Mittwoch den 13. Mai. Nr. 70 8KU e. 1903. M (Nachdruck verboten.) Das Gasthaus am Strande. Roman in zwei Bänden von Florence Warden. Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen. (Fortsetzung.) Miß Bvstal ging mit ihren raschen, vogelartigen, kleinen Schritten um seinen Stuhl herum und legte ihm saust die Hand aus die Schulter. „Lieber Papa", sagte sie flüsternd, „erkennst Du nicht Mr. King. Er war hier letzten Sommer. Du erinnerst Dich doch, nicht?" „O ja, ganz getviß, natürliche erinnere ich mich- Theodora", antwortete der Oberst mit einem leichten Stirnrunzeln bei der Anspielung auf den eBerlust des Gedächt- nisses. „Setzen Sie sich, Mr. King, und erzählen Sie uns, was die große Welt macht." Clifford sah, daß der alte Mann jetzt in einem Augenblick wieder er selbst geworden war und daß nur die Last einer geheimen Sorge ihm sein verändertes Aussehen gegeben hatte. Es tat ihm leid-, als Miß Theodora ihren Water sofort an die Beängstigung erinnerte, dieEeide bedruckte. „Ich wünschte, lieber Papa", sagte sie, nachdem Clifford den ihm angebotenen Stuhl eingenommen hatte, „daß Sie Mr. Clifford etwas von der schrecklichen Verfolgung erzählten, der wir unterworfen gewesen sind, seit der „Blaue Löwe" geschlossen worden ist." „Es ist kein ansprechender Gegenstand", warf der Water ein, dessen Gesicht bei ihren Worten verfiel, „doch will ich Ihnen die Sache erzählen, wenn sie erzählens^- wert ist." Clifford, obschon er wirklich gespannt daraus war, die Geschichte zu hören, versicherte, als er sah, daß sein Wirt keineswegs danach verlangte, sie zu erzählen, es selbst nicht weiter zu wünschen. Miß Theodora aber bestand darauf. „Wohlan", sagte der alte Herr, „es ist einfach dies. Wenigstens ein halbes Dutzend Mal, seit der „Blaue Löwe" verlassen dasteht, sind wir nachts' durch Stöße und Schläge an unseren Türen und Fenstern belästigt worden. Und obschon wir alles mögnlihe getan, ausfindig zu machen, wer uns auf diese Weise verfolgt, sind wir doch nicht im stände gewesen, es zu tun." „Und haben Sie keine Idee, keinen Verdacht?" Der Oberst schüttelte beunruhigt und ängstlich den Kops. Seine Tochter aber spitzte die Lippen und sah schlau dabei aus'. „Ich habe eine Erklärung", sagte sie. Und sie wartete daraus, daß man sie nach dieser Erklärung fragen würde. Clifford äußerte die erwünschte Neugierde. „Ich glaube", fuhr sie im Don der Ueberzeugung fort, >chaß es dieselbe Person -ist, die hinter all den Geheimnissen steckt, unter denen wir in letzter Zeit hier gelitten haben." „Unsinn, meine Liebe", unterbrach sie der Vater schnell und nicht ohne Gereiztheit. „Was in der Welt sollte solch eine Person von uns wollen? Wir haben im Hause nichts- das des Stehlens wert wäre. Und wenn wir es hätten- glaubst Tu wohl, daß die Person, die so überaus geschickt zu entwischen und der Gerechtigkeit zu entkommen verstand, versuchen würde, uns die Türen einzuschlagen? Das ist Unsinn, Theodora." Tie Dame sah aber halsstarrig aus. Clifford machte eine Bemerkung. „Wenn Sie das glauben, warum machen Sie nicht bei der Polizei eine Anzeige? Man würde der Person einen Hinterhalt legen und Sie jedenfalls sicher von der Belästigung ihrer Besuche befreien." Zu Cliffords Verwunderung nahm des Obersten Bostal Gesicht einen Ausdruck der Unruhe an, den er vergebens zu verbergen suchte. Miß Theodora aber brach triumphierend in die Worte aus: „Das ist gerade, was ich ihm auch sage, Mr. King, er will aber nichts« davon hören. Vielleicht gelingt es Ihnen besser, ihn zu überreden, als mir." Ter Oberst lehnte sich, statt der Antwort, zurück in den Stuhl uno zog die kleinen dünnen Arme der Dochten sich rund um den Hals. „Ich glaube immer", sagte er nach einer längeren Stille, während welcher Clifford von einem seltsamen Verdachte beschlichen ivurde, „daß es besser ist, Aergernisse, die vorüber und abgetan sind, nicht wieder aufzurühren. Ich habe vielleicht selbst den Verdacht, daß die Störungen, die wir erleiden, mit den unheimlichen Geschichten zusammenhängen, über die wir so vieles gehört haben. Gleichwohl will ich mich nicht hineinmischen und lehne es ab, die Hilfe der Polizei anzurufen. Wir dürfen nicht vergessen, daß, indem wir diese unbekannte Person, die uns belästigt, der Strafe überliefern, wir möglicherweise noch andere in Gefahr bringen können." „Welch andere, Papa?" fragte Miß Dh!eod!ora barsch Aber der Oberst wollte nicht antworten. Er gab dem Gespräche eine andere Wendung, und der so interessante Gegenstand wurde nicht wieder berührt, bis Clifford, nach dem er sich von dem Obersten beurlaubt hatte, in der Halle neben Miß Theodora stand. „Wissen Sie, warum ich heute yierherkam?" fragte er jetzt. „Nicht uns' zu besuchen?" fragte sie. „Wir hätten es vermutlich auch kaum hoffen können." „Doch, es geschah, Sie zu besuchen und Ihnen für Ihren Glauben an Nell zu danken. Ich traf in der Stadt mit Miß Lausdowne zusammen und sie sagte mir, daß Sie die einzige Person wären, die noch an ihre Schuldlosigkeit! glaubte." Allein zu seinem Verdruß seufzte die kleine Dame und sah vor sich nieder. Endlich sagte sie: „Ich habe, solang 218 ollte glauben, daß Sie selbst sich hier manchsnal verlassen' und sah ein aufzuheitern kommen, gewiß." Ein wiederholtes Nicken und Schütteln des Kopses begleitete diese SSorte, wobei sie jeder dieser Bewegungen eine wichtige Bedeutung zu geben glaubte. „Nun, dies ist ja auch nicht gerade der beste Ort für Leute, die Gesellschaft lieben, tote?" sagte Clisford. „Ich Linie des Meeres auf der Rechten schien nicht enden zu wollen. Clisford hatte kein Auge für die Wirkung des Sonnenuntergangs auf den Kreideklippen zu seiner Rechten, für die malerische kleine Farm, die aus dem G:Psel hoch oben am Rande des Wassers lag, als er der Beachbucht sich näherte. Worbet gings an „Shooters Arms", dem W:rts- hause an der Straße, das glücklicherweise die Grenze des Forum--qseifers der verheerenden Horden des Eaft-EnA von Lo.von bildet, mit dem wohlwollende Eisenbahngesell- schafteu eine der lieblichsten Gegenden Englands zu Grunde gerichtet haben; vorbei an dem kleinen Dörscheu Beach/ mit seiner malerischen steilen Miniaturgasse, seinen: häßlichen Genesungshaus und der Wüste des neuen Teegartens. Tann die Beachstraße hinauf, in vollem Anblick des Meeres und der Fischerflotte, die auf dem schwellenden Bilsen der Flut hereinkam — doch Clisford sah nichts und dachte an nichts, als wie er eine Yard, eine Minute sparen konnte, um ohne Zeitverlust bei seinem Liebling zu sem. Er mußte sich uach Paradise Hill erkundigen, der sich als eine der unzähligen Gasse,: von armseligen HauseM erwies, aus denen die Stadt hauptsächlich besteht. . Er fand Nummer 45 leicht ge::ug. Es war eines von einer Reihe kleiner Häuser aus gelben Ziegeln, mit Erkerfenstern im Erdgeschoß, die man sonst Landhäuser genannt haben würde, die aber, seitdem das anspruchsvolle Wesen sich durch den Schulausschuß verallgemeinert hat, Pcklas geworden sind. r cm,. Clissords Mut sank etwas, als er nach Miß Claris fragte. Diese enge kleine Wohnung nach der frischen Luft des freiliegenden Gasthofs am Strand mußte für das junge Winterapfel aus. „Sind zu Besuch dort gewesen, Sie, wie?" sagte sie n:it tiefer, r auher und leiser Stimme, indem sie nach den trüben Fenstern von Shingle End schielte. „Jä, ja, sie haben einiger Leute voll Leben nötig, die sie zu besuchen und ich konnte stand wider den Gedanken gehalten, daß sie > sollte glauben, daß Sie selbst sich hier manchmal verlassen sckiuldia sei. Ich muß aber gestehen, daß ich den über- I fühlen, nicht?" wältigenden Beweisen endlich nachgeben mußte. Einigen Tie alte Frau blinzelte rhm zu, rndemsre den Kopf neuen Umständen gegenüber, die jetzt zu meiner Kenntnis aus b:e eme Serie neigte, um den Strahlen der Nach?- gekommen sind, weiß ich nicht mehr der Folgerung aus- Mittagssonne -ausznwerchen zuweichen, daß sie jene schrecklichen Verbrechen begangen „Nun, rch bekomme zuwecken auch welche, dre rch mcht bat„ _ P | erwartet habe, S:r", antwortete s:e geheimnrsvvll. „Bor- ‘ Clisford richtete sich aus. Er erlitt einen großen Schlag vorigen abend war eine junge Dame bei mir, eme junge der Enttäuschung. Hier, wo er eine Feste zu finden er- Dame, die Sie vrelle:cht kennen und d:e voriges Jahr sehr iuQttßt hicittc ftlcft ct Clisford war von Freude über diesen unerwarteten leisesten Verdacht davon hatte, denn sie hatte in einemfort | Glücks fall ganz überwältigt, rurd er versprach sofort, :hre geschwatzt, ohne auch nur die Verlegenheit ihres Vaters | Botschast nuszurichten. zu bemerken. Vergeblich suchte sich Clissord jedoch emen „Nebenbei", sagte er, als er gerade den Weg nach Zusammenhang von Verhältnissen vorzustellen, unter dem I Courtstairs einschlagen wollte, „ift es Ihnen erlauM, m: der alte Oberst an den Verbrechen hätte beteiligt sein können, zu sagen, weshalb fie hierherkam? Hat fie die Bostals Auf der anderen Seite blieb es freilich in Betreff jeder besucht?" . .,,,, . ,nrt,p hip nft„ anderen Verton ebento unerklärbar. | „Sie müssen mich nichts ireiter sragen , sagt d |ci„" SegÄ? TW» lÄ wanken begann. Er war wieder genötigt, hinter dre An- ^"uscyens zuu crzg. * biefen Anspielungen den nähme zu flüchten, daß, wenn s:e doch an dresen ver- j toartn lüar e§ genug, daß er Nell jetzt brecherischen Handlungen teckgenommen, es nur m unbe- Mt ««9 uud er trat den Weg nach Courtstairs mit wußter Weise geschehen sein würde. Ter vorherrschende Ärmchen konnte, unv er rrar oen ^eg »auz i Gedanke seiner Seele aber war — welche Schritte sollte I wohlerwogener Absicht am w er einschlagen, um sie zu finden. Das' stärkste Gesühl seines T:e Wanderung, dre gerad: Straße durch dre Marsch Herzens war jetzt der Wunsche sie vor den Folgen dieser | entlang, mrt dem Wrnd rm Gesicht und der unklaren blauen Handlurrgen zu bewahren. • Linie des Meeres auf der Recht, Tie Frage aber blieb — wie sie finden? Clisford war schon in Stroan gewesen, um Nachforschungen anzustellen, hatte aber nichts Genaueres über den Onkel und die Nichte zu erfahren vermocht, als das unbestimmte Gerücht, daß George Clarrs irgendwo „eingesperrt" wäre. Clisford stand einige Augenblicke still draußen vor dem Gartentor von Ghingle End rurd überlegte, ob er sich arr die Polizei in Stroan um Auskirnft wenden sollte. Es war ein Schritt, den er zu tun sich, scheute, obschon er zu glauben ansing, daß es der einzige wäre, die gewünschten Ausschlüsse zu erhalten. Als er so da stand und den Blick die Straße entlang schweifen ließ, bemerkte er plötzlich, daß eine alte Frau, die an der Tür des alten Einnehmerhäuschens stand, ihm heimlich mit den Augen winkte und zunickte. Er ging ein paar Schritte auf sie zu, und sie trat aus die Straße heraus ' kam ihnr eutgegen. In dem starkerr Lichte der Sonne ihr verwittertes rotes Gesicht mit seinen Runzeln wie 279 Mädchen eine Qual (ein. Tie Frau, die die Tür öffnete, sah ihn mürrisch an. „Ich will sehen, ob sie zu Hause ist", sagte sie, als vb der angebotene Dienst eine große Herablassung wäre. Und hierauf verschwand sie in der Vorderstube. Als sie wieder herauskam, folgte ihr Nell selbst. Oder war es auch Nell? Dieses schmalwangige, bleiche Mdächen mit den leblosen, furchtsamen Augen. Im ersten Augenblick war Clisford kaum sicher. Sie erschrak aber heftig und der Ausdruck ihres Gesichts veränderte sich. Die Miene der Bestürzung wich der einer solchen Freude, einer solchen Belebung, eines so strahlenden Entzückens, daß Clisford zu bewegt war, um sprechen zu können. Sie standen beide schweigend da, bis die Frau sich widerwillig in die Hinterstube des Hauses zurückgezogen hatte. Nell gin g hierauf zurück in das Bord erzimmer, indem sie ihn, immer noch wortlos- einlud, ihr zu folgen. Er tat es, machte die Tür zu und schloß das Mädchen fest in die Arme. Er konnte durchs den feuchten Schleier vor seinen Augen kaum ins Gesicht sehen. „Ich erkannte Dich nicht, Nell." „Wirklich? Ach, nun, es tut nichts." Sie sagte es hoffnungslos; der erste Antrieb der Freude bei seinem Anblick schien schon wieder in ihr erstorben zu sein. „Nein, natürlich tut's nichts. Denn ich denke, daß Du rasch wieder ®ein altes Selbst werden wirst. Weißt Du, weshalb ich gekommen bin, Nell?" Sie schwieg. „Ich bin gekommen, Dich zu heiraten." Nell schüttelte den Kops; doch atmete sie tief vor Befriedigung auf. „Ich höre gern, daß Du so sprichst. Es ist gut von Dir", sagte sie mit sanfter, zaghafter Stimme, „wenn es auch unmöglich ist." „Warum?" „O Du wirst nicht wollen, daß ich den alten Grund wiederhole. Kann es Dir nicht genug sein, daß es unmöglich ist?" „Nein, unglücklicherweise ist es das nicht- Mein Herz, Tu kannst es nicht länger so aushalten. Es war früher ehrenhaft, Dich zu weigern, jetzt würde es töricht sein. Wer trägt wohl noch Sorge für Dich, Nell, wenn Du mich jetzt nicht hast?" (Fortsetzung folgt.) Wie wird man Millionär? Es giebt eigentliche nichts Einfacheres als das. Wenigstens muß man unbedingt zu dieser Ueberzeugung kommen, wenn man ein soeben bei Harper in London erschienenes Buch von Andrew Carnegie — und der muß es doch wissen — liest. „The Empire of Busineß" ist der Titel dieses Schatzkästleins von guten Ratschlägen für angehende Millionäre. Machen wir uns einige dieser Milliardärweisheiten zu nutze! „Es ist gut", schreibt Andrew Carnegie, „daß junge Leute wirklich mit dem Anfang beginnen und die untergeordnetsten Stellungen einnehmen. Mele der ersten Geschäftsleute verbrachten die ersten Stunden ihres Geschüftslebens damit, das Kontor auszufegen. Leider haben uttfere jungen Leute von heute mit diesem heilsamen Zweig der Geschäftserziehung nichts mehr zu tun, aber wenn zufällig die berufsmäßigen Reinmacheleute eines Morgens fehlen, so wird der Lehrling, der das Genie des zukünftigen Kompagnons in sich trägt, ohne Zögern zum Besen greifen. Auch ich habe einst das Kontor aus- gesegt. . . . Habt ihr alle Beschäftigung gefunden, io ist mem Rat „Strebt nach Hohem!" Ich gebe keinen Pfifser- lrng für den Mann, der sich im Geiste nicht schon selbst als Kompagnon oder Ches eines großen Hauses sieht. Begnügt euch m Gedanken keinen.Augenblick mit der Stellung, wie groß sie auch, sei, seid Könige in euren Träumen! . . . Den Alkohol berührt nur bei Mahlzeiten; ein Glas zum Mittag hindert euer Fortkommen oder erniedrigt euren Ton nicht. Aber es ist unvereinbar mit der Achtung und Wurde emes Herrn und besonders im Hinblick auf das, was ihr werden sollt, an der Bar zu trinken. Die nächste große Gefahr ist das Spekulieren. Es giebt kaum ein Beispiel, daß ein Mann das durch Spekulationen erworbene Vermögen gehalten hat; aber ich habe viele Spekulanten völlig ruiniert gesehen. Die dritte und letzte Gefahr, vor der ich euch warne, ist die gefährliche Gewohnheit, einen Wechsel zu girieren, die um so gefährlicher ist, wenn sie sich in das Gewand der Freundschaft hüllt. Ehe ihr das tut, seht die Giros als Geschenke an und fragt euch- ob ihr eurem Freund das Geschenk machen könnt, und ob ihr wirklich euer Geld gebt. Vermeidet also den Alkohol, die Spekulation und das Girieren. Erstere beide sind die Scylla und Charybdis und das Girieren die Klippen im Geschäftsmeer des jungen Mannes. Sind diese schwersten Gefahren überwunden, so entsteht die Frage, wie man aus der untergeordneten Stellung aufsteigt. Das Geheimnis liegt darin: Statt zu fragen: „Was muß ich für meinen Ches tun?" muß es heißen: „Was kann ich tun?" Gewissenhafte Erfüllung der übertragenen Pflichten ist ja sehr gut, aber es genügt für den künftigen Kompagnon nicht. Es muß noch etwas Darüber sein. Der emporsteigende Mann muß etwas Außerordentliches, außerhalb seines Gebietes Liegendes tun, er muß die Aufmerksamkeit aus sich lenken. Es kommt der Tag, an dem dir ausgetragen wird, etwas zu tun, was sür das Interesse der Firma nachteilig ist. Stehe ans wie ein Mann und sage es kühn, gieb die Gründe an und beweise dadurch deinem Ches, daß du die Förderung seiner Interessen studiert hast. Ob du recht oder unrecht hast, jedenfalls hast du die erste Bedingung des Erfolges gewonnen. Brich immer einen Befehl, um den Eigentümer zu retten, denn jeder große Charakter hat einmal die gewöhnlichen Vorschriften gesprengt und neue für sich gemacht. Du wirst nie Kompagnon werden, wenn du das Geschäft deiner Abteilung nicht weit besser als der Chef kennst und ihm zeigen kannst, wie falsch seine Befehle waren. Wenn er der richtige Herr ist, hat er es gern, sonst ist er nicht der Mann, bei dem du bleiben kannst. Unsere jungen Kompagnons in der Carnegie-Firma haben ihre Sporen dadurch gewonnen, daß sie uns zeigten, wie wir nicht halb so gut wie sie wußten, was nötig war. Einige haben gelegentlich getan, als ob sie Chefs wären. Sie waren die echten Chefs, die Leute, nach denen wir aussahen. Ein sicheres Zeichen des zukünftigen Millionärs ist, daß sein Einkommen immer seine Ausgaben übersteigt. Er beginnt früh zu sparen, fast so früh, wie er zu verdienen beginnt. Wie gering die Ersparnisse auch sind, sie werden sich als Grundlage für einen überraschenden Kredit erweisen. Kapitalisten vertrauen dem sparsamen jungen Mann. Es ist einfach Unsinn, wenn junge Leute sagen, daß sie infolge von Ausnahmeumständen keine Chancen hätten. Jeder junge Mann, der in Stellung war, hat glänzende Chancen gehabt. Vom ersten Tage an erprobt ihn sein unmittelbarer Vorgesetzter, und wenn er Verdienst hat, so werden nach einiger Zeit im Rat der Firma seine Tüchtigkeit, Ehrlichkeit, Charakter, Anlage und Gewohnheiten erwogen und analysiert. Eine andere Klasse junger Leute schreibt ihre Mißerfolge der Tatsache zu, oaß die Chefs Verwandte ober Günstlinge vorgeschoben oder Intelligenzen und aufstrebende junge Leute entmutigt und niedergedrückt haben. Das ist nicht richtig. Im Gegenteil, niemand ist besorgter, den richtigen Mann an die richtige Stelle zu bringen als der Chef. Hat man in einem Fach begonnen, so entschließe man sich, es in jenem Fach auch auszufechten, darin zu führen, jede Verbesserung anzunehmen, die besten Maschinen zu haben und das meiste darüber zu wissen. Es ist falsch zu sagen: „Lege nicht alle deine Eier in einen Korb." Ich sage dir: „Lege alle deine Eier in einen Korb, und dann bewache diesen Korb." Dein Ideal soll sein, daß kein Mensch von deiner Spezialität mehr weiß als du selbst. Vergiß auch nicht die Bedeutung der Vergnügungen. Das Leben darf nicht zu ernst genommen werden. Ich schreibe den größten Teil meines Erfolges im Leben der Tatsache zu, daß, wie meine Kompagnons sagen, die Sorgen von mir absielen, wie Wasser von einer Ente. Viele Menschen würden groß und ersolg- reich sein, wenn die Welt sie so hoch schätzte, wie sie sich selbst taxieren. Sie sind Opser einer Hallucination. Jeder Chef studiert sorgfältig die jungen Leute um sich damit er sich ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten zu nutze macht. Wer also nicht gewürdigt wird, muß beit Fehler in sich, nicht in der Firma oder seinen Vorgesetzten suchen. Der junge Mann von heutzutage hat es unendlich leichter, an bestehenden Firmen interessiert zu werden. Die großen industriellen Unternehmungen können nicht erfolgreich von bezahlten Angestellten geleitet werden, die tüchtigen Leute müssen pekuniär daran beteiligt sein." Und Carnegie 28V ftfltegt: „Es macht nichts, zu welchem Geschäftszweig einen Geschmack oder Urteil zieht, der springende Pnnkt ist, daß mau in einen wirklich hineinkommt. Dann erfülle die volle Pflicht und etwas darüber, und dieses „mehr" ist von größter Wichtigkeit. Bewahre deine Selbstachtung als das kostbarste Juwel, es ist der einige wahre Weg, die Achtung anderer zu gewinnen: Vermisstes. * Geschmack der Hühnereier. Bei der Beschreibung der einzelnen Hühnerrassen wird oft auch hervorgehoben, daß die Eier der betreffenden Rasse einen besonders angenehmen Geschmack hätten. Man kann, abgesehen von den Zcherghühnern, deren Eier sich allerdings durch feinen Geschmack hervortun, nur sagen, daß derselbe weniger von der Hühnerart, als vielmehr vom Hühnerfutter und vom Alter der Eier abhängig ist. Man wird die Beobachtung machen, daß Hennen, welche viel Fleisch und Gewürm fressen, lange nicht so schmackhafte Eier legen, wie solche, welche fast nur Körnerfutter erhalten. Geradezu widerlich wird der Geschmack der Eier, wenn die Hühner viel Maikäfer fressen, sehr zuträglich für den guten Geschmack ist dagegen kochend aufgebrühte Weizenkleie, welche natürlich erst wieder kalt werden muß, ehe man sie den Hühnern verabreicht. Liegt das Ei längere Zeit, womöglich auch noch in schlechter Verpackung, so verliert es sein seines Aroma. * Die Ehe, wie sie sein sollte. Ellen Key, eine schwedische Schriftstellerin und Frauenrechtlerin, hielt dieser Tage vor der Christianiaer Studentenschaft, in der auch die akademische Weiblichkeit stark vertreten war, einen Vortrag über die Ehe, die angeblich dringend einer Reform bedarf. Zur Eingehung der Ehe forderte die Vortragende für Frauen und Männer das Mündigkeitsalter. Zwischen den Gatten soll kein größerer Altersunterschied als 25 Jahre fein, damit insbesondere die Kinder nicht zu junge oder zu alte Eltern erhalten. Bor der Verheiratung sollen beide Teile ein ärztliches Attest Über ihre'kör- p erliche Gesundheit beibringen. Die Verantwortung und Versorgungspflicht den Kindern gegenüber wären für beide Teile gleich-. Ueberhanpt sollen die Gatten in der Ehe zueinander keine andere Stellung einnehmen, wie zwei Kompagnons in einem Geschäft. Auch- fei dem Grundsatz Geltung zu verschaffen, baß die Wirksamkeit der Fran im Hause ebenso viel wert sei, wie die Arbeit des Mannes, und darum müsse die Frau, die bei Eingehung der Ehe ihre eigene Tätigkeit niederlegt, vom Manne eine „Löhnung" erhalten, die nach dem Einkommen des Mannes zu bemessen wäre. Sollte die Tätigkeit der Gatten ein Wohnen an getrennten Plätzen nötig machen, dann ist betreffs der Kinder von der Anschauung auszugehen, daß die Kinder mehr die Mutter als den Vater brauchen. Nachdem jedoch ein Kind 15 Fahre alt geworden, soll ihm die Wahl gelassen werden, ob es sich der Mutter oder dem Vater anschließen tot FL Auch für die Ehescheidung giebt Ellen Key ein Rezept. Eine Scheidung soll nur nach mindestens einjähriger Ehe stattfinden können. Daun könnten die Gatten, wenn durchaus geschieden sein soll, zunächst ein Jahr von einander getrennt leben, und halten sie dennoch ihren Beschluß aufrecht, so wird die Ehe ohne Prozeß für getrennt erklärt. Ob etwaige Kinder dem Vater oder der Mutter zugesprochen werden sollen, wäre durch einen Ausschuß von Männern und Frauen zu entscheiden. Uneheliche Kinder sollen hin- sichtlich des Erbrechts mit den ehelichen gleichgestellt sein, und derjenige Mann, der ein unmündiges Mädchen verführt und um ihren Erwerb bringt, soll zur Unterhaltung verpflichtet sein. Da nun in Norwegen eine neue Ehegesetzgebung bevor steht, kann man neugierig fein, ob Ellen Keys Gedanken über die Ehe im Parlamente widerhallen. Norwegen ist ja, piit Björnfon zu reden, ein „Fortschrittsland", das vor einschneidenden und mitunter recht gründlichen Reformen nicht zurückschrickt. Literarisches. Eine Anzahl schöner Pigment drucke hat die Verlagsanstalt F. Bruckmanu in München zu dem Preise von 1 Mark pro Blatt in den Kunsthandel gebracht. Zunächst sei bemerkt, daß man unter diesem Namen durch di« Einwirkung von Anilindämpfen schwarz gefärbte Photographien versteht. Tie uns vorliegenden Blätter zeichnen sich durch, außerordentliche Klarheit und Plastik sowie durch die zarte Weichheit des Dones aus. Ta sehen wir die sixtiirische Madonna, diese Perle Raffaelscher Kunst. Turch dieses Blatt sollte das Schönheitsideal des Großmeisters der italienischen Renaissanee in zahlreiche Kreise des deutschen Kleinbürgertums getragen werden. Ein anderes Blatt bringt Do leis hl. Cäcilie. Auch Raffael schuf ein Bild von der Schutzpatronin der Musik. Hat man Gelegenheit, die Darstellungen Raffaels und Dolcis mit einander zu vergleichen, dann dehnt sich zwischen ihnen» eine weite Kluft aus: bei Raffael inbrünstige Hingabe, bei Tolci kraftlose, empfindsame Süßlichkeit. Ein weiteres Blatt zeigt uns Dürer als Bildnismaler. Wir sehen den markanten Kopf von Michael Wohlgemut, dem Lehrer Dürers. Welcher geistige Abstand hier wieder zwischen den beiden Italienern und dem Deutschen !Jhin kam es nicht bei, die Schönheit eines idealen Wesens aufs höchste zu steigern, ihn reizte vielmehr das Charakteristische, und namentlich da, wo es sich zu außergewöhnlichem neigt. Diesen von zahlreichen Furchen und Wülsten bedeckten Greisenkopf hat er mit einer Genauigkeit, Feinheit und Andacht gezeichnet, die ihm das schönste Weib seiner Zeit schwerlich abgezwungen hätte. Interessant ist daneben „Der Lacher" von Caravaggio, dem Begründer des Naturalismus in der italienischen Malerei. Auch er liebt di« kraftvolle Wahrheit, aber nicht den strengen Lebensernst des Deutschen, sondern die Heiterkeit, das Leben von seiner liebenswürdigen Seite, aber auch er modelliert, wie der Deutsche, scharf und plastische Ein ganz anderer wieder ist der Spanier Belasquez, der vornehme Höfling, ein Meister der Menschendarstellung von unnahbarem Stolz und in feinster, reinster, künstlerischer Ausdrucksweise. Jhnt in gewisser Weise ähnlich ist van Dyck, ebenfalls ein bevorzugter Bildnismaler der Aristokratie, aber int Gegensatz zu dem kühlen Spanier mehr ein Freund liebenswürdiger, anziehender Persönlichkeiten. Beide aber, der Spanier wie der Niederländer, erschöpfen völlig das geistige Wesen ihrer Modelle und bringen ihre äußere Erscheinung zu charaktervollstem Ausdruck. Fast noch größere Sicherheit aber als Velasauez und ganz gewiß als van Dyck besitzt Franz Hals, der größte Techniker des 17. Jahrhunderts, der in seinen großen Familienbildern das höchste Maß bon! Lebenswahrheit erreicht hat. Wie Franz Hals, so sah auch Rembrandt alles mit seinem am Studium der Wirklichkeit geschärften Ange an, er hat aber nicht so wie Hals seine Freude an der zwanglosen Wirklichkeit, sondern er richtet sein Augenmerk nur aus das Malerische. Darum liegt in seinen Bildnissen eine ganz außergewöhnliche Kraft von idealer Stimmung, die sie weit erheben über den fröhlicheren, sorgloseren Franz Hals. — Ein Vertreter der klassischen Richtung int 18.Jahrhundert war Tischbein, seine Kunst in einer Zeit des künstlerischen Niederganges ein seltsames Gemisch aus dem Studium der niederländischen Meister und der Antike. Sein „Goethe aus den Ruinen! Roms" hat seinen Namen lebendig erhalten, hier hat er mit regem Wirklichkeitssinne eine lebendig in die Zukunft schauende geistige Kraft mit einer ideal gestimmten Natur, die den Rückblick in eine große Vergangenheit eröffnet, in wirksamen Gegensatz gebracht. Aber wie unendlich klein erscheint er doch neben allen den genannten Riesen! Nur Feuerbach noch erhebt sich unter den Epigonen zu einer hochgestimmten Formensprache, dix an Raffaelscheu Adel erinnert. — Mögen die Bruckmannschen Pigmentdrucke drei weiteste Verbreitung finden. Sie sind ganz dazu angetan, Liebe für die köstlichsten Blüten der Kunst zu erwecken un« zu fördern. P. W. Auflösung des Scherzrätsels in vor. Nr.r Uhland (Uhu, Land). Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und L'crlaa tzn Brüdl'ichen Universttäts-Buck. und Cteindruckerei (Pietsch Erden) in Gießen.