Nr. 135. 1903. ßtoi ZÄ U werfen, ochne sich sonderlich anzustrengen, gehörte sie entschieden zu den wenigen Glücklichen, die das Schicksal ihrer Lebenssphäre richtig angepaßt hat. Noch nieinals hat sie jemand zornig gesehen, ihre ganz« Persönlichkeit war viel zu achtunggebietend, als daß inan hätte wagen dürfen, ihren Unwillen zu erregen. Ruhe und Kraft drückten sich in jeder ihrer Bewegungen aus. Madam« war eine Macht, der sich zu widersetzen Wahnsinn gewesen wäre. Es gab auch einen Hausherrn, einen starken, vollblütigen Mang, den man jedoch nur wenig sah und von dem man nicht recht wußte, was für eine Rolle er in Madames Haushalt spielte. Auch sieben Kinder waren vorhanden, schienen, aber die Aufmerksamkeit ihrer Mama nicht eben sonderlich in Anspruch zu nehmen, auf eine oder die andere Art ward für ihre leiblichen Bedürfnisse gesorgt, im übrigen kannte Madame die Angst und die schwächen gewöhnlicher Erdenmütter nur vom Hörensagen. Madame und Hamor fanden augenscheinlich Wohlgefallen an einander. Sie sah in ihm den hübschen, liebens!» würdigen Burschen, der ihr nur wenig Mühe machen und voraussichtlich seine Rechnungen pünktlich bezahlen werde. Ihm erschien sie als eine tüchtige wirtschaftliche Frau, di« für seine persönlichen Bedürfnisse sorgen und ihn nie mit Weinen und Klagen belästigen würde, wie ländliche Wirtinnen zu tun pflegen, denen die Arbeit über den Kops wächst. Solche Ansprüche an sein Mitgefühl wären Hamor ganz besonders widerwärtig, ob weil er M viel oder zu wenig von letzterem besaß, darüber hatte er noch nie nachgedacht. Auf sein Befragen erfuhr er aus Madames klaren verständigen Antworten, daß seine Freunde in der Nahe des! Torfes bei, der Arbeit seien, so machte er sich denn, durch einen Imbiß gestärkt, auf den Weg, um sie aufzusuchen. Bor ihm lag ein offener Platz, auf dem außer ein paar Eichen, die dicht beim Wirtshaus standen, keinerlei Vegetation zu erblicken war. Tie kahle Sand,fläche, die den hochtönenden Namen la Place Nationale führte, schien der Gemeindeanger von Plouvenec zu sein, auf dem die Märkte, die Gavotten, Kampfspiele und andere Volksbelustigungen abgehalten wurden, die Menagerien und Wachsfigurenkabinette sich sehen ließen. Jenseits dieses Platzes sah man einen glänzenden Wasserstreifen, aus welchem sich das alte Festungswerk erhob mit seinen zackigen Granitmanern. Türmen und breiten Wallen, lieber den Zinnen ragten Baum- wipsel hervor uuv em Kirchturm inmitten fteiler Dächer. Die alte, enge und winklige Stadt Plouvenec, auf einer Insel gelegen, die von einem breiten Meeresarm umspült wurde, war mit dem jüngeren Dorfe gleichen Namens nur durch eine Zugbrücke verbunden. Die Festung selbst war ein wunderlicher, unschöner Bau, der mancherlei hätte berichten können. Fünf Jahrhunderte lang hatte sie in der Geschichte der Bretagne, während der' zahlreichen Krieg«, die das Land verheerten, eine wichtige Rolle gespielt; Du. (Nachdruck verboten.) N WkmWn im her Brckgiie. Von B. W. Howard. 1. Kapitel. Spät an einem Herbstnachmitlag hielt die kleine rot und gelbe Postkutsche vor bent Hotel des Voyageurs in dem bretagnischen Dorfe Plouvenec. Von der nächsten Eisenbahnstation bis in diese entlegene Gegend, wo noch inmitten reicher, landschaftlicher Schönheit, Aberglauben und Unwissenheit herrschen, dehnten sich endlose weiße Wege zwischen sechs Fuß hohen granitenen Dämmen. Diese, fosses genannt, sind mit Erdreich bedeckt, mit Moos und üppigem schlingkraut bewachsen und von knorrigen Eichenstämmen gekrönt, die mit ihren gekappten Aestcn ganz wesentlich zunr dortigen Landschaftsbild gehören. Während der vierstündigen Fahrt hatte der schwerfällige Kasten seine Insassen erbarmungslos durchgeschüttelt. Mr. Everett Hamor, der zwischen Schachteln,'Reisetascheir und den Musterkoffern verschiedener Handlungsreisender eingekeilt saß, mit deren Ellbogen er häufig in unliebsame Berührung gekommen war, zweifelte stark an der Möglich- lichkeit, sich jemals wieder aus der fürchterlichen Enge zu befreien. Um so angenehmer war er überrascht, beim Aus- steigen noch alle seine Glieder zusammenzufinden. Behaq- 1,c9..1t.reäte er seme langen Beine und schaute sich wohlgefällig um. ' Tie Dorfältesten saßen an kleinen Tischen vor dem Eafs des Voyageurs und labten sich mit Absinth, Wermut und politischen Gesprächen. In Plouvenec gab es zwei Eafss von Bedeutung. Besonders hervorragende Persönlichkeiten pflegten das eine nur zu verlassen,'ilin quer über den Platz nach dem andern zu wandern. In beiden Cafes gab es alltäglich eine Ebbe- und Flutzeit, je nachdem sich der Hauptstrom der Besucher von dem einen oder dem andern zuwandte. Als Hamor anlangte, war bei den Voyageurs soeben die Flut eingetreten. _ kommt wieder ein verrückter Pariser Maler", war die stillschweigende Annahme der ehrenwerten Stammgäste von Plouvenec, als der junge Mann, nach kurzer Musterung ferner nächsten Umgebung, mit raschem Schritt auf die unter der Tur stehende Wirtin zuging. Madame war entschieden eine Frau nach seinem Geschmack, das erkannte er sofort und die Zeit bestätigte seinen ersten Eindruck; auch Madame z.?5. "ibwals auf, den jungen Mann mit demselben bei- talligen Lächeln zu betrachten, mit dem sie ihn heute, bei grüßteer en' bte Zimmerfrage betreffenden Gespräch, be- Madame glich eigentlich einer stolzen Römerin mit bre- tagmscher Kopfbedeckung. Fünf Fuß acht Zoll hoch, von kräftigem Körperbau, eine angenehme Erfcheinung — und genug, allzu lärmende Kunden zur Tür hinauszu 538 Guesclin, Rohan und andere tapfere Feldherren hatten sie ihrer Zeit belagert und eingenommen. Alte Ueberljefer- ungen erzählen auch, nicht gerade zum Ruhm der Festung, daß sie im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert ein Zufluchtsort Mr Diebe, Landstreicher und ritterliche Tunicht- gute gewesen sei. Diese Zeiten waren jedoch längst vorüber. Jetzt drang kein Kriegslärm mehr bis zu dem schläfrigen kleinen Jnselfort, von dessen grasbewachsenen Wällen man die weite Wasserfläche überblickte, auf der nur friedliche Fischerboote dahinsegelten. Hamor schlenderte die lange Dorfstraße hinunter. Aus der einen Seite zog sich eine Reihe kleiner, weißer, spitz- giebliger Hünser hin, die andere bildete den Quai von Plouvenec. Zahlreiche Boote ankerten hier; der Wind bewegte die Fischernetze, die an den Masten zum Trocknen aufgehängt waren, daß sie gleich Schatten hin- und her- hnschten. Weiter unten reihten sich kleine Verkaufsbuden am Quai entlang. Ein scharfer Salzgeruch erfüllte die Luft, und die Wellen der zurückströmeuden Flut wühlten ungeduldig an den Grundmauern des Granitdammes. Die Straße lief um eine Landspitze herum und mündete in den breiten Weg an der Meeresbucht. Eine zahlreiche Menschenmenge stand dort, auf das Einlaufen der Hunderte von Fischerbooten harrend, die ihr Nahrung, Arbeit und Handel bringen sollten. Mit diesen Booten, die gleich einer Schar großer, majestätischer Vögel heranglitten, zog das Leben in Plouvenec ein. Der Abend- jchein glänzte auf ihren mattroten Segeln und verlieh ihnen einen leuchtenden, wärmeren Ton. Fern am westlichen .Horizont hing der Sonnenball und warf beim Scheiden einen breiten, goldenen Strahl wie eine Lichtsäule über die Wasserfläche, die sich in den üppig wuchernden Massen gelben Seetang verlor, lvomit die großen Felsen zu Hamors Füßen bedeckt waren. Zarte rosige Wölkchen schwebten über ein fernes Vorgebirge. Weit im Westen schimmerte die lange Küstenlinie. Auf der niederen Mauer, die Weg und Bucht von einander schied, faßen Gruppen strickender Weiber, die plaudernd und scherzend einander Klatschgeschichten erzählten und dabei von Zeit zu Zeit in lautes, lärmendes Lachen ausbrachen. Es waren meist Fischermädchen, ivelche in der großen Sardinen.handlung, die an der Straße lag, Beschäftigung fanden. Halb unbewußt lauschte Hamor, der auch auf der Mauer Platz genommen hatte, ihrem Gespräche. Sie erschienen ihm wie ein Teil der Landschaft selbst. Ihre Hauben waren Flecken von glanzendem Weiß, die verblichenen Farben ihres Anzugs machten sich prächtig auf dem grauen Gestein. Dann schweifte Hamors Blick auf die Bai hinaus. Er sah die Sardinenboote, einen laugen Zug von Fischerbarken, die vom leichten Seewind getrieben langsam auf den Quai zusegelten. Der Wind wehte aus der Richtung der Lannions her, jener öden Inselgruppe am fernen Horizont, von wo soeben ein heller Schein herüberblitzte — das des Leuchtturms sandte seinen freundlichen Gruß aus der Seemannswelt. Der junge Maler war in tiefes Nachdenken versunken. Er stellte Betrachtungen über verschiedene hübsche Mädchen feiner Bekanntschaft an und überlegte bei sich, ob sie wohl auch wirklich ganz so reizend seien, als sie ihm erschienen waren. Er dachte auch seines wilden Lebens in Kalifornien und wie er dort einmal Monate hindurch in wortloser Anbetung und Bewunderung zu den schneebedeckten Gipfeln des Mount Shasta aufgeblickt hatte, es ihm jedoch niemals in den Sinn,gekommen war, au der Schönheit dieser Naturwunder zu zweifeln. Hamor vergötterte die Natur, ein Weib hatte er noch niemals vergöttert. Langsam lveiterschreitend, ivarf er einen prüfenden Blick auf die Strickerinnen, die Frauen, Schwestern und Töchter der rauhen Seeleute, die zur See wacker arbeiteten, und am Lande wacker zechten. Viele von diesen Fra'.ren und Mädchen, gewiß die meisten, waren rein und unschuldig im Denken und Tun, aber unlautere Einflüsse umgaben sie von früh auf; der Anblick des Lasters war ihnen vertraut, wie dem glücklichen Kinde das Antlitz der Mutter und ihr süßes Wiegenlied. Sie kannten kein anderes Leben und waren durch die Gewohnheit abgestumpft gegen Auftritte, bei denen einem jungen Wesen das Blut in den Adern erstarren sollte. Von dem Glück einer sorgsam behüteten Kindheit wußten sie nichts, die Zucht und Sitte, in der andere junge Mädchen aufwachsen, war ihnen fremd. Und doch sah ni an unter den Strickerinnen auf der Mauer Gesichter von einer Reinheit und Vornehmheit der Züge, wie die einer jungen Fürstin, Augen die zwar keck, aber doch ehrlich und offen in die Welt blickten, elastische Glieder, die von Jugend und Gesundheit zeugten. Sie alle trugen den einfachen, schönen Kopfputz, der auch dem härtesten, gewöhnlichsten Gesicht einen gewissen Reiz verleiht, und einem frischen, jugendlichen Geschöpfchen einen unbeschreiblich anmutigen Anstrich gibt. Hamor vertiefte sich bei seinen Betrachtungen nicht etwa in philosophische Probleme, er ließ nicht das innere Leben dieser Menschen, ihre Leiden und Freuden vor seinem Geiste vorüberziehen. Künstlerischer Enthusiasmus bewegte ihn einzig und allein. Er war entzückt von ihren Formen und Farben; sein befriedigtes Schönheitsgefühl spiegelte sich in dem freudigen Ausdruck des jugendlichen Antlitzes, in welchem Uneingeweihte vielleicht fälschlich persönlichen Anteil oder Bewunderung lasen. Auch die Frauen mochten wohl den Blick seines Auges mißverstehen. .Ihr Gekicher und ihre Bewegungen bewiesen nur zu deutlich, daß sie sich der Gegenwart des schönen jungen Herrn bewußt waren. Unter Lachen und Lärmen bildeten sie einen dichten Kreis uni eine aus ihrer Mitte, die seinen Augen entzogen blieb; plötzlich, auf ein gegebenes Zeichen, löste sich der Kreis und die Mädchen rannten lachend und schreiend nach allen Seiten auseinander. Ein kleiner Gegenstand aus schwarzem Tuch flog durch die Luft und fiel neben Hamor zu Boden; als er aufblickte, sah er eine vereinzelte Gestalt vor sich stehen ohne den landesüblichen Kopfputz; eine wahre Mähne langen braunen Haares fiel zu beiden Seiten des Kopfes hernieder, aus dem ihm die grimmigsten Augen entgegenleuchteten, die er noch jemals in einem Mädchenantlitz geschaut hatte. Funkelnd vor Zorn und Beschämung starrte sie den harmlosen Fremden an, als ob er der ausschließliche Urheber der ihr zugefügten Unbill sei. „Gerechter Himmel! Was für ein Modell wäre das!" frohlockte Hamor. Sie schien kaum siebzehn Jahre zu zählen. Ein rotes Tuch umgab in reichen Falten ihre fein geformten Schultern bis hinab zu der schlanken Taille, das kurze wollene Röckchen schmiegte sich fest an ihre Gestalt an und zeigte die graziösen Formen derselben. Die ganze kleine Person stand voller Anmut in ihren Holzpantöffelchen vor ihm, in der einen Hand hielt sie krampfhaft ihr Häubchen, die andere hatte sie über den Kopf gelegt und starrte so unter dem Ellbogen hervor auf Hamor, ihr schönes, glänzendes Haar hing, bis herab zu den braunroten Enden, ausgelöst vor den Blicken des fremden Mannes. Er bückte sich und hob das schwarze Käppchen zu seinen Fußen aus, das er ernsthaft musterte. Die von fern zuschauenden Frauen brachen bei seinem Tun in maßlose Heiterkeit aus. "'„Gehört es Dir?" fragte er, sich dem Mädchen nähernd, und ihr freundlich ins Gesicht blickend. Er war immer freundlich mit Kindern^ und sie erschien ihm noch ganz wie ein Kind. Sein Wesen trug das Gepräge des gebildeten Weltmannes. Sie aber wußte nichts von weltmännischen Manieren, sie glaubte uur, daß er sie verhöhnen wolle — grimmig riß sie ihm die Kappe aus der Hand und warf ihm einen haß- und zornerfüllten Blick aus ihren trotzigen blauen Augen zu. „Sie — kümmern Sie sich um sich selbst! stieß sie leidenschaftlich, im raschen, undeutlichen bretonischen Dialekt hervor; mit einem scheuen Sprung hatte sie bann ihre Gefährtinnen eingeholt, die ihr so Übel mitgespielt hatten, und überhäufte sie mit einer Flut von Vorwürfen. Hamor, dem ihr Zorn und ihre Aufregung höchst unterhaltend erschien, beobachtete noch eine Weile schweigend, wie jae, noch immer unter den heftigsten Ausbrüchen der Entrüstung, hastig bemüht war, ihren Kopfputz zu ordnen. Da er aber ihre Erregung durch seine Anwesenheit nicht noch steigern wollte, ging er still den Weg am Ufer entlang weiter und kehrte nach einem Spaziergang durch die dämmernden Wiesen und Felder langsam nach dem Hotel zuruck. Außerdem, daß der Abend hereingebrochen war, konnte er keine wesentliche Veränderung dort wahrnehmen, es sah alles aus wie am Nachmittage, mir daß die Männer, die vorher Wermut und Absinth vor der Tür getrunken hatten, nun Absinth und Wermut im Cafö drinnen tranken. Madame trat jhm im Korridor mit ihrem bedeutsamen Lächeln entgegen; es war ein zögerndes Lächeln wie unter Vorbehalt, bedächtig und vieldeutig, Madame lächelte Niemand an, nur im stillen für sich. 539 „Monsieurs Freunde sind noch nicht getommen; wahrscheinlich erwarten sie Monsieur heute noch nicht." „Wissen Sie vielleicht, ob Mr. Staunton gestern abend meine Depesche erhalten hat?" „Hier liegt eine für ihn", antwortete sie gefällig, „sie kam Utber erst heute morgen, als er .schon weLgegangen war. Die Frau Postmeisterin ist ein wenig zerstreut, darum ist ejs ganz gut, wenn die Herren Künstler sie manchmal ersuchen, ihre Gedanken zusammenzunehmen; aber ftiye Leute sind ja oftmals zerstreut", setzte sie gleichmütig hinzu. „Hat Monsieur schon den Fischfang besichtigt? Nein? Tie Fremden finden es immer so interessant. Es würde Monsieur gewiß Vergnügen machen, an den Hafen hinunter zu gehen." Ueberzeugt, daß ihm die vortreffliche, kluge Frau sicher nur etwas Sehenswertes empfehlen würde, dankte ihr Hamor für den guten Rat und beschloß, ihn sofort zu befolgen. Die Straße am Quai, die er noch vor kurzem so verödet gesehen, schien jetzt von Leben und Bewegung erfüllt zu fein. Tort war die Fischbörse von Plouvenec, die für das Dorf genau so wichtig war, wie die Stockbörse für die Kapitalisten und Spekulanten einer großen Handelsstadt. Schon waren fast alle Boote eingelaufen, und die wenigen, die noch anlangten, wurden vom Ufer aus mit Rufen, Fragen und Angeboten bestürmt. ^)anz Plouvenec schien auf den Füßen zu sein; außer den Fischern, den Händlern und den in den Packhäusern beschäftigten Männern und Frauen stand noch ein ganzer Kreis müßiger Zuschauer umher. Soeben sah man die kurze gedrungene Gestalt des Friedensrichters sich mit vieler Wichtigkeit Bahn durch die Menge brechen. Es war wohl bisweilen ein saures Amt, Ruhe und Frieden unter dem leicht erregbaren Volke aufrecht zu erhalten, aber der Richter verstand die schwere Kunst, es allen nach Wünsch zu machen. Wenn er streitende Parteien zu Tätlichkeiten übergehen sah, war er freundlich genug, sich nach der entgegengesetzten Richtung zu begeben, und fv alle Erörterungen zu vermeiden. In der Menge sah Hamor auch die Gestalten mehrerer junger Leute auftauchen, deren braune Sammetröcke und lebhafte, angeregte Mienen und Blicke sie als Maler kennzeichneten.^ Junge Mädchen, die einander untergefaßt hielten, wie sie allerwärts tun, und unnütze Buben, mit schriller Stimme Gassenhauer singend, vervollständigten die Szene. Auf und ab strömte die wogende Menge, feilschend, zankend, lachend oder auch Wohl fluchend, unter wilder Aufregung und. betäubendem Stimmengewirr — ein vielgestaltiges, nie rastendes, sich stets neugebärendes Ungetüm. Jenseits des Hafendammes aber wogte und wallte der Ozean in das Geheimnis der Nacht und der Ferne hinaus. (Fortsetzung folgt.) Ein Sonnenring aus Bnlkanftanb. Der Schweizer Naturforscher Forel hat an die Pariser Akademie der Wissenschaften einen Bericht über eine außerordentlich wichtige Beobachtung eingesandt, die er Anfang August an drei Tagen hintereinander an dem Platz Fin- Haut in Wallis in einer .Höhenlage von 1400 bis 2100 Metern gemacht hat. Er . sah nämlich die Sonne von einem Strahlenhof umgeben, den er am 5. September 1883 zuerst von Bishop in Honolulu entdeckte und der dann nach ihm Bishov'scher Ring benannt wurde. Das Merkwürdige an dieser Himmelserscheinung ist ihr wahrscheinlicher Zusammenhang mit vulkanischen Ereignissen. Ihr Auftreten im September 1883 erfolgte 9 Tage nach der großen Eruption des Krakatau in der Sunda-Straße. Die Entstehung dieses Bishop'schen Rings wird eine Beugung der Sonnenstrahlen folge der Anwesenheit von Staubmasken in höheren Schichten des Luftmeers zugeschrieben. Seiner Form nach bildet er einen Strahlenkranz um die Sonne, der aus zwei Zonen zusammengesetzt erscheint. Zunächst um die Sonne zeigt sich ein silberwerßer glänzender Hof mit einem Radius von ettva 10 Grad, der außen von einem kupferroten Ring voll etwa 20 Grad Breite umgeben ist. Der mittlere Radius des.roten Strahlenkranzes oder genauer der Radins des mittleren Teiles dieses Hofes betrügt etwa 15 Grad. An der inneren Grenze vermischt sich die kupferrote Zone mit der silberweißen, nach außen hin geht ihre Farbe allmäh- lcch in das Blau des Himmels über, sodaß diese äußeren Umrisse nicht deutlich zu erkennen sind. Vielmehr erhält das Himmelsblau in der Nähe des Strahlenhoses eine seltsame Färbung, die ganz besonders wunderbar erscheint, wenn in der betreffenden Himmelsgegend noch hochstehende Wolken vorhanden sind. Die Beobachtungen, die Forel in diesem August gemacht hat, entsprechen in allen Einzelheiten denen des Naturschauspiels von 1884, sodaß kein Zweifel daran ist, daß es sich wm einen ganz eben solchen Ring gehandelt haben muß, wie er zuerst am 5. September 1883 von Bishop auf den Hawai gesehen wurde. Während des Winters 1883—84 wurde er dann auch in verschiedenen anderen Erdgegenden wahrnehmbar, int Sommer 1884 war er in ganz Mitteleuropa bei klarem Himmel ständig sichtbar, und er ist noch 1.885 und sogar bis zum Juli 1886 beobachtet worden. Allerdings war die Erscheinung so matt, daß sie in der Ebene, wo die Atmosphäre mit mehr Staub beladen und mehr mit zerstreutem Licht durchsetzt ist, nur fetten und schwer zu erkennen war. In Höhen über 1000 oder gar bis 4000 Metern über dem Meer entfaltete sich das Schauspiel dem Auge in voller Pracht, und namentlich wurde der kupferrote Ring mit zunehmender Erhebung des Beobachters immer glänzender. Besonders schon trat der Strahlenhof hervor, wenn die blendende Sonnen scheibe selbst durch eine Bergspitze oder eine Wolke verdeckt war; dann leuchtete der rötliche Glanz prachtvoll durch die Risse der Wolken oder durch die Unterbrechungen im Bergkamm hindurch. Damals einigte man sich allgemein auf die Annahme, daß der Ring durch das Vorhandensein von außerordentlich feinem vulkanischen Staub in den oberen Schichten der Atmosphäre hervorgerufen werde, der sich fast in der ganzen Ausdehnung der Atmosphäre um die Erde herum verbreitet haben müßte. Forel sagt aus, daß er für dies Jahr die Wiedererscheinung des Bishop'schen Rings erwartet habe, zumal die Gegenwart bedetitender Staubmassen in der Lust bereits durch die Tämmerungserschein- ungen des Sommers und Herbstes vorigen Jahres angekündigt war. Es entspricht auch der Erwartung, daß das Naturschauspiel diesmal noch weit blasser ist als 1884. Forel glaubt, er würde es kaum bemerkt haben, wenn er nicht besonders nach ihm ausgeschant hätte und an seinen Anblick von früher her gewöhnt gewesen wäre, jedoch meint er, daß unter möglichst günstigen Witterungsverhältnissen und namentlich in großen Meereshöhen von mehr als 2000 Metern jeder aufmerksame Beobachter ihn wahrnehmen kann, besonders wenn in der beschriebenen Weise der Sonnenkörper selbst abgeblendet ist. Es ist sehr wünschenswert, daß möglichst ost itnd gründlich nach dem Bishop'schen Ring cmsgeschaut werde, damit man erfährt, wie lange er diesmal sichtbar bleiben wird. Wahrscheinlich wird dies nicht so lange der Fall fein, wie damals, weil' sich die Vulkanausbrüche vom vorigen Jahre an Stärke mit der Eruption von Krakatau gar nicht vergleichen lassen und weil auch die darauf erfolgten Tämmerungserschein- ungen längst nicht die Beständigkeit und Dauer gezeigt haben wie nach der letztgeirannten Katastrophe. Vermutlich bilden die von den westindischen Vulkanen in die Luft geschleuderten Staubmassen in den oberen Luftschichten nicht einen zusammenhängenden Ring um die Erde, sondern mehr vereinzelte Wolken, die nacheinander über unsere Gegenden hinwegziehen. Es wäre besonders interessant, festzustellen, ob auch der Bishop'sche Ring die gleiche Unzuverlässigkeit zeigt wie die Dämmerungsfarben. Vernrrdchtes. * Wie wird man alt? So widerspruchsvoll es klingen mag, die Menschen wollen alle jung bleiben, und doch wollen sie alt werden — und merkwürdig ist es, daß dieselbe Methode zu beiden Zielen führt. Vor kurzem hat die Dritisi) Medical Association eine Kommission eingesetzt, um die Lcbensmethode alter Leute zu ergründen; erwähnenswert ist hierbei die Feststellung, i-aß die Lebensdauer der Menschen zunimmt. Im Altertum wurde der Höhepunkt des menschlichen Könnens in das 35. Jahr verlegt. Auch Dante hielt dieses Jahr für den Wendepunkt, und Montaigne glaubte, int 35. Jahr sein Lebenswert abgeschlossen zu haben, „da jetzt das Alter komme." In der Gegenwart aber wird erst das 50. Jahr für die Höhezeit unseres Wirkens gehalten. Wir sind daher Le» rechtigt, anzunehmen, daß die Lebensdauer in Zukunft noch länger sein wird. Die beutige Chirurgie erhält Tau- 540 sende von Menschenleben, die noch vor wenigen Jahrzehnten verloren gegangen wären, die Schrecken vieler Krankheiten sind vermindert, selbst die Durchschnittsjahre, welche früher ein an Schwindsucht erkrankter Mensch noch zu leben hatte, waren zwei, heute sind es über acht und viele werden ganz geheilt, die Kindersterblichkeit ist gleichfalls erheblich zurückgegangen. Was nu,n die alten Leute betrifft, so waren sie meist eher klein und dünn als groß und dick, nur wenige haben schwere Krankheiten in jungen Jahren durchgemacht, beinahe alle sind spärliche Esser, und ihre Nahrung besteht weniger aus Fleisch als aus Produkten lebender Tiere, wie Eier, Milch, Butter, Honig usw. und aus Vegetabilien. Die meisten machten viel Bewegung int Freien. Erwiesen ist auch) daß' die Enthaltung von alkoholischen Getränken das Leben verlängert. Dennoch giebt es auch Leute, die sehr alt werden, ohne sich um Diät und Hygiene zu kümmern. Der Engländer Thomas Parr, der ein Alter von 152 Jahren erreicht haben soll, war bis zu seinem Tode ein überaus starker Esser. Seine Mahlzeiten bestanden vorwiegend aus Käse, grobem Brot und saurer Milch. Madame de Staöl sagte: Die besten Mittel, um die äußerste Altersgrenze zu erreichen, sind: körperliche Bewegung, Geistesarbeit und „Liebe" — gibt es ein besseres Rezept, um jung zu bleiben? * Rauchern wird es lieb sein, zu erfahren, daß nach den neuen Untersuchungen, die Dr. Frenkel der Wiener Akademie der Wissenschaften vorgelegt hat, das Aroma des Tabaks und dessen Wirkung auf beit Raucher nicht, wie gewöhnlich angenommen wird, dem Nikotin zuzuschreiben sind, sondern einem ganz anderen chemischen Körper. Die physiologische Wirkung des Tabaks stimmt nicht mit seinem Gehalt an Nikotin überein. Verschiedene Arten von Havana- Tabaken, die arm an Nikotin sind, üben auf den menschlichen Organismus eine stärkere Wirkung aus, als andere Arten, die viel Nikotin enthalten. Diese Tatsachen veranlaßten Dr. Frenkel zur genauen Nachforschung nach einem anderen Stoff, der als eigentliche Ursache der störenden Einflüsse des Tabaks zu vermuten. Er zog aus verschiedenen Tabaksorten Destillate, die eine ähnliche Schillerfarbe wie Petroleum zeigten und ein feines Täbaksaroma besaßen. Durch ihre Behandlung mit Pikrinsäure schied er aus ihnen ein gelbliches Salz aus, durch dessen weitere Prüfung der Nachweis geführt werden konnte, daß das Aroma und die Wirkung des Tabaks zum großen Teil durch ein Alkaloid von hoher Flüchtigkeit verursacht würden. Danach wäre der Tabak von dem eigentlich schädlichen Bestandteil leicht zu befreien, aber man muß befürchten, daß er dadurch auch zugleich seines Aromas beraubt wird. Literarisches. — T ie Wagnerkette, eine moderne Liebesnovelle von Ellen Walter, betitelt sich der neueste soeben erschienene Band von Seemanns kleiner Unterhaltungsbibliothek (Preis Mk. 1.—). Wie schon der Titel sagt, spielt Richard Wagner und die Wagnersche Musik eine wichtige Rolle in der temperamentvollen Erzählung der jungen Breslauer Dichterin. Sie schildert in packenden Farben ein durch die Gewalt der Musik in höhere Sphären gerücktes, überaus leidenschaftliches Liebesverhältnis zweier Menschen, die an dem Uebermaß ihrer Gefühle zu Grunde gehen, gleich ihren Vorbildern Tristan und Isolde im Wag- nerschen Musikdrama. Poetischer Schwung und zarte Stimmungsmalerei verbinden sich zu einer hinreißenden Darstellung, und das Lied von Liebe und Tod, wie es Ellen Walter in ihrer Wagnerkette singt, wird auf jedes empfängliche Gemüt eine nachhaltige Wirkung ausüben. — Das September heft von Velhagen nnd Klasings Monatsheften, mit dem zugleich ein neuer Jahrgang — schon der 18. — beginnt, ist in Wort und Bild wieder so reichhaltig, daß wir diese vortreffliche Zeitschrift, auf die wir schon so oft hinwiesen, nur auf das wärmste empfehlen können. Wir alle betrachten es als eine der wichtigsten Aufgaben unserer Zeit, die Kunst ins deutsche Haus zu bringen. Wie aber könnte das wirksamer geschehen, als durch den Bezug dieser Zeitschrift, die in der Tat das Schönste, was die Kunst unserer Tage hervorbringt, in den besten Reproduktionen iviedergibt. Wie fesselnd wirkt gleich das Titelbild des Heftes,, das Pastell von Fritz August Kaulbach: „Die Römerin"! Wie wundervoll wirken die Faksimiledrücke der Gemälde, die dem Aufsatz von Marcel Montandon über „Giovanni Segantini" beigegeben sind, während doch jeder Versuch, diesem Künstler mit Verzicht auf farbige Wiedergabe seiner Arbeiten gerecht zu werden, sich als völlig unzureichend erweisen muß. Ins Gebiet der Kunst gehören auch die Erinnerungen Eduard Grützners: „Von der Geburt bis zum Verkauf meines ersten Bildes" und die feine Novelle von Goswina von Berlepsch: „Episode". Eine ebenso launig gehaltene wie belehrende Plaudere/ von Hanns von Zabeltitz „Schweizer G a st st ä t t e n" hat W. Gause mit 25 allerliebsten Aquarallen nach dem Leben in den Schweizer Hotels geschmückt. Der andere Herausgeber der Zeitschrift, Th. H. Pantenius hat für das Heft einen Aufsatz über den russischen Zaren „Iwan der Schreckliche" beigestenert, der nach Holzschnitten aus dem 16. ‘ Jahrhundert illustriert ist, und einen der furchtbarsten aber auch interessantesten Fürsten schildert, von dem die Weltgeschichte berichtet. Mit Interesse wird man auch den kleinen Aufsatz lesen, in dem Engen Zabel die große Schauspielerin „Hedwig Niemann-Rabe" würdigt. Das Heft bringt den Anfang von zwei großen Romanen: „Simone" und „Magnus Eollnnd", deren Verfasser Georg Freiherr von Ompteda und Bernhardine Schulze-Smidt zu den allerbesten Erzählern der Gegenwart gehören. ■:— Wörishofer Kalender für Kneipp'sches H e i l v e r f a h r e n p r o 1904. Herausgegeben von Dr. med. A. Baumgarten, prakt. Arzt in Wörishofen. 4. Jahrg. Verlag der Buchdruckerei und Verlagsanstalt Wörishofen. Preis 50 Pfg. Der reichillustrierte Kalender enthält eine Reihe interessanter Aufsätze über die Gesundheitslehren (vom Verfasser eine Abhandlung über Rachitis — englische Krankheit.) Von den vielen Illustrationen erwähnen wir nur das KUeippdenkmal und die sechs preisgekrönten Entwürfe für ein Reklameplakat für den Kurort Wörishofen. Der Mutter Stoßseufzer. Wieder einmal geht uns aus unserem Leserkreis eine vernünftige Reflexion zu, deren Berechtigung wir vollauf anerkennen. Wir lassen Andersdenkende aber auch zu Worte kommen und laden sogar dazu ein. Indessen bemerken wir schon jetzt: Keine Antwort ist auch eine Antwort. Der Stoßseufzer lautet so: Denk' ich an meine Mädchenzeit Wie anders war's als heute! Wir saßen ruhig meist zu Haus Und sahen wenig Leute. Betracht' ich meine Töchter jetzt — Um wieviel sind die reger! Die rudern, turnen, fahren Rad Und boxen wie die Neger. Sie spielen Tennis, Fußball, Golf, Sie kraxeln ohne Panse. In jedem Sport sind sie zu Hans, Doch — nie sind sie zu Hause. Und, was das Wunderbarste ist: Sie hetzen, hasten„ schwitzen, Sind in Bewegung früh und spät Und — bldib en dabei sitzen! Auflösung des Preisrätsels in Nr. 128 der Familtenblatter: 28 21 26 23 25 27 24 29 22 und das Spiegelbild davon. Die Gewinner sind: 1. Anna Melior, Gießen, Marburgerstraße — Preis: „Zwischen Rhein und Donnersberg", Roman von H. Bechtols« Heimer; 2. Jakob Schwarz, Gemeinde-Einnehmer in Dorf-Gill — Preis: „Die Wohnungen und ihre Ausstattung" von W. Fred. Die Preise sind von den Gewinnern gegen Vorzeigung der Abonne- mentSquittung in der Geschäftsstelle des „Gießener Anzeigers" in Empfang zu nehmen. Auflösung des Tauschrätsels in vor. Nr.: Iran, Wei«, Seide, Feder, Bern, Note, Kohlkopf, Wette, Eier, Brut, Kamm, Mehl, Name, Kanue, Tante, Meister, Rast, Nase, Wetse^Heller, Wild, Ha«s, Pelz, Falle, Rebe, Helm, Augen, Wahu, Bad, Welle. In der Not erkennt man seine Freunde. Redaktion: August Götz. — Nowtionsdruck und Verlag der Brühl'scheu Universttats-BuS- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.