1903. Yr. 184 Samstag deu 12. Jez-MZer- W M «K *1 Ml Ml WBKWWM (Nachdruck verboten.) Wolans Mertoöung. Novelle von Robert Kohlrausch. , (Fortsetzung.) >,Jch beharrpte immer, daß ich mir durch jeden Aufenthalt dort mein Leben um einen Monat verlängere. Auch abgesehen von der schönen Gegend, — in die Berge komme ich ja sowieso nicht viel hinauf, dafür habe ich zu schwer an mir selbst zu tragen, — man ist dort bei der braven Frau Gigola vortrefflich aufgehoben. Bei ihr und der übrigen Familie; lauter nette, fleißige und hübsche Menschen. Auch das Essen, es läßt nichts zu wünschen übrig." Das Behagen auf ihrem Gesicht prägte sich noch stärker aus, indem sie dies Thema berührte, unb sie beugte sich, ihrem Leibesumfang zum Trotz, ein wenig vor, damit sie der Sänger besser verstehen konnte. „Missen Sie, das ist aucy so angenehm: das Mittagessen ist wirklich am Mittag, wie sich's gehört, nicht erst am Wend nach der dummen Sitte der großen Kurorte. Um ein Uhr wird gegessen, — oder gespeist, wie unsere lieben Münchener sagen; da gibt es gute, kräftige, deutsche Hausmannskost. Und woraus ich ein besonderes Gewicht lege: jeder Braten kommt in seiner eigenen Sauce; niemals eine Tonnensauce, wie ich's nenne. Mir kommt's in den großen Hotels nämlich immer so vor, als hätten sie riesige Tonnen voll gefärbter, namenloser Brühe, und aus diesem Behälter zuckte auf jeden Braten ohne Wahl der braune Strahl nieder. Da ist es dort —" Edith hatte zu Beginn der Unterhaltung zwischen den beiden nur einen einzigen, kurzen, mißbilÜgeuden Blick auf ihre Mutter geworfen, dann aber wieder angespannt und, ohne sich zu regen, zum Fenster hinaus- ?eblrckt. Seit ihre Mutter jedoch über das Essen sprach, atte sie, sich von neuem umgewandt und sah scharf hinüber, während ihre Augenlider sich rasch, bewegten, und ihre eingezogenen Lippen sich aufeinander preßten. Jetzt hielt sie nicht länger an sich. „Mutter, ich glaube kaum, daß der Herr sich für diese kulinarischen Details interessieren wird." „Warum denn nicht?" fragte der Aeltere und lachte leise. „Tas Essem ist doch eine sehr wichtige Sache tnt menschlichen Leben; und wir wissen noch gar nicht", — sie sprach jetzt wieder zu Rauchmann — „ob Sie nicht vielleicht selbst zu Gigola —" „Ich glaube, es gibt nur noch im „Hotel Fasano" Platz". Wider ihren Willen war Edith die unpassende Aeußerung entflohen; ihr innerlicher Aerger hatte sie rhr abgezwungen, und sie war zornig über sich selbst, rndem sie die Worte sprach. Rauchmann hatte sich während des ganzen Gesprächs bereits im Stillen überlegt, ob er nicht aus die bestellte Wohnung- im „Hotel Gigola" verzichten und sich ein -anderes Unterkommen suchen solle. Jetzt, da er sah, daß er damit einen Wunsch der jungen Dame erfüllen würde, lehnte sich etwas in ihm dagegen auf. „Gnädige Frau haben ganz recht", sagte er schnell, zu der alten Dame sprechend und ihre Tochter ignorierend. „Ich habe mir bei Gigola bereits ein Zimmer bestellt, werde somit die Ehre haben, mit den Damen unter einem Dache zu wohnen." Absichtlich erwähnte er sie hier beide, in Wahrheit waren die Worte für Edith bestimmt, wenn auch seine Augen sie mieden. Ihre Mutter erwiderte mit einer höflichen Konversa- tionsformel, Edith lehnte sich fest in ihre Ecke und schwieg. Rauchmonn aber überlegte von neuem. Wenn er das haus mit diesen Damen teilen mußte, dann war es unvermeidlich, daß sie bald seinen Namen und s inen Stand erfuhren. Gern hätte er überhaupt sein Inka nito auch dort gewahrt, aber das war seiner Kvrresp- ndenz ivegen unmöglich. So war es vielleicht vorteilhafter, daß er dem Zufall zuvorkam und seinen berühmten Namen jetzt gleich selbst als einen wertvollen Trumpf ansjri lte. Ein halber Blick auf Ediths Körniges Gesicht ließ ibn sich schnell dafür entscheiden. „Ta wir Hausgenossen sein werden, so gestatten -gnädige Iran mir wohl, daß ich mich Ihnen vorstelle. Mein Name ist Rauchmann, und ich bin Sänger meines Zeichens." „Rauchmann? Aber doch nicht — ich bitte Sie — doch nicht Karl Rauchmann — der berühmte Rauchmann?" „Karl heiße ich allerdings, und wenn Sie mir den Ehrentitel angedeihen lassen wollen, so darf ich ihn vielleicht in aller Bescheidenheit akzeptieren. „Rauchmann, — der Wotan! Mein Gott, das ist ja aber höchst interessant! Jcy bin die Generalin Bessel, dies meine Tochter Edith, — Edith, was hast Tu?" Einem hohen, dunklen Schatten gleich, stand Edith plötzlich dicht neben Rauchmann, der in einiger Verwirrung zu ihr emporsah. Sie hielt sich mit erhobenem Arm an dem Gitter, das oben unter der Wagendecke das Handgepäck trug; es sah beinahe so aus, als wenn sie ihn schlagen wollte. „Tas war nicht kavaliermäßig", sagte sie mit ihrer tiefen, wohlklingenden Stimme, die selbst im Zorn ihre Weichheit nicht verlor. „Wie befehlen gnädiges Fräulein?" „Sie haben mir vorhin die Unwahrheit gesagt, als ich Sie fragte, ob Sie Künstler wären. Sie haben mich dadurch verleitet, etwas auszusprechen, was ich sonst gewiß nicht getan hätte. Und darum wiederhole ich es Ihnen: das war nicht kavaliermäßig gehandelt." „Edith, Edith, was tust Du!" rief die Mutter ver- ivirrt, erstaunt. „Ich tue, was ich mir schuldig bin. Nichts weiter". Mit stolzer Bewegung begab sich Edith auf ähren Platz zurück. 738 Niemand sprach mehr. Tie Generalin suchte vergeblich nach erklärenden uud entschuldigenden Worten und fragte sich zugleich im Stillen, ob ihre Tochter, der sie sich {n vielen Dingen unterzuordnen Pflegte, nicht vielleicht Grund gehabt habe zu ihrer schroffen Rede. Rauchmanu, der aus Ediths Worte nicbt gleich eine Entgegnung gefunden hatte, entwarf nachträglich eine ganze Reihe von solchen und schalt mit sich wegen des Mangels an Schlagfertigkeit, noch mehr über das Klopfen seines Herzens, das er nicht meistern konnte. Die Stirn an die kalte Fensterscheibe lehnend, saß Edith und wartete vergeblich aus das Gefühl innerlicher Befreiung, das ihrem Zornes- au?'bruch, wie sie meinte, mit Notwendigkeit folgen mußte. Tie alte Jungfer war wieder eingeschlafen und umarmte zärtlich das große, runde Vogelbauer aus blinzenden Messinastäben. Ter einzig Gesprächige war der Papagei; feine eingelernten Redensarten herplappernd, stieg er ut dem Käsig auf und nieder, kreischte zuweilen mißmutig auf und nagte an dein türkischen Tuch seiner Herrin. So fuhr der Zug weiter durch een dunkler werdenden Abend, ließ die gewundenen Täler und finsteren Felsen- engen hinter sich zurück, UND donnerte endlich hinaus in den weiten Kessel von Bozen, der heute von stiebendem Schnee erfüllt war gleich dem ganzen Gebirge. — — Nun waren sie in Fasano angelangt. In Bozen und auf der Eisenbalmfahrt hatte Rauchmann die Damen zu vermeiden gewußt; in Riva hatte das Dampfschiff sie wieder näher zusammcngebracht, doch war er ihnen auch hier so viel als möglich aus dem Wege gegangen. Uebrr- gens war er mit sich und seiner Gesundheit wieder zu sehr beschäftigt, als daß er sich viel um sie kümmern konnte. Sein Katarrh batte sich in der Tat ein wenig verschlimmert, und die Ängst um seine Stimme erfüllte ihn gan^ Auf dem Schiff stieg er nach kurzem Versuch, aus Deck zu bleiben, eilig in die Kajüte hinab und schalt im Stillen alle Menschen Lügner, die jemals ein ruhmeiides Wort über den Süden gesagt oder geschrieben hatten. Den Schnee hatten die Reiseiiden jetzt freilich hinter sich gelassen, aber Sturm und Regen hatte sie dafür m Empfang genommen. Das Schiff begann ungemütlich zu gampfen und zu schaukeln, und wenn Rauchmann einmal emen Mick aus dem Kajütenfenster hinauswarf, dann ;ah er die weite, graub...ue, sturmgepeitschte Wasserfläche, aus der die Wellen ihre weißen Häupter emporhoben, wahrend die Ufer in Regen und Nebeldunst unklar, unschön ver- d: Qn all seinen Aerger und all fein Unbehagen mischte sich bei dem Sänger nur als leiser Trost die Erkenntnis, daß er hier unten vor der Gesellschaft der beiden Damen sicher war. Mit flüchtiger Ueberraschung erblickte, er dagegen auch die alte Jungfer aus deni Coups, die er in Bozen gewähnt hatte, wieder unter der Reisegesellschaft; sie hielt das Messingbauer nach wie vor an die Brust gepreßt. Rauchmann, der sich neben seinem Zorn und seiner Besorgnis auch abscheulich langweilte, betrachtete sie hier zum erstenmal ein wenig genauer, wobei ihm üire runden, braunen, erstaunten Augen und die stumpfe, neugierige Nase auffielen. Mehr noch der Mund, der sich merkwürdig zuspitzte, während die Backen daneben ein- aezoqen waren, so daß es den Eindruck machte, als hatte die Dame in eine saure Zitrone gebissen und den Geschmack noch lange nicht überw'.mdeii. Ta sie nicht fern von ihm sah, konnte Raiichmniln hören, daß sie in sächsischem Dialekte sprach und in diesen lieblichen, singenden Lauten ihren Polly erniahnte, tapfer zu sein und sich gegen die Seekrankheit zu wehren. Ties Mißgeschick hatte schon ein paar besonders Empfindliche ereilt; sie waren sehr bleich geworden und waren still und schnell' verschwunden. , - . , , Ter Sänger hatte soeben in seiner Seele den froinmen Wunsch gebildet, daß seine schöne Feindin auf Teck — schon fand er sie trotz allem, dagegen war nichts zu machen — gleichfalls von diesem Schicksal heimgesucht werden möge, als zwei Frauengestalten hereintraten. Tie eine dick unförmig und langsam, die andere schlank, stolz und energisch. Die Generalin hatte den Arm ihrer Tochter genommen und balanzierte mit deren Hilfe langsam durch den auf- und niederschaukelnden Raum. „Nein, Kind, alles hat seine Grenzen", sagte sie dabei, „länger war es da oben wirllich nicht mehr auszuhalten." „Für mich schon", gab Edith zur Antwort- ,,^ch finde es herrlich, sich vom Sturm ein weiiig durchwehen zu lassen. Aber Du bist hier allerdings —" Sie verstummte jäh. Die Mutter sorgsam führend, hatte sie nicht aufgeblickt und stand nun unvermutet ganz nahe vor Rauchmann, auf dessen Sitz sie achtlos zugeschritten war. Nun aber wandte sie sich, die Mutter nachziehend, plötzlich zur Seite und führte die Wankende nach der anderen Längswand der Kajüte hinüber. „Ta drüben sitzest Tu besser", sagte sie dabei laut. Rauchmann blickte ihr verstohlen nach; er tat, als hätte er den Vorgang nicht bemerkt; aber er mußte sich auf die Lippen beißen und fühlte fein Herzklopfen wie neulich bei deni Renkontre im Coups. Sein Leben, feit er der Bühne angehörte, — was weiter zurück lag, hatte er ja fast ganz vergessen, — war so sehr ungefüllt mit leicht er- runoenen folg eit bei den Frauen, mit Huldigungen und Vergötterungen, daß er den Wert solchen Geschenks gering zu schätzen gelernt hatte. Ter Widerstand aber, den er hier fand, die unverhohlene Abneigung, die dies stolze Mädchen ihm zeigte, reizten, kränkten und lockten ihn. Und ganz im Innersten seiner Seele sprach eine leise Stimme, die er nicht hören wollte, die aber doch nicht schwieg, wieder und wieder: „Sie hat recht gehabt trotz allem; du hast nicht kavaliermäßig aii ihr gehandelt. Tas Schiff durchkreuzte jetzt den See vom östlichen zum westlichen Ufer hinüber, von Malcesine mit feiner aus dem Regen hervordrohenden Burg nach dem fels- getragenen Tremosiue. Hier trafen die Wellen das Fahrzeug von der Seite mit voller Wucht und machten die Worte Virgils von dem meergleichen Toben die;es tücki- fchen totes zur Wahrheit. Jetzt ereignete sich etwas Ueber- rascheiides. Mit einem dumpfen Laut erhob sich die alte Jungfer, taumelte in die Mitte der Kajüte und hielt das Bauer weit von sich ab in ausgestreckten Händen, als ürchtete sie, dem Vogel Uebles zuzufügen, wenn er ihr n gewohnter Nähe blieb. . , „Polly", rief sie dabei wehklagend ans. „Mir wird, — o" Gott, Polly, mir wird sehr schlecht." Ihr Aussehen bestätigte die Wahrheit ihrer Worte. Sie war grünlichgrau im Gesicht und offenbarte, durch verzweifelte Blicke, daß schleunige Hilfe vonnöten sei. Von gleichen Empfindungen getrieben, sprangen Rauchmann und Edith im selben Äugenblick auf und eilten zu ihr hin, um sie von dem Bauer mit dem wild ausilatteruden und kreischenden Papagei zu befreien. Sobald seine Besitzerin von ihrer teueren Last sich erlöst sah, gab sie einen unartikulierten Laut von sich und schwanke, sich an die Tische anllammernd, aus der Kajüte hinaus. Ter Sänger und Edith aber standen einander gegenüber jeder das Bauer mit seinen Händen haltend. Zuerst mußten sie wider Willen ausiacheu; die Wirkung der Situation war zu stark. Tann aber zwangen sie sicy gleichzeitig zum Ernst und machten nun doppelt finstere Ge- können wir doch nicht stehen bleiben", sagte Edith mit kaltem, hochmütigeii Ton. „Auch ich würde eine andere Stellung vorziehen , gab Rauchmann in gleicher Klangart zrück. „Ich trete den Bogel gern dem gnädigen Fräulein ab; der Papagei ist ein Tamenvogel, soviel ich weiß." „Er ist nicht nach meinem Geschmack", entgegnete sie kurz, ließ das Bauer los, und ging auf ihren Platz zurück. Rauchmann stand uud hielt das Messinghaus mit dem kreischenden Untier in Händen, während das Schiss aucy ihn mit seiner Bürde hin und her schwanken liest Mag lichst feste Haltung erzwingend, ging er zum nächsten Tisch und stellte das Bauer dorthin; dann setzte er sich wieder ans feinen vorigen Platz. Er bemühte sich, Cdrth zu ignorieren, aber der allein _ gelassene, verzogene > JL' schrie so fürchterlich und warf nut fo grausamen Sch mpf- worteu um sich, daß der Sanger doch immer wieder unwillkürlich zu ihm hinübersah, Und dann traf es sich wohl, daß auch Ediths Blicke dieselbe Richtung nahmen und seinen Augen begegneten. Beide sahen bei solchen Gelegenheiten sehr schnell beiseite, doch ereignete sich die;e Begegnung ihrer Blicke ziemlich häufig im weiteren Verlaufe der Fahrt; denn die alte Jungfer mußte ziemlich M wn der ^ank- beit des Wassers gepackt worden sein. Erst als das Schiss in die geschützte Bucht von Gardone-Rcviera ernbog, und die Wellen sich fänftigten, trat auch die halb Genesene wieder in Die Kajüte des leiser bewegten Fahrzeugs, 739 - Aber jetzt noch war sie so bleich und so schwach daß sie sogar den Tank für ihre beiden Helfer vergaß; mit dem letzten Aufgebot von Kraft bemächtigte sie sich des Bauers und umschlang es wieder mit ihren Armen. So war die Fahrt verlaufen unter Sturm und Regen und grollender Botschaft von Auge zu Auge. Nrm hatte das freundliche „Hotel Gigola" die Reisegenossen ausgenommen, aber auch nach der Landung war der Regen so dicht und so hastig gefallen, daß Nauchmann den Weg zuni Gasthaus, fest in seinen Mantel gewickelt, ohne umherzublicken, zurückgelegt hatte. Seine üble Laune war unter diesen Umständen noch gestiegen, und er hatte die größte Lust, baldigst wieder abzureisen. Er packte nur das Allernotivendigste aus, kleidete sich um und ging dann i« seinem Zimmer auf und nieder, dessen behagliche Einfachheit er dürftig, und frostig schalt. Ihn fror. Ein gelblich-roter Donofen stand in der Ecke, doch brannte kein Feuer darin, und das Reisethermometer, das den Sänger stets begleitete, zeigte nur elf Grad. Tas also Ivar Italien, das gelobte Land mit dem ewigen Sonnenschein und dem ewig blauen Himmel, — pfui Teufel! Tie Glocke, die unten irgendwo zum Mendessen läutete und draußen auf dem Korridor au der elektrischen Klingel ein Echo sand, weckte Rauchmann aus seinem ärgerlichen Sinnen. Jetzt erst siel ihm ein, daß er vergessen hatte, der Wirtin oder der Kellnerin zu sagen, er wünschte nicht, neben den beiden mit ihm angekomnrenen Damen zu sitzen. In der sicheren Erwartung, daß ihm das Schicksal auch noch die,en Possen spielen würde, trat er aus dem Zimmer und sah gerade die Generalin mit ihrer Tochter die Treppe nieder steigen. Er hatte Zeit, sie zu betrachteu; denn die tvolpbeleibte Dame mußte Stufe für Stufe einzeln nehmen und bewegte sich so sehr langsam vorwärts. Edith ging gelassen und geduldig hinter ihr; sie tat, als bemerkte sie Rauchmanus Nähe nicht, der um die halbe Treppenhöhe hinter den beiden zurüciblieb. Widerwillig mußte er sich gestehen, daß des Mädchens hohe Gestalt, jetzt ohne Mantel, rn dem braunen, sest anliegenden Reisekleid noch stolzer und vornehmer wirkte als unterwegs. Tie Tafel im Speisezimmer war schon stark besetzt; alle Leute schienen hier mit gutem Appetit sich pünklich zum Essen einzustellen. Ter Sänger mußte sich für heute mit dem Platze bescheiden, der ihui angewiesen wurde. Wie er vermutet hatte, war er nahe bei den Damen, zu seiner Freude jedoch nicht unniittelbar an ihrer Seite. Tie alte Jungfer saß zwischen ihnen; sie hatte den äußern Eckplatz am Mitteltisch der hufeisenförmigen Tafel, an der Ecke der Langseite die Generalin, daneben Edith. So waren zwei Plätze zwischen Rauchmann und ihr, doch hob die Ecke diesen Vorteil wieder auf. In der Diagonale war die Entfernung nur gering, und auch hier wieder mußten sich dre Blicke der beiden begegnen, so kalt und fremd wie während der Fahrt, aber ebenso oft. Rauchmanns Nachbarin, die unterwegs mit niemand geredet hatte, wurde jetzt, da sie festen Boden unter den Füßen spürte, gesprächig. Sie hatte einen Stockschnupfen, sprach aber ziemlich laut iit ihrem sächsischen Tonfall. „Ich muß dem Herrn und der Tanie noch danken", sagte sie, indem sie mit einen: Blick und einer Bewegung des Zopfes zwischen Wotan und Edith eine Verbindung schuf, „daß Sie mir auf dem Schiffe meinen Polly abge- nonnnen haben. Ich hatte mich nämlich so um ihn geängstigt, und da wurde tcb selbst, — wir können nämlich veioe das Fahren nicht vertragen." ,bü$te' die Papageien wären das Schaukeln ge- woynt sagte Rauchmann mit seinem spöttischen Zucken des Schnurrbartes. , „Ja, es war schauerlich, wirklich schauerlich", gab die Besitzerin des,Vogels zur Antwort. Wotan blickte sie fragend an; ihre Entgegnung paßte sehr wenig auf das, was er gesagt hatte. , ',2-vß die Papageien das Schaukeln vertragen könnten, meinte icy", wiederholte er ein wenig lauter. „$te Papageien? Ach nee, das fressen sie nich gerne." Tas Erstaunen m seinen Augen wuchs. War die Zitronendame so hatte er sie in seinem Innern getauft -- gestört, oder konnte sie nicht hören? Er machte die Probe, indem er seine Ansicht über die Eigenschaften des Vogelgeschlechts, zu denen Polly gehörte, zum drittenmal äußerte, diesmal mit sehr lauter Stimme. Tie ganze Gesell,chas: horchte ans, und jetzt hatte auch seine Nachbarin ihn verstanden, sie war gekränkt, der Ausdruck nach saurer Zitrone in ihren Zügen verstärkte sich. „Nee, mein Polly verträgt es nich", sagte sie, gleichfalls mit erhobener Stimme. „Sie brauchen übrigens Ihre runge nich so anzustrengen, wenn Sie mit mir sprechen. M höre nämlich ganz gut - das heißt, ich habe diesen Winter die Influenza gehabt, und das hat sich mir ein wenig aufs Ohr geworfen. Aber das ist nicht schlimm, darum wäre ich nich hergekommen. Wenn nur der Kork nicht wäre!" „Ter Kork?" Sie hörte Rauchmamis Frage wohl nicht, aber sie war nach Art nervöser Menschen so froh, über ihr Leiden sprechen zu köimen, daß sie unaufgefordert eine weitere Erklärung gab, und dabei auch die kleine Beleidigung vergaß, die der Sänger ihr durch sein lautes Reden zugefügt hatte. „Ich habe näuilich ’nen Kork im Halse. Tas is auch von der Influenza zurückgeblieben. Wenn es ganz gut i§, dann is er so groß wie von ’nem Gau de Colo gurgln; e. Meistens aber is er größer, so wie der Kork von 'ner Weinfla;che. Und wenn ich mich ärgere, dann wird es ganz schlimm, dann is er nämlich so dick, wie ein Champagnerpfropfen, und ich meene immer, ich müßte ersticken." Ter Sänger war im Begriff, ein paar teilnehmende Worte zu der Zitronendame zu sprechen, als eine neue Stimme an seiner linken Seite ertönte. Tort saß ein alter Herr mit schlechter Haltung, mit vielen Falten im gelblichen Gesicht und einem weißen, kurzen, struppigen Vollbart. Er sprach langsam, mit der unreinen Vokali- sation der Hannoveraner. Ungeniert redete er sehr laut an dem Sänger vorbei. „Da können Sie noch von Glück sagen, Fräulein. Die Influenza, die hat, wahrhaftigen Gott! der Satan erfunden. Ich habe sic auch gehabt, drei Monate lang. Tie Krankheit selbst, die is ja man leicht, aber was nach- kommt! So'n Prvppen im Halse, da kann man noch nichts von sagen. Aber ich, — wissen Sie, ich habe ’ne Billardkugel in der Kehle." „Eine Billardkugel?" Rauchmanns Nachbarin reckte den Hals, um ihren Konkurrenten im Leiden genauer zu sehen. Es schien ihr halb tröstlich, halb ehrenrührig zu sein, baß jemanb einen größeren Gegenstand in der Kehle zu haben meinte als sie selbst. „Jawohl, ’ne Billardkugel", fuhr der alte Herr fort. „Au Große da bleibt sie sich gleich, aber bei schlechtem Wetter, da wird sie rot, un denn drückt sie mehr, bei Sonnenschein, da is sie weiß, un denn is es man halb so schlimm." Tie beiden unterhielten sich über ihre Kalamitäten sehr lebhaft, bis der erste Gang der Wendmahlzeit vorüber war; bann zog ber Herr mit ber Billardkugel das Facit: „Wir sind hier ’ne ganze Menge Nervöse. Beim einen hat's den Grund, beim andern den. Wir tun alle ganz gesund, aber so schlimm is es auch nich damit, ’n kleinen Knacks hat hier jeder, das is man einmal wahr." Tie laut gesprochenen Worte wirkten verstimmend auf die Tafelrunde. Im Stillen war sich ein jeder seines „Knackses" bewußt, mochte er nun in der Kehle, der Brust, dem Herzen oder den Nerven stecken, aber niemand hörte gern davon reden. So entstand ein bedenkliches Schweigen, und in diesem Schweigen tönte das geräuschvolle Oesfnen . der Tür zum Treppenhause doppelt laut. Mit allen übrigen zugleich richteten auch Edith und Rauchmann ihre Blicke dorthin und sahen eine seltsame Gestalt erscheinen. Es war ein junger, ziemlich großer Mann von vielleicht sünfundzwanzig Jahren, an dem alles schwarz war bis auf das Gesicht, die Hände und die sehr sparsam verwandte Wäsche. Tie langen, schwarzen, ungelockten und stark pomadisierten Haare waren nach hinten zurück- gestrichen, dann aber zum Teil wieder hervorgeholt, um eine geniale Wildnis zu bilden. Man sah das, als er die schwarzseidene Reifemütze abnahm, die er beim Eintritt in den Speisesaal noch getragen hatte. Tie Hauptstücke des Anzugs waren ein Gehrock von mächtiger Länge, ber bis fast zur Hälfte der Waden reichte, und eine riesenhafte Kravakte aus schwarzem Sammet, die — mit Ausnahme des wohl zehn Zentimeter hohen Kragens — das ganje Weiß des Hemdes verdeckte. Schwarz waren auch, 740 — einigen Liebe. deutschen den ömerden Wegju neuen Fluten des Tiber. In der lernen yeimar aoer rraueru vrn sie die Lieben, denen gellend noch der freche Romer- ruf in den Ohren klingt: „Wehe den Besre gten!- — Jahrhunderte sind über unser Vaterland dahingegangen. Ein anderer Cäsar wirbt um die Herrschaft über die trotzigen Germanenherzen; seine Feldherren und Bannen- träqer aber wüten in Deutschlands Gauen Nicht mit Mord- brand und Gewaffen; sie ziehen einher rm Gewände der Demut und erringen Siege mit den Waffen opferfreudiger Merkrätsel. (Nachdruck verboten.) Wiesel — Gemeindehaus — Kopfschmuck Von iedem Wort sind drei nebenenmnderstehmde Buchstaben zu merken, die alsdann im Zusammenhang einen Vogel bezeichnen. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Gleichklangs in vor. Nr.: Rmg. die kleinen, siechenden Augen, schwarz das Bärtchen unter der scharf geschwungenen Nase. Weißlichgelb dagegen die Farbe der Haut, Heller glänzend die sichtlich wvhigepfleg- ?en Zähne, die er zeigte, indem er zu selbstbewußtem Lächeln die Lippen öffnete. Tas Auffallendste an semer Erscheinung aber war, daß er sich über das,®nfemMe von schwarz eine der buntseidenen, breitgestreisten, rta- lieniichen Decken in rot, blau und gelb gebreitet fyatte, die von seinen Schultern herabwallte, und deren er sich erst mit nachlässiger Bewegung entledigte, als er dw Halste des Saales durflfschritten hatte. Dort ließ er sie auf einen kleinen, ruiiden Tische niedergleiten, ging weiter an der einen Langseite der Hufeisentafel entlang und setztesich an ihrem Ende nieder. So saß er Rauchmann fast direkt gegenüber, freilich durch die ganze Lange des Tisches von ihm getrennt. Der Platz zu ferner Linken war leer, gU seine'- Reckten saß eine blasse, magere, leidenschaftlich aussehende Blondine, deren graue Augen aufleuchteten, al^> er nck ihr näherte. Sie zeigte den ^chpus ors verbluhen- den" Mädchens, das zu lange auf einen Mann warten muß und sich verzehrt in ungestilltem Sehnen. (Fortsetzung folgt.) — Man schreibt uns: -niet dem Titel „Aus H essens Kornett" erscheint im Verlage von Emil Roth in i Gießen aus jer Feder Albert Kleinschmidts eine | Reihe von Erzählungen, die im besten ©tmte oes Wortes i eäite Volks- und Jugendschriften genannt werden können. I Verfasser und Verleger haben es sich zur Aufgabe gemacht, I mit diesem Unternehmen an ihrem Teil dazu beizutragen, daß in den Herzen der Jugend imb damit unseres Volles erhalten bleibt der Sinn für Heimat und Vaterland und die Fülle des Segens, die beide uns bieten. Ter aufrichtige Freund unseres Volkes, der mit banger Besorgnis sieht, wie krasser Egoismus und Materialismus immer erfolg- | reicher daran arbeiten, alle gemütvollen Regungen tm 1 Menschenherzen uiederzuhalten und zu ersticken, der fas tagtäglich die Beobachtung machen muß, daß gar vielen Heimatgefühl und Stammeszugehörigkeit kernen Mifftrlmg | aiit, wenn auch noch so geringe materielle Voiuecke iN der , Fremde winkeil, kann ein solches Unternehmen nur mit ! Freuden begrüßen; und mit doppelter Freude kann er es begrüßen, wenn es wie das vorliegende m so vollendeter - Weise geeignet erscheint, seinem edlen Zweck in ersprieß- | licher Weise zu dienen. Ter Verfasstr hat den Stoff zu den bis jetzt erschienenen vier Erzählungen (Preis rn Leinenband ä Mkst aus zwei der solgereichsten Epochen der deutschen Geschichte geschöpft, und zwar aus zwei Epochen, m j denen gerade die Stellung und Anteilnahme unserer chatti- schen Vorfahren von schwerwiegender Bedeutung war. Schwer lastete zu der Zeit, als unser Heiland tm fernen Moraenlande zur Erde niederstieg, der Druck der römischen Herrschaft aus den deutschen Gauen., Wer in blutigem Ringen werden die fremden Eindringlinge niedergeworsen. Und „B r i n n o der C h a t t e n f ü r st" ist es, der an der Spitze seines getreuen Volkes, im Bunde mit Armin dem Cherusker, die Fremdherrschaft brechen hilft. Eine Steg- stiedsgestalt, ohne Furcht und Tadel, etit leuchtendes Vorbild seinen guten Chatten, springt er in den , starrend en Speerbag der römischen Legionen; und der in todverachten- dem Ringen dem Fremdling entrissene Adler wird tn feiner Hand zum Zeichen der FreilM des germanischen Volkes. Doch Brinno selbst, der Herrliche, soll die Fruchte semes Ringens nicht genießen. Noch gilt es, dm heißgeliebten jüngeren Bruder zu befreien, den hispanische Reiter., dem Rheine und damit schmachvoller Knecht,chaft zufuhren wollen. Wohl gelingt dem Helden Brinno das Befreiungswerk, ihn felbst aber, dem das breite Römerschwert kies in die Brust gedrungen, trägt die Walküre im Sonnenglanz hinauf gen Walhall. — Der herrlicyste Steg ist errungen; deutscher Einheit vermochten auch die Waffen starrenden kriegskundigen Legionen desweltenbeherrschenden Cäsar nicht zu widerstehen. AberEisersucht, Un eiui g kei t und nörgelnde Mißgunst unter den deutschen Stämmen ebnen dem Romer den Weg zu neuen Der üble Mundgeruch Wenn der üble Mundgeruch seine Ursache auch vorwiegend in der Erkrankung der Zähne unb des Zahnfleisches bat, so wird er doch außerordentlich häufig auch durch andere krankhafte Affek- tionen hervorgerufen. Dahin gehören Munderkrankungen, wie Erkrankungen der Mandeln und der Zunge, ferner Störungen in der Funktion der obersten Luftwege, der Nase und deren Nebenhöhlen. Erkrankungen der Luftröhre und der Lunge, die mit einem übelriechenden Auswurf verbunden sind, weisen ebenfalls einen üblen Mundgeruch auf, von Allgemeinkrankheiten gehören die Tuberkulose, die Blutarmut und die Zuckerkrankheit hierher. Dre sozialen und gesellschaftlichen Folgen des Nebels sind bekanntlich oft sehr verhängnisvoll; manches Verlöbnis ist in dessen Folge gelöst worden, mancher hat seine Stellung verloren, viele haben sich durch den widerlichen, m geradezu ekelerregenden Geruch gesellschaftlich unmöglichgemacht. Di Träger des fatalen Geruchs mochten ihn natürlich lvsstm und sparen nichts im Gebrauch von Zahn- und Mundwässern, doch können diese nicht helfen, solange nicht die Ursache des Nebels behandelt ist. Da muß vor allein der Zahnarzt aufgesucht und gründliche Ordnung an den Zähnen geschafft werden; schlechte ^ahne find ^beseitigen oder zu plombieren, eiternde Fisteln sind zur tzeilung zu bringen und der Zahnstein ist zu entfernen. Ist die Ursache । des Uebels in fonstigen krankhaften Affektionen zu suchen, so ist ärztliche Behandlung unumgänglich notwendig. * Zur Haarpflege. Oft wird das Waschen des Kopfes als bestes Mittel gegen frühzeitigen Haarausfall I empfohlen, und es ist auch tatsächlich von Nutzen aber nur dann, wenn warmes Wasser, eine milde ©ctfe ba&u verwendet wird und die ganze Prozedur im warmen Zimmer am Abend vorgenommen oder doch, bevor bre Haare nicht vollständig trocken sind, der Kopf der freien Luft nicht cn s- gesetzt wird. Schlimme rheumatische Kopsschmerzen und ganz bedeutender Haarausfcckl können „mitstehen, wenn man diese Vorsichtsmaßregel außer acht ,laßt. An, besten ver wendet man an Stelle der Seife einen Eidotter,.der, auf den Haarboden gerieben, alle Schuppen Umungkeiteu entfernt, wenn nach einigen Minuten der Kos^ 1 u tvarmem Wasser abgewaschen wird Bei reichlichem Haar ausfall ist das Haar kurz Zu ^neiden und bei Frauen dun Trocknen ganz besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Redaktion: August Götz. - Rotationsdruck und Verlag der Viüd.'scknt Nuiverflläts-Buch- und St-wdrucker-i. R. Lange, Gießen Erfolgen. Einige Jahre schon nach jener glorreichen Hermannsschlacht bricht des Jmperatois Neffe Germaniens mit frischen Scharen in das Gebiet der Germanen ein; ihre Uneinigkeit verdammt diese zur Ohnmacht, und zähneknirschend müssen es die tapferen Chatten über sich .ergehen lassen, daß ihnen trotz mutiger Gegenwehr Weih und Kind verstrickt hinweggesührt werden, um des Romers Triumphzug verherrlichen zu helfen. Aber die edlen, »rauen aus dem Chattenstamm, die wissen, daß sie nie mehr die geliebte Heimat Wiedersehen werden mit allem, was ihnen dort lieb und wert war, wählen lieber den Tod als die Knechtschaft. In dem Augenblick, da sie getrennt werden sollen, um ihren Sklavendienst anzutreten, ver- sie si'ch noch enger zum' Tode in den wogenden des Tiber. In der fernen Heimat aber trauern