Nr. 103. 1903. |ii Illi Montag den 13. Kuli./x -e cZp 1001 (Nachdruck verboten.) Schloß Osterno. Roman von S. Merriman. 1. Kapitel. Herrenlos. Der Abend rückte heran, ein später Oktobevabendj-und! eilt kalter Wind fegte von Nordwesten her über die Ebene, die an Einsamkeit und Traurigkeit der Sahara nicht nachstand So weit das Auge reichen konnte, war keine menschliche Ansiedlung zu sehen, die den Horizont unterbrochen hätte. Ern paar verkrüppelte Fichten, die dem Norden gleichsam den Rücken kehrten, standen zerstreut auf der Ebene. Weiter gegen Süden befand sich ein Wald-, der aus denselben verkrüppelten Fichten bestand. Ein paar Kohlenbrenner und Harzzapfer fristeten dort ihr vergessenes, einsames Leben. Auf dieser Ebene von Twer, die einen Raum von beinahe zweihundert Quadratmeilen einnimmt, befinden sich etwa zwanzig solcher Niederlassungen, solcher düsterer Wälder; das übrige ist Weideland, wo dürftig aussehendes Rindvieh, viele Schafe und zahllose Schweine pessimistisch die Nahrung suchen, die ihnen Gott spendet. Carl Steinmetz überblickte, während er neben seinem stummen Begleiter einherritt, die trostlose Gegend mit einem Blinzeln belustigter Ergebung, als ob die Schöpfung ein Scherz sei, den er, Carl Steinmetz, nach seinem richtigen Werte zu schätzen wußte. Der Begleiter von Carl Steinmetz war ein junger, schöner, stiller Mann. Er hieß Paul Alexis, und das Glück hatte ihn zu einem russischen Fürsten gemacht. Wenn jemand, selbst Steinmetz, ihn jedoch Fürst nannte, errötete er imi) wurde verlegen. So lange er im Auslande, zumeist in England, studiert hatte, war es ihm gelungen, für seine Freunde einfach Herr Paul Alexis zu bleiben. In Riißland jedoch, war er (bloß dem Namen nach, denn er mied die slawische Gesellschaft) als Fürst Pawel Alexis bekannt. Diese Ebene gehörte ihm; das halbe Gouvernement Twer gehörte ihm; die große Wolga wälzte sich durch seine Besitzungen; sechzig Merlen hinter ihm lag ein finsteres, steinernes Schloß, das keinen Namen trug, und ein ungeheures Stück Land war von demütigen Menschen be- wohnt, die bei dem bloßen Namen des Fürsten den Rücken krümmten. „Es ist ein großer Unsinn", sagte er plötzlich „Ich komme mir vor Ivie ein Nihilist oder sonst eine theatralische Persorr der Art. Ich kann mir nicht denken, daß dies notwendig ist, Steinmetz!" „Notwendig nicht", antwortete Steiirmetz mit tiefer, gutturaler Stimme, „aber vorsichtig, mein Fürst." „O, lassen Sie das." „Wenn wir zur Wolga kommen, will ich es mit Ver- gnügeir lassen. Lieber Gott, ich wollte, ich wäre ein Fürst. Ich würde mir mein Wappen in meine Wäsche zeichnen! lassen und mich- im Bett aufrichten, um es auf meinem! Nachthemd zu betrachten." „Nein, das würden Sie nicht tun", antwortete Alexis lachend, „Sie würden es gerade so hassen wie ich besonders wenn es Sie nötigte, die beste Bärenjagd in Europa auszugeben." Steinmetz zuckte die Achseln. „Dann hätten Sie Ihre Nächsten nicht lieben dürfen, — ich sage Ihnen, Alexis, in diesem Lande deckt die Nächstenliebe keine Sünden." „Wer hat mich meine Nächsten lieben gelernt? Uebrigens kann hier kein anständiger Mensch etwas anderes tun. Wer hat mir von der Armenliga erzählt? Das möchste ich doch gern wissen! Wer hat mich in sie eingeführt? Wer hat mein Mitleid für diese armen Teufel rege gemacht? Wer sonst, als ein dicker, deutscher Cyniker Namens Steinmetz?" „Sie haben recht; aber wir wollen von Ihnen sprechen. Sie müssen sich in dieser Sache auf mich verlassen. Ich kenne dieses Land, ich weiß, was die Armenliga bedeutet. Sre war etwas Größeres, als alle sich träumen lassen; sie war eine Macht in Rußland, — größer als alle, — größer als der Nihilismus. Bei Gott, fie war eine wunderbare Organisation, die sich über dieses Land breitete, wie der Sonnenschein über ein Feld. Sie würde aus unseren armen Bauern Menschen gemacht haben, sie war Gottes Werk —i bien entendu, wenn es einen Gott giebt, was heutzutage! manche junge Leute leugnen, wohl weil Gott ihre Bedeutung gicht anerkennen will. Uno jetzt ist's mit all' dem vorbei; der schimpfliche Verrat eines Abtrünnigen hat alles zerstört! Ach, hätte ich ihn nur hier draußen aus der Ebene! Erwürgen würde ich ihn! Und um Gold obendrein I Der Teufel — es muß der Teufel gewesen sein — hat das Geheimnis der Regierung verkauft." „Ich verstehe nicht, wozu die Regierung es brauchte", brummte Alexis mißmutig. „Sie nicht, aber ich. Der Kaiser hat damit nichts zu schaffen, der ist ein Gentleman. Nein, es ist nur ferne! Umgebung. Die Leute wollen die Bildung hemmen, fte wollen den Bauern erdrücken; sie leben in ihren großen Palästen und vergolden ihre große Namen mit dem Gelds- das sie den hungernden Bauern auspressen." „Mas das betrifft, so tue ich ja dasselbe." „Natürlich; und ich bin Jyr Intendant, ihr Aussauger. Wir leugnen das nicht, wir rühmen nns dessen, aber wir geben den Engeln einen Wink, — he?" Alexis ritt ein paar Augenblicke schweigend weiter. Plötzlich drehte er sich im Sattel um und schaute seinem Begleiter scharf ins Gesicht. „Soll ich Ihnen etwas sagen?" sprach er. „Ich glaube, Sie selbst haben die Armenliga begründet." Steinmetz lachte in seiner behaglichen Weise. „Sie hat sich selbst begründet", antwortete er. „Die Engel gründeten sie im Hcmmel. Ich hoffe, ein Komitee 410 dieser Engel wird für die ewige Höllenpein des Hundes sorgen, der uns verriet." „Das hoffe ich auch; aber mittlerweile bleibe ich bei meiner Ansicht, daß es nicht notwendig ist, das Land zu verlassen. Was habe ich denn getan? Ich gehöre der Liga nicht au." „Aber Sie unterstützen die Liga mit Geld", widersprach Steinmetz ruhig. „Viermalhunderttausend Rubel, die findet man nicht aus der Straße." „Aber auf den Rubeln steht nicht mein Name." „Mag sein, — aber wir alle — alle die anderen — wissen, woher sie kommen. Mein lieber Paul, Sie können die Komödie nicht weiter spielen; Sie sind kein Mann, der bloß zu Sportzwecken hierher kommt; Sie leben nicht drei Monate des Jahres in dem alten Schlosse Osterno, weil Sie eine Vorliebe für mittelalterliche Festungen haben. Sie sind ein russischer Fürst, und Ihre Besitzungen find die glücklichsten, die aufgeklärtesten im ganzen Reiche. Das allein ist verdächtig. An dem Fürsten Alexis wäre noch gar mancher Verdacht zu finden, wenn die hochmögenden Herren daran denken wollten. Sie haben bisher nicht daran gedacht; aber das ist nur ein Grund mehr, warum wir unsere Vorsicht verdoppeln müssen. Sie dürfen nicht in Rußland sein, wenn die Armenliga in Stücke gerissen wird. Es ward Unannehmlichkeiten geben; der halbe Adel von Rußland ist dabei. Es wird Konfiskationen und Degradierungen geben, — für einige Gefängnis und Sibirien. Es ist besser, wenn Sie nicht dabei sind, denn Sie sind kein Ausländer. Sie haben nicht einmal einen ausländ- dischen Paß; Ihr Paß ist Ihr Adelspatent, und das ist ein russisches. Nein, es öst besser, wenn Sie nicht dabei ftnb." „Und Sie? Was wird aus Ihnen?" fragte Paul mit lersem Lachen. „Ich! O, bei mir ist alles in Ordnung! Ich bin ein niemand. Ich werde von allen Bauern gehaßt, weil ich Ihr Intendant und so hart, so grausam bm. Das ist den Kochmögenden der Beweis meiner Harmlosigkeit." Paul antwortete nicht. Er setzte in Carl Steinmetz ungeheures Vertrauen, und in der Tat, kein Mensch kannte Rußland besser, als dieser kosmopolitische Abenteurer. Steinmetz war es, der hastig vorwärts strebte und sein ausdauerndes, kleines Pferd so erschöpfte^ daß es zuletzt kaum eilt Schatten seines früheren Selbst war. Steinmetz war es, der empfohlen hatte, den Reisewagen zu verlassen und in den Sattel zu steigen, obwohl sein eigener, nicht geringer Umfang ihn die langsamere und bequemere Reisemethode vorziehen ließ. Es sah beinahe so aus, als zweifelte er an seinem Einfluß auf seinen Herrn und Gefährten; das verriet sich noch mehr durch einen leisen Klang von Angst in seiner Stimme, während er sich mit Alexis herumstritt. „Sie kehren also in Twer um?" fragte Paul 'endlich nach langem Stillschweigen. „Ja, ich darf Osterno jetzt nicht verlassen; vielleicht komme ich Ihnen nach, wenn es Winter wird. Rußland ist während der Winterszeit sehr ruhig. Haha!" Er zuckte die Achseln und schauerte zusammen. Plötzlich aber richtete er sich im Sättel auf und starrte in das zunehmende Dunkel hinaus. „Was ist das dort auf der Straße vor uns?" fragte er mit scharfer Stimme. Pau! hatte es bereits bemerkt. „Es sieht wie ein Pferd aus", antwortete er; „ein verlaufenes Pferd, denn es hat tcincn iReitcT./z Sie ritten in westlicher Richtung, und das geringe Tageslicht, das noch übrig war, befand sich auf dem westlichen Horizont. Die Gestalt des Pferdes, die sich schwarz vom Himmel abhob, nahm sich seltsam und gespenstisch aus. ES stand an der Seite der Straße und schien zu grasen. „Ev hat einen Sattel", sagte Steinmetz endlich. „Was geht da vor?" Das Tier war offenbar halb verhungert, denn als sie näher kamen, hörte es nicht auf, die zusammengetrockneten Wasbündel samt der Wurzel auszurupsen. „Was geht da vor?" wiederholte Steinmetz. Tie beiden Männer gaben den ermüdeten Steren die Sporen. Das Pferd hatte einen Reiter, aber er befand sich nicht im Sattel. Einer seiner Füße hatte sich im Steigbügel verfangen, und während das Tier von Gras- büschel zu Grasbüschel schritt, schleppte es seinen toten Lerrn auf der Erde nach sich. 2. Kapitel. An der Wolga. „Das fängt an unangenehm zu werden", brummte Stemm e^, während er schwerfällig aus dem Sattel stieg, „Der Mann ist tot, muß schon ein paar Tage tot fein, denn er ist ganz steif, — und das Pferd bat ihn mit dem Gesicht nach unten weiter geschleppt. Gott rm Himmel, das wird unangenehm." Paul war abgesprungen und bereits dabei, den Fuß des Toten aus dem Steigbügel zu befreien. Er tat dies trotz der Steifheit des schweren Reitstiefels mit einer gewissen Geschicklichkeit, als hätte er eine Spitalpraxis hinter sich. Steinmetz kam ihm rasch zu Hilfe, hob den Toten sehr sorgfältig auf und legte ihn auf den Rücken. „Welches Pech, daß uns das zustoßen mutz", rief er aus. Paul Alexis brauchte keine medizinischen Kenntnisse, um zu wissen, daß dieser Mann tot war. Ein Kind hätte das erkannt. Ehe Steinmetz die Taschen untersuchte, zog er fein eigenes Taschentuch hervor und legte es über das unkenntlich gewordene Gesicht. Tas Pferd stand neben ihnen, beugte den Kopf und schnüffelte verwundert an dem Ding, das einst fein Herr gewesen war. In seinen Augen lag ein seltsamer, verstörter Ausdruck. Steinmetz schob die schnüffelnde Schnauze beiseite. „Wenn du sprechen könntest, lieber Freund, würden wir diich brauchen; so wie die Sachen stehen, tätest dm besser daran, weiter zu fressen." Paul war damit beschäftigt, die Kleider des Toten aufzuknöpfen. Er schob die Hand unter das rauhe Hemd. „Der Mann ist verhungert", sagte er. „Wahrscheinlich wurde er vor Erschöpfung ohnmächtig und fiel aus dem Sattel. Der Hunger hat ihn getötet." „Und dabei hat er die Taschen voll Geld", fügte Steinmetz hinzu, indem er die Hand aus der Tasche des Toten zog und ein Bündel Banknoten, sowie einiges Silbergeld vorwies. In den anderen Taschen befand sich nichts, weder Papiere, nv'ch sonst etwas, was einen Ausschluß über die Persönlichkeit des Mannes geboten hätte. Die zwei Entdecker dieser stummen Tragödie standen aus und blickten sich um. Es war beinahe dunkel, und sie waren zehn Meilen von jeder menschlichen Ansiedlung entfernt. „Was wollen wir tun?" murmelte Steinmetz. „Wir können doch den armen Kerl nicht begraben und kein Wort darüber reden? Wir haben es da mit einer Tragödie zu tun." Er wandte sich zu dem Pferde, das eilig Wetter graste. „Mein vierbeiniger Freund, es ist jammerschade, daß du stumm bist", sagte er. Paul untersuchte den Toten noch immer mit der kühlen Ruhe jener Leute, die aus Neigung oder Notwendigkeit den ärztlichen Beruf erwählt haben. Er war Arzt ans Liebhaberei. r „ Steinmetz sah mit leisem Lachen auf ihn nieder. Er bemerkte die zarte Art und Weise, mit der Paul den Toten berührte, die geschickten Bewegungen, die etwas ehrfurchtsvolles au sich hatten. Paul Alexis war offenbar einer jener Manner, die die Menschheit ernsthaft nehmen, und in ihrem Herzen das besitzen, was in Ermangelunng eines besseren Wortes „Mitgefühl" genannt wird. „Geben Sie acht, daß Sie sich nicht irgend eine ansteckende Krankheit holen", brummte Steinmetz. „Man soll nicht jeden ersten besten armen Wuschick anrühren, den man tot an der Straße findet, — außer natürlich wenn man glaubt, daß er Geld bei sich hat; es wäre schade, das der Polizei zu lassen." .. .„ Paul gab keine Antwort; er untersuchte die sch lass herabhängenden, schmutzigen Hönde des Toten. Die Fmger waren mtt Erde bedeckt, die Nägel gebrochen. Ossenva hatte er sich, nachdem er aus dem Sättel gefallen war, an dem Boden und jedem Grasbüschel festgehalten. „Sehen Sie "diese Hand an", sagte Paul plötzlich^ » ist kein Russe; derarttge geformte Hände sieht man nicyr 111 ^Sttinmvtz bückte sich und hielt seine eigenen Finger mit den viereckigen Spitzen vergleichend daneben. Paui 411 rieb die Hand des Toten mit seinem Aermel ab, als wäre fle ei» Stück von einer Statue. „Sehen Sre her!" fuhr er fort. „Der Schmutz läßt sich abreiben und zeigt, daß die Hand ursprünglich eine gute Farbe hatte. Dies hier", er hielt inne und hob Steinmetz' Taschentuch in die Höhe, ließ es aber sofort wieder eilig über das entstellte Gesicht fallen. „Dieses Ding gehörte einst den besseren Ständen an." „Sicherlich hat es bessere Tage gesehen", gab Steinmetz mit grimmigem Humor zu. „Kommen Sie, wir wollen ihn unter die Fichten dort schleppen, und dann nach Twer weiter reiten. Es nützt nichts, mein lieber Alexis, wenn wir unsere Zeit mit dem Nachgrübeln über die Anteceden- tien eines Herrn verschwenden, der seine Gründe hat, übqr die Sache zu schweigen." Paul erhob sich. Seine Bewegungen waren die eines starken, geschmeivigen Mannes, dessen Muskeln nie Zeit hatten, steif zu werden. Während er so ausrecht dastand, sah er sehr groß aus, beinahe wie ein Riese. Petersburg war die einzige Stadt in der Welt, wo er erwarten konnte, unbemerkt $u bleiben; denn es ist die Stadt großer Männer und häßlicher Frauen." (Fortsetzung folgt.) Eine Geschichte des deutschen Zeitungswesens.*) Ueber alle möglichen Gebiete der Kulturgeschichte gibt es Monographien, aber merkwürdigerweise existiert noch keine einigermaßen erschöpfende, zusammenfassende Darstellung der Geschichte unseres Zeitungswesens. Das ist doppelt merkwürdig in Anbetracht der ungeheuren Bedeutung, die di« Presse heutzutage für das ganze Kulturleben hat. Ludwig Salomon hat die vorhandene Lücke ausfüllen wollen und ein Werk verfaßt (bis jetzt sind zwei Bänd« erschienen, der dritte wird bald folgen), in dem „zum erstenmale eine vollständige Geschichte der Entwicklung des deutschen Zeitungswesens" dargeboten werden soll. Das Unternehmen, einmal die Ergebnisse mancherlei einzelner, kleinerer und größerer Schriften über die Presse und ihr Wesen zu sammeln und in einem Werke zu verarbeiten, ist mit Dank zu begrüßen. Mer eine Geschichte der Entwicklung des deutschen Zeitungswesens ist Salomons Buch nicht geworden. Es ist vielmehr nur eine kurze, zusammenfassende Darstellung der bisherigen Forschungen. Das Buch liest sich wie eine Reihe rascd hingeworfener Feuilletons, die nur unterrichten, einen allgemein orientierenden Ueber- blick geben. Eine pragmatische Geschichte der deutschen Presse gibt auch dieses Buch nicht. Wer eine Geschichte des Zeitungswesens schreiben will, muß sich vor allen Dingen klar werden über den Begriff Zeitung, will anders er vor schiefen Modernisierungen be- wahrt bleiben. Gerade das Wort Zeitung, das ursprünglich Nur „Neuigkeit" bedeutet, aber im Laufe der Zeit die Bezeichnung für die Hauptzvermittlerin der Neuigkeiten, Mel „Zeitung", geworden ist, verleitet nur allzusehr den Erforscher der Geschichte zu solchen verkehrten Modernisierungen. Es ist bezeichnend, daß Salomon nie eine Definition des Begriffs „Zeitung" gibt. Zu diesem Begriff gehört doch wohl dreierlei bestimmt: regelmäßiges Erscheinen, Bestimmung für die Oeffentlichkeit, berufsmäßiger Nachrichtendienst. Die ersten sogenannten „brieflichen Zeitungen" erfüllen diese Bedingungen nicht. Mll man sie und ähnliche Mit- terlungsformen mit berücksichtigen, dann ist kaum eine Grenze zu ziehen für die Anfänge des Zeitungswesens. Wertungen, die nur einigermaßen so genannt werden können, lassen fich vor dem Ende des 16. Jahrhunderts nicht nach- r!r" Überhaupt rühren die Hauptmängel des Salo- monschen Buches daher, daß der Verfasser die bunte Fülle ^>?^'s,nicht energischer durchgearbeitet. Hauptsächliches und Nebensächliches mcht klarer geschieden, ersteres nicht markanter hervorgehoben hat. Eine Zeitung zerfällt heutzutage in den Text- ünd den *) Ludwig Salomon: Geschichte des deut- schen Zeitungswesens von den ersten Anfängen bis zur Wiederaufrichtung des Deutschen Reiches. Erster Band: das 16., 17., 18. Jahrhundert. Zweiter Band: Napoleon I. und die deutsche Presse. ODenburg und Leipzig, 1900, 1902, Schulzesche HofLuchhandlung. Annoncenteil, die verschiedenen Preßerzeugnisse bringen Nachrichten, verfolgen Zwecke im Interesse einer Partei, einer Regierung oder bergt Wie hat sich nun die heutige Zeitung allmählich zu ihrer Form, zu ihrem Wesen entwickelt? Seit wann, auf welche Weise vereinte sich der Text den Annoncen, auf welche Weise kam zu den einfach referierenden Nachrichten ein räsonnierender Text, wie entwickelte sich die Zeitung zu einem bewußten Machtmittel im Dienste irgend einer Partei, eines Volkes, Herrschers? Kurz, wie ward die Zeitung zu dem, was sie heute ist? All dieses muß uns möglichst klar eine Geschichte des Zeitungswesens zeigen. Salomons Geschichte tut dieses keincs- wegs, sie gibt ttntner nur Fragmente, ohne pragmatischen Zusammenhang, Wichtiges oft nur kurz streifend, Nebensächliches unverhältnismäßig breit erörternd. Äne Geschichte des Zeitungswesens ist nicht eine Geschichte der einzelnen Zeitungen, sondern eine Geschichte der einzelnen Bildungsmomente der modernen Zeitung. Bei Salomon vermißt man die zusammenfassende, prinzipielle Erörterung. Daß irgend eine Zeitung auch Annoncen hatte, wird hier und da so nebenbei erwähnt. Und doch, wie wichtig ist es für die Bedeutung der Zeitung selbst geworden, daß sie zu der Mitteilung der Neuigkeiten auch die Vermittlung von Angebot und Nachfrage übernahmen. Die „Zeitung als Machtmittel", einem Zwecke dienend und darnach Nachrichten und Rässonnements einrichtend, dieses interessante Thema hätten wir z. B- auch gern näher erörtert gesehen. Daß "früh schon kluge Leute du Zeitungen für ihre Zwecke benutzten, wissen wir. So veröffentlichte z. B. schon das große Bankhaus der Fugger wichtige Neuigkeiten, die ihm von allen Seiten zugingen, und mit Auswahl und in bestimmter Absicht. Anfangs des 17. Jahrhunderts erschien in Frankfurt am Main ein Blatt, das fich ausdrücklich „Unparteiische Zeitung" nannte. Läßt das nicht aus einen gewissen Mißbrauch schließen, den vielleicht Parteien mit Zeitungen in ihrem Interesse getrieben haben? Mcht zum wenigsten interessant wäre auch eine Erörterung der ins Gebiet der Psychologie hinüberspielenden Frage: wie entstand das Bedürfnis zum Zeitungslesen, wie bildete sich das Zeitungspub liknm? Mancherlei hat sich da geändert in dem Verhältnis des Publikums zur Zeitung. Die älteren Zeitungen brachten fast nichts über Ereignisse am Erscheinungsort. Offenbar hatten die Leser damals noch kein Interesse daran, Berichte über Ereignisse zu lesen, die sie selbst miterlebt oder durch ^Erzählungen der Stadtgenossen doch erführen. In wie fast krankhaft zu nennender Weise hat sich da heute die Neugier entwickelt. Anfangs des 18. Jahrhunderts protestrerten die Frankfurter energisch gegen die Bekanntmachung von Familiennachrichten in den Zeitungen. Das kam ihnen wie eine Profanierung vor. Heute wird der Zeitgenosse geboren, verlobt, verheirat sich und stirbt, alles in „breitester Oeffentlichkeit". Das prinzipiell Zusammenfassende, das Herausarbeiten des Wesentlichen vermißt der Leser in Salomons Darstellung. — Es wird in der Hauptsache mehr eine Geschichte der Zeitungen als des Zeitungswesens gegeben. Aber immerhin, — wenngleich das Buch auch mcht für eine Geschichte des deutschen Zeitungswesens gelten kann, so ist es doch eine schätzenswerte Sammlung von Stofs und Tatsachen, die bis jetzt nur zerstreut vorhanden waren. Der künftige Historiker der deutschen Presse wird es jedenfalls als bestes Hilfsmittel benutzen können. Bei der Lektüre des Werkes ist mir aber eins noch klar geworden. Der Leser einer Geschichte der Zeitungen kann sich kaum ein entsprechendes Bild von Wesen und Art der Zeitung auf ihren ersten Entwicklungsstufen machen an der Hand einer referierenden Schilderung. Gerade so dankenswert wie eine wirkliche eingehende Geschichte des Zeitungswesens wäre ein Quellenbuch zu seiner Geschichte, ein wortgetreuer Abdruck einiger für ihre Zeit typischer Zeitungsblätter, sodaß jeder die historische Entwicklung deutlich mit eigenem Auge verfolgen könnte. Dieser Wunsch nach einem Quellenbuche drängt sich bei der Lektüre der Salomvnschen Geschichte dem Leser auf. Aber auch noch manches andere würde man gern einmal historisch behandelt sehen, so z. B. die Aeußerungen der Zeitgenossen über das Zeitungswesen ihrer Zeit, über die Presse. Es liegt mancherlei derartiges vor, und Salomon führt einiges, wenn auch nur kurz, an. Napoleon z. B. wird öfter zitiert, merkwürdigerweise nie Goethe, trotzdem unser größter Dichter sich mehr als einmal über Zeitungen geäußert hat. 412 Ein Bild vom alten Goethe wird in verschiedenen neuen Briefen entworfen, die der eben erscheinende 24. Band des Goethe-Jahrbuchs veröffentlicht. In einem von Ludwig Geiger mitgeteilten Brief« an Usteri vom 11. September 1826 schreibt Therese .Huber: „Herder und Luise gingen nach vier Tagen nach Weimar — ich blieb noch bei meinen Geschwistern. An Herders Sippschaft lag mir- nichts, und eine Wallfahrt nach Goethe ist nicht meine Sache. Ich war mit Goethe in drei Epochen zusammen, er ist in meinen Augen der Napoleon der litej- rarischen Welt, aber von dem 80jährigen Goethe erwart« ich keine Uebermenschlichkcit, um vor ihm Weihrauch zu streuen, ging ich nicht hin. Wie er jung und lebendig war — dankend nnd gerührt die Trümmer betrachten, das könnte ich; damit aber wäre ihm nicht gedient. So ließ ich'S bleiben. Lnise, die in Weimar war, fand ihn ministeriell höfisch, einen schönen Greis in höfischer Umgebung, aber ohne einen Funken Gemüt noch Erinnerung der Vergangenheit, wo Herder sein Mitbuhler an Celebrität, und ich — ein schönes Weib war. Betrifft es Trümmer, so sehe ich die der Vorzeit lieber als die der Mitzeit." Und an Karoline Pichler schreibt Therese Huber unternr 29. Januar 1827: „. . . Luise war bei Goethe in Jena nnd ist mit Wehmut erfüllt über den Mann. Sein Körper hat der Zeit widerstanden — es soll ein prächtiger Greis sein! Sein Geist ist nicht getrübter, wie die Natur es unerbittlich- bedingt in hohen Jahren, aber Egoismus nud Hochmut haben ihn mit kaltem Hauche gelähmt, sodaß er sich von seinen Schmeichlern und Speichelleckern täuschen läßt nud sich selbst das Trugbild eines geistvollen Alten spielt, höflich und abgemessen repräsentrerend und von seiner Wichtigkeit überzeugt, wird um ihn die Bewunderung in jeder Form: als knechtische Aufwartung, zärtliche Empfindsamkeit, ästhetische Rauchwolke. — Luise saß eine Viertelstunde mit schwerem Herzen bei dieser Komödie und ging weinend davon. Dem "starb das Herz zuerst ab, und spukt noch der verwitterte Geist.---" Sympathischer als dieses tendenziös gefärbte Bild berührt das, was Frhr. v. Matthisson in einem bisher ungedruckten, von L. Bobs mitgeteilten Briefe aus Wörlitz am 14. Juni 1824 a-n C. V. von Bonstetten schreibt: „--In Weimar (d. 15. May) war mein erster Gang zu Goethe, der soeben von Jena zurückkam, wo er seinen ältesten und besten Freund Knebel (den trefflichen Ueber- setzer des Lukrez) besucht hatte. Kräftig und mit völlig gerader Haltung trat mir der alte Dichterkönig entgegen. Jede Spur der schweren Krankheit war verschwunden. Selten schuf die Natur wohl ein Auge aus gediegenerem Feuerstoff, als das 'Kuge Goethes, das trotz der schwarzen Schatten des Alters, fernen Glanz ebenso klar und ungetrübt erhalten hat, wie das Deine. Dein Latium ist ihm besonders lieb. Ich soll Dich seiner vieljährigen Achtung versichern. Er wäre Dir so gern im Leben begegnet. Unser Gespräch begann mit Dir, dann ging es über auf die verschiedenen Epochen, in welchen Goethe und ich seit 1783 einander begegnet waren. Auf mein« Frage,'ob er nichts weiter für den Faust tun werde, war die Antwort: „Das ist größtenteils schon geschehen." Schon hatte ich Abschied genonunen, als ihm plötzlich noch etwas einznfallen schien — „O, tvarten Sie noch einen Augenblick! Ich muß Sie noch einem alten Freunde vorführen." Nun ging er, einen Schlüssel zu holen und öffnete ein Zimmer, wo mir Knebels ähnliches Bild ein gar freundliches: Willkommen! zulächelte. Lieber, lieber Knebel! rief ich aus, Hiib Goethe schien sich meiner Ueberraschnug zu freuen." Vermischter« * Eine Duell ge schichte. Aus Lemberg erhält die „Wiener Allg. Ztg." Ende Mai folgenden Bericht: ,, Auch hier ist vor einigen Monaten aus den Kreisen der Bürgerschaft die Anregung zur Bildung einer Anti-Duell- Liga hervorgegangen, und es muß mit Genugtuung fest- gestellt werden, daß die seither gegründete Vereinigung zur Bekämpfung des Duellnnsngs bereits namhafte Erfolge aufweisen darf. Nicht bloß der Umstand, daß die Beitrittserklärungen immer zahlreicher werden, berechtigt zu dieser Konstatierung, sondern auch die allgemeine Anerkennung, die ein jüngst erflossenes Urteil eines Schiedsgerichts der sfäre geeignet ist, der- :d Anhänger zu sichern. Liga in allen Kreisen der hiesigen Gesellschaft gefunden hat. Ein junger Mann aus angesehenem Hause ^bewarb sich um die Gunst einer hübschen verheirateten Dame aus der besten Gesellschaft und von tadellosem Ruf. Als er sah, daß alle seine Bemühungen erfolglos blieben, fand er den sonderbaren Mut, die Dame — Frau X. — zu verdächtigen, sie habe einem anderen Herrn — der beschuldigte Herr war übrigens ein Freund des Verleumders —: die gleiche Gunst erwiesen, die sie ihm nun verweigere.. Ein energischer Hinauswurf war die unmittelbare Folge. Frau X. teilte die ganze Affäre sofort ihrem Manne mit, und binnen wenigen Stunden war der Verleumder in der gründlichsten Weise entlarvt. Beide Herren, welchen der Verleumder nahegetreten war, beschlossen nun, sich eine Satisfaktion zu verschaffen. Herr X. wollte den Verleumder zum Zweikampf herausfordern, doch einigte er sich mit dem verleumdeten Herrn — Herrn N„ mit dem er gleichfalls sehr befreundet ist — dahin, daß letzterer die Bestrafung des Verleumders überuehme. Herr Y. fand noch am Abend desselben Tages Gelegenheit, den Verleumder auf einem Ball durch eine Ohrfeige zu belehren, was er von seiner Handlungsweise denke. Am nächsten Tage erschienen bei Herrn D. zwei Offiziere mit der Aufforderung, dem Gezüchtigten ritterliche Satisfaktion z,w geben. In. dem Moment jedoch als die beiden Kartellträger von der Vorgeschichte der Affäre unterrichtet waren, legten sie sofort ihre Mandate nieder. Herr Y., welcher Mitglied der Anti* Duell-Liga ist, proponierte ein Schiedsgericht der Liga, Ein solches konstituierte sich unter dem Vorsitze des Land- tagsabgeordneten Ritter v. Vivien und verurteilte den Verleumder zu dreijähriger Verbannung nach Ame- rika. Kurz nach Fällung dieses Erkenntnisses verließ der Verurteilte unsere Stadt, um jenseits des, Ozeans seme Strafe abzubüßen. Der Vorfall wird nun in der, hiescgen Gesellschaft lebhaft diskutiert. Man wird wohl nicht fehl* gehen in der Annahme, daß die Affäre geeignet ist, der Anti-Duellbewegung neue Freunde und Anhänger zu sichern. Allgemein wird das Erkenntnis des Schiedsgerichtes und die empfindliche Strafe des Schuldigen als dw denkbar beste Lösung oer ganzen Affäre anerkannt. Eine Aus- traaung mit den Waffen hätte sich in diesem Falle gewiß iilckit als ein entsprechender Schutz der beleidigten Ehre daraestellt Der Schuldige ist der wohlverdienten Strafe zugeführt worden, und zwar'dnrch das Erkenntnis eines. $ottü)€tctit tvcit, übet UTlb SSÄff -ms.d-m W--° dw Bekämpfung des Duellunfugs bedeutet übrigens auch der ueuerduigs gefaßte Entschluß der hiesigen Studentenschaft, der Anti-Duell-Liga als „akademische Vereinig- una" l kolo akademickie") beizutreten. Die Resolution, die beschlossen wurde, verurteilt in schärfster Weise das Duell und fordert die akademische Jugend ^uff. sich an dem Kampfe gegen den Zweikampf in energischster Weise zu beteiligen.__ 8 7 6 8 7 6 5 4 3 2 1 4 3 2 1 bockst g h__ Weiß (6 + )t an und setzt mit dem vierten Zuge matt. (Auflösung in nächster Nummer.) Schachaufgabe. Von K. Traxler in Vescli. boäs f g h r■ MMM 8 L M Redaktion: August Götz. — NUatiotiSdnick und Verlag der Brühl'schen UniversttätS-Vuch- und Steindruckeret. N. Lange, Gtetzen.