Samstag den 10. Oktober. m aTZmy^^^ö ßXXai (Nachdruck verboten.) IM FMemädcheil non der Stettin Von B. W. Howard. (Fortsetzung.) 13. Kapitel. „Miz Du", der schwarze Monat, wie die Bretagner den November zu nennen pflegen, war für unsere Maler eine sehr fluchtbare Zeit. Die Arbeitsstunden wurden zwar kürzer und die Whistabende länger, aber dafür bot die Landschaft ganz besondere Reize. Glanz und Glut des Hochsommers waren zu jenen weichen, unbestimmten Farbentönen verschwommen, die im Spätjähr das Entzücken, abev auch die Verzweiflung des Malers bilden. Ein zauberischer Duft und Schimmer lag über den wogenden Flachsfeldern, den Ginsterbüschen, dem Heideland, auf jeder bemoosten, halbverfallenen Mauer, in den schattigen Laubgewölben der alten Haine, in den Hohlwegen und den tiefen Buchten des Ufers. Nur der Spätherbst hat so warme Däne, so zarte Färbungen, die er mit meisterhaften Pinsel- strichen bald hier bald da geschickt anzubringen versteht. „ Die jungen Leute arbeiteten jetzt meist im Freien, um die schönen Tage so viel wie möglich auszunützen. Hamor war noch nre so glücklich und zufrieden gewesen; im Vollgefühl der Kraft und Gesundheit, gespornt von rastlosem Ehrgeiz und der Hoffnung aus wachsendes Gelingen, setzte er seinem Eifer keine Grenzen. Bald allein, bald in Gesellschaft seiner Genossen, entwarf er die reizendsten Studien und Skizzen, hauptsächlich von Guenn, die ihn zu imnrer neuen Entwürfen anregte. Ebenso genau jedoch wie er Guenn studierte in-allen Stellungen und Bewegungen, studierte sie ihn. — Während der vielen, langen Stunden, in denen er seine ganze Aufmerksamkeit auf eine Linie, einen Schatten, einen Farbenton ihres jugendlichen Kolorits richtete, beobachtete sie jede ferner Mrenen und Geberden und strengte alle Kräfte ihrer lerdenschaftlichen Natur an, um sein innerstes Wesen zu ergründen. Er übertrug ihr Bild auf die Leinwand, sie prägte das seine fest irr ihr Herz ein. Bon Anfang an hatte der Gedanke an ihn sie verfolgt, und seit jenem Morgen, als sre zuerst den Fuß über dre Schwelle seines Studios gesetzt, beganu für sie ein neues Leben. War sie früher aufs ersrrgste bestrebt gewesen, ihn zu fliehen, so trachtete sre letzt mrr danach- ihn, jeden Wünsch an den Augen ab- Kulesen. Er war ihr nichr mehr der unvermeidliche Schatten, der überall auf ihren Weg fiel — er war wie der Sonncn- schern, den sre so sehr liebte, ein Teil ihres eigenen Daseins geworden Erst jetzt schien sie eigentlich zu leben. Mit wahrem Mrtleid gedachte sie oer alten Guenn, die noch! gar nicht gewußt hatte, was es heißt, morgens aufzustehen, erfüllt von dem Reiz eines schönen Gestern, von der Freude auf ein noch schöneres Heute, da sie wieder die freundlichen Blicke sehen, die weichen Laute hören sollte, die ihr Herz erbeben machten. Sie war überglücklich, Stunde auf Stunde bei ihm zu sitze,r, nützlich zu sein, und die Befriedigung darüber in seinen Zügen lesen zu dürfen, jedem Wink seiner Hand, seines Blickes zu folgen — das war jetzt ihre Wonne- ihr Leben. Ihrer übrigen Pflichten entledigte sie sich in fieberhafter Eile, um desto schneller zu ihm zurückzukehren. Erschien Guenn beim Waschen, so war sie, zu Jeannes größtem Bedauern, meistens zerstreut und ließ sich die schönste Gelegenheiten zur Entfaltung ihres Redeflusses häufig entgehen. Doch häufig war ihr Sinn nvch stolz und keck wie zuvor. Es hätte wohl einer langen, schweren Letdensschule bedurft, um dieses ungestüme, heiße Herz sanft und demütig zu machen. In ihrem Eifer, Hamor zu gefallen, nahm sie jedoch wenigstens zeitweise ein äußerüchi gesetztes Wesen an und war unablässig bemüht, sich den neuen Eindrücken hinzugeben, die sie aus jener fernen Welt empfiirg, aus jenem unbekannten Leben, dem der wunderbare Mann entstammte, mit ivelchem sich keiner vergleichen ließ. Ihre alten Freunde liebte sie wohl wie früher, hatte aber jetzt wenig Zeit für diese. Sie war zurückhaltender in ihrem Benehmen und fand abends auf dem Dorfplatzj und am Quai kein Vergnügen mehr daran, die Seeleute in ihrer eigenen Münze heimzuzahlen, weder mit scherz-, haft gemeinten rohen Späßen, noch mit freundschaftlichen Püffen. Tie groben Stimmen verletzten ihr Ohr, seit es sich gewöhnt hatte, eine gebildete, wohltönende Sprechweise zu hören. Tie rauhen Sitten erschienen ihr abstoßend. Monsieur Hamor fluchte niemals in ihrer Gegenwart, Mon- s,eur Hamor war nie roh und heftig. Monsieur Hamor besaß feme leutene Taschentücher, er hatte schön gepflegte Hände- deren sicheren Bewegungen sie mit Bewunderung folgte.' Ihr junges Herz trieb eine wahre Abgötterei mit diesem! Manne, sie hätte zu seinen Füßen liegen mögen, um vor! Wonne zu vergehen, wenn nur sein Auge gütig auf ihr ruhte. Sie sang nicht mehr die Lieder der anderen Mädchen! mit, sie lauschte nur auf die Musik seiner geliebten Stimme. Hamor selbst ivar sehr zufrieden mit dem Verlauf der! Truge. Er gestand feinen Freunden, daß Guenn ein Modell fet, wie er es iioch nie besessen. „Ihr Verständnis ist wirklich erstaunlich", pfelgte er zu sagen, „sie gehorcht auf ein Zucken der Wimper. Der bloße Gedanke, daß ich sie mir hätte entgehen fassen können, macht mich noch jetzt ganz wild. Tie Studien, zu denen sie mir sitzt, müssen für den Rest meines Lebens ausreichen, denn ich kann kaum erwarten, je wieder auf einen solchen Juwel zu stoßen." , »Sie wird aus Deinen Bildern so typisch sein, wie das Weib des Andrea des Sarto auf den feint gen", war Staun-i tons ruhige Bemerkung. „Meittetwegen, nur mit dem Unterschied, daß ich nicht von ihrem Reiz betört bin, sondern nur praktische Zweckes in Erwägung ziehe. Alle Modelle der Welt würden umsonst ihre Lreblichkeit an mich verschwenden." 602 „Das kennt man", bemerkte Staunton trocken, worauf ihn Hamor ansah und lachte. Von Natur liebenswürdig, hatte Hamor, neben der Wertschätzung, die er fiir Guenu in künstlerischer Beziehung hegte, „das kleine Ding wirklich sehr gern". Der Verkehr mit den bretaguischen Kindern machte ihm überhaupt Freude, er gab sich häufig mit ihnen ab.und fand, daß jein Aufenthalt iu Plouvenec in vieler Hinsicht sehr förderlich für die dortige Jugend sei. Besonders machte Guenn unter seiner Leitung die erstaunlichsten Fortschritte in Sitte und Benehmen; sie schien ihm sehr bildungsfähig und merkte, was ihm mißfiel, ohne daß er ein Wort zu sagen brauchte. Hamor ivar stolz auf seine» Einfluß, aber weit entfernt, die wahre Sachlage zu erkennen, trotz seines Scharfblicks und aller Klugheit, aus die er sich nicht wenig einbiloete. . r Ein kleiner Auftritt, der sich auf dem alteu Friedhof zu Beuzec abspielte, hätte ihm wohl die Augen öffnen können, wenn es ihm der Mühe wert gewesen wäre, darüber nach- zudenken. Ter kleine Friedhof war Hamors Lieblingsplatz; er saß gern auf den ausgetretenen Stufen vor dem altertümlichen steinernen Kruzifix, auf denen Jahrhunderte hin- durch fromme Beter gekniet hatten, oder sah die Dorskiiider zwischen den Gräbern spielen und versuchte die alten bretonischen Namen und unleserlich gewordenen Inschriften auf den Grabsteinen zu entziffern. Auch heute war er nach der alten Kirche gewandert und hatte Jeanne und Guenn mitgenommen, für den Fall, daß er ihrer bedürfen sollte. Nannics Kommen und Gehen war stets ungewiß, doch zeigte Hamor für alle Launen und Eigenheiten des Knaben nur die freundlichste Duldung. Guenn war in rosigster Stimmung, sie glühte vor Leben und Bewegung. Innerhalb der vier Wände eines Ateliers, das sah sie jetzt wohl ein, mußte sie sich zusammennehmen, aber hier, unter Gottes freiem Himmel, durfte sie sich dem Gefühl schrankenloser Freiheit überlassen. Laut auf- jubelnd, sog sie die kühle, frische Herbstluft mit vollen Zügen ein und tobte den so lang unterdrückten Uebermut in den wildesten Sprüngen über Gräben und Hecken aus. Hamor fand sie gaH unwiderstehlich in ihrer überwallenden Lebensfreude; der Anblick ihrer Anmut und Geschmeidigkeit war eine immer neue Quelle des reinsten künstlerischen Ge-- nusses fiir ihn. Es erhöhte noch Guenns glückliche Stimmung, als sie sah, tote sein Blick mit Wohlgefallen «ns ihr ruhte. Sie ging ganz und gar in der Freude des Augenblicks auf, für sie gab es weder Vergangenheit noch Zukunft. Auf dem Friedhof angekommen, suchte sich Hamor ein eit günstigen Platz auf der mit Epheu umsponnenen, Niederen Mauer und begann eine Skizze der kleinen Kirche zu entwerfen. Ter einfache edle Bau mit den zarten Moosen und üppig wuchernden Schlinggewächsen auf dem alten Gestein lag in stimmungsvoller Beleuchtung vor ihm. „Wenn ich hiermit keinen Treffer tue", sprach er halblaut, mehr zu sich selbst, als zu seinen kleinen andächtigen Zuhörerinnen gewendet, „so wird es mich reuen, wenn ich einmal von Plouvenec fort bin. Die Landschaft ist so echt • bretagnisch in ihrer Färbung und wundervollen Einfachheit. Ich muß wirklich den Augenblick benutzen; aber wie soll ich das Bild ausfasfen, still und einsam, so ime es letzt vor mir liegt, oder von Landleuten wimmelnd? Wie würde sich Guenn als Braut darauf ausnehmen und ein glänzender ländlicher Hochzeitszug?" , Sofort sah er im Geist, wie sie verschämt errötend im Kreise der festlich gelleideten Brautjungfern stand, er sah den ganzen Zug — die jungen Männer mit der Pfauenfeder ■ am Hute, die reichen, alten bretonischen Stickereten in Silber, Blau und Scharlach, die glänzend weißen Hauben, die Musiker mit den Sackpfeifen. Aber wo war die glückliche Braut? — Vor ihm stand nur ein todesbleiches Mädchen, zitternd, wie vom Frost geschüttelt, das ihn mit starren, trostlosen Augen ansah. Unmutig strich er sich mit der Hand über die Stirn: sie hatte ihn gestört, hatte ihm die reizende Vision vertrieben! „Was hast Du, Guenn" fragte er kalt. „Gehen Sie fort, Monsieur?" stammelte sie ängstlich. „Fort?" Er hatte seine Worte von vorhin gänzlich vergessen. „Nein — noch nicht — in einer Stunde viel- . leicht." „Ich meinte — ob Sie fort gehen — fort aus Plouvenec?" Er machte große Augen; die Sache begann ihn zu verdrießen. Warum sah sie ihn auch so flehend an mit dem bleichen Gesicht? Er wollte doch Bilder entwerfen. „Nun ja, natürlich, mit der Zeit —", warf er gleich- giltig hin. „Wann ist das?" stieß das Mädchen bebend hervor. „Wenn ich mit meinen Studien hier zu Ende bi» und Plouvenec mir nichts mehr bieten kann", erwiderte er sorglos, „ich studiere dann weiter au einem anderen Orte." Guenn wandte sich ab und schritt hasttg dem niederen Säuleugang der kleinen Kirche zu. „Was fällt dem Mädchen ein?" überlegte Hamor auf der Mauer sitzend, „etwas scheint sie zu verdrießen, aber wozu diese tragische Miene? Sie hat mich gern, das weiß ich sehr wohl; warum auch uicht? Es ist so natürlich, ich habe viel Einfluß auf sie, bin freundlich zu ihr und sie hat noch wenig gebildete Männer gesehen. Die Sache ernsthaft zu nehmen, wie mir Staunton ansinnt, dazu kann und mag ich mich nicht entschließen. Alle Frauen und Kinder haben mich gern, warum sollte Guenn eine Ausnahme machen? Es ist nichts als eine Mädchenlaune, die sie bald vergessen wird und dann ihren Alain heiraten. Nur das Eine wäre unangenehm, wenn sie den heiteren Sinn verlöre und damit ihren größten Reiz —- ihre Züge passe» uicht zur Sentimentalität. Ich muß wirklich Sorge tragen, sie bei Laune zu erhalten, damit sie hübsch bleibt. Mehr kann ich nicht tun, ich kann mich doch nicht in das Kind verlieben, das wäre rein unmöglich; auch möchte ich um keinen -Preis der Welt mit ihr schäkern und schöntu»! Da gilt es de»n vor allem, so rasch wie möglich mit den: Hauptbild zu beginne»!" • Während dieser Betrachtungen war Hainor aufgestanden und auf denr Friedhof umhergewandert; jetzt fiel sein Blick aus eilt kleines, vernachlässigtes Kindergrab. Der verwitterte Stein war mit Brombeergestrüpp überwuchert. „Yves Hernadan — zwei Jahre alt", stand darauf zu lesen. Guenn war leise wieder herbeigeschlichen, voll Reue über ihr hastiges Benehmen von vorhin. Von ferne beobachtete sie Hamors Mienen, die von warmem Mitgefühl zeugten, als er sich jetzt über das lleine Grab beugte, um mit den feinen Händen die stachligen Ranke» auseinander zu wirren. „Arme, kleine Seele, ruhe in Frieden!" sprach er vor sich hin. „Freilich, wenn Du das »ach vierhundert Jahren noch nicht tust, ist wenig fiir Dich zu hoffen." Guenn lauschte atemlos guf seine Träumereien. Was ging ihn dieser Yves Hernadan an? Warum hatte er für ihn ein so liebevolles Lächeln und für sie nicht einmal einen freundliche» Blick? Was konnte sie dafür, daß ihr das .Herz so weh tat? — „Eine kleine Traueresche — eine lleine Eiche — eine kleine Nessel" murmelte Hamor wieder über das Grab gebeugt, sei» Blick schien sich in ferne, vergangene Zeiten zu versenken — Guenn ertrug es nicht länger. Seine Teilnahme sür dies unbekannte, längst dahingeschtedene Wese» brachte sie zur Verzweiflung. Mit einem wilden, zornige» Aufschrei schlug sie die Hände vors Gesicht, „ich hasse diesen Yves Hernadan!" brach es leidenschaftlich aus der gequälten jungen Brust, daun schwang sie sich wie ein Pfeil über die Mauer und lies, ohne sich umzuschauen, querfeldein. — , „Nun, das muß ich sagen!" kam es unwillkürlich von Hamors Lippen, dann zuckte er leicht die Achsel» und blickte auf Jeanne und Nannic, ctls wolle er sagen: „Jch tvasche meine Hände in Unschuld". Plötzlich aber durchfuhr ihn der Gedanke: „Wie, wenn sie gegangen wäre, um nicht wiederzukommen? Wenn mich das launische Kind gUgutcx- letzt doch noch im Stiche ließe!" — Guenn war nicht mehr zu sehen; ihre Abwesenheit machte sich ihm sofort fühlbar - er vermißte den Anblick ihrer strahlenden Schönheit. „ die wird wieder kommen, wieder wieder, , sang" Nannic, der mit ausgestemmten Annen an einem alte» Grabstein lehnte, mit feierlicher Stimme. „Ich glaube Dir, kleiner Salomo", entgegnete Hamor Jeanne war sehr zufrieden mit der Wendung der Dinge. Es wollte ihr gar nicht gefallen, wen» Guenn nut verstörten Augen jeder Bewegung Monsieurs folgte. Sie tn wildem Zorn über Gräben und Hecken sturmen zu sehen, war weit natürljcher und paßte so viel besser zu ihr, daß Jeanne sich wirklich erleichtert fühlte. Unmöglich, hatte Guenn noch länger iu Sanftmut und Gehorsam wandeln könne», ohne ihrer Freimdi» gerechten Anlaß zu ernstlichen Befürchtungen zu geben. 603 Und Tuenn kam wirklich wieder. Nach Frauenart glaubte sie selbst schuld zu sein an dem Schmerz, den Hamor ihr bereitet, und hätte ihn lieber nochmals erlitten. Bleich und zitternd weilte sie am Wend auf dein Dorfplatz und folgte den vorübergleitenden Schatten mit heißen Augen. Sie war so glücklich, den Helden ihrer Träume zweimal zu entdecken. Die Hände fest auf das pochende Herz gedriickt, stand sie mit verhaltenem Atem, als er im Dunkel an ihr vorüberschritt; er sah sie nicht und hatte wohl auch keinen Gedanken für sie, a»ber Guenn hörte seine Stimme und zog niit Entzücken den feinen Duft seiner Zigarette ein, ein Zeichen, daß ihr angebetetes Ideal in ihrer Nähe weile. Und doch sollte die Zeit kommen, da er fort sein würde auf immer, sie würde nicht mehr um ihn sein können Tag für Tag im Atelier oder draußen in Wiese und Wald ; die andern saßen dann an den Tischen, auf denen die kleinen Gläser standen, und er war nicht dabei — sie konnte nie mehr sein Gesicht sehen, seine Stimme hören! Nein — das war nicht möglich! Es ließ sich nicht fassen! Irgend etwas mußte geschehen, es zu verhindern! Dieser Gedanke gab ihr Mut und Hoffnung zurück. Gewiß, es mußte sich etwas ereignen, ehe solches Elend, solcher Jaminer über ihr Leben hereinbrach. Am nächsten Morgen erschien sie zur gewöhnlichen Stunde pünktlich im Studio. Hamor scnrd, daß sie blaß aussah, und überlegte besorgt, wie mißlich es für ihn wäre, wenn Guenn ihre schönen Farben einbüßen sollte. „Ich muß suchen, sie zu versöhnen, natürlich ohne dabei etwas von meinem Einfluß zu verlieren". Auf seinen sogenannten Einfluß legte Hamor großen Wert. Nachdem er Jeanne und Nannic unter einem schicklichen Borwand weggeschickt hatte, wandte er sich rasch entschlossen zu Guenn. „Guenn, ich möchte einmal ernsthaft mit Dir reden." Sie sah aus, als ob ihr nichts in der Welt erwünschter sein könne. Wenn er sie dabei anschaute, sich ihrer Gegenwart bewußt war, und nicht Betrachtungen über verfallene Gräber rind unausstehliche tote Kinder anstellte, konnte sie froh und glücklich sein. Fragend und erwartungsvoll blickte sie mit ihren wundervollen Augen zu ihm auf. Der lehrhafte Ton, in dem Hamor begann, war nicht geschickt gewählt. In kritischen Momenten ist auch der Weiseste von uns mitunter vom richtigen Gefühl verlassen. Es war, als ob der Geist seiner puritanischen Vorfahren über ihn gekommen sei. Er hielt eine förmliche Predigt über das Laster des Jähzorns und die Tugend der Selbstbeherrschung und entwarf ihr zum. Schluß das Bild eines wohlerzogenen Mädchens, das sich sittsam und bescheiden benimmt, und sich nie einfallen läßt, im Zorn über Kirchhofsmauern zu springen. Dies Mustermädchen schien keinen sonderlichen Eindruck auf Guenn zu machen. Ihre Wangen färbte,; sich wieder mit rosiger Glut; sie hörte aus seinen zürnenden Worten nur die persönliche Teilnahme heraus, nach der sie verlangte, und lauschte zufrieden dem Klange seiner Stimme, die sich in ununterbrochenem Redefluß ergoß. Plötzlich hielt Hamor betroffen inne. „Bin ich ein Narr oder ein Heuchler — oder beides?" fragte er sich aufrichtig. „Was kümmern mich die Launen und das Benehmen dieses Mädchens? Mich bekümmert einzig und allein mein Bild!" Er schritt ungeduldig im Atelier auf und ab und kehrte dann mit völlig verändertem Ausdruck auf seinen Platze zurück. Der Prediger war verstummt, nur der Maler kam noch zu Worte: „Guenn!" hob er eifrig an, „denke nicht mehr an gestern. Ich will Dich nicht mehr tadeln und ermahnen. Springe über so viele Mauern in Plouvenec als Du magst, gerate meinetwegen alle Tage in Zorn, aber hilf mir da, wo ich Deine Hilfe gebrauche. Hilf mir, Guenn!" Wie elektrisiert fuhr das Mädchen auf; dieser Ton machte sie vor Freuden erbeben. „Nur Du kannst mir helfen, niemand sonst. Siehst Du, ich spreche ganz offen mit Dir, weil ich Dich für ein vernünftiges Mädchen halte. Ich sagte Dir schon früher einmal, daß ich nur für meine Kunst lebe, für sie ganz allein! Ihr würde ich alles zum Opfer bringen, nichts wäre mir zu groß, nichts zu kostbar! Du wirst das kaum ganz verstehen, aber vielleicht begreifst Du mich doch, wenn ich Dir sage, daß es für mich eine Lebensfrage ist, das Bild zu malen, das mir vorschwebt — mein großes Bild — Dein Bild, Guenn!" (Fortsetzung folgt.) Maudereien aus der Kaiferstadt. (Nachdruck verboten.) Von der Wagner-Woche: Dos Denkmal. — Die Konzerte. —- Die Kosten. — Der Sündenbock. — Sudermanns „Sturrn- geselle" und die Kritik. Während an anderer Stelle in unserem Tiergarten ohne Trara, Bumbum und Tanitamschall für Ludwig von Beethoven, Josef Haydn und Wolfgang Amadeus Mozart in aller Stille ein Denkmal errichtet wird — eins für alle drei! —, hat die Enthüllung des Wagnerdenkmals ein volles Vierteljahr und darüber die Meinungen erregt, die Spalten der Tageszeitungen gefüllt und schließlich einen .Haufen Geld gekostet, sür den man eine ganze Siegesallee von Musikermonumenten hätte errichten lassen können. Die treibende Krast, die durch allerlei Anfeindung aufgestachelt, zuletzt wohl aus Trotz, so auf Holz- unb Irrwege geriet, war die Eitelkeit eines Großindustriellen, der in Köln selbst einmal zur Kunst gehört hatte und durch seine Fabrikate — Schminke und Puder — eine lose Verbindung mit der Bühne, dem Tummelplatz Wagner- scheu Könnens, behielt, als er schon fünffacher Millionär und Kommerzienrat war. Er ist nun „Geheimer" geworden trotz aller Gegenströmungen, das Denkmal ist enthüllt ohne die Beteiligung der Familie und der intimen Freunde Wagners, der Groll wird verrauchen, die Zeitungen "werden nach einer neuen Affäre Umschau halten — und die Geschichte wäre damit aus. Aber wir haben doch dem Auslande gegenüber wieder einmal bewiesen, was für „ein einig Volk von Brüdern" wir noch immer sind trotz aller Errungenschaften von anno 70. Das ist traurig. Außerdem haben wir ein mittelmäßiges Denkmal mehr; denn nicht Eber lein, sondern Hildebrand hätte dieses Monument schaffen müssen, wenn es wirklich ein „großes" hätte werden sollen. Das ist trauriger. Drittens aber haben löir durch die endlose Leichnerhetze hundert Leute kopfscheu gemacht, die dem Moloch Eitelkeit vielleicht auch et» tüchtiges Opfer gebracht hätten zu Nutz und Frommen großer Toter oder lebendiger Hungerleider, die es vielleicht noch mehr verdienen! Und das ist am traurigsten. Berlin ist nicht überreich an Stiftungen, deren letzte Ursachen in 99 Fällen auf ähnliche Motive zurückzuführen sind. Warum soll man Wohltaten verhindern, weil ein bischen Eigenliebe dabei im Spiele ist? Wahrlich, weniger wäre hier wieder einmal mehr gewesen! Die in der Festwoche veranstalteten Konzerte boten mit wenigen Ausnahme;: ganz hervorragende Leistungen. Mer das musikfreudige Berlin blieb ihnen ostentativ fern, wie Frau Cosima oder „Ditz Meisterin", wie man im „Wahnfried" ehrfurchtsvollnärrisch zu sagen beliebt, der Denkmalsweihe. Die Künstler spielten und sangen vor leeren Stuhlreihen, weil es beinahe zum guten Ton gehörte, nicht dabei-zu sein. So vervielfachten sich natürlich die Kosten, und der Sündenbock, der dafür um so tiefer in die Tasche greifen mußte, war der arme Herr Kommerzienrat. An 300 000 Mark mag ihm die Kampagne wohl gekostet haben, wenn nicht gar mehr. Mer daß er seinen Platz behauptet hat gegen diese Flut von Hohn und Haß, ist schließlich doch auch eine Leistung, die man anerkennen muß, nachdem man mit Bedauern gesehen hatte, wie er den richtigen Zeitpunkt zu einem taktvollen Rücktritt unbenutzt hatte Verstreichen lassen. Hermann Sudermann hat ihm den Gefallen getan, die erste Ablenkung zu liefern. Am Samstag wurde sein neuestes Bühnenwer-k mit dem bizarren Titel „Der Sturmgeselle Sokrates*) int „Lessingtheater" zum ersten Male gegeben. Er wollte darin zeigen, wie Ideale, die eine Zeit lang alle Herzen erfüllten, verblassen und morsch und hinfällig werden, und eigensinnige Leute, die sich mcht von ihnen trennen können, langsam der Lächerlichkeit anheimfallen. Leute aus den vormärzlichen Tagen, die in einer ostpreußischen Stadt an einem damals geschlossenen Bunde der „Sturmgesellen" festhalten, die jeder ihren Bundesnamen haben, und mit den allmählich blechern gewordenen Sturnttiraden einer bewegten Zeit noch immer Wirkung zu erzielen glauben! Leute, an beiten bie großen Tage von Seban unb Versailles spurlos vorübergegangen fitib unb bie von ihrem Nachwuchs erlangen, baß er ihren zur blöden Grimasse gewordenen Tyraunenhaß als Ver- *) Verlag von I. G. Cotta in Stuttgart. 604 mächtnis weiterpflegen soll. Leute, die es in dieser Mixtur von Dummtvotz und Selbstgefälligkeit gar nicht gibt, wenigstens nicht gleich in Kollektionen. Dort Quixote ist eben immer ein Einsamer. Die Jugend tut den Alten natürlich den Gefallen nicht. Der an Zahnschmerzen leidende §unb eines durchreisenden Prinzen führt die Katastrophe herbei. Sokrates, der Zahnarzt ist, weigert sich, die Operation vorzunehmen; aber sein eigener Sohn und Kollege, der Mitleid mit der Kreatur hat, auch wenn sie auf den Pfiff eines fürstlichen Mundes hört, vollführt sie. Das tut ihm den ersten Schlag. Schlimmer jedoch noch packt ihn die satirische Rache des seit Jahrzehnten befehdeten Landrats, dem das Geheimarchiv der „Sturmgesellen" in die Hände fällt, und der statt aller Hochverratsprozesse die Same ignoriert, dem Alten aber in Anerkennung der Verdienste, die sein Sohn sich um den fürstlichen Köter erworben, einen Orden ins Knopfloch steckt. In Einzelheiten dieser Komödie steckt Amüsantes, aber mehr Triviales. Das Ganze erweckt zu wenig jene wohltuende Wärme, die uns mitempfinden und mitleben läßt. Es war eine kalte Komödie, trotz ihrer guten Darstellung. Die Kritik war nach dem grimmen Streit Sudermann kontra Jakobsohn, Kerr, Harden besonders interessant. Einen vollen Erfolg konnte man, obwohl das Publikum mit Beifall nicht kargte, nirgends konstatieren; aber ein vollständiges Negieren jedes Talentes, jeder Feinheit, jedes ernsthaft zu nehmenden Anlaufs mußte auch dem nachdenklichen Zuschauer, der für die Ideale von 48 immer noch ein paar heißere Pulsschläge spürt als das so gräßlisch hluge Jung-Deutschland, mehr als befremdlich erscheinen. Jüng-Jakobsohn hat es fertig gebracht, einen kleingehackten Salat aus Hermann Sudermann und seinem Sokrates zu machen. Das war gehässig. Kerr hat Heinrich Hart das Richteramt überlassen. Das war taktvoll. Harden steht noch aus. A. R. Literarisches. — MeyersGroßesKonversations-Lexikon. Ein Nachschlagewerk des allgemeinen Wissens. Sechste, gänzlich' neubearbeitete und vermehrte Auflage. Mehr als 148 000 Artikel und Verweisungen auf über 18 240 Seiten Text mit mehr als 11000 Abbildungen, Karten und Plänen im Text und auf über 1400 Jllustrattonstafeln (darunter etwa 190 Farbendrucktafeln und 300 selbständige Kartenbeilagen) sowie 130 Textbeilaaen. 20 Bände in Halbleder aebunden zu je 10 Mark. (Verlag des Bibliographischen Instituts in Leipzig und Wien.) — Beim Durchblättern des vierten Bandes von Meyers Großem Konversationslexikon, der die Wörter Chemnitzer bis Differenz umfaßt, fallen eine Anzahl Artikel auf, die uns Deutsche besonders interessieren, da sie alles behandeln, was sich auf Deutschland bezieht. Der Artikel „Deutschland" gibt mit seinen zahl- retojeit prächtigen Karten und Tafeln ein treffliches Bild von' den geographischen, politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen unseres Vaterlandes. In präziser, aber übersichtlicher Form wird das Gebiet nach allen Richtungen hin behandelt, wobei eine Reihe statistischer Tafeln nach den neuesten Erhebungen viel zum Verstäudnis beitragen. Die Geschichte unsers Volkes ist in großen Zügen, aber fesselnder Darstellung bis in unsre Tage bearbeitet, vier gute geschichtliche Karten geben ein übersichtliches Bild der jeweiligen Entwickelung. Die großen Perioden des Befreiungskrieges und des deutsch-französischen Krieges haben besonders ausführliche Artikel erhalten. Der Artikel „Deutsche Literatur" zeugt von selbständigem Studium, ist Namentlich, was die wissenschaftliche Literatur anlangt, außerordentlich brauchbar, tüchtig und lehrreich, während manche eigenartige und bedeutende Persönlichkeit der sog. schönen Literatur zu kurz kommt. Sehr interessant ist der neue Artikel „Deutsches Volk" mit einer Karte über die Verbreitung der Deutschen in Mitteleuropa. Wir erkennen aus diesem Aufsatz so recht, wie sich das deutsche Volk aus dem Gemisch der Stämme der Völkerwanderung herauskristallisiert hat, und wie es ihm dank seiner Zähigkeit und Rührigkeit gelungen ist, überall in der Welt seinen Platz an der Sonne einzunehmen. Für das Verständnis der Vorgänge unsrer ostasiatischen Politik ist der Artikel „China" mit den beiden Karten, namentlich der zweiten der Provinzen Tschi-li und Schantung, sowie die Karte vom Unterlauf des Peiho, dein Kriegsschauplatz der letzten Jahre, von Interesse. Aber auch in die Geschichte und in die Literatur dieses bis jetzt jo geheimnisvollen Landes werden wir eingeweiht. Die Errungenschaften der Technik im Dampfmaschinenwesen und im Dampfschiffbau finden in größeren Aussätzen treffliche Behandlung. Auch hier sind eine Reihe ganz neuer Täfeln dazugekommen, die auch den Laien mit der sonst schwer verständlichen Materie vertraut machen. —ä Die Erwähnung dieser aus dem Reichtum des Wissens, der in dem Band aufgestapelt ist, herausgezogenen Artikel wird genügen, um erkennen zu lassen, daß wir es in deut vierten Bande wieder mit einer hervorragenden Bereicherung des deutschen Bücherschatzes zu tun haben. — H a u s s ch a tz ä l t e r e r K u n st! Von dieser Publikation der Gesellschaft für vervielfältigende Kunst in Wien sind soeben die Lieferungen 18 und 19 ausgegeben worden. Sie umfassen wieder eine Anzahl von vorzüglichen Radierungen nach wenig bekannten Gemälden berühmter alter Meister. Rubens ist diesmal durch das Schlußbild des! berühmten Decius Mus-Cyllus der Liechteustein'schen Galerie, die „Leichenfeier des Decius Mus" darstellend, vertreten, Murillo durch eine prächtige „Madonna mit Missionären", Tiepolo durch eine schwungvolle „Verllär- ung Mariä", Terborch durch ein anmutiges Sittenbild, Hals durch ein kühn behandeltes männliches Bildnis., Auch die übrigen Blätter enthalten köstliche Werke, Gemälde von A. van Ostade, David Teniers d. I., Willem van der Velde, S. Köninck und Jakob Ochtervelt. Mit der nun noch folgenden 20. Lieferung, der ein erklärendes Verzeichnis der einzelnen Blätter beigelegt werden wird, gelangt diese auf das Interesse weitester Kreise berechnete Publikation zum Abschlüsse; der Preis ist bekanntlich ungewöhnlich niedrig: pro Heft mit 5 Blatt Radierungen Magisches Dreieck. (Nachdruck verboten.) A E H I N In die Felder des Dreiecks sind die Buchstaben derart einzutragen, daß die drei Außeirreihen und die drei ivagerechten Mittel- reihen Wörter von folgender Bedeutung ergeben: 1. Singvogel; 2. und 3, weibliche Vornamen; 4. Nahrungsmittel; 5. Nebenfluß der Donau; 6. Familienglied. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Preisrätsels in Nr, 143 der Fainilienblätterr B a l s a m M a n g a it B a l d u r Z i r k e l F t n g a l Dau m e u Die Gemimter sind: 1. Chr. Schmidt II., Gießen, Löberstraße 16; Preisi Grillparzers sämtliche Werke in 4 feinen Leinwandbänden. 2. Frl. Lang ermann, Gießen, Ostanlage 881; Preis: Alpenland- schaften, Ansichten aus der deutschen, österreichischen, schweizer und französischen Gebirgswelt (fein gebunden nut Goldschnitt, nahezu im Format des Gießener Anzeigers). 3. Phil. Schaum, Gastwirt, Großen-Linden; Preis: „Leben um Leben", Roman von Dietrich Thedeit, und „Praktische Anleitung zur Obstkultur" von Th. Jäger. 4. Postverwalter Schirm antt, Lieh; Preis: »Empfundenes" von Robert Palten, Lieder und Gedichte, und 2 Bande der „Kunst", herausgegeben von Richard Mrtther. Die Preise sind von den Gewinnern gegen Vorzeigung der Abonnementsquittung in der Geschäftsstelle des „Gießener Anzeigers" in Empfang zu nehmen. Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Verlog der Vrübl'schen Universitäts-Buch- und Cteindruckerei. R. Lange, Gießen.