Frettsg den 10. IM. Nr. 101. 1903. 0 N E ■ III ■NaÜJ-&igc5sSil i (Nachdruck verboten.) Die Namensschwestern. Frei nach dem Englischen von Clara Rheinau. (Fortsetzung.) 12. Kapitel. Klar und sonnig tagte der zweite September über Westfields. Ellinor befand sich, in unbeschreiblicher, halb freudiger, halb angstvoller Erregung, denn in wenrgen Stunden durfte sie ihren Vater und Verlobten erwarten. Was würde Alex sagen zu allem, was sie ihm mitzuteilen hatte? Wie würde ihr ernster Vater ihr eigen-- mächtiges Vorgehen aufnehmen? Würde sie, allen bösen Zungen und lächerlichen Vorurteilen zum Trotz, hier bleiben und an Alex' Seite sich ihres schönen Besitztumes erfreuen, oder feige und mutlos nach, dem freiern Lande ihrer Kindheit flüchten? Dies waren Fragen, die sie den langen Vormittag über eifrig beschäftigten. Und- wie ein Sehnen kam es über sie, nach ihrer ersten Heimat, nach ihrer Mutter, deren ängstliche Besorgnis, ihre Töchter zu Damen ?u erziehen, sie manchpral halb lächerlich gefunden, die ie aber jetzt ganz verstehen konnte. Sie fragte sich gerade, wann und wo ihr Wiedersehen mit der Mutter wohl stattfinden werde, als Herr Pott nach seinem täglichen Besuche bet Fräulein Bassett bei ihr vorsprach. „Unsere Kranke drängt ganz verzweifelt daraus, von hier wegzukommen", sagte er. „Ich glaube, Fräulein Graham, entschuldigen Sie meine Freiheit, es kommt daher, weil sie nie nach ihr sehen. Jetzt, da Herr Graham und — ein Freund, nicht wahr? — bald hier eintrefsen werden, fürchtet Sie, Ihnen im Wege zu fern." Nicht für ihr Leben hätte Ellinor einen leichten Sarkasmus in ihrer Antivort unterdrücken können. „Wenn Fräulein Bassett sich, nicht außerordentlich! verändert hat, Herr Pott, so ist es sehr unwahrscheinlich, daß sie auf meine Gefühle oder mein Behagen irgend welche Rücksicht nähme. Wenn Papa hier ist, werde ich- sie vielleicht einmal besuchen, aber vorher nicht. Bitte, geben Sie ihr zu verstehen, daß Zimmer und Bedienung ganz zu ihrer Verfügung sind, bis sie zum Reisen kräftig genug ist." „Ich. versichere Sie, Fräulein Graham, sie bleibt nur allein deswegen hier, weil ich, ihr noch nicht erlaubt habe, wegzugehen. Aus freiem Willen würde sie ihre schweren Verpflichtungen gegen Sie nicht noch vermehren." „Dann sorgen Sie, daß sie dieselben nicht als Verpflichtungen empfinde", antwortete Ellinor rasch. „Ich, würde für jeden Dienstboten des Hauses ganz das Gleiche tun. Aber je eher sie imstande ist, Westfields den Rücken zu kehren, desto angenehmer wird es für nn» beide sein, Herr Pott." Schon die bloße Erwähnung des Fräuleins Bassett Krachte Ellinors Blut in Wallung, Heule aber hatten sie des Doktors Worte noch besonders unangenehm berührst, und vor ihren inneren Augen stieg lebhaft jene häßlrchS halbe Stunde auf, -als die Gesellschafterin ihren längst berechneten Streich ausführte und die ganze Bosheit ihres Charakters unverhüllt zeigte. „Ein einfaches Landmädchen mag meine Mutter gewesen sein", sagte Ellinor für sich, vor einem großen Spiegel sich zur vollen Höhe aufrichtend. „Aber Gott sei Dank, auch ein ehrliches! Ich denke, Alex wird sich ihretwegen nicht von mir abwenden; ich will ihm vertrauen. Aber —" der Gedanke fuhr ihr durch den Sinn, beim Anblick ihres Spiegelbildes, — „so soll er mich nicht hier finden. Was ich auch sonst sein möge, ich bin eine -Erbin und sollte auch, wie eine solche aussehen." Damit lief sie die Treppe hinauf, um ihr einfaches Morgen kleid mit einer ihrer Stellung zukommenden Toilette zu vertauschen. Die Dienste einer Jungfer hatte sie von Anfang an verschmäht, und so wählte sie denn jetzt allein die eleganteste! ihrer Roben aus schimmernder Seide, reich mit kostbaren Spitzen garniert. Aber selbst dies genügte ihren Ansprüchen noch nicht. Sie probierte ein Schmuckstück nach dem andern und legte es bei Sette, bis plötzlich! ein glücklicher Gedanke sie erfreut in die Hände klatschen ließ. „Meine Diamanten!" rief sie mrs. „Jetzt ist die richtige! Zeit dafür. Für wen soll ich sie zum erstenmale anlegen, wenn nicht für Alex? Und Papa erlaubte mir ausdrücklich, sein altes Pult zu öffnen. Daß ich dies nur bis jeW ganz vergessen konnte!" Ohi« eine Minute zu verlieren, suchte sie das kleinsi Kabinett aus, das an Frau Grahams Sterbezimmer anstieß. Hier stand das -alte Pult, mit seinen vielen Schlössern und Messingbeschlägen. Von dem oberen Fache hing der kleine Schlüssel herab, den Arthur Grahams Mutter bis! zu ihrem Tode an dem Bande um den Hals getragen hattet Dieser Umstand brachte -Ellinor auf die Vermutung, daß die geheimen Fächer des alten Möbels irgend welche Privat- sachen ihres Vaters enthalten müßten. Aber er hatte ihr geschrieben, daß er nicht das Geringste zurückgelassen hab^ was von Wert für ihn sei. Von ihrem Rechte Gebrauch machend, erbrach Ellinor nun die großen Siegel, die der vorsichtige Testamentsvollstrecker angelegt hatte, öffnete das Pult und sand nach, kurzem Suchen das Led-eretui mit den Jutvelen, deren wunderbare Schönheit sie in wahres Entzücken versetzte. Mit diesen neuen Zeichen ihres Reichtums geschmückt, wollte sie eben wegeilen, ohne die vielen anderen Schubladen auch, nur geöffnet zu haben, als ihr der Gedanke kam, es könnten vielleicht noch andere Schätze; hier verborgen sein. Aber die schwach duftenden, mir Cedernholz eingelegten Behältnisse waren alle leer. Nur das mittlere, ein ent kleinen Schränkchen ähnliche Gefach, blieb noch $n durchsuchen. Mit einiger Schwierigkeit öffnete Ellinor die zierlichen Schiebe» tiiren, und vor ihren Augen lag .ein kleines Pakeichen, das die Aufschrift trug: „Von meiner Tochter". — 402 — „Etwas von Papas einziger Schwester", sagte Ellinor weich. „Ich weiß, daß sie frühe gestorben ist." Sie öffnete den Umschlag und fand darin eine Blume, ein zerbrochenes Medaillon mit dem verblichenen Bildnisse eines zarten jugendlichen Gesichtchens und einen Brief, den sie sofort zu lesen begann. Aber wie eine schwere Wolke oft plötzlich die Sonne verdunkelt, so legte sich der Schatten eines großen Schreckens über Ellinors lächelnde Miene. Wieder und ivieder las Ellinor die mit unsicherer Hand geschriebenen Zeilen, und ihre Äugen öffneten sich weit vor Angst und Staunen. Ern scharfer Ausruf der Enttäuschung entfuhr ihren bebenden Lippen — dann barg sie das verhängnisvolle Schreiben in ihrer Tasche, flog nach ihren! Zimmer, ergriff den -ersten Hut, der ihr in die Hand fiel, ein breitrandiger mit zartfarbigen Straußenfedern geschmückten Strohhut, rief einem vorbeigehenden Diener zu, er möge ihrem Vater bei seinem Eintreffen sagen, daß sie sehr bald wieder zurückkäme — und eilte an das Wasser hinunter, um in ein Boot zu springen. In aller Hast ruderte sie nach der Villa hinüber, schritt über den Rasenplatz — in ihrer schimmernden Seide, mit den blitzenden Diamanten und wallenden Federn; wie eine Feenkönigin anzusehen — und machte erst an dem langen Fenster des Frühstückszimmers Halt, wo sie Herrn Doktor Wilson im Gespräch mit einer unsichtbaren Person drinnen bemerken konnte. Eine Mietskutsche mit zwei Postpferden stand vor der Stalltür; der kleine Pvnywagen des Rektors hielt an dem vorderen Eingang. Ttotzdem machte Ellinor sich keine Sorgen darüber, ob sie vielleicht eine wichtige Unterredung störe, sondern klopfte leicht an die Scheibe und winkte dem Doktor, unverzüglich herauszukommen. Was sie zu sagen, hatte, erlitt keinen Aufschub. Doktor Wilson zögerte einen Augenblick, vielleicht um sich bei seinen Besuchern zu entschuldigen, dann öffnete er die Glastür und trat heraus. Er sah ungewöhnlich erregt aus , aber Ellinor bemerkte nichts davon; sie konnte an nichts anderes denken, als an die Sache, dre sie hergeführt hatte. „O Doktor Wilson, lesen Sie dieses schreckliche Ding! Vielleicht —" mit einem Beben der Stimme, das sie vergeblich zu unterdrücken suchte, „vielleicht bin ich gar nicht die richtige Ellinor!" Der Brief, dem sie ihm entgegenhielt, trug auf der Außenseite von Frau Grahams Hand die Worte: „Von Beatrice". „Antwerpen, März 185 . Ich schreibe Dir, teuerste Mutter, solange ich noch dazu imstande bin, denn immer mehr schwindet mir die Hoffnung, Dich wiederzusehen. Sechs lange Monate wagte ich keinen Brief an Dich zu richten, weil Du mir den letzten ungeöffnet zurücksandtest, aber ich hoffe, daß Dein Groll gegen mich sich jetzt gemindert hat. Ich weiß, daß ich Dich durch meine Heirat ftirchtbar beleidigte, und ich flehe Dich an, vergib mir jene unüberlegte Handlung, die ich aber nur bereue, weil sie mrcb Dir entfremdet hat, glaube mir, liebe Mutter, nur allein deswegen. Wenn ich ein langes Leben vor mir hätte, so könnte ich mir keinen bessern Gatten wünschen, als Paul es ist. Aber meine Tage sind zezählt, ich fühle deutlich, daß ich ihn bald verlassen werde, hn und meine kleine Tochter. Wenn ich mein Kind einmal n Deinen Armen sehen könnte, o welche Sorge wäre mir ramrt vom Herzen genommen! Wir haben unseren Lieb- ing nach Dir Ellinor genannt, und ich bitte Dich innig, wende dem armen, unschuldigen Geschöpfchen einen Teil Deiner Liebe zu, wenn ich nicht mehr bin. Geliebte Mutter, lebe wohl! Deine Beatrice." „Wann und wo sanden Sre dies?" fragte Dr. Wilson und Ellinor erzählte es ihni. „Dann erfuhren wir beide ja fast gleichzeitig die erstaunliche Neuigkeit", sagte er, „eine merkwürdigere Verwicklung ist mir noch nie vorgekommen!" „Verwicklung?" wiederholte Ellinor traurig. „Ei, das ist doch alles nur zu einfach. Es war nicht ihres Sohnes Kind, dem Großmama Graham ihre Reichtümer zudachte, sondern das ihrer Tochter! Und —" „Und — das Merkwürdigste dabei ist", unterbrach sie der Doktor, ,chie betreffende junge Dame befindet sich rm Augenblick in meinem Hause. Das Beste, was Sie tun können, Fräulein Graham, ist, hineinzugehen und mit ihr zu sprechen." Feiges Zögern lag nicht in Ellinors unerschrockener Natur. Sie schöpfte tief Atem, als ob sie im Begriff sei, sich in ein kaltes Bad zu stürzen, und betrat dann, ohne eine weitere Silbe, hoch ausgerichtet das Zimmer. Bei ihrem Eintritt erhoben sich zwei Herren und ein junges Mädchen, dessen außerordentlich bleiche, liebliche Züge ihr sogleich bekannt vorkamen — es waren jene des Bildnisses in dem zerbrochenen Medaillon. „Fräulein Ellinor Graham — Fräulein Ellinor Forest", stellte Dr. Wilson vor. Daun bat er seine junge Nach^- barin, Platz zu nehmen, und sank selbst auf einen Stuhl nieder, als ob ihm diese neuesten Verwicklungen doch etwas zu viel seien. Einige Sekunden lang saßen die beiden Verwandten sich schweigend gegenüber. Dann bot Westfields abgesetzte Körngin der Kousine die juweleufunkelnde Hand: „Ich glaube, ich habe mir Ihre Rechte angemaßt, Kousine Ellinor", sagte sie, und ihre Stimme klang ein wenig härter als gewöhnlich, „aber es geschah ganz ahnungslos. Ich hoffe —" ihr Ton wurde etwas weicher, als sie die zarte anmutige Gestalt Aimees lercm erbeben sah — „ich hoffe, Sie ioerden sich in Westfields glücklich fühlen. Was mich betrifft, so kehre ich in mein eigentliche Heimat zurück und mein Hierherkommen wird Sie nicht geschädigt haben." Die süße, traurige Stimme, die ihr antwortete, berührte sie eigentümlich. Aimee erblickte in diesem schönen, hochherzigen Mädchen nur Jene, die ihr geraubt, was kein Reichtum je ihr ersetzen konnte. „Ich weiß, daß Sie niemals die Absicht hatten, mich zu schädigen, und — an dem Leid, das mich betroffen, tragen Sie keine Schuld. Aber von Ihrem Weggehen darf nicht die Rede sein. Wenn es wahr ist, daß dieses ganze Besitztum mir zufällt, so bedarf ich nur sehr wenig davon. Sie werden hier bleiben, gerade, als wenn ich nie gefunden worden wäre." „Niemals!" ries Ellinor lebhaft. „Das tväre ja der reinste Diebstahl!" „Herr Norris", fuhr Aimee fort, auf den ältern Herrn ihrer Begleitung bleckend, „wird für uns beide alles in Ordnung bringen." Ellinor wußte, daß Herr Norris der Sachwalter der Familie Graham war, und wandte sich fragend an ihn: „Brachten Sie meine Kousine hierher? Und wie kommt es, daß Sie bisher nie von ihr sprachen?" „Weil ich selbst nichts von ihr wußte, mein liebes junges Fräulein. Ich bin über diese Entdeckung ebenso überrascht, wie Sie selbst." „Aber wer wird mir denn sagen, was Fräulein Forest hierherführte und warum sie nickst schon früher kam?" ries Ellinor aufgeregt, und der Fremde, der bisher nur still beobachtet hatte, ergriff jetzt das Wort: „Mir scheint, daß jetzt an mich die Reihe gekommen ist, hier Auskunft zu geben. Dieses Fräulein Ellinor Forest, von ihrer frühesten Kindheit' an „Aimee" genannt, bis sie fast vergaß, daß sie noch einen anderen Namen hatte, ist eine junge Dame, die ich vor etwa achtzehn Tagen in Brüssel kennen zu lernen das Vergnügen hatte. Besonderer Umstände halber, die Fräulein Forest nach Belieben erklären kann oder nicht, entschloß sie sich, auf unserer Reise durch Europa uns zu begleiten. Anstatt zuerst den Süden auszusuchen, kam es mrr vergangenen Samstag ist den Sinn, nach London zu fahren. Hier erhielt Fräulein Forest durch die Dame, bei der sie in Brüssel gewohnt hatte, einen Brief, der uns sofort wieder aus die Beine brachte, da sie so freundlich war, meinen Rat zu befolgen. Hier ist dieses Dokument, zu jedermanns Einsicht, der klar daraus zu werden vermag. Dre Geschichte klingt etwas geheimnisvoll." „Lassen Sie mich sehen!" Ellinor ergriff den eng beschriebenen Bogen, den Htzrr Henderson seiner Brieftasche entnahm, und während sitz dessen Inhalt studierte, reichte Herr Dr. Wilson den kürzlich aufgefundenen Bries von Aimees Mutter den übrigen Anwesenden. (Schluß folgt.) Ti n Ii ft n n ir bi u S' u a ei d kl 2 K w ei ir ft er di bi ei S ei N b Bi sc ir n ei V ei f< e v h u d V d e s t s r i t c S 403 selben Fakultät in gesellschaftlichen Verkehr gekommen war, war bocri an und für sich nicyr eigentlich geeignet, irgend einen dunklen Verdacht zu erregen.' Daß ich den Verkehr hätte abbrechen müssen, als der junge N. zu mir in die Klasse kam, wird man auch nicht gerade als sittliche Pflicht bezeichnen können. Nun hat freilich ein Anwalt erklärt, es wäre richtiger gewesen, wenn ich wenigstens während der kritischen Zeit der Versetzung den Besuch unterlassen hätte. Er werd vielleicht milder über meine Handlungsweise urteilen, w.enn ich bekenne, daß ich wegen einer voraus gegangenen Einladung gerade damals der Familie einen Dank- besuch schuldig war und wenn ich die bestimmte Versicherung abgebe, daß bei dem Besuche des Sohnes und seiner! Versetzung oder Nichtversetzung auch nicht mit . ein er Silbe Erwähnung geschah. So war also der wirkliche Tatbestand. Aber wie naheliegend war doch auch der Argwohn der Schüler und wie überzeugend ihre Kombination! Der junge N., als Pro- fessorensvhn, soll „natürlich" „durchgedrückt" werden: das ist von vornherein klar. Er übersetzt int Lateinischen vor dem Direktor besser wie gewöhnlich Höchst verdächtig! Endlich wird festgestellt, daß der Ordinarius am Tage vorher bei seinen Eltern Besuch gemacht hat. Nunmehr ist durch Indizienbeweis erwiesen, daß dieser den bevorstehenden Besuch des Direktors und womöglich gar die Stelle verraten hat, die dem Sohne zum Uebersetzen vorgelegt wird. Das alles erfuhr ich erst einige Zeit nachher durch die Meldung des jungen N., der gegenüber den fortgesetzten Sticheleien von Mitschülern meinen Schutz anrief. Daß der arme Junge, dessen Nichtversetzung damals schon so gut wie seststand, nun gar noch wegen besonderer „Begünstigung" von feiten seiner Lehrer durch seine Mitschüler drangsaliert würde, das war doch wahrhaftig ein hartes. Geschick, und ich suchte ihn nach Möglichkeit zu trösten und zil beruhigen: er möge doch dem albernen Gerede keinen Wert beilegen, er wisse doch so gut wie ich, daß kein wahres Wort daran sei! Aber die Sache beschäftigt mich doch mehr, als ich ihm zu erkennen gab. Sollte ich etwa die Schüler, die diese, Reden führten, bestrafen? Das hätte das Gerede vielleicht äußerlich unterdrückt, aber der Argwohn hätte wohl bei einzelnen erst recht Wurzel gefaßt. Wer gerade das Vertrauen der Schüler erscheint mir von dem größten Mert, nicht sowohl um meiner als um ihrer selbst willen: ist es ja doch die Voraussetzung alles erziehlichen Einflusses! So komme ich zu der Ueberzeugung, daß es das Richtige sei, durch eine ganz ruhige und offene Besprechung der Sache die Schüler von der Haltlosigkeit und zugleich der Verwerflichkeit ihres Geredes zu überzeugen. Als nutt kur zdarauf der Direktor mit mir in die Geschichjtsstunde ging, um N. und noch zwei andere, deren Leistungen ich mit der Note 5 bezeichnet hatte, zu prüfen, da erscheint mir die geeignete Gelegenheit zu dieser Besprechung gegeben. Gerade dadurch daß ich in Anwesenheit aller Beteiligten die Sache unbefangen zur Sprache brächte, wollte ich den Schülern zeigen, day wir bei unserem Verfahren das Licht nicht zu scheuen bräuchten, und ich wollte sie zugleich darauf Hinweisen, daß sie an der Prüfung sehen könnten, wie man mit Sorgfalt nach einer gerechten Beurteilung ihrer Leistungen strebe. Nun wollte es ein unglücklicher Zufall, daß der Direktor meine einleitenden Worte nicht in dem von mir beabsichtigten Sinne auffaßte: er meinte, ich wolle ihn entschuldigen, daß er überhaupt zu dieser Prüfung erschienen sei, und einer solchen Entschuldigung glaubt er nicht zu bedürfen. So erhebt er Einspruch gegen meine Auseinandersetzungen und erklärt, er wolle später darüber mit mir Rücksprache nehmen. Ich anderseits bin überzeugt, — und drücke dies auch aus, daß nur einige Worte genügen, die Sache klar zu stellen, er beharrt jedoch darauf, daß ich mit der Prüfung Beginne. Diese fällt ungünstig für N. aus; auch der Direktor gewinnt die Ueberzeugung, daß feine Leistungen in Geschichte nicht genügend fiitb. In der darauffolgenden Pause teile ich ihm mit, was ich eigentlich den Schülern sagen wollte; daß es mir völlig fern lag, sein Kommen zu entschuldigen; daß es vielmehr nur meine Absicht war, die gegen ihn und mich ausge- streuten Verdächtigungen durch eine; offene Aussprache in Pädagogische Betrachtungen (anläßlich eines Tagesereignisses). Von Dr. A. Messer, Oberlehrer und Privatdozenten der Philosophie und Pädagogik. Gerechtigkeit in der Schule. Gerecht soll der Lehrer sein: das ist einer der Hauptforderungen der Eltern und Schüler, und vielleicht über nichts sind Klagen häufiger als über ungerechte Behandlung und Beurteilung. Sollte nun der Grund dieser Klagen wirklich nur auf feiten der Lehrer liegen? Sollten sie, die doch auch einmal Schüler waren, mit dem tiefen Bedürfnis der Jugend nach Gerechtigkeit, sollten sie durch ihre „Herrscherstellung" in der Schule auf einmal zu Despoten geworden sein, die den Sinn für Gerechtigkeit verloren haben? Gewiß ist es für den Lehrer auch bei redlichem Streben und fortwährender Selbstkontrolle schwer, in seinem Don gegen die Schüler und in seiner Beurteilung ihrer Leistungen dem Ideal der Gerechtigkeit einigermaßen zu entsprechen; gar zu zahlreich find die seelischen Vorgänge, die unwillkürlich ihn irre führen können. Aber nicht minder gut laßt sich auch psychologisch begreifen, wie ans kleinen Anlässen, ja gelegentlich aus einem wahren Nichts, Zweifel an der Gerechtigkeit der Lehrer bei Schülern und Eltern entstehen können.*) Ueberaus belehrend ist dafür „der Fall N." Ich muß zum Verständnis desselben vorausschicken, daß am hiesigen Gymnasium, wie wohl an den meisten höheren Schalen Hessens» die Sitte besteht, daß der Direktor sich die Schüler, deren Versetzung unmöglich oder zweifelhaft erscheint, von dem Klassenführer bezeichnen läßt und vor der Versetzungskonferenz noch eine Prüfung mit ihnen vornimmt. Der Direktor hat ja bei der Versetzung der Schüler mitzuwirken. Kennt er nun die Schüler, die infolge ihrer Noten nicht ohne weiteres zur Versetzung reif erscheinen, nicht selbst vom eigenen Unterricht her, so bleibt ihm, um sich über sie zu informieren, doch kaum ein anderer Weg, als daß er sie selbst prüft oder in seiner Gegenwart prüfen läßt — wenn er natürlich sich auch wohl bewußt sein wird, daß jede Prüfung nur ein „notwendiges Hebel" ist, da manches Wichtige durch solche gar nicht festgestellt werden kann und das Ergebnis oft durch Zufälligkeiten beeinträchtigt wird. Also, der Sitte entsprechend, war auch im März 1902 der Direktor des Gymnasiums eines Dages, und zwar an einem Montag, in den lateinischen Unterricht der Ober- Sekunda gekommen und hatte den unterrichtenden Lehrer ersucht, auch den Schüler N. zum Uebersetzen aufzurufen. N. übersetzt, und zwar — nach seiner eigenen Aussage — besser wie gewöhnlich: er gehört zu den Jungen, die bei besonderen Gelegenheiten sich in besonderem Maße zu- sammennehmen und dadurch hier und da Besseres leisten wie sonst. Nach dem Ende der Unterrichtsstunde umringen ihn nun mehrere Mitschüler auf dem Hofe und reden auf ihn ein: Du hast gewußt, daß der Direktor heute kommen sollte! Deshalb ging das Ueberfetzen so gut! Du sollst eben „durchgedrück-t" werden! Ihr Professorenföhne seid ja immer besonders gut daran! — Und nun ist gar einer unter der Schar, der gesehen hat, wie: am Sonntag vorher der Ordinarius bei den Eltern N.'s Besuchs gemacht hat. Und nunmehr ist ja die Sache ganz klar: der Direktor und der Klassenführer wollen N. nach der Unter-Prima durchdrücken! Besagter Ordinarius war nun meine Wenigkeit. Ich unterrichtete in der Klasse deutsch und Geschichte. Ich war damals schon bei Feststellung der Noten zu dem Ergebnis gekommen, daß ich dem jungen N. in der Geschichte nur die Note 5 geben könne, und da mir der Lehrer des Französischen bereits gesagt hatte, daß er bei ihm die gleiche Note erhalten werde, so war es bet der hier herrschenden Versetzungspraxis so gut wie sicher, daß er nicht versetzt werden würde. Ferner, daß ich als Privatdozent der philo- sophtschen Fakultät, mit der Familie eines Professors der- *) Ich habe mich über den psychologisch interessanten und für das Schulleben recht bedeutsamen seelischen Vorgang, der dabei besonders in Bettacht kommt, näher ausgesprochen tn meiner Schrift: „Die Wirksamkeit der Apper- ceptton in den persönlichen Beziehungen des Schullebens". Berlin, 1899 404 ihrer Haltlosigkeit zu erweisen. Er erklärt sich nunmehr mit meinem Vorhaben ganz einverstunden und ermächtigt mich, den Schülern über die Sache selbst und! über den Grund seiner Einsprache die nötige Aufklärung zu geben; was ich denn auch in der darauffolgenden Stunde tat. Es hat vielleicht Schüler gegeben, die in dem kleinen Zwischenfall nur das Ungewöhnliche, das Pikante, sahen, aber td) glaube, in den Meisten würde doch! dadurch die Ueberzeugung und das Vertrauen gestärkt, daß ihre Lehrer Mit Ernst und Gewissenhaftigkeit nach gerechter Beurteilung streben, und dieser und jener mag sich doch im Stillen vorgenommen haben, in Zukunft Verdächtigungen nicht so leicht zu glauben oder gar auszustreuen. Ter ganze Vorfall zeigt aber üt geradezu drastischer Weise, tote aus unbedeutenden Zufälligkeiten ein Argwohn, ein Gerücht entstehen kann, das vielleicht dein Fernerstehen- den einen gewissen Eindruck von Glaubwürdigkeit machen kaiin, obwohl er mit den Tatsachen selbst in schneiendem Widerspruche steht: ein Schüler erscheint als begünstigt, der — nicht versetzt wird. Eine ernste Mahnung aber ergiebt sich daraus für alle Eltern, die wriklich bestrebt sind, in ihrem Grziehungswerke Hand in Hand mit der Schule zu gehen, nämlich die: nicht die Eindrücke, die die Jungen aus der Schule mitbringen, ohne weiteres als objektive Tatsachen hinzunehmen. Gewiß haben dieselben meist irgend welche tatsächlichen Unterlagen und eine bewußte Unwahrheit der Jungen braucht durchaus nicht vorzuliegen: und doch kann das, was sie aus der Schule erzählen, so falsche wie nur möglich sein; weil sie es nicht vermögen, an ihren subjektiven Eindrücken selbst Kritik zu üben. Uebrigens soll damit gar nicht gefordert sein, daß die Eltern die Mitteilungen ihrer Jungen einfach als leeres Gerede beiseite legen sollen. Sie mögen sie prüfen, und wo ihtrett Anlaß vorhanden zu sein scheint, mögen sie ver- trauensvoll an die Lehrer oder den Direktor sich toenbett und sie mögen doch ja nicht glauben, daß irgend ein Er- suchett um Aufklärung oder eine Beschwerde ihnen übel genommen werde oder daß darunter gar ihre Kinder zu leiden hätten! Man bringe uns Lehrern doch vor allem das eine entgegen: Vertrauen! Vertrauen zu unserem ernsten Streben, Unparteilichkeit und Gerechtigkeit zu üben. Herrscht aber 6et den Eltern dies Vertrauen, so wird es uns auch leichter sein, bei den Söhnen es zu geivinnen. Ohne Vertrauen aber erscheint diesen auch das herzlichst gemeinte Mort leicht als leeres Gerede, und so kann ihnen gerade das Beste und Wertvollste beeinträchtigt werden, was ihnen die Schule geben kann: die Förderung sittlicher Willensbildung und sittlicher Einsicht. Gemeinnütziges. Schweißige Füße. Wenn man einige Tage eine Kleinigkeit Tannin in die Socken streut, so wird nicht nur der üble Geruch beseitigt, sondern auch die Haut gestärkt, ohne daß der Schweiß allzusehr unterdrückt wird. — Die unvorsichtige Unterdrückung des Schweißes sollte vermieden werden, weil dadurch, der Erfahrung gemäß, leicht andere Leiden hervorgerufen werden. Gegen Entzündung und Blutvergiftung ist eiu vorzügliches, äußeres Mittel essigsaure Tonerde (in jeder Apotheke zu bekommens 1 Eßlöffel auf 1 Liter Wässer; bei giftigen Insektenstichen 1 Eßlöffel auf Va Liter kaltes Wasser. Alle 5—10 Minuten Umschläge davon erneuern. Vermischtes. * Gegen den Musiklärm in den Häusern der Großstädte ruft Dr. med. Siegmund Auerbach- Frankfurt a. M. in einem Aufsatze in der Beilage der Münchener „Allg. Ztg." den Schutz der Gesetzgebung und der Polizei an. Er weist zur Begründung dessen insbesondere auf die Erfahrungen der Nervenärzte hin, daß bie stetig zunehmenden Nervenleiden, speziell ~ die Nervenerschöpfung (Neurasthenie), zu einem nicht geringen Teil auf den von Fahr zu Jahr wachsenden Lärm auf den Straßen und innerhalb der Häuser zurückzuführen sind. Man könne diesen Einfluß natürlich nicht in Zahlen ausdrücken, wie etwa die jährliche Sterblichkeit an Lungenschwindsucht; aber man müßte als Arzt blind sein, um die uervenzerrüttenden Wirkungen des Musiklärms nicht einzusehen. Die gesetzliche Regelung der Materie verursache keine Schwierigkeiten; in Preußen beispielsweise biete der § 10 des Teils II Artikel 17 des Allgemeinen Landrechts die Handhabe zum Einschreiten. Dieser Paragraph lautetr „Tie nötigen Anstalten zur Erhaltung der öffentlichen Ruhe, Sicherheit und Ordnung und zur Abwendung der dem Publioo oder einzelnen Mitgliedern desselben bevor-, stehenden Gefahr zu treffen, ist das Amt der Polizei.^ Ta nun nach! dem übereinstimmenden Urteil der Sachver. ständigen der Lärm, namentlich! der Mustklärm, gesundheitsschädlich, und zu einer wirksamen Prophylaxe vieler Nervenkrankheiten die Bekämpfung desselben unumgänglich notwendig sei, so sei nur erforderlich, daß die Polizei auf Grund dieses Paragraphen Verfügungen gegen den Unfug des Musiklärms erläßt. „Es müßte beschlossen werden, Berufsmusikern und Sängern oder musizierenden Privatleuten, die länger als etwa vier Stunden täglich auf einem lärmmachenden Instrumente spielen wollen," das Wohnen in nach lokalen Verhältnissen zu bestimmen-, - den Stadtteilen überhaupt zu versagen. Derjenige, der Ruhe zu seinem Berufe nötig hat, muß wissen, in welchen Bezirken ihm diese wenigstens einigermaßen gewährleistet wird. Es muß ferner festgesetzt werden, daß es in allen Straßen, die der eben erwähnten Gruppe von Einwohnern verschossen wären, mindestens ebenso viele völlig „musik- reine" Häuser gäbe, als solche, in denen das Spielen eines Instrumentes gestattet wäre. Jene würden am besten an die beiden Enden der Straße verlegt werden. Aber auch für die musikalischen Häuser müßte bestimmt werden, daß zu gewissen (für den Schlaf und die Mittagsruhe freizuhaltenden) Stunden das Musizieren verboten sei unv stets zur Zeit desselben die Fenster zu schließen seien. Für Festlichkeiten und sonsttge besondere Anlässe müßte polizeiliche Dispensation eingeholt werden. IN dieser Beziehung könnte natürlich jede Härte vermieden werden/* Tie „Freis. Ztg." meint dazu: Nur ein Zusammenwirken der Hausgenossen auf Grund von strenge innezuhaltenden Hausordnungen kann da Ersprießliches leisten. Und gelingt es dazu noch, die Wände und Decken der Zimmer weniger schalldurchlässig zu konstruieren, als es jetzt leider der Falk ist, so ist schon viel geholfen. Verstummen werden ja auch dann nicht berechtigte und unberechtigte Klagen Über die Musikpest, aber — vollkommen ist eben nichts unter der Sonne. Literarisches. Das Cinkochen der Früchte. Eine Sammlung über 200 erprobter Hausrezepte von Marie Aab el. 21, Auflage. Preis 50 Pfg. Backnang, I. Rath's Verlag. —i Dieses empfehlenswerte Büchlein enthält: Die Bereitung der Fruchtsäfte, Hausschnäpse, Creme, Kompotte, Sulzen, des Gefrorenen, der Marmeladen, der feineren kalten und warmen Getränke, der in Essig eingemachten Früchttz und Gemüse. — Vollständige Kartoffel-Küche. Nach eigener vieljähriger Erfahrung, herausgegeben von Marie Aabel. 154.—160. Tausend. Preis 50 Pfg. —: Tiefes Schriftchen enthält Anleitung zum Zubereiten der verschiedensten Kartoffelsuppen, Knödel; Nudel, Pastetes- Gemüse, Salate usw. Magisches Quadrat. (Nachdruck verboten.) 1. Bindemittel. 2. Vorname. 8. Nebenfluß der Donau. 4. Münze. In die Felder vorstehenden Quadrates sind die Buchstaben AAA, EE, II, K, LL, MM, BR, SS derart zu setzen, daß die wagerechten Reihen gleichlautend sind mit den senkrechten und Wörter von der beigefügten Bedeutung bilden. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung der Zahlenpyramide in vor. Nr.r A A s Gas Sage Agnes Spange Redaktion: Auaust Göb. — Rotationsdruck und Verlaa der Brühl'schen Universitüts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.