»U 2tt N, te n, ne al :r- er, cht m, rir ns ior che en» in» olle« tettn i die »chen Mittwoch den 11. Februar. 1903. — Nr. 22 (Nachdruck verboten.) Eine verhängnisvolle Fahrt. Roman von B. M. Croker. Autorisierte Uebersetzuug aus dem Englischen von Alwina Vischer. (Fortsetzung.) Keine Antwort. Langsam gingen die Beiden neben einander den Hügel hinunter. „Sie brachten das scheinbar Unmögliche fertig, sich Reitpferde zu verschaffen. Sie gewannen gewisse Briefe zurück — Sie sehen, meine Fran sagte mir alles — Cie brachten ein schweres Opfer, um einen Wagen zu erlangen." Auf eine Erwiderung wartend, hielt er inne. Endlich begann Terence zu sprechen: „Ich war unschlüssig, ob ich Ihre Frage beantworten sollte oder nicht, glaube aber, daß ich Ihnen als Mann von Ehre eine offene Antwort schuldig bin. Ohne das geringste Recht dazu zu haben, riß ich ein fremdes Pferd aus einem fremden Stall, ich jagte bei Nacht über den Slievberg, ich stellte mich Lovell gegenüber und opferte mein Geheimnis nm einen Wagen zu erlangen. Dies alles tat ich nicht, wie Sie sich vielleicht einbilden, aus reiner Menschenfreundlichkeit, sondern — doch ich habe Wohl genug gesagt. Sie verstehen mich." „Sie taten es für Maureen. Sie lieben sie." „Ja, Sie sind ihr Beschützer, und deshalb sage ich Ihnen die Wahrheit. Ich bin nicht leicht zu entflammen, aber als ich meinen Wagen auf die Seite lenkte, um dem durchgehenden Gespann auszuweichen, das ein Mädchen mit braunem flatterndem Haar und mit den Zügen einer Heldin lenkte, und dann ein Mann neben mir rief: ,Das ist ein Mädchen nach meinem Geschmack!' — da fanden diese Worte lauten Wiederhall in meinem Herzen. Im grausamen, alltäglichen Leben freilich, da paßt dieses Mädchen nicht zu einem Kutscher — selbst nicht, als ich noch aufrichtig glaubte, sie sei Ihre arme Verwandte." „Eine arme Verwandte?" wiederholte Greville. „Sie besitzt fast eine halbe Million Pfund." Terence nickte ungeduldig und fuhr fort: „Während Sie mit Mrs. Duckitt fischten und Ihre Gattin sich mit Lovell unterhielt, beobachtete ich, wie Miß D'Arcy fröhlich die Gegend durchstreifte und sich mit den schlichten Webern und Fischersleuten anfreundete. Streng hielt ich mich von ihr fern, denn selbst ein ungebranntes Kind kann das Feuer fürchten. Manchmal aber, an einem schönen, heitern Morgen, während meine Pferde munter vor mir hertrabten, schwoll mir der Mnt, und ich begann mir aus- zumaleu, was alles geschehen könnte, wenn meine Großmutter sterben — sie ist jetzt neunzig — und die verschwundene Urkunde wieder aufgefunden würde. Dann wollte ich meine Verhältnisse regeln, und Miß D'Arcy meine Hand anbieten." „Haben Sie ihr niemals eine Andeutung gemacht?"- „Nein. Ich sprach überhaupt nur sechsmal mit ihr, und sie denkt wohl nicht einmal im Traume an mich." „Ich aber bin überzeugt, daß sie Sie gern hat, und von uns sollen Ihnen keine Hindernisse in den Weg gelegt werden. Holen Sie nur Ihren Frack ans seinem Versteck hervor und kommen Sie zu uns nach London. Meine und auch Nitas beste Wünsche sollen Ihnen zur Seite stehen." „Nein, nein, ich danke Ihnen. W steht außer aller Frage, daß Miß D'Arcy sich nicht das Geringste aus mir macht. Zudem ist sie eine reiche Erbin, und vom Geld meiner Frau leben — nein, der Gedanke ist mir unerträglich." „Wollen Sie damit sagen, daß Sie auf Maureen t)cr§id)teTi ?/z „Ja. Wohl jeder Mann hat in seinem Leben einmal Aehuliches durchzukämpfen", sagte er, sein hübsches, ernstes Gesicht dem kleinen Baronett zuwendend. „Ich habe nur das Unglück, diese Erfahrung in einem Alter machen zu müssen, wo das — Vergessen nicht mehr so leicht ist." „Aber warum die Hoffnung aufgeben? Dem Mutigen lacht das Glück. Mädchen, !vie Maureen, giebt es nicht viele auf der Welt — sie ist zwar manchmal ein wenig ungestüm und formlos- aber ein fleckenloser Diamant und ihr Herz ist klar wie ein Krystall." „Und vielleicht auch ebenso kalt und hart. Was würden wohl Ihre Bekannten dazu sagen, Sir Greville, wenn sie hörten, daß Sie, ein reicher und in der großen Welt hochgeachteter Mann, einen unbekannten, bettelarmen Kutscher zu überreden suchen, sich um Ihre junge, schöne Verwandte, eine reiche Erbin, zu bewerben. Sie würden sicherlich erklären, daß Sie Ihrer Sinne nicht mehr mächtig seien." „Ich wünsche ja aber auch gar nicht, daß Maureen den Kutscher Terence heirate", erwiderte der andere ein wenig ärgerlich. „Nicht?" „Nein, dagegen würde ich sie für ein beneidenswertes Mädchen halten, wenn sie sicy mit dem Nachkömmling von Macarthy Mor, Fürsten von Desmond, vermählte." „Um in einem Schloß ohne Dach zu wohnen, und von der Luft zu leben. Nein — «ein, führen Sie mich nicht in Versuchung. Das Einzige, was ich tun kann, ist, meine Gefühle nicht aufkommen zu lassen." „Und Sie werden das auch sicherlich zu stände bringen, daran zweifle ich nicht. Für einen Irländer haben Sie ein ungeheuer großes Maß von Selbstbeherrschung." „Selbstbeherrschung heißt so viel als Selbstachtung. Aber ein leichter Kampf ist das nicht. Oft schon drohte ich der Versuchung zu unterliegen, nach Dublin zu reifen, Miß D'Arcy als Ihresgleichen entgegenzutreten und da» ganze Erbschaftsgericht zum Kuckuck zu jagen. Aber das 86 Gesetz ist so unerbittlich grausam. Ich habe das Gefühl, als sei ich in einen Sa c eingebunden, ohne mich rühren LU können — es ist zum Verrücktwerden." „So ist Ihr Stolz also größer als Ihre Liebe." „Nein. Gott weiß wie meine Liebe — doch wozu davon reden. Wenn sie kein Lebenszeichen mehr von mir erhält, wird sie mich bald vergessen haben." „Und Sie glauben wirklich, Ihren Vorsatz durchführen zu können?" fragte Sir Greville mit einen: Ausdruck der Bewunderung. „Ja, ich kann mich zu all dem zwingen, ivas sein muß." „Das könnte ich von mir nicht behaupten, wie Sie selbst am besten wissen. Maureen aber ist ein bedeutendes Mädchen, und in Ihnen hätte sie den ebenbürtigen Mann gefunden." „Es ist sehr freundlich von Ihnen, Sir Greville, daß sie mich Miß D'Arcys für würdig halten, aber selbst, wenn dem so wäre, das Schicksal steht dennoch mit gezücktem Schwert zwischen uns. Den schwarzen Ulanen Desmond hätte sie vielleicht noch allenfalls geheiratet, der Kutscher Terence jedoch —" fügte er mit heiserer Stimme hinzu, „steht außer aller Frage. Doch hier scheiden sich unsere Wege, ich muß vor Dunkelheit noch auf dem Pachthof sein." „So handeln Sie eben nach Ihrem Kopf. Doch noch Eines, Desmond. Au: Mittwoch abend beabsichtigen wir einen regelrechten Angriff auf die nächtlichen Fischdiebe auf dem Leam zu machen. Wollen Sie sich uns nicht anschließen? Es wird eine ganz interessante Geschichte geben, die jedenfalls nicht ohne Kampf abläuft. Kein Irländer kann einem solchen Vorschlag widerstehen, nicht wahr?" „Die Sache ist allerdings sehr verlockend, und wenn ich es irgend möglich machen kann, so werde ich kommen. Lassen Sie mich nur, bitte, die Zeit des Abmarsches wissen. Mus Wiedersehen!" Damit bog er in einen Ziegenpfad ein, auf dem er ein gutes Stück Weges abschnitt. Sir Greville sah' ihm einige Augenblicke lang nach, Hann nahm er seine Mütze ab, strich sich über die kurzen, Sien Locken und seufzte tief auf, ehe er sich in der tung nach Ballybay wieder in Bewegung setzte. „Irländischer Stolz, irländischer Stolz", murmelte er im Weitergehen mehrmals vor sich hin. „Ja, ja, es giebt tatsächlich keinen stolzeren Menschen, als einen verarmten irländischen Edelmann!" 27. Kapitel. „M a d a m e." Die Familie D'Arcy bewohnte in Dublin ein schönes, altes Haus in Monjoy-Square — ein Stadtteil, der zwar jetzt in der großen Welt etwas aus der Mode gekommen ist, der aber noch manches prächtige Haus aufweist, das von dem Glanz früherer Tage zeugt. Die Familie bestand aus Mrs. D'Arcy, einer angeheirateten Tante Maureens und Nitas, sowie einem Sohne und zwei hübschen Töchtern, Bryda und Kathleen. Sie alle empfingen ihre englischen Verwandten aufs Herzlichste, und obwohl sie von Nitas hiibschem Gesicht und ebenso hübschen Toiletten entzückt waren, so zogen sie doch Maureen, hinter der, wie sie sich ausorückten, bedeutend mehr stecke, und die sie als eine echte D'Arcy erklärten, ihrer Schwester noch vor. Der Monat Oktober ist eigentlich nicht gerade die Jahreszeit, wo sich Dublin in seinem vorteilhaftesten Lichte zeigt, allein die D'Arcy'schen Mädchen hatten einen großen Bekanntenkreis, so daß sich ihre beiden Gäste sehr bald inmitten des lebhaftesten Gesellschaftsstrudels befanden. Das war so ganz ein Leben nach Nitas Geschmack, wogegen Maureen es meist vorzog, durch die Straßen des alten Dublin zu streifen, oder Ausflüge zu Wagen oder mit der Eisenbahn in die Umgegend zu machen. „Kennst Du eine alte Mrs. Desmond, die in diesem Stadtviertel wohnt?" fragte Nita eines Tages beim Frühstück so nebenbei. „Eine „Madame" Desmond kennen wir allerdings. Ich möchte ihr Gesicht sehen, wenn jemand sich erlaubte, sie mit Mrs. anzureden", antwortete Kathleen. „Da hätte ich nicht übel Lust, diesen Versuch zu machen", erwiderte Nita. „Wohnt sie in der Mhe?" „In Nummer 95, sie ist so stolz als Lucifer und empfängt niemals einen Menschen, der dem Kaufmannsstande an gehört." „Gütiger Himmel, wie vorsintflutlich!" „Uns geruht sie noch anzuerkennen, weil wir D'Arcys sind, obwohl wir auch selbstverständlich tief unter ihr stehen." „Sie ist überhaupt eine unausstehliche, selbstsüchtige, eitle alte Frau, die durch ihre Verschwendungssucht ihre ganze Familie ins Unglück gebracht hat, und nun auf Kosten ihres Enkels lebt. Nichts besitzt sie mehr, als ihr Haus und was dazu gehört, reizende alte Möbel, kostbare Gemälde, Silber und Juwelen — lauter Erbstücke. Mit vollen Händen wirft sie noch heute das Geld zum Feilster hinaus, hält sich Wagen und Pferde, einen ausgezeichneten Koch, Diener und Kammerjungfer, obwohhl man sagt, daß ihr Enkel keinen Heller übriges Geld habe. Sie ist ein stolzes, undankbares, zänkisches altes Weib!^ „Aber Kathleen, Kathleen!" fiel ihr die Mutter ins Wort. „Madame Desmond ist eben noch ganz aus der alten Schule, eine Dame von tadellosen Manieren." „Ja, bei Leuten, die ihr gerade angenehm sind, das gebe ich zu. Gegen Freunde kann sie reizend sein, und wenn ihr Lust habt, ihr Silber und ihre Spitzen zu bewundern, so kann Bryda euch heute nachmittag zu ihr führen; ich für meine Person besuche sie fast nie, da sie mir wirklich zu unausstehlich ist." „Ach ja, bitte, ich muß gestehen, daß ich gerne ihre Kostbarkeiten sähe", antwortete Maureen, wobei sie sich zu ihrer Beschämung eingestehen mußte, daß sie sich weniger durch Madame selbst, als durch die Familienkleinodien Terence Desmonds angezogen fühlte. „Ich für meine Person werde mir den Genuß schenken", sagte ihre Schwester, „da gehe ich lieber ins Konzert. Mir sind stolze, zänkische, schwatzhafte alte Frauen ein Greuel. Ich wünsche Dir viel Vergnügen, Maureen! Doch rate ich Dir, sei vorsichtig, Du weißt schon, was ich meine", fügte sie, mit dem Finger drohend, hinzu und verließ lachend das Zimmer. „Ja, Madame sind zu Hause", sagte ein würdevoller Kammerdiener und führte Maureen und Bryda mit feierlicher Miene ein breites, mit schönen Gemälden geschmücktes Treppenhaus hinauf in ein ungewöhnlich großes Empfangszimmer. Zuerst schien es Maureen, als sei in dem mit prachtvollen Möbeln aus dem vorigen Jahrhundert, mit Spiegeln, Nippes, Gemälden und Elfenbeinschnitzereien angefüllten Raum niemand anwesend. „Sie haben also Ihre Cousine mitgebracht?" ertönte da plötzlich die schwache Fistelstimme einer auffallend kleinen Dame aus einem hochlehnigen Stuhl mit abgenütztem ^Ueberzug. „Guten Tag, Miß D'Arcy", fuhr sie, die mageren Finger ausstteckend, fort, während sie Maureen nut ihren stechenden schwarzen Augen, die gar nicht recht in das alte Gesicht paßten, scharf ansah. Trotz ihres Alters hielt Madame sich noch kerzengerade, und obwohl unzählige Runzeln ihr Gesicht bedeckten, waren die Züge doch noch immer schön und regelmäßig wie aus Elfenbein geschnitzt, — der Ausdruck dagegen über alle Beschreibung, anmaßend. Ihr noch immer reiches weißes Haar bedeckte eine altmodische schwarze, unter dem Kinn gebundene Spitzenhaube, das Kleid war vom schwersten dunkelbraunen Atlas, über ihre Schultern hing ein kostbarer Spitzenshawl und ihre Finger funkelten von Dramanten. , , Ja, ich habe meine Cousine Maureen mrtgebracht, die Sie gerne kennen lernen möchte", antwortete Bryda, sich setzend. . „Viel Vergnügen giebts bei mir zwar nicht, aber seren Sie mir willkommen", sagte die alte Dame, ihrem Gast zunickend. „An regnerischen Nachmittagen fällt es Ihren Cousinen nämlich hin und wieder ein, zu mir zu kommen und mich ihren Freundinnen als eine Art Mertumsrarität vorzuführen." „Aber gnädige Frau, wie können Sie so etwas sagen , antwortete Bryda mutig. „Sie selbst wünschten doch, Maureen zu sehen, weil Sie in Ihrer Jugendzeit auch eine Maureen D'Arcy gekannt haben, und dann möchte meine Cousine so gern Ihre vielen Schätze bewundern." „Alles Erbstücke, leider habe ich kein Geld, um neue Schätze zu sammeln. Mein teurer Gatte bezahlte z. B. tausend Pfund für jene Silberstatuette dort, weil ich mein Herz daran gehängt hatte. Ich liebe die Kunst über alles und kann nichts in meiner Nähe ertragen, das billig, häßlich oder ärmlich ist." 87 „Ja, das steht man wohl", stimmte Maureen bei. „Jetzt aber bin ich eine alte Frau. Der Tod hat mich vergessen, alle meine Zeitgenossen habe ich überlebt. Das heutige Geschlecht ist ein Geschlecht von Emporkömmlingen, Geld ist alles und nur wenige vornehme Familien leben noch auf ihren alten Besitzungen. Einige von jenen heraufgekommenen, hier lebenden Leuten hatten die Kühn- heit, einen Verkehr mit mir anknüpsen zu wollen — Leute, die kaum in meines Großvaters Küche Aufnahme gefunden hätten. Ach ja, Stammbaum und Geld, das findet man jetzt nicht mehr beisammen." „Manchmal doch wohl noch", sagte Maureen. „Das sind seltene Ausnahmen. Sehen Sie z. B. meinen Enkel. Schon im elften Jahrhundert waren seine Vorfahren Edelleute, und was für eine soziale Stellung nimmt er jetzt ein? (Dabei hatte sie von seinem tatsächlichen Berufe nicht einmal eine Ahnung!)— Ach, ich sehe, Sie betrachten dieses Bild", fuhr sie nach kurzer Panse fort, „es ist das Porträt Rial Desmonds, eines bei Fontenoy gefallenen Obersts. Mein Enkel Terence gleicht ihm sehr. Ich wollte, Sie kennten ihn, Miß D'ArcY, er würde Ihnen sicherlich gefallen." Terence! Ach- wie der Klang dieses Namens ihr Herz erbeben machte! „Ich kenne Mr. Desmond, wir trafen ihn diesen Sommer in Bullybay." „Wirklich? Ist das möglich?" rief die alte Dame, indem sie sich noch gerader aufrichtete und das junge Mädchen mit durchdringenden Blicken betrachtete. „Er wird wohl zum Fischen dort gewesen sein. Wie er sich doch in der Welt herumtreibt! Ich möchte wohl wissen, wann er endlich einmal wieder die Absicht hat, hierherzukommen." „Er trug mir auf, Sie von ihm zu grüßen." „Na, große Sehnsucht scheint er nicht nach mir zu haben. Terence liebt überhaupt nicht viele Menschen. An seiner Mutter hing er allerdings sehr und auch an Konstanze; was mich jedoch betrifft, so glaube ich, daß sein Hund einen größeren Teil seines Herzens einnimmt, als ich. Und wie mhl überhaupt dieses Herz ist! So viel ich weiß, hat es noch niemals wärmer für eine Frau geschlagen." "Diese kalte - Natur stammt von seiner Mutter her, denn die Desmonds waren immer ein feuriges, verliebtes Geschlecht. Mso Terence läßt mich grüßen, sehr freundlich von ihm. Wenn es nach meinem Kops ginge, so würde er hier unter meinem Dach leben und meine Geschäfte besorgen. So aber —" Madame schwieg und preßte die Lippen zusammen. — „So aber", dachte ihre Zuhörerin, „arbeitet er von früh bis spät, um Ihnen ein üppiges Leben zu ermöglichen." „Er ist auffallend hübsch finden Sie nicht auch?" fragte die alte Dame. „Dort ist ein Mld von ihm als schwarzer Ulan", fuhr sie, auf eine große, eingerahmte Photographie zeigend, fort. „Ein schöner Kopf, nicht wahr?" „C ja, gewiß." „Wie ich hörte, war er sehr beliebt bei seinem Regiment. Jetzt soll er sich eben nach einer guten Heirat umsehen, aber er macht sich ja nichts aus Damengesellschaft, und Geld hat er kemes, oder doch wenigstens nur ein sehr kleines Einkommen, das er mit mir teilt. . Kennen Sie Terence näher?" fragte sie weiter. „Wie lange waren Sie zusammen?" „Ungefähr zwei Monate." „Du liebe Zeit, so lange!" ries sie, und ihre alten Augen drückten höchste Neugierde aus. „Da haben Sie wahrscheinlich immer zusammen gefischt, getanzt und Ms- flüge gemacht? Sie waren natürlich im gleichen Hotel?" Maureen errötete vor Verlegenheit, als sie antwortete: „Nein, Mr. Desmond wohnte nicht in unserem Gasthof." „Wahrscheinlich war es dort zu teuer für ihn. Terence hat nämlich die sonderbare, ich möchte sagen plebeifche Ansicht, immer alles bar bezahlen zu wollen. Na, ich bezahlte früher vor Ablauf von drei Jahren überhaupt niemals etwas — es wurde aber auch gar nächt von Mir verlangt; die Kaufleute zogen laufende Rechnungen vor. Terence hat diese Eigentümlichkeit auch von seiner Mutter geerbt. Sie war das schönste Mädchen von Dublin, als sie meinen Sohn heiratete; ich aber machte mir nicht viel aus ihr. Man kann übrigens auch nicht verlangen, daß man die Frau des ältesten Sohnes, die nach einem an die Herrschaft kommt, besonders liebt. Vor zehn Jahren starb Helene. Sie hatte entsetzlich strenge Grundsätze, und Terence ist ganz gleich geartet; Schulden sind ihm ein Greuel, und ich kann Ihnen versichern, daß er mir einmal einen höchst erzürnten Brief schrieb, weil ich ihrn eine lumpige kleine Rechnung von neunzig Pfund für Wagenmiete fchickte." „Ich weiß, daß er nicht reich ist", fagte Maureen. „Hat er Ihnen von seinen Verhältnissen erzählt?" fragte sie, Maureen einen forschenden Blick zuwerfend. „Nur so viel, daß die Besitzungen unter gerichtlicher Verwaltung stehen, und daß verschiedene wichtige Urkunden auf geheimnisvolle Weise verschwunden seien. Sie werden wohl auch keine Ahnung haben, was daraus geworden ist, gnädige Frau?" In Madames elfenbeinfarbene Wangen stieg ein fernes Rot, während ihre kurzer: Finger die Armlehne ihres Stuhls fest umklammerten und fie ihrerr Gast scharf ansah. „Ich bitte Sie, wie sollte ich etwas davon wissen?" rief sie ganz erregt. „Vor einiger Zeit wurde einmal lächerlicherweise die eingehendste Haussuchung bei mir gehalten und Kisten und Kasten durchstöbert, aber natürlich ohne Erfolg Gott gebe, daß man die Papiere wenigstens nicht zu meinen Lebzeiten findet, denn so lange sie fehlen, kann wenigstens das Schloß nicht verkauft werden." Der Mblick des halb zerschlissenen Lehnstuhlüberzugs, die Erregung der alten Dame und der ärgerliche Klang ihrer Stimme gaben Maureen zu denken. Sie hatte ja von jeher ein besonderes Geschick, Dinge zu entdecken, an denen andere Leute achtlos vorübergingen. Prüfend betrachtete sie den Stuhl. Eine der unförmigen Armlehnen war breiter als die andere und auf dieser stand ein kleiner, goldener Fingerhut. Ganz oben an der Stuhllehne klaffte ein Riß im Brokatstoff und darin stak eine fein eingefädelte Nadel. Sicherlich war die Urkunde in der Polsterung der Stuhllehne versteckt. — Kein Wunder also, daß die Haussuchung erfolglos gewesen war. „Stricken oder nähen Sie viel?" fragte Maureen. „Jetzt nähe ich keinen Stich mehr, obwohl ich, gottlob, noch meine gesunden Mgen und Sinne habe. Früher aber da sttckte und malte ich viel auf Sammet, denn damit unterhielten sich in meiner Jugendzeit die vornehmen Damen, anstatt tote jetzt auf schmutzigen Rädern durch die Welt zu jagen. Warum interessiert Sie das?" Maureen lag es auf der Zunge, nach dem Zweck des kleinen goldenen Fingerhutes zu ftagen, allein fte drängte klugerweise die Worte noch rechtzeitig zurück, und ehe fte eine Antwort fand, öffnete sich die Türe und andere Gaste wurden angemeldet, so daß sie rasch aufstand und stch verabschtedete.^nein 1{e6eg Äinb; besuchen Sie mich bald wieder", sagte Madame in freundlichem Tone. ,,^hr hübsches irländisches Gesicht gefällt mir. Ich zeige -ohnen dann meine Miniaturbilder und Diamanten. Sie können ja auch allein kommen", fügte sie, Bryda bedeutungsvoll zunickend, bei. „Haß Du jemals einen solchen Drachen gesehen?" fragte Bryda, als sie aus dem Haufe traten. „Aber ich mache mir nicht das Geringste aus ihren Grobheiten Sie schickt häufig nach mir, damit ich mit ihr Tricktrack spiele, und dann hat sie auch stets eine Menge neuer Bucher und Zeitschriften, die sie mir leiht. Du ahnst sicherlich nicht, daß ich ein großer Liebling von ihr Bin?" „Nein, allerdings nicht", rtef Maureen, :n Helles Lachen ausbrechend. _ , , „Und doch ist es tatsächlicy so. Sie hat nm eme echte Perlenkette geschenkt und mir gesagt, daß fie mn gerne eine gleiche aus Smaragden geben wurde, wenn es nicht ein Fideikommißstnck wäre, das fte für Mr. Desmond Ja utto' noch etwas bewahrt sic auf, oder vielmehr^ sie hält es verborgen, und das sind die Urkunden." „Die Urkunden? Die Eigentumsurkunden?" ',3a wohl, ich Bin überzeugt, daß sie ganz genau weiß, 11)0 „Warum aber um des Himmels willen giebt sie sie bann nicht heraus? Doch sage mal, ist der Enkel nett? Wir haben ihn niemals zu sehen Bekommend „Ja, wir hatten ihn recht gern." „Was machte er denn in Ballybav?" K „Ach, er vertrieb sich eben die Zeit, so gut er konnte. Doch da wären wir ja wieder. -Ob die anderen wohl schon zurück sind?" „Nita, Katie", rief Bryda, ins Wohnzimmer tretend, „ich kann euch die angenehme Mitteilung machen, daß Maureen einen recht günstigen Eindruck auf Madame erzielt hat. Sie forderte sie sogar noch ganz besonders zürn Mrederkommen auf und nannte sie ,mein liebes Kind'." „Na, das kennt rnan!" sagte Katie. „Sie wünscht eben einen Goldfisch für ihren Enkel zu angeln." „Ach, ich flehe euch an", rief Nita, die in einen eben abgegebenen Brief so vertieft war, daß sie nur die Worte Fische und angeln hörte, „wenn ihr mich lieb habt,, so laßt wenigstens hier die Fischereigespräche bei Seite." (Schluß folgt.) Etwas von der Kunst des Blumenbindens. Im Februarheft der Monatsschrift „Deutsche Kunst und Dekoration" (Verlagsanstalt Alexander 'Koch in Darmstadt) schreibt Marie Luise Becker-Berlin über die Kunst des Blumenbindens: Wie die einzelnen Völker im Laufe der Jahrtausende zur Natur standen, das lehrt uns ein Blick in die Kunstgeschichte der Blumenbinderei. Auf Mumientüchern und Särgen finden sich die bunten ägyptischen Malereien, die stilisierte Jrisborte und die Blumensträuße der Aegypter. Cs sind steife, schlank emporstcigende, hohe ornamentale Gebilde: Der Kulturmensch „verbesserte" die Natur und schuf sich ein Ornament aus der blühenden, bewegten Pflanze. Genau wie die ägyptische Pflauzenborte stilisierte man im alten Reiche die Blumen zum Strauße: man zerpflückte die Blüte und fügte sie künstlich — jedenfalls mit Hilfe einer Leirn-Masse — in die ideal gedachte, feste Kunst- sorm, die als Natur-Motiv allerdings in der Blüte selbst begründet war. Außerordentlich treu folgte man auch der wirklichen Blüten-Form, denn es lassen sich die verschiedensten Blumenarten in diesen ägyptischen Ornamenten nachweisen— jede Feinheit der Struktur, jeder Linienreiz ist beobachtet und zeichnerisch festgehalten, das Ganze aber unbedingt immer streng nach dem festgefügten ornamentalen Schönheitsidelae des hochgebildeten, kulturdurch- drungenen Aegypten umkomponiert. Fruchtkränze umschlangen die Tempelsäulen in Griechenland und Rom. Eine üppige Vegetation, eine verschwenderische Natur gestattete den Völkern, in Blüten und Früchten zu schwelgen. Alle Bindereien aber waren dem Charakter der herrschenden Ornamentform angepaßt, stilisiert. Die raffiniert verfeinerte Blumenzucht der Renaissance und Barockzeit brachte erst die eigentliche Kunst der Blumenverweudung empor. Noch geben uns alte Stickereien und Stoffe, von letzteren besonders die aus der Zeit Ludwigs XIV. und Ludwigs XV., ein klares Bild der damaligen Kunst der Blumenbinderei, und fast unbegreiflich ist der Uebergang von jener immerhin schon recht feinsinnigen Bindekunst zu dem, ivas die Mitte des vorigen Jahrhunderts an Blumenverarbeitungen ausweist. Waren wir damals besser als die Aegypter? Eine Papiermanschette imitierte, roh ausgeschlagen, eine kostbare Spitze, oder eine billige, hartgestärkte Spitze umgrenzte die Pappform. Dicht und regelmäßig aneinandergedrängt waren dort die einzelnen Blüten auf Draht gespießt, sie bildeten ein Ornament, einen Stern oder gar einen Namenszug. Arme Mutter Natur, wie mißhandelte man deine Kinder! Heute ist jede Blüte uns heilig, mehr noch. die Pflanze. Wie sie gewachsen, wie die Gotteshand sie geschaffen, die sie in Wald und Garten pflanzte, so ist sie schön, so ist sie ein Kunstwerk. Nicht nach der Idee der Kuustform soll sie stilisiert werden, sondern ihre Verwertung soll sich nach dem Wesen der Blumen und nach der Linienharmonie ihres Wachstums richten. Das ist Bindekunst: zum rechten Zweck das rechte Material, kein zum unrechten Zweck vergewaltigtes Material! In schlanker Vase ein Blütenstiel, nicht zurechtgedrückt und an Drahtstützen gebogen — nein, in seiner ursprünglichen, ureigenen, urschönen Form, auch nicht mit anderen, fremden gemeinsam, sondern allein für sich und fertig in sich. Hier ist weniger die Hand zu üben als das Äuge. Das Auge sucht den rechten Zweig für diese oder jene Vase, das Passende zur Stimmung des Zimmers, ih’tbahiou: Curl PIato. — des Wassergefäßes, es fügt nur zusammen, was sich atu einanderschmiegen kann und miteinander durch Farbe und Wuchs harmoniert. Innigste Naturliebe, feinstes Natur-, Verständnis ist die Seele moderner Blütenverwertung. Die Japaner lehrten es uns. Dort giebt es Bindeschulen, in denen junge Mädchen durch stundenlange Uebungen lernen müssen, was sich uns, sehen wir so einen japanischen Blüten-, zweig in schlichter Vase, so selbstverständlich und einfachf zeigt. Heute ist jede Blüte uns wert, die Wald und Wiese,' Treibhaus und Gratenland uns gaben, jede einzelne eine Kunstform der Mutter Natur, ein zauberhaftes, indi-, viduelles Stück Schönheit, in sich vollendet. Und so sei sie denn auch verwertet! Kreislauf der Wissenschaft. Ich hab' einst kolossal studiert, Mit Wissen meinen Geist verziert, Und jetzt nach zwanzig Jahren, Da kommt die Wissenschaft und lehrt Daß vieles grade umgekehrt, Als damals ich's erfahren. Ich aber scher' mich wenig drum Und lern' die Sache nicht erst um, 'Ne Ahnung, 'ne entfernte. Sagt mir, eh' um sind zwanzig Jahr, Jst's Meiste wieder wie es war, Als ich die Sache lernte. E. B. Vermischtes. In der Schule. Folgende Geschichte wird von einem Schüler erzählt, der die Talente seines Lehrers ebensowenig anzuerkennen schien, wie der letztere die seines Schülers. Der Lehrer sprach über die Blutzirkulation. „Menn ich auf dem Kopfe stände", sagte der Lehrer, „so würde alles Blut nach dem Kopfe strömen, nicht wahr?" Niemand widersprach. „Nun", fuhr er fort, „ivarum strömt denn alles Blut nicht in die Füße, wenn ich auf den Füßen stehe?" „Weil," erwiderte der erwähnte Schüler, „Ihre Füße nicht leer sind." Der Wahrheit die Ehre. Vater: „Ich höre, mein Junge, daß Du kürzlich mehrere Unwahrheiten ausgesprochen hast. Das betrübt mich von Herzen. Sprich stets die Wahrheit, selbst wenn Du Dir dadurch Strafen zuztehst. Willst Du es mir versprechen?" Sohu: „Ja Vater." Vater: „Schön, jetzt geh und sieh, wer eben geklingelt hat. Sollte es der Steuererheber sein, so sage ihm, ich sei nicht zu Hause." Er hat an sie gedacht. Mutter: „Tommy, hast Du den ganzen Kuchen aufgegessen, ohne an Deine Schwester zu denken?" Tommy: „O ja, Mama, ich habe die ganze Zeit an sie gedacht. Ich dachte immer, sie würde kommen, ehe ich damit fertig bin." Zifferblatträtsel. (Nachdruck verboten.) I II III IV V VI VII VIII IX X XI XII Statt der Ziffern des Zifferblattes einer Uhr sind die Buchstaben AA, B, D, EEE, L, NN, 8, T derart zu setzen, daß die Zeiger bei ihrer Umdrehung Wörter von folgender Bedeutung berühren; 1— 3 kroatischer Titel, 1— 4 Bindemittel, 1— 5 Hause Menschen, 1— 6 Teile des Billards, 2— 6 Gebirge in Amerika, 5— 8 Schwimmvogel, 8—11 nützliches Tier. 9—12 biblischer Ausdruck, 11— 3 alttestamemarischer Name. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Tauschrätsels in vor. Nr.r a, Maus, Bier, Leid, Wiese, Gran, Asche, Sonne, Fisch, Angel, b. Haus, Eier, Neid, Riese, Iran, Esche, Tonne, Tisch, Engel. Henriette. Nctationsdruck und 2 erlog der Brübl'schen UniversitätS-Buch» und Cteindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.