Wonkag den 12. Hktoöer. 1903. (Nachdruck verboten.) Das UschemahHe» »«der Bretagae. Von B. W. Howard. (Fortsetzung.) Guenn stand neben, ihm, mit stockendem Atem inib leidenschaftlich erregtem Gemüt. Sie sollte ihm helfen, sie! Nicht mehr als bloßes Werkzeug, iute sein Pinsel und wie die Leinwand, sondern mit Einsicht, mit Verstand, mit ihrem eigensten Selbst. Er hatte sie ja soeben darum gebeten ! „Wenn Du übellaunig bist, Szenen machst und blaß wirst", fuhr er eindringlich fort, „so kannst Du mir keine Hilfe sein. Ich hasse alle Szenen, itnb ihr Frauen führt sie mit Vorliebe dann auf, wenn ein Mann recht überarbeitet und abgespannt ist. Auch gestern hast Du mir eine Szene gemacht und mich in meinem besten Gedankengang gestört. Tue es nicht wieder, Guenn!" Guenn wollte in den Boden iinken vor Scham und Reue. — „Natürlich muß ich einmal oiesen Ort verlassen; hast Du wirklich gedacht, ich könnte auf immer hier bleiben? Aber jetzt gehe ich noch nicht, — noch/ lange nicht." "In den Zügen des Mädchens spiegelte sich das reinste Entzücken bei diesen Worten. „Warum solltest Du mir nicht helfen, so lange ich noch hier bin, Mir eine gute Freundin sein und tun, was in Deiner Macht steht, für mich und das, worauf es mir allein ankommt? Warum mir nicht großherzig als Genossin zur Seite stehen und mich bei der Vollendung meines besten Werkes unterstützen? Und wenn ich dann fern bin — siehst Du — es hängt ja nicht von mir ab, ob ich meinen Aufenthalt hier ins Unendliche ausdehnen will — dann könntest Du Dir sagen: ich habe ihm geholfen, — ich war seine Freundin. Sieh Guenn, wenn Du blaß und eifersüchtig bist, ist alle Mühe umsonst. Ich brauche Deine .Schönheit, nicht Deine kindischen Launen, die sie gar leicht zerstören können. Gerechter Himmel, Kind, kannst Du denn gar nicht begreifen, wie der Maler an seinem Bilde hängt? Kannst Du nicht teilnehmen an meinem großen Gedanken und Dich über alles Kleinliche und Niedrige erheben, das Deine Seele herabzieht? Nicht wahr, Du verstehst mich und wirst Dir's überlegen? Ich habe ganz offen und ehrlich zu Dir geredet." Freilich wohl — aber er hätte nicht nötig gehabt mit dieser vollen, wohltönenden Stimme zu sprechen, er hätte ihr nicht in die Augen zu blicken, brauchen,' gleich einem Liebenden!" — „Du bist schpn, Guenn: bleibe schön für mich!" flehten die weichen, verführerischen Laute. O, über die Wonne dieses Augenblicks! Ihre Schönheit hoch gepriesen zu hören von dem Manne, der ihres Herzens Abgott war. Die Schönheit, die sie bis jetzt als ' einen so gleichgiltigen, selbstverständlichen Besitz angesehen, war in seinen Augen eine wertvolle Mitgift. Sie konnte ihm helfen! sie ganz allein! — Hamor hätte Wochen lang nachdenken und doch nicht das glückliche Wort finden können, das ihm der Zufall und seine grenzenlose Selbstsucht eingegeben hatten, — das Wort, das ihm nicht Güenns Herz — das besaß er schon längst, sondern ihre völlige Hingabe um jeden Preis, zusicherte. Er hatte verstanden, die Saiten ihrer Seele gewaltig zu rühren; ihr ganzes Innere fühlte sich unwiderstehlich zu ihm hingezogen — ihre Liebe und Treue, ihr Ehrgeiz und jenes seltsame Gefühl der Vereinsamung — das Gefühl anders zu sein wie die übrigen, das sie, das klügste, lustigste, keckste Mädchen des ganzen Ortes, niemals verlassen hatte, weder bei der Arbeit, noch bet Gesang und Spiel, selbst nicht bei Ausübung ihrer eigenwilligen Tyrannei — alles wies sie darauf hin, sich ganz seinem Dienste hinzugeben. Hamor war von dem sichtlichen Erfolg seiner Rede aufs angenehmste überrascht, lächelnd hielt er ihr die Hand' entgegen: „Nun, ist die Sache abgemacht? Willst Du getreulich zu mir stehen?" Wie wunderschön das Kind war! Wie leuchteten ihre lieblichen Züge von heldenmütigem Entschluß und unendlicher Weichheit des Gefühls! Man sah'ihr an, daß hohe Gedanken ihr junges Gemüt bewegten. Sie legte ihre Hand fest in die seine: „Was auch immer kommen mag," sprach sie fest und feierlich. Hamor hielt nicht ohne Ergötzen die kleine braune Hand' in der seinen; er bemerkte, daß Guenn leise zitterte und ihre schönen Augen siw tritt Tränen füllten. Plötzlich bückte sie sich und legte ihre Wange einen Moment auf seine Hand. So schüchtern war die kleine Liebkosung, als hätte ein scheues Reh des Waldes sich flüchtig an ihn geschmiegt. Hamor hatte sich stets etwas darauf zu Gute getan, daß er nicht der Mann sei, mit hübschen Mädchen zu tändeln und zu schäkern; es lag weder in seiner Erziehung noch in seinem Geschmack, ailch wünschte er sich das Vertrauen jener einfachen Naturkinder zu erhalten. Bei der leisen Berührung der weichen MädcheNwauge jedoch, in der sich eine so reine Huldigung, eine so echt weibliche Hingebung ausfprach, überschlich ihn ein eigenes Gefühl — er vergaß seine strengen Grundsätze, auf die er so stolz war, uild ehe noch der reizende kleine Kopf mir den lockigen, braunen Stirn- und Nackenhärchen Zeit sanöi sich wieder aufzurichten, hatte er seinen. Arm um die zarte. Gestalt geschlungen. Aber Guenn war keine enipfindsame Natur gewöhnlicher! Art, die sich beim ersten Anlaß ergibt! Eine ungehörige Vertraulichkeit abzuweiseu, mochte sie von hoch oder niedrig kommen, das verstand jedes brave Fischermädchen. Wenn Alain sich dasselbe erlaubt hätte, würde Guenn ihm mit einem wohlgezielten Schlag geantwortet haben, so war es Brauch in Plouvenec. Monsieur gegenüber, der alles von ihr verlangen konnte/ — 606 Verhielt sich die Sache freilich anders, aber umsonst hieß sie doch nicht Guenn Rodellec! Schnell wie der Blitz hatte sie sich ihm entwunden, stand in sicherer Entfernung strahlend und lachend da, und blickte ihm ohne die geringste Verlegenheit aber doch mit mädchenhafter Scheu in die Augen. Hamor zündete sich möglichst unbefangen eine Zigarette an als sei nichts geschehen und machte im stillen allerlei weise Betrachtungen. „Monsieur", brach Guenn zuerst das Schweigen — in ihrer Stimme lag das lieblichste Gemisch von Weichheit und Schalkhaftigkeit — „heut hasse ich auch das vierhundert- jährige Kind auf dem Kirchhof nicht mehr." „Run, das freut mich; es war auch sehr herzlos von Dir." „Tot ist tot, hin ist hin", meinte Guenn, leichtfertig mit den Fingern schnalzend, „und tvir find lebendig." „Du ganz gewiß, das kann Dir niemand absprechen." Sie lachte hell auf, ihr froher Sinn war znrückgekehrt. Sie !oar die alte Guenn und doch eine neue. Dieselbe uud doch so verschieden von ihreui früheren Wesen, aber frisch, furchtlos, bestrickend — wie es am besten zu ihr paßte. Hamor wünschte sich von Herzen Glück zu dieser Wandlung. „Wann werden wir aufangen?" fragte sie eifrig. „Ja, das hat noch feine Schwierigkeiten: ich muß erst mit Dir beraten." „Run?" drängte sie erwartungsvoll und nahm eine geschäftsmäßige Miene an. „Du weißt, ich möchte Dich im Boot stehend, an der Fähre haben, so wie ich Dich damals sah. Den Hintergrund könnte ich von einem Kahn aus malen, aber ließe sich-'s wohl machen, daß Du mir dort Modell ständest?" »Ich glaube kaum", lachte sie seelenvergnügt; „der Fährmann wiirde alle Augenblicke sein Boot brauchen, und ich müßte fortwährend aufsprinaen, um die Buben zu verjagen. Sobald bekannt würde, daß Guenn Rodellec an der Fähre Modell steht, versammelte sich wohl das ganze Dorf um uns zu sehen. Wenn es Jeanne wäre, möchte es angehen, aber bei mir nicht", setzte sie hinzu in dem Bewußtsein, das nur wahre Größe verleiht. „Du wirst wohl recht haben, Guenn, ich dachte mir's gleich — was sollten wir also tun?"' »Mir fällt etwas ein, Monsieur: malen Sie ruhig Ihre Mauern und die schlüpfrigen Stufen am Landungsplatz; wenn Sie mich dann brauchen, fahren wir hinüber nach den Lannions, wo uns der recteur schon helfen wird", rief Guenn zuversichtlich. „Guenn, Du bist ein wahres Genie, das ist ein herrlicher Einfall! Auf den Lannions habe ich auch gleich den Pfarrer, Du solltest wirklich Premierminister werden!" Das mutzte wohl jedenfalls etwas Angenehmes fein, wenn/sie auch keine Ahnung hatte, was — denn Monsieur sah sie dabei mit so beifälligem Lächeln an! Als Jeannes und Rannics Stimmen sich auf der Treppe hören ließen, sang Guenn bereits wieder in der heitersten Lanne: „Ah mon dien, que la vie-est amöre." Hamor aber ging sogleich eifrig daran, einen großen Bogen Papier zum Entwurf des neuen Bildes auf eknen Rahmen zu spannen. Während dieser Vorgänge im Atelier, hatte sich ein kleines, weißes Boot, aus der Richtung der Lannions her- kommend, dem Strande genähert; sein Insasse, ein dunkler Mann im schwarzen Prresterrock, ivar ans Land gestiegen, blickte mit gütigen Angen in jedes ihm bekannte Gesicht und tauschte freundliche Grüße mit allen, denen er begegnete. Thymert war mehrere Wochen nicht nach Plou- denec gekommen, heute endlich rief ihn eine Amtspflicht herüber, und dabei fiel ihm ein, daß er nicht länger zögern dürfe, Monsieur Hamor aufzusuchen. Besuche zu erwidern war eine Pflicht, die den Pfarrer nur selten drückte; auch heute folgte er weniger dem Gebot gesellschaftlicher Höf- uchkeit als dem Zug seines guten Herzens. „Wenn ich nach dem, was draußen vorgefallen ist, nicht zu Monsieur Hamor gehe, wird er glauben, ich sei beleidigt, und das vm ich wirklich nicht — für einen Fremden finde ich ihn recht liebenswürdig — deshalb will ich ihn aufsuchen." Der Pfarrer ging geraden Weges 'nach den Voyageurs, Um Madame zu begrüßen. Er erzählte ihr, was ihn heute paa) dem Dorfe geführt habe und fetzte hinzu: „ich ge- venke auch Monsieur Hamor meinen Besuch zu machen." „Das lvird für beide Teile ein Vergnügen sein", entgegnete Madame mit unerschütterlicher Ruhe. „Soll ich's ihm sagen?" fragte sie sich dabei im stillen, „nein, denn sonst geht er nicht hin und es ist jedenfalls besser, wenn er selbst zusieht, tote die Dinge stehen. Es ist keine Gefahr vorhanden, ganz und gar keine. Nur daß das Kind so viel Herz hat, ist nicht am Platze." Seit jenem Abend, als sie mit den jungen Mädchen unter der Tür gestanden und gesehen hatte, tote Guenns Augen rastlos jeder- Betoeguttg Hamors folgten, wußte die erfahrene Frau, daß trotz ihrer eigenen und des Priesters Bemühungen, das Kind seinem Schicksal nicht entgehen werde. Daß ihre Ahnung sich so schnell erMlen, Guenn sich so plötzlich fügen würde, hatte sie freilich nicht erwartet. „Sie werden es interessant finden in Monsieur Hamors Atelier", fuhr sie gegen den Priester gewandt fort, „ich war auf Monsieurs Bitte selbst einmal dort. Er hat mir auch versprochen, eine Wano im Speisesaal zu malen, ehe er von hier wcggeht. Jeder Künstler, der bei mir wohnt, müsse mir eigentlich solch ein Andenken hinterlassen." „Wie liebenswürdig von ihm", bemerkte Thymert, „auch mir will er für die Kapelle ein großes Gemälde anfertigen.'" Der Pfarrer sagte Madame Lebewohl und ging seines Weges. Als er art einer Gruppe strickender und plaudernder Mädchen vorüberkam, suchte er unwillkürlich nach Guenns- heiterm Gesichtchen, aber sie war nicht unter ihnen. Ein ängstliches Gefühl wollte ihn beschleichen, „aber nein", überlegte er, „wenn sie meiner bedürfte, hätte sie es mich wissen lassen. Sie hat mir ja ihre ehrliche, kleine Hand darauf gegeben!" Beruhigt schritt Thymert toeiter; die kleine Frau oben am Feuster sah neugierig, wie er in den Hof trat. Dann ging er die Treppe hinauf und klopfte kräftig an Hamors Türe. „Herein!" rief der Maler ungeduldig, ohne auch nur den Kopf zu wenden. Er war viel zu vertieft in seine Arbeit, als daß er danach gefragt hätte, ob der unwillkommene Eindringling Staunton, der Zimmermann oder sein neuer Freund, der Polizeihauptmann sei. Auch Guenn, ganz auf die ihr vorgeschriebene Stellung bedacht, hielt den Kopf von der Tür abgewandt. Nur Jeanne mit dem Strickzeug erhob sich knixend und blickte in stummem Erstaunen vori einem zum andern, während Nannic den Mund zu spöttischem Grinsen verzog. Guenn ließ das Ruder fallen, das sich hier auf dem Trockenen nur schwer handhaben ließ, und sprang Thymert freudig entgegen. „O, da ist er ja, Monsieur!" ries sie entzückt. „Run können wir ihn gleich um seinen Beistand für unser Bild bitten." Strahlend, frisch und rosig streckte oas junge Mädchen dem Priester beide Hände zum Willkommen entgegen. Dann blickte sie nach Hamor zurück und fragte mit glücklicher Miene: „Wollen wir ihm jetzt gleich alles sagen?" „Ihr lieber Besuch ist für mich die größte Freude, monsieur le cur6", rief der Künstler herzlich, „verzeihen Sie nut, daß ich Sie nicht besser empfangen habe, aber ich bin so daran gewöhnt, daß die Leute bei mir aus- und eingehen! Auch machte ich gerade eine wichtige Studie von Guenn — 'aber natürlich einer so unerwarteten Ehre gegenüber ist das völlig Nebensache". Er zog den 'Ehrensitz, den alten, eichenen Armstuhl hervor, und nötigte. Thymert Platz zu nehmen. „Lieber monsieur le eure", schmeichelte Guenn, ihn aufgeregt umflatternd tote ein kleiner Vogel, „nicht wahr. Sie helfen un8 bei unserem Bilde?" Thymert fuhr sich mit der Hand über die Stirn — zum erstenmal int Leben war fein gerader, einfacher Sinti völlig verwirrt. Wir? Uns? Unser? Was in aller Welt foHte das bedeuten? Guenn haßte doch die Fremden und Künstler, und hier fand er sie, diesem jungen Manne mit dem Siegerlächeln gegenüber, so froh und heiter, so strahlend vor" unschuldigem Glück, wie nie zuvor! Wie int Traum sah er die bekannten Gesichter. Die kleine Jeanne mit dem langen Strickstrumpf sanft und mädchenhaft wie immer, Hamors angenehme, freundliche Züge, Guenns rosige Farben und liebliche, lachende Augen. Plötzlich fiel! sein Mick jedoch auf den'Kistenberg, von dessen Gipfel ihn Nannics boshafte Fratze anstarrte. — Es geschieht häufig in diesem trüglichen, verworrenen Menschenleben, und vielleicht liegt eilt versteckter Segen betritt, daß unverfälschter Haß unsere Kräfte wach, ruft, wy unverfälschte Güte sie nicht zu stärken 607 Vermag. Thymert war auch aus Fleisch und Blut und die hämische Freude in dem verzerrten Gesicht des kleinen Buckligen, der sich ihm stets abgeneigt erwiesen hatte, brachte ihn zu sich selbst. „Ich komme Ihren neulichen Besuch zu erwidern, Monsieur Hamor", begann ex schwerfällig, aber mit einer gewissen, rauhen Würde. „Ich habe heute morgen im Dorfe zu tun, eS sollte mir jedoch leio sein, wenn ich Sie störe." „Ganz und war nicht — nicht wahr, Guenn?" sagte Hamor verbindlich und mit sonnigstem Frohsinn. „Wir machten nur eben einen Versuch Vielleicht gefällt es Ihnen, uns bei der Arbeit zu sehen?" „Ja", sagte er langsam, „ich möchte sehen, was hier vorgeht." Sein Blick gtttt unruhig in dem ganzen Raum umher, über die granitenen Fenstersitze, das glimmende Feuer inr Kamin, den Tisch mit den Buchern und Mappen, über Staffeleien und Paletten, Feldstühle und Draperien und alle das fremdartige Gerät und Zubehör des Künstlers. Was er sah, war wenig besorgniserregend — und doch vergaß Thymerts gequältes Herz nie den Eindruck, den er Lei diesem Besuch zuerst empfangen; niemals vermochte er anders als schaudernd daran zurückzudenken. (Fortsetzung folgt.) Männer in Frauenkleidern. Vor kurzer Zeit starb in Freienwalde ein 82jähriger Greis, der fast sein ganzes Leben lang Frauenkleider getragen hat. Der Mann, Namens Klemens Jung, hatte sich als junger Bursche bet einem unglücklichen Sturz eine schwere Verletzung am rechten Oberschenkel zugezogen, sodaß ihm das Bein abgenommen werden mußte. Als er geheilt war, schämte er sich, mit dem hölzernen Stelzbein vor den Leuten herumzugehen und zog deshalb Frauenkleider an, durch die sein Gebrechen mehr verhüllt wurde. Beinahe 70 Jahre lang ging der Mann, der von seinen Ortsgenossen „die alte Klementine" genannt wurde, in Frauenkleidern einher. Es ist dies wohl die seltsamste Ursache, wegen welcher ein Mann in seiner äußeren Erscheinung sein Geschlecht verleugnete. Indessen gab es und gibt es wohl heute noch zahlreiche Männer, die, sei es in einzelnen Fällen, sei es dauernd, Frauenkleider anlegten. Es hat Männer gegeben, die zu bestimmten Zwecken, so um ihre Verfolger auf der Flucht zu täuschen, Frauenkleider für kurze Zeit anlegten. So floh z. B der bekannte holländische Gelehrte und Staatsmann Hugo Grotius im Jahre 1621 in den Kleidern seiner hochherzigen Frau aus dem Gefängnis und rettete sich nach Frankreich. Und es hat andere Männer gegeben, welche zu anderen Zwecken der Täuschung die Maske der Frau annahmen, sei es als Spione im Kriege, sei es um Betrügereien auszuführen. So erregte beispielsweise im Jahre 1807 in England ein Gauner großes Aufsehen, der sich in Damenkleidern bewegte und insbesondere in Postwagen bei vornehmen Herren Diebstähle ausführte, nachdem er die betreffenden Opfer zu allerlei Liebenswürdigkeiten und zärtlichen Annäherungen veranlaßt hatte. Und derartige Gauner sind wohl oftmals vor- und nachher in großer Zahl bis auf unsere Zert ausgetreten. Weit interessanter aber ist das Gebiet der Männer in Frauenrollen auf der Bühne. In unserer heutigen Zeit wirkt die Darstellung einer Frauenrotte durch einen Mann wenn nicht gar unästhetisch, so doch höchst komisch, und nur zu komischen Zwecken legt der männliche Darsteller aus /der Bühne Frauenkleider an. Besondere Sensation erregte in dieser. Buchung der Schwank Charleys Tante, der vor zehn Jahren ettva von England nach Deutschland importiert wurde und noch heute manchmal gegeben wird, well die männliche Hauptrolle, eine Verkleidungsrolle, ungemein komisch wirkt. Auch auf den VariStübühneu treten oftmals Komiker in Damenkleidung auf, doch wirken diese sogenannten Damenimitatoven zumeist unästhetisch und widerlich. Der Unterschied zwischen diesen und den Daritellern der Hauptrolle von Charleys Dante liegt freilich auf der Hand. Die letzteren IvoHeit keine Frau in Wirk- ^chkeit darstellen, das Publikum, das die Jntrigue des Stückes kennt, ergötzt sich daran, wie im Stücke eine Person gesoppt wird dadurch, daß ein Mann, der jedem Zuschauer als Mann bekannt und erkennbar ist, sich, für eine Frau : ausgibt. Je weniger dieser Komiker ivirklich als Frau erscheint, je mehr seine linkischen Bewegungen in den Frauen- kleidern das Publikum immer wieder an den Mann erinnern, desto komischer ist die Wirkung der Rolle. Anders bei den Damenkomikern und Damenimitatoren, bel deren Auftreten der Witz darin liegen soll, daß sie durch Stimme, äußere Erscheinung und Allüren vollkommen den Mann zu verleugnen suchen und als Frau auftreten, um plötzlich dann am Schluffe ihrer Vorführung durch Rückfall ins männliche Organ sich als Männer zu decouvrieren. Alles das wirkt auf das feinere ästhetische Empfinden des modernen Geschmacks widerlich; das ist nuittsreilich nicht immer der Fall gewesen, die Anschauungen haben in dieser Beziehung vollkommen gewechselt. Es hat eine Zeit gegeben, wo die Bühne von Frauen überhaupt nicht betreten wurde und Männer in weiblichen Rollen aufttaten. Das englische Theater zuin Beispiel wurde erst ungefähr im Jahre 1760, unter Karl II., von Damen betreten, deren Rollen bis dahin von Knaben und deni Alter dieser nahestehenden Jünglingen gespielt worden waren. Der letzte Schauspieler, welcher sich in weiblichen Rollen als Knabe berühmt gemacht hatte, sodaß er der Liebling aller Damen war, lebte noch weit ins 18. Jahrhundert hinein und hieß Khnaston. Häufig fuhren die vornehmsten Ladys, wenn er die Rolle der Julia oder Cordelia gespielt hatte, mit ihm im Hydepark umher und weideten sich an seiner Grazie, Zurückhaltung und dem schönen Anstande, sowie an der Täuschung, von welcher das große Publikum befangen Ivar, wenn es den Knaben für ein junge, reizende Miß hielt. Als endlich in England auch die Frauen die Bühne betraten, erregte es zuerst sittliche Entrüsttmg, und ein Epi- gramni aus jener Zeit lautet: Da jetzt die Tugend farblos geht Unds weibliche Geschlecht selbst ohne Scham dastehk, So hat es sich den Männern zugesellt Und tritt nun im Theater auf fürs Geld. In Italien hatte sich diese Sitte noch am längsten ev- halten; noch im 19. Jahrhundert, und in der Oper bis in unsere Zeit hinein, wurden Frauenrollen von Männern gegeben. Goethe widmete be seinem zweiten Aufenthalt in Italien im Jahre 1790 dieser seltsamen Erscheinung eine längere Betrachtung. „Es ist kein Ort in der Welt", so meint er, „wo die vergangene Zeit so unmittelbar und mit so mancherlei Stimmen zu dem Beobachter spräche, als Rom. So hat sich auch dort unter mehreren Sitten zufälligerweise eine erhalten, die sich an allen anderen Orten nach und nach fast gänzlich verloren hat. Die Alten ließen, wenigstens in den besten Zeiten, keine Frau das Theater betteten. Ihre Stücke waren entweder so eingerichtet, daß Frauen mehr und weniger entbehrlich waren, oder die Weiberrollen wurden durch einen Aktgur vor- gestettt, welcher sich besonders darauf geübt hatte. Derselbe Fall ist noch in dem neueren Rom und dem übrigen Kirchenstaat, außer Bologna, welches unter anderen Privilegien auch die Freiheit genießt, Frauenzimmer auf seinen Theatern bewundern zu dürfen." Goethe findet die Ursache der Erscheinung, daß sich in Rom die Sitte am längsten erhalten habe, darin, „daß die neueren Römer überhaupt eine besondere Neigung haben, bei Maskeraden die Kleidung beider Geschlechter zu verwechseln". „Im Karneval", so erzählt er, „ziehen viele junge Burschen im Putz der Frauen aus der geringsten Klasse umher, und scheinen sich gar sehr darin zu gefallen. Kutscher und Bediente sind als Frauen oft sehr anständig und, wenn es junge, wohlgebildete Leute sind, zierlich und reizend gekleidet. Dagegen finden sich Frauenzimmer des mittleren Standes als Pulcinelle, die vornehmeren in Offiziersttacht gar schön und glücklich. Jedermann scheint sich dieses Scherzes, an dem wir uns alle einmal in der Kindheit vergnügt haben, in fortgesetzter jugendlicher Torheit erfreuen zu wollen. Es ist sehr auffallend, wie beide Geschlechter sich in dem Scheine dieser Umschaffung Vergnügen, und das Privilegium des Tjresias so viel als möglich zu usurpieren suchen." , „Ebenso haben", so fa$t Goethe dann weiter, „die jungen Männer, die sich den Weiberrollen widmen, eine besondere Leidenschaft, sich in ihrer Kun sb vollkommen zu zeigen. Sie beobachten die Mienen, die Bewegungen, das Betragen der Frauenzimmer auf das Genaueste; fie suchen solch« nachzuahmen, und ihrer Stimme, wenn sie auch den tiefen Ton nicht verändern können, Geschmeidigkeit und Lieblichkeit zu geben; genug, sie suchen sich ihres eigenen Geschlechts 608 so viel als möglich zu entäußern. Sie sind auf neue Moden so erpicht, wie J-rauen selbst; sie lassen sich von geschickten Putzmacherinnen herausstaffieren, und- die erste Aktrice eines Theaters ist meist glücklich genug, ihren Zweck zu erreichen. Was die Nebenrollen betrifft, so sind sie meist nicht zum besten besetzt; und es ist nicht zu leugnen, daß Colombine manchmal ihren blauen Bart nicht völlig verbergen kann. Allein es bleibe auf den meisten Theatern mit den Nebenrollen überhaupt so eine Sache; und aus den Hauptstädten anderer Reiche, wo man weit mehr Sorgfalt auf das Schauspiel tvendet, muß man oft bittere Klagen über die Ungeschicklichkeiten der dritten und vierten Schauspieler, und über die dadurch gänzlich gestörte Jllnsion vernehmen. Ich besuchte die römischen Komödien nicht ohne Vorurteil; allein ich sand mich bald, ohne daran zu denken, versöhnt; ich fühlte ein mir noch unbekanntes Vergnügen, und bemerkte, daß es viele andere mit mir teilten. Ich dachte der Ursache nach, und glaube sie darin gefunden zu haben, daß bei einer sülchen Vorstellung der Begriff der Nachahmung, der Gedanke an Kunst, immer lebhaft blieb, und doch das geschickte Spiel nur durch eine Art von selbst- bewußter Illusion hervorgebracht wurde. Wir Deutschen erinnern nns, durch einen fähigen jungen Mann alte Rollen bis zur größten Täuschung vorgestellt gesehen zu haben, und erinnern uns auch des doppelten Vergnügens, das uns jener Schauspieler gewährte. Ebenso entsteht ein doppelter Reiz daher, daß diese Personen keine Frauenzimmer sind, sondern Frauenzimmer vorstellen. Der Jüngling hat die Eigenheiten des weiblichen Geschlechts in ihrem Wesen itnb Betragen studiert; er bringt fte als Künstler wieder hervor; er spielt nicht sich selbst, sondern eine dritte und eigentlich fremde Natur. Wir lernen diese dadurch nur desto besser kennen, weil sie jemand beobachtet, jemand überdacht hat; nnd uns nicht die Sache, sondern das Resultat der Sache vorgestellt wird." Goethe schildert dann im weiteren noch, wie er die Locandieva von Goldoni von einem Jüngling dargestellt gesehen habe; die Rolle ist durch die Düse in Deutschland vielfach bekannt geworden — und Goethe meint, daß gerade in dieser Rolle, in der die unmittelbare Wahrheit durch eine Darstellerin vielfach empören müsse, ein männlicher Darsteller mit seiner Nachahmung mehr befriedige, und kommt zu dem Schluß, „daß, wenn nicht jeder sich daran ergötzen sollte, so findet der Denkende doch Gelegenheit, sich jene Zeiten gewissermaßen zu vergegenwärtigen, und ist geneigter, ben Zeugnissen der alten Schriftsteller zu glauben, welche uns an mehreren Stellen versichern: es sei männlichen Schauspielern oft im höchsten Grade gelungen, in weiblicher Tracht eine geschmackvolle Nation zu entzücken." Indessen hat man sich in Deutschland schon zu Goethes Zeiten schon lange von solchen Anschauungen entwöhnt- wie ja bekanntlich die wenig naturwahre Bühnenkunst Weimars stets angefochten wurde. Schon zu Goethes Zeiten benutzte man die Darstellung von Frauenrolleu durch Männer, ebenso wie die sogen. Beinkleiderrollen der Frauen, um Heiterkeit zu erregen, und einige Jahre nach GoekheA Tod war es einer der tollsten Bühnenschwänke, die auf allen deutschen Bühnen die größte Heiterkeit erregte, Das Fest der Handwerker, dieses noch heute zuweilen gegebene Possenstück „mit verkehrter Besetzung" darzustellen, d. h. die Männerrollen dnrch Frauen, die Frauenrollen durch Männer geben zu lassen, und bis in unsere Tage tauchte von Zeit zu Zeit solche Harlekiuade auf, in denen der Komiker sich Franenkleider anlegte. Kurz vor Charleys Tante wurde ein deutscher Schwank, betitelt Amerikanisch, gegeben, in dem mit demselben Mittel der gleiche komische Effekt erzielt wurde. Im Zirkus und auf der Spezialitätenbühne soll es übrigens heute noch nicht selten vorkommen, daß Männer in weiblicher Verkleidung in allen möglichen Künsten sich zeigen. Bei einem Zirkus wirkte auch der bekannte Zirkusschriftsteller Emil Mario Vacano einst als „Signora San- gumetta". Der seltsamste Mann, der je in Frauenkleidern lebte, war der bekannte Chevalier d'Eon, von dem es freilich nicht ganz feststeht, ob er eine Frau oder ein Mann gewesen. Die neuesten Forschungen neigen der zweiten Annahme zu. Er tourbe int Jahre 1723 zu Tounerre in Bour- gogne geboren unv tour De, nachdem er die Rechte studiert hatte, vom Prinzen Conti dem Könige Ludwig XV. für den diplomatischen Dienst empfohlen. Bei verschiedenen Gelegenheiten trat er schon in diesen diplomatischen Missionen, die ihm nun übertragen wurden, in Frauenkleidnng auf. Später muß er dann auf ausdrücklichen Befehl Ludwigs XVI. weibliche Kleidung dauernd tragen. Seit dem Jahre 1783 lebte er wieder in Loudon und ernährte sich durch Fechtunterricht, doch ging er stets in Damenkleidern, glich auch in seinem völlig bartlosen Gesicht und mit seiner zarten Gestalt einem Weibe. Er starb in London im Jahre 1810. Völlig aufgelöst ist das Rätsel seines Lebens nie, und trenn auch neuerdings festznstehen scheint, daß er zu den Männern gehörte, die in Weiberkleidern ein!)ergingen, so bleibt es umsomehr rätselhaft, toarum dies geschehen. Literarisches. — Friedrich Hebbels sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe besorgt von Richard Maria Werner. 12. Bde. Berlin, B. Behrs Verlag, Steglitzerstr. 4. — Die Hebbelausgaben mehren sich in einer für die Verehrer des großen Dithmarschen erfreulichen Weise; ob wir ihre zunehmende Zahl als gütigen Maßstab für das im Volke der Dichter und Denker vorhandene Verlangen nach dem Besitze des getoattigen, geistigen Schatzes, den der Name Hebbel bezeichuet, nehmen dürfen? Em lecher Zweifel ist leider berechtigt. Denn Hebbel, der unnahbare Bergriefe, der so lange nur kühnen, schwindelfreien Bergsteigern, die herbe Höhenluft vertragen und an Abgründen vorüberzuwandeln keine Scheu haben, zugänglich war, wird wohl noch eine zeitlang den Scharen der leichten Genuß begehrenden Spaziergänger als ein zu mühsames Ziel erscheinen. Indes haben die Zeit und begeisterte literarische Pioniere manchen Pfad geebnet und Viele zum tieferen. Verständnis des großen Denkers und Dichters hingeleitet; und mit dem Verständnis wird auch die Liebe kommen. Das Wort, das ein bekannter liebenswürdiger Dichter unsrer Tage über den Dichter der „Judith" und der „Nibelungen" sprach, dessen „Phantasie unter dem Eise brüte", muß allmählich seine abschreckende Kraft verlieren. Jede neue Hebbel-Ausgabe dürfen wir freudig begrüßen als eine erneute Anregung, als ein Werben für den noch immer zu wenig gewürdigten Dichter, das nicht ohne jeden Erfolg bleiben kann. - Die große von dem Lemberger Professor Werner besorgte Hebbel-Ausgabe, die unlängst fertig geworden ist, überragt natürlich alle anderen Ausgaben unt ein Bedeutendes. Werner hat wohl keine Zeile übersehen, die Hebbel geschrieben hat, und ist mit der ganzen Gründlichkeit bei der Herausgabe verfahren, die man von jeljer dem deutschen Gelehrten nachrühmt. Die Einleitungen des Herausgebers zu den einzelnen Hauptwerken tote zu den kleineren Schriften, sind klar und verständig und vor allem tiefgründig. Der echte Hebbelverehrer wird fortan me mehr zu einer der dielen vorhandenen Auswahlen feiner Werke, sondern nur noch dieser vortrefflichen Gesamtausgabe des eigenartigen Dichters greifen, der auch tu feinen Irrtümern groß und lehrreich bleibt. Worträtsel. Nachdruck verboten. Der erste zieht durch schöne Zweite Mit nimmermüden Wandersinn. Mit hundert Sagen im Geleite lind tausend Liedern zieht er hin. . Fügt sich das erste Wort zum zweiten. Dann bin ich's selbst ich deutscher Mann. Und willst du mich zum Ball begleiten, Zeig ich dir, wie man's tanzen kann. (Auflösung in nächster Nummer.) Austösung des Magischen Dreiecks in vor. Nr.: M E I I N N SOHN ELISA Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Aerlag der Brndl'schen Univerkitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.