Ur. 86 1903. m VW S«inst«g den 13. Juni. •■äSS-.'.ÖIIiS;,»': .uMZMÄLk-^M' Eine sirrflliche Brautfahrt im 18. Jahrhundert. In dem interessanten Werke von Eleonore v.Bojanowski über die Großherzogin Luise von Sachsen-Weimar (I. G. Cottasche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin) findet sich eine sehr anziehende Schilderung der Reise, die die Landgräfin Karoline von Hessen mit ihren -drei jüngsten Töchtern Amalie, Wilhelmine und Sinje nach Petersburg unternahm, damit sich der Großfürst-Thron- solger Paul aus ihnen eine Frau aussuchen möchte. Tie Vorverhandlungen für diese Brautschau hatte im Auftrage der Kaiserin Katharina der Geheimrat v. Asseburg geführt; er hatte verschiedene deutsche Höfe besucht und eingehende Berichte, teils von Bildnissen der in Betracht kommenden Prinzessinnen begleitet, an seine Herriu gesandt, die ihrerseits alles mit scharfem Auge und Verstand prüfte. Im ganzen verlangte man in Petersburg, wie Friedrich der Große, der sich für die Angelegenheit interessierte, au die Landgräfin Karoline schrieb: „de la douceur, un maintien honnete et de la fecondite. Quant au dernier point, il faut s’en rapporter aux probabilites, les ex- periencesne seraientpas admissibles sur un sujet si delicat.“ Friedrich der Große wünschte selbst aus politischen Gründen, daß die Wahl des russischen Hofes auf eine der darmstädtischen Prinzessinnen fallen möchte, da der preußische Thronfolger mit der Zweitältesten Tochter des Landgrafen vermählt war, und in Petersburg neigte man auch dazu, sich für eine T ar m st äd t erin zu entscheiden; nur hatte Asseburg das Bedenken, ob diese Prinzessinnen zu dem er- sorderlicheu Religionswechsel bereit sein würden. Ter Unterhändler meinte jedoch, sie würden über die Glaubensfrage milder denken, wenn sie einmal aus eigener Anschauung von dem Glanz der ihnen gebotenen Stellung in Petersburg sich einen Begriff gemacht hätten. Landgrüfin Karoline hielt e) für ihre Pflicht, die Aussicht aus eine so glänzende Verbindung für eine ihrer Töchter nicht abzu- weisen, und nahm die Leitung der Angelegenheit selbst in die Hand. Als die diplomatischen Verhandlungen soweit gediehen waren, daß die Kaiserin, wenn auch ohne ein bestimmtes Versprechen abzugeben, die Landgrüfin auffordern ließ, mit ihren Töchtern nach Rußland zu kommen, so eröffnete diese nun ihrem Gemahl die sich darbietenden BermählungSaussichten, um seine Genehmigung zu dieser Reise zu erhalten. Nur mit Widerstreben willigte der Fürst ein. „Tie Bildnisse sind nun fast schon ein Jahr in Petersburg", schreibt er unwillig, auch hier militärisch gefaßt, „und nun verlangt man, daß Sie mit Armee und Bagage Marschieren, d. h. mit unseren drei Töchtern. Meine Gedanken hierüber will ich nicht ausjprechen, ich glaube aber, fte sind sehr richtig." Indes kam es doch zu der Reise. Mr Fürstin trat Anfang Mai 1773 mit ihren drei Töchtern die weite und beschwerliche Fahrt an. In ihrem Gefolge! befand sich als Rechnungsführer auch Merck. Damals hat auf der Zeil in Frankfurt der jugendliche Goethe Prinzessin Luise zum ersten Male erblickt. „Schlank und leicht", erzählt er in ihren letzten Lebenstagen dem Kanzler v. Müller, „sah ich sie dort in den Wagen steigen, der sie nach Rußland brachte." Damals bereits muß ihre Erscheinung einen tiefer» Eindruck auf Goethe gemacht haben, denn er fährt fort: „seit jener Zeit blieb ich ihr treu ergeben; nie hat der geringste Mißklang stattgefunden." Ten ersten längeren Aufenthalt machte die Landgräfirk bei ihrer Tochter in Potsdam. Der König, die Prinzeß von Preußen und ihr Gemahl tote die andern Mitglieder des Königshauses ließen es nicht an Aufmerksamkeiten für sie fehlen. Ter König sah sie des öfteren in Sanssouci, auch die jungen Prinzessinnen erfreuten sich seines Wohlwollens. Er betrachtete sie aufs aufmerksamste, um sich, wie er sagte, ihre Physiognomien einzuprägen, da doch eine von ihnen in Rußland zurückbleiben werde. Tie jüngste, Prinzessin Luise, meinte er zuerst, passe am besten im Alter; nach dem Tiner aber entschied er, daß es wohl die zweite sein werde, deren Stirn dazu bestimmt erscheine, eine Krone zu tragen. Auch einer der großen Paraden wohnten die Reisenden bei. Erfreut berichtet die Fürstin ihrer Mutter, daß man bei Hofe ebenso befriedigt von ihren Töchtern zu sein scheine, wie sie es sei. Am 8. Juni schiffte sich die! Fürstin mit ihren Töchtern und einem Teile ihres Gefolges in Travemünde auf der prachtvoll ausgestatteten! Fregatte ein, die ihr die Kaiserin entgegengesandt hatte; die Seereise selbst wurde durch eingetretene Windstille auf zehn Tage ausgedehnt. In Reval wurden die Reisenden von den esthländischen Ständen aufs glänzendste empfangen, von dort begab man sich mit kaiserlicher Extrapost direkt nach Petersburg. In Gatschina, einem Lustschloß des Grafen Orlow, wo die Laudgräfin, seiner Einladung Send, das Tiner einnehmen sollte, erwartete sie zu ihrer erraschung die Kaiserin selbst, welche ihr hierher ent- gegengekommen war, um die Verlegenheit des ersten Zusammentreffens zu mildern. Von einem Fenster aus drei Prinzessinnen in dem Moment beobachtend, als sie aus dem Reisewagen stiegen, sagte die Kaiserin von der ersten, die herauskam, der nachherigen Markgräfin. von Baden, „e'est un mouton", von der zweiten, der Prinzeß Louise, „e'est une tcte", von der dritten, der nachmaligen Großfürstin, „e'est ce qu'il nous faut". Ten Moment selbst beschreibt der die Fürstin begleitende Kammerherr v. Schrautenbach: „Tie Kaiserin empfing uns mit der großen Güte, welche ihr alle Herzen gewinnt. Die Frau Landgräfin selbst bestand diese erste Begegnung sehr gut, aber die Prinzessinnen, ermüdet und abgespannt durch die große Hitze, gerieten in ungeheure Verlegenheit, sodaß sie sich kaum aufrecht zu halten vermochten. Indes bemerkte man doch leicht, daß Ihre Majestät zufrieden war. 342 itnb daß sie die Prinzessinnen schöner fand, als sie geglaubt, und besonders die Prinzeß Wilhelmine hübscher, als es ihr Bildnis annehmen ließ, und man erkannte leicht, daß diese ihr am besten gefiel". Auf dem Wege nach Zarskoje-Selo, den,man gemeinschaftlich in einer sechsspännigen Berline sortsetzte, hatte sie der Großfürst-Thronfolger, von seinem Hofstaat begleitet, eingeholt. „Und nun war ich in.der Tat verlegener als meine Töchter", erzählt die Fürstin, „man stieg aus und nahm in einem Phaeton zu achten Platz.' Ter Großfürst mit der» Grafen Panin und die Kaiserin saßen mit uns zusammen. Der Fürst ist sehr liebenswürdig, höflich und gesprächig und scheint heiteren Temperaments zu sein. Er ist nicht groß, sieht aber nicht zart aus. Um sieben Uhr kam man hier an, ich beinahe tot, und meine Töchter dnnkelrot von der Hitze". Eine Natur wie die der Landgräfin, die sich mit innerer Freiheit in allen Verhältnissen unbefangen zu geben wußte, mußte dem lebhaften und klaren Geist Katharinens zusagen, wie sie selbst bald eine warme Verehrung für die Kaiserin äußerte, deren Natürlichkeit ihr neben anderen Vorzügen besonders ansprechend war. Auch die Besorgnis der Fürstin wegen einer endgiltigen Entscheidung sollte schon nach wenigen Tagen eine glückliche Lösung finden. Es scheint, daß, wie die Kaiserin vom ersten Augenblick an die Prinzessin Wilhelmine auserlesen hatte, so auch der Großfürst sich zu dieser besonders hingezogen fühlte. Am 29. Juni forderte die Kaiserin für den Großfürsten ihre Hand. Tie Landgräfin teilt ihrer Mutter hocherfreut dies Ereignis mit und schließt mit den Worten: „Gott gebe dazu seinen Segen; möge es sein Wille sein, daß das Bündnis zu seiner Ehre, zum Glück von 23 Millionen Menschen, des Prinzen, der Kaiserin und meiner Tochter sich vollziehe. Ihre Schwestern beneiden sie nicht um ihr Geschick. . . . Mehrere Herren haben zu Riedesel geäußert, es tue ihnen leid, daß es nicht drei Großfürsten gäbe, um alle meine Töchter hier behalten zu können." Noch konnte bis zur eingetroffenen Einwilligung des Landgrafen die Verlobung nicht öffentlich begangen werden. Unterdes entspann sich auf den Lustschlössern von Zarskoje-Selo und Peterhof, wo die Kaiserin ohne den ganzen Zwang der Etikette ein freieres Landleben führte, ein ebenso heiteres wie glänzendes Treiben. Tie Kaiserin erwies sich den junggn Prinzessinnen, die sie selbst mit dem Katharinenorden schmückte, sehr gnädig. Bälle und Empfänge wechselten mit Gartenfesten, mit Illumination und anderen Lustbarkeiten. Nur das Klima machte sich, mitunter nachteilig für Mutter und Töchter geltend. Endlich traf die Einwilligung des Landgrafen zu der zu schließender! Ehe ein, allerdings an höchst" eigentümliche Wünsche und Bedingungen seinerseits geknüpft. Eine schwere Sorge bildete für die Landgräfin der von der Kaiserin geforderte Uebertritt ihrer Tochter zur griechischen Kirche; fie sah voraus, wie dieser Schritt den Landgrafen erzürnen und ihre bekenntnistreue Mutter tief betrüben mußte, wenn ihr auch die Kaiserin und die junge Prinzeß selbst, welche man bereits in dem neuen Glauben zu unterrichten begonnen hatte, versicherten, daß der Haupluuterschied ledig- luch in dem äußeren Fprmenwesen bestehe. Noch, ehe die K^Eigung des Landgrafen eingetroffen, war Prinzeß 7-ckhelinine zur griechischen Kirche übergetreteu und hatte bei dieser ltzelegenheit auf den Wunsch der Kaiserin den Namen Natalie erhalten. Nun ivnrde am 29. August unter großen Feierlichkeiten die öffentliche Verlobung vollzöge,!. teilt wenig satirisch bemerkt die Landqräfin in Bezug auf d e Anschaffung des Trousseaus, daß^sie sich niM W'_ denn um ihn zu bezahlen, müsse sie sich am Ende selbst verpfänden, und da bleibe es immer noch fraglich, ob sie der Landgraf auslösen würde. Tie Kaiserin die Verlobte ihres Sohnes, die sich ihres vollen Beifalls erfreute, schnell liebgewonnen und erwies sich, überaus gütig gegen sie. Auch die Laudgräfiu und die Prin- erhielten reiche Geschenke an Diamanten ’ und ^ijdgren Gewändern. Außerdem wurden für die Land- ./'O'IOO, für jede der Prinzessinnen 50 000 und für die Reise-Ausgaben 20 000 Rubel aus der kaiserlichen Schatulle angewiesen. Die Hochzeit des jungen Paares ivurde mit großem Gepränge am 10. Oktober gefeiert, auch der Erbprinz Loms war dazu nach Petersburg gekommen. So wh die Landgrafrn ihre blühenden Kinder in aller Pracht weltlichen Glanzes um sich versammelt, und ihr mütterliches Herz sand seine Befriedigilng in dem Glück der Tochter, die sie, die kurz bemessene Dauer desselben nicht ahnend, von ihrem Gemahl zärtltch geliebt, von der Kaiserin verwöhnt und vorgezogen sah. Feste reihten sich cm Feste zu Ehren der Neuvermählten. Von einem derselben erzählt die Landgräfin ein so schalkhaftes Abenteuer, daß es zur Charakteristik ihres eigenen Humors wie des gs- haltenen Wesens ihrer jüngsten Tochter hier nicht fehlen darf: „Vorgestern war ein Maskenball von 3200 Personen; 21 Säle und Gemächer waren geöffnet und von Menschen gefüllt. Gegen Mitternacht verkleidete ich mich und machte mir das Vergnügen, Luise zu necken, indem ich ein Menuett mit ihr tanzte. Sie hielt micy für den Baron Tzerkassow, fand ihn sehr imperttnent, und als der Tanz begann, sagte sie: „Was für ein linkisches Benehmen!" Mitunter vermutete sie, daß ich es wäre; aber als ich ihr meinen Arm bot, hatte sie nicht den Mut, die Gräfin Bruce zu verlassen, um mir zu folgen. Diese hatte mich jedoch nach kurzer Zeit erkannt,da sie überzeugt war, daß sich sonst niemand in Petersburg solche Vertraulichkeit mit einer meiner Töchter herausneymen werde." (K. Z.) Der Nutzen der Seebäder. Von Tr. P. Meißner. Tie Reisesaison rückt heran, und man beginnt, Pläne für die Badereisen zu machen. Wohin soll man reisen? Ins Gebirge oder an die See? Ich spreche hier nicht von Badereisen im engeren Sinne. Diese werden vom Arzt in bestimmter Weise empfohlen und vom Patienten dann auch so ausgeführt oder auch nicht so ansgeführt; ich mein« hier die Badereisen, welche sich die Menschen selbst verordnen und die mehr den Charakter von Erholungsreisen tragen. Mit Recht spielen bei den obigen Ueberlegungen die Seebäder eine große Rolle. Im allgemeinen müssen wir zwei Hauptgruppen von Seebädern unterscheiden: Küstenbäder und Jnselbäder. Beide haben ihren spezifischen Charakter und ihre Vorteile, beide sind nicht gleichwertig. Das Küstenbad verbindet die Wirkung der Seeluft und des Meeres mit denen der Landwinde und der Formation des Festlandes. Tie Küstenbäder sind sozusagen nur fakultative Seebäder und ermöglichen durch mehr oder weniger weites Zurückgehen in das Land eine Abschwächung der spezifischen Faktoren der Seebäder. Allerdings darf nicht verschwiegen werden, daß die Lage an der Küste gewisse Nachteile mit sich bringt: erstens die Gefahr unangenehmer, mit Staub geschwängerter Landwinde, ferner ein geringerer Salzgehalt des Meeres und schließlich eine nicht immer gleichgültige Verunreinigung durch die oft nahe gelegenen Flußmündungen. Auf der anderen Seite muß die Möglichkeit, ein solches Seebad zu Lande erreichen zu können, als ein entschiedener Vorteil bezeichnet werden, da eine große Anzahl von Menschen die Ueberfahrt per Schiff wegen der Seekrankheit scheuen. Die Jnselbäder andererseits haben ein rein nrarittmes Klima ohne jede Staubverunreinigung der Luft, sind aber natürlich den Seewinden viel schutzloser ausgesetzt, als dies bei Küstenbädern der Fall zu sein pflegt. Tas Meerwasser ist bekanntermaßen salzig, es enthält aber nicht allein Kochsalz, sondern auch andere Salze und Stoffe, wie z. B. Jod. Seebäder find somit den Soolbädern gleich zu erachten. Ta die Auswahl von Soolbädern auch sehr auf die Konstitution, den Gesundheitszustand des einzelnen Rück- sicht nehmen muß, so ist nach dem Gesagten klar, daß auch die Seebäder eine sorgfältige Auswahl erfordern und es keineswegs gleichgültig ist, wo man Seebäder nimmt. Wenn wir auch eben gesehen haben, daß das Meerwasser qualitativ einer mehr oder weniger starken Soole gleich zu setzen ist, so besteht doch eine erhebliche Differenz insofern, als beim Meer die dauernde und nie aussetzqnde Bewegung des Wassers in Betracht kommt. Ter Wellenschlag, sei er stark oder schwach, bewirkt eine ganz bedeutende und für gewisse Fälle recht wohltuende Massage, wie sie gleichwertig sonst kaum erreicht werden kann. Wie man nun auf die zweckmäßigste Weise Seebäder nehmen soll, wollen wir weiter unten besprechen, hier muß nur noch ein ungemein wichtiger Faktor aller Seebäder erörtert werden, nämlich die Seeluft. Tie Seeluft, ganz abgesehen von dem Meerwasser, übt allein schon eine Reihe oft sehr wohltuender Wirkungen aus. Sie ist so verschieden von der Landluft, daß man unwillkürlich auf eine eigen- 343 artige Zusammensetzung schließen muß. In der Dat hegt diese auch vor. In der Seeluft ist in reichem Maße Koch- salz vorhanden. Es mag das zunächst absurd klingen, da jeder weiß, daß beim Verdampfen von Wasser die in ihm gelösten Salze nicht mit verdampfen können. Und doch finden wir in der Seeluft erhebliche Mengen Salz, welche sich sogar durch den salzigen Geschmack der eingeatmeten Luft verraten. Gerade dieser starke Gehalt der Seeluft an Salzen macht sie so ungemein wichtig und wohltuend für den ganzen Gesundheitszustand des Menschen. Es ist daher durchaus nicht immer nötig, Seebäder zu nehmen, sondern oft genügt schon der Aufenthalt in der staubfreien, salz- reichen Seeluft, um auf die Gesundheit wohltuend einzuwirken. Ich will nicht schließen, ohne eines Punktes Erwähnung getan zu haben: man könnte geneigt sein, anzunehmen, daß das Meer mit seiner reichen Fauna und Flora auch eine bedenkliche Menge schädlicher Bakterien enthalte. Dem ist nicht so, im Gegenteil, alle im Meere vorkommendün Mikroorganismen sind für den Menschen vollkommen unschädlich, sodaß in dieser Richtung das Meerwasser viel gesünder genannt werden muß, als jedes Süßwasser. Mr Deutsche sind nun im Besitz von Seebädern jeden Charakters und haben es wirklich bequem, das gerade für den betreffenden Fall nützliche auszusuchen, und doch ist die Frequentierung der Seebäder nicht so, wie man denken sollte. Wer allerdings in das Seebad reist, um Toiletten zu sehen und sehen zu lassen, vielgängige Tiners zu vertilgen, Reunions und Konzerte zu besuchen, kurz, fashio- nable zu leben, der wird niemals den unendlichen Wert des ewigen Meeres kennen und begreifen lernen. Gemeinnütziges. * Die Ernährung kleiner Kinder leidet oftmals unter merkwürdigen Vorurteilen, und selbst manche Aerzte wissen sich gerade auf diesem Gebiete von veralteten, durch die Ueberlieferung gleichsam geheiligten Anschauungen nicht frei zu machen. So gilt es vielen als ein geradezu strafwürdiges Verbrechen, kleinen Kindern stark fetthaltige Nahrung zu geben. Das ist, wie Geh. Sanitätsrat Küster in der Aerztlichen Rundschau ausführt, so verkehrt wie möglich. Die natürliche Nahrung für Säuglinge ist — abgesehen von der Muttermilch — die Milch von gesunden und natürlich genährten Kühen. Je fettreicher sie ist, desto besser ist sie. Es herrscht nun in weiten Kreisen eine außerordentliche Angst vor zu fetter Milch. „Als ich" — so berichtet Küster — „im Beginne meiner praktischen Tätigkeit empfahl, wenn Kinder nicht recht gediehen, der Milch noch Butter zuzusetzen, wurde dieser Vorschlag allgemein belächelt. Nur ein Arzt stimmte mir bei und meldete mir, daß die Bauern in seiner Gegend, in Oberschlesien, von alters her das von mir vorgeschlagene Verfahren mit Erfolg anwendeten. Geradezu bedenklich für die Ernährung wird diese Furcht vor Fettnahrung, wenn die Säuglingsperiode vorüber ist. Das Kind trinkt weniger Milch, erhält also auch weniger Butter als bisher. Ein Ersatz wird nicht geschaffen, im Gegenteil. Mit Butter beschmierte Semmeln gelten selbst in reichen Häusern als eine Verschwendung. Hat nun das Kind das Unglück, einen Ausschlag zu bekommen, dann ist es mit der Fettnahrung ganz aus. Das Kind wird immer elender. Da endlich wird Lebertran — der ja stichts anderes als Fett dar- — verordnet, und siehe da, das Kind fängt an auszublühen, weil durch das Fett erst wieder eine normale, zweckmäßige Ernährung stattfindet. Unglaublich ist" so meint Küster — „die Gedankenlosigkeit, erst Fett, ernem alten Vorurteil zuliebe, zu entziehen und dann Fett mit Löffeln zu geben. Freilich geschieht dies in abergläubischen Annahme, daß beim Lebertran nicht das Fett, sondern der geringe Gehalt an Jod die Wunder verrichte." * Strohhüte zu waschen und zu bleichen. Weiße Strohhüte lassen sich, nach dem „Prakt. Wegweiser", Wurzburg, nicht durch bloßes Abwaschen mit Wasser und Serfe wieder weiß machen. Sie müssen nach dein Waschen und Abspülen in reinem Wasser in eine Lösung von 30 Gramm unterschwefligsaurem Natron in 1 Liter Wasser eingeweicht, herausgenommen und nochmals hineingebracht werden, nachdem zuvor nocb 30 Gramm Salzsäure zugegeben wurden. Das Gefäß wird gut zugedeckt. Wenn der Hut rein weiß ist, was schon nach kurzer Zeit der Fall ist, wird er herausgenommen, gut gespült, getrocknet, mit Gelatine-, Gummi- oder Agarlösung überzogen und wieder getrocknet. In der Salzsäure-Natronmischung dürfen die Hüte nicht zu lange verweilen, da die sich entwickelnde und bleichende schweflige Säure das Stroh brüchig machen kann. * Ein Missionar in Indien von Tigern zerrissen. Den schrecklichen Tod eines östreichischen Missionars in den indischen Dschungeln schildert ein Brief, der von einem Amtsgenossen des Verstorbenen in der nieder- östreichischen Stadt Waidhofen an der Wbs aus Bettiah in Bengalen eingetroffen ist, und folgendermaßen lautet: „Unsere Mission hat einen großen Verlust erlitten durch den Tod des P. Cosmas, der, 39 Jahre alt, bereits zehn Jahre in unserer Mission eifrigst tätig war. Eines Morgens begab er sich nach dem acht Stunden entfernten Grenzgebirge Nepal, um die für uns im Gebirge erbaute Sommerfrischehütte mit Frater Jeremias, der bereits dort weilte, einzurichten. Gegen Mittag erreichte P. CoSmas das Gebiet zum Aufstieg. Seinen ihn begleitenden Packträgern befahl er öfters, zu rasten, er wolle ihnen vorauseilen und von oben her Hilfe senden. Frohen Mutes, seine Sachen samt dem geladenen Gewehr auf dem Rücken, stieg er durch Schluchten und auf schmalen Pfaden die Höhe hinan, bis er zu einer mit hohem Gras und Gestrüpp bedeckten Stelle kam. Da stürzte aus dem Versteck t'n Tiger hervor, schlug dem armen Pater die Zähne in die linke Halsseite und ritz ihn nieder. Der Pater hatte nicht mehr die Kraft, ein Gewehr loszudrücken, da sich sogleich auch die Jungen der Bestie an ihn hängten. Rach, einigen Stunden kamen seine Träger zur Stelle und waren erstaunt, des Paters Hut zu finden; sie blickten umher und sahen dann einen Schuh, etwas weiter das Gewehr, Blut und Kleiderfetzen, aber keinen Körper. Sie ahnten gleich, was geschehen, fast atemlos eilten sie zu der kaum eine halbe Stunde entfernten Hütte und erzählten dem Frater Jeremias ihr Erlebnis. Sogleich ging man mit Waffen, Trommeln usw. auf die Suche aus. Es war 6 Uhr abends- als mau zur Unglücksstelle kam. Man fand des Missionars Tasche, das Brevier, seine Uhr voll Blut, sie zeigte y23 Uhr und stand still, den Pater aber fand man nicht. Mit allem Eifer wurde bei Tagesanbruch den Spuren gefolgt, bis man endlich nach langem Suchen einige Körperteile sand, und zwar die Hände, die nahezu unversehrt waren, und den Kopf, der voll Beulen, aber doch zu erkennen war. Frater Jeremias wickelte die Ueber- reste in Leinwand, trug sie den Berg hinab, wo er mit ihnen sofort auf einem Ochsenwagen nach dem 18 Stunden entfernten Bettiah eilte, um die Schreckenskunde zu berichten. Eine ungeheure Menschenmenge sammelte sich an. Nach der gerichtlichen Inspektion wurden die Leichenrefte in der Kirche unter Blumen aufgebahrt. Tausende Menschen aller Konfessionen umstanden weinend die Bahre, als ckbeuds das Begräbnis stattfand. Die Tiger, die den P. Cosmas und ftüher schon acht Menschen gefressen haben, sind nun getötet: die Kugeln der Engländer haben ihnen den Garaus gemacht." * Die Erscheinung der Kaiserin. Nach bisher ungedruckten Quellen verösfentlicht Germain Bapst in Richard Fleischers „Deutscher Revue" (Deutsche Verlagsanstalt in Stuttgart und Leipzig) einen Aufsatz über „Napoleon III. und Italien", der sich mit der Vorgeschichte des französisch-österreichischen Feldzuges vom ^ahre 1859 beschäftigt. Dem Kaiser, der ohne jeden Kriegsplan nach Italien zog, erschienen, so führt der Verfasser u. a. aus, das Festungsviereck und besonders Verona in der Phcrw- tasie wie ein neues Sebastopol. Und nun erzählt Herr Bapst folgende interessante Episode: Schon 1853 hatte! Napoleon den Kapitän Lanssedat beauftragt, sich Verona genau anzusehen. Ter Kapitän wurde, nachdem er dort die Krokis mehrerer Forts ausgenommen, von den Oestsr- reichern als Spion verhastet. Tank der Geistesgegenwart der Frau Lanssedat, die die Reißfedern und die Zirkel versteckte und die Krokis im Futter des Hutes, den sie trug, verbarg, konnte nichts gesunden werden, was ihren Mann belastete, und er wurde, nachdem er 48 Stunden in Hast 344 behalten und verhört worden war, freigelassen. Die sorgsam überbrachten Krokts dienten dem Kommandanten Karth zur Fertigstellung eines großen Planes von Verona, an dem der letzte Federstrich im November 1858, als der Hof in Cvmpiegne war, getan wurde. Ter Kaiser, durch den Marschall Vaillant von der Vollendung des Planes von Verona in Kenntnis gesetzt, läßt auf der Stelle den Kommandanten Karth zu sich rufen, der gerade zur Stunde des Diners im Schlosse emtrifst. Tie Zeit kümmert den Kaiser wenigs er ist voll Ungeduld, den Plan zu sehen und den Kommandanten auszufragen; er läßt ihn in sein Gemach kommen, wo er eben seine weiße Krawatte umbindet. „Setzen Sie sich mir gegenüber und breiten Sie Ihre Karten aus", sagt er sogleich zu ihm. In demselben Augenblick tut sich eine der Türen des Zimmers auf und die Kaiserin erscheint in einer weißen, ausgeschnittenen Prachttoilette, strahlend von Tiamanten und Schönheit. Der Kaiser stellt ihr den Offizier vor und fügt hinzu: „Verlieren wir keine Zeit." Die Kaiserin setzt sich ihrem Gemahl gegenüber aus den Stuhl, den unmittelbar vorher der Kommandant Karth eingenommen hatte, und dieser bleibt etwas weiter zurück stehen. Ter Kommandant Karth war ein hervorragender Geodät, sehr bescheiden, einzig mit seinen Arbeiten beschäftigt. Seinem Aussehen nach, das dem eines protestantischen Geistlichen glich, würde ihn niemand für einen Militär gehalten haben, und dadurch wurde es ihm auch ermöglicht, die Pläne aller europäischen Festungen aufzu- nehmen, ohne jemals verdächtig zu werden. Zehn Jahre seines Lebens, die er unter den Arabern in der Wüste Sahel damit zugebracht hatte, die Karte dieser noch unbekannten Gegend zu zeichnen, hatten ihn den Gewohnheitestr der großen Welt ein wenig entfremdet, und als er nach Com- pitzgne kam, war er noch linkischer und schüchterner als gewöhnlich. Tas Erscheinen der Kaiserin hat ihm gleichsam einen elektrischen Schlag versetzt und er bleibt regungslos stehen, hypnotisiert durch den Anblick des blonden, mit Tiamanten geschmückten Haares, der Schultern und der Büste mit den perlmutternen Reflexen, aus denen sein Blick ruht; dem Kaiser, der ihn fortwährend ausfragt, antwortet er stotternd und ohne seine auf den Ausschnitt der Kaiserin gerichteten Augen zu erheben. Nach einer Audienz von zwanzig Minuten dankt der Kaiser, dem gemeldet worden ist, daß man ihn zum Tiner erwarte, dem Offizier und verabschiedet ihn. Benn Verlassen des Gemaches trifft der noch immer »ertöirrte Kommandant auf den Marschall Vaillant. „Mm?" „Ich weiß nicht, was ich dem Kaiser vorgestammelt habe: ich war weit von Verona entfernt, ich sah nur die Kaiserin. Wie schön ist sie! Wie schön ist sie!" Ter Marschall lachte sich halb tot und schüttelte seinem jungen Kameraden die Hand. Einen Monat nachher, ehe noch von einem Bündnisvertrag die Rede war, ließ Napoleon HL eine Militärkonvention unterzeichnen, die ihn bis zu einem gewissen Grade zum Verbündeten Piemonts machte. . . . * Abgefertigt. Von Prof. Jhering, dem berühmten Ottinger Rechtslehrer, erzählt die „Tägl. Rundschau" eine heitere Anekdote. Prof. Jhering hatte die Gewohnheit, in jedem Semester ein öffentliches Kolleg abzuhalten, in welchem vor allen Dingen kleine Rechtsfragen aus dem täglichen Leben zur Besprechung kamen. Ein jeder Teilnehmer des Kollegs hatte das Recht, über den zur Behandlung stehenden Gegenstand seine Meinung zu äußern, und es kam dabei manchmal zu recht heiteren Diskussionen. Jhering wanderte gewöhnlich, die Hände aus dem Rücken, durch den Gang, der die Bankreihen trennte, und oft genug kam es vor, daß er seine großen dunkle,; Augen auf einen Hörer richtete, und in seinem gemütlichen ostfriesischen Dialekt in freundlich-ermunterndem Tone fragte: „Nun, was denken Sie denn von der Sache?'", worauf dann gewöhnlich mit mehr Fixigkeit als Richtigkeit die Antwort erfolgte. Eines Tages saß auf einer der ersten Bänke des Auditoriums der Träger eines sehr hohen Namens und folgte mit sichtlichem Interesse der Besprechung über die Frage, ob es juristisch einwands- fret fei, wenn ein Gast in einer Mrtschaft den Zucker, der ihm zu seinem Kaffee gereicht werde, einstecke und untnehm» oder seinem Hunde gebe. Die Ansichten über diese Frage waren sehr verschieden und daher wurde aucy die Besprechung sehr lebendig. Mötzlich wandte sich Jhering an den genannten Hörer auf einer der ersten Bänke, der sich durch fein Aeußeres erheblich von den andern Studenten unterschied, mit der unerwarteten Frage: „Nun, wie stellen Sie sich denn zu der Frage?" Verletzt über den derben Ton, welcher Jhering eigen war, und verstimmt über das Fortlassen jeglichen Titels, auf den der Gefragte Anspruch hatte, entgegnete er mit einer innerlichen Gereiztheit, die sicb nicht ganz verbergen ließ: „Ich bin der Graf N. N." Schlagfertig erwiderte Jhering, in-' dem ein feines Lächeln über seine derben Züge flog: „So, so, na, dann können Sie es freilich nicht wissen!" Literarisches. Albert Ritter, „Christus d er Er lö ser". (Umschlagzeichnung von A. D. Goltz) Preis geh. 7.20 Mk. — Ritters Werk versucht die gänzliche Verquickung aller Elemente unseres geistigen Lebens mit der Lehre Jesu zur weltewigen Wahrheit des echten Christentums; er legt dar, daß Erziehung, Bildung, Wissenschaft und Kunst nur in dieser Lehre eine haltbare Grundlage und 'einen gemeinsamen Sinn gewinnen können. Sv bringt er uns die christliche Lehre im Rahmen klärender Erläuterung, in menschlich-wahrer Auffassung und mit Beziehung zu den Menschen und Geschehnissen der Welt. — Besonders erwähnt sei die Umschlagzeichnung von A. D. Goltz, die in wunderbarer Ueberemstimmung mit dem Inhalte des Buches erhebend wirkt. Eine lichte, alles besiegende Jugendgestalt schreitet frei über Dornen hin, von Rosen umrankt. In beiden Händen hält sie kraftvoll emporgeschwungen die Friedenspalmen; ihr zur Seite schlagen lohend die Flammen gegen Himmel. Bunte Bühne, Fröhliche Tonkunst, gesammelt von Richard Batka, herausgegeben vom Kunstwart. 6. Folge, 1 Mk. (München, Kunstwart-Berlag Georg D. W. Callwey.) Die „Wiener Zeit" schrieb vor kurzem u. a.: „Von Batka's berühmter Sammlung heiterer Gesänge aus alter und neuer Zeit ist vor kurzem die fünfte Folge erschienen. Mit feinem Verständnis für den künstlerischen Wert des humoristischen Ausdrucks hat der verdienstvolle Prager Aesthetiker wieder einige Perlen der heiteren Muse der Oeffentlichkeit übergeben und bei aller Freiheit der Wahl das Gebiet der Banalität glücklich gemieden. Batka's kurze Charakterisierung der Gesänge, seine wertvollen Andeutungen für den Vortrag derselben, dürften den Sängern K erwünscht sein, und ich kann mich nicht genug wun- l, daß noch keiner die Gelegenheit benützt und die schönsten Lieder der Sammlung zum öffentlichen Vortrag gebracht hat." — Die 6. Folge enthält nebst den Begleit- Worten zu jedem einzelnen Notenwerke folgende neun Stücke: 1. Schubert, Franz, Der Hochzeitbraten. 2. Weber, C. M. von, Kanon zu dritt. 3. Mendelssohn-B., F., Maiglöckchen und die Blümelein. 4. Schulz, I. A. P., Das Blumenmädchen. 5. Wolf, Hugo, Abschied. 6. Weber, C. M. von, Zigeunerchor aus Preziosa. 7. Tafellied „Modi- cum, ein wenig". 8. Scandellus, Anton, Tanzone. 9. Mozart, W. A., Warnung. Der Preis ist wiederum nur Mk. 1 und der Band ist durch alle Buch- und Musikalienhandlungen zu beziehen. Bilderrätsel. (Nachbildung verboten.) (Auflösung in nächster Nummer.) Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schcn UniverfltätS-Buch- und Eteindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.