HBW mb® WUfti iwMT K M 1903c — Nr. 136 Samstag önt 12. September. (Nachdruck verboten.) Les IWkrmUchtii m tztt Brckßye. .Von B. W. Howard. (Fortsetzung.) Plötzlich ward Hamor, durch ein heftiges Drängen der Menge, in den inneren Kreis gestoßen und sah sich mit einemmale vom unbeteiligten Zuschauer in eine handelnde Person verwandelt. Dicht vor ihm waren zwei Männer in einer rohen, wüsten Rauferei begriffen. Tie Umstehenden folgten dem Vorgang mit Aufmerksamkeit, doch wagte keiner sich hinein- zumischen. Ter eine der Kämpfer, ein untersetzter Seemann zwischen 40 und 50 Jahren, Ich lug in sinnlosem Zorn aus seinen Gegner ein, der, obschon jünger und weniger stark, doch ganz wacker das Feld behauptete. Beide waren augenscheinlich stark betrunken. Hamor beobachtete sie mit Widerwillen und Abscheu, nur niühsam unterdrückte er den Wunsch, selbst handelnd einzugreifen. So lange sie sich ihrer natürlichen Waffe, der Faust, bedienten, hielt er sich indes zurück, aber als es denr kleineren der Kämpfenden gelungen war, seinen Widersacher zil Boden zu werfen und er nun unfing, ihn mit den Sabots zu bearbeiten, fühlte er sich plötzlich von hinten gepackt, eine unnachgiebige Hand preßte ihm die Ellbogen kräftig zusammen und hielt ihn trotz seines wütenden Sträubens wie int Schraubstock gefangen. Unterdessen hatte der zu Boden Geworfene wieder festen Fuß gefaßt und holte aus, um seinem jetzt wehrlosen Feind einen Schlag ins Gesicht zu versetzen. „Zurück Tu elender Feigling!" rief Hamor mit auf- .steigendem Lorn. „Haltet ihn zurück, Ihr Leute, hört Ihr utzcht?" wandte er sich dann an die gasfeirde Menge. Durch einen drohenden Blick aus dem Auge des Angreifers aufmerksam gemacht, hatte er gerade noch Zeit, seinen Ge- jentgelten sowie sich selbst durch eine rasche Wendung vor einem neuen Schlage zu schützen. Zugleich bemerkte er jedoch am Aufhören aller weiteren Feindseligkeiten, daß ihm von anderer Seite her Hilfe gekommen sein müsse. Schnell wandte er sich um und sah, wie ein großer, dunkler Mann E ^sh'I^rrock den trunkenen Schiffer, nicht vermöge seiner aerstlichen OLepgewalt, sondern mittelst seiner außerordent- hindert ' ^^kblkraft, an der Fortsetzung des Kampfes ver- _ sagte der junge Priester, „laß ab vom Streit, Tu stehst ja, rch btn stärker als Du und ich gebe Dich erst [rex'0an& ruljig nach Hause gehen willst; Du sprechen unterwegs, denn wenn Du sprichst, fängst Du doch wieder an zu streiten, sei ruhig und geh' heim. Damit führte er den fast Willenlosen durch die Menge tn der Richtung seines Heimwegs. Wie ein echter Seemann mjt wiegendem Schritt, kehrte der Priester darauf zurück, der seinen finster dreinblickenden Gefangenen inzwischen sreigegeben hatte. „Geh auch Du heim, Rodellec!" sagte er in bestimmtem, festem Tone, „Du hast heute gemtgj gehabt vom Fischfang, vom Trinken Und vom Raufen^ schlafe Deinen Rausch zu Haus aus." Das Licht der nächsten Laterne fiel voll auf sein ernstes, eindrucksvolles Antlitz. Rodellec weigerte sich, unter Flüchen und Drohungen/ er wolle Hoel den Schädel eiuschlagen, sowie jedem, der es! wage, ihm noch einmal in den Weg zu treten. Auf die Arme seiner Freunde gestützt, mit unheildrohender Miene und geballten Fäusten rückte er aus Hamor an. „Mit Euch lasse ich mich! in keinen Kampf ein", sagte der junge Mann ruhig und kalt. „Wir sind ja nicht in Hader mit einander. Sehe ich! Euch aber einen Menschen init den Sabots tut Gesicht herumtrampeln, so werde ichs Euch verwehren, wenn ich kann." „Verdammter Kerl", ries Rodellec vorwärts dringend. Ter Priester, der kein Auge von den Beiden verwandt hatte, trat jetzt an Hamors Seite. „Geh heim, Rodellec", wiederholte er streng und gebieterisch, „Du weißt, Du darfst mir nicht trotzen. Eilt Priester kämpft nicht, das weißt Du recht gut, wenn Du! nüchtern bist, er verwehrt aber anderen das Raufen, wenn er die Kraft dazu hat, und zum Glück ist das manchmal der Fall." Er richtete seine stattliche Figur zu ihrer ganzen! stolzen Höhe empor. Heftige Verwünschungen murmelnd/ verließ jetzt Rodellec schwankenden Schrittes den Scham» platz seiner Taten. Eine kleine Gestalt schlüpfte eilig durch die Menge und folgte ihm. Es war Hamors zürnende Widersacherin, das Mädchen mit dem offenen Haar, er erkannte sie an ihren Augen. Jetzt war die schimmernde Pracht unter dem'seltsamen weißen Häubchen verborgen, welches das junge Gesicht aufs lieblichste umrahmte. Sie begegnete seinem Auge mit einem harten, feindseligen Blick, wohingegen sich der Priester eines warmen Lächelns zu erfreuen hatte. „Bon soir, monsieur le recteur", sagte sie mit einem kleinen Knix und war auf und davon. Hamor bemerkte, wie der Pfarrer ihr mit sinnendem Ausdruck nachschaute, „Monsieur le eure", wandte er sich freundlich zu dem Geistlichen, „endlich komme ich dazu, Ihnen zu danken für —" „O, das ist nicht der Rede wert, ganz und gar nicht", suchte der Geistliche abzuwehren; schien und fast linkisch erschien jetzt sein Benehmen, er war nur noch der einfach« Landpfarrer, der dem Fremden mit schlecht verhohlenem! Mißtrauen und allen Vorurteilen seiner Rasse gegenübertrat, „es war wirklich nicht viel, was ich getan", wiederholte er in sichtlicher Verlegenheit. „Ich gebe ja zu, daß es nicht viel war", entgegnete Hamor mit seiner ganzen natürlichen Liebenswürdigkeit, „aber ich muß sagen, daß, was auf dem Spiele stand, für mich von einigem Wert ist; handelte es sich doch! um meinen Kopf! Ich war sehr froh, als ich einen so mächtigen Verbündeten mir zur Seite hatte." Der Priester lächelte. 542 „Monsieur hat sich tapfer gehalten, Rodellec ist sehr park. — Sie sind ein Fremder? Ein Engländer vielleicht?" „Nur der Sprache nach, ich bin Amerikaner, doch das ist für Sie wohl ein und dasselbe?" „O nein, im Gegenteil; ich nehme das größte Interesse an Amerika, und habe erst kiirzlich die Geschichte Ihres Krieges gelesen. Hat Monsieur sein Vaterland schon lange verlassen?" setzte er höflich hinzu. Humor erwiderte, daß er Künstler sei, mehrere Jahre in Paris studiert habe und erst heute inPlouvenec angekommen sei. „Umsomehr bedauere ich, daß Sie einen so bösen Willkommen hier hatten." Der Geistliche war nun nicht mehr scheu, sondern sprach mit liebenswürdiger Offenheit. Sein gebräuntes Gesicht trug einen fast strahlenden Ausdruck, als er hinzusetzte: „Unsere Seeleute find sonst keine üblen Burschen, ivenn — sie nicht betrunken sino." „Aber sie sind das wohl meistens?" warf Hamor ein. „Nun ja, sehr oft — saft immer nach einem guten Fischzug", war die ehrliche Erwiderung. „Es war ein eigenartig fesselndes Bild heute abend." „Finden Sie das, Monsieur?" fragte der Priester lebhaft; ich — ich liebe dieses Bild, aber ich bin freilich ein Bretagner, ich gehöre zum Volke, ich lebe in diesem Treiben, ich fühle den Pulsschlag des Volkes in meinem Herzen schlagen." „Und ich?" fragte Hamor lächelnd, „glauben Sie, daß jch nicht auch niit dem Volke fühle?" . „Vielleicht, Monsieur — wie ein Arzt, der den Pulsschlag zählt und beobachtet." „Nun ja", gab Hamor lachend zu, „gleich von vornherein kann ich freilich nicht alles mitfühlen. Aber wenn mein Herz auch noch nicht richtig schlägt, so bin ich doch heute fast selbst geschlagen worden." Verzeihen Sie, Monsieur, ich vergesse nur allzu oft, daß Fremde, denen das Ganze als ein Schauspiel erscheint, anders urteilen müssen als wir. Ich bin wenig an den Umgang mit Fremden gewöhnt", fügte er mit einer Bescheidenheit hinzu, die Hamor bezaubernd fand. „Sie wissen jä, Monsieur, wir Bretagner sind halsstarrige, vorurteilsvolle Menschenkinder." „Nun, wir Amerikaner nicht minder, monsieur le eure! Wie nannten Sie doch den Mann, meinen Mann — Rodellec, nicht wghr?" „Ja, Monsieur, Herds Rodellec." „Und ist das junge Mädchen seine Tochter?" Der Geistliche wendete sein Gesicht vom Licht ab. „Das war Guenn", sagte er leise, „Guenn Rodellec." „Eine ganz ausfallende Erscheinung, ein wunderschönes Mädchen!" rief Hamor voll Künstlerenthusiasmus. Es entstand eine etwas verlegene Pause, dann sagte der Pfarrer hastig: „Verzeihen Monsieur, aber ich sehe, die Leute da drüben wünschen mit mir zu sprechen, ich habe die Ehre, Monsieur einen guten Wend zu wünschen." „O, ich möchte Sie um glles nicht aufhalten", entgegnete Hamor herzlich, „aber wollen Sie wir gestatten. Sie auszusuchen? Obwohl ich nur ein Fremder bin, werde ich binnen kurzem doch ein regelrechter Bretagner werden." „Monsieur ist zu freundlich", versetzte der Pfarrer zögernd; „aber ich wohne nicht in Plouvenec, Sie müßten sich nach meinen Inseln bemühen. Erlauben Sie —" damit händigte er ihm mit höflichem Wschiedsgruß feine Karte ein, und ging raschen Schrittes davon. Hamor besichtigte die Karte bei der nächsten Laterne und las: Thymert, Recteur des Lannions. ' „Recteur des Lannions" — was das auch sein mag, er ist ganz der Typus, den ich suche. Monsieur, ich gehöre zum Volke.' Was für eine wahrhaft imponierende Haltung er i bei hatte, und den Stolz eines Kardinals." Mit wohlzufriedenem Lächeln ging Hamor nach dem Wirtshaus zurück. Er glaubte fest an seinen Glücksstern. 2. Kgpitel. Everett Hamors hervorragendster Charakterzug war ein unbeschränktes Vertrauen in seine Zukunft. Die Hoffnung auf Ruhm und Größe, die ihn während einer langen Zeit der Entbehrungen, wie sie jungen Malern von 26 bis 27 Jahren nie fremd zu sein Pflegt, aufrecht erhielt, hatte in ihm den brennenden Ehrgeiz erweckt, sein künstlerisches Ideal zu erreichen, und diesem Ehrgeiz war er geneigt, alles Lis aufs letzte zu opfern. Bisher freilich hatte das Leben «och keine schweren Opfer von ihr"' verlangt, sondern ihn, wenn auch auf Umwegen, ruhig und sicher bis zu seiner jetzigen Lage geführt. Seine Kindheit war wie die eines amerikanischen Knaben verflossen, der in einer Universitätsstadt aufwachst, in welcher sich seine Vorfahren seit mehreren Generationen aufs rühmlichste ausgezeichnet haben. Der Einfluß, den solche gesicherte häusliche Verhältnisse ausüben, begleitet den! Menschen aus seiner ganzen ferneren Laufbahn. Als Hamor feine Studien begann, war er ein physisch und moralisch etwas verzärteltes Muttersöhnchen. Bis dahin hatten ihn nur feine, gütige und kluge Frauen beeinflußt; kein Wunder, daß er im Anfang oft rauhen Berührungen mit der Außenwelt ausgesetzt war, die ihn teils verletzten, zum Teil ihm aber auch sehr dienlich waren. Leider verträgt es sich mit der Wahrheitsliebe seines Biographen durchaus nicht, zu behaupten, Hamor habe sich in seinen vier Universitätsjahren durch Fleiß und hervorragende Leistungen ausgezeichnet. Seine Fähigkeiten blieben unbestritten, aber es läßt sich nicht leugnen, daß er keine derselben besonders ausbildete.' Damals lag ihm der Gedanke, Maler zu werden, noch fern, und etwaige Träume von Künstlertum wurden durch die ihn umgebenden Familientraditionen im Keime erstickt. Seine Vorfahren waren alle ernste, strenge Gelehrte gewesen, die in ihrer Bücherwelt lebten und wirkten, es war — Gott sei Dank — keinem von ihnen eingefallen, Künstler werden zu wollen. Nicht daß man in seiner so gebildeten Vaterstadt kein Interesse für die? alten Meister oder keine guten Kupferstiche an den Wänden gehabt hätte. Aber diese alten Meister waren doch alle Ausländer gewesen, und in den kritischen Augen jener gelehrten Klasse war der Begriff Künstler von dem deD Schmieranten nur wenig unterschieden. Es waren freilich liebenswürdige angenehme Leute darunter, aber man würde? sich besonnen haben, ihnen seine Tochter oder seine silbernen! Teelöffel amzuvertrauen. Wenn auch hier mancher Knabe davon träumte, Zirkusreiter, Seemann oder Künstler zu werden, so hatte man doch noch jeden, bei richtiger Bex- handlung, zu einem würdigen Mitglied seiner Familie auf- gezogen. — Daher kam es, daß Hamor, als er heranwuchs, sich sehr vernünftig sagte, die Malerei sei wohl kein für ihn passender Lebensberus; er beschloß daher, sich einem! anderen Erwerbszweig zuzuwenden. Freilich hatte er diese Entschlüsse gefaßt, ohne den inneren Kern seiner Natur zu kennen. Nach Beendigung seiner Studien war er noch eben so unklar über die Wahl eines Berufes, wie beim Beginn derselben. Heiter, lebenslustig und mit einem glücklichen Leichtsinn begabt, nahm er sich vor, einstweilen alles deut Schicksal anheimzustellen, und vorerst daran zu gehen, seinen Charakter, der ihm schwankend und unbeständig erschien, zu stählen u ild zu festigen. Er beschloß also, fortan selbst für seinen Unterhalt zu sorgen und zog westwärts, wo er Arbeit, Abenteuer, Entbehrungen und Gefahren im reichsten Maße sand. Einmal war er Ladengehilfe, eine Stellung, die er Zeit seines Lebens verwünschte, dann wiederum hielt er Schule in einer Hinterwäldler Niederlassung, wobei ihm sein angeerbtes pädagogisches Talent sehr zu statten kam. Er erweiterte seine Kenntnis der menschlichen Natur durch die nahe Berührung mit den Gewohnheiten von Indianern, Chinesen, Abenteurern und allerlei Vagabunden. Er lernte auf ungesattelten Pferden reiten, den Lasso werfen, das Gewehr und seine Fäuste gebrauchen. W!enn schon zwei solche Nomadenjahre für einen Mann von Hamors Temperament nicht in ledem Sinne zuträglich sein konnten, so hatte er doch fern Ziel erreicht: er wußte nun was er wollte, und sein Charakter war gestählt. In den Bergen und den endlosen Wäldern hatte ihn die Natur und sein eigenes Herz über seine wahre Bestimmung ausgeMrt; jetzt endlich fühlte er, daß er für die Kunst geboren, daß der Malerberus der glühende Wunsch seiner Seele sei, der einzige, in dem er auf Glück und Befriedigung hoffen durfte. Er fühlte aber auch, daß er. keine Zeit mehr zu verlieren habe; nachdem er die notwendigsten! Angelegenheiten geordnet hatte, schiffte er sich nach Frankreich ein. Nun folgte auf sein Hinterwäldlerdasein das Pariser Leben; das stete, unausgesetzte Studium, auf die große Mannigsaltgkeit seiner bisherigen Beschäftigungen; aber es war eine Arbeit, die ihn mit der reinsten Freude und Begeisterung erfüllte. Seine technische Ausbildung, das Trerben in den großen Ateliers unter seinen ehrgeizigen, eifriges Genossen, das kurze, schwerwiegende Wort der Krrtik aus t>43 dem Munde großer Meister, das den jungen Künstler so hoch beglücken kann, das waren jetzt für Humor die wertvollen Güter, nach denen er strebte. Man betrachtete ihn allgemein als einen vielversprechenden Künstler, seine Kameraden hielten große Stücke auf ihn, aber größer noch als ihre Hoffnungen war Humors Glaube an sich selbst. (Fortsetzung folgt.) Das Rauhe Haus. 1833—1903. Unter den Gedenktagen dieses Jahres darf einer nicht vergessen werden, der äußerlich zwar unscheinbar, doch der fruchtbaren Keim für die großartige Bewegung der Barmherzigkeit unter uns, die zu den edelsten und erfreulichsten Zügen unserer Zett gehört, bildet: die Gründung des Rauhen Hauses in Hamburg. Es war am 12.,September des Jahres 1833, als der Kandidat Johann Hinrich Michern in einer Rede die Herzen der Hamburger für die Rettungsarbeit an den Kindern begeisterte. Schon am 1. November 1833 konnte er mit Mutter und Schwestern in das kleine, strohgedeckte, ihm von dem edlen Syndikus Sieve- king dafür geschenkte, Haus, welches von alters her (jedenfalls nach seinem früheren Bewohner) den Namen „Ruges Haus" trug, einziehen. Tie Liebe zu den gefährdeten Kindern trieb ihn, statt sich um ein Pfarramt zu bemühen, diesen Weg zu gehen, von dem er wußte, daß er nach dem Sinne dessen war, der gesagt hatte: „Ich bin gekommen, zu suchen und selig zü machen, was verloren ist!" Im Besuchsverein in Hamburg, dem Kandidat Wichern angehörte, war der Gedanke der Begründung eines Rettungshauses zuerst laut geworden. Gott hat dann die Wege geebnet. Klein war der Anfang des Rauhen Hauses. Erst waren es zwei, dann fünf KUaben, denen Wichern Vater und Lehrer zugleich war. Mit seinem durch Liebe, fleißiges Studium und reiche, persönliche Begabung geschärften Blick schaute er tief in die Herzen d'er Kinder und" wußte jedem das zu geben, was ihm not tat. Bald staunten die, welche vorher über den wunderlichen Kandidaten die Achsel gezuckt hatten, über das, was er bei den ihm anvertrauten Kindern erreichte. Aber so wie er, wußte auch keiner die biblischen Geschichten zu erzählen, das Lied im Haus zu pflegen, durch Spiel und Arbeit zu erziehen! So wuchs in kurzer Zeit neben dem kleinen Haus eins ums andere. Fast in jedem Jähre wurde ein neues Haus gebaut: die KUaben selber waren dann Handlanger und Mithelfer. Aber warum nicht ein großes Anstaltsgebäude, warum so viele kleine? Wichern wußte, was er tat, wenn er so baute. Wie Gott das Kind in die Familie setzt, damit die Eltern jedem Kinde und seiner Art gerecht werden, so wollte Wichern nur kleine Gruppen von Kindern unter der Leitung einig Mannes vereinigen, damit jedes Kind nach keiner Art behandelt werden könnte. Darum ordnete er die Knaben in kleine Gruppen, die er Familien nannte. Jede Familie zählt nur 12 bis 16 Knaben und wird von einem Müder geleitet, dem noch ein oder zwei Gehilfen zur Seite stehen, die auch Brüder sind. Diese frommen jungen Männer kamen aus allen Landesteilen auf seinen Ruf zu Wichern, um ihn in seiner Arbeit zu unterstützen. Sie wurden von den Kindern Brüder genannt und sollten, wie die älteren Brüder in einer Familie, den Kindern vorbildlich vorangehen und für guten Geist in der Familie sorgen. Sie selbst empfingen Unterricht und wurden so für den Dienst in kleineren Anstalten, in der Stadtmission undGefangenen- pflege, in Herbergen zur Heimat und Arbeiterkolonien vorbereitet; kurz, die erste deutsche Brüderanstalt wurde von Wichern in die Erziehungsanstalt des Rauhen Hauses hinein- gebaut. Schon im Jahre 1852 sah sich Wichdrn dazu gedrängt, ernen weiteren Schritt vorwärts zu tun. Vermögende Eltern erbaten auch für ihre Kinder Wicherns Hilfe. So sah er sich veranlaßt, für sie das Pensionat zu gründen, in welchem die Kinder eine höhere Schulbildung empfingen und unter Leitung junger Theologen standen. Auch im Pensionat, nm das sich.D. Johannes Wichern, der Sohn, besonders verdient gemacht hat, wurde das bewährte Fa- mrlrenprinzip beibehalten. Schließlich ging man auch dazu «oer, Handwerker- und landwirtschaftlichen Lehrlingen, die aUe schon konfirmiert sind, int Rauhen Hause die Möalich- kert der Aufnahme zu schaffen. Aus schott lange vorhandenen Arbertsstatten wnrden fachkundig geleitete Arbeitsbetriebe für Schlosserei, Schuhmacherei, Tischlerei und Druckerei. 2 bis 4 Lehrlinge werden in jedem dieser Betriebe ausgebildet. Sie alle zusammen bilden die sogen. Handwerkerfamilie im Handwerkerhaus. Neben ihm liegen die Arbeitsstätten der Oekonomielehrliuge, die in zwei Familien, int „Bienenkorb" und int „alten Rauhen Hause" untergebracht sind. Ein großes Schulhaus dient allen diesen Zweiganstalten: hier haben die Zöglinge des Pensionats, Pensionäre genannt, ihre Realschule; hier empfangen die Handwerker nnd die landwirtschaftlichen Zöglinge ihren Unterricht; hier besnchen die Zöglinge der KinderanstaU die Elementarschule; hier haben die Brüder, die in den 13 Knabenfamilien zerstreut wohnen, in zwei Klassen Unterricht. Weltbekannt sind die Produkte der Buchhandlung und der Druckerei, der sogen. „Agentur des Rauhen Hattses". Außer dem Schulgebäude dienen noch ein paar Häuser der ganzen Anstalt und bereit Familien: da ist zunächst das Wirtschaftsgebäude, in dem für die rund 200 Knaben und die 35 Brüder, die unverheirateten Lehrer und einen Teil der sonstigen Angestellten der Anstalt gekocht wird. Es ist kein geringes Stück Arbeit, die verschiedenen Tische wohl zu bedenken und jedem das Seine zukommen zu lassen. Einer der älteren Brüder mit seiner Frau leitet den Dienst. Dann das Krankenhaus, „Baracke" genannt, in dem ein luftiger Saal und mehrere einzelne Zimmer für etwaige Kranke der Anstalt bereit sind. Zwischen diesen Häusern steht ein Bau mit einem Türmchen, davor ein anderes mit hohem Giebeldach, dort ist der Betsaal, in dem sich jeden Morgen und Abend die ganze Hausgemeinde versammelt. Hier bringt der Hausvater, der in der „grünen Tanne" wohnt, — seit September ist es Pastor Hennig — seiner Austaltsgemeinde täglich Gottes Wort; da gedenkt man jedes einzelnen Muders und Knaben, der seinen Geburtstag feiM, in herzlicher Fürbitte; da feiert man Kaisers Geburtstag) Weihnachtsfest, Konfirmation und Erntedankfest. Neben der geistigen und geistlichen Pflege der Knaben kommt die körperliche nicht zu kurz. Mitten in der Ost- &des Anstaltsterrains liegt ein Teich, im Winter der nelplatz der Schlittschuläufer. Im Hintergründe der westlichen Hälfte erhebt sich ein stattlicher Bau, in dessen Erdgeschoß sich die Turnhalle weitet. Da drinnen stehen neben den Turngeräten die Gewehre, die der Anstalt vom Kriegsminister zugewiesen sind; mit ihnen wird fleißig exex. ziert. Auf der Westseite der Anstalt dehnt sich endlich, von stattlichen Bäumen umgeben, der Spielplatz, das Gehölz. Da werden Fnßballschlachten geschlagen; allerlei Spiele fördern die Geschicklichkeit und Behendigkeit der jungen Knaben. Wer die Hunptsache: Die ganze Anstalt ist ja ein großer Garten, tu welchem jede Familie ihr besonderes Stück Gartenland nnd jeder Küabe sein eigenes Gartenbeet hat. Mehr als 2500 Zöglinge sind im Laufe von 70 Jahren durch die Anstalt gegangen, von denen manche als tüchtige MäNner mit gefestigtem Charakter wieder in das Rauhe Haus kommen, um die Stätte ihrer Jügendjahre, welcher sie das Beste verdanken, wiederzusehen, oder auch um sie ihrer lieben Frau zu zeigen. Mehr als 330 Brüder sind von hier ansgegangen, die draußen int weiten Vaterlande zerstreut, in den verschiedensten Anstalten, Herbergen zur Heimat, Rettungshäusern usw. in Arbeit stehen, in denen sie das an unzähligen Menschen verwerten durften, was sie int Rauhen Hause üben und lieben lernten. So ist in der Tat das Rauhe Haus eine rechte Segensstätte und eine Pflanzschule der barmherzigen Liebe geworden, von der viel Segen weithin in alle Lande gegangen ist. Die Schweizer Reise mit Hindernissen. Ein von einer Schweizer Reise heimflüchtender Leser sendet der „Frkf. Ztg." folgenden, „der Wirklichkeit nach- erzählten" poetischen Stoßseufzer, der die Berichte über den enormen Reiseverkehr dieses Jahres bestätigt und in den Herzen vieler Leidensgenossen ein Echo wecken dürfte: Die Schweizer Reise. Schön ist Mutter Natur deiner Erfindung Pracht, Hättest ott nur dazu stets herrliches Wetter gemacht! Petrus, schütte nur zu, ich kenn' deine Tücken bereits, Wetter, sei wie du willst, auf geht's in die bergige Schweiz) Aus nach St. Moritz, die Fahrt fängt zwar mit Regen mir "an, 544 Störte mir nicht den Humor, kam so zur Albula-Bahu! War doch die reizendste Fahrt, wild und doch lieblich zugleich Steigt aus der irdischen Flur ans in der Wolken Bereich. Führt aus der Tunnel Geheg immer zum reißendsten Bild, Schließt sich der Vorhang und dann lachet ein herrlich Gefild. Schließt sich der Vorhang, und bang gähnet ein Abgrund uns an. Schließt sich der Vorhang und wild brausen Gewässer heran. Wohl an die vierzig und mehr wechselnde Bilder wir sah'n. Nimmer vergesse ich dich, einzige Albula-Bahn! Uns begegnet ein Zug, kam von da oben zurück, Und es erstrahlte daraus sichtlich der Reisenden Blick! Doch — 's ist ein spöttischer Strahl: „Sagt, ist's dort oben auch schön, Wie man's erhofft und erträumt?" — „Fahrt nur, ihr werdet's ja seh'n, Fahrt nur, wir wünschen euch Glück, bleibet. zu lange nicht aus!" Und es kam über uns all ahnungsvoll mahnend ein Graus. Oben Samaden, es grüßt Gletscher und Alpe so schön, Aus nach St. Moritz soll schnell unsere Wanderung geh'n! „Wie? — Nach St. Moritz? — Da gibt's nicht mehr ein einziges Bett! Schlafen dort viele auf Heu, finden das immer noch nett!" „Nun denn, so führt unser Weg nach Pontresina hinein!" „Nach Pontresina? O weh! Was fällt Ihnen, Bester, denn ein? Schlafen dort viele im Stall und in den Wannen im Bad I Viere zusammengedrückt, daß nur ein Plätzchen man hat!" „Nun denn, so bleibe ich hier, isst doch Samaden auch schön!" „Das wär' vergebliche Müh', müssen wo anders hingeh'n, Alles ist hier überfüllt, und ich versich're auf Ehr', Kommen können noch viel — schlafen kann keiner hier mehr!" Schön ist Mutter Natur deiner Erfindung Pracht, Hätte die Häuser man nur oben noch größer gemacht! Nützt keine Klage mir mehr, alles ist eiteler Wahn, Führe zurück mich in Eil', herrliche Albula-Bahn; Trösten soll mich Luzern! — Aber dort wurde ich wild, Tenn von Hotel zu Hotel hieß es: „'s ist ganz überfüllt!" Traurig fahr' ich nun heim, herrliche Schweiz, lebe wohl, Fahre im folgenden Jahr bis an den nördlichsten Pol, Finde vielleicht dort ein Nest! Leser beherz'ge die Lehr': Fahr' ohne eigenes Bett in die Schweiz nimmermehr, Bau dir dazu dort ein Haus, findest dann sicher Quartier, Lade mich dann zu dir ein, denn Obdach dankst du ____________ ja mir! Vermiete»« .. * Eine Versicherung g e g en Blind dar m e n t- z u n oung. Seit einigen Jahren hört man ausfallend oft von Erkrankungen des Blinddarms und des benachbarten Wurmfortsatzes, eines ckleineu, anscheinend ganz über- flüssigen Darmanghängsels. In der medizinischen Literatur steht die Frage der Behandlung bei Blinddarmentzündung rm Brennpunkt des Interesses, zumal man einsehen gelernt hat, daß diese Krankheit unter Umständen recht bösartig auftreten kann. In der Vorstellung des Laienpublikums spcelt daher die Blinddarmentzündung eine bedeutsame Rolle. Diese Tatsache und der Umstand, daß im Jahre 1900 in Großbritannien etwa 15 000 Operationen wegen Blinddarmentzündung mit einer Sterblichkeit von 10 v. H. ausgeführt wurden, hat eine englische Versicherungsgesellschaft dazu veranlaßt, Versicherungen abzuschließen, durch welche dem Versicherten im Falle einer Blinddarmerkrankung Arzt- und Arzneikosten bis zu einer gewissen Höhe ersetzt werden. Vorläufig, bis zur Feststellung der Verhältnisse und Gefahren, ist für eine Versicherung über 2000 Mark 5 Mark Prämie zu zahlen. Als Maximum sind 10 000 Mark angesetzt. * Zigarren aus — Papier. Das Papier hat ja bekanntlich bereits die mannigfachste Verwendung gefun- den. Man benutzt es zur Herstellung von Waggonrädern, Hausern, Booten usw. Nunmehr hat eine Fabrik in Newhork Fabrikation voir Zigarren aus Papier begonnen. Dav Verfahren, durch das diese Blätter gewonnen werden, wrrd folgendermaßen beschrieben: Man taucht Papierblätter in Bottiche, die mit Tabaksaft, der von der Zubereitung des gewöhnlichen Tabaks herrührt, gefüllt sind, und bringt sie dann zum Pressen. Dabei werden sie gleichzeitig in die Form gewöhnlicher Zigarrenblätter geschnitten und erhalten ein Gewebe aufgedrückt, welches zur Vervollständigung der Illusion dienen soll. Nur die Rippe fehlt d lesen künstlichen Blättern, so daß sie also sogar einest Vorteil vor den natürlichen Blättern voraus haben. Wie berichtet wird, werden diese Zigarren von Liebhabern geraucht und für ausgezeichnet erklärt. — Björnstjerne Björnson, Auf Gottes Wegen, Roman, geh. Mk. 3.—, Verlag von Albert Langest in München. — Björnstjerne Björnson's berühmter großer Roman erscheint hier in einer glänzenden Uebersetzung und in vornehmer Ausstattung zu billigem Preise. Was die Weltliteratur an diesem Roman für ein Meisterwerk von unvergänglichem Werte besitzt, ist ja bekannt ünd wird durch die neue Ausgabe sicherlich' auch noch vielen hessischen Literaturfreunden bekannt werden. Namentlich in der Schilderung von Frauen-Charaktern ist Björnson ist „Auf Gottes Wegen" auf der Höhe seines Könnens. Eine Gestalt, wie die zarte Ragni, me unter dem Unverständnis der Welt viel leiden muß und darin stirbt, eine so lebendige und poetische, so entzückende rind so ergreifende Frauengestalt hat schwerlich ein anderer lebender Dichter gebildet. Und die anderen Hauptpersonen, Männer und Frauen, und die zahlreichen, mehr episodisch auftretenden Nebenversoneu, wie sind alle diese Menschen gesehen und geschildert! Wohl fühlt man deutlich des temperamentvollen Dichters Sympathien und Antipathien gegen die einzelnen Geschöpfe seines Genies durch, aber wie gerecht ist er, wie versteht er jeden einzelnen, tote human und tote groß empfindend ist er! Ja, die große humane Idee, die das ganze Werk trägt, die schöne Menschlichkeit des Dichters und seines Buches sind es, die diesem bedeutenden Roman tu erster Reihe seinen dauernden Wert geben. „Auf Gottes Wegen" ist darum auch ein Volksbuch im höchsten Sinne des Wortes, geeignet, aufklärend und läuternd zu wirken, wo es auch gelesen wird, ein Buch, das wunderbar erzieherisch wirkt mit den Mitteln dev reinsten Kunst und ohne alle tendenziösen Moralpredigten. — Die Schädlichkeiten des Schnürens, auf die schon oft von den Aerzten hingewiesen worden ist, erfahren eine ganz besonders eingehende Würdigung in einem mit hochinteressanten, anschaulichen Illustrationen versehenen Aufsatz von Tr. med. Lutze, den das neueste (27) Heft der illustrierten Zeitschrift „Für alle Welt" (Deutsches Verlagshaus Bong u. Eo., Berlin W. 57. Preis des Vierzehntagsheftes 40 Pfg.) in seinen Spalten bringt. Der beherzigenswerte Artikel ist um so lesenswerter, als nicht nur der Arzt, sondern auch der Künstler sein Bedenken gegen das Korsett auseinaudersetzt. Auf nicht minder allgemeines Interesse darf der im gleichen Heft enthaltene illustrierte Aufsatz „Wer hat die Nähmaschiue erfunden?" rechnen. Die belehrenden Artikel „Ein deutscher Vulkan" und „Die Seewarte in Hamburg", beweisen in Verbindung > mit der allerlei Neuheiten enthaltenden Rubrik „Neue Erfindungen und Entdeckungen", daß auch das neueste Heft der Zeitschrift dem modernen Bedürfnis nach Unterrtchtung aus allen Gebieten der Wissenschaft und Technik Rechntlng trägt. Ten Romanen „Die Templer vom Ringe" von Kraft und „Unter Ruinen" von Jean Bernard steht die Skizze von Paul Grabeitt: „Aus der Philister Land" (entnommen' der Romanfammlung „Vivat Aead,ernia") zur Seite. Von den Illustrationen seien besonders die farbige Kuustbeilage „Die Badenser beiNuits-sous-Beaune", das Schlachtgemalde von Küötel, und das Bild' von Braun: „Bayrische Hochzeit" hervorgehoben. Arithmetische Aufgabe. 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 Vorstehende Zahlen sind in der Figur so zu stellen, daß jede ans drei in einer Richtung liegenden Feldern bestehende Reihe (also sowohl entrecht, wie auch quer von links unten nach rechts oben und umgekclnt- die Summe von 36 ergibt, und in der mittelsten wagerechten Reihe fünf aufeinanderfolgende Zahlen stehen. (Auflösung in nächster Nummer.) Redaktion: Au«ust Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Briibl'schen UniversitätS-Vuch- und Cteindruckerei. R' Lange, Großen,