Freitag den 13. Mar?. Nr. 38 1903. MIM Ä (Nachdruck verboten.) Ein Einbrecher aus Passion. Bolt E. W. Hornung. Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen von F. Mangold. (Fortsetzung.) Mr. Bennet Addenbrooke hatte reich ausgestattete Geschäftszimmer in Wellington Street, war aber nicht zu Hause, als wir dort eintrafen, allein er war ,^ben nur einmal hinüber aufs Gericht" gegangen, und nachdem wir kurze Zeit gewartet hatten, erschien ein lebendiger, entschlossen aussehender Herr mit zuversichtlichen, e^was feierlichem Ausdruck und schwarzen Augen, die sich weit öffneten, alS er Raffles' ansichtig wurde. „Mr. . . . Glaspool?" riet der Anwalt aus. „Das ist mein Name", entgegnete Raffles mit trockener Unverschämtheit. „Wer nicht tm Adreßbuch", antwortete der andere schlau. „Mein Herr, ich habe Sie W viele Wickels nehmen sehen, ccks daß ich mich täilschen könnte." Einen kurzen Augenblick sah Raffles giftig aus, dann zuckte er lächelnd die Achseln, lind das Lächeln wurde zu einem cynischen Kichern. „Diesmal haben Sie das Wickel genommen", sagte er, „aber Erklärungen halte ich für überflüssig. Ich bin in größerer Bedrängnis, als ich unter meinem eigenen Namen einräumen wollte, das ist die ganze Geschichte, irnd ich Möchte mir die tauserrd Pfund Belohnung verdienen." „Zweitausend", antwortete der Sachwalter, „und der Mann, der sich nicht scheut, einen ander,: Namen anzu- nehmen, ist gerade einer von der Sorte, die ich nötig habe, mein Verehrtester. Tie Angelegenheit soll übrigens streng vertraulich behandelt werden", schloß er mit einem bezeichnenden Blick auf mich. „Selbstverständlich", entgegnete Raffles, „aber in der Anzeige ist auch von Gefahr die Rede." ,La, eine gewisse Gefahr ist mit der Sache verbunden." „Dann sind drei Köpfe mehr wert, als §toeL Ich sagte vorhin, ich hätte tausend Pfund nötig; mein Freund hier bedarf des zweiten Tausend. Wir sind beide in großer Geldverlegenheit und besorgen dieses Geschäft entweder zusammen oder gar nicht. Müssen Sie auch seinen Namen wissen? — Ich würde ihm den wahren nennen, Bunny." Mr. Addenbrooke betrachtete die Karte, die ich für ihn hervorgesucht hatte, mit emporgezogenen Augenbrauen, dann trommelte er mit den Fingernägeln darauf, und seine Verlegenheit verriet sich in einem verblüfften Lächeln. „Um die Wahrheit zu sagen, sehe ich mich einer großen Schwierigkeit gegenüber, räumte er endlich ein. „Das Ihrige ist das erste Anerbieten, das ich erhalten habe- Leute, die sich erlauben können, lange Telegramme abzusende,r> beantworten die Anzeigen im Daily Telegraph gewöhne lich nicht in solcher Eile, aber andererseits war ich auch nicht darauf gefaßt, von Leuten Ihrer Stellung Anerbieh, nngen zu erhalten. Offen gestanden, und wenn ich mir die Sache recht überlege, weiß ich doch nicht, ob Sie die Rich-t tigen für mich sind — Herren, die Mitglieder vornehmer Klubs sind! Ich hatte mehr die — hm — abenteuerlichen Massen im Auge." ,Mir sind Abenteurer", sagte Raffles ernst. „Aber Sie achten die Gesetze", entgegnete er, wobei seine schwarzen Augen verschmitzt funkelten. „Wir sind keine berufsmäßigen Spitzbuben, wenn Sie das damit sagen wollen", versetzte Raffles lächelnd, „aber wir sind sehr nahe am Schiffbruch, und für tausend Pfund pro Kvpf würden wir schon viel tun. Was meinst Du, Bunny?" „Alles", antwortete ich. Der Sachwalter trommelte auf seinem Pulte. „Dann will ich Ihnen sagen, was ich von Ihnen ver^ lange, lmd es steht Ihnen ja immer frei, abzulehnen. Un> gesetzlich ist es wohl, aber es ist eine Ungesetzlichkeit in einer guten Sache; da liegt die Gefahr, und mein Klient ist willens, dafür zu bezahlen. Auch für den Versuch, im Falle des Mißlingens. Das Geld ist Ihnen also sicher, wenn Sie einwilligen, die Gefahr zu übernehmen. Mein Mient ist Sir Bernard Debenham von Bvoom Hall, Esher." „Ich Fenue seinen Sohn", warf ich dazwischen. Auch Raffles kannte ihn, allein er sagte nichts, und sah mich mißbilligend an, während sich Mr. Addenbrooke mir zuwandte. „Dann haben Sie den Vorzug, einen der ausgewachsensten jungen Lumpe in der Stadt und fons et origo der ganzen Schwierigkeit zu kennen", sagte er. „Wenn. Ihnen der Sohn bekannt ist, wird Ihnen wohl auch der Vater, wenigstens dem Rufe nach, nicht unbekannt sein, und in diesem Falle brauche ich Ihnen nicht zu sagen, daß er ein sehr eigentümlicher Herr ist. Er lebt allem in einer wahren Schatzkammer, die noch keine Augen, außer seinen eigenen, jemals erblickt haben. Er soll die schönste Gemäldesammlung in Südengland besitzen, obgleich das me- inand beurteilen kann, da sie noch kein Mensch gesehen hat. Gemälde, Fiedeln und alte Möbel sind seine Steckenpferde, und er ist ohne Zweifel sehr exzentrisch. Auch läßt sich nicht leugnen, daß er seinen Sohn sehr exzentrisch behandelt hak. Jahre lang hat ihm Sir Bernard die Schulden bezahlt, allem vor kurzem hat er sich ohne die geringste Warnung nicht nur geweigert, das noch ferner zu tun, sondern er hat dem jungen Manne auch das Jahrgeld entzogen. Nun will ich Ihnen erzählen, was vorgefallen ist, aber zunäck muß ich Ihnen sagen, oder Vielwicht ent-, sinnen Sie L,., dessen auch so, daß ich dem jungen Debenham In einer kleinen Patsche beigestanden habe, worein er vor ein 150 paar Jahren geraten war. Ich habe ihn durchgerissen, und Sir Lernard hat mi-ch anständig dafür vezahck. Seitdem habe ich von beiden nichts wieder gehört ooer gesehen, dis vorige Woche." Der Anwalt rückte seinen Stutzt den unseren näher, dengle sich vor und fuhr mit aus die Knie gestützten Hünoen fori: „Am Dienstag der vorigen Woche erhielt ich ein Telegramm von Sir Lernard, bas mich sofort zu ihm rief. Lei meiner Ankunft erwartete er mich auf dem Fahrwege, führte mich, ohne ein Wort zu sprechen, in die Bilder- gallerie, die verschlossen und verdunkelt war, zog ein Ronleaux in die Höhe und wies stumm auf einen leeren Rahmen. Es dauerte geraume Zeit, bis ich ein Wort aus ihm herausbringen konnte. Dann aber sagte er mir endlich- der Rahmen habe eins der seltensten und wertvollsten Ge- mälde in England — in der ganzen Welt — enthalten, einen echten Velasquez. Ich habe nachgesorscht", sagte der Anwalt, „und es scheint buchstäblich ivahr zu sein. Das Bild war ein Porträt der Jnfanta Maria Teresa, das für eins der größten Werke des spanischen Malers gilt und nur von einem anderen Porträt übertroffen iuirb, das einen der Päpste darstellt. Das wurde mir in der Nationalgallerie gesagt, wo die Leute die Geschichte des Bildes auswendig kennen. Es habe tatsächlich einen unschätzbaren Wert, behaupteten sie. Und der junge Debenham hat es für fünftausend Pfund verkauft!" „Den Teufel auch!" rief Rasfles, während ich mich nach dem Käufer erkundigte. „Ein Gesetzgeber von Queensland, Namens Craggs — der ehrenwerte John Montagu Craggs, Mitglied der gesetzgebenden Versammlung, um ihm seinen vollen Titel zu geben. Nicht, daß wir am Dienstagabend etwas über ihn gewußt hätten; wir waren nicht sicher, ob wirklich der junge Debenham das Bild gestohlen habe. Allein er tvar am Montag gekommen, um Geld zu verlangen, war auf eine Weigerung gestoßen, und es lag ziemlich klar am Tage, daß er sich auf diese Weise geholfen hatte. Schon früher hatte er mit Rache gedroht, und dies war sie. Als ich ihn Dienstagabend in der Stadt auffuchte, gestand er auch alles in der unverfrorensten Weise ein, die man sich denken kann; den Käufer wollte er mir jedoch nicht nennen, und ihn zu ermitteln, nahm den Rest der Woche in Anspruch, aber ich habe ihn schließlich herausgefunden, und seitdem habe ich mich schön abgehetzt! Immer zwischen Esher und dem Hotel Metropole, wo der Queensländer wohnt, hin und her, zuweilen zweimal an einem Tage, Drohungen, Anerbietungen, Bitten, Beschwörungen — nichts hat auch nur das geringste genützt!" „Aber", entgegnete Rasfles, „der Fall liegt ja doch sehr einfach. Der Verkauf ist ungesetzlich; Sie können ihm den Kaufpreis zurückzahlen und ihn zur Herausgabe des Bildes zwingen." „Sehr richtig, aber nicht ohne vorausgegangene Klage, die zu einem öffentlichen Skandal führen würde; und davor schreckt mein Klient zurück. Verstoßen hat er seinen Sohn, aber er will ihn nicht entehren, und doch möchte er das Bild auf geradem, oder auf krummem Wege wiederhaben, und da liegt der Has int Pfeffer ! Ich soll es ihm wieder h-erbeifchaffen, mit Güte oder Gewalt; er läßt mir vollständig freie Hand, und ich glaube wahrhaftig, er würde mir einen Blanko-Scheck geben, wenn ich es verlangte. Dem Queensländer hat er schon einen angeboten, aber der hat ihn einfach durchgerissen. Der eine von den beiden alten Knaben ist so gut ein Charakter, als der andere, und ich bin mit meinem Verstand zu Ende." „Deshalb haben Sie die Anzeige in die Zeitung rücken lassen?" fragte Raffles in dem trockenen Tone, den er während der ganzen Verhandlung angenommen hatte. „Ja, als letzten Versuch." „Und Sie wünschen, daß wir das Wld stehlen sollen?" Das wurde ganz großartig gesprochen, und der Sachwalter errötete von den Haarwurzeln bis an den Kragen. ^Jch habe es ja gleich gesagt, daß Sie nicht die richtigen wären", stöhnte er. „Niemals habe ich an Leute Eures Schlages gedacht. Aber stehlen kann man es doch nicht nennen", fuhr er hitzig fort, „es handelt sich um die Wiedererlangung gestohlenen Eigentums. Außerdem will Sir Dernard ihm feine fünftausend Pfund erstatten, sowie das Bild wieder in der Gallerie hängt. Sie werden sehen, daß der alte Craggs es ebenso gern vermeiden möchte, die Geschichte in die Oeffentlichkeit gelangen zu lassen, als Sir Bernard selbst. Nein, nein, es ist eine Unternehmung, ein Abenteuer, wenn Sie wollen — aber Diebstahl ist es nicht." „Sie selbst haben doch vom Gesetz gesprochen", murmelte Raffles. „Und von der Gefahr", fügte ich hinzu. „Dafür bezahlen wir ja auch", sagte er noch einmal. „Aber nicht genug", meinte Raffles kopfschüttelnd. „Mein guter Herr, bedenken Sie doch einmal, was für uns auf dem Spiele steht. Sie selbst sprachen von den Klubs; aus denen würden wir nicht nur hinausgeworfen, sondern obendrein wie gemeine Verbrecher ins Gefängnis gesteckt werden! Allerdings sind wir in großer Verlegenheit, aber der Preis ist denn doch zu niedrig. Verdoppeln Sie Ihren Einsatz, dann bin ich für meine Person Ihr Manu!" Addenbrooke schwankte. „Glauben Sie, daß Sie es durchführen können?" „Wir könnten es wenigstens versuchen." „Aber Sie haben keine ..." „Erfahrung? Die haben wir allerdings nicht/' „Und Sie würden für viertausend Pfund wirklich bte Gefahr übernehmen?" Rasfles sah mich an, und ich nickte. „Ja, das werden wir tun, und hol' der Henker die Gefahr!" ' „Es ist aber mehr, als zu bezahlen ich meutern Klienten raten kann", sagte Addenbrooke, plötzlich hartnäckig werdend. „Dann ist es auch mehr, als aufs Spiel zu setzen, Sie von uns erwarten können." „Sprechen Sie im Ernst?" „Das weiß der liebe Gott." „Sagen Sie dreitausend, wenn es gelingt." „Vier ist unser letztes Gebot." „Dann sollte aber im Falle des Mißlingens tede Zahlung fortfallen." . . „Doppelt, oder quitt?" rief Raffles. „Gilt, oas ist sportmäßig abgemacht!" Addenbrooke öffnete die Lippen, erhob sich halb,,fetzte sich aber wieder auf einen Stuhl und schaute Rasfles lange und verschmitzt an — mich aber würdigte er keines Mtckes. ,ckkch weiß, was Sie zu schlagen verstehen, sagte er nachdenklich, „Wenn ich eine Stunde wirklicher Ruhe suche, gehe ich nach Lords Spielplatz, und da habe ich Sie oft genug schlagen — ja, und die bestell Wickels i« England machen sehen. Den letzten Wettkampf zwischen Herrn-- und Berufsspielern werde ich sobald ntcht vev- aessen; ich war dort. Sie sind mit allen Salben ge- rieben — 'mit allen. Wenn's einen Menschen auf der Welt giebt, der diesen altem Australier hineinlegen kann, so sind Sie es, sollte ich denken. — Hol' mich der Satan, ich glaube. Sie sind der richtige Mann für mich!" Das Geschäft wurde im Cafö Royal abgeschlossen, wo uns Remiet Addenbrooke mit einem üppigen Frühstück bewirtete. Ich entsinne mich, daß er seinen Champagner mit der nervösen Hast eines Mannes trank, der in der höchsten Spannung ist, und ich zweifele nicht daran, daß tch mck gleicher Zwanglosigkeit mit ihm Schritt ytelt, aber Raffles« der sich bei solchen Anlässen immer tnusterhaft benahm, war noch enthaltsamer als gewöhnlich, und ein recht schlechter Gesellschafter obendrein. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er, die Blicke auf den Teller gerichtet, in tteses Nachdenken versunken, da saß. Auch den Sachwalter sehe ich noch, wie er von Zeit zu Zeit mit dem Ausdruck einer Besorgnis nach mir hinschaute, die durch beruhigende Blicke zu beschwichtigen ich mich bemühte. Am Schlüsse des Mahles entschuldigte sich Raffles wegen seiner Zerstreutheit, ließ sich einen Fahrplan kommen und teilte uns mit, er wolle mit dem Nachmittagszuge nm 3 Uhr nach Esher fahren. „Sie müssen verzeihen, Mr. Addenbrooke", sagte er, „aber ich habe meine eigenen Pläne, die ich für den Augenblick für mich zu behalten vorziehe. Sie sichren vielleicht zu nichts, und deshalb rede ich nicht gern darüber, aber mit Sir Bernard muß ich sprechen. Wollen Sie so gut sein, mir eine Ihrer Karten mitzugeben und ein paar erklärende Worte daraus zu schreiben? Wenn Sie darauf bestehen, können Sie mich begleiten und hören, was ich sage, aber ich sehe wirklich keinen Nutzen darin. 151 Wie gewöhnlich setzte Raffles seinen Willen durch, obgleich Rennet Addenbrooke seinen Verdruß merken ließ, als jener sich entfernt hatte, einen Verdruß, den ich in weitgehendem Maße teilte. Ich konnte Addenbrooke nur versichern, Eigensinn und Verschlossenheit seien hervorragende Züge in Raffles' Wesen, aber keiner meiner Bekannten sei halb so kühn und entschlossen; ich setzte felsenfestes Vertrauen in ihn und ließe ihn stets seinen eigenen Weg gehen. Mehr wagte ich nicht zu sagen, selbst nicht um die ärgerlichen Bedenken zu verscheuchen, womit sich, wie ich fühlte, der Rechtsanwalt entfernte. An diesem Tage sah ich nichts mehr von Raffles, allein während ich mich zürn Diner ankleidete, erhielt ich ein Telegramm: „Sei von morgen mittag an zu Hause, und halte Dich für den Rest des Tages frei." Das war um 6,42 Uhr vom Waterloo-Bahnhof abgesandt worden. Demnach war Raffles wieder in der Stadt. In der ersten Zeit unserer Beziehungen würde ich ihn aufgesnchit haben, aber jetzt wußte ich besser, wie ich mich zu verhalten hatte. Zwischen den Zeilen seines Telegramms las ich, daß er meine Gesellschaft an diesem Abend und dem nächsten Vormittag nicht begehre und daß ich ihn schon rechtzeitig sehen werde, wenn er mich nötig habe. (Fortsetzung folgt.) Die Geschichte der SieMadelrr. Von Fred Hood. Nachdruck verboten. Die Stecknadel gehört ohne Zweifel zu den ältesten Gebrauchsgegenständen der Menschen; aber es ist sicher, daß sie in alten Zeiten eine wesentlich andere Form besaß, da sie entweder den Gräten der Fische oder den Dornen der Pflanzen nachgebildet wurde. Wie alle Werkzeuge und Geräte hat sie im Lauf der Jahrhunderte ihre Form gewechselt, um sich mehr und mehr der mannigfachen Verwendung anzupassen. Auch waren natürlich in neuerer Zeit die praktischen Fabrikationsmethoden zur massenhaften Erzeugung des kleinen Artikels von Einfluß auf die Form. Ausgrabungen in den alten Ruinen Aegyptens und Skandinaviens, sowie an den Stätten der alten Pfahlbauten Mittel-Europas haben Stecknadeln aus Kupfer, Eisen, Bronze, Elfenbein und Holz in einigen tausend Exemplaren zu tage gefördert. Sie zeigen in der Tat dornenförmige Gestalt, d. h. ihre Stärke nimmt vom Kvpf nach der Spitze zn gleichmäßig ab. Die Nadeln waren stärker und länger als die unsrigen und die Köpfe Mannigfach gestaltet. Man fand auch Stecknadeln, durch deren Köpfe bewegliche Ringe hindurchgeführt waren; diese dienten offenbar dazu, die Nadeln auf einem Faden oder einer Schnur auszureihen. Die in Mittel-Europa gefundenen Stecknadeln zeigten zum Teil >vie unsere Haarnadeln einen doppelten Schaft. Da das in alter Zeit am häufigsten für Hausgeräte und Werkzeuge verwendete Metall die Bronze bildete, so ist es natürlich, daß auch viele Bronzenadeln gefunden wurden. Die Erfindung von Stecknadeln aus Messingdraht wird vielfach den Franzosen zugeschrieben, doch rann auch Deutschland und Holland mit ebenso gutem Recht Anspruch auf diesen Ruhm erheben. Die Geschichte der deutschen Stecknadel-Industrie reicht sehr weit zurück, unb ist mit der gewerbfleißigen Stadt Nürnberg eng verknüpft. Schon gegen Ende des 15. Jahrhunderts stand die Stecknadel- Industrie in Deutschland in Blüte. Jedenfalls steht fest, daß die moderne Stecknadel-Fabrikation mit der Erfindung des Drahtziehens begonnen hat, und daß die Draht- Industrie während zweier Jahrhunoerte ein vollkommenes Monopol Deutschlands und Frankreichs gebildet hat. In England kannte man während der ersten Hülste des 16. Jahrhunderts nur eiserne Nadeln, denn die französische Messingstecknadel wurde erst im Jahre 1543 durch Catherine Howard in England eingeführt. Die fabrikmäßige Herstellung begann in Großbritannien erst im Jahre 1621, und zwar durch John Tilsby in Gloucestershire. Später entwickle sich die Industrie in Bristol und Birmingham in sehr bedeutender Weise. Auch heut verwenden die Stecknadelsabrikanten fast ausschließlich Messingdraht, obwohl auch geschwärzte eiserne Nadeln Verwendung finden. Sehr lange Zeit wurden die Stecknadeln nur mit der Hand gefertigt, und als die ersten Maschinen eingeführt wurden, waren sie eigentlich auch recht primitiver Art; sie konnten sich mit den in jüngeren Industrien bereits gebräuchlichen Arbeitsmaschinen nicht messen. Erst in unserer Zeit sind vollkommenere Maschinen eingeführt worden, und doch arbeitet man in vielen Gegenden noch mit den einfachen Vorrichtungen, welche schon vor mindestens 200 Jahren in Gebrauch tonten. Man darf allerdings nicht verkennen, daß die geübten Stecknadelarbeiter auch mit ihren bescheidenen Werkzeugen ganz Erstaunliches leisten. So vermag B. ein Arbeiter stündlich 30000 bis 50000 Stück sogenannte Doppelschäfte aus dem Draht zu schneiden — denn die Drähte werden zunächst für die doppelte Nadellänge zugeschnitten. Die Köpfe, welche mittels der Wippe, einer Art klein-rr Fall- und Prägewerks, angeschmiedet werden, bestehen in ihrer ursprünglichen Form aus je zwei Windungen einer feinen Drahtspirale. Es ist eine recht mühselige Arbeit, immer genau zwei Windungen von den massenhaft hergestellten Spiralen abzuschneiden, aber das geschieht mit außerordentlicher Geschwindigkeit. Geübte Arbeiter schneiden 20000 bis 40 000 Stück Köpfe in der Stunde. Tas Anköpfen mittels Wippe nimmt schon etwas mehr Zeit in Anspruch; aber ein Arbeiter kann pro Tag immer noch 10 000 bis 15 000 Stück Nadeln'anköpfen. Natürlich hat man diese Leistung durch moderne Maschinen noch zu überbieten verstanden. Das Anköpfen mittels Wippe sei kurz beschrieben. Unter- und Oberstempel des .kleinen Falkwerks, welche etwa nur einen Qiradratzentimeter Querschnitt ausweiscn, besitzen je eine kleine, halbkreisförmige Vertiefung, welche der Hälfte eines Nadelkopfes entspricht. Beide Hälften passen ganz genau aufeinander, während für den Schaft der Nadel horizontal eine Rille in den Stempel gegraben ist. Ta die Nadel länger ist, als die Stempelbreite ansmacyt, so steht natürlich der untere Teil des Nadelschaftes s ul.ch hervor, so daß dieser vom Arbeiter angefaßt und gedreht werden kann. Derselbe arbeitet nun in folgender Werse: Mit einem angespitzten Schaft fährt er in den Haufen .Kopfösen hinein, so daß dadurch eine derselben m der Nadelspitze aufgenommen wird. Er schiebt den Kvpf s .gort bis zum oberen Ende der Nadel hinauf, hebt mittels Fußtritt den Oberstempel der Wippe, legt den Straft der Nadel wagerecht auf den Unterstempel, und zwar so, 'daß der Radelkopf in oder über der halbkugelförmtgen Vertiefung liegt; daraus läßt er den mit einem Wer- kugelgewicht beschwerten Oberstempel fallen. Das alles geschieht mit rapider Geschwindigkeit. So folgen schnell hintereinander drei bis sechs Schläge unter gleichzeitig, m Drehen der Radel; der Oberstempel lvird dabei jedesmal nur etwa einen halben Zoll hoch gehoben. Dadurch wird die weiche Spirale des Kopfes fest an den Schaft sn- gedrückt, so daß sie die regelrechte Kugelform erhält; die Festigkeit wird namentlich dadurch erzielt, daß der beim Abschneiden des Drahtes entstandene Bart mittels des Prägewerkes mit in den Kopf hineingearbeitet wird. Man sieht also, daß die Arbeit eine ziemlich mühsame ist und daß die Arbeiter (meist Knaben und Mädchen) schon eine außerordentliche Fertigkeit besitzen müssen, um die oben genannte große Tagesleistung beim Ankopsen zu bewältigen. Neuerdings baut man Maschinen, cet eenen die Stecknadelköpfe nicht „gesponnen", sondern aus dem oberen Ende des Schaftes selbst durch Anstauchen gewonnen werden, toobei sie annähernd eilte kugelförmige Gestalt erhalten. Zahlreich sind die Versuche, die Radeln vollständig auf mechanischem Wege herzustellen. Der Erfolg konnte schließlich nicht ausbleiben. So werden z. B alle Stecknadeln mit flachen Köpfen heute ausschließlich durch Masc-Me« aefertiat Die Fabrikation hat etwas Aehnlichkeit mit der Fabrikation der Drahtstifte. Eine automatische Vorrichtung führt den Messingdraht in die Maschine, woraufdasaus einer zangenartigen Vorrichtung hervorstehende freie drahtende durch einen Hammer zu einem linsenförmigen Kvpf gestaucht wird; eine Schneidvorrichtung trennt gleichzeitig ein der Nadellänge entsprechendes Stück ab. Die Nadeln rollen oder gleiten dann automatisch auf einer schiefen Ebene oder in einer Rinne einer Schleisvorrichtung zu, welche das Anspitzen der stumpfen Schäfte bewirkt Bei allen Konstruktionen zur automatischen Herstellung 152 Ko« Steck,radelu bereitete es den, Erfinder stets die größte ScIilvieriaLit, eine hinreichend wirksame Schleifvorrichtung mtsfmdig zu machen. Im Jahre 1824 erfand der Amerikaner W. L. Wright die Solid-Headed-Maschine, welche daraus berechnet war, eine vollständige Umwälzung in der Stecknadelfabrikation hervorzubringen. Seine Maschine erschien so vielversprechend, vaß es ihm gelang, in London eine Gesellschaft zu bilden und eine Fabrik in Lambeth zu bauen- Obgleich aber die Anlage unter großem Kostenaufwand ausgestattet und mit etwa 60 Maschinen versehen wurde, erwies sie sich als erfolglos, da die Maschinen die Stecknadeln nicht anzuspitzen vermochten. Später half Wright diesem Mangel ab, doch die Gesellschaft hatte kein Glück und stellte den Betrieb ein, nachdem sie große Kapitalien verloren hatte. Bei der Geschäftsregelung der Gesellschaft fiel die Maschine einem gewissen F. Tayler in die Hande, welcher die Finna D. F. Tayler & Co. (Birmmg- harn) gründete. Diese Gesellschaft brachte 1833 die erste Maschine auf den Markt, welche „Stecknadeln mit massivem Kopf" fertigte. Nun waren ihre Erfolge so groß, daß die mit der Maschine hergeftellten Stecknadeln bald die hand- gefertigten Stecknadeln in England verdrängten. Die Versuche, Stecknadeln durch automatisch arbeitende Maschiuen herzustellen, waren auch in Ainerika sehr zahlreich, aber erfolglos. Namentlich wenn der Handel mit England, Frankreich und Deutschland unterbrochen war und der Preis derselben ungeheuer stieg, gingen die amert-i konischen Ingenieure immer wieder daran, Stecknadel-Maschinen zu konstruieren. Schließlich erwarb sich ein Dr. I. Howe gewisse Verdienste uni die amerikanische Stecknadel- mdustrie/ Seine Erfindungen, die ihm 1832 in den Vereinigten Staaten, Frankreich und England patentiert wurden, sind aber nichts anderes als Nachbildungen deutscher und französischer Vorrichtungen. Er begann seine Tätigkeit in den Vereinigten Staaten, nachdem er die Stecknadel-, Industrie in Europa fleißig studiert hatte. Tatsache ist, daß er genau in derselben Weise, wie es in Deutschland schon seit 200 Jahren geschah, die Köpfe durch Drahtspiralen bildete, die durch Druck am Schaft befestigt- wurden. Er hatte aber gute Erfolge, und sein Unternehmen steht heute tu Birmingham (Conecticut) in großer Blitte. Im Jahre 1840 stattete er seine Anlage mit Maschinen zur Herstellung von Nadeln mit massiven Köpfen aus; die Maschinen lieferten 60 bis 70 Stecknadeln pro Minute. Diefe Leistung wurde allerdings schon im Jahre 1850 von Dowler und Atwood überboten, welche Maschinen konstruierten, die 160 bis 170 Stecknadeln in der Minute herstellten. Die neuesten Maschinen sind noch weit leistungsfähiger, sie liefern etwa 300 Stück Nadeln in der Minute. Im übrigen ist man in England in den letzten Jahren vielfach wieder zu einem anderen Fabrikattonsmodus übergegangen. Man bewirkt das Schneiden der Drähte und Spitzen der Nadeln wieder in alter Weise durch Handarbeit und nur das Stauchen der Köpfe vermittelst einer einfachen Maschine. Da die Handarbeit an und für sich sehr leistungsfähig war und nur das Anköpfen viel Zeit in Anspruch nahm, ist diese Methode recht zweckmäßig. Die angeweudete kleine Maschine staucht 7000 bis 9000 Köpfe in der Stunde. Vielfach hat man sich auch mit Erfolg bemüht, das Einstecken der' Nadeln in Papier, zur Bildung der sogenannten Briefe, durch Maschinen zu bewirken. Die Handarbeit erfolgte meist durch Kinder mittels einfacher Klemmvorrichtungen, welche das gefalzte Papier fest- hielteu. Geübte Kinder besitzen hierin eilte so außerordentliche Fähigkeit, daß eigentlich eine Maschine für diesen Zweck als Luxus angesehen werden muß. In manchen Gegenden scheint man'übrigens vom Einstechen der Nadeln ins Papier ganz abzusehen. Man kauft heute die Nadeln in kleinen Paketcheu von bestimmtem Gewicht, und zwar erhält man ans diese Weise ein weit reicheres Quantum als früher in den sogenaunteu Briefen. Menn die Nadeln fertig sind, müssen sie blank gebeizt werden, was durch Köchen in Weinsteinlösung oder verdünnter Schwefelsäure geschieht. Die gebeizten und mit Wasser rein gewaschenen Nadeln werden dann häufiger noch durch das sogenannte Weißsiedeu verzinnt. Dies wird in der Weise ausgeführt, daß abwechselnd Schichten von Stecknadeln und Körnerzinu in einen innen verzinnten Kupferbehälter gelegt werden und eine schwache Lösung von doppelt-toernsteiusaurem Kali hiuzugefügt wird. Der Behälter wird erhitzt und so eine Zmnlösung erzeugt, welche ich auf der Lberfläche der Stecknadeln ablagert. Dann werden diese herausgenommen und poliert, indem sie in einer rotierenden, mit Kleie oder Sägemehl gefüllten Trommel durcheinander geschüttelt werden.-- -Armee bleibt. Denn Die Stecknadel bildet einen zu wichtigen Handelsartikel, als daß die Fabrikatton auf die ehemaligen Hauptproduki ttonsländer, Frankreich und Deutschland, beschränkt bleiben konnte. Namentlich hat sich England und zuletzt auch Amerika der Industrie mit glänzendem Erfolge bemächtigt. Die Vereinigten Staaten, welche früher ganz auf den Im-, ,ort angewiesen waren, gehören heute zu den Haupt-Steck- nadellieferanten auf dem Weltmarkt. Nach einer mir vorliegenden Statistik gibt es jetzt in den Bereinigten Staaten 42 Steckuadelfabriken; die Produktion betrug bereits int Jahre 1900 67 Millionen Gros. Wenn man die mäßigen Beträge in Rechnung zieht, welche für große Mengen von Stecknadeln gezahlt werden, daun begreift man kaum, wie die Industrie bei der ziemlich umständlichen Fabrikation der Nadeln ihre Rechnung finden kann und wie sie eine derartige Bedeutung und Ausdehnung anzunehmeii vermochte. Wer wir müssen in Bettacht ziehen, daß wir es hier mit einem Artikel zu tun haben, der zwar nicht leicht verbraucht oder beschädigt wird, der aber die merkwürdige Eigenschaft besitzt, sich unsichtbar zu machen — zu verschwinden. Wenn wir z. B. hören, daß in Amerika pro Kopf der Bevölkerung 123 Stecknadeln in einem Satire verbraucht werden — und der Verbrauch in europäischen Kletten ist iedenfalls nicht erheblich geringer — dann fragt Staaten ist jedenfalls nicht erheblich geringer man blos, wo diese große Stecknadel-Armee bei dieser Berechnung sind natürlich nicht nur die Erwachsenen berücksichtigt; auch dem kleinsten Beby, welches — dank der Fürsorge seiner Mutter — überhaupt noch keine Steck- nadeln in die Hände bekommt, sind die 123 Stück zugemesseii. Alljährlich werden aber viele Milliarden von Stecknadeln produziert, ohne daß eilte Abnahme der Nachfrage konstatiert werden konnte. Es dürfte aber doch nicht schwer fallen, dieses industrielle Rätsel zu lösen. Gerade die ungeheure Verbilligung des Produkts hat den Verbrauch mehr und mehr gesteigert. Denn je wohlfeiler ein Erzeugnis ist, mit nm so geringerer Achtsamkeit wird es behandelt. Ich bin überzeugt, daß die kleinsten Brillautnadeln, welcke jedenfalls für die Herren Diebe etne größere Anziehungskraft besitzen, als die gewöhnlichen Mesimgsteck, nadeln, nicht so leicht wie diese verschwinden. Bon allen industriellen Erzeugnissen hat gewiß keines so wenig den Sammeleifer der Menschen angeregt, tote die, Steckitadel. Wenn jemand auf die romantische Idee verfiele, einen Handel mit gebrauchten Stecknadeln zu eröffnen, so wurde er em äußerst schlechtes Geschäft machen, obwohl er diesen über die ganze eivilisierte Welt verbreiteten Handelsarttkek steuerfrei von der Straße auflesen könnte. Und warum? Weil es viel mühseliger und kostspieliger ist, 100 verlorene Stecknadeln zu sammeln, als 1000 Stück zu fabrizieren. Gemeinnütziges. Gegen nervöse Kopfschmerzen hilft eine Schale starker schwarzer Kaffee, in dem man den Saft einer Zitrone gepreßt hat. Derselbe soll ziemlich ivarm getrunken werden» v Anagram m. (Nachdruck verboten.) Geizt edi berüte, kniend liest Bid huca tot sad bleen, Tiss mov dilb cohd tun erd naschtet, Mu sad tilch uz beehn. Die vorstehende« Buchstabengruppen sind durch Umstellung zu ft««' gemäßen Wörtern zu bilden, sodaß das Ganze einen Sinnspruch von Anastasius Grün ergibt. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung der Schachaufgabe in vor. Nr.r W. Ke8, Dh2, Lgl, Sb5. Tb3, e4. Bd4, h5. Schw. Kc6, Le3, Bb7, d3, h6 1, Dh2—d2, beliebig. 2, Vierfach matt. Redaktion: Curt Plato. - Notationsdruck und Vertoa der Brüll'scheu Universitäts-Luch- und Steindruüerei (Pietsch Erben) in Gießen.