfall über- brrngen mußte. Ich kann mir das Gesicht des Postdirektors lebhaft vorstellen." „Er ist gewiß wütend, obwohl dem Kutscher eigentlich kein Vorwurf gemacht werden kann." „Das möchte ich nun doch nicht behaupten. Tom rst immer viel zu unvorsichtig. Wozu braucht er seinen Postillon weglaufen zu lassen? Aber, was ich noch sagen wollte, saß nicht vorhin ein Mann auf dem Bock?" „Doch, ein elender, erbärmlicher Feigling. Er war so sinnlos vor Angst, daß er die Zügel losließ, und ich sie nur mit der größten Schwierigkeit wieder erhaschen konnte. Ms ich die Pferde endlich oben auf der Anhöhe zum Stillstehen brachte, und ihn bat, rasch abzusteigen, und den Hemmschuh anzulegen, weigerte er sich rundweg, dies zu thun." „Und da tvarfen Sie ihn einfach zum Wagen hinaus?" ,,^ch befahl ihm wenigstens, abzusteigen, was er nur zu gerne tat." Der Fremde lachte herzlich und fuhr fort: „Er machte es eben wie jener Irländer, der behauptete, es sei besser zehn Minuten ein Feigling, als fein ganzes Leben tot zu sein. Es war ein Glück, daß Sie auf dem B^ck faßen. Wo haben Sie das Kutschieren gelernt, denn ich sah wohl, daß Sie nicht zum erstenmal die Zügel führten." „In Australien, da kutschierte ich manchmal zum Zeitvertreib." „Heute aber war es blutiger Ernst damit. Nur mit knapper Not sind Sie einem großen Unglück entronnen." „Ja, unser Leben hing an einem Haar." gekehr^?"d er^ ^eit kurzem aus Australien zurück- "Nein, schon vor sechs Jahren. Seit dem Tode meines Vaters lebe ich in England. Waren Sie auch schon in den Kolonien?" „9cur in Indien. Doch gestatten Sie mir die Frage: Ware es nicht besser, Sie bänden bei dem Sturme ihr Taschentuch um den Kopf?" „Gewiß, aber ich kann es nicht finden, es muß davongeflogen sein, wie mein Hut." $ ..Darf ich Ihnen vielleicht das meinige anbieten fragte er, ein unbenühtes, weißseidenes Taschentuch her- ausziehend, das Maureen dankbar annahm, und nach Art der irländischen Bäuerinnen um den Kopf wand, was ihr vorzüglich stand. „Hier kommen wir an den Teil felellenbo gen", erklärte er ihr, als sie langsam um einen scharfen Felsvorsprung, zu dessen Füßen eine tiefe Schlucht gähnte, fuhren, „und das dort ist der wegen feiner vielen Salme berühmte Fluß Leam. Betreiben Sie auch den Fischerei- sport, oder wollen Sie nur die schöne Gegend hier genießen?" „Das weiß ich selbst noch nicht, aber mein Schwager ist ein leidenschaftlicher Freund dieses Sports. Voraussichtlich bleiben wir zwei Monate frier; ich hoffe, es wird eine hübsche Zeit werden, denn Luft und Gegend scheinen mir herrlich zu sein." In diesem Augenblick ließ die Katze von neuem ihr langgezogenes Miaugeschrei ertönen. „Wir haben nämlich eine schwarze Katze unter den Fahrgästen", sagte Maureen lächelnd, „wahrscheinlich hat sie uns Unglück gebracht." „O nein, im Gegenteil. In Irland sagt man, daß eine schwarze Katze Glück bedeute. Mer beim Zeus, was ist denn das für ein Hundegekläffe? Wem gehört der Köter?" „Meiner Schwester; während der ganzen Fahrt bellte er wie toll." „Warum hat ihm nicht jemand den Garaus gemacht?" „Ach, der arme Taffy!" „Doch immerhin besser, als daß Sie alle das Genick brechen." „Sie scheinen mir kein großer Hundeliebhaber zu sein?" „Im Gegenteil; verzeihen Sie, wenn ich Ihnen widerspreche: Ich habe Hunde unendlich gern, mein treuester Gefährte und bester Freund ist ein Hund." Er hielt inne, denn nur mit Mühe konnte er das Gesvann durch eine, die Straße überschreitende Rinderherde hindurchwinden, und Maureen benützte diese Gelegenheit, ihren Nachbar verstohlen zu betrachten. Sein Aussehen war das eines Mannes der besseren Stände; er trug einen braunen Anzug, lederne Reitgamaschen und Handschuhe aus Hundeleder. Das stark entwickelte Kinn verriet Energie, und die ganze Erscheinung mit dem schön geschnittenen Profil bot ein Bild echter, kraftvoller Männlichkeit. Maureen hoffte, er werde ebenfalls in Ballhbah wohnen, schämte sich indes sofort wieder dieses Gedankens. „Wie sieht Ihr Hund au§?" fragte sie nach kurzer Pause." „Es ist eine Art weiße Bulldogge, ein außerordentlich kluges, treues und anhängliches Tier, das nebenbei auch noch seine Geschichte hat. Durch ein Versehen kam er nämlich an Bord eines nach Südamerika fahrenden Dampfers. Auf der Rückreise erlitt die Mannschaft Schiffbruch und hatte entsetzliche Entbehrungen auszustehen. Vier Tage fristeten sie notdürftig ihr Leben von ihrem geringen Proviant, aber so sehr sie auch dem Verhungern nahe waren, den Hund opferten sie nicht. Bedarf es noch mehr zu seinem Lobe?" „Nein, wahrhaftig nicht." „Nachdem die Leute dann glücklich gelandet waren, starb der Mann, an den sich der Huno besonders cmge- fchlossen hatte, im Spital, und da man dort nicht wußte, was man mit Lost anfangen sollte, nahm ich ihn zu mir, und so ist er seit nahezu drei Jahren mein treuer Freund und Stubengenosse." „Das war ein glücklicher Zufall für ihn. Mer erst was für ein Glück für uns, daß Sie auf Ihrem Spaziergang zufällig mit uns zusammentrafen." „Spaziergang? Nennen Sie das spazierengehen? Ich lief ja so schnell mich meine Füße tragen konnten, denn ich befand mich auf der anderen Postkutsche, und da ich das Unglück voraussah, das sich unfehlbar ereignen mußte, wenn Sie die Pferde nicht zum Stillstehen bringen konnten, überließ ich die Zügel einem des Kutschierens kundigen Freunde, schnitt ein großes Stück Weges ab, indem ich quer über den Berg lief, und erreichte Sie gerade noch im richtigen Augenblick." „Und retteten so unser Leben. Ach, wie sollen wir Ihnen danken?" rief sie mit leuchtenden Augen. 27 — „Bitte, verlieren Me keine Worte. Ich tat nur meine Pfsicht — eine doppelte Pflicht, denn ich stehe in Postdiensten." „Wohnen Sie in Ballybay?" ,La, d. h. ich bringe die Nächte und gewöhnlich auch die Sonntage dort zu; die meiste Zeit aber bin ich mit den Postwagen unterwegs — es ist mein Beruf." Bei diesen Worten wandte er den Kvpf halb zu ihr hinüber und sah sie scharf an. ,Lch bin nur ein armer Kutscher. Glaubten Sie, ich sei Vergnügungsreisender?" Und wieder erschien das halb spöttische Lächeln um seinen Mund. Miß T'Arcy hatte das allerdings geglaubt, und so traf sie diese plötzliche Ankündigung wie ein unerwarteter Schlag. Trotzdem hielt sie seinen Blick ruhig aus, als sie antwortete: „Ob Sie ein Bergnügungsreisender sind oder nicht, weiß ich nicht, jedenfalls aber halte ich Sie für einen Gentleman." Einen Augenblick blitzten seine ernsten, leuchtenden Augen ruf, und seine Lippen zuckten eigentümlich. Tann aber entfernte. er sorgfältig mit einem leichten Peitschenschlage eine Fliege vom Rücken des einen Sattelpferdes uno antwortete lachend: „Nun, wenn Sie nach Ballybay kommen, werden Sie es schon bestätigt hören, daß ich nichts weiter bin, als der Kutscher Terence. Tort drüben am Strande kommt Ihr Reiseziel übrigens schon in Sicht." Daraufhin verfiel er in Schweigen, und es machte den Eindruck, als nehme ihn die Führung seiner Pferde vollständig in Anspruch. Mehr als eine halbe Stunde lang herrschte eine sonderbare — eine peinliche Stille zwischen ihm und Miß D'Arcy. Er nahm an, daß der jungen Dame, nun sie seinen Beruf kannte, nichts mehr an der Fortsetzung eines Gesprächs mit chm liege, ja, daß sie vielleicht sogar finde, er habe die gesellschaftlichen Schranken ohnehin schon überschritten, und so hüllte er sich in stolzes Schweigen. Das Aussehen und Benehmen, der Mut und die Kaltblütigkeit dieses seltsamen Kutschüxs hatten ihre Phantasie angeregt und nicht nur ihre Neugierde, sondern auch, was noch schlimmer war, chr Interesse geweckt. Es entging ihr nicht, wie freundlich alle Leute, die sie auf ihrem Wege antrafen, die Fuhrleute sowohl, als die mit Torf oder Seetang beladenen Männer diesem Terence zunickten oder ihm einen fröhlichen Gruß entgegenriefen. Auch fühlte sie wohl, daß es an ihr gewesen wäre, zu sprechen, und dennoch fand sie angesichts Kiner fest geschlossenen Lippen nicht mehr den Mut dazu. Nun fuhren sie auch schon die lange Hauptstraße von Ballybay entlang und vor das Hotel, aus dem der Wirt und ein Kellner mit einer langen Leiter herausgestürzt kamen, um sie zu empfangen. Sechstel Kapitel. Wichtige Belehrungen. Miß T'Arcy mußte sich nach ihrer Ankunft in Ballybay zuerst einige Stunden ihrer Schwester widmen, deren Nerven sich durch die Erlebnisse im Postwagen noch in hochgradiger Aufregung befanden. Erst als Lady Fanshawe, in ein loses, seidenes Morgen kleid gehüllt, mit einem Weichen Kissen im Rücken und einem Roman in der Hand, auf das Sofa gebettet lag, wurde Maureen entlassen. Fröhlich eilte sie nun in ihr Zimmer, um die Kleider zu wechseln und ihre Koffer auszupacken, wobei sie sich des entlehnten Taschentuchs erinnerte, und es einer neugierigen Prüfung unterzog. Es war von guter weißer Seide und roch ein wenig nach Tabak. Sorgfältig faltete sie es zusammen, schrieb auf einen kleinen Briefbogen: „M. D'Arcy mit bestem Tunk", steckte beides in einen Um- schlag, und klingelte nach dem Zimmermädchen. Eine kleine, lebhafte, rothaarige Irländerin erschien, bei der sich Maureen nach der Wohnung des Kutschers Terence erkundigte; sie übergab ihr das Päckchen mit dem Auftrag, es sogleich Vne. AEsse M bringen, nicht ahnend, welche Deutung Öte „ ^iwfnchtige kleine Botin dieser Handlung unterschob. ^ady Fanshawe nahm das Mittagessen in ihrem Wohnzimmer ein, Sir Greville aber erschien mit seiner Schwägerin pünktlich an der Tafel, wo er von mehreren Be- kannten aufs herzlichste begrüßt wurde. Die Zahl der Gaste mochte etwa vierzig betragen, unter denen Sir Gre- vitle seiner Schwägerin einen alten General und dessen Tochter, drei Brüder aus Leeds, eine aus Vater, Mutter und Sohn bestehende Birminghamer Familie, und vor allem eine Mrs. Duckitt bezeichnete, die er seit mehreren Jahren kannte und als eine besondere nette Frau schilderte. Er sprach dabei die Hoffnung aus, daß sie ein angenehmer Umgang für Maureen und seine Frau sein werde. Voll Interesse sah Maureen zu der kleinen Frau hinüber, die am anderen Emde des Tisches saß. Sie war eine schlanke, heiter aussehende Dame, mit hübsch frisiertem Haar und einer eleganten rosa seidenen Bluse. Zwei Reihen blendend weißer Zähne hoben sich vorteilhaft von den weichen, bräunlichen Tönen des sonnenverbrannten Gesichts ab. Mrs. Duckitt ahnte wohl, daß über sie gesprochen wurde, denn sie nickte Sir Greville freundlich zu. „Nach Tisch muß ich euch mit einander bekannt machen", sagte er. „Sie wird noch eine bessere Führerin für Dich fein, als ein Bewohner des Orts, denn sie kennt seit Jahren Land und Leute im Umkreis." „Kommt sie immer ganz allein hierher?'" ,La, gewiß, sie ist vollständig unabhängig, wie es nur eine reiche, kinderlose Witwe in mittleren Jahren sein kann. Sie hat zwar eine Kammerjungfer bei sich, die jedoch nicht viel von ihr in Anspruch genommen wird, da Mrs. Duckitt sich schon in aller Frühe auf den Weg macht, und häufig vor abends sieben Uhr nicht zurückkehrt." Nach dem Essen zerstteute sich die Tischgesellschaft teils ins Freie, teils auf die Veranda. Mrs. Duckitt nahm Miß D'Arcy bereitwilligst unter ihre bewährten Fittige, während Sir Greville von einigen alten Bekannten zurückgehalten und in ein eifriges Gespräch verflochten wurde. „Vor allem will ich Ihnen jetzt die Brücke zeigen", sagte Mrs. Duckitt. „Hut brauchen Sie keinen, wir sind hier nicht im Hydepark." „Allerdings nicht", erwiderte Maureen, indem sie ihre Blicke über die weite Bucht, über das mit Heidekraut bewachsene Torfmoor und über die Berge schweifen ließ, deren dunkle Felsvorsprünge schroff ins Meer abfielen. (Fortsetzung folgt.) Die Newyorker Polizei. Bon E. Osten. (Nachdruck verboren.- Je umfangreicher und komplizierter der Bettieb einet Sicherheitsbehörde ist, umsomehr giebt sie z»;r Korruption Veranlassung. Gerade in dm größten Städten, wo die große Zahl von Subalternbeamten den Vorgesetzten die Aufsicht erschwert, neigen die Polizisten besonders dazu, ihre Gewalt zu mißbrauchen. Tas gilt so ziemlich von allen Großstädten; in Newyork aber hatte die Korruption vor einigen Jahren einen so großen Umfang angenommen, daß man sagen Sonnte, die Polizei diene ebenso gut dazu, Verbrecher der strafenden Gerechtigkeit zu entziehen, als dieselben zu verfolgen. Tiefe jedenfalls sehr begründeta Behauptung hat kein Geringerer aufgestellt, als Theodore Roosevelt, der vor feiner Wahl zum Präsidenten der Vereinigten Staaten Präsident der Newyorker Pvlizeikommission wurde und die ganze Polizeittuppe reorganisierte. Seine Energie und Gerechtigkeit haben wahre Wunder vollbracht, während früher Erpressungen, welche Polizeibeamte gegen Verbrecher ausübten, wie viele andere Vergehen im Amte an der Tagesordnung waren. Unter dem neuen System einer gerechten Verwaltung hat jetzt ein tapferer und befähigter Mann alle Chancen, bei der Newyorker Polizei glänzende Karriere zu machen. Auch der Geringste kann zu den höchsten Stellen aufrücken. Mut, Verwegenheit und Pflichttrene sind die wichtigsten Vorbedingungen zur Beförderung. Ter Beruf des Polizisten verlangt es aber fast täglich, Tumultuanten und gefährlichen Verbrechern gegenüberzutteten, und häufig findet er Gelegenheit, Menschen vor dem Ertrinken zu retten, oder aus einem brennenden Gebäude ins Freie zu tragen, durchgehende Pferde aufzuhalten usw. Tie meisten Bewerber für den Polizeidienst in Neto- York sind Handwerker und Handlungsgehilfen. Toch kommt es auf die Vorbildung weniger an, als auf die spezielle Befähigung für ihre Aufgabe. Ter Jahresverdienst dieser Leute vor ihrem Einttitt bei der Polizei beträgt 2400 bis 4000 Mk. Im Polizeidienst aber erhalten sie bald nach Beendigung der Probezeit 6500 Mk. Von diesem Gehalt kann man bei bescheidenen Ansprüchen auch in Newyork — ZTS — leben und eine Familie ernähren. Und wenn man auch nicht avanciert, also während der ganzen Tienstzeit ein gewöhnlicher Polizist, ein „Patrolman", bleibt, so wird man nach L5jähriger Tienstzeit mit einem Ruhegehalt von 2800 Mk. pensioniert. Bei der ersten Beförderung zum Roundsman, der eine größere Zahl von Polizisten zu überwachen, für die genaue Beachtung der Disziplin zu sorgen hat, steigt sein Gehalt um 400 Mk., sodaß es bereits 6000 Mk. pro Jahr beträgt. Ist er tüchtig genug, so kann er noch weiter steigen, Wachtmeister oder auch Polizeikapitän werden. Ein Polizei- Kapitän, dessen Gehalt 10 800 Mk. beträgt, ist ein Mann, dessen Berantwortllichkeit ebenso groß ist, wie sein Einfluß. Es ist selbstredend, daß solch ein Mann einen gewissen Grad von Bildung, gewinnender Eigenschaften des Herzens und des Verstandes zeigen muß. Er soll in seinem Stadtteil als eine bedeutende Persönlichkeit anerkannt werden. Ueber den Polizeikapitänen stehen die Inspektoren, und über diesen endlich der Polizeichef, der ein Jahresgehalt von 24 000 Mk. bezieht. Tiefer beherrscht die gesamte Polizeitruppe, welche 4000 Mann stark ist. Tie Beförderung kann aber auch nach anderer Richtung erfolgen. Zeigt der Beamte besondere Befähigung zum Geheimpolizisten, fo wird er in die Tedektivabteilung versetzt. Zu den Gefahren, denen ein Polizeibeamter ausgesetzt ist, gehört die stete Berührung mit Verbrechern nnd Leuten, die ein lasterhaftes Leben führen. In Newyork hat die Polizei früher den gefährlichsten Subjekten gegenüber ein Äuge zugedrückt, ja sogar das Laster begünstigt. Spielhöllen, welche die Beamten zu bestechen wußten, genossen direkt den Schutz der Polizei. Polizisten, welche gewisse Beträge zahlten, konnten ihre Beförderung durchsetzen, und häufig rückten sie lediglich durch den . Einfluß ihrer politischen Freunde in höhere Stellen auf. Tiefem Treiben hat Roosevelt ein Ende gemacht. Unter anderem sorgte er auch für strenge Bestrafung derjenigen Polizisten, welche auf ruhige Bürger, namentlich in der Trunkenheit, mit dem Polizeiknüttel losgingen. Er interessierte sich aber auch persönlich für das Wohl der Beamten, und so oft eine verdienstvolle Handlung von Untergebenen zu seiner Kenntnis gelangte, ließ er sie avancieren. Er selbst hat uns einige dieser Fälle in einer „The New- hork Police force" betitelten Slbhandlung mitgeteilt. Kurz nachdem Roosevelt Präsident der Newyorker Polizeitruppe geworden, wurde seine Aufmerksamkeit auf einen Zeitungsausschnitt gelenkt. Es wurde da erzählt, wie ein „Roundsman" eine Frau vor dem Ertrinken rettete. Roosevelt ließ den Mann sofort zu sich kommen. Es war ein soldatisch aussehender, weißköpfiger, straffer Mann, welcher bereits 21 Jahre bei der Polizeitruppe diente und ein Veteran des Bürgerkrieges war. Als ausgezeichneter Schwimmer war er seit langer Zeit am Flusse stationiert, hatte nicht weniger als 25 Personen vor dem Tode des Ertrinkens gerettet nnd war bereits durch zahlreiche Rettungsmedaillen ausgezeichnet worden. Es ergab sich, daß er sich während seiner ganzen Tienstzeit tadellos geführt hatte. So wurde er uun zum Wachtmeister befördert. In einem anderen Falle vollführte ein Polizist eine Heldentat anläßlich eines Brandes. Er erreichte die Brandstätte vor dem Eintreffen der Feuerwehr. Tie Flammen hatten bereits einer Frau und zwei Kindern den Ausweg abgeschnitten. Tennoch stürzte er durch das Feuer, die von erstickendem Rauch erfüllte Treppe hinan, erreichte die Frau und die beiden Kinder, und ein Fenster aufreißend, gelang es ihm, an einer Dachrinne entlang auf das Dach eines benachbarten Hauses zu klettern. Dreimal machte er den Weg hin und zurück, und es gelang ihm, alle drei Personen zu retten. — Dieser Mann hatte sich aber in seiner dienstlichen Vergangenheit zwei schlimme Vergehen zu schulden kommen lassen. Er mußte deshalb noch einige Zeit auf seine Beförderung warten, damit er erkenne, daß Mut und Entschlossenheit nicht allein den tüchtigen Beamten ausmachen. Eines Tages, als einer der Polizisten sich nach Beendigung des Dienstes auf dem Heimwege befand, bemerkte er zwei Männer, deren Verhalten ihm verdächtig erschien. Sehr viele Beamte beeilen sich, sobald sie frei sind, zu ihrer Familie zu kommen und ihrer Mußestunden sich zu erfreuen, sodaß sie, wenn sie es irgend vermeiden können, keine Tienstpflichteu mehr erledigen, oder Personen festnehmen. Tiefer Polizist aber war von anderem Schlage. Er folgte den Männern, die ihn für einen Zivilisten hielten, in einiger Entfernung und beobachtete schließlich, wie sie von einem Genossen einen Sack in Empfang nahmen, der, wie er vermtuete, Tiebeswerkzeug enthielt. Im geeigneten Augenblick nahm er sie dann fest. Es stellte sich heraus, daß es zwei bekannte Einbrecher waren, welche wegen verübter Verbrechen von der Polizei gesucht wurden. Dieser Fang veranlaßte Roosevelt, die Personalakten des Beamten durchzusehen. Er konstatierte, daß der Beamte sich alS Genie im Entdecken und Einfangen von Verbrechern bewiesen, da er nicht nur scharfe Intelligenz, sondern auch viel körperliche Kraft besaß. Tie Gesamtstrafen der von ihm arretierten Verbrecher beliefen sich auf 187 Jahre Staatsgefängnis — abgesehen von einem Mörder, der für sein Verbrechen hingerichtet tvorden war. Am glänzendsten ist folgendes Beispiel, welches zeigte wie ein Mann avancieren kann, indem er ein wenig mehr als seine Pflicht tut. Eines nachts sah ein Polizist einen Mann aus dem Fenster eines Hauses springen und auf die Straße hinablaufen. Natürlich verfolgte er ihn sofort. ES war ein mit Waffen versehener Einbrecher. Ter Beamte jedoch lief ihm nach und holte ihn an der Park Avenue ein, unterhalb welcher sich ein Tunnel befindet, durch den die Züge der Newyorker Zentralbahn gehen, lieber diesem Tunnel befindet sich eine Anzahl großer Oeffnungen, und durch eine derselben sprang der Einbrecher hinunter. Es war ein tiefer Sprung, und außerdem lief er Gefahr, von einem der die Strecke passierenden Züge gefaßt zu werden. Toch ein Mann, dessen Freiheit auf dem Spiele steht, scheut auch vor einem schweren Wagnis nicht zurück. Ter Polizist folgte ihm. Seine Freiheit stand nicht auf dem Spiele, und niemand hätte ihn bestrafen, oder auch nur tadeln können, wenn er sich gehütet hätte, durch den Sprung in die Tiefe sein Leben zu riskieren. Trotzdem Kräng er hinab. Dem Einbrecher war durch den Sprung r Atem ausgegangen. Ter Polizist, der glücklicher oder geschickter sprang, kam unverletzt davon, ergriff den Flüchtling, brachte ihn auf die Polizei und verdiente sich auf diese Weise sein Avancement. Tie Beförderung zu höheren Rangstufen wird nicht nur durch Mut, Rechtschaffenheit und Gewandtheit erlangt, sondern es ist auch eine bedeutende Exekutivfähigkeit erforderlich. Ter gegenwärtige Polizeichef und die Inspektoren haben ihren Stellung durch die Betätigung von Eigenschaften erlangt, welche sie eine große Anzahl von Leuten zu dirigieren geeignet machen. Jedenfalls ist es ein sehr gesundes Prinzip, jeden, ohne nach Herkunft zu fragen, an die seinen Fähigkeiten entsprechende ©teile zu setzen, zumal Bet einer Sicherheitsbehörde, deren Macht und Ansehen von der Zuverlässigkeit jedes einzelnen abhängt. Schachaufgabe. Von F. Havelka in Louny. (Nachdruck verboten.) 5 4 5 4 8 7 6 3 2 1 8 7 6 abcdef g h 3 2 1 a b edel x b Selbstmatt in drei Zügen. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des LogogriphS in vor. Nr.r Stern — Astern — Ostern. Redaktion: Curt Plato. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Luch- und Eteindruckerei (Pietsch Erben) in Eicsten.