Nr. 118 1903. Morttag den 10. August. @1 »KU rWMW V« eJBÄeJil, ZDM W (Nachdruck verboten.) Schloß Osterno. Roman von S. M e r r i m a n. (Fortsetzung.) Auf der Schwelle des großen Hauses hellten sich Ettas Augen aus; ehe sie die prächtige Vorhalle betrat, verschwand ihre Müdigkeit, und sie spielte ihre Rolle vor der versammelten Dienerschaft mit jenem Vergessen körperlicher Ermüdung, das von Fürstinnen und Königinnen erwartet wird. An Pauls Arm schwebte sie mit einer Haltung, einer Majestät, einer blenden Schönheit die breite Treppe hinauf, die ihren Eindruck auf die Zuschauer nicht verfehlte. Was Etta Alexis auch als Gattin mangelte, sie war eine tadellose Fürstin. Paul führte sie direkt durch den Salon in ihre Zimmer, die aus einen: Vvrsaal, einem kleinen Salon und den Privatgemachern bestanden. Im Salon blieb Paul stehen und sah sich um. „Dies sind Deine Zimmer", sagte er. Er verstand es nicht, zierliche Phrasen zu drechseln, erneu hübschen Flitterwochenwillkommen herzusagen. Vielleicht erwartete er, daß sie ihr Entzücken aussprechen, aus rhn zueilen und ihn küssen würde, wie andere Frauen es getan hätten. Sie sah sich, mit kritischen Blicken in den schönen Raumen um. „Ja, recht nett", sagte sie in kühlem Tone, schritt an das Fenster und zog den Vorhang beiseite. Das Zimmer war so warm, daß auf den Scheiben kein Eis lag. Ein leiser Schauer lief durch ihren Körper; Paul trat zu ihr und legte den Arm um ihre Taille. Vor ihnen, jetzt von glänzendem Mondlicht beschienen, lag das stand, das sein Erbe war. Dicht unter ihnen, am Fuße des großen Felsens, auf dem das Schloß stand, war das schmutzige, unregelmäßige Osterno gebettet. „Tas ist ja Sibirien!" murmelte sie dumpf. „Grauenhaft!" r Ter wunderbare Landstrich, auf den sie hinabsahen, yatte sich ihm niemals in diesem Lichte gezeigt. „Ve: Tage nimmt es sicy nicht so schlimm aus", sagte er, werter nichts; denn er besaß keine Ueberredungskunst. c SJ?^0' Dorf", fuhr er nach einer kleinen Pause fort. „Tas srnd die Menschen, die von uns Hilfe m chrem Kampfe mit dem Leben erwarten. Ich hoffte, daß sie D-rch interessieren ivürden." v- e^nenr neugierigen Blick auf die kleinen, im vergrabenen, hölzernen Hütten, die rauchenden Schornsteine, dre funkelnden kleinen Fenster. erwartest Du von mir?" fragte sie mit einer- seltsamen Stimme. Er betrachtete sie etwas erstaunt; vielleicht dachte er, daß eine Frau solch eine Frage gar nicht stellen dürfte. „Es ist eine lange Geschichte, ich werde sie Dir ein anderesmal erzählen", sagte er. „Jetzt, nach der langen Reise bist Du müde." ‘ ' j Sein Arm sank von ihrer Taille herab; sie standen dicht nebeneinander, aber beide fühlten, daß etwas zwischen ihnen lag. Sie waren nicht mehr dieselben, die sie in London gewesen waren; die Luft Rußlands schien eine eigentümliche Wirkung auf sie auszuüben. Etta ließ sich langsam auf einen niedrigen Stuhl vor dem Kamm nieder. Sie hatte nachlässig ihren Pelz abgeworfen, der nun in einem Haufen auf dem Fußboden lag. Die Kammerjungfern, die hörten, daß Fürst und Fürstin beisammen waren, warteten schweigend im Nebenzimmer hinter der geschlossenen Tür. „Ich will die Geschichte lieber jetzt hören", sagte Etta. „Nein, Du bist jetzt müde und sollst bis zum Diner ruhen." „Nein, nein, ich bin nicht müde." Er trat näher, stützte den Ellbogen auf den Kamin«, snns und schaute auf sie nieder. „Diese Menschen würden vor Hunger, Kälte und Glend sterben, wenn wir ihnen nicht hülfen", Hub er langsam an. „In den wenigen Monaten, in denen sie das Land bebauen können, ist es unmöglich, ihm mehr abzugewinnen, als die Stenern betragen. Kein Mensch kümmert sich um die Bauern, und wenn jemand versucht, ihre Lage zu verbessern, — sie waren als Leibeigene tausendmal glücklicher, — so nehmen ihn die Bureankraten in Petersburg aufs Körn und zwingen ihn, das Land zu verlassen." Etta starrte ins Feuer. Niemand hätte sagen können, ob sie das, was sie hörte, verstand oder nicht. „Es bleibt daher nichts übrig, als heimlich Gutes! zu tun", fuhr Paul fort. „Ich, habe aus diesem Grunde Medizin studiert, und seit Jahren tun Steinmetz und ick» was wir können. Wir haben die Cholera beinahe ausgerottet, meine Bauern sterben jetzt nicht mehr Hungers und fangen an, zu lernen, — sehr langsam, aber sie fangen doch an. Wir — ich dachte, daß Du Dich für unsere Sache interessieren, daß Du auch Lust haben würdest, den Armen zu helfen." Sie nickte kurz, und in ihrem ganzen Wesen, in ihrer ganzen Haltung lag eine heimliche Angst, als ob sie etwas zu hören erwartete, dem sich nicht ausweichen ließ. „Vor ein paar Jahren wurde ein riesiger Plan entworfen", fuhr er fort. „Ich habe Dir ja schon davon erzählt, — die- Armenliga." Ihre Lippen bewegten sich> aber kein Ton kam hervor, und so nickte sie zum zweitenmale. Eine winzige Sövresuhr auf dem Kamin schlug sieben, und sie fuhr zusammen, als hätte der Ton sie erschreckt. Jin Schlosse war es ganz ruhig, tiefes Schweigen schien über den alten Manern zu brüten. „Der Plan scheiterte, wie ich Dir sagte", fuhr Paul 470 sagte, könne wenn sein", Paul. Etta erklärte ihre Bereitwilligkeit, aber Nelly daß sie notwendige Briefe zu schreiben hätte; Etta ihr das Schloß ein anderesmal zeigen, vielleicht, die Herren auf der Jagd wären. „O nein, ich würde eine sehr schlechte Führerin . sagte Etta. „Du weißt, es sind nicht meine eigenen Ahnen, ich wurde die Geschichten immer den Unrichtigen zuschreiben, und den Geist im falschen Zimmer unterbringen. Du tätest besser. Dich von Paul führen zu lassen." „Danke, nein", antwortete Nelly sehr fest. „Ich habe Lust zu schreiben, und da dies selten vorkommt, muß ich die Stimmung benützen." In den ehrlichen, blauen Augen, die das junge Mädchen auf die Cousine richtete, lag etwas wie Verwunderung. , „ , Etta überraschte sie stets; m Nelly existierte nämlich eine ganze Skala von Gefühlen, eine Oktave von jugendlichen, halb entwickelten, mädchenhaften Instinkten, die Etta ganz zu mangeln schienen, die sie anscheinend me besessen hatte. Nelly hatte sich zuerst entschieden geweigert, nach Rußland mitzukommen, und erst als Paul in sie drang, willigte sie mit einer Art von Erstaunen ein Sie konnte den Wunsch Ettas nicht recht verstehen. Derselbe Instinkt bewog sie zu der Weigerung, Etta bei der Besichtigung ihres neuen Heims zu begleiten. Etta drang abermals in sie, aber diesmal rührte Paul sich nicht; er fügte Ettas Bitten kein Wort hinzu, sondern betrachtete seine Frau mit ernsten Blicken. Als die Tür sich hinter ihnen geschlossen hatte, blieb Nelly ein paar Minuten ani Fenster stehen und sah aus die schneebedeckte Ebene und die starren Felsen unter ihr $ Dann wandte sie sich dem Schreibtische §u und ergriff entschlossen Feder und Papier. Wer das geringste schien sie abzulenken, - die goldene Krone auf dem Briefpapier kostete sie fünf Minuten zerstreuten Nachdenkens. Endlich griff sie wieder zur Feder und schrieb. Liebe Mutter!" Im Zimmer wurde es dunkler, Nelly blickte auf; es hatte wieder zu schneien begonnen, und die Schneeflocken trieben still und einförmig am Fenster vorbei. Das Mädchen zog die Schreibmappe näher heran, untersuchte kritisch die Feder, tauchte sie in die Tinte, fügte aber den bereits geschriebenen zwei Worten nichts mehr hinzu. Schloß Osterno besitzt die Eigenheit, daß ein und dasselbe Dach die altertümlichen und die modernen Gebäude bedeckt. Die ungeheuren Empfangsräume, die den Namen Thronsäle verdienen, schließen sich an die klemen, ster- nernen Zimmer der Festung, die Pauls Ahnen gegen die Tartaren verteidigten. ~ n,,R Paul verschob die Besichtigung dieses Teiles aus besonderen Gründen bis zuletzt, und Ettas Gntziicken u die Großartigkeit der moderneil Gemacher belohnte ihn vollauf. Hier trat wieder jeue Seite ihre» Chm:akters zu tage, die sie bereits früher gezeigt hatte; sie war von der Pracht des Ganzen geblendet, gehoben, und die un „Viermal so viel, als wir sehen können, ist sein", sagte er. Etta warf einen langen, verständnisvollen Blick hinaus, als tue sie einen langen süßen Trunk. In ihrem Besitzergefühl lag nicht die Ruhe des Ererbten. „Und wo ist Thors?" Paul streckte den Arm aus und beutete mit seinem festen Finger in die Ferne. „Da drüben". Das war wieder einer jener kleinen Vorfälle, die nur halb vergessen werden. Mehrere der im Zimmer versammelten Personen erinnerten sich noch lange hinterher dieses in die Ferne weisenden Fingers. „Man kommt sich ganz klein vor, und das ist niemals ein angenehmes Gefühl", sagte Etta, sich dem Frühstückstisch zuwendend. „Wißt ihr, ich glaube, daß ich Osterno sehr lieb gewinnen werde; nur wollte ich, cs läge ein bischen näher an der Zivilisation." Paul sah erfreut aus, auf Steinmetz' Gesicht erschien ein wunderlicher Ausdruck, Nelly meinte, daß die Umgeb- ung wenig Einfluß auf das Glück habe, und der Gegenstand wurde fallen gelassen. Nach dem Frühstück zog sich Steinmetz zurück. , „Soll ich Dir und Nelly jetzt das Haus zeigen?" fragte fort „Wir wurden verraten. Stephan Lanowitsch kam nach Sibirien. Er ist jedoch entflohen, Steinmetz hat ihn gesprochen. Es gelang ihm, einige Papiere zu vernrchten, ehe sein Haus nach dem Diebstahl durchsucht wurde; insbesondere ein Dokument, — hätte er das nicht vernichtet, so wäre auch ich verbannt worden, denn ich war einer der Hauptanführer; ja, ich kann sagen, Steinmetz und ich haben das Ganze auf die Füße gestellt. Wären wrr nicht verraten worden, so würden Millionen von Bauern glücklich geworden sein. Nun, mit der Zeit werden wir schon herausbekommen, wer es getan hat." Er hielt inne und sprach nicht aus, was er tun würde, wenn dies geschähe. Etta starrte ins Feuer; ihre Lippen waren trocken, sie schien kann: zu atmen. „Es ist möglich, daß Stephan Lanowitsch es schon weiß", fuhr die starke, ruhige, unerbittliche Stimme fort. Etta rührte sich nicht, sie starrte ins Feuer, starrte und starrte. Mit einemmale verlor sie das Bewußtsein und sank von dem niedrigen Sesselchen langsam zu Boden. Paul hob sie auf tote ein Kind und trug sie auf seinen starken Armen ms Schlafzimmer, wo die Kammer- jungfern sie erwarteten, um sie zum Diuer anzukleiden. „Die Fürstin ist von der Ermüdung der Reise ohnmächtig geworden", sagte er. Dann legte er sie auf das prächtige Bett und ließ ihr seine ärztliche Hilfe angedeihen. 23. Kapitel. Osterno. „Immer lustig, immer lustig!" lachte Steinmetz, indem er Nelly ansah, die sich am Frühstückstisch zu tun machte, und rieb sich die breiten Hände. „Ja, immer lustig", antwortete das Mädchen mit einem Blick auf Paul, der am Fenster lehnte und Briefe las. „Warum nicht?" Karl Steinmetz sah den Blick. Es war einer jener täglichen kleinen Vorgänge, die man sieht nnd halb vergißt; er vergaß ihn nicht ganz. „Ja, wahrhaftig- warum nicht?" wiederholte er. „Es wird sich auch freuen, zn hören, daß Jvanowitsch heute nichts dagegen hat, den gestrigen Vorfall als Scherz aufzufassen; das ®r frieren hat ihm nicht sonderlich geschadet. Mein liebes Fräulein, Sie haben der Liste, der zweifellos langen Liste Ihrer Freunde, einen neuen hinzugefügt." „Er ist ein braver Mann!" „Ich hoffe, daß die Fran Fürstin sich nicht zu sehr ermüdet hat", fuhr Steinmetz mit jener förmlichen Höflichkeit fort, die er immer anwandte, wenn er Ettas Namen aussprach. „Danke, durchaus nicht", antwortete Etta selbst, die in diesem Augenblick ins Zimmer trat. Sie sah frisch und selbstbewußt aus. „Im Gegenteil, ich bin voll Energie und brenne darauf, das Schloß zu besehen. Es ist doch ganz selbstverständlich, daß man sich für das Schloß seiner Ahnen interessiert." ~ „ Mit diesen Worten schritt sie langsam zum Fenster und schaute hinaus. Die anderen beobachteten sie. Als Nelly etn paar Minuten früher zum erstenmal dieselbe Aussicht betrachtete, stieß sie einen leichten Schrei der Ueberraschung aus und verstummte. Etta sah zum Fenster hinaus und sprach kein Wort. Es war eilt sehr seltsamer, wunderlicher, eigenartiger Anblick. Das Schloß stand auf der Spitze einer senkrechten Klippe und war auf dieser Seite uneinnehmbar. Ein aus dem Speisezimmerfenster geworfener Gegenstand mußte zweihundert Fuß tief, direkt in den schäumenden Oster fallen. Der Felsen war und glänzte, tote die oberste Spitze eines Berges in den Alpen, wo Schnee und Eis das kable Gestein geglättet haben. Jenseits des Flusses lag die grenzenlose Steppe, ein jungfräuliche Schneefläche. Etta sah zu dem weiten Horizont hinüber, wo der weiße Schnee und der graue Himmel weich ineinander ver- schwammen. Ihre erste Bemerkung war für sie sehr charakteristisch. . „Also, so weit man sehen kann, ist alles Dem? „Ja", antwortete Paul einfach. Die Bemerkung weckte Steinmetz' Aufmerksamkeit; er trat an ein anderes Fenster und sah mit kritischen Wicken in die Feme hinaus. 471 mittelbare Wirkung davon war ein G-efühl der Zärtlichkeit für den Mann, dem all dies gehörte, der ihr all dies, wenn auch nicht mit Worten, so doch tatsächlich 511 Füßen legte. Als sie jedoch aus den herrlichen Gemächern in die dunklen Korridore des alten Schlosses traten, nahm Ettas muntere Laune und ihr Interesse sichtlich ab. Er erzählte ihr von den Tragödien, die sich hier in vergangenen Zeiten abgespielt hatten; aber sie hörte nur mit halbem Ohre zu, denn ihr Geist war bei der Pracht, die sie eben verlassen hatte, und die Totalsumme ihrer Empfindung war befriedigte Ntelkeit. „Es ist Dein Glück, daß Dein Großvater französische Architekten kommen ließ, und den modernen Flügel baute", sagte sie. „Diese Zimmer sind ja gewiß sehr interessant, aber düster, entsetzlich düster, geradezu gespenstisch." „Mir sind sie trotzdem lieb", antwortete Paul. „Steinmetz und ich wohnten fast immer in diesem Teile des Hauses. Das hier ist das Rauchzimmer. Diesen Bären und alle diese Hirsche haben wir geschossen. Das ist der Kopf eines Wolfes; er zerriß mir einen Jäger, ehe ich mit ihm fertig wurde." (Fortsetzung folgt.) Das Baby als Schachmedium. Im Juliheft der „Psychischen Studien; Monatliche Zeitschrift, vorzüglich der Untersuchung der wenig gekannten Phänomene des Seelenlebens gewidmet", wird ein Erlebnis des Schachmeisters Dr. S. Tarrasch mitgeteilt, das dieser in der „Deutschen Schjachzeitung" in launiger Weise folgendermaßen erzählt: Unter der Ueberschrift: „Ein fünfjähriger Champion im Schachspiel" bringt die in Brüssel erscheinende, äußerst anregende „Revue d'schecs" folgende hochinteressante Nachricht: Wir lesen in dem Rotterdamschen Courier": „Das Schachspiel hat jetzt auch- sein Wunderkind. Dolo Falk, ein Junge von fünf Jahren, Sohn eines Apothekers in Stanislas, schlägt die besten Amateurs der Stadt und der Umgegend. Der Vater ist selbst ein starker Amateur, und der kleine Dolo hatte seit langem die Gewohnheit, sich seinem Vater, auf den Schoß zu setzen, wenn dieser Schach spielte. Mit vier Jahren kannte er bereits die Spielregeln." — Diese frühreife Fertigkeit in einem so schweren Spiest ist in der Tat höchst merkwürdig, und die Schachwelt darf auf die weitere Entwicklung des Wunderkindes mit Recht gespannt sein. Indessen wird die Leistung des hoffnungsvollen Apothekersprößlings noch weit in den Schatten gestellt durch die eines anderen Kindes, das vor kurzem mir, dem erfahrenen Meister, in einer so schwierigen Stellung einer Tournierpartie den entscheidenden Zug, ja den eint-' scheidenden Plan angegeben hat! Der Hergang der Sache ist folgender: Während des letzten Tourniers zu Monte Carlo wohnte ich in Combamine, der Hafenstadt, die sich zwischen Monte-Carlo und dem Felsen von Monaco direkt am Meere in anmutigen Terrassen erhebt. Dort bewohnte ich eilt hübsches Zimmer bei einer jungen Witwe, deren Mann vor drei Jahren das Zeitliche gesegnet hatte und die sich nun schlecht und recht von der Fremdenindustrie nährt. Jeden Mittag und Abend, wenn ich vom Tournierlokal nach Hause kam, begab ich mich in den Salon der Mrtin, um dort meine tagsüber gespielte Partie noch einmal durchzuspielen oder abgebrochene Partien zu analysieren. Ich betone übrigens ausdrücklich daß mich keinerlei anderweitige Motive in das Zimmer der Wirtin führten, wie vielleicht der geehrte Leser annehmen möchte, der meine tadellose Korrektheit ja nur auf dem Schachbrett kennt. Es war wirklich nur die Scheu vor der Einsamkeit, und dann ziehe ich es auch vor, das Zimmer anderer Leute vollzu- rauchen als mein eigenes. Während ich meine Schachstudien trieb, saß die Wirtin immer ruhig da/auf dem Schoße ihr Kind, einen Säugling von knapp einem Jahre haltend. Beide sahen mir oft Stunden laug zu, und besonders das Kind, dessen Betragen übrigens stets von sorgfältiger Erziehung zeugte, musterte immer das Brett und die Schachfiguren mit einem geradezu intelligenten Gesichtsausdruck, als ob es das Spiel verstünde. Eines Tages kam ich mittags in ziemlich ärgerlicher Stimmung nach Hause. Meine Partie mit dem genialen Amerikaner Marshall war abgebrochen worden in einer Stellung, die für mich keineswegs sehr aussichtsvoll war. Zwar hatte ich einen Bauer mehr, aber die allgemeine Ansicht war, daß mein Gegner die Partie würde „remis" halten können. Ein „Remis" aber würde meine sehr guten Aussichten für den ersten Preis empfindlich gestört haben, da der anscheinend unbesiegbare Ungar Maroczh mir dicht auf den Fersen war. Mißmutig stellte ich mir die abgebrochene Partie auf, während meine Mrtin und ihr Sprössling mir wie gewöhnlich zusahen. Mein letzter Zug war Tc 7—c 5 gewesen, behufs Deckung meiner Achillesverse, des H-Bauern, gegen TÄ4— h 4. Wenn ich aber den H-Bauern decken mußte, wie sollte ich dann die Partie gewinnen? Ein Versuch, den König nach f 8 u nd >g 7 zur Deckung des Bauern zu bringen, wäre mit Td4—d 7 beantwortet worden! Wohl eine Stunde starrte ich aufs Brett, ohne eine Möglichkeit zu sehen, dein Spiele eine für mich entscheidende Wendung zu geben. Resigniert wollte ich schon die Figuren zusammeuwerfen, als plötzlich das Kind, das schon seit einiger Zeit etwas unruhig geworden war, mit den Händchen nach der Seite des Brettes langte, wo der weiße Damenflügel stand, und, indem es mich mit seinen intelligenten Augen ansah, mit einer Art Kommandostimme mehrmals hintereinander „a" rief. Bestürzt erhob sich die sorgliche Mutter und trug ihr Kind hinaus; sie hat es offenbar mißverstanden. Ich aber verstand wohl, was das kluge Kind mir hatte sagen wollen. Wie Schuppen fiel es mir von den Augen: jawohl, auf die a-Linie mußte ich den Turm ziehen und den feindlichen a-Bauern angegriffen halten; so blieb sein Turm gefesselt, und mein König und meine Bauern konnten frei agieren. Sofort war mir alles klar, und ich erhob mich mit einem Gefühl, das der verstorbene Pythagoras gehabt haben mag, als er seinen berühmten Lehrsatz gefunden hatte. Nur war bei mir dies Gefühl mit dem der Beschämung gepaart, daß es ein Kind war, das mich auf die richtige Idee gebracht hatte. Siegesgewiß stürmte ich ins Tournierlokal, und nach wenigen Zügen wurde es allen klarer und immer klarer, -daß die Partie für mich gewonnen war. Damals wunderte man sich allgemein, daß ich das anscheinend schwierige Endspiel so schnell zum Gewinn geführt hatte, und ich durfte die Herren über die Quelle meiner Inspiration nicht wohl aufklären; denn es war zwar vernünftigerweise den Spielern gestattet, abgebrochene Partien zu analysieren, aber aus- drücklüch verboten, Ratschläge anderer anzunehmen. Jetzt aber, wo ich meinen Preis längst in Sicherheit gebracht habe, darf ich mir wohl erlauben, der Schachwelt mein verblüffendes Ergebnis wahrheitsgetreu mitzuteilen." Ergötzlicherweise nimmt der Redakteur der „Psych. Studien" diesen hübschen Scherz Dr. Tarraschs für bare Münze und begleitet ihn mit folgender ernsthaften Glosse: „Wie ist diese Notiz der Schachzeitung „natürlich" zu erklären, ivenu man nicht einen durch das Kind vermittelten „Geistereinfluß" annehmen will? Der Gedanke, daß solche Wunderkinder medial veranlagt sind, liegt jedenfalls für den Okkultisten sehr nahe, während freilich ein Professor Dessoir, vermöge des den „Philosophienprofessoren der Professorenphilofophie" eigenen, schon von Schopenhauer zur Genüge gegeißeltcht Unfehlbarkeitsdünkels, mit der stets wohlfeilen Annahme eines bloßen „Zufalls, die Sache wohl für erledigt erklären würde." Uns scheint, die Redaktion der „Psych Studien" hätte nicht unterlassen sollen, ihre Prüfung des Terrasch schen Berichts vom Standpunkte des Okkultismus auch auf das „Phänomen" einer seit drei Jahren verwitweten und doch mit einem einjährigen Kinde gesegneten Frau aus- zudehuen. GemeeNttirtziges. E i n M i t t e l g e g e n F u ß s ch w e i ß. Kein Körperteil (der Magen ausgenommen) ivird naturwidriger behandelt (ost genug sogar mißhandelt!) als die Füße. Wenn unter der Einwirkung der betreffenden Einflüsse die Oberfläche des Körpers (Haut) Schweiß absondert, so findet man dies in der Ordnung, findet es naturgemäß, unter Umständen auch heilsam, insofern die Funktion der Schweißabsonderung geeignet erscheint, das allgemeine Wohlbefinden aufrecht zu erhalten. Wenn dagegen die Haut der Füße ihre Schiul- digkeit tut, so gilt dies schon als eine Abnormität oder gar als eine krankhafte Affektiou. Nun ist es richtig, daß wie bei geivissen Menschen die Schweißabsonderung in erhöhtem Maße oder doch leichter als bei anderen stattsindet, auch gewisse Körperstellen bei dem einen leichter transpi- 472 vieren als bei dem andern, und daß man durch ein naturwidriges Verhalten die Haut zu einer übermäßigeil Betätig- nng ^dieser Art zwingen, oder, mit anderen Worten, eine Art Schweißsucht erzeugen kann. Wer ist denn nun eigentlich der schuldige Teil, wir oder der von uns mißhandelte Organismus? Wir meinen wir, die wir durch unser naturwidriges Verhalten den Organismus zu einer vermehrten uird dadurch abnormen Betätigung zwingen. Wenn die Millionen von kalten Fußbädern, die jetzt nicht genommen werden, genommen würden oder doch zum mindesten kalte (äbhärtende) nasse Abreibungen der Füße, wenn zur Sommerzeit leichte Fußbekleidungen (von Stoff, Leinwand re.) in dem Maße eingang gefunden haben werden, es jetzt leider der Fall nicht ist, wo man die Füße in dichtes, dickes, dunkles und deshalb besonders heißes Zederzeug einsperrt, den Blutabfluß von den Füßen durch, straff auf der: Adern anliegende Gummizüge behindert, die Füße in jeder Beziehung einerseits en eanaille traktiert, andererseits aber verweichlicht, dann stünde es freilich besser um uns. Aber gegenwärtig? Welches Heer von Erkältungen aller Art infolge von „naß ober kalt gewordenen Füßen", nachdem dieselben vorerst zu übermäßiger Schweißabsonderung gezwungell worden waren. Die naturgemäße Lebensweise verlangt kurz dauernde (wenige Minuten) kalte Fuß- büder oder zum mindesten kalte (nasse) Reibungen, in beiden Fällen mit nachträglichem Frottieren und als bestes „Medikament" zeitweiliges Barfußgehen (behufs Abhärtung der Füße) und Taubäder (Barfußgehen auf einer taufrischen Wiese); letztere Prozedur ist zugleich ein Kurverfahren Seit naturgemäßen Heilweise bei gewissen Störungen periodischer Erscheinungen tut weiblichen System und bei chronischem