1903. Mttwoch den 11. Movemöer w «ZU TCTäTJ 191 X| Till (Nachdruck verboten.) Uschemädche« non der Bretizie. Von B. W. Howar d. (Fortsetzung.) , An den Fliederbüschen vorbei, durch den Torweg, in dem sie an jedem frostigen Wintermorgen auf ihn gewartet hatte, eilte sie in wilder, blinder Hast. Dunkle, unheimliche Gestalten schienen nach ihr über die Mauer zu langen. Sie knixte höflich vor ihnen. „Ihr Schatten, ich fürchte mich nicht, vor euch, wenn ihr nur keine Gesichter habt, ich bin ja Guenn Rodellec, die sich noch nie gefürchtet hat. In Plouvcnec kennen sie mich alle." Ihre Stimme klang so fremdartig, sie floh, um die Schatten los zu werden, aber sie folgten ihr auf dem Fuße, über alle Mauern bogen sie sich zu ihr herab, und — heilige Mutter Gottes — sie hatten alle Gesichter — und alle dasselbe böse Gesicht, das so höhnisch zu ihr gesagt hatte: „Er ist für immer fort." Schneller und schneller lief sie: „Ich muß etwas suchen", dachte sie, „ich kann mich jetzt nicht darauf besinnen, weil mein Kopf so heiß ist. Ah — richtig, es war sein schönes Gesicht. Ich finde es Wohl noch, aber es wendet sich ab." So kam sie hinab an den Strand. Der Sturm sprach mit tausend Stimmen zu ihr, unaufhörlich stöhnten die brandenden Wogen. „Ich höre eilch alle", sagte sie lächelnd, und streckte die Arme aus gegen die stürinische See. „Bittet doch nicht so kläglich um Euer Begräbnis, ihr armen Ertrunkenen! Ihr macht mich traurig. Wenn ich könnte würde ich euch helfen und euch alle auf den Friedhof betten. O, ich höre euch — auf jeder Woge ist eine Seele >— Mütter, Kinder, Brüder und Schwestern, die alle einander suchen, und dann die Liebenden, — die armen Liebenden' Habt ihr auch so zu Yvonne gesprochen? Sie kam ja auch hierher, als ihr Maler von ihr gegangen war. Ob wohl M armer Kopf auch so heiß war? Ich muß meine Stirn ruylen, sonst bin ich morgen, wenn Monsieur von Lorient zuruckkehrt, nicht frisch und hübsch. Yvonne schnitt ihr schönes braunes Haar ab - Huh, wie kalt sich die Schere ansuhlte! Es reichte ihr bis an die Kniee. Sie gab es dem alten Andre, der sollte es ihr in Quimper verkaufen, weil — hort ihr auch zu, ihr Wogen? ihr sprecht selbst so viel, daß rhr kaum Horen könnt, was ich euch erzähle — weil sie keine hübschen Kleider hatte, um sie beim Neviner Gnadenfest zu tragen. Und wie sie dann tanzte, und alle auf sie schauten, da wandte er sein Gesicht ab, — er wandte sein Gesicht Dvonnes Herz und sie stürzte sich von der Klrppe hinab rn die See. Yvonne, Yvonne! Aber es war la Guenn, die zu Nevin tanzte. Tas hatte ich vergessen, wert mein Kopf so weh tut! Guenn war die hübscheste Tänzerin in ganz Cornouaille; aber etwas brach ihr das Kerz> und da hat sie nie mehr getanzt. Guenn, bist Du dort auf den . Wogen? Guenn, gib mir Antwort! Mein Gott! Ich! bin ja selbst Guenn!" Sie lachte laut und lange. Tann setzte sie sich auf den wohlbekannten Felsvorsprung, wo sie damals mit Thymert gesessen, den brennenden Kopf mit den Händen fyaltenb. Noch immer riefen die Wogen nach ihr. Deutlich hörte sie Yvonnes Stimmer „Komm, Guenn, komm!" Es wäre ja auch so leicht, und der kühle Strudel würde die Glut in ihrem Kopfe lindern. Aber vorher mußte sie sich besinnen, was sie Thymert versprochen hatte. Dort hatte er gestanden, sie hier gesessen. Ja, jetzt wußte sie die Worte: „Wenn je etwas geschieht und ich- Hilfe brauche, dann werde ich zu Ihnen kommen, nach den Lannions, so sicher wie der Wind und die Wellen." Das hatte sie ihm mit einem Handschlag gelobt: „Es ist em gutes, bretagnisches Versprechen", hatte sie ihm gesagt." „Komm, Guenn!" rief Yvonne. „Ich kann nicht, ich muß mein Versprechen halten. Ganz, Plouvenec weiß, daß Guenn Rodellec ihr Wort niemals bricht", rief sie mit dem alten Stolze. „Der recteur und ich, wir sind Bretagner!" „Hilfe? Ja, ich brauche Hilfe. Ich weiß nur nicht recht warum! Aber der recteur wird mir's sagen. Er war immer so gut zu mir. Ich bin unglücklich, ich weiß nicht warum. Ich verstehe nicht, warum ich so bitterlich weine, aber ich bin wirklich verlassen und allein, ich kenne hier niemand, außer der armen Yvonne. Die andern Stimmen sind so fremd. „Wenn je etwas geschieht", hat der gute curs damals gesagt, als Jeanne und Nannic lustig waren auf den Felsen. Meurices Boot kam mit vollen Segeln daher. Ein Sturm war im Anzug. Ist denn etwas geschehen. Warum weine ich denn? Wonach suche ich? — Thymert wird mir's sagen, er soll sehen, daß ich mein Wort halte. Yvonne, es macht mich so traurig, wenn ich an Dich denke, so sterbenstraurig. Hätte er nur das Gesicht nicht abgewendet. Und Deine Seele ist auf der Welle, die an die Klippen schlägt!" Sie sprang herab vom Felsvorsprung, die Stimmen der vielen, vielen Seelen klangen ihr im Ohr, sie riefen einander zu, zu ihr herüber, ruhelos, ohne Aufhören: „Ich kann nicht kommen, ich muß mein Versprechen halten. — Was ruft Ihr mich so laut?" fragte sie vorwurfsvoll. „Ihr! seid doch auch Bretagner." Wie ein Pfeil flog sie an den Buchten dahin, durch das stille Dorf, in dem nur noch wenige Lichter schimmerten, bis zu der dunkeln Landspitze, auf der sie wohl hundertmal das Einlaufen der Boote erwartet hatte. Den Quai entlang eilend, hatte sie bald Meurices Boot heraus gesunden und den Anker gelöst — das große, schwere Boot, das sonst mit drei Matrosen und einem Schiffsjungen bemannt war, ging mit vollen Segeln vom Land ab. „Mein Kopf wird kühler sein, wenn ich nach den Lan- nions komme, und hier sehe ich doch auch nicht das böse, grausame Gesicht —" sie schauerte in sich zusammen — „für immer fort? Was ist für immer fort? — es ist ia aleickü 670 Thymert wird nur alles sagen, er weiß es ja. Kein anderes Mädchen in Plouvenec könnte allein dieses Boot regieren, aber so stark wie Guenn Rodellec ist auch keine, das sagen alle. Und Meurices Boot findet ganz allein den Weg nach den Lannions. Es hat mich oft genug hinübergeführt zu Monsieur. Da steht schott Monsieur und wartet und lächelt mir zu. Auf den Lannions hat er nie das Gesicht abgewandt. Wenn er mich jetzt ansähe, würde auch der Schmerz tu meinem Kopfe aufhören. Monsieur le recteur weiß auch!, daß ich mein Versprechen halten werde. „Ist es ein Versprechen?" fragte er, „es ist eins", erwiderte ich. Meurices Boot kam gerade herein, es sah aus, als wolle ein Sturm kommen. „Ah mon dieu, que la die est amere!" Tie süße Melodie scholl über die Wogen, während Meurices Boot pfeilgeschwind vor dem Sturm dahinflog, hinaus in die dunkle, empörte See. „Meurice selbst hat so schnell niemals segeln können! Schneller, schneller!" rref sie, schlug in die Hände und lachte. „Auf, nach den Lannions! Tort wird er sein Gesicht nicht abwenden! Ich komme so sicher wie der Wind und die Wellen! Das war mein gutes bretagnisches Versprechen! Schneller, schneller! Nach den Lannions! Zu Thymert!" Im Morgengrauen des nächsten Tages stand Thymert in der Tür feiner Kapelle. Es war ein heftiger Sturm gewesen, und er fürchtete schlimme Nachrichten von seinen Fischern zu vernehmen. Seine sorgenden, liebevollen Augen mit der Hand beschattend, spähte er nach allen Richtungen über die Wasser, blamt längs des Strandes der Lannions, in der Hoffnung, nirgends eingestürzte Schornsteine oder abgedeckte Hütten zu erblicken. Zuletzt glitt fein Blick prüfend über sein eigenes kleines Eiland. Doch, was war das da unten bei dem großen Felsen? Etwas Rotes, etwas Weißes', — ein langgestreckter Gegenstand. Hastig schritt er hinzu, von Grauen erfaßt. „Mein Gott! Mein Gott!" stöhnte er und kniete neben der kleinen Gestalt nieder. Sie lag mit dem Gesicht auf dem Boden, aber Thymert hatte genug gesehen, er wußte, wer nach den Lannions gekommen war, so sicher, wie Wind und Wogen. Er hob sie in seinen Armen auf mit wildetn, starrem Blick und trug sie über die Schwelle des kleinen Gotteshauses. Auf seinenr eigenen Bett legte er sie nieder. Jetzt gehörte sie ihm allein. Niemand stand mehr zwischen ihnen. Niemand sollte sich ihr nahen. Da lag sie vor ihm, so jungfräulich und schön. Er verriegelte Tür und Tor. Heute riefen seine Leute vergeblich! nach ihrem Priester. Den Wanzen Tag lang kniete der starke Mann neben dem toten Kinde, allein mit ihr, mit seiner Seelenpein, feinem Gewissen und seinem Gott. Gegen abend stand er auf und rief die alte Brigitte. Als sie sein Gesicht erblickte, schrie sie laut auf. „Still", sagte er, „komm her und sorge für das kleine ertrunkene Mädchen. Wache bet ihr, bis ich Dir jemand zur Hilfe sende." „Heilige Jungfrau, das ist ja Guenn!" Tie lieblichen Augen waren geschlossen, das bewegliche, lebensprühende Antlitz war regungslos, das glockenhelle Lachen für immer verstummt, die emsigen kleinen Hände lagen nun ruhig über dein roten Brusttuch gekreuzt — das treue, edle Herz hatte aufgehört zu schlagen. . „So sanft, so still liegt sie da", schluchzte die alte Brigitte, man kennt den kleinen Wildfang nicht wieder." Der Pfarrer beugte sich über das bleiche, reine Antlitz, in seinen tiefen Augen brannte seine Seelenqual. Sehnsuchtsvoll breitete er die Hände über ihr geliebtes Haupt. Er hatte sie nicht ein einzigesmal berührt, außer um ihr die Augen zuzudrücken, ihre Hände über der Brust zu kreuzen und die Falten ihres Kleides zu ordnen. Auch jetzt waren sein Gebet, sein Segensspruch und sein Lebewohl so stumm wie seine Trauer. Er wandte sich ab> und verließ sie, — mit ihr alle Freude seines Lebens. Er segelte allein nach Plouvenec hinüber. Weder zur Rechten noch zur Linken blickend, schritt er ait den erstaunten Seeleuten vorbei, geradeswegs nach dem Gasthaus, wo er mechanisch mit aschbleichem Gesicht einige Worte auMadame richtete. In derselben Nacht fuhr er .nach Ouimper und saß dort viele Stunden in geheimer Unterredung bei seinem verehrten Bischof, der in große Unruhe und Bestürzung geriet. Plouvenec sollte seine feurigen, seelenvollen Züge niemals Wiedersehen, sollte niemals mehr die alte, abgetragene Soutane in seinen Straßen erblicken, nie mehr sein warmes, sonniges Lächeln schauen, die Macht seiner Gegenwart empfinden. Seine liebevollen, braunen Augen ruhten nie wieder auf seinem armen Gotteshaus, seinem Fischervolk und seinen Lannions. Nach Guenns Tode irrte Jeanne umher, wie ein verlassenes Vögelchen. Sie trauerte und wollte sich nicht trösten lassen. Unten am Fluß, wenn die anderen plauderten, beugte sie sich nur tiefer über das Wasser und seufzte und weinte herzbrechend. „Ohne Guenns Scherzworte und lustige Possen wird mau bei allem so müde", klagte sie. Nur Madame in den Voyageurs wußte etwas mit ihr anzusangen. Madame schwatzte aber auch nicht wie die übrigen. „Wenn man verschieden ist von den andern, geschieht jedesmal etwas Schlimmes. Gueun war so ganz anders", sagte Jeanne oft trübselig, und in Madames Augen schimmerte es feucht, wenn sie antwortete. „Tu hast recht, Jeauue, sie war ganz anders, das weiß der liebe Gott!" Jeanne heiratete sehr jung, weil es zweckmäßig schien; sie alterte frühzeitig und führte ein arbeitsvolles, mühseliges Leben. Sie zog brave Buben auf, sah sie zur See gehen, aber nicht wiederkehren, und trauerte um sie in bangen Sturmnächten, wenn die Wellen hoch gingen. So lebte sie das geduldige, entsagungsreiche Dasein, das Gueun als das härteste Schicksal angesehen hatte. Jeanne trug alles sanft und ergeben, wie das in ihrer Natur lag; allmählich wurde ihre Sanftmut zur Gleichgiltigkeit, und ihre Tage verflossen im mechanischen Kreislauf kleiner, alltäglicher Sorgen, bis in das einsame, liebe- und sreudeleere Alter. Madame hatte ihr Hauswesen und ihre Gäste §11 versorgen wie bisher, aber dennoch schien sie jetzt mehr freie Zeit für die jungen Mädchen von Plouvenec übrig zu behalten als früher, sie fanden jederzeit Rat und Auskunft bei ihr, mochte sie auch uoch so beschäftigt sein. Das scheue Erröten in einem Mädchenantlitz entging ihr nicht und sie lieh auch dem kleinsten Anliegen ein williges Ohr. Gegen junge, fremde Künstler blieb sie merkwürdig teilnahmlos. „Warum sollen unsere Mädchen unnötig leiden wegen dieser Fremden?" fragte sie sich selbst in Stunden innerer Einkehr. „Hab' ich damals dem armen Kinde gegenüber ein Versehen begangen? Hätte ich ihr besser beistehen können?" — Rodellec trug einen heftigen Schmerz zur Schau; er schwelgte ordentlich in seinem Jammer und ward von vielen wohlmeinenden, leichtgläubigen Menschen bedauert. In angetrunkenem Zustande pflegte er mit Vorliebe von den „seligen Engeln" zu reden, wie er Frau und Kinder nannte. Ihr Himmelsglück diente ihnt als Hintergrund, von dem sich seine eigene, schwergeprüfte Persönlichkeit wirkungsvoll abhob. Er lebte noch viele Jahre und blieb gesund, kräftig und von ftifchem Aussehen. Rührig und tätig zur See, war er auch der erste, wenn es ein Gelage galt, beim Scheine des gelben Lichtes in der Schenke. Bei Nacht erquickte ihn ein ruhiger Schlaf, der höchstens durch übermäßigen Branntweingenuß gestört wtirde, und sein Appetit ließ nichts zu wünschen übrig. Für Leute timt Rodellecs Schlage gibt es keinen Kummer. Schluß folgt. Are Wose im Winter. Von O. Jacobs. Wenn Ende Oktober die Witterung rauh und kalt wird und Herbststürme durch das Laitd brausen, die Bäume und Sträucher allmählich ihres Schmuckes entklerden, dann ist es an der Zeit, unsere Gartenrosen gegen den nahenden Winter mit geeignetem Schutz zu versehen. Wenn es im Herbste sonnige Tage gibt und nicht übermäßige Feuchtigkeit die Rose zu neuem Triebe anregt, kann das Edelholz gut ausreifen und ist es datm um so widerstandsfähiger gegen Frost und Winternässe. Matt braucht sich auch durchaus nicht mit der Einwinterung zu übereilen, denn leichte Fröste von 1 bis 4 Grad Reaumur bringen der Rose keinen Schaden, zwinget! vielmehr die Saftströmung zur Ruhe, wodurch eine noch vollständigere Holzreife herbeigeführt wird. Der genaue Zeitpunkt für das Eindecken wird sich kaunt' angeben lassen, denn Herbst und Vorwinter sind eben zu verschieden in ihrem Regt- mente. Einige besonders zu beachtende Winke sollen hter folgen. Das Niederbiegen der Stämme geht leichter von — 671 statten, wenn man an der Biegungsstelle etwas Erde fortnimmt. Der Stamm wird dann mit einem kräftigen Haken am Boden befestigt und muß flach liegen. Gänzlich zu verwerfen ist es, nur die Krone niederzubiegen und den Stamm ungeschützt zu lassen, weil derselbe an der Bieg- ungsstelle in strengen Wintern häufig erfriert. Zuweilen kommt es vor, daß spröde Stämme beim Niederlegen ein- Lrechen. War die Bruchstelle schlimm, ist es am besten, man wirft den Stamm weg und setzt sofort eine junge Pflanze an seine Stelle, weil die hart verletzte Rose doch fortwährend kränkeln und wenig. Freude bereiten würde. Ist dagegen die Verletzung nur leicht, so wird die Bruchstelle sofort mit Leinen und Band fest umwickelt und mög-- lichst noch mit einigen Stäben fest geschient. Solche Invaliden verheilen oft im nächsten Sommer vollständig und können noch Jahre lang ihren Platz mit Ehren behaupten. Nm die Rosen allmählich in den Ruhestand zu versetzen, empfiehlt es sich noch, daß man ihnen von Ende Oktober an nach und nach das Laub nimmt. Gänzlich zu verwerfen aber ist es, voll belaubte Rosen zu decken, weil das Laub unter der. Schutzdecke in Fäulnis übergeht, Vie sich dann sehr leicht auf die Zweige überträgt und verheerender wirken kann als strenger Frost. Wenn ich das letzte Laub entferne, schneide ich zugleich alle langen Zweige, die beim Einwrntern hinderlich sind und im Frühling doch unter der Schere fallen würden, mit fort, ebenso wird alles unreife Holz entfernt. Vermischtes. * Die Rauchsucht in Oesterreich. Der ungeheure Verbrauch von Zigarren und Zigaretten in Oesterreich ist seit langem als die Ursache der Häufigkeit verschiedener nervöser Störungen betrachtet worden. Die Bemühungen, die Rauchsucht einzudämmen, haben jedoch zu keinem Erfolg geführt. Der Verkauf des Tabaks ist in Oesterreich Regierungsmonopol, und vielleicht hat man deshalb die Bekämpsting des übermäßigen Tabakverbrauchs nicht gerade mit großer Energie verfolgt. Jetzt hat nian srch em ent Experiment zugewandt, dessen Gelingen die Einnahmen aus dem Monopol nicht schädigen würde. Es sind zwet neue Zigarrensorten eingeführt worden, die eine nur geringe Menge, nämlich 0,7—0,8 v. H. Nicotin enthalten, während die anderen Sorten von diesem Giftstoff 1,4—2,9 vH. besaßen. Die Verminderung des Gehalts an Nikotin wird durch das Waschen der Tabakblätter in reinem Wasser während einiger Stunden bewirkt. Man wird sich Muhe geben, den Erfolg dieser Zigarren mit möglichster Wiftenschaftltchkeit zu ermitteln, jedoch dürfte ein echter Raucher ihnen von vornherein wenig Vertrauen entaeaen- brmgen. *Der Handel m it Fr au enh a ar. Dieser Handel, jo schreibt die „Neue Freie Presse", ist über die ganze Welt verbreitet. Der Konsum ist massenhaft. Vor allem handelt es sich darum, den Haarbedarf aller jener Frauen zu befriedigen, die mit Kummer ihre Haarfülle schwinden sehen; sie können sich einen Ersatz dafür verschaffen, der so natürlich aussieht, daß nur die Verschwiegenheit des Boudoirs das sorgsam gehütete Geheimnis kennt. Der Handel mit Frauenhaar zerfällt in zwei Teile — in den Handel mit natürlichem und künstlichem Haar. Letzterer steht unter dem Protektorat der Mode, und befindet sich gerade jetzt stark in Blüte. Die Amerikanerinnen, die nachgerade für die europäische Mode tonangebend zu werdeu beginnen, stecken bei dem Arrangement ihrer Frisuren letzt viel falsches Haar auf den Kopf, und diese Haargami- ^iren werden nun auch in Europa stark nachgcahmt. Folge dieser Mode wird voraussichtlich eine wesentliche Verteuerung der Frauenhaare sein, und wenn man bedenkt, daß es jetzt schon einige Sorten der Haare gibt, die tatsächlich mit Geld ausgewogen werden, so dürfte sich bald mancher Ehemann die eigenen Haare darüber ausreißen, wie teuer ihm die Haare seiner Frau zu stehen kommen werden, die sie nicht mehr hat und die ersetzt werden sollen. Jede Rasse und fast jede Nation hat ihr besonderes Haar, das sich in Qualität und Farbe meist von dem anderer Rassen und Nationeil unterscheidet. Je nach dem Volksstamm, dem das Haar entnommen ist, ist der Preis des Haares höher oder geringer. Je weiter nackt Norden, um so wertvoller wird das Haar, und je weiter nach Süden, desto billiger wird es; hier spielt nicht nur die Feinheit des Haares eine Nolle, sondern vornehmlich auch die Farbe und der Glanz. Wegen der blonden Farben in allen Nüaucen ist besonders das deutsche Frauenhaar und das Haar der Schwedinnen sehr geschätzt, und eilte der kostbarsten Qualitäten ist das aschblonde Haar, da es nicht naturgetreu gefärbt werden kann, und echt sein muß, während das Haar der Italienerinnen und der Mädchen aus dem Süden zu den billigen Sorten gehört. Als seltenste unter den Haarqualitäten gilt das silbergraue Haar; diese Sorte, echt und laug, ist, wie versichert wird, kaum zu bezahlen; es hängt dies damit zusam sich alle Frauen, die ein schönes, weißes Haa ,t nennen, nur in den seltensten Fällen ihres Haa .kes berauben, um es zu verkaufen, während die N achfrage nach dieser Haarnüaitce sehr groß ist. Man muß sich dann damit behelfen, gebleichtes Haar, das aber bald als solches erkannt wird, als Surrogat zu verwenden. Das gröbste und billigste Haar ist das sogenannte „Chiiiesen- haar". Die Chinesinnen erneuern nämlich ihre Frisur meist erst nach Wochen und Monaten, und der Abfall, das sogenannte „Wirrhaar", das sich dabei vom Kopfe löst, wird von ihnen verkauft und kommt in den Handel. Es gibt aber auch ein imitiertes „Chinesenhaar", das von einer Flachsart, die in Frankreich wächst, gewonnen wird. Doch die vegetabilische Faser kommt bald zum Durchbruch; das Haar wird grün und muß dann immer wieder nachi- gefärbt werden. Kleine praktische Kittsßläge. — „Sparen, ohne zu entbehren", ist eine große Kunst, die von der Hausfrau ausgeübt dem Familienleben zu wahrem Segen gereicht. Ohne Uebertreibung darf man sagen, daß auf diesem Gebiete ein altbewährtes Hilfsmittel in der Küche schon seit manchen Jahrzehnten Großes bewirkt hat: „Echtes Liebig", das ausgiebigste und im Verhältnis billigste Fleischs-Extrakt, oft nachgeahmt, nie auch nur entfernt erreicht, vereinigt eine ganze Reihe von Vorzügen, von denen die Ersparnis von Zeit, Mühe und Geld in erster Reihe steht. Eine auf diesem Felde praktisch und theoretisch sehr erfahrene Dame erklärte einmal, daß die richtige, vernünftige Anwendung des „Liebigs" zu den allerersten Dingen gehöre, mit denen sich eine Kochbeflissene vertrant machen müsse. Are Wallmoden 1903—4. Bearbeitet und mit Abbildungen versehen von der Internationalen Schnittmannfaktnr, Dresden-iX. Reichhaltiges Modenalbmn und Schnittmusterbuch zu 50 Pf. daselbst erhältlich. Wohl auf keinem anderen Gebiete spiegelt sich die Mode deutlicher, als auf dem Gebiete der Ball- und Gesellschaftskleider, denn nicht allein, daß bei der eigentlichen Festtoilette jeder so vorteilhaft wie möglich zu er- scheiiien strebt, es sind jetzt auch die Ballkleider meist so vergänglich, daß man nur in einzelnen Fällen eine -vvilette von einer Saison mit in die andere übernehmen kann. Die schönen Zeiten sind vorüber, wo ein gutes Seidenkleid zwei, drei und noch mehr verschiedene Garnierungen aushielt, denn jetzt bildet Chiffon, Seiden- moufselin, Seidcngaze usw. die Sehnsucht der tanzlustigen Jugend. Wohlverstanden, „es bildet die Sehnsucht", und sehr oft wird es wohl aucq dabei bleiben, denn nicht alle Väter sind im stände, ihren Töchtern so kostbare und dabei so vergängliche Tanzkleidcr anzuschaffen. Man hat auch reizenden Ersatz für derartige Stoffe, welche ebenso duftig und zart aussehen und doch nicht so vergänglich sind. So sind z. B. die bedruckten Voilestoffe in ganz hellen Farben und vor allem in entzückenden Mustern zu haben. Kleine Pompadour-Streu- blümchen, Bomben, Punkte, Ringe usw. beleben den glatten Untergrund in höchst reizvoller Weise. Daneben ergibt indischer Mull in allen Farben einen höchst praktischen Ersatz für Chiffon, besonders wenn er plissiert werden soll. Er wirkt ebenso duftig und leicht ivie Chiffon, ist aber bedeutend haltbarer. Das Neueste ist jedoch wieder einmal Crepe de chine, jener wundervolle, glauzreiche, weich- fallende Seidenstoff, welcher das Gruudmaterial der kost. baren, gestickten Kimonos japanischer Fürstinnen bildet. 672 Man hat jetzt in Crepe de chine verschiedene Qualitäten und Preislagen, sodaß er auch gewöhnlichen Sterblichen zugänglich ist, denn im allgemeinen bildet er eines der kostbarsten Materialien für Ballkleider, und auch eines der Schönsten. Als Ersatz dafür gilt eine leichte Pougee-Seide. Dieselbe ist weniger hoch im Preis und nimmt sich besonders bei gereihten und plissierten Arrangements sehr gut aus. Auch die reich mit Spitze inkrustierten und in Stüfchen gesteppten modernen Arrangements lassen sich vorzüglich in dieser leichten Seide Herstellen und wirken besonders dann gut, wenn das Oberkleid weißfarbig und auf andersfarbige Unterlage gearbeitet ist. Doch nun zu den Schnittformen. Die Wandlung zum Bauschenden, Breiten, gegenüber dem Vorjahre ist eine ganz auffallende, wenngleich man nicht von einer durchgreifenden Aenderung sprechen kann, denn an Neuheiten im schlanken Stil fehlt es ebenfalls nicht. So z. B. taucht wieder einmal das Prinzeßkleid mit seinen schlanken und anschmiegenden formen auf. (Siehe Modell Nummer 276.) Wenn es sich nicht, wie speziell nach vorliegendem Modell, um ein direktes Ballklerd handelt, so wird es ja um Schultern und Aermel ebenfalls breit und bauschend gehalten, wie es die jetzige Mode vorschreibt; der Rock hingegen bleibt schlank und schleppend und erhält höchstens um den unteren Rand eine volle Garnitur von Plisses, Volants oder ähnlichem. So wundervoll ein gut geschnittenes Prinzeßkleid an einer vollen und großen Figur aussieht, so vorsichtig müssen kleine und vor allem unebenmäßige Gestalten damit sein, denn es bringt jede körperliche Unschönheit in unnachsichtiger Weise zur Geltung. Ta sind entschieden die modernen, stosfreichen Musen- formen und faltigen Röcke vorteilhafter, denn durch sie ist es eher möglich auszugleichen und zu beschönigen, weshalb sie jufy mehr zur allgemeinen Mode eignen. Am charakteristischsten, sind die modernen Röcke. Vorbei ist alle Schlankheit, die sich oft zur unschönen Knappheit steigerte, vorbei auch die Vielen so unangenehme Schleppe. Leicht und gefällig kommt der Rock unter dem hohen Gürtel hervor und fällt in vollen Falten rings um die Gestalt. Dabei sind die Falten um die Hüften so minimal, daß die Figur noch, vollkommener erkennbar ist, besonders wenn einer der vorgenannten duftigen Stoffe dazu verwendet wird. Außerdem wird er meist in Form einer Hüftpasse eingereiht, so daß überhaupt von einer Verbreiterung der Hüften noch nicht die Rede sein kann. Erst in der unteren Hälfte kommt die starke Fülle in Form eines dicht eingereihten Volants in Anwendung, (siehe Modell 286), welches von verschiedenen Seiten das Gerücht von der Wiederkehr der Krinoline entstehen ließ. Diese Volants erscheinen uns jedoch verhältnismäßig harmlos gegenüber den Quergarnituren ä la 1830, denn jene sind noch zu sehr Modell No. 274. Modell No. 276. Z Modell No. 286. Nachklang der so allgemein beliebten Volantröcke, welche dadurch nur auch in leichten und duftigen Stoffen ausführbar wurden, während diese uns eher als die Morgenröte einer neuen Sonne am Mvdehimmel erscheint. Ob diese Sonne wirklich die Krinoline sein wird? Wir bezweifeln es stark, denn das Publikum hat durch seine stark ablehnende Haltung, schon manche von den Schneidern lan- zierte Modeform zum Fallen gebracht und die Abneigung gegen die Krinoline ist eine allgemeine. Doch warum muß es denn gleich die Krinoline selbst sein. Vergessen wir nicht, daß sie eigentlich nur den Kulminationspunkt einer Mode darstellt, welche jahrzehntelang die Welt beherrschte — die Mode der faltigen stosfreichen Röcke. Für unsere heutige Abteilung „Die Tänzkleider" ist die neue faltige, dabei söbleppenlose Rockform mit den modernen, duftigen Rüschenbesätzen, den quergesetzten Bändern und Spitzeneinsätzen und vor allem mit der runden Rocklänge entschieden zweckmäßiger als der enge Schlepprock und was zweckmäßig ist, ist schön, heißt einer der wichtigsten Grundsätze, den die moderne Kunst ausgestellt hat. Jedenfalls sieht es fest, daß die neue Mode sich nicht nur tn den Grundformen, sondern auch! in allerlei Kleinig- Ebcken an die Mode von 1830 anlehnt, wie man auch deutlich an den neuen Ball- und Gesellschaftstaillen sehen kann. Für nicht ausgeschnittene Taillen sind es die Achseh- Passen, welche zur Erzeugung der abfallenden Schulterlinie benutzt werden (siehe Modell 286) und für die ausgeschnittenen Taillen ist es die Form des Ausschnittes selbst, indem dieselbe mehr breit als tief gehalten wird und oft sogar die Schultern mit entblößt, wie es ja bekanntlich seinerzeit Mode war. Dazu kommt der hohe, meist direkt auf die Futtertaille gearbeitete Miedergürtel, welcher vorn in eine scharfe Schneppe verläuft und dadurch die Figur schlanker erscheinen läßt. Für junge Mädchen mit zierlichen Figuren bilden diese hohen Miedergürtel gerade für die Ballsaison einen willkommenen Ausputz, denn in abstechender Seide gearbeitet, eignen sie sich vorzüglich dazu, ein sonst ganz schlichtes Kleid wirkungsvoll zu beleben. Als größte Neuheit für die Frauenwelt finden die „Favorit-Schnitte" für Selbstverfertigung sonne Modernisierung aller Arten Kleidungsstücke eine immer steigende Verwendung. Die Vorteile, die diese vorzüglich passenden, leicht verwendbaren Schnitte bieten, sind aber auch so in die Augen springende, daß keine Frau, die sie kennen lernte, ferner darauf verzichten will. Die Auswahl der Schnitte erfolgt nach dem soeben erschienenen, großartig ausgestatteten „Mvden-Album und Schnittmuster- buch", welches viele Hundert neue Modelle enthält,, also mehr bietet, als das Abonnement einer Modenzeitung und nur 50 Pfg. kostet. Zu beziehen durch die „Internationale Schnittmanufaktur, Dresden-N." oder deren Agenturen. Redaktion: August Götz.— Rotationsdruck uud A erlog der Ertili'schen llniversitäts°Tuck> und Steindruckerei, R. Lange, Gteßen.