Mittwoch den 9. Aez möer. IST i'i 8 >n (Nachdruck verboten.) Wotans Wertoöung. Novelle von Robert Kohlrausch. (Fortsetzung.) „Tas glaube ich selbst. Und wir können ihm noch nicht einmal vorwerfen, daß er sein Wort gebrochen hat. Er sagt nichts, aber er schreibt." Jetzt lachten sie beide. „Tie Sache geht famos!" rief Milka fröhlich. „Nur die Geschichte mit dem Kinde", warf Rauchmann ein, „die war nicht angenehm für Sie." „Mein Gott, wenn man das ganze Jahr in Europa herumreist, da kann man doch nicht über jedes Kind von jedem Kritiker Buch führen." Tie Sängerin sagte es ein wenig verstimmt; die Erinnerung war ihr nicht angenehm. Um sich zu revanchieren, fügte sie hinzu: „Daß es mit Ihrer Stimme nicht in Ordnung ist, hat er doch gehört." „Es ist ein unausstehlicher Kerl, ich habe ihn niemals leiden können." „Also streichen !vir ihn aus unserem Gedächtnis." Ihre gute Laune kehrte zurück; sie sah verjüngt und siegesgewiß aus. „Wir haben heute besseres zu denken. Wissen Sie, Wotan, eigentlich müssen wir unsere Verlobung doch feiern. Mollen wir eine Flasche Sekt trinken?" „Ich wäre gern dabei. Mer mein Hals, — er ist mir leider verboten." „Nun denn, so machen wir's einfacher. Kellner!" Der Pikkolo fuhr aus dem Halbschlaf empor. „Noch zweimal Kaffee!" Ter Kleine stürzte davon, um feinen Herrn und Meister, den befrackten Kellner, von den Wünschen der Herrschaften in Kenntnis zu setzen. Bald waren die beiden Tassen vor dem Sängerpaare frisch gefüllt, und Milka hob die ihre, um mit Wotan anzustoßen. Sie tranken und lachten. „Klingen tut's nicht", sagte der Sänger. „Mer klappen tut's. Und daß alles klappt, ist die Hauptsache bei solchen Geschichten. Also nochmals: Tu sollst leben, Wotan!" „Müssen wir uns „Tu" nennen?" „Selbstverständlich. Verlobte Leute, ich bitte Tich!" w •9")eX $eu*e können wir es uns noch schenken, nicht „Nun, meinetwegen, aber wenn die Leute es erst wissen, dann muß es los gehen. Vielleicht so ab und an mit „Sie" untermischt, als wenn man sich noch genierte, das macht sich ganz hübsch» Wir können das ein wenig emüben." „Vorläufig werden wir wohl kaum Gelegenheit dazu haben. Sie reisen übermorgen, ich in ein paar Tagen. Sre nach Norden, ich nach Süden. Wann werden wir uns Wiedersehen?" Er rollte melancholisch die Augen und seufzte tief. „Tas haben Sie schön gesagt. Ja, wer iveiß, wann wir uns wieder begegnen! Aber ein Trost bleibt uns ja auch in der Ferne." „Welcher Trost?" „Unsere Briefe." „Unsere Briefe?" „Ja, Wotan, ohne Liebesbriefe tue ich es nicht. Wenn man verlobt ist, muß man sich auch schreiben." „Alle guten Geister! Wie oft denn?" „Run, so oft, wie Liebesleute es tun. Alle Tage."- „Müller, ich lasse mich scheiden!" „Tas kommt später. Aber so grausam will ich auch nicht sein. Alle Woche ein Brief, damit bin ich zufrieden." „Tas ist auch schon sehr hart." „Aber unumgänglich. Man muß doch was vorweisen können." Er seufzte kläglich: „Nun, wenn es nicht anders sein kann, — und schließlich ist's eine gute Uebung für kommende Fälle." Tiefer Gedanke stimmte ihn wieder heiterer. „Also abgemacht: Alle acht Tage ein Brief. Und nun' stoßen wir noch einmal an, trinken aus und gehen nach Hause. Wir sollen leben!" „Jawohl, wir sollen lebe::!" Sie lachten, und das schlvere Porzellan der Tassen' klang von neuem aneinander. Tie leichtfertigen Griechengötter aber schauten ihnen von der Decke herunter zu, und im Schimmer des Lichtes schien es, als wenn auch ihre Gesichter sich zum Lachen verzogen. So feierte das Sängerpaar im Rokokosaale des CafA Luitpold Wotans Verlobung, — die eigentlich keine Verlobung war. Wotan war schlechter Laune, während er über den Brenner fuhr. Freilich hatte er ein Beispiel am Wetter, das draußen hinter den angelaufenen Scheiben genau so mißvergnügt und trübselig ausschaute, wie der Sänger in seinem wohlgeheizten Nichtraucherkoupee des von München nach Ala durchfahrenden Wagens. Ein Gemisch von Regen und Schnee fiel nieder und verhüllte mit seinem grauen Schleier die Gegend genug, um den häßlich-winterlichen Farbenakkord von braun, weiß und schwarz noch miß- töneuder zu machen, ohne ihn mitleidend zu verbergen., Als der Zug hinter Rosenheim in das Jnntal eindrang^ wurde auch der Regen zu Schnee, der jetzt in großen, ruhigen Flocken herniederfiel und mit dem geballten, um die Bergesgipfel ivogenden Nebel zusammen die Natur in immer dichtere Todesfchleier hüllte. Ter Sänger war seit einer Reihe von Jahren viel zu sehr mit sich und seinen Erfolgen beschäftigt gewesen, als daß er sich um die bunt erglühende oder in Winter- weiß ersterbende Welt ringsumher viel gekümmert hätte, würde ihn auch jetzt ein sonniges Sommerbild hier in 730 dem schönen Tal wenig beschäftigt m.v crogelenkt haben. Aber diese Ungunst des Wetters empfand er als persönliche Kränkung. Wenn er, der berühmte Künstler, hierherkam, um gesund zu werden, dann hatte der Himmel zweifellos die Verpflichtung, seinen Weg mit Sonnengold zu überstreuen und in einen Pfad des Triumphes zu verwandeln. Statt dessen verbarg sich die Sonne vor ihm und ließ den unzähligen, kleinen Wintergeistern freies Spiel, um den großen Mann Zu verspotten und zu quälen. Er hatte sich schon lange unruhig auf seinem Platz am Fenster hin und her bewegt, nach seinem Hols, nach seinem Kopf, nach dem Verschluß des Fensters gefühlt, — jetzt war er zum Resultat -gekommen: es zog! Ein seiner, kaum bemerkbarer, aber in seiner Konsequenz höchst unangenehmer Zugwind strömte herein und erfüllte den Sänger mit heißem Erschrecken. Seine Stimme! Ilm sie zu erhalten, hatte er die Reise unternommen, und nun mußte er die neue, drohende Gefahr für das kostbare Kleinod in seiner Brust angstvoll erkennen. Er arbeitete am Fenster umher, drückte, rüttelte und preßte, doch alles umsonst; wie ein kleiner, wohlgezielter, geschliffener Pfeil drang die kalte üuft unablässig zu ihm herein. Wotan hatte bisher seine Reisegesellschaft kaum an- geschaut. Jetzt erst blickte er im Coups umher, weil er die Möglichkeit erwog, seinen Platz mit einem anderen, gefahrloseren zu vertauschen. Ihm gegenüber in der andern Fensterecke saß ein Herr, dessen Aussehen und Gepäck den reifenden Kommis zur Genüge verrieten. Er hatte sich gleich in München zum Schlafen zurechtgerückt und war seitdem nicht wieder aufgewacht. Neben ihm drückte sich eine nervös ausfehende alte Jungfer in ihre Ecke gegen das mittlere Scheidepolster des engen, achtsitzigen Eoupös nach österreichischer Art. Sie hatte sich in ein türkisch gemustertes Umschlagetuch nach lange vergangener Mode gewickelt und hielt ein großes Vogelbauer mit einem grün-roten Papagei aus dem Schoße. Zuweilen flüsterte sie leise mit dem Vogel; vielleicht erzählte sie ihm von einem sonnigen Ort im Süden, wo sie ihre Gesundheit und er ein Bild seiner fernen Heimat finden sollte. Dazwischen nickte sie ein, und wenn sie dann in unbewußter Sorgfalt das Bauer fest an ihre flache Brust preßte, unternahm das gelangweilte Tier mit seinem krummen Schnabel Angriffe auf das bunte Unischlagetuch, das ihn zu ärgern schien. An der anderen Seite des Coupss, der Schiebetür zum Korridor des Durchgangswagens zunächst, saßen zwei Damen. Auf dem Vordersitz eine ältere von mächtigem Leibesumfang, mit einem unendlich gutmütigen, trotz der Fülle noch vornehmen Gesicht, von grauem Haar umrahmt, das unter einem schwarzen Kapottehut in kleinen, hintereinander aufsteigenden Wellen wohlgeordnet hervorkam. Ein dickes, über das Hutband vvrquellendes Doppelkinn setzte diese Wellung um das Gesicht her fort und verstärkte den Ausdruck behaglicher Daseinsfreude, von dem die Gestalt erfüllt war. Ten Eckplatz ihr gegenüber hatte eine junge Dame inne, ihr ähnlich genug, um sich als ihre Tochter zu verraten, und doch unendlich verschieden von ihr. Alles, was dort in Zügen und Linien verschwommen und undeutlich geworden war, zeigte sich hier klar, schars, bestimmt. Ein wenig zu scharf und bestimmt sogar, um noch ganz anmutig, ein wenig zu energisch, um ganz weiblich zu fein. Es lag ein herber Reiz in dem klugen Gesicht mit dem römischen Profil und den blauen, klaren Augen, die prüfend und scharf auf die Dinge der Außenwelt blickten. Die moderne Figur luar durch ein zartes Geringel von goldbraunen Locken nur eben angedentet, indem sie die Ohren ivie mit einem leichten Schleier verhüllte ; auf die Mitte der Stirn legte sich ein fester geringeltes, nach beiden Seiten auseinander strebendes Löckchen. Es sah beinahe aus wie eilt doppeltes Fragezeichen, und mochte für ein Symbol des wißbegierigen Forschergeistes gelten, der hinter dieser Stirn wohnte. Ein dunkelblaues Reisekleid, vom zurückgeschvbenen, pelzgefütterten Mantel halb verdeckt, zeigte die schlanke, vornehme Figur. Ter Rückplatz- an ihrer Seite war frei, und nachdem der Sänger die Damen ein Weilchen prüfend betrachtet hatte, stand er kurz entschlossen auf, um sich dort nieöer- zulafsen. Ten Pelz hatte er nicht abgelegt, obwohl das Eoupä gut durchwärmt toar; die Reifedecke nahm er mit hinüber. „Tie Damen werden entschuldigen", sagte er höflich und griff an den Schirm feiner Reisemütze, „aber dort am Fenster zieht es abschenlicki. Ich möchte es einmal mit diesem Platz versuchen, vorausgesetzt, daß ich die Damen nicht belästige." Tie ältere, ihm schräg gegenüber, nickte nur freundlich ein paarmal, wobei das Doppelkinn merkwürdig auf» und niederquoll; zum vielen Reden war sie augenblicklich offenbar zu bequem, obwohl sie in all' ihrer Fülle gescheit genug aussah, um verständige Worte vermuten zu lassen. Auch mit der Tochter hatte sie nur ab und zu einmal gesprochen. Diese entgegnete nun an ihrer Stelle sicher und schnell. Tie Stimme, die er hörte, ließ den Sänger ausblicken; sie entsprach garnicht den Schärfen im Aeußeren der Dame. Voll, tief und biegsam klang sie ihm entgegen; er hatte selten ein so wohltuendes Organ gehört. „Sie belästigen uns in keiner Weise", sagte sie. „Im Gegenteil, Sie tun mir einen außerordentlichen Gefallen, wenn Sie mir gestatten, Ihren Fensterplatz einzunehmen. Hier sieht man so wenig." Sie war ausgestanden, indem sie sprach und ging nun, da er sich zustimmend verneigte, zu dem Sitz am Fenster hin, den er verlassen hatte. In all' ihrem Tun war etwas Bestimmtes, Sicheres, das man fühlte, ohne dadurch verletzt zu werden; über die Grenzen der vornehmen Erziehung ging es niemals hinaus. Auch das Schwanken des Wagens hemmte sie nicht im festen, ruhigen Schreiten. Aus ihrem neuen Platz rückte sie sich behaglich mit einer gewissen Freudigkeit zurecht und reinigte mit dem Vorhang das beschlagene Fenster. „Ich habe die Pslicht, Sie zu warnen, gnädiges Fräulein", sagte Rauchmann. „Es zieht dort wirklich." „Tas macht mir nichts", gab sie zur Antwort. „Ich fürchte mich nicht vor der Lust. Wenn man auf dem Lande ausgewachsen ist wie ich, da bleibt man fein Leben lang gut Freund mit ihr. Solange man gesund ist, natürlich", setzte sie hinzu, nachdem sie ihn eine Sekunde lang aufmerksam betrachtet hatte. Während sie es tat, zwinkerte sie ein paarmal schnell hintereinander mit den Augen. Ter Sänger bemerkte diese Manier jetzt zuerst; hinterher sand er heraus, daß diese Bewegung sich stets wiederholte, wenn feine Nachbarin einen Gegenstand oder einen Menschen prüfend anschaute, — noch mehr, wenn irgend etwas ihre Spottlust erregte. „Ich bin Gott sei Dank gesund; bei Ihnen ist es wohl etwas anders. Sie sehen ein wenig leidend aus." , „Leidend? Ich? O nein, da täuschen Sie sich, gnädiges Fräulein. ' Aber ich fand es dort am Fenster wirklich ungemütlich. Hier dagegen — ja, hier ist es in der Tat reichlich warm." , . ,, , Um seine Gesundheit zu bezeugen, lüftete er jetzt auch seinen Pelz und schob ihn zurück. „Nun, umso besser", gab die Dame zur Antwort. „Ich freue mich sehr, wenn ich mich getäuscht habe. Ter Tag ist heute so gfrau, da kann man seinen Augen wohl mißtrauen." c „Aber weil er so grau ist, werden gnädiges Fraulem da draußen auch nicht viel sehen." „Viel wohl nicht, — leider. Aber schön bleibt es docy , sagte' sie mit einem tiefen Atemzuge. „Finden Sie nicht, daß die Natur immer schön ist, auch in Schnee und Nebel und Eis?" _ .. m , „Die Natur? Ach, — wissen Sie, — tue Natur, — eigentlich mache ich mir nicht viel daraus." Mit einem Ruck wandte sie den Kopf zu ihm hm; ihre Augenlider zwinkerten sehr schnell. Em Ausdruck unverhohlenen, großen Erstaunens war tn ihrem Gesicht. „Sie machen sich nichts ans der Natur? Ja, gießt cs, — ist denn das möglich?" , , , . ... Er lächelte höflich, doch em wenig u6edcgen_imb spöttisch. „Mir scheint es außerordentlich möglich. Die Natur ist ja ganz hübsch^, aber ich für meine Person halte es mehr mit der Kunst." „Der Kunst? So ist es gemeint? Dann kann ich Sie verstehen — bis zu einem gewissen Grade wenigstens. Die Kunst ist groß und herrlich; vielleicht — wenn es die echte Kunst ist — noch größer und reiner als die Natur selbst. Aber ich weih nicht, so lieb kann ich die Kunst doch niemals haben, wie die Natur. Hinter dieser steht der unbekannte, schaffende Geist, den wir suchen, ohne ihn 781 jemals ganz zu fassen, und hinter der Kunst — da stehen die Künstler." Sie sprach die letzten Worte mit einem solchen Ton der Mißachtung und des Spottes, daß Wotan sehr gekränkt den Kopf zurückwarf. „Gnädiges Fräulein sprechen von den Künstlern in einem Tone, der mich annehmen läßt, daß Sie von ihnen nur wenig halten." „Sehr wenig, allerdings. Die Künstler sind in meinen Augen die schrecklichsten Menschen von der Welt." „Und darf man fragen —" Er kam nicht dazu, seine Frage auszusprechen und eine Antwort darauf zu vernehmen. Der Zug hatte schon während ihrer letzten Reden durch stärkeres Schwanken und Stoßen die Nähe eines Bahnhofes verraten; jetzt nahm er lärmend die letzten Weichen und hielt unter dem knirschenden Geräusch der Bremsen. Sie waren in Kufstein, die Quälerei mit dem Zoll begann. „Müssen wir hinaus?" fragte die ältere Dame mit kläglichem Ton, den sie humorvoll noch künstlich verstärkte. „Nein, Mama, Tu bleibst jedenfalls sitzen", gab die Tochter zur Antwort, indem sie sich rasch erhob. „Das kleine Gepäck lassen wir ruhig hier; die Leute werden schon zu uns kommen, wenn wir nicht zu ihnen gehen. Aber ich muß aussteigen unserer Koffer und Körbe wegen. Die Schlüssel hab ich, also bleib Dll in Frieden hier nnd sag' den Zöllnern, wenn sie koninren, daß wir weder rauchen noch schnupfen, daß sie uns also mit gutem Gewissen die Absolution zur Weiterreise erteilen kölinen." Wotan ließ sie an sich vorüber, als sie aus dem Koupe hinausschritt, den wärmenden Mantel nur ein wenig fester u m die Schultern ziehend. Er hatte sich über ihre Mißachtung der Künstler sehr geärgert und rächte sich dadurch, daß er im Stillen ihr Auftreten allzu sicher und unweiblich schalt. Aber unwillkürlich mußte er ihr doch nachblicken, während er ihr nur langsam folgte und sie vor sich dahinschreiten sah, mit weißen Schneeflocken leicht überstreut, aber scheinbar ganz unbekümmert um die Ungunst des Wetters. Nichts an ihr gemahnte an die Unsicherheit reisender Damen, die b'eim Stationschef eindringen, wenn sie Billets haben wollen und den Schaffner als Kofferträger zu Hilfe rufen. Geradewegs ging sie auf ihr Ziel los, war eine der ersten im Gepäckraum und erkannte mit raschem Blick ihre Sachen auf dem schwerbeladenen Handwagen. Auch einen Zollbeamten hatte sie schnell zur Verfügung, und die Abfertigung wäre bald erledigt gewesen, wenn nicht der Beamte das Oeffnen des einen, wohlverschnürten Reisekorbes verlangt hätte. Sie runzelte unwillig die Stirn, — Wotan sah es genau und fand eigentlich wider Willen, daß ihr Gesicht durch solchen energischen Ausdruck noch gewann, — aber sie machte sich ohne Widerspruch daran, die festverknoteten Stricke zu lösen. Einen Augenblick war der Sänger in Versuchung, ihr beizuspringen und ihr di'e lästige Arbeit abzunehmen; dann aber gedachte er wieder voll erneuten Zornes der Worte, die sie über die Künstler gesprochen hatte. Nein, wer , seinen Stand so falsch, so undankbar beurteilte, der verdiente auch nicht/ daß ein großer Sänger sich für ihn bemühte. Dazu war der bezahlte Kofferträger mit seinen Plebejerhänden gut genug, der inzwischen bereits herbeigesprungen war, um- der Dame behilflich zu sein. Gab es doch Frauen und Mädchen in Menge, das wußte Wotan genau, die einen Strick mit Küssen bedeckt hätten, der durch die Berührung eines Rauchmann geadelt worden, —mochte dieses unkünstlerische Geschöpf mit dem Gepäckträger zusammen sein Werk beenden. Er wandte sich ab, trat zu den eigenen Koffern und erledigte mit Herablassung seine Pflichten. Als er in den Wagen zurückkam, saß die junge Dame — fünfundzwanzig war sie übrigens reichlich, vielleicht auch noch, älter, wie er bei sich feststellte — bereits wieder auf ihreni Platz. Ein paar Tropfen von geschmolzenem Schnee schimmerten ihr noch auf Gesicht und Mantel; im übrigen hatte sie sich's schon von! neuem so behaglich gemacht wie zuvor. Tie Mutter lächelte zu ihr hinüber; das runde Gesicht war ganz durchleuchtet von Freundlichkeit und Güte. „Tu bist ein brillanter Reisemarschall, Ediths, sagte sie dabei. „Wenn Tu bei inir bist, habe ich es ebenso gut, als wenn Dein Vater noch lebte." „Man muß sich zu helfen wissen", antwortete die Tochter. „Wir Frauen von heute fordern so viel; da müssen wir auch zeigen, daß wir was können. Und im allgemeinen kann die Frau viel mehr, als sie selber denkt. Sie muß nur ihre , Kräfte probieren und sich rühren dürfen, denn — es scheint mir überhaupt, als wenn sich in der heutigen Welt die Unterschiede zwischen den beiden Geschlechtern mehr und mehr verwischten. Als wenn sich der Mann mehr dem weiblichen Typus, das Weib mehr dem männlichen näherte." „Um Gotteswillen, Kind, fang' hier nicht mit Deinen revolutionären Ideen an", sagte die Mutter. „Für eine gute Frau bleibt das beste, was es giebt, doch immer ein guter Mann. Das ist mein Evangelium, auf das ich leben und sterben iverde. Und hoffentlich wird es auch Dir noch einmal vom Leben gepredigt werden." (Fortsetzung folgt.) Wom WeihnaHtsöüHertisch. Tas deutsche Volk liebt Bücher sehr; dank der Leistungsfähigkeit des deutschen Verlagsbuchhandcls kann jetzt auch das ärmste Haus ein gutes Buch kaufen. Insbesondere wirkt in dieser Hinsicht die unter dem Namen Hendel- Bibliothek rühmlich bekannte Sammlung kulturfördernd. Sie Vermittelt die hervorragendsten Werke des Schrifttums aller Völker in den denkbar wohlfeilsten Ausgaben bei bester Ausstattung. Preise wie die hier gebotenen waren früher unbekannt. Dem Unkundigen bietet die Sammlung zugleich den Vorteil, daß er nie fehlgreift, wenn er einen Band Hendel verlangt, denn schon die Aufnahme in diese Sammlung bietet eine Gewähr, daß der Band etwas Wertvolles enthält. Jeder Bücherlicbhaber kann zudem eine Ausgabe nach seinen Verhältnissen wählen. In einfacherem aber geschmackvollem Leinenband sind alle Bände zu billigstem Preise vorrätig; wer neben gutem Inhalt auch auf feineres Aenßere Wert legt, wählt die inhaltlich gleiche, aber durch den Einband vielfach mit Goldschnitt und das stärkere Papier ausgezeichnete Geschenkbandausgabe. Aus der Fülle dieser herrlichen Geschenkliteratur können wir hier nur eine kleine Auslese anführen; wem diese nicht genügt, lasse sich, vom Verlage Otto Hendel in Halle den Katalog senden, der bereitwilligst unentgeltlich zugestellt wird. Aus den Erscheinungen des zu Ende gehenden Jahres interessieren vor allem die neuen Ausgaben von Grillparzer (in Einzekbändchen je 50 Pfg. im Leinbaud, Dramat. Meisterwerke in Geschenkband mit Goldschnitt 2 Mk., Selbstbiographie 1,50 Mk.). In Alexander Neidhardts berühmter Uebersetzung liegen die Dichtungen Byrons in schönen bisher fehlenden Einzelausgaben vor (in Leinenband je 50 bezw. 75 Pfg., „Poetische Erzählungen" in Geschenkband mit Goldschnitt 2 Mk.).. Es folgen die vaterländischen Romane von Willibald Alexis (,,Hosen des Herrn v. Bredow^ 2 Mk.,. „Roland von Berlin" 2,50 Mk., „Der falsche Waldemar", „Jsegrinun" je 3 Mk., „Werwolf" 2,25 Mk., „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht" 3,50 Mk., sämtlich in eleg. Geschenkband, in braunem Leinenband durchschnittlich die Hälfte billiger). Melchior Mehr, der Klassiker der Dorfgeschichte, erschien neu mit leinen poesievollen „Erzählungen ans dem Ries" (Geschenkbänd 2,50 Mk., in Cinzelbändchen 50 bezw. 75 Pfg.), die Hauptwerke des jetzt so sehr bekannt gewordenen geistreichen Holländers Multatuli: „Max Havelaar" (2 Mk.), „Abenteuer des kleinen Walter" (2Mk.), „Walter in der Lehre" (beide Walter-Geschichten in einem Bande 3 Mk.); „Millionenstudien" (2 Mk.), „Minnebriefe" (2 Mk.), und ein neuer Band Novellen H. Sienkiewiez, des gefeierten Autors von „Quo vadis?" (3 Mk.), „Ohne Dogma" (2,50 Mk.); „Am sonnigen Gestade" — „Die Tritts" „Hania", alle drei als die erlesensten Perlen der zahlreichen novellistischen Schöpfungen des berühmten polnischen Dich? ters anerkannt (2 Mk.); und „Die Kreuzritter" (3 Mk.); der handlungsreiche, durch große Tiefe, Schönheit und Formvollendung und ausgezeichnete historische Roman des Schweden Viktor Rydberg „Ter letzte Athener" (3 Mk.) und der als klassisches Meisterwerk katholischer Romanliteratur geltende Roman des englischen Kardinals W-isemau „Fabiola" oder „Die Kirche der Katakomben" (2 Mk.). Der amerikanische Meister des Humors Mark Twain rst mit einem Bande „Abenteuer Huckleberry Finns" (Lubd. IMk.) 732 und „Tom Sawyers Abenteuer" (1 Mk.), und daneben ein neuer Band (4) des „Polnischen Novellenbnches" von Alb. Weiß (Lnbd. 1 Mk.) mit Beiträgen der ersten Schriftsteller Polens, darunter wieder 5z. Sienkiewicz mit einer seiner kleinen Meisterschöpfungen, „Der Organi", vertreten. Bon George Eliot erscheint Silas Marner, Der Lein- wandweber von Raveloe (Lnbd. 75 Pfg). Max And. Schenck bereichert uns mit einer schönen Ausgabe der „Sprüche" des persischen Weltweisen Omar Chajjam (1,20 Mk.). Heinz Bothrner widmet der deutschen Heide in seiner Sammlung „Heidebuch" (1 Mk.) einen Strauß gemütvoller Dichtungen. Eine wichtige Gruppe bilden die lieben Frennde unserer Kinderwelt, die klassischen Märchen und Fabeln von Andersen (2,75 Mk.), Bdchstem (1,30), Hauff (1,50), Grimm (Auswahl 1,50, große Ausgabe (3.—), Gellert (0,75), Mu- säus (0,75), „1001 Nacht" (2,50), Schwabs schönste Sagen klassischen Altertums (3,50), die reizvollen „Indischen Märchen" Fr. v. d. Leyens (2—). Ihnen reihen sich die gehaltreichen Schriften für ein reiferes Illter an: Hauffs romantisier „Lichtenstein" (1,50), Jmmermanns idyllischer „Oberhof" (1,50) und sein komisches Heldengedicht „Tulifäntchen" (1 Mk.), Andersens „Bilderbuch ohne Bilder" (1 Mk.) und „Glückspeter (1.—), Beecher-Stowes „Onkel Toms Hütte" (2,50), die lieblichen Erzählungen von Dickens „Heimchen am Herde", „Sylvcsterglocken", „Weihnachtsabend" (je 1.—) oder alle drei zusammen in einem Bande „Weihnachtsge- schichten" (2.—), Habbertons gemütvolle Plaudereien „Helenens Kinderchen" (1,50), „Anderer Leute Kinder" (1,75), beides in einem Bande (2,50), Smiles mit freundlicher Mahnung wirkende treffliche moral-philosophische Bücher „Charakter", „Pflicht", „Selbsthilfe", „Sparsamkeit" (je 2,50), die trefflichen Werke Meremias Gotthilfs „Uli der Knecht", „Uli der Pächter", „Geld und Geist" (je 1,50), „Dursli, der Branntweinsäufer, oder der heilige Weihnachtsabend (50 Pfg.), des alten wackeren Hebel goldenes „Schatzkästlein" mit' der neuen Folge „Erzählungen des rheinischen Hausfreundes (je 0,75), Hebbels jngendbildendcs gewaltiges deutsches Trauerspiel „Die Nibelungen" (1.—), Schillers begeisternden „Wilhelm Tell" (0,50 Mk.). Tie junge Damenwelt dürfte besonders fesseln Eberhards Idylle „Hannchen und die Küchlein", Eichendorffs romantischer „Tangenichts", Fougues „Undine", Goethes „Hermann und Dorothea" (je 1 Mk.), und des Dichterfürsten „Märchen" in neuer reizvoller Zusammenstellung, wenn auch trotz des Titels kaum als Geschenk für Kinder verwendbar; ferner des Meisters der Detailmalerei Heden- stjerna „Novellen" (2 Mk., einzeln je 50 Pfg.), „Heimat", „Marie aus dem Goldenen Roß" und „Majoratsherr", „Kaleidoskop" (je 2 Mk.), Heydens „Wort der Frau" (1,20), Mengs' ergreifende Sylter Erzählung „Karen" (1,50 Mk.), Oesers „Weihgeschenk für Frauen und Jungfrauen" (3Mk.), der so früh vollendeten Marie Petersen „Irrlichter" und „Prinzeß Ilse", Schulzes „Bezauberte Rose" (je 1 Mk.), Scotts „Jungfrau vom See" (1,75), Stifters „Hochwald" (1,50), „Bunte Steine" (2 Mk.), Tegnsrs „Frithjofs-Sage" (1,20), Tennysons hohes Lied entsagender Liebe „Enoch Arden" (1 Mk.), Voß' ländliche Idylle „Luise" (1, Mk.). Diesen herrlichen Einzeldichtungen schließen sich die Gedichtsammlungen an: Baehrs „Neues Buch der Lieder" (1,30), Bürger, Chamisso, Eichendorff, Goethe, Hebbel, Herder, Hölterliu, Hölty, Sen an, Mosen, Platen, Schenkendorf, Uhland (je 1,50 Mk.), Rückert, Droste-Hülshoff (je 1,75 Mk.), Schiller (1,30), Heine „Buch der Lieder" (1,20), „Neue Gedichte" (1 Mk.), Schub art (1,20), Mistral (1 Mk.), Byrons /Manfred" (1,20), Körners „Leyer und Schwert" (1 Mk.), die Anthologien von Bern „Geleitworte fürs Leben" (2 Mk.), Bnsse „Neuere deutsche Lyrik" (3 Mk.), Barthels „Neuer poetischer Hausschatz (5 Mk.), Arnim-Brentanos klassische Sammlung alter deutscher Lieder „Des Knaben Wunderhorn" (4 Mk.), die religiös-ernsten Bändchen Hammer „Schau um dich und schau in dich" (1,20), Herders „Vorn Erlöser der Menschen (1,50), Miltons „Verlorenes Paradies" (2Mk.), Lavater „Morte des Herzens" (1,50), Spittc.s „Psalter und Harfe" (1 Mk.), Teguörs „Nachtmahlskinder" (1 Mk.), Feuch- terslcben „Diätetik der Seele" (1,20 Mk.). — An Romanen finden wir die auserlesensten Namen, vor allem die sensationellsten Werke der jüngsten Zeit: Sienkiewicz (s. v.), Tolstoi „Auferstehung" (2 Mk.), Wallace „Ben Hur" (3Mk.), Kingsley „Hypatia" (3 Mk.), Multatuli (s. o.), Bulwer „Letzte Redaktion- August Götz. — Tage von Pompeji" (2,50), Eugen Aram (3 Mk.), „Rien;'" (3,50 Mk.) „Nacht und Morgen" (1,25), Tickens „Oliver Twist", „Pickwickier" (je 3 Mk.), „Klein Dorrit", „Nicholas Nickleby", „Copperfield", „Bleakhaus" (je 4 Mk.), Dumas „Drei Musketiere" (3 Mk.), „20 Jahre später" (4,50 Mk.), „Monte Christo" (6 Mk.), Viktor Hugo „Notre Dame von Paris" (3 Mk.), Mauzoui „Tie Verlobten" (3 Mk.), Mügge „Afraja" (3 Mk.) und „Bogt von Sylt" (1,50 Mk.), Scott „Jvanhoe", „Kenilwvrth", „Guy Manuering", „Waverley", „Talisman", „Quentin Durward", „Kloster", „Der Abt" (je 2,50 Mk.), die stimmungsvollen „Norwegischen Novellen" von Thoreseu (1,50 Mk.), Thackerays berühmten „Jahrmarkt des Lebens" (4 Mk.), Tilliers feinpointierten „Onkel Benjamin" (1,50 Mk.), Wickströms Geschichte eines Friedlosen „Arnliok Gällina" (1,50 Mk.). — An schönen Gesamtausgaben der Klassiker sind vertreten Goethe in 5 Bänden (Leinenband 12,50 Mk.), Halbfranz 15 Mk.), Heine und Schiller in je 4 Bänden (Lnbd. 7,50 Mk.), Rückert ein Band in Lnbd. 3 Mk., Halbfranz 4,50 Mk., Hebbel in einem Bande (3 Mk. bezw. 3,50 Mk.), Otto Ludwig in einem Bande (2,25 Mk. bezw. 3 Mk.). — An hervorragenden Fachtverken nennen wir Borländers' rnustergiltige neue Ausgabe von Kants „Kritik der reinen Vernunft" (3,60 Mk.), Schopenhauers Hauptwerke, Carlyles „Helden und Heldenverehr- ung" und „Sartor Resartus" (je 2,50 Mk.) und dieses bedeutenden Geistes grandioses Geschichtsgemälde . „Tie Französische Revolution" (4,50 Mk.), welchem wir die berühmten Geschichtswerke von Flavins Josephns anschließen: „Jüdische Altertümer" (6,50 Mk. bezw. 8 Mk.), „Der Jüdische Krieg" (3,25 Mk. bezw 4,50 Mk.) und seine „Kleineren Schriften", die Hauptwerke Darwins. Der Baterlandsfreund wird sich an Hans Kraemers vorzüglich geordneter dreibändiger Ausgabe der „Reden des Fürsten Bismarck" (5,25 Mark, Liebhaberband 7,50 Mk.) erfreuen. — Die vorstehend vermerkten Preise sind fast durchstieg die der Ausgaben in hochelegantem Geschenkband, vielfach mit Goldschnitt. In einfacherem, aber ebenfalls sehr geschmackvollem braunen Leinenbande sind dieselben Bücher meist noch um eist Drittel bis die Hälfte billiger. Gemeinnütziges. * Zweckmäßige Behandlung von Herren- kleidern. Zur größeren Schonung der unteren Ränder der Tuchbeinkleider besetze man diese gleich im neuen Zustande stets folgendermaßen: Man kaufe vom Schneider oder in der Lederhandlung Reste von weichem, außen gegerbtem Hirschleder, wie sie sich aus dem Anfertigen von Reithosen ergeben, schneide sie in zweifingerbreite! Streifen und nähe sie innen, dicht am untersten Rande, mit kleinen Nebenstichen so an, daß sie, umgeschlagen, rechts als schmales schwarzes Röllchen erscheinen, schlage um und uähe die untere Kante, innen im Beinkleid sichtbar, ebenfalls mit kleinen Nebenstichen an. Dieses Leder ist ebenso iveich als zähe und hält ungemein lange, sodaß der untere Rand nie zerschleißen kann. Staubflecken werden mit frischem Wasser und eigens dazu bestimmtem Tuche, Fettslecke mit Benzin, Farbflecke mit Terpentin abgerieben. Sehr staubige Beinkleider sollten zuerst linksgekehrt, hier geklopft nnd gebürstet, dann erst rechts ebenso behandelt werden. Homogramm. Nachdruck verboten. •« & ® & •« ä & 1. Vorname. & B ä B ä 4. Schutz des Landes. & V ä V 3. Mineral. ■« Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Anagramm in vor: Nr. Altar, Ulanen, Traum, Oberon, Mais, Ostern, Bast, Insel, Leim« Automobil. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Duch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen