Samstag den 11. JuU. Nr. 102 1903. DKW^^.M^WW 4> !>' I11 ^^MÄiMLWK^ !EMMrL^ WW!S Ä (Nachdruck verboten.) Die Namensschwestern. Frei nach dem Eirglischen von Clara Rheinau. (Schluß.) Die Botschaft, ivelche so geringe Aussicht gehabt hatte, je in Aimees Hände zu gelangen, lautete: „12. August. Eine Freundin in England, ivelcher vieles aus Fräulein Forests Leben bekannt ist, was diese vielleicht selbst nicht werß, wünscht Sie hiermit zu benachrichtigen, daß ein bedeutendes Besitztum in einer der östlichen Grafschaften Englands ihr rechtmäßiges Eigentum ist. Frau Graham vermachte dasselbe in ihrer Todesstunde ihrer „Enkelin und Namensgefährtin Ellrnor", welche Enkelin und Namensgefährtin Fräulein Elliuor Forest ohne Zweifel ist. Infolge eines Mißverständnisses ergriff eine andere Person von dem Vermächtnis Besitz. Aber wenn Fräulein Forest bei Herrn Norris, Rechtsanwalt in St. Giles Norwich, ihre Identität beweist, wird sie zweifellos imstande sein, ihren Ansprüchen Geltung zu verschaffen und vermutlich mit den einzigen überlebenden Verwandten ihrer Mutter zusammentreffen. Sollten noch ausführlichere Beweise nötig sein, um Fräulein Forest's Stellung zu sichern, so sind dieselben zu erlangen, wenn man sich durch die „Times" in Verbindung setzt mit C. B." „O die doppelte, dreifache Verräterin!" rief Ellinor, als sie zu Ende gelesen, und Zoruesröte übergoß ihre Wangen. „Sie mag freilich Eile haben, von hier wegzu- kommen. Dies hat niemand anders geschrieben, als Fräulein Bassett." „Und wer mag diese durchtriebene Person fein?" fragte Herr Henderson. „Diese Person, Sir", antwortete der Doktor, in dessen treuherzigen Zügen sich ein grenzenloses Staunen malte> „ist eine Dance, die zurzeit noch in Westfields zurückgehalten wird durch die Folgen eines schweren Unfalles, der ihr und meinem — ah — hin — ihrem Wagenlenker vor einigen Wochen zustieß. Aber sie ist nun h mreichend wieder hergestellt, um uns Rede zu stehen. Ich schlage deshalb vor, daß Herr Norrrs als der Anwalt der Familie, Sie, Herr Henderson, als Fräulein Forests und ich selbst als Fräulein Grahams Berater sich unverzüglich zu ihr begeben, um eine volle Erklärung zu fordern. Sie, Fräulein Forest", wandte er sich in liebevollem Tone an Aimee, „bedürfen dringend der Ruhe. Wir wollen Sie deshalb ein Stündchen allein lassen." Aimee gab sich alle Mühe, ruhig zu antworten, allein das Eigentümliche ihrer Lage überwältigte sie fast. Der Anblick des letzten Schreibens ihrer früh verlorenen Mutter hatte ihr den letzten Rest von Fassung geraubt. „Ich kann nicht bleiben, Herr Wilson", sagte sie mit leiser, gebrochener Stimme. „Herr Norris wird alles Nötige für mich ordnen, aber ich muü — muß gehen. Ich wäre nie hierher gekommen —" sie blickte zu ihm auf nut Augen, die zu fragen schienen: „Wissen Sie, warum?" „Aber bcs wir hierher vorfuhren, hatte ich keine Ahnung, wohin man mich brachte." „Sie war von der Reist ermüdet", schaltete Herr Henderson ein. „Und so Uetz ick sie bei meinen Frauenzimmern im Hotel zurück, während ich mich aufmachte und mit Herrn Norris ihre Angelegenheiten verhandelte. Bei unserer Fahrt hierher konnten wir nicht viel Unterhaltung führen, und Fräulein Forest schien ganz erschrocken, als sie hörte, wem dies Haus gehöre und 'wer darin wohne. Junge Leute mit zarten Nerven haben oft so ihre eigenen Ideen, wie Sie wissen." „O bitte, denken Sie doch noch nicht daran, hier wegzugehen, Kousine", sagte Ellinor. „Mein Vater trifft heute hier ein und er muß sie doch sehen. Es ist auch noch so vieles unaufgeklärt, worüber wir mit einander sprechen müssen. Und wenn ich — wenn ich alles verlasse, was nicht mein ist, so muß ich Ihnen zuerst noch von meinen Arbeiten in Westfields und von Herrn Morgan —" „Herr Wilson", unterbrach sie Aimee totenbleich und wie Espenlaub zitternd, — ich — ich — muß jetzt gehen. O darf ich gehen?" „Es ist nicht notwendig, daß Fräulein Forest diese Erklärungen erhält", sagte der Doktor, über Aimees Kopf weg aus dem Fenster blickend und in sehr zerstreutem Tone sprechend. „Er wird ihr ganz bald alles selbst sagen können. Mein Schwager", fuhr er zu Herrn Henderson gewendet fort, Aimee ganz ungalant den Rücken kehrend, „war nämlich in einer sehr schwierigen Angelegenheit abwesend. Er suchte eine Freundin, die er nicht finden konnte. Erst kürzlich hatte er einen Unfall und war ganz reiseunfähig. Ein vernünftiger Wundarzt in Paris beorderte ihn nach Hause. Er kommt heute zurück — sogleich — ich glaube wirklich, da ist er schon." Und in größter Aufregung eilte der Doktor in die Halle hinaus, gerade als seiu eigener Wagen, der den Reisenden am Bahnhof abgeholt hatte, vorsuhr und Frau MUson, von ihrer Besucherin endlich befreit, hereinstürmte, um den Bruder zu begrüßen. „Nun, lieber Junge, nimm meinen Arm", sagte der Doktor. „Allmächtiger Gott, wie geisterhaft Du aussiehst! Wre geht's, Jarris? Bitte, bringen Sie den Wagen au die andere Tür. Und jetzt — mit seiner Frau und Richard eintretend — verhaltet Euch beide so ruhig als möglich, nicht wahr? Aber ich muß sogleich mit der Sprache heraus. „Dort" — auf die halbgeöffnete Tür deutend — „ist Fräulein Forest mit ihren Begleitern." „Aber Robert!" rief Frau Wilson in vorwurfsvollem Tone. Doch Richard entwand sich dem festen Griffe des Doktors, der ihn zurückhalten wollte, und hatte mit wenigen 406 schwankenden Schritten das Gemach erreicht, in welchem alles vor seinen Augen verschwand bis auf das eine geliebte Gesicht, das er so verzweifelt gesucht hatte. „Mein Liebling!" rief er außer sich vor Freude, und Aimee sank ohnmächtig in seine Arme. „Ich glaube, es wird mir gut tun, ein wenig frische Luft zu schöpfen", bemerkte Herr Henderson und war gleich darauf im Garten zu sehen, in verdächtig sentimentaler Weise ein großes blaues Taschentuch benutzend. Denn der Amerikaner hatte ein gefühlvolles Herz, und ein bischen Romantik rüttelte ihn bis ins Innerste auf, !vie er selbst zu sagen pflegte. Als Aimee sich hinreichend erholt hatte, um die beglückende Wahrheit zu fassen, daß Richard ihr nie die Treue gebrochen, und daß all ihrem Unglück nur ein Mißverständnis zu Grunde gelegen hatte, ivaren auch die Umrisse zur Geschichte ihrer Mutter vollständig ausgefüllt. Mit ihrem eigenen Briese und der Vollmacht aller Parteien bewaffnet, begab sich Herr Norris zu Fräulein Bassett, um ein sehr nachdrückliches Verhör mit ihr anzustellen. Nach vielen verschmitzten Um- und Auswegen, die ihre boshafte Selbstsucht entschuldigen sollten, fühlte sie sich endlich bewogen, einen genauen Bericht über Beatrices Heirat zu geben. Herrn Forest, der nür ein Künstler, aber sehr talentvoll und von guter Familie gewesen, hatte Fräulem Bassett gekannt, ehe sie Frau Grahams Gesellschafterin wurde. Durch ihre Bemühungen wurde er als einer von Beatrtcens zahlreichen Lehrern nach Westfields berufen. „Es unterliegt keinem Zweifel", bemerkte Herr Norris, „daß sie selbst Absichten aus ihn hatte und es Fräulein Graham nie vergeben konnte, daß diese ihre Heiratspläne durchkreuzte.^ Aber unglücklicherweise fühlten sich Lehrer und Schülerin zu einander hingezogen. Frau Graham, eingehüllt in ihren Stotz, beit selbst des Sohnes Verhalten nicht hatte erschüttern können, bemerkte nichts von allem, was vorging. Die Liebenden wußten sehr wohl, daß sie der Mutter Einwilligung zu ihrer Verbindung niemals erhalten würden; so beschhosseu sie denn in einer unseligen Stunde sich heimlich trauen zu lassen. Die Tochter kehrte von, einem kurzen Besuche in einem entfernten Teil der Grafschaft als Paul Forests Gattin zurück und gestand leider zuerst der Gesellschafterin, was sie getan, dann zog sie ihre Mutter ins Vertrauen. Innerhalb einer Woche fourde sie unter dem Borg wen, ein ausländisches Institut besuchen zu sollen, ftir immer von Westfields verbannt. Frau Graham wußte in ihrer stolzen Selbstbeherrschung alles so zu machen, daß nicht das Geringste von der Geschichte in die Oeffentlichkeit drang. Spätere peinliche Fragen, die ja unausbleiblich gewesen wären, vereitelt« Beatrice Forests frühzeitiger Tod. Die unversöhnliche Mutter nahm nur insoweit von der Bitte ihrer sterbenden Tochter Notiz, als sie sich erbot, das Mud, ihre Namensgefährtin, in einer entfernten Gegend Englands erziehen zu lassen, unter der Bedingung, daß Herr Forest allen Ansprüchen aus seine Tochter für immer entsage und keinerlei Beziehungen zu derselben unterhalt«. Diese Zumutung wies er entrüstet zurück, und damit war jeder weitere Verkehr zwischen ihm und Frau Graham für immer abgebrochen. , r < »Von jener Zeit an, Sie dürfen sich darauf verlassen", schloß Herr Norris, „hegte Fräulein Bassett die feste Hoff- niwcj/ beit -ßdtoencniteil Don cnxi§ 93enttÖcteit HU sichern. Aber jene Hoffnung wurde zerstört durch das Testament, das die Dame, endlich einer natürlichen Reauna folgend, auf dem Sterbebett machte." „Aber wie können wir sicher sein", fragte Dr. Wilson, stimmtw?"Fr"ulein Forest jst, die sie zu ihrer Erbin be- „Aus dem einfachen Grunde, weil sie gar nicht wußte, daß noch eine andere Enkelin ihren Namen trug", ant- wortete der Anwalt. „Meiner Namensgefährtin Ellinor, Mneb sie und so lasen Sie. Es war die Stimme ihrer Geiellschafterin, welche „Graham" beifügte, wie sie mir eben selbst sagte. Und allem nach zu urteilen, scheint mir, daß Fraulein Bassett damit eine zweifache Rache ausübte: an der toten To Mer und der sterbenden Mutter, welche ihr Streben nach Liebe und Vermögen durchkreuzt hatten." Doktor Wilson erinnerte sich sehr wohl des letzten klaren Blickes, den die Sterbende aus ihre Gesellschafterin geheftet und ihrer seltsamen, fast zornigen Angst und Erregung, die ihm damals unverständlich gewesen, die er aber jetzt vollkommen begreifen konnte. „Und bitte, woher wußte die liebenswürdige Dame, wo Fräulein Forest zu finden sei?" fragte Herr Henderson gespannt. „Das kam so", versetzte Herr Norris: „Fräulein Bassett hat eine Schwester, die in einem großen Geschäft in Brüssel eine Stelle belleidet. Diese Dame ist bekannt mit einer Frau Werlö, deren Mutter Pförtnerin des Hauses war, in dem Herr Forest jahrelang wohnte. Durch diese Beziehungen war es Fräulein Bassett möglich Fräulein Forest im Auge zu behalten." „Also", sagte ein bärtiger Herr, der mit einem sehr gebräunten, aber fast knabenhaft, aussehenden Jüngling bei dieser Erklärung im Speisezimmer von Westfields anwesend war, „also muß ich annehmen, daß die Existenz meiner Tochter Ellinor ihrer Großmutter ganz unbekannt ivar?" „Dies, Herr Graham, wird Fräulein Bassett auf Ihren Wunsch mit dem Eide bekräftigen", war die Erwiderung des Anwalts. Aber niemand trug Verlangen nach Fräulein Bassetts Eid. Alle wünschten dringend deren schleunigste Entfernung von Westfields und waren einstimmig der Ansicht, daß die Schmerzen und Verunstaltttngen, die ihr Unfall nach sich gezogen hatte, eine hinreichende Strafe für ihre boshaften Machenschaften seien. Märe eine der Minors oder eine deren Vertreter streitsüchtig gestimmt gewesen, so hätte sich Aimees Besitzergreifung von Westfield nicht so glatt vollziehen können. Herr Graham aber erllärte sich sofort bereit, alle Ansprüche an die Tochter seiner Schwester abzutreten und diese wollte sich nicht zusiieden geben, ehe man ihr erlaube, mit ihrer Kousine zu teilen. So mußte denn Herr Norris amtlich und fteundschaftlich sich der Sache annehmen. Westfields blieb Ellinor Forest und deren Erben gesichert, während die Hälfte des übrigen Einkommens für die nächsten zwanzig Jahre zu Ellinor Grahams Verfügung stehen mußte. In Begleitung ihres Vaters stattete diese letztere Ellinor noch einen Besuch in Frau Stirlings ärmlicher Hütte abl. Die arme Frau war so schwach geworden, daß sie zu ihrem größten Kummer sich nicht erheben konnte, um dem vornehmen Schwiegersohn ihre „Reverenz" zu machen. Ihr runzeliges Gesicht strahlte vor Freude, als ihr dieser von seiner Frau erzählte, „der besten, die es je gegeben", und sie verzieh „dem Gentleman" gern den Stolz, der ihr so viele schwere Stunden bereitet. Wenige Tage später war die gute Alte zur ewigen Ruhe eingegangen, ohne daß jemand, außer den wenigen Eingeweihten, eine Ahnung erhielt von den Beziehungen, di« sie mit der Familie Graham verbänden. So vergingen zwei Monate, während welcher Zeit die Leiden Kousinen eine warme, innige Freundschaft miteins ander schlossen. Und an einem klaren Novemberinorgen, als Gluck und Liebe wieder Rosen auf Aimees Wangen gezaubert, erklangen die Kirchenglocken von Bridgeham zu einer doppelten Hochzeitsfeier. Wenige Tage darauf schiffte sich Ellinor Boyd mit dem jungen Schottländer, den sie zum Lebensgefährten erwählt, nach der alten Heimat ein, nach der sie sich stets im Geheimen gesehnt hatte, während ein Monat später Ellinor Morgan nach Westfields zurückkehrte, gerade rechtzeitig, um mit ihren liebsten Freunden, Fräulein Osborne und den Hendersons, ihr erstes englisches Weihnachtsfest zu feiern. „Meine kleine Gnädige", nennt sie Doktor Wilson stets, stolz auf die allgemeine Beliebtheit, deren seine junge Schwägerin sich erfreute. „Meine Schwester, Frau Morgan von Westfields", sagte Frau Wilson noch immer, in einer gewissen Scheu vor Aimee, die so hochherzig Verzeihung gewährt hatte für das unbefugte Einmischen, das doch ihrem Glücke beinahe verhängnisvoll geworden wäre. Aber für Richard Morgan — von der Firma Barker und Morgan — ist sie „meine Aimee" und wird es, bleiben bis zum Ende der Zeiten, obschpn das schöne Heim, das sie dem Gatten zugebracht hat kraft ihres anderen Namens Ellinor ihr Eigentum wurde. 401 von begann zu schreiben: . . . Nur noch wenig Tage trennen uns von jenem bemerkenswerten Termin, an dem das deutsche Volk vr.. neuem darüber entscheiden soll, wer als Sieger aus der Wahlurne — Da stand plötzlich ein Setzerlehrling neben ihm: „Der Metteur läßt fragen, welche von den gestern zurückgestellten Manuskripten heut' gesetzt werden sollen", — damit überreichte er ein ganzes Pack Papiere. Der Redakteur sichtete sie sorgfältig. Dann gab er einen Teil zurück, der andere wanderte in den Papierkorb. Der Setzerlehrling überreichte ein paar „Fahnen". „45 Zeilen Landwirtschaft sind zu viel, und 23 Zeilen Vermischtes." Der Redakteur atmete aus, als er auch die noch gestrichen hatte. Dann nahm er die unterbrochene Arbeit wieder aus. Er las den angefangenen Satz flüchtig durch und schrieb weiter: ... hervorgehen wird. In der Hand jedes einzelnen Wühlers liegt es- sein — Es wurde recht vernehmlich an die Tür gepocht. "Ach entschuldigen Sie", eine ältere, würdige Dame schob! sich ins Zimmer, „ich bin Abonnentin und da möchte ich mir gern eine Frage erlauben. Sehen Sie, ich bin schon gewiß eine ruhige Mieterin, die kein Wort mehr sagt, als notwendig ist. Doch was zu arg ist, ist zu arg. Ich habe schon Wohnungen gehabt, in denen ich 17 Jahre und noch länger gewohnt habe, aber so was is mir in meiner Praxis noch nicht vorgekommen. . ." „Wollen Sie mir sagen, um was es sich handelt?" unterbrach der Redakteur die Redselige geduldig. „Natürlich, ich bin ganz Ihrer Ansicht", stimmte sie zu, „ich gehe auch stets sofort auf den Kern der Sache ein. Es hat gar keinen Zweck, immer wie 'ne Katze um den heißen Brei herumzuschleichen. Also eine kategorische Frage: Ist es ein Grund zum sofortigen Ziehen, wenn die Wände derart feucht sind, daß Wassertropsen, daß ein ganzer Strom herunterläuft, sodaß eine arme, ehrbare Frau in ihrem eigenen Bette zu ertrinken droht?" „Ja, natürlich", — Dr. Winkler betrachtete staunend die Dame, die über einen Marienbader Umfang verfügte — „natürlich^ da dürfen Sie ohne weiteres ausziehen." „Sehen Sie", triumphierte die Monnentin, „das hab' ich mir gleich gedacht. Aber meine Nachbarin wollte es nicht glauben. Jetzt gehe ich sofort nach Hause und schicke sie auch zu Ihnen, damit Sie ihr das bestätigen." „Das Herschicken hat für mich keine Eile", rief der Redakteur der Davonstürzenden nach; aber die war seinem Gesichtskreise bereits entschwunden. Nun schleunigst an die Arbeit! Was hatte er denn eigentlich... ach richtig, den Wahlaufruf. Da müßte in letzter Stunde. . . Kllrrrr, klapperte das Telephon. Der Redakteur hob das Hörrohr. „Ach, hör'n Sie mal", klang ihm ein schwaches Stimm- chen entgegen, „woll'n Sie mir nicht sagen, in welchem Geschäft die Nähmädchen gestern in Ihrem Blatt gesucht wurden?" „Himmlische Ruhe." , Sie bekleiden hier wohl einen kompletten Ruheposten, Herr Doktor", meinte etwas mitleidig der Vertreter eures internationalen Telegraphenbüreaus aus der Hauptstadt. „Wenn ich mir dagegen den Trubel bedenke, der aus den berliner Redaktionen herrscht, was da für ein Leben ist . . . . Aber hier diese Ruhe, diese himmlische rdyllische Ruhe!! Hier muß sich's ja arbeiten wie geschmiert..." Dr. Winkler rückte unwillig auf feinem Sessel hin und her und warf dem „Wolfmenschen" einen bösartigen Blick zu. „'s arbeitet ftö ja auch ganz gut hier", antwortete er mit erheuchelter Gleich glltigkeit, „aber mrt der himmlischen Ruhe ist's vorbei, wenn die Herren Berliner mir hier lange Geschichten erzählen, die nnch nicht ititeTeffierett/' „Verstehe diesen Wink mit dem Zaunpfahle", lächelte der Wolfmensch, ,,'Psehle mich. Im Herbst komme ich wieder." , Dr. Winkler schlug erfreut drei Kreuze. „Jetzt nur eine Stunde Ruhe," dann habe ich meinen Artikel fertig", meinte er vergnügt, griff nach Feder und Papier und „Weiß ich nicht, müssen sich au die Expedition wenden", rief der Redakteur zurück und stellte den Apparat schleunigst ab. Da kam ein Bote aus der Expedition. „'s ist ein Herr unten, der will Sie unbedingt sprechen". „Ich hab' keine Zeit, runterzukommen, soll seine Karte heraufschicken." Kaum hatte der Redakteur seine Feder wieder Mrt der Tinte benetzt, war der Bote schon wieder da. „Der Herr hat keine Karte, aber er folgt rnir auf dem „Sehr geehrter Herr Kollege! Verzeihen Sie. Weiß wie unangenehm solche Störung. War früher auch mal redaktionell beschäftigt. Jetzt freilich", — der glattrasierte Mann mit der blechern klingenden Bühnensti,nme schob seinen tief ausgeschnittenen Hemdkragen von zweifelhafter Färbung wieder in eine halbwegs leidliche Fasson, „jetzt btn ich etwas klamm. Aber brillanten Abschluß mrt erster Bühne Londons in der Tusche. Wenn also der Herr Kollege einen kleinen Reisezuschuß . . Dr. Winkler opferte ein Zweimarkstück auf dem Altäre der Redaktionsschnorrerei. Blitzschnell verschwand es in der abgrundtiefen Tasche des Kollektisteii, der durch einen gnädigen Wink der Hand dankte, und beim Abgehen auf dem Korridor deklamierte: Denn wer den Besten seiner Zeit genug Getail, der hat gelebt für alle Zeiten. Der Redakteur hielt sich sämtliche Ohren zu. Als der Satz verhallt war, sah er sia> fein Manuskript wieder an: . . . einzelnen Wählers liegt cs, sein Schicksal für lange S Jahre zu bestimmen. Nachdem die auf alleir Gern des öffentlichen Lebens gleich lastende — Mn Maurerlehrling reißt ohne weiteres die Tür aus. „Herr Doktor, sie schicken mich zu Sie. Vom Neubau wat zu bestellen: Maurer Ernst August Unverzagt aus Ka- ludwrgkeiten bei Pilkallen in Ostpreußen gebürtig, ist heute vormittag 93/4 Uhr vom Neubau an der Moltkestraßc, dem Bäuunternehmer Anselm Jeremias Habedank gehörig, abgestürzt. Doppelter Schenkelbruch. In Klinik. Verheiratet, Vater von sieben ehelichen Kindern." Damit wollte der Junge schleunigst verschwinden. „Heeee!" schrie der Redakteur hinter ihm dretn, „wulst, Du zurückkommen. Glaubst Du, iä). kann mir Dem Gestammel merken? Deklamier's noch einmal her." Der Junge schnitt eine verzweifelte Grimasse. Kllrrrr, schrillte da von neuem das Telephon. Dr. Winkler begrüßte, während er das Hörrohr aufnahm, den Anrufer mit einem fröhlichen: „Daß Dich der Teufel fti- kassieren möge" und dann: „Hier Redaktion!" „Hier Frankfurt a. M. Fruchtmarkt. Hafer neuer, eine Mark höher, alter zwei niedriger. Weizen beide Notierungen eine Mark niedriger. Gerste neue, zwei, alte eine Mark niedriger. Roggen unverändert. Tendenz schwach. Schluß." „Aber hören Sie doch mal. Sie da, heee, so ivarten Sie doch am Apparat. Ich habe noch etwas Ihnen zu sagen", tobte der Redakteilr — „was, Sie sind schon fort? Ta soll doch gleich ein Himmelkreuz-Douner . . ." „Mein Herr", — eine Damen stimme „Sie sprechen jetzt mit dem Amt. Solche Ausdrücke muß ich mir wirklich t) erbitten " „Entschuldigen Sie, Fräulein", — Dr. Winkler dänlpste seine Stimme zu einem Flüstern herab — „ich glaubte, es wäre noch der Anschluß von vorhin". Dabei drehte er wütend die Kurbel, als ob er Kaffeebohnen für ein Damenkränzchen zu mahlen habe. , Der Maurerlehrling stand noch immer aus Posten. Nun sagte er nochmals sein Gebet her und verschwand. „Der Kerl ist ja noch verrückter tote unser Polier", knurrte er draußen. c , r . ... für seinen Teil abzumachen, tndem er nach setner freien Ueberzegung abgibt einen Stimmzettel für den — Dr. Winkler erhielt einen Nervenchoc, als er schon wieder gestört wurde: , Ter Briefträger brachte „was" nut Zupellungsurumde, ein Schutzmann übergab den Polizeibericht, cut Bote kassierte den Beitrag für den Verein zur Hebung und Förderung des Theaters ein, ein Abonnent wünschte Auskunft, wer nach dem Tode Leos XIII. Papst werden würde. Tie Aufforderung, den ersten offenbar tausendseitigen Roman einer jungen Dame int Manuskript zu prüfen, ein 408 soeben an Ort und Stelle in einer Verlagsbuchhandlung erschienenes großes Werk über die Psyche der Hottentotten „noch heute oder morgen" länger zu besprechen, sofort zu einer hochwichtigen Kriegsgerichtssitzung selber zu erscheinen und ferner noch ein Hochzeitskarmen zu schmieden, lehnte Dr. Winkler schlankweg ab. Schließlich untersuchte er tastend seine Stirn, um sich zu vergewissern, daß er seine Sinne immer noch- zusammen habe. Als er das konstatiert hatte, ließ er sich in seinen kurulischen Sessel fallen, griff zur Feder und . . . „Manuskript, §erc Doktor", heischte da ein Lehrling. „Der Metteur schickt mich. Es ist keine Zeile Satz mehr oben, die Leute stehen still und machen Krawall —“ „Ach so, Manuskript", dehnte Dr. Winkler, „ja, dazu bin ich wirklich noch nicht gekommen." „Aber Herr Doktor", meinte vorwurfsvoll der Junge. Dr. Winkler sah erstaunt zu dem Bürschchen hin. „Scher' Dich jetzt, schließe die Tür zu und sage oben und unten, ich sei gestorben und begraben." Als der Schlüssel in der Tür knirschte, nahm Dr. Winkler sein Manuskript nochmals vor: . . . einen Stimmzettel für den Kandidaten jener Partei, die allein einzutreten gewillt ist, sowohl für alle Rechte des Volkes, als auch für die Größe, für den Wohlstand unseres Vaterlandes. Wenn in diesem Sinne —" Als nach einer Stunde Dr. Winkler die Feder niederlegte, meinte er: „Nun wollen wir mal sehen, was der Wahltag sagt." VsrmrtzchLes« * Das Geheimnis von Lhassa. Lhassa, die Stadt des Dalai Lama in Tibet, war bisher den Fremden unzulänglich gewesen und deshalb als geheimnisvoll betrachtet worden. Professor Zybikow von der Petersburger Universität, der ein buddhistischer Burjat ist und die tibetanische Sprache beherrscht, hat durch einen Besuch der Stadt dieses Dmikel gelichtet. Lhassa liegt malerisch auf dem Südabhang eines Berges. Eine schöne breite Straste, die zu religiösen Umzügen nnd Bußübungen dient, umgibt die Stadt. Inmitten der Stadt, die höchstens 10 000 Bewohner hat, liegt der Buddhatempel, der drei Stockwerk hoch ist, mit drei vergoldeten chinesischen Dächern. In ihm steht eine Riesenbronzestatue Buddhas mit einem Kopfputz ans getriebenem Gold mit Juwelen. Das Gebäude enthält Räume für den Dalai Lama nnd seinen Rat. Die ebenso wie die Stadt im siebenten Jahrhundert gebaute Residenz des Dalai Lama liegt etwa eine Meile von Lhassa auf dem Berg B-odala. Dicht daebi liegt das alte Schloß Hodson-Bodala, ein nennstöckiges Gebäude von 1400 Fuß Länge, in dem das Schatzamt, die Münze, die Schulen der Theologie und Medizin, Wohnnngen und ein Gefängnis uutergebracht sind. Fast 6000 Personen, Knaben, junge Leute und selbst graubärtige Patriarchen studieren Theologie. Seit dem 15. Jahrhundert liegt alle tveltliche und geistliche Macht in den Händen des Dalai Lama. Um bei seiner Wahl Streit zu vermeiden, legt das Wahlkonzil drei Papierstreifen mit dem Namen dreier Knaben in eine Urne, und der Resident entfernt mit einem Stäbchen einen Streifen. Der darauf bezeichnete Knabe wird der neue Dalai Lama. Der jetzige Dalai Lama ist 27 Jahre alt. Er ist feit 1806 der fünfte. Der Rat der Dalai Lama umfaßt vier sogenannte „Galons", die vom Kaiser von China ernannt sind. Die Verwaltung des Landes liegt in den Händen einer geschlossenen Aristokratie; Bestechung und Korruption sind fast allgemein. Ertränken, Tortur, Aus- peitscheii, Verbannung nnd Geldstrafen gehören zu den gewöhnlichen Strafen. Das Räuberunwesen blüht. Die Bevölkerung, die früher anf 33 000 000 geschätzt wurde, nimmt durch Krankheiten, besonders durch Pocken, und da cs so viele im Cölibat lebende Priester gibt, ab. Fast das ganze Land Zentraltibets gehört dem Dalai Lama. Die gewöhnlichen Leute tragen weiße Gewänder aus selbstgesponnenem Stoff, die Reichen rote, die Beamten gelbe und Soldaten blaue. Die Frauen tragen viele Juwelen, Die Bewohner Zentraltibets halten streng fest an ihren fast rein förmlichen religiösen Bräuchen. Medizin ist wenig beliebt. Die Moral ist primitiv; die ehelichen Bande sind nur sehr lose. Es ist sowohl Vielweiberei wie Vielmännerei üblich. Die Arbeit ist billig, die Männer bekommen 8 oder 12 Pfennig für den Tag, die Franen dienen gewöhnlich für ihren Unterhalt. Schaffelle, Rindvieh, Statuen, Bücher, gelbe Lamakappen und Iakschwänze, die als Roßschweife für türkische Paschas gebraucht werden, sind die Hauptausfuhrartikel. * Aus der Gesellschaft. Erste Dame: „Sie durften also den Raubmörder in seiner Zelle besuchen?" —> Zweite Dame: „Und wurde ihm sogar vorgestellt!" * Kompetent. „Damen ertragen Schmerzen im allgemeinen weit besser, als Männer." — „Welcher Arzt hat Ihnen das gesagt?" — „Kein Arzt, ein Schuhmacher/« LiieraVischeA. Sexuelle Pädagogik in Haus und Schule, Von Adelheid von Bennigsen. Verlag von Edwin Runge in Groß-Lichterfelde-Bertin. Preis: 50 Pfennig. — Diese Schrift gehört in die Hand jedes Vaters, jeder Mutter, jedes Geistlichen und Lehrers, jeder Lehrerin. Sie werden an der Hand derselben die ihnen anvertrauten Kinderseelen rein erhalten und vor Verirrungen bewahren^ die schon allzu oft den moralischen Tod ungezählter Kinderseelen verursachten. Die kleine Schrift kann deshalb! nicht eindringlich genug allen, die es angeht, empfohlen werden. Gern rühmen ivir das so hoch entwickelte neuzeitliche: Verkehrswesen, ohne daran zu denken, daß sein ganzer,^ auf höchste Schnelligkeit und Zeitersparnis gerichteter Zuschnitt auch an die Körperkräfte wie an die Leistungsfähigkeit einzelner Organe bei allen Beteiligten stark erhöhte Anforderungen stellt und dadurch schädigend wirkt. Diese Schattenseite des Betriebes mit Dampf und Elektrizität^ mit Motor und Fahrrad beleuchtet ein lehrreicher Aufsatz „Moderne Berkehrskrankheiten" von Dr. med. P. Schütte in dem neuesten (20.) Heft von „Neber Land und M e e r". Hübsch illustrierte Artikel schildern Burg Gltz an der Mosel, interessante Hundetypen, die neuen Rathaus- bäuten in Frankfurt a. M., Jsmid, die „Stadt Diokletians" in Kleinasien, nnd die Kunst der Spinnangelei. Neben Pariser Damenrestaurants („Ponr Dames Seules") plaudert Käthe Schirmacher in ebenso sachkundiger wie anziehender Weise. Von belletristischen Beiträgen bringt das rerch- haltige Heft den Anfang einer im Renßtale spielenden neuen, durch dramatische Spannung und packende Seelen- schildernng gleich ausgezeichneten Erzählung des beliebten Schweizer Autors Ernst Zahn, dessen Roman „Erni Beharm" und Novellensammlungen „Menschen" und „Herrgottsfäden" sich hohen Ansehens in der deutschen Leserwelt erfreuen, während uns die feinsinnige Novelle „Ein Frauenhaar'« von M. Kossak in die sibirische Steppe versetzt. Außerdem findet man reich illustrierte Nvtizblätter, Gedichte, Rätsel usw. Von den größeren Illustrationen feien besonders her vor gehoben der prächtige Farbendruck „Geflügelmarkt in Rumänien", nach einem Aquarell von Hugo Klingemann, und „Verendet", nach dem Gemälde von Robert Ruß. Der Abonnementspreis von „Neber Land und Meer" beträgt für 13 Nummern vierteljährlich nur 3 Mark 50 Pfg-, für jedes 14 tägige Heft 60 Pfg. Auflösung des Preisrätsels in Nr. 90 der Familienblätter r E R RAA LAST IRENE NATHAN Die Gewinner sind: 1. Amalie Leszinsky, Gießen, Löberslr. 17 — Preis: „Weltgift", Roman von Peter Rosegger; 2. M. Muller, Gießen, Grünbergerstr. 7 — Preis: Plastiken und Kartons von Arnold Rechberg. Di-Preise sind von den Gewinnern gegen Vorzeigung der Abonnementsquittung in der Geschäftsstelle des „Gießener Anzeigers" in Empfang zu nehmen. ___________ Auflösung des Magischen Quadrats in vor. Nr.r LEIM ELSA ISAR mark Redaktion: A ngust Götz. — Rotationsdruck und P erlog der P r ii bl'scheu UniversitätS-Dnch- nnd Etcindruckerei. R. Lange, Gießen.