Sreitag den 13. Zlovcmöer. Mff (Nachdruck verboten.) Jas WttmiiW-m der Bretlipe. J8on B. W. Howard. (Schluß.) Nannic kränkelte und starb. Es war wohl das klügste, was er tun konnte — Nannic war ja immer klug. Er war niemals kräftig gewesen, im Winter nahm seine Schwäche zu, er war immer müde und wußte nicht, wie er ohne Guenn weiterleben sollte, ohne die starke, lustige Gwenn, die mlle seine Neckereien mit ihrem strahlenden Lächeln ausnahm, die schöne Guenn, rosig wie eine Pfirsiche und frisch wie ein Tautropfen, die immer fang und tanzte, immer zur Hand war, wenn man sie brauchte. Nannic litt nicht viel, er siechte dahin und die Frauen im Dorfe waren gut und liebevoll zu ihm. Aus Madames weisen Rat nahm ihn Jeannes Mutter mit nach ihrer Wohnung, ihn da zu verpflegen. Nannic blieb bis zuletzt geduldig und dankbar, weigerte sich aber hartnäckig, seinen Water zu sehen. „Klagen und Seufzer sind billig zu haben", sagte er verächtlich. „Vater hin, Vater her, sprecht mir nicht von ihm. Wenn Ihr ihn herbringt, drehe ich mich nach der Wand um. Er hat sie getötet. Er hat uns alle getötet. Ich hasse ihn. Und wenn Ihr die Wahrheit hören wollt: ich habe ihn mein Lebenlang gehaßt." Oftmals murmelte er vor sich hin, die -großen, blauen Augen weit geöffnet: „Ich sah es ja kommen. Ich sagte es ihm, ich -habe es auch ihr gesagt, der andere ist nicht zu tadeln. Es sollte so kommen. Der andere kam und ging, ohne zu wissen, wie es stand." Tie Weiber wiederholten seine Worte mit frommer Scheu und fügten sie ihrem Vorrat an Geistergeschichten, Wundern, Weissagungen und Zaubersprüchen bei. So errang Nannic noch im Tode den Ruhm, nach welchem er am meisten gestrebt hatte während seines kümmerlichen Daseins ; er ging dahin, wenn auch! nicht im Ruf der Heiligkeit, so doch in dem eines Wesens voll geheimer, übernatür- licher Kräfte, was ihm weit mehr galt. Auch Guenns ungestümes Herz, dies große Herz, das so leidenschaftlich für ihr Volk schlug — wäre befriedigt gewesen, hätte sie dre Weiber unten am Flusse hören können. Wie die jüngeren um sie klagten und weinten, und wie die alte Mutter Nives mit seltsam zittriger Stimme zornig rief: „Seid still ihr Närrinnen. Sie war mehr wert als ihr alle zusammen. Wer sagt einem jetzt noch ein lustiges Wort? Wer hat solche lachende Augen, die einen fröhlich machen und alle Gliederschmerzen vergessen lassen? Mit wem von euch lohnt es denn noch der Mühe zu reden? « Seid still, sage ich!" Daraus erwiderte Mutter Quaper in tiefen Kehllauten unter heftigem Schluchzen: „Das frage ich auch Madame Nives, mit wem? Es ist freilich etwas spät am Tage, daß Ihr dahinter kommt. Ich war immer ihre Freundin und sie wußte es auch." Dann entspann sich ein langer, hitziger Kampf, aber Guenn würde sich dariiber gefreut haben, geschah es doch ihr zu Ehren. Noch viele - aufrichtige Tränen flössen um sie und das Lob ihrer Güte, Klugheit und Schönheit erscholl allenthalben. Da, wo der Engel des Todes die majestätischen Fittige ausbreitet, findet der Neid keine Stätte für seinen Gifthauch, und seine Bosheit muß schweigen. So war Guenn nicht vergessen; in den Annalen von Plouvenec wurde ihr Andenken getreulich aufbcwahrt. Noch lange Zeit nach ihrem Tode lebte sie unter ihrem Volke fort, und wenn die Leute von ihr sprachen, schien die zierliche, kleine Gestalt in ihrer kecken Frische und Anmut, noch immer durch das Dorf zu streifen, hier mit einem freundlichen Zuruf für die Schiffer am Strande, dort mit einer heftigen Erwiderung für jeden, der ihr zu nahe trat. Man glaubte die frohe, herzhafte Stimme bei Spiel und Arbeit singen zu hören, und in den kühnen, blauen Augen die un- unendlichste Nachsicht für ihr Plouvenec zu lesen und hochmütige Geringschätzung für die ganze übrige so unbedeutende Welt da draußen. Zehn Jahre später verbrachte Hamor einen Winter in Rom. Tie Zeit war ihm hold geblieben und glimpflich mit ihm umgegangen, sie hatte einige Ecken und Kanten seiner Gestalt und Züge abgescbliffen, und ihm dabei allen Reiz der knabenhaften Anmut gelassen und den goldenen Schein in seinem blonden Haar und Bart. Hervorragend in seiner Kunst, immer vorwärts schreitend in rastlosem Streben, von einem erlesenen Freundeskreis umringt und reich genug, um alle seine Ansprüche zu befriedigen, war Hamor ein vom Glück begünstigter Mensch Bis jetzt hatte er noch nicht geheiratet. An Veranlassung über diese wichtige Angelegenheit mit sich zu Rate zu gehen, hatte es ihm nicht gefehlt, denn er war ein Liebling der Frauen und auch jetzt noch geneigt, an besonders! reizenden-Mädchen psychologische Studien anzustellen. Für die Stunden, in denen er sich von der Arbeit losreißen mußte, um seine Mahlzeiten einzunehmen, oder weil sich leider täglich der Abend einstellte oder aus sonst einem zwingenden Grunde, fand er stets die eine oder andere Frau, für die er sich mit mehr oder weniger Gefühl begeisterte, aber er gab selbst lachend zu, daß keine für ihn mehr sein könne, als die reizende Blume eines Tages. Zu seinen verheirateten Freunden pflegte er zu sagen: „Ihr beweist Euren Gattinnen im besten Falle doch einen größeren oder geringeren Grad von Ergebenheit. Ich würde der meinigen gar keine bezeigen. Sobald ich nicht mehr über meine eigene Kühnheit staunte, ein so wundervolles Geschöpf mir zu eigen gemacht zu haben, würde ich fie vergessen. Ich würde nach Egypten gehen, ohne ihr Lebe- wohl zu sagen. Auf Ehre, ich würde die schäudfichsteN — 674 Tinge tun. Nein, um ein rechtschaffener Mensch zu bleiben, muß ich mich von der Ehe fern batten. Ich will nicht leugnen, daß ich auch vorübergehenoe Anwandlungen habe wie andere Männer, aber ich kann Euch versichern, daß sie verflogen sind, sobald ich anfangs zu malen. Dazu kommt, daß die Frau, nach der ich mich in solchen schwachen Momenten sehne, mel zu gut ist, um ein Opfer meiner Vergeßlichkeit zu werden — und viel zu hübsch obendrein, schloß er mit jenem zärtlich lächelnden Blick, den er immer für Frauen und Kinder in Bereitschaft hatte. Unter seinen Freunden herrschte nur eine Stimme: „Humor ist ein sonderbarer Mensch aber trotz alledem ein prächttgerBursche. Er hat das Herz auf dem rechten Flecke." Von seiner frühesten Kindheit an, als noch seine Weiche Ettmme, sein einnehmendes Lächeln selbst den strengsten Tanten das von ihm ersehnte Stück Kuchen entlockte, das weniger hübschen Neffen verweigert war, hatte es nicht nur bei seiner nachsichtigen Familie, auch sonst in der Welt für ausgemacht gegolten, daß Hamor ein höchst vortreffliches Herz habe. Ein solcher guter Ruf hängt dem Menschen nicht weniger zähe an als ein schlechter. Wer Humors Namen nannte, erwähnte auch meist dabei seines guten Herzens, sodaß dies Organ, das wenigstens in seinen Funktionen tadellos war, fast so berühmt wurde wie seine Gemälde. Als er eines Morgens schnellen Schrittes aus dem Atelier eines Freundes in der Via San Basilio nach Hause ging, begegnete er einer Gruppe Kärmelitermönche. In Nachdenken versunken und voll Eile zu einer fesselnden Arbeit zurückzukehren, war er schon an dem düsteren Zug vorüber, als er Plötzlich wie gebannt stehen blieb und den Mönchen nachblickte. Mitten in seinen Gedanken war seinem geübten Auge doch bei der vordersten Gestalt eine Aehnlich- keit aufgefallen, die er sich nicht zu erklären vermochte. „Wo kann ich diese Züge schon gesehen haben? Unter welchen anderen Verhältnissen? — Ah, da hab ich's? In der Bretagne — les Lannions — Thymert ist's und kein anderer! Kein anderer Priester auf Erden hat diese prächtigen Schultern und schreitet so nach Seemannsart." Er eilte dem Zuge nach, trat auf den Führer zu und rief in freudiger Erregung: „Ist es möglich, Sie find's, monfieur le curs, Sie sind es wirklich?" er streckte ihm herzlich beide Hände entgegen. Ter Priester fuhr zusammen, bebte zurück und blickte wild um sich, als wolle er suchen zu entfliehen, dann fügte er sich mit leidender, hoffnungsloser Geduld: „Auch das geht vorüber", ermahnte ihn die neue Selbstzucht und er erstickte das heiß auflodernde Feuer seines alten Menschen. War das wirklich Thymert? Die warme bräunliche Färbung, die der Seewind seinem Gesicht an den alten Tagen der Freiheit gegeben hatte, hatte einer aschfarbenen Blässe Platz gemacht. Der Glanz in seinen dunklen Augen, die so schützend und liebevoll auf seine öden Inseln, auf seine Ser, seine Bretagne geblickt hatten, war für immer er- en. Ein unergründlicher Trübsinn lag unter den düsteren Brauen, und der einst so arglose, wohlwollende Ausdruck des Mundes war durch strenge, gramvolle Linien zerstört. „Es ist gerade, als wäre der Geist der Jugend in diesem Mann gewaltsam getötet worden, als lebe in seinem Herzen nur die Erinnerung an einen schweren Schicksals- ichlag fort", dachte Hamor tief erschüttert, als Künstler dciber sein beobachtend. Er hielt noch immer den Hut in der Hand und der Sonnenschein fiel auf sein blondes Haar und sein glückliches, sorgloses Gesicht. „Monsieur le rec- teur, es macht mir die größte Freude, Sie wieder zu sehen. Hoffentlich haben Sie mich nicht ganz vergessen?" „Ich habe Sie nicht vergessen, Monsieur." „Ich versichere Sie", fuhr Hamor lebhaft fort, ohne sich durch das starre Wesen des Priesters beirren zu lassen, das ihn gleichwohl verwunderte, „ich habe weder Sie noch sonst jemand aus Plouvenec vergessen. Was waren das für glückliche Tage. Wie oft habe ich Sehnsucht gehabt, einen Ausflug muh der Bretagne zu machen, um alle die lieben Freunde wiederzusehen. Aber so geht's nun einmal im Leben, es ist nicht lang genug, um alle unsere Pläne zu verwirttichen." „Lang genug", wiederholte der Priester, ohne Anteil, ohne Zustimmung, ohne Widerspruch. „Großer Gott, das klingt ja wie eine Stimine aus den Katakomben", dachte Humor im stillen; zum Priester gewendet fuhr er ungestört mit gleicher Freundlichkeit fort zu fragen: „Und Sie leben wirllich hier in Rom? wer hatte das in den alten Zeiten geahnt?" „Ja, ich lebe in Rom", erwiderte Thymerts tonlose Stimme. Selbst bei Humors sprichwörtlich gewordener Liebenswürdigkeit war es schwer, eine Unterhaltung fort» zusetzen, die nicht das geringste Entgegenkommen fand. „Ich möchte so gern mit Ihnen plaudern, wenn Hie frei sind, ich habe so viele liebe Erinnerungen an die Tage der Bretagne." „Ich habe keine Zeit", entgegnete der bleiche Priester und blickte unverwandt aus seinen tiefen Augenhöhlen in das freundlich besorgte Gesicht des jungen Malers. „Wirllich nicht? nun dann muß ich die Gelegenheit benutzen und gleich jetzt meine Erkundigungen einziehen. Natürlich vor allem nach Guenn? Ist sie glücklich verheiratet? Hat sie schon ein halbes Dutzend Kinderchen, alle so sonnverbrannt, so rosig und so reizend wie sie selbst?" Thymerts Züge blieben unbeweglich, wie aus Granit gehauen: „Guenn ist tot, Monsieur — feit lange tot." „Nicht möglich! Die arme Kleine! die liebe, reizende Guenn! Es tut mir wirllich in der Seele weh, das hören zu müssen. Die Vorstellung des Todes paßt gar nicht zu Guenn Rodellec. Ich dachte, sie müsse ewig leben. Wahrhaftig, Sie haben mich förmlich erschüttert, — jetzt, nach so vielen Jahren — aber ich hatte sie auch ganz besonders gern. Unbegreifliche, daß ich nichts davon erfahren habe! Staunton hat mir's doch sicherlich geschrieben. Ja, ja, die Post von Plouvenec wird einmal wieder schuld sein! — Armes Kind! Wann ist es denn geschehen, monfieur le recteur, das werden Sie mir doch gewiß noch sagen?" fügte er leise hinzu. „Vor zehn Jahren", erwiderte die hohle Stimme. „Was, im selben Jahre, als ich Plouvenec verließ?^ „Im selben Jahre, Monsieur." „Und woran ickt sie gestorben?" fragte Hamor weich. „Ertrunken, Monsieur." „Ah, also ein Unglücksfall. Arme, liebe, schöne, kleine Guenn! Ich habe sehr oft an sie gedacht, das können Sie glauben, ich verdanke ihr so viel, und ich habe nie wieder ein Modell gefunden, das so frisch und frei, so schön und wunderlieblich war. Sie wissen vielleicht, daß mir das Bild von ihr die goldene Ehrenmedaille eingebracht hat, und das war der glücklichste Wendepunkt in meiner Künstlerlaufbahn. Kurz nach meiner Ankunft in Paris schickte ich allerlei hübsche Sachen an Guenn, die ich selbst ausgewählt, meine Freunde neckten mich deswegen, aber ich wollte ihr gern beweisen, daß ich sie nicht vergessen hatte." Ter Priester machte eine seltsam abwehrende, unverständliche Bewegung, dann stand er wieder regungslos vor dem Künstler. „Bei Gott", dachte Hamor, „wenn Rom das verschuldet hat, so hat Rom viel zu verantworten. Dieser Mann war eines der herrlichsten Geschöpfe, die mir je vorgekommen sind, Mannes gemacht hat, der er gewesen ist." heit verloren — erstorben, versteinert!" Ter Maler blickte freundlich in Thymerts unergründliche Augen und sagte mit seiner wohlklingenden Stimmer „Ich möchte Sie nicht länger aufhalten, monfieur le curö, ich sehe wohl, daß Sie mit anderen Dingen beschäftigt find. Darf ich Sie bitten, diese Karte zu behalten, für den Fall, daß Sie einmal die Lust anwandeln sollte, mit mir zu reden? Mir wird es immer das größte Vergnügen fein, Sie wiederzusehen. Ich werde stets die dankbarste Erinnerung an Sie nnd an die alte Zeit in der Bretagne bewahren." „Adieu monfieur", sprach die hohle Stimme, bann' wandte sich Thymert zum Gehen. Hoch aufgerichtet schritt er die enge römische Straße hinab, seine mächtig ragenden Schultern machten ihn hier in der großen Stadt zu einer ebenso bemerkenswerten Erscheinung, tote damals, als ihn Hamor zuerst in der alten Soutane unter seinem Fischervolk sah. Damals hatte ihn der reiche Zauber seiner Persönlichkeit, seine edle glühende Herzenswärme zum König unter seinen Landsleuten gemacht. Fetzt lag in seinen Zügen die Majestät eines unaussprechlichen Seelenschmerzes. Hamor war aufrichtig bekümmert: „Wer seine Herzenseinsalt und Güte nicht kennt, müßte glauben, daß nicht Gram allein, sondern eine Schuld ihn zu einem Schatten des Mannes gemacht hat, der er gewesen." — V7L — Ter finstere Priester kehrte zurück zu seinen strengen Pflichten, seinen Bußübungen, seinen Gebeten; der glückliche Maier zu seiner Kunst. Ein jeder zog seine Straße. Die Iortschritte im Wau der Inngfrauöayn. Das Berner Oberland ist eine Fundgrube ausgesuchter Naturschönheiten, die alljährlich viele Tausende von Menschen anlocken. Durch zwei Bahnstränge, von Lauterbrunnen und vom Grindelwald, konnte man schon bisher vom Schlüssel des Berner Oberlandes, Interlaken, in diese Wunderwelt eindringen. Doch erst mit der Jungfraubahn ist der kühnste Eingriff geschehen und der Anfang gemacht worden zu der höchsten Tourenbahn Europas. Bei der Kleinen Scheidegg beginnt die eigentliche Bergbahn, deren Wagen in Einrichtung und Betrieb unseren Straßenbahnwagen gleichen. Durch Turbinen im Lauterbrunnental wird von der Lütschine die elektrische Kraft gewonnen. Die Starkstromleitung ist es auch, die die Kraft gibt zum Weiterbau der Jungfraubahn, zur Beleuchtung der Wagen, zur Heizung. des Werkhauses usw. Mit dem im Jahre 1899 verstorbenen, genialen Ingenieur Guyer-Zeller ist der geistige und materielle Gründer des großen Werks dahingegangen. Unter seinen Stach- ölgern hat sich Oberingenieur Gobat verdient gemacht; einen Händen war die Bauleitung vier Jahre lang anvertraut. Seiner und der Energie des Direktors Straub ist es zu danken, daß nicht jene Zweifler recht behielten, die bei Guyers Tod meinten, nun sei mit dem Gründer das ganze Jungfrauprojekt zu Grabe getragen worden. Von der Kleinen Scheidegg führt das Zahnrad nach einem kleinen Tunnel einer aussichtsreichen Paßhöhe entlang zunächst zum Mgergletscher (2323 Meter), dessen Haltestelle ein gutes Restaurant besitzt. Von da bringt uns der elektrische Wagen ruhig und sicher durch einen langen Felsentunnel zur Station Rotstock (2521 Meter). In diesem Sommer ist der Bau bis zur Station Eigerwand (2867 Meter) gediehen. Letztere ist ausschließlich dem Felsen des Eiger abgerungen. Das künstlich geschaffene Gewölbe ruht auf natürlichen Säulen, besitzt Felsengalerien zur Aussicht und gewährt Raum für die Station samt Betriebsgebäude und Wandelgang. Von dieser sicheren Freistatt kann man getrost in das Schneegestöber hinausschauen und dem Schauspiel der über das natürliche Schutzdach niedersansenden Lawinen ohne Bangen anwohnen. In der Tiefe sieht man die Wengernalpbahn von der Kleinen Scheidegg nach Grindelwald talabwärts ziehen, und hinter den Häuptern der Jaulhornkette grüßen die Schützer des Vierwaldstätter Sees — Bürgenstock und Rigi. Unter Führung des jetzigen Bauleiters, Oberingenieur Peter, wird an den: Riesenwerk fortgearbeitet. Abgeschlossen von der übrigen Welt ist die Arbeiterschar mit rhren Ingenieuren auch des Winters an der Arbeit; im Innern der Felskolosse, im geschützten und warmen Tunnelgang, strebt sie unablässig aufwärts. In zwei Jahren dürfte dicStation Eismeer (3160 Meter) dem Verkehr übergeben werden können. Dann erst tvird die eigentliche Metscherwelt erschlossen und das gewaltige Exkursivns- gebiet des Aletschgletschers näher gerückt sein. Die folgende Spurstrecke soll den Mönch im Gestein mit 6,6 Prozent Steigung durchschneiden und bis zur Station Jungftau- joch (3396 Meter) führen. Ihr wird sich das Schlußglied mit 25 Prozent Steigung anreihen und in der Felsenstation Jungfrau (4093 Meter) endigen. Mittels elektrischen Auszugs wird man alsdann von hier durch einen 73 Meterlangen Schacht zum Gipfel der Jungfrau (4166 Meter) emporgehoben werden. Und damit wäre dein Meisterstück dre Krone ausgesetzt. Vermischte». . n $a l t! Es i|t ein gutes Zeugnis, wenn man von Menschen sagen kann: Er hat Takt. Dieses kleine Mort hat lm öffentlichen und privaten Leben eine weittragende Bedeutung. Alan kann's eigentlich gar nicht mit eenem kurzen Satze definieren, denn allzu verschieden sind fc96"' tn £.enen bie verschiedenartigsten Menschenkinder E bezeugen können, was man Takt nennt. Die gelehrteste Wershert, der glänzendste Reichtum und das vornehmste Aeußere formen das Fehlen eines persönlichen Taktes weder erietzen, noch entschuldigen. Andererseits kann der ärmste Teufel einen feinen Takt bekunden — also von Bildung und Besitz hängt diese Sache nicht ab. Man tvird nicht fehlgehen, wenn man ihre Wurzel vielmehr in der individuellen Herzensbildung sucht, in jenem feinen und feinsten Unter- scheldungsvermögen für sittliche Werte, das nur langsam bei fortgesetzter Selbstzucht heranreift. Zuletzt kommt's auf eine innermenschliche Gemütswelt hinaus, die, einmal vorhanden, wie ein freundlicher Leitstern den Weg zeigt, auch dann, wenn so die gewöhnlichen Rechts- und Verstandesnormen versagen. Goethe läßt den Pfarrer in „Hermann und Dorothea" sagen: „Denn was Verstand und Vernunft nickt immer vermögen, vermag oft ein solch glücklicher Hang, der unwiderstehlich, uns leitet" Das erfordert freilich nicht selten eine gewisse Selbstverleugnung, gewissermaßen eine Zurückstellung des eigenen werten Jchs. Dem anderen Raum geben und sich selbst, auch wenn man ein geistiges oder sonstiges Uebergewicht hat, etwas Reserve auserlegen, das ist eine schwere Kunst, aber gerade hierin besteht Wohl ein wesentliches Stück des persönlichen Taktes. Es ist das em zartes Schonen der Empfindungen und der ganzen Eigenart des Mitmenschen. Deshalb sollst man auch die taktvollen Formen im geseNsckaftlichen Leben nicht ohne werteres und samt und sonders als konventionellen Firlefanz verfckreien. Manchen, auf den ersten Wick fast albern erscheinenden Etikette- und Höflichkeitsbräuchen liegt doch ein tiefer, taktvoller Sinn zu Grunde, und um dieser Haupt- sache willen kann man schon einmal ein paar kleine Unbequemlichkeiten mit in Kauf nehmen. Gesellschaftliche Formen sind zuweilen eine ganz vortreffliche Schule zur Selbst- beherrschung und damit zur Förderung des persönlichen Taktes. Schon die häusliche Erziehung kann in dieser Hin- srckt sehr viel tun; nennt man doch einen im Leben taktvollen Mcnscken unwillkürlich einen Menschen von guter Erziehung. Im deutschen Volkstum, auch in dem der Vergangenheit, stößt man auf eine Fülle von Zügen zarter Rücksicht- nahme. Es ist dies ein Stück echter deutscher Gemütstiese. Tie Formen und Aeußerlichkeiten wechseln — aber zum Glück hat man auch heute noch in unserem Deutschland ein besonders feines Gefühl dafür, was taktvoll ist, und was mcht! * Rauchende Genies. Goethe hatte gegen alle Lebensgewohnheiten, die seinen ästhetischen Auffassungen mcht ganz entsprachen, eine große Abneigung, und damals wurde von vielen Seiten gerade vom ästhetischen Stand- Punkt aus gegen das Rauchen eifrig angekämpft. Gleich- wohl muß Goethes Ausspruchs zu dem er sich durch feine Tabakfemdschaft verleiten ließ, umsomehr Wunder nehmen, als eure ganze Zahl berühmter Männer, denen mau die Geuralrtät nicht absprechen kann und die alle vor Goethe oder mck ihm gleichzeitig gelebt haben, dem Tabakgenuß rLcht flerßrg huldigten. So war Schiller, wenn auch kein Raucher, so doch ein hervorragender Schnupfer, während Herder im Rauchen nach dem Zeugnis mehrerer Zertgenossen recht Bedeutendes leistete. Klop stock rauchte so stark, daß ein witziger Kopf an einem Berliner literarischen Stammtisch, zu dem auch der gleichfalls dem Rauchen eifrig ergebene Lessing gehörte, zur allgemeinen Herterkeit ben Scherz machte, man sollte Klopstock alle ungelesenen Exemplare seiner „Messiade" zusenden, damit er genug Fidibusmaterial hätte. Ebenso schmeckte dem Dichter der „Luise" und des „siebzigsten Geburtstages", Botz, das Pserfchen so vortrefflich, daß er zu sagen pflegte, das Raucken könnte unmöglich eine Sünde sein, sonst könnte cs nick t so gut schmecken. Das Rauchen wurde nämlich damals von mehreren Geistlichen als eine schwere Sünde erklärt. Schon lange vor dieser Zeit hatte sich der große englische Dichter Milton dieser Leidenschaft hingegeben, tvas übrigens der Theorie vieler RauchLapazitäten widerspricht. Es herrscht nämlich gerade unter den leidenschaftlichen Rauchern vielfach die Meinung, daß man, um zum voll- tänbigen Rauchgenuß zu gelangen, den Tabak nicht nur chmecken, sondern auch den Rauch sehen müsse. Das gehöre zum Ganzen. Milton hatte sich aber die.Leidenschaft erst angewöhnt, als er völlig erblindet war, und benutzte es als Zeitvertreib, in einsamen Stunden. Der berühmte englische Satiriker Swift erklärte feige unstillbare Zuneiaung zu dem edlen Kraut damit, daß er sagte: „Wenn ich nicht rauche, fällt mir nichts ein." Auch Byron äußerte sich wiederholt, daß ihn das Rauchen bei seiner dichterischen Produktion anrege. Interessant ist die Veranlassung, die den berühmten englischen Machemattker und Astronomen 676 -t Newton zum Rauchen verleitet hatte. Newtott konnte, ebenso wie später der allbekannte Berliner Mediziner Hu fei- land, nicht begreifen, daß der Tabak einen Genuß verschaffen könne, und er nahm sich vor, der Sache wissenschaftlich auf den Grund zu gehen. Er prüfte nun den Tabakgenuß so lange, bis er sich ihn angewöhnt hatte, und als er so weit war, sagte er: „Ich habe zwar noch immer keine wissenschaftliche Erklärung gefunden, aber einen Grund weiß ich doch schon: ich rauche, weil mir's schmeckt." Auch der große Philosoph Kant ist in ähnlicher Weise vom rauchenden Theoretiker zum Praktiker geworden, und als ihm seine Haushälterin darüber Vorhaltungen machte, berief er sich auf Newton. Die gute Frau wußte aber nichts von Newton und fragte, wer das wäre, worauf der Philosoph erwiderte: „Wenn Ihr es auch wüßtet, würdet Ihr vom Rauchen doch nichts verstehen." Unter den Feldherren aus Goethes Zeit war Blücher ein fanatischer Raucher. Seine Leidenschaft hinderte ihn aber nicht, jdürch Befehl das Rauchen aus offener Straße zu verbieten; doch glaubte er sich selbst den Genuß der Pfeife auch unterwegs nicht Versager! zu sollen. Da kam er aber bei einer Schildwachß schlecht an. Der Wachtposten verlangte dem alten Haudegen ohne weiteres die Pfeife ab, da das Rauchen auf der Straße verboten wäre. „Kerl, Du bist wohl des Teufels!" wetterte der Marschall. „Ich rauche ja aus Gesundheitsrücksichten." Tie Ausrede'hals ihm nichts, er mußte die Pfeife abgeben, bekam sie aber später wieder gegen ein Lösegeld von zweji Talern. * Eine Ausstellung von heiratslustigen Jungfrauen soll — so läßt die Turiner „Stampa" sich erzählen — in New York eröffnet worden fein. Die Idee ist echt amerikanisch und entspricht einem tiefgefühlten Bedürfnisse der in den großen Städten lebenoen unverheirateten Acmkees. Die Amerikaner müssen, wie bekannt, mit ihrer Zeit sehr geizen, und ein recht smarter Aankee verliert lieber 100 Dollars als eine Stunde seiner kostbaren Zert- Ein Dankeejüngling findet daher, selbst wenn er das Bedürfnis, einen eigenen Herd zu gründen, noch so lebhaft empfindet, nur selten Zeit, sich die Frau zu suchen, die bereit wäre, mit ihm gemeinsam ein neues Heim ins Leben zu rufen. Um ihm nun die Brautjagd zu erleichtern, ist in Newyork die erwähnte ständige Ausstellung von inehr oder minder reifen Jungfrauen, die gern heiraten möchten, eröffnet worden. Die Ausstellung ist in einem geräumigen, elegant eingerichteten, aus mehreren großen Sälen bestehenden Lokal untergebstacht worden. Das erste Zimmer ist der Photoaraphiensaäl; in ihm sind die — größtenteils sehr geschmeichelten — Photographien der Heiratskandidatinnen ausgestellt. Jedes Bild ist von einer kurzen Biographie der Kandidatin begleitet; man findet in diesem „curriculum Vitae" den Vor- und Faniiliennanren der heiratslustigen Jungfrau, Angaben über ihre Familie, ihre Beschäftigung, ihre Mitgift, kurz alles, was einen Mann interessieren kann. Der Eintritt m diesen Bildersaal ist für jeden Mann, der im Besitze eines sauberen Kragens, unzerrissener Hosen und ganzer Schuhe ist, frei. Wenn nun ein Jüngling in seiner Brust die ersten Symptome der herrlich knospenden Liebe empfindet, braucht er nur diese Ausstellung weiblicher Schönheiten zu besuchen. Findet er dort, was mehr als wahrscheinlich ist (denn die Auswahl ist groß), ein weibliches Wesen, das seinen mit kleinen Liebes- reguugen verknüpften pekuniären Ansprüchen entspricht, so braucht er nur ein elektrisches Läuteiverk in Bewegung zu setzen. Sofort öffnet sich eine Tür, und gegen Zahlung einer kleinen Summe hält der Jüngling seinen Einzug in die inneren Gemächer, wo er sofort mit der oder den Danien seiner Wahl sprechen kann. Das „Sprechen Sie mit in einer Mutter!" ist in Amerika unbekannt, weil es überflüssig ist, denn Amerika ist bekanntlich das Land der schrankenlosen Freiheit, ergo können die jungen Damen ohne mütterlichen bezw. schwiegermütterlichen Segen über Herz und Hand verfügen. Wenn das Fräulein den Heiratsantrag annimmt, ist die Sache gemacht und die Neuverlobten können, wenn sie wollen, sofort in die Möbelabteilung gehen und alles, was sie für ihren jungen Haushalt brauchen, einkausen. Literarisches. — Marianne Mewisr Der Sonntagsmänn. Novellen. Verlag von F. Fontane u. Co., Berlin. Preis 3 Mk. Wie feine Mosaikarbeit mutet uns das Buch der hochbegabten Verfasserin an, und doch ist es ein vollblütiges Werk, das sehr ernst zu nehmen ist, ja, das sich stellenweise zu ergreifender Tragik aufschwingt. Mit fast virtuoser Kenntnis des Lokalkolorits und der historischen Verhältnisse sind die im mittelalterlichen Italien spielenden Novellen „Der Sonn- taasmann" und „Der Cicisbeo" geschrieben; bei ersterer bilden die Regierung Ferdinands II. von Doskana und die Pest, die ums Jahr 1630 Florenz verwüstete, den geschichtliche Hintergrund, auf dem sich in seiner Detailmalerei ein lichtes Bild ergebt: Die zarte Liebesgeschichte der schönen Bianca und Ihres Domenichino, des armen Malers Feltrt. Voll poetischer Einfachheit ist die Geschichte des „Cicisbeo", der seiner schönen Herrin treu und aufopfernd dient, bis er bei der Erfüllung des Auftrages, ihre verwaiste Nichte sicher in ihre Arme zu führen, sein Herz an die schöne Laura verliert. Aber in der Sumpfluft hat die Signorina den Todeskeim geatmet; halb bewußtlos wird sie ihrer Anverwandten überbracht. Der Cicisbeo muß sie sterben sehen, ohne feinem Schmerze Ausdruck geben zu dürfen, der den Ruf der Geliebten gefährden könnte. Für die fesselnde und liebliche Handlung der „Madonna int Schnee" wußte die Dichterin ein interessantes, großartig geschildertes Milieu zu finden: Das Haus eines streng gläubigen Mennoniten, eines „Taufgesinnten", im hohen Norden von Westpreußen. Hervorragend sind die Novellen: „Schweigen", in der mit packender Erzählungskunst die Seelenkämpfe einer durch schlechte Erziehung dem Laster des Trunkes verfallenen Frau, und der „Weg nach Damaskus", eine ergreifende Episode aus dem Leben eines jungen Geistlichen, zur Darstellung gelangen. Und mit wunderbarer Wirkung heben sich auch die überall eingestreuteU Naturschilderungen ab, in denen die Dichterin sich als Meisterin offenbart. Die Lektüre des Buches wird jedem der Leser Genuß bereiten. Es hält schwer, zu entscheiden, welcher Novelle der inhaltsreichen Sammlung der Vorzug zu geben ist. t , — Kunst- und Literatur-Freunde seren auf den soeben von der Verlagsanstalt F. Bruckmann, A.-G. in München herausgegebenen Bücherkatalog hingewiesen. Glänzende Autornamen sind in dem Kataloge mit einer stattlichen Reihe erlesener Werke vertreten und ein reicher Btlder- schmuck, unter dem bisher zum Teil nur wenig bekannte Porträts von Bismarck, Böcklin, Goethe, Homer, Kant, Rembrandt, Wagner u. a. hervorzuheben sind, verleiht ihm in den Augen des Kunstfteundes einen besonderen Reiz. Rösselsprung. schen mit te te (Auflösung in nächster Nummer.) Pflid) men dich füll füll dein lind ,-iich stes rok sind er glück sche ten be es es sind daß re ge Nachdruck »erboten. be ! wün | ten er \ de Auflösung des Kreuzrätsels in Nr. 167: Se gel , Segel, Ornat, Senat, Orgel Or nat Redaktion: August Götz. — Notatiansdruck und » erIon der Brüdl'schen Universttäts-Buch. und Eteindruckerei. R. Lange, Güßen.