Mittwoch den 11. März. Nr. 37 ST «g M^WM w« TOKSrtfl 11‘hKS »MSR* Ras M M Wi6S\ WLM UMWW (Nachdruck verboten.) Ein Einbrecher aus Passion. Von E. W. Hornung. Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen von F. Mangold. (Fortsetzung.) Raffles stand ganz still und starrte auf den Doten hinab wie ein Mensch in einen Abgrund hinabstarren würde, dessen Rand er blindlings erreicht hat. Sein Atem kam geräuschvoll aus den weit geöffneten Nüstern, aber sonst rührte er sich nicht, und seine Lippen waren wie versiegelt. „Das Licht!" stieß ich heiser hervor, „das Licht, das wir unter der Tür sahen!" Zusammenfahrend wandte er sich nach mir um. _ „Richtig! Das hatte ich vergessen. Es war hier in diesem Zimmer, als ich es zuerst wahrnahm." „Dann must er noch oben sein!" „Wenn er das ist, »vollen >vtr ihn bald herausholen. Komm mit!" Statt dieser Aufforderung zu folgen, legte ich eine Hand auf seinen Arn:, flehte ihn au, zu überlegen — sein Feind sei ja jetzt tot — daß wir sicher in die Sache verwickelt werden würd..l — und daß jetzt oder nie unsere Gelegenheit ge- kommen sei, uns au; und davon zu machen. Mit einem plötzlichen Anfall von wütender Ungeduld und einem Blicke rücksichtsloser Geringschätzung in den Augen schüttelte er mich ab, kehrte mir mit der Aufforderung, meine Haut in Sicherheit zu bringe«, wenn ich das »volle, dell Rückeir und ließ mich stehen, aber jetzt »var ich halb und halb entschlossen, ihn beim Worte zu nehmen. Hatte er denn vergessen, weshalb er selbst hierhergekommen war? Wollte er uns in blindem Etgeusinir diese Nacht ins Verderben stürzen? Als ich mir diese Fragen vorlegte, flaminte sein Streichholz inr Hausflur auf; t»n nächsten Augenblick knarrten die Treppenstufen unter seine»: Füßen, wie sie kurz vorher unter beitet: des Mörders geknarrt hatten, und der menschliche Instinkt, der ihn trotz der dainit verbundene»: Gefahr beseelte, begam: auch auf meine langsamer arbeitenden Empfindungen zu wirken. Durften wir bei: Mörder gehen lassen? Als Antwort auf diese Frage flog ich die knarrende Treppe hinan und holte Raffles an ihrem oberen Ende ein. Nur drei Türe»: wäre»: hier sichtbar: die erste führte in eine Schlafstube, derer: Bett zurückgeschlagen, aber mrbenutzt war, das zweite Zimmer war leer ii: jeder Bedeutung des Wortes, und die dritte Tür war verschlossen. Raffles zündete das Gas auf dem Vorplatz an. „Da steckt er drin", sagte er, indem er seinen Revolver spannte. „Entsinnst Du Dich noch, wie »vir auf der Schule tn die Lehrsäle einbrachen? So!" Mit der Sohle seines Fußes trat er gegen das Schlüsselloch, das Schloß gab nach, die Tür flog auf, und in dem plötzliche»: Zugwind, der über den Vorplatz schoß, legte sich, die Gasflamme nach einer Sette wie ein kleines Segel" boot in einen: Windstoß. Als sich die Flamme wieder auf-: richtete, sah ich eine gefüllte Baoewanne, zwei aneinander geknebelte Handtücher — eii: offenes' Fenster — eine zu-i sammengekauerte Gestalt und Raffles, der mit weit aufge- rissenen entsetzten Augen auf der Schwelle stand. ack — Rutter?" In gepresttein Tone und als ob feine Zunge vom Schreck gelähmt sei, drangen die Worte über seine Lippen, und eben-» falls vom Schreck gelähmt, hörte ich, wie ich sie wieder-» holte, während sich die kauernde Gestalt am Fenster des Badezimmers allmählich aufrichtete. „Sie sind's?" flüsterte er tn einen: Erstaune»:, das niM geringer war, als das unsere, „Ihr beide seid's! Wie kommt das, Raffles? Ich sah Sie über das Dor klettern,, eine Klinget läutete — das ganze Haus ist voll Klingeln. Und da»::: brachen Sie ein. Was soll das alles heißen?" „Das werde»: wir Ihnen vielleicht mittetlen, wenn Sie uns sagen, was, um Gotteswillen, Sie getan haben, Rutter!" „Getan? Was ich getan habe?" Mit geröteten, blinzelnden Augen und blutbespritztem- Vorhemd trat der be- jan:rner»:siverte Wicht ins Licht. „Das wißt Ihr — das habt Ihr gesehen — aber ich will's Euch erzählen, wenn Jhr's hören wollt. Ich habe einen Räuber nmgebracht, das ist alles. Einen Räuber, einen Wucherer, ei»:en Schakal, eine»: Blutsauger, den schlaueste»: und grausamste»» Schurken, der ungehenkt ttiuherlief, habe ich totgeschlagei»! Ich bin bereit, dafür am Galgei: zu sterben. Wenn ich's noch einmal zr: tuit hätte, würde ich ihn noch einmal totschlagen!" Bei diesen Worten sah er uns herausfordernd ins Gesicht, mit einen: schönen Trotze tit seine»: Augen, die die Spuren seiner Ausschweifungei: zeigten, seine Brust hob sich stürmisch, aber seine Kinnlade »var wie aus Fels gemeißelt „Soll ich Euch sagen, wie es gekommen ist?" fuhr er leidenschaftlich fort. „Während der letzten Woche,: und Monate hat er mir das Lebe»: zur Hölle gernacht — das werdet Ihr Euch tvohl denken könne,: — zu einer wahren Hölle. Heute abend begegnete ich ihn: in Bond Street — erinnert Ihr Euch noch? — kurz nachdem ich Euch begrüßt hatte — er war kaum zwanzig Schritte hinter Euch, und zwar war er Ihnen auf der Spur, Raffles. Da er gesehen, daß ich Ihnen zugenickt hatte, htelt er mich an und fragte mich, wer Sie seien, und er schien ganz versessen darauf zu sein, das zu erfahren; weshalb, konnte ich nicht begreifen, und es war mir auch gleichgiltig, denn ich sah meine Gelegenheit. Wenn er mir eine Unterredung unter vier Augen bewillige, »volle ich ihm alles sagen, was er wünsche, entgegnete ich ihm. Das »vollte er nicht, aber ich bestand darauf und hielt ihn an: Rocke fest. Als ich ihn wieder frei ließ, wart Ihr verschwunden, und ich blieb stehe»:, bis er ganz in Ber« *- 146 zweiftüng zurückkehrte. 9hm hatte ich die Oberhand über ihn. Ich konnte ihm vorschreiben, wo die Unterredung statt- sinden solle, und zwang ihn, mich mit sich nach Hause zu nehmen, wobei ich ihm fortwährend versprach, ihm alles zu sagen, was ich über Sie wisse, aber erst nach Erledigung meiner eigenen Angelegenheiten. Als wir hier anlangten, nötigte ich ihn, mir erst etwas zu essen zu geben, und dann hielt ich ihn noch immer hin. Als ich gegen 10 Uhr hörte, wie das Tor geschlossen wurde, sragte ich ihn, ob er allein wohne. „Keinswegs", antwortete er. „Haben Sie denn meine Magd nicht gesehen?" „Ja, ich hätte sie gesehen, antwortete ich, aber ich glaubte, ich hatte sie Weggehen hören. Sei das ein Irrtum, so würde sie gewiß eintreten, wenn man sie riefe. Hieraus schrie ich dreimal, so laut ich konnte, aber natürlich erschien kein Dienstmädchen. Das wußte ich auch sehr wohl, denn an einem Abend der vergangenen Woche hatte ich ihn ausgesucht, und er hatte selbst mit mir durchs Tor gesprochen, sich aber geweigert, mir zu öffnen. Na, als ich geschrien hatte, und es war niemand gekommen, war er so weiß, als der Kalk an der Decke. Nunmehr sagte ich ihm, daß der Augenblick zum Plaudern endlich gekommen sei. Dabei ergriff ich das Schüreisen, erinnerte ihn daran, wie er mich bestohlen habe, und schwor, daß er mich nicht mehr berauben solle. Drei Minuten Zeit gab ich ihm zur Entscheidung, ob er mir eine Quittung über alle seine Forderungen an mich ausstellen, oder ob er lieber das Hirn auf seinem eigenen Teppich zerschmettert haben wolle. Einen Augenblick überlegte er, dann trat er an seinen Pult, um Papier und Feder zu holen, drehte sich aber im Nu mit seinem Revolver in der Hand um, und ich ging auf ihn los. Zwei- oder dreimal schoß und fehlte er — Ihr werdet die Löcher finden, wenn Ihr suchen wollt — dagegen traf ich ihn jedesmal. Mein Gott! Ich war wie ein Wilder, bis er sich nicht mehr rührte. Und dann bedauerte ich nicht, was ich getan hatte. Ich durchsuchte seinen Pult nach meinen eigenen Wechseln und wollte mich gerade entfernen, als Ihr erschient. Wie gesagt, was ich getan hatte, bedauerte ich nicht, und tue es auch jetzt noch nicht, aber ich wollte mich selbst der Polizei stellen, und das ist noch immer meine Absicht. Ihr seht also, daß ich Euch keine große Mühe machen werde." Damit war seine Geschichte zu Ende, und nun standen wir da auf der Treppe des einsamen Hauses, die leise, gepreßte und erregte Stimme brauste uns noch in den Ohren, während untern der Tote lag und sein Mörder, der seine Tat nicht bereute, uns ins Gesicht sah. Ich wußte, wem diese Verstocktheit gefiel, und ich hatte mich auch nicht getäuscht. „Das ist alles Quatsch", sagte Raffles nach einer kurzen Pause; „wir werden nicht zugeben, daß Sie sich der Polizei stellen." „Sie dürfen mich nicht zurückhalten! Was könnte es denn auch nützen? Das Frauenzimmer hat mich gesehen, und es würde also nur eine Frage der Zeit sein. Der Gedanke, zu warten, bis die Polizei kommt, ist mir unerträglich. Stellen Sie sich doch nur einmal vor, was es heißt, zu tzarten, bis sie einen auf die Schulter klopfen! Nein, nein, nein, ich stelle mich der Polizei; dann ist das Schlimmste überstand en." Sein Don war anders geivorben; er stotterte iinb versprach sich häufig, und es war, als ob ihm der bloße Gedanke an Entkommen zu einer klareren Auffassung über seine Lage Verholfen hätte. „Hören Sie mich einmal an", drängte Raffles, „auch wir sind in Gefahr, denn wir haben uns wie Diebe eingeschlichen, um, ähnlich wie Sie, die Aufgabe unberechtigter Forderungen zu erzwingen. Sehen Sie denn nicht? Wir haben eine Scheibe ausgeschnitten — ganz wie es wirkliche Einbrecher gemacht haben würden, und so wird wohl auch alles andere auf unser Konto geschrieben werden." „Sie glauben also, daß ich gar nicht in Verdacht geraten würde?" „Ja, das ist meine Ansicht." „Aber ich will gar nicht frei ausgehen", rief Rutter weinerlich. „Ich habe ihn umgebracht, das weiß ich, aber es ist in der Notwehr geschehen, also ist es kein Mord. Das muß ich eingestehen, und die Folgen auf mich nehmen. Wenn ich das nicht tue, werde ich verrückt." Seine Hände zuckten, seine Lippen; bebten, und seine Augen standen voll Thränen. „Nun passen Sie einmal auf, Sie Dummkopf", sagte Raffles, ihn rauh an der Schulter schüttelnd, ,stvenn wir drei jetzt hier abgefaßt würden, wissen Sie, welche Folgen das hätte? In sechs Wochen baumelten wir in Newgate! Sie sprechen gerade so, als ob Sie im Klub säßen. Habest Sie denn vergessen, daß es ein Uhr nachts ist, daß die Lichter brennen, und daß unten ein Leichnam liegt? Um Gottes willen, raffen Sie sich aus, Mann, und tun Sie, was ich Ihnen sage, oder Sie werden selbst sehr bald ein Leichnam sein." „Ich wollte, ich wäre schon einer", schluchzte Rutter. „Wenn ich nur seinen Revolver hätte, dann würde ich mir eine Kugel durchs Hirn jagen. Er liegt irgendwo unter ihm! O, mein Gott, mein Gott!" Seine Kuiee schlotterten, und der Wahnsinn des Rückschlags hatte seinen Höhepunkt erreicht. Wir mußten ihn zwischen uns nehmen und so die Treppe hinab durch die Haustür ins Freie führen. Draußen war alles still — kein Laut war hörbar außer dem unterdrückten Schluchzen des vollständig zusammen- gebrochenen Elenden, den uns das Geschick auf den Hals geladen hatte. Raffles kehrte einen Augenblick ins Haus zurück, und dann war auch alles finster. Das Tor war nur von innen zu öffnen; wir verschlossen es sorgfältig hinter uns, und dann ließen wir die Sterne auf die Glasscherben und die glänzenden Spitzen scheinen, gerade wie wir es bei unserer Ankunft gefunden hatten. Wir entkamen — wie, braucht hier nicht näher aus-! geführt zu werden. Unser Mörder schien ganz versessen aufs Schaffot zu sein, und, von seiner Tat berauscht, machte er uns mehr Blühe, als sechs vom Wein Betrunkene, sodaß wir ihm wieder und wieder drohen mußten, ihn seinem Schicksal zu überlassen und uns nicht mehr um ihn zu kümmern. Aber ein unglaubliches und unverdientes Glück begünstigte uns alle drei. Zwischen dem Hause und Wil- lesden Begegneten wir keiner Menschenseele, und als die Abendzeitungen die Stadt von dem furchtbaren Trauerspiel in Kensal Rise in Kenntnis setzten, dürste von denen, die uns später gesehen hatten, wohl keiner an die beiden juiigen Herren mit verschobenen weißen Halsbinden gedacht haben, die einen dritten geleiteten, über dessen Zustand anscheinend ein Zweifel nicht möglich war. Wir gingen nach Maida Bäte und fuhren von da ganz offen nach meiner Wohnung, aber dort stieg ich allem aus, während die beiden andern ihre Fahrt nach dein Albany- Klub fortsetzten, woraus ich zwei Tage lang nichts von Raffles zu hören bekam, denn bei einem im Lause des Vormittags unternommenem Versuch, ihn in seiner Wohnung zu treffen, fand ich ihn nicht zu Hause, und er hatte auch nichts hinterlassen. Als er wieder auftauchte, waren die Zeitungen voll von dem Morde, und der Mann, der ihn begangen hatte, schwamm aus dem breiten Atlantischen Ozean als Zwischendeckspassagier von Liverpool nach New- ^‘,rf„9JZit Vernunftgründen war bei ihm nichts aus- zurichten", erzählte mir Raffles später. „Er bestand darauf, enttveder alles zu bekennen, oder das Land zu verlassen. Demnach verkleidete ich ihn im Atelier, und dann fuhren wir mit dem ersten Zug nach Liverpool. Nichts verinochte ihn dazu zu bringen, sich stille zu verhalten und die Lage zu genießen, wie ich es an seiner Stelle getan haben würde, und es ist schließlich besser so. Ich begab mich nach seiner Höhle, um einige Papiere zu vernichten, und weißt Du wohl, was ich sand? Die Polizei war im Hause und hatte bereits einen Haftbefehl gegen ihn in Händen! Tie Dummköpfe glauben, die Spuren des Einbruchs seien nicht echt! Meine Schuld ist es nicht, wenn Rutter erwischt wird. Und nachdem so viele Jahre vergangen sind, würde es, wie ich glaube, auch die meine nicht sein. VI. Ein Einbruch auf Bestellung. „Nun", fragte Raffles, „was hältst Du davon?" Bevor ich antwortete, las ich die Anzeige noch einmal durch, die aus der letzten Seite des Daily Telegraph stand und also lautete: „Zweitausend Pfund Belohnung! — Diesen Betrag kann jeder verdienen, der im stände ist, einen heiklen Auftrag zu übernehmen, dessen Ausführung mit einer gewissen Gefahr verbunden ist. — Näheres auf telegraphische Äufrage unter der Adresse: Security, London." „Ich halte das", entgegnete ich, „für die seltsamste Anzeige, die jemals gedruckt worden ist." „O Bunny", antwortete Rassles lächelnd, „so schlimm ist es doch wohl nicht, obschon ich zugebe, daß es eigen- türnlich aussieht." „Aber der Betrag!" „Der ist allerdings sehr hoch." „Und der heikle Auftrag — die Gefahr?" „Ja, die Zusammenstellung reizt durch eine gewisse Offenheit, um das wenigste zu sagen. Was mir aber am eigentümlichsten vorkommt, das ist, daß Anfragen auf telegraphischem Wege an eine Telegrammadresse erbeten werden! In dem Manne, der das ausgeheckt hat, steckt etwas, und in feinem Planchen nicht minder. Mit einem Worte: er weist die Millionen, die jeden Tag aus Anzeigen antworten, wenn sie das nötige Kleingeld ausbriugen können, von vornherein ab. Meine Antwort kostet mich fünf Shillings; allerdings habe ich auch die Rückantwort bezahlt." „Du willst doch nicht sagen, daß Du Dich gemeldet hast?" „Na, und ob ich mich gemeldet habe!" erwiderte Rassles. „Die zweitausend Pfund kann ich ebenso gut brauchen, als jeder andere." „Unter Deinem tvirklichen Namen?" „Nein, das nicht, Bunny. Ich wittere etwas interessantes und ungesetzliches hinter der Geschichte, und Du weißt ja, wie vorsichtig ich bin. Ich habe unterschrieben: Glaspool, Adresse: Hickey, Eonduct Street 38. Das ist mein Schneider, und nach Absendung meines Telegramms ging ich zu ihm und sagte ihm, was er zu erwarten habe. Er hat mir versprochen, mir die Antworc sofort nach Empfang zu senden, und ich würde mich gar nicht wundern, wenn sie das wäre." Bei diesen Worten hatte er sich entfernt, noch ehe ein doppeltes Klopsen im Zimmer verhallt war, um im nächsten Augenblick mit einem offenen Telegramm und einem Gesicht zurückzukehren, worin zu lesen war, daß er Neuigkeiten habe. „Was sagst Du nun?" rief er. „Security ist Wdeu- brooke, der Anwalt, und er möchte mich augenblicklich sprechen." „Du kennst ihn also?" „Nur vom Hörensagen, und ich hoffe nur, daß er mich nicht kennt. Er ist der Mensch, der sechs Wochen erhielt, weil er im Sutton-Wilson Prozeß zu hart am Winde gesegelt war, und alle Welt war erstaunt, daß er nicht aus den Listen gestrichen wurde. Statt dessen ist seine Praxis in anrüchigen Fällen ganz kolossal gestiegen, und jeder Lump, der nur einige Aussicht hat, wendet sich sofort an Bennet Addenbvooke. Wahrscheinlich, i:st er der einzige Mensch, der unverschämt genug ist, «ine solche Anzeige zu veröffentlichen, aber auch der einzige, der das tun kann, ohne Verdacht zu erregen. Es schlägt eben in sein Fach, aber Du kannst Dich darauf verlassen, daß etwas dahinter steckt, das das Licht zu scheuen hat. Das seltsamste bei der ganzen Geschichte ist das, daß ich schon seit langer Zeit entschlossen bin, mich selbst an Addenbrooke zu wenden, falls mir — ein Unfall zustoßen sollte." „Und Du willst jetzt zu ihm gehen?" „Sofort", erwiderte Reffles, indem er feinen Hut abbürstete, „und Du gehst mitt" „Ich wollte Dich gerade zum Frühstück abholen." • „Wir können zusammen frühstücken, nachdem wir mit diesem Menschen gesprochen haben. Vorwärts, Bunny, wir wollen uns unterwegs auf einen Namen für Dich besinnen. Ich heiße Glaspool, das vergiß ja nicht." (Fortsetzung folgt.) Die Feuerbrumien der neuen Petroleum-Negion, (Nachdruck verboten.) Seit der Entdeckung von Petroleum in großen Quantitäten im Südwesten der Vereinigten Staaten haben mehrere Distrikte großen Schaden durch Feuer erlitten. Durch die Nachlässigkeit von Beamten der Petroleum- "gesellschaften, sowie anderer Personen sind Brände ausgebrochen, welche sich über ausgedehnte Territorien verbreiteten und nicht nur Bohrtürme, sondern auch Pumpanlagen und Reservoire zerstörten. Mehrere ungewöhnlich große Brände kamen im Spindle Top Distrikt vor; vor einigen Monaten fing auch einer der größten Brunnen in der Jennings-Region (Louisiana) Feuer, welches erst mehrere Wochen nach Ausbruch desselben gelöscht werden konnte. Infolge des außerordentlich leicht eiilzundlicheir Charakters' der Anlagen, namentlich im Beaumont-Distrikt, muß die äußerste Vorsicht beobachtet werden, zumal ein großer Teil des Bodens buchstäblich mit Petroleum ge- ättigt ist. Gegenwärtig schätzt man, einem Bericht von Day Allen Milley (Scient. Am.) zufolge, die Zahl der in Spindle Top im Betrieb befindlichen Brunnen aus 220; doch sind reichlich dreimal soviel Bohrtürme errichtet, von denen einige so eng zusammenstehen, daß sie fast einander berühren. Als die Springquellen zuerst eröffnet wurden, herrschte ein solcher Enthusiasmus über den großen Ertrag, daß mau den Inhalt einiger derselben in die Lust strömen ließ, nur um den Leuten ein interessantes Schauspiel zu bieten, Neugierige anzulocken und Reklame zu machen. Das Schauspiel zog auch ganze Scharen von Menschen aus der Umgegend herbei, und die Region wurde im, ganzen Lande berühmt. Ungeheure Mengen Erdöl wurden auf diese Weise verschwendet, denn man machte keinerlei Bemühungen, den Ertrag in Tanks ober auch nur tn Ero- refertioire zu leiten. Das Petroleum verbreitete sich über die Oberfläche des Bodens, füllte die natürlichen Bodensenkungen in der Prairie und bedeckte sogar benachbarte Flußbetten. Man konstatierte, daß einige der großen Quellen, wie die Lucas-Quelle, volle 50 000 Barrels tn 24 Stunden ausströmen ließen. Es steht fest, daß insgesamt mindestens eine Million Barrels auf diese Werse verschwendet wurden. Dann vergingen noch Monate, bis man genügend Reservoire für den Ertag fertig zu stecken vermochte, während die Röhrenleitungen nach der Seeküste erst fast ein Jahr nach der Entdeckung des Spinale ^op-Feldes vollendet wurden. Es wurden nicht nur große Tanks aus Metallplatten konstruiert, sondern auch Reservoire in das Erdreich der Prairie gegraben und einfach mit Erddämmen umgeben, um das Ueberstromen dcw Petroleums zu verhindern. Während einige der Reservoire durch Rohrleitungen gespeist wurden, wurde eine große Quantität Petroleum den Reservoiren durch schmale gegrabene Rinnen und Gräben zugeführt. frmey der Reservoire, welchem man den Namen „Higgtns' gegeben hatte, war mehrere Morgen groß und bildete tn der Tat einen Petroleumsee, dessen Tiefe an manchen ©teilen 6 Meter betrug. Das Petroleum drang von den Gräben vielfach durch Bodenrisse und verbreitete sich so über wette Gebiete, auch platzten häufig nickt sorgfältig gerat g herge st elfte Rohrleitungen, sodaß eigentlich das ganze Gebiet weit und breit mit Petroleum gesättigt wurde, ^n mehreren Fällen genügte das Fortwerfen eines brennenden Streichholzes, um die unheilvollsten Brande hervorzurufen. ~er erste Brand in dem Texas-Feld ist nach Aussage von Zeugen durch einen Mann verursacht worden, welcher mtt einer brennenden, geöffneten Laterne tn einen Klartank ging. Die mit dem flüchtigen Petroleum in Berührung kommende Flamme führte sofort die Explosion herbei, ^urd) eine andere Explosion wurde brennendes Petroleum g^gen mehrere Bohrtürme geschleudert, welche nach Aussagen von Zuschauern auf flammten, als ob sie von Zunder waren. Funken flogen in einen 4000 Barrels _ haltenden Tank, welcher in wenigen Stunden tn eine formlose Metals mässe verwandelt war. Dieses Feuer zerstörte mtsachl eh alle Anlagen, welche zehn Morgen des wertvollsten Teriw toriums bedeckten, und wütete vierzehn Tage laug Das arößte Feuer in der Geschichte de» Texas-Feldiw uar zweifellos dasjenige, welches im September vorigen ^ahics in dem sogenannten Hogg-Swayne-Gebiet ausbrach. Zu gleicher Zeit standen fünfzig Quellen in Flammm, und mehr als hundert Bohrtürme wurden zerstört, wahrend zwanzig in der Nähe beschäftigte Arbeiter ums Leben ^'"Merkwürdig ist es, daß man anfangs in dieser Region nickt mit den einfachsten Mitteln zur Bekämpfung des Feuers vertrant war, obwohl mau doch in Amerika hinreichend Erfahrungen nack dieser Richtung hin Ö^fcvmn;eTt hatte. Anfangs versuchte man, das Feuer mit Waster zu löschen, machte aber dadurch die Sache natürlich noch schlimmer Erst später kam man zu der Einsicht, daß — 148 tttfttt den Feuerherd durch EtdwÄlle einschräukeu müsse, um ihm weitere Nahrung zu entziehe»!. Auf diese Weise wurde auch der ungeheure Brand gelöscht, welcher» n»an sehr bezeichnend das „Zehn-Morgen-Feuer" nannte. Neuerdings hat utait in Texas und Louisiana erfolgreiche Versuche gemacht, das Feuer durch Dampf zu bekämpfen. Es scheint dies das einzige wirksame Mittel zu sein, Petroleumflammer» zu löschen, da Erde erst dann angewandt werden kann, wenn das Feuer genügend heruntergebrannt ist, daß die Schaufler sich der Feuerstelle zu nähern vermögen. Das Löschen durch Dampf wurde zuerst bei Beaumont von John Ennis versucht. Der Dampf wurde durch eilt irr Eile gelegtes eisernes Rohr geleitet, welches mit den» Kessel einer transportablen Maschine in Verbindung stand, die sich in genügender Entfernung von den» Feuer befand. Nachdem das Jennings-Feuer länger als vierzehn Tage gewütet hatte, forderte man Ennis auf, Mittel zum Löschen der Flammen zu erdenken, denn infolge der großen Quantität Petroleum in deu brennenden Quellen drohte das Feuer auf unbegrenzte Zeit weiter- zubrennen. Die benachbarten Städte wurden nach Kesseln abgesucht, tvelche man an den Schauplatz des Brandes bringen konnte. Man erhielt tut ganzen 12 Kessel zu je 20 bis 30 Pferdestärken. Von den im Halbkreise auf- gestellten Kesseln wurden je drei oder vier zu einer Gruppe vereinigt, und es wurde stets eine Kesselgruppe in Reserve gehalten, um sic in Anwendung zu bringen, sobald die Tätigkeit einer anderen eingestellt werden mußte. Die Dampfrohrleitung wurde soweit geführt, daß die Löschmannschaft noch ohne Gefahr an den Mündungen derselben Aufstellung nehmen konnte. Zur Bekämpfung des Feuers wurden nun mehrere Tage lang kräftige Datnpfstrahlen gegen das Feuer gerichtet, bis die Flamnien soweit an Umfang abgenommen hatten, daß sie durch Erde erstickt werden konnten. F. Hd. vermischtes. Neber Entwickelung und Organisation der weibliche»» Handlungsgehilfe»» bringt „Die Frau" (Monatsschrift für das gesamte Frauenleiden unserer Zeit, heraus- gegebert vo»t Helene Lange, Moeser, Buchhandlung, Berlin) einen Aufsatz aus der Feder vv»t Agnes Herrmann. Bis in die zweite Hälfte des vorige»» Jahrhunderts galt die Stellung in einem fremden Geschäfte dein jungen Käuf- tuanit meistens nur als Uebergangsstadium, welches er nur durchinachte, um sich die zur Uebernahme des väterlichen oder zur Begründung eines eigenen Geschäftes erforderliche»» Kenntnisse u»»d Erfahru»»gen zu sammeln. Als mit der Zunahme des Großbetriebes in Industrie und Handel der Kleinhandel und mit ihn» die Möglichkeit der Begründung einer selbständige»» Existenz immer mehr ab- nahn», da wurde das, was bis dahin Uebergangsstadiun» war, zum Lebensberuf. Großindustrie und Großhandel schufen aber nicht nur bei» Stand der Handlungsgehilfe»» als Stand, sondern sie haben auch der Frau de» Zugang zu neuer» Berufen eröffnet. Der Großbetrieb mit seiner weitgehenden Arbeitsteilung kann für eine Reihe von Verrichtungen mit ungesternten Kräfte»» auskommen, und zu dieser» unterste»» Posten hat man die billige iveibliche Arbeitskraft herangezogen. He»»te ist die Frau auch schoi» iit höhere, verantwortungsvolle Stellungen aufgerückt, mar» findet sie in mittleren Geschäften bereits als erste Buchhalterin, Kassiererin, Korrespondentin, Prokuristin, Filial- leiterin usw., allerdings fast durchweg noch immer mit geringerer Bezahlung als der Mann. Nach Erhebungen des Kaufmännischen Hilfsvereins für weibliche Angestellte in Berlin bringen 75 Prozent des weibliche»» Kontorperso- rtals eine theoretische Vorbildung mit und treten als sog. Anfängerin ins Geschäftslebei» eilt. Leider ist aber diese theoretische Vorbildung in der Mehrzahl der Fälle so mangelyaft, »vie sie eben innerhalb eines sechswöchigen bis dreimonatlichen Schnellkursus erlangt werden kann. Selbstverständlich kann eilt solches Mädchen nicht den Anspruch erheben, als Handlungsgehilfm aitgesehen und bezahlt zu werden. Sie wird mit rein mechanischen Arbeiten ausgenutzt, bringt es nie zu auskömmlichem Gehalt und ihre ganze Existenz bient, wie Agnes Herrmann zutreffend bemerkt, nur dazu, „der Frauenarbeit das Odium der Minderwertigkeit zu erhalten." Ein weiterer Grund für die geringe Entlohnung liegt darin, daß die Töchter des sogenannten höheren Mittelstandes bei» kaufmännischen. Beruf nur ungern ergreifen und es somit an gebildeten, tüchtigen Kräften mit guten Sprachkenntntssen zur Besetzung besserer Stellen fehlt. Unter dem Engrospersonah hatten nach bett Erhebungen des Kaufmännischen Hilfsvereins für iveibliche Angestellte nur 40 Prozent eine ab-- geschlossene, höhere Mädchenschulbildnng, unter1 dem Detail-i personal (Verkäuferin, Kassiererin) gar nur 10 Prozent; der weit überwiegende Teil bringt also nur Gemeind eschul- bildung mit. Tüchtige, sprachkundige Mädchen bringen e$; auch als Handlungsgehilfinnen zu ganz guten Gehältern. Tie Kassiererinnen gehen gewöhnlich ans dem Detail- personal, den Verkäuferinnen hervor ; letztere »nüssen natürlich praktisch lernen, doch ist auch für sie die Lehrzeit viel zu kurz, sie beträgt gewöhnlich ein viertel bis ein halbes Jahr, selten ein ganzes Jahr. Tie Bezahlung der Verkäuferin richtet sich sowohl nach der Ausbildung, als auch nach Art und Branche des Geschäfts. Am besten zahlen feine Spezialgeschäfte, weniger gut Warenhäuser und Bazare. Die Grundlage der Organisatio n der weiblichen Handlungsgehilfen bildet der in» Jahre 1889 gegründete Kaufmännische Hilfsbereit» für weibliche Angestellte zu Berlin, der von einer Mitgliederzahl von 600 zu Beginn auf 14 700 gestiegen ist und etwa 80 Prozent aller in Berliner Geschäften aiigestellten Handlungsgehtlfinnen umfaßt. Er gründete im letzten Jahre drei Ortsgruppen, Hagen i. W., Hannover und Stettin. Behufs noch nachdrücklicherer Vertretung der Interessen der Handlnngsgehilfinnen wurde im Sommer 1901 eilt Zusammenschluß der bereits bestehenden 32 weibliche» Hanblungsgehilfenvereine bewirkt unter bem Namen Verbündete kaufmännische Vereine für weibliche Angestellte, mit dem Sitz in Frankfurt a. M. (Aus der „Köln. Volksztg.") Die größte Orgel der Welt. In bet Kathedrale zu Sevilla erfolgte kürzlich die feierliche Einweihung der neuen Orgel. Es ist die größte Orgel, die auf der Welt besteht. Der Erbauer ist Don Aquilino Amezua. Bon wahr-- haft riesigen Dimensionen, besitzt diese Orgel 4 metallene, 16 Fuß lange Flötenregister, wie keine andere Orgel m Europa sie aufweist; es ist die einzige Orgel, die Baß- brnmmer besitzt, ivelche 32 Schwingungen in der Sc kund ei abgeben, und einen tieferen Ton als die Orgel tu Murcia, die bisher für die tiefsttönige Orgel der Welt galt, hat. Die Sevillaner Orgel hat 200 unabhängige Register un» fünf Blasevorrichtungen mit elektrischer Treibkraft. Sie hat 160 000 Pesetas gekostet. Bet der Einweihung füllte ein ungeheures Publikum die Kathedrale und lauschte an- dächtig beit majestätischen Tönen, bie ber Maöstro Eletz- garay der Riesenorgel entlockte. Schachaufgabe. Von S». Zimmermann in Most. »Nachdruck verboten.) b Weiß. e t> “ (8+6) b c d e d e f g h Weiß zieht an und setzt in zwei Zügetr matt, (Auflösung in nächster Nummer.) 8 7 6 5 4 3 2 1 8 7 6 5 4 3 2 1 Auflösung des Kapselrätsels in vor. Nr,: Bei», Leis, Eric, Sanb, Land, Arm, Ufer — BreSlaU. Redaktion: Curt Plato. — Rotationsdruck und Verlag der Brtihl'schen Universitäts-Tuch- und Steindruckerci (Pietsch Erben) in Gießen.