1903. Areitag den 9. Kktoöer. |iT V«U »nöföer.aui v.. H.'Nöli..jn ft ii H « ■äqi ZtzlsfZH EÖH LW (Nachdruck verboten.) Iss WemWeu m her Brckzie. Von B. W. Howard. (Fortsetzung.) Welcher böse Geist war in die unbedeutende, kleine Person gefahren, äaß sie es mit jedem ihrer Worte so recht darauf anlegte, Guenns vernünftige Entschlüsse wankend zu machen, sie von dem gewählten, sichern Pfade abzuleiten, und ihr heißes, ungestümes Herz unter den alten ^auberbann zu zwingen, der sie wider Willen gefangen Mit herrischer Geberde unterbrach sie das Geschwätz der Frau. Kaum wissend, was sie tat, eilte sie durch das Tor, dann über den Hof und die baufällige Treppe hinauf, als jagten Geister hinter ihr her. Ohne anzuklopfen — Guenn kannte diese unwichtige Zeremonie wohl, aber sie machte sie mit oder unterließ sie nach ihrem Belieben — vsfuete sie Hamors Tür und erschien plötzlich wie eine Windsbraut in dem zum Atelier umgewandelten Bodenraum. — Tas Gesicht der kleinen Jeanne drückte unverhohlenes, aber doch freudiges Erstaunen aus: die blaue Ader auf Hamors Stirn trat stärker hervor, sonst aber war ihm keinerlei Ueberraschuug anzumerken. Ohne auch nur den Kopf zu wenden, arbeitete er mechanisch werter, obwohl er sehr wohl wußte, wer gekommen war. „Willst Du vielleicht so gut sein, die Tür zuzumachen, Guenn?" sagte er so Unbefangen, als sei nichts geschehen. Sie rührte sich nicht, er wandte sich freundlich nach ihr um, sie erwartungsvoll anschauend, zu lächeln wagte er nicht in diesem entscheidenden Augenblick. Guenns zarte, kleine Gestalt lehnte gegen die offene Tür, die Hände waren krampfhaft zusammengepreßt. Sie glich einem scheuen, fluchtigen Reh, das im nächsten Augenblick mit derselben Behendigkeit, mit der es sich in die Gefangenschaft be- 5sperr,, wreder hinaus in die Freiheit springt. „Mach' bitte dre Ture zu, wiederholte er in sachgemäßem Ton, als sich rhre Augen trafen, „der Zrrg ist sonst zu arg, wegen der zerbrochenen Fensterscheiben." . . Grienn schlug vor seinem ruhigen Blick die Augen nieder, ihre Finger lösten sich, der Geist des Widerspruchs war bezwungen. Langsam wandte sie sich nach der £ür, me sre Mit eigener Hand schloß. Sie hatte ihr ganzes, altes Leben für immer ausgeschlossen. Ter kleine, bucklige Kobold in der Ecke gab keiüen Laut von sich, Jeanne machte ein sehr vergnügtes Gesicht und Hamor, der sich wieder seiner Arbeit zugewandt hatte, atmete erleichtert und triumphierend auf. Guenn stand NA rmmer unschlüssig an der geschlossenen Türe hinter „Komme doch und sieh zu, wie ich Jeanne male". sagte die weiche, tiefe Stimme, und Hamor deutete aufeineu Feldstuhl in seiner Nähe. Mechanisch gehorchte Guenn seiner Ausforderung und nahm den ihr angewiesenen Platz ein. Ihre Brust hob und senkte sich, ihre großen, unruhigen Augen folgten jedem seiner Pinselstriche, zuerst wohl ohne mehr Verständnis' fiir sein Tun, als etwa das Tier des Waldes der Kunst gegenüber empfindet. Allmählich übte aber Hamors ernstes Wesen und der Anblick der beiden wohlbekannten Gesichter einen besänftigenden Einfluß. Niemand schien sich über Guenns Hiersein zu verwundern oder ihr befehlen zu wollen; so begann sie denn sich neugierig im Atelier um- ßuschauen. Mt sichtlichem Interesse hastete ihr Auge auf dem bunten Chaos, das sich ihr darboi, sie stand auf um alles genau zu betrachten, aber hütete sich wohl, irgend welche Fragen zu stellen. Es kam überhaupt nicht vor, daß eines der Modelle Staunen oder Ueberraschung kund tat. Ter Anblick der seltsamsten Gegenstände entlockte ihnen' nie eine Frage oder einen Laut der Verwunderung. Mas gab es aber hier alles zu sehen! Feldstühle und Staffeleien, Schalen, Flaschen und Ktüge ständen umher/ alte bretonische Stickereien waren über einen Balken geworfen, Stücke farbigen Wollenstoffs in künstlerischem Faltenwurf geordnet; übereinandergestellte Kisten, geschickt durch eine dunkelrote Decke verhüllt, bildeten einen altarähnlichen Tisch; einige auserlesene Bücher, eine langhalsige, altertümliche Base, die aus der Ritterzeit stammte/ dazu ein buntes Durcheinander von unzähligen Kleinigkeiten, die in malerischer Unordnung umherlagen, fanden sich hier angesammelt. Guenn musterte alles nach Belieben Mit Muße und Gründlichkeit. Als sie im Kauiin, wo ein Helles Feuer brannte, eine herausfallende Kohle bemerkte, miete sie rasch nieder, legte sie mit der Zange zurecht' und sah sich dann nach einem Handbesen um, die Asche zu entfernen. „Ta drüben hängt er", sagte Jeanne in bretonisches Mundart nnb deutete nach einer entlegenen Ecke. „Ein schöner Platz dafür!" murmelte Guenn und lief hinüber den Besen zu holen. Hamor schenkte ihr anscheinend nicht die geringste Aufmerksamkeit, als sie aber mit der kleinen, häuslichen Verrichtung zu stände gekommen war, sagte er einfach: „Tanke, Guenn!" Sie lächelte ihn freimütig an. Tas Atelier gefiel ihtz ausnehmend; man konnte darin tun und lässeu, was mäst wollte, und es schien geräumig genug, um einen Wettlauf äbzuhalten. Vergnügt trommelte sie au den Feusterscheibest und bald vernahm man ihr fröhliches Lachen in dem stillest Raum. „Siehst Du Jeauue", begann sie fröhlich, „die kleine/ dumme Gans da unten wollte mich heraufbringen, da bist ich denn doch lieber von selbst gekommen!" Sie lachtä wieder, zog ihr Strickzeug aus der Tasche, setzte sich in die- Fensterbrüstung und begann ans die una»n>ungenste WM 598 mit Jeanne und Nannic zu schwatzen; sie fühlte sich frei tote der.Vogel in der Suft und nichts störte sie in ihrem Vergnügen. Hamor schien sich nicht im geringsten um das Gespräch seiner drei jungen Gäste zu kümmern. IM Stillen beobachtete er jedoch Guenn mit Entzücken. Er fand sie Le- zaitbernd und fragte sich ganz ernstlich, ob ihr Sachen, Ihre freie Bewegung, ihr lebhaftes Wesen, ihre natürliche Anmut nicht weit anziehender sei als die künstlichen Anstrengungen, welche die seinen, jungen Damen bei etwaigen Besuchen seines Ateliers zu inachen pflegten, um sich ihm aiigenehm zu erweisen, wobei er so ost dieselben stehetiden Redensarten und unverdauten Kunsturteile mit anhöreir mußte. Lange blieb Guenn indessen nicht auf ihrem Fensterplatz; das Stillsitzen war niemals nach iyrent Geschmack gewesen. Strickend, plaudernd und lachend begann sie löieber int Zimmer umherzugehen und zuletzt hinter Humors Feldstuhl Posto zu fassen, nm den wunderbaren Strichen seines Pinsels zu folgen. Unwillkürlich empfand sie, mit wie ernstem Eifer er sich seiner Arbeit hingab und sah staunend, tote ihm unter der Hand das Bild an Kraft und Schönheit gewann. „Nun, Ivie findest Du es?" fragte Hamor nach einer Weile sich umblickend, „ist es Jeanne ähnlich?" „Jeanne sieht niemals so traurig aus", versetzte sie ohne Zögern, „auch ist ihr Gesicht viel mehr so —", sie bezeichnete mit den Händen eine gewölbte Form, „nicht so —" die Hände streckten sich. „Ich verstehe wohl was Du meinst, aber Guentt, das liegt nicht an der Form des Gesichts, sondern am Munde, der bei Jeanne sehr schwer zu malen ist, aber so —", er machte ein paar leichte Striche am linken Mundwinkel, „so kommt es vielleicht heraus, ist das besser?" „Ja", erwiderte Guenn beifällig, „aber jetzt ist es häßlich". „Ta hast Du vollkommen recht", lachte Hamor und blickte sie mit einer Bewunderung an, die nicht nur ihrer Schönheit galt. Wie selten bekam er von einem seiner. Kollegen oder einem gelegentlichen Besucher seines Ateliers solch offenes, ehrliches Urteil zu hören. Ehrlichkeit ist ein so seltener Gast, daß er sie wohl zu schätzen wußte. Wie, wenn er die kleine Unschuld auf eine noch stärkere Probe stellte? Geh' doch einmal dort hinüber, drehe die an der Wand lehnenden Studien um und sage mir, was Du darüber denkst!" Guenn schritt nach der anderen Seite des Speichers, wo sechs ober acht Bilder, in halb ober fast ganz fertigem Zustanb ihrer Vollendung harrten, wendete sie um unb veranstaltete so in wenig Augenblicken eine kleine Kunstausstellung in bem Bodenraum. Immer noch emsig strickend, stellte sie sich dann in einiger Entfernung auf und gab in ihrer Eigenschaft als Kunstkritiker ihre Ansicht mit soviel Selbstvertrauen und Unbefangenheit zUm besten, als handle es sich um eine Ladung Fische. „Warum sollte sie auch nicht?" überlegte Hamor bei sich. „Warten wir etwa eine besondere Ausbildung oder eingehendes Verständnis ab, um alles und jedes zwischen Himmel und Erde zu beurteilen und zu besprechen?" Was verstehe ich zum.Beispiel von Musik? und lasse ich mir wohl jemals eine Gelegenheit entgehen, meine höchst fraglichen Ansichten über bte Wagnersche Zukunstsmusik zu äußern? — Tas Mädchen ist entzückend in seiner Frische und Eigenart!" Guenn sah scharf und klar, sie sprach, was sie dachte, und ihr Wahrheitssinn war unbestechlich „Wenn doch eine e Vorsehung alle Kunstkritiker mit diesen himmlischen ausrüsten loollte", stenfzie der junge Maler innerlich Unter den Skizzen befanden sich auch einige, die von Staunton und Douglas herrührteu. „Eine schöne Gesellschaft", rief Guenn lachend, „da sitzen sie zusammen wie die Heringe in einer Tonne und die Wände können ihnen jeden Augenblick auf die Köpfe fallen." „Ein sehr schätzbarer Wink für Douglas", murmelte Hantor befriedigt. „Ich habe es ihm ja gleich gesagt, aber er wollte es mir nicht glauben. Die kleine Hexe hat, meiner Treu, angeborenes Kunstgefühl!" Zuletzt kam ein großes, fast vollendetes Bild an die Reihe, das big beiden Hauptmobelle Jeanne unb Viktoria darstellte. Eifrig plaudernd saßen beide Mädchen auf ein paar Balken unten vor dem grauen Hause mit den grünen Fensterläden und den hohen Fliederbüschen. Die Köpfe znsammensteckend, ließen sie das Strickzeug im Schoße ruhen, zu ihren Füßen spielte eine Katze mit dem Knäuel. Marien- sädeu hingen in der Luft, der milde Herbstsonueitschein lag auf den Blättern des Fliederbusches, einzelne Strahlen spielten auf den Balken, auf Viktorias weißem Häubchen und ihrer rosigen, jugendlichen Wange. Hamor hielt dies Bild für das Beste, was er bisher in Plouvenec geschaffen und mußte lächeln, als er merkte, tote gespannt er auf den Urteilsspruch des jungen Mädchens harrte. „Da unten ist's gut warm", sagte Guenn, unb warf tote vergleichend einen Blick in bem feuchten, kalten Bodenraum umher. Dann begann sie zu lachen: „Viktoria ist solch ein dummes Ding", meinte sie offenherzig, unb Hamor konnte nicht umhin, ihr betzupflichten. Plötzlich aber wandte sie sich argwöhnisch nach Jeanne nm: „Jeanne, auf der Stelle sagst Du mir, wovon ihr gesprochen habt", rief sie in befehlendem Tone, wobei ihre Augen eifersüchtig funkelten. „Ich habe Dir schon hundertmal gesagt, daß Viktoria eine falsche Katze ist — wie kannst Du nur so bete fein, ihr alles zu sagen, was Tu weißt! Wenn sie so aussieht, hat sie allemal eine Bosheit im Sinn! Geschwind, sag' mir, was Tu geschwatzt hast!" Sie stampfte zornig mit bem Fuß unb wartete mit herrischer Miene auf bte Antwort ihrer Freunbüt. „Aber Guenn, was fällt Dir nur ein", sagte Jeanne besänstigenb. „Tas alles war ja nur zum Sitzen, wir taten nur so, weil Monseur es wollte. Ich habe bie ganze Zeit, nicht über zwei Worte mit ihr gesprochen; Monsieur wird Tir das selbst sagen." Guenn blickte fragend von einem zuni andern, war am Ende jedoch so gnädig überzeugt zu sein. „Ta ist ja auch die Katze!" rief sie freundlich unb brach bas Gesprächsthema ab. Es war bieselbe Katze, bie ihr dort unten so gleich- giltig den Rücken gekehrt hatte. Wie lange schien das schon her zu sein, und wie viel schöner war es hier oben, als da unten in dem düstern Torweg! Nun sie einmal das Atelier betreten hatte, gab sie sich dem neuen Genuß auch mit ganzer Seele hin, ohne seden Nebengedanken. Sie vergaß ihre Befürchtungen, ihren Stolz, sie vergaß, daß sie ihrem Vater zu Willen handelte — sie vergaß auch! Thymert. „Ah mon dien, qtie la bte est untere!" erklang wieder ihr leichtfertiges Liedchen. Tritte auf der Treppe und ein Klopfen an der Tür kündeten Staunton und Douglas an. Guenn starrte den Eintretenden mit so feindseliger Miene entgegen, als wolle sie fragen, welches Recht sie wohl hätten, in ihr Reich einzubringen. „Ist's schon Frühstückszeit?" fragte Hamor die Freunbe. „Höchste Zeit", versetzte Staunton mit vielsagenbem Lächeln. „So wartet auf mich, bitte! Heute nachmittag arbeite ich nicht im Atelier," wandte er sich' dann zu Jeanne, zugleich Nannie und Guenn in seinen Blick einschließend. „Willst Du morgen zur gewöhnlichen Zeit Herkommen?"- „Ja", erwiderte Jeanne pflichtgetreu. „Nannic kann natürlich ganz nach Belieben konnnen und gehen." „Natürlich", bestätigte der kleine Krüppel. „Und Tn, Guenn?" „Vielleicht", antwortete sie kurz angebunden. „Es hat Dir doch hier oben gefallen, nicht wahr?" Er trat dicht an sie heran und beugte sich zu ihr nieder, seine Stimme klang mild und einschmeichelnd. „Ganz gut", entgegnete sie leichthin, aber über ihr feines, ausdrucksvolles Gesicht flog ein glühendes Rot. Dabei warf sie einen rascheU, argwöhnischen Blick ans die beiden jungen Maler. Staunton blickte sorglos . zum Fenster hinaus und Douglas sah sie mit der unschuldigsten Miene von der Welt an. „Ich darf Dich also erwarten?" fragte Hamor freundlich. . „ „Mör weiß!" entgegnete sie so gleichgiltig wie früher. Aber Hamor wußte, daß sie kommen würde; ihre Augen sprachen deutlich, was die Sippen verschweigen wollten. Tie drei Männer machten sich in bester Stimmung auf den Weg. Staunton warf seinem Freunde einen forschenden Blick zu, worauf Hamor in ein unbändiges Gelächter aus- brach. „Nun", fragte Douglas, „was gibis denn zu lachen? Bist Tu toll geworden?" „Im Gegenteil, ich habe in meinem ganzen Leben noch keinen solchen Triumph der Vernunft gefeiert. Aber dieses Mädchen! — Zwei Stunden lang ist sie oben gewesen, hat im Sturmschritt ihren Einzug gehalten, und von allem nm sie her Besitz ergriffen. Es steht auch nicht ein Blendrahmen, nicht eine Staffelei mehr oben, die ich noch mein' Eigentum zu neunen wage. Sie ist alleinige Herrscherin! Aber sie ist auch zu köstlich. Ich muß mich jetzt wirklich einmal auslachen, hernach habe ich ja den ganzen Nachmittag Zeit, wieder vernünftig zu sein. Es ist zu unglaublich!" „Ich hoffe doch', begann Douglas langsam und bedächtig, „daß Mademoiselle Nodellec uns gestatten wird, ab und zu noch hinauf zu kommen!" „Sie ist das schönste Mädchen, das ich je gesehen habe", schwärmte Hamor entzückt weiter. — „Tas haben wir schon oft gehört, es ist uns nichts Neues mehr", meinte Staunton lächelnd. „Sie ist das schönste Mädchen, das Tir je vorgekommen ist. Du wirst mit ihr ein Prachtbild malen und dadurch Geld und Ruhm, und die große goldene Medaille erwerben!" „Tas werde ich auch", bestätigte Hamor im Tone unerschütterlichster Ueberzeugung. „Unterdessen hast Du aber wohl nichts dagegen, mit uns zum Frühstück zu gehen", setzte Staunton trocken hinzu. (Fortsetzung folgt.) Das Wunderkind. Plauderei von Hans E s ch e l b a ch. Hab' einen Jungen, just ist er drei Jahr', Sonne hat er in Äugen und Haar; Könnt es uns glauben, wir sind nicht blind: Unser Hans ist ein Wunderkind! Himmel, was ist der Bengel schon klug, Malt mir mit Bleistift in jegliches Buch: Meine Gesponstiu hat längst drum entdeckt, Daß in dem Jungen ein Raphael steckt-- Hat er ein Spielzeug recht neu noch und schön, Hans muß sofort es von innen besehn; Ist es ein Zug doch recht schlau und gesund, Allem zu gehen bis tief auf den Grund. Drum, wo die Gosse am tiefsten muß sein, Patscht er mit beiden Beinen hinein! Was der in Zukunft nicht alles verspricht, Glauben die meisten Leute uns nicht. Salbt sich die Haare mit Ricinus fein. Warf uns auch neulich ein Fenster schon ein, Trommelt für sieben und trampelt für acht, Hat unfern Igel ins Bett mir gebracht. Und — die Sache ist wirklich verbürgt! — Hat auch drei Groschen hinab schon gewürgt. Wenn er nur fleißig weiter so spart. Wird er noch reich nnd schlägt aus der Art! • Ist auch, wie könnte es anders denn sein, Reif schon für jeden Tierschutzverein: Sitzt in der Falle mal still eine Maus, Läßt unser Hans sie schleunigst heraus. Klüger als Hans, der goldige Wicht, War mit drei Jahren selbst Goethe noch nicht; Drum — wer's bezweifelt, ist neidisch und blind! Hans ist ein wirkliches Wunderkind! So schrieb ich vor etwa zwei Jahren; denn Hans ist jetzt fünf Jahre alt. Abends hat er in seinen Schuhen immer Sand und Steine und in seinen Taschen Pech, Kreisel, Räder aus einer alten Uhr, Bindfaden, Nägel, Spielsteine, Schrauben, Knöpfe und sonstige nützliche Dinge. Neben unserem Hause in der Neustadt liegen mehrere Bauplätze, die durch Bretter- und Lattenverschläge eingezäunt sind und die die Kinder der Nachbarschaft „die Wiese" nennen. Hier hat Hans seinen liebsten Spielplatz. Einmal hat er sogar einen „Hüpferling" hier gefangen und dreimal ein Marienkäferchen. Vor einiger Zeit kam er nun mit sehr bedenklichem Gesicht zu mir und bat mich um zwei Pfennig, er wolle sich ein Stuck „Wiese" kaufen.' O du armer, lieber Großstadtbewohner, dem sie die Wiese langsam immer mehr mit grauen Steinbauten zugemauert haben, empfindest auch du schon, daß dir zu wenig Luft und Licht bleibt? Und nun willst du dir für zwei Pfennig „ein Stück Wiese" kaufen? Und ich gab ihm sogar drei Pfennige „für ein Stück Wiese". Er hat das Geld aber später doch verpraßt. Man bekäme kein Stück Wiese dafür, hätten die Maurer gesagt. Ein großer Tierfreund ist unser Wunderkind natürlich auch. Seine besondere Liebe gehört unserem Winda, einem kleinen, dicken Hunde, der die Teppiche zerreißt, neue Bücher anknabbert, meine Pantoffeln immer verschleppt und sechzehn Mark Steuer kostet. Kaisers Fritz, der zwei Jahre älter als unser Hans ist, hat nun immer mit einem Stocke nach Winda gestoßen; denn zu den üblen Eigenschaften des Hundes gehört auch, daß er sich alles gefallen läßt; eine Eigenschaft, die er mit unserem Hans teilt. Fritz stößt den Hund wieder einmal mit dem Stock in die Seite, der Hund wedelt zutraulich mit dem Schwänze, und unser Hans bittet: „Fritz, tu Winda doch nichts!" „Warum nicht?" „Sonst weinen dem Winda seine Flöhe!" Vor einem Vierteljahre hat sich unsere elfjährige Aenny einen Zahn ausziehen lassen, und weil sie sich so helden- mütig dabei benommen hat, habe ich ihr fünf Groschen für den Zahn bezahlt. Nun wollen die Gespielen von Hans oft „König von Frankreich-" werden, und unser Hans will immer „Kaiser von Bonnreich" sein, von Bonn, weil dort seine Großmama wohnt. Er will immer ihr fahren, und weil er seine Sparpfennige schlecht zu Rate hält, habe ich ihm gesagt, er könne nicht nach Bonn fahren, weil er zu wenig Geld in der Sparbüchse habe. Und jetzt will sich der Kerl, der sonst vor dem Arzte eine Riesenangst hat, aus einmal zwei Zähne ausreißen lassen. Und mit dem Schmerzensgelde will er nach Bonnreich zur Großmama fahren! Neuerdings philosophiert er immer: „Der liebe Gott kann alles, der kann über ein Haus springen. Nicht wahr, Vater, das kann der kleine Cohn aber nicht?" Auch vor dem Christkindchen hat er einen gewaltigen Respekt. Das Christkindchen könnte den heiligen Mann — St. Nikolaus — mit einer Hand auf die Erde werfen, behauptet er immer. Das Wunderkind ist nicht immer rein. Manchmal hat er ein Gesicht wie ein Indianer, und Löcher hat er auch schon in der Hose. Darauf ist die Großmutter ganz besonders stolz. An den Löchern sähe man doch, daß ein Junge in ihm stecke! Vor einem halben Jahre hat mich Hans mit der kühnen Behauptung überrascht, er könne ganz allein über „die Britz" — er meint einen mannshohen Bretterzaun — klettern. Ich versprach ihm einen Groschen, wenn er bei meiner Heimkehr um vier Uhr an der Haustüre wäre und mir bann zeigte, daß er wirklich über die Britz klettern könne. Wirklich stand er um vier Uhr dort; aber sein Gesicht war schrecklich schmutzig. Er hatte offenbar geweint und sich die Tränen nicht mit den reinsten Händen abgewischt. Ganz verlegen verzieht sich sein liebes, schmutziges Kindergesicht, als er mich sieht, mit dem einen Auge lacht er und mit dem anderen Auge weint er. Und plötzlich wirft er sich ungestüm wider mich, umklammert meine Beine und schluchzt aus tiefstem Herzeu. „Jung', Jung', was ist Dir?" „Dem Laufenbergs Paul seine Mutter ist gestorben!" O Du heiliges Mitleid mit fremden Schmerzen, ich habe Dich nie schöner gefunden! „Dem Laufenbergs Paul sein Vater ist fort, und das Dienstmädchen ist fort, und seine Mutter" — er schluchzte wieder, als müsse er ersticken — „und seine Mutter ist gestorben, und er kann gar nicht herein, er kann gar nicht Kaffee trinken!" Ich bin ganz ratlos diesem Schmerz gegenüber; denn Lausenbergs Panl ist der liebste Spielkamerad von unserem Hans, und wenn die Frau wirklich plötzlich gestorben ist. . . Ich gehe mit unserem Hans an den Bretterzaun, um ihn auf andere Gedanken zu bringen, und er klettert wirklich hinüber und reißt sich an einem rostigen Nagel eine mächtige „Fünf" in die Hose. Er bekommt seinen wohlverdienten Groschen. Er darf sich etwas dafür kaufen, und er läuft voraus. Aber an unserer Laustüre bleibt 600 — er stehe», sieht sich nach Paul um, der nirgends zu finiten ist, und schluckt, als würge er verhaltenes Weinen herunter. „Hans, was ist Dir denn noch?" „Dein Laufenbergs Paul seine Mutter ist gestorben und . . . und. . ." Wieder wirft er sich ungestüm gegen mich und weint herzbrechend. „Und unfere Mama ist auch krank!" Da also sitzt es! Ich hebe ihn auf den Arm und nehme ihn mit herauf. Mama hat Kopfschmerzen. Er sieht sie so besorgt an, schluckt und läuft weg. Und dann ist er wieder da und hat für seinen Klettergroschen Salmiakpastillen gekauft. Die schenkt er der Mama, damit sie wieder gesund wird. Beim Kaffee würgt er an den Bissen, und dann weint er wieder: „Dem Paul Laufenberg seine Mama ist gestorben!" Ich schicke das Dienstmädchen, um nach Paul zu sehen. Es .stellt sich heraus, daß seine Mama gar nicht gestorben ist. Paul hat nur das Unglück, immer ins verkehrte Haus zu laufen, da der linke Teil des Doppelhauses, worin er wohnt, dem rechten zum Verwechseln ähnlich sieht. In dem verkehrten Hause, in das er zuerst geraten, steht aber der zweite Stock leer, und da ihm auf sein langes Klingeln niemand geöffnet, hat er unserem Hans weinend sein schreckliches Schicksal erzählt. In der Abwesenheit von Hans ist er dann ins richtige Haus gekommen, und seine Mama ist Gott sei Dank von den Toten erstanden! Die Salmiakpastillen haben mich „unsere Mama" wieder gesund gemacht — der Himmel ist wieder heiter. Manchmal steht Frau Sorge hinter mir. Ich beuge mich daun tiefer über meinen Arbeitstisch; aber ich schreibe nicht. Alles liegt grau in grau. Ta klettert Haus an meinem Rücken herauf, und dieweil sich Aenuy zwischen meine Kniee schiebt und nach meinen neuesten Geschichten fragt, hält er sich an meinen Haaren fest, beugt meinen Kopf hintenüber und lacht mir in die Augen hinein. Wo ist Frau Sorge? Die Sonne scheint jai Aenuy! . . . Hans! . . . Wunderkind! Vermischtes. Eine Kinderstube eigenster Art wird von dem S-mithsonian Institut auf der Weltausstellung in St. Louis 1904 errichtet werden. Die Idee, die hier verkörpert wird, stammt Von dem Sekretär des Instituts, dem Professor Langley. Die Kinderstube beabsichtigt, die Jugend für die Naturwissenschaften, insbesondere für das Tierleben zu interessieren und gleichzeitig die Phantasie der Kinder anzuregen. Das, was geboten werden soll, wird aber wohl die Erwachsenen ebenso interessieren, tote die Kinder. Um dem Denken der Kleinen eine Anzahl von Ausstellungsobjekten näherzubringen, hat sich Professor Langley die Mühe gegeben, Objekte aufzufinden, an welche die Märchenerinnerungen der Kinder anknüpfen. So werden z. B. die Kinder das Ei des Märchenvogels Rock sehen, in Wirklichkeit ist dieses Ei das des ausgestorbenen Riesenvogels von Madagaskar, da anznnehmen ist, daß dieser Riesenvogel, der von arabischen Händlern in früheren Zeiten auf Madagaskar gesehen worden ist, den Anstoß zu der Erzählung vom Vogel Rock gegeben hat. Ein Stück vom Magnetberg, der alle Schiffe zum Scheitern brachte, weil er ihn en die eisernen Nägel aus den Planken zog, wird ebenfalls zu sehen sein. Natürlich ist dies nichts weiter als ein Stück Magneteisen. Der vom Himmel gefallene Stertt ivirb durch einen interessanten Meteorstein verkörpert. Vor allem ist es die Vogelwelt, welche die Kinder interessiert, und man wird den Kondor neben dem Kolibri, den flügellosen Vogel neben den interessantesten Nachtvögeln finbeit. Um auch hier bas Interesse der Kinder anzuregen, werben vor allem Kuriositäten ausgestellt, z. B. ein Vogelnest mit Eiern in einem menschlichen Totenkopf, ein Nest, von einem Vogel aus der abgestreiften Haut einer Schlange gebaut. Eine besondere Abteilung wirb den Repräsentanten der Vogelwelt eingerünmt, welche ihre Nester, ihre Eier, ihre Jungen vermittels besonderer Vorkehrungetr so zu verbergen wissen, daß sie dadurch Schutz gegen die ihnen nachstellenden Feinde erhalten. Eine sehr reiche Sammlung von besonders schärten Muscheln, eine große Schtnetterlingssammluug, eine Sammlung, welchie die berühmtesten Edelsteine ber Welt in Glasimitation zetgr, allerlei Kuriositäten aus bent Mineralreich, allerlei schädliches Gewürm, wie Taranteln, Skorpione usw. werden zur Betehrung und Unterhaltung der Kinder in dieser eigenartigen Kinderstube vorgeführt werden. Sprachecke. Der „Zeitschrift des allgemeinen deutschen Sprachvereins", die jedem Leser durch ihre Frische und Vielseitigkeit Freude machen muß, entnehmen wir nachstehende beachtenswerte Ausführungen: „In währen- oem Frieden", wie Graf Porck v. Wartenburg in seiner „Weltgeschichte in Umrissen" Seite 425 schreibt, ist gute, alte Werse, heute zwar nickt mehr allgemein üblich, aber u. E. nicht zu tadeln. Auch Scheffel schreibt im „Ekkehard": „in währendem Streite", K. F. Meyer: „bei währendep Predigt" u. a. Mundarten kennen es ebenfalls noch, so „int währenden Regen" (Leipzig). Daneben gebrauchte man' früher auch den bloßen Wesfall so: „währendes Krieges" (Lessing, „Minna von Barnhelm" 2, 2) wie lateinisch durante bello, und daraus ist erst durch (ursprünglich) falsche Zerlegung das heute herrschende „w ä h - rend des Krieges" entstanden. Dagegen scheint tn' der Wendung „so wäre die Reform des Papstes ungefragt gemacht" (ebenda Seite 353 — ohne den Papst zu fragen) eine kühne Neuerung vorzuliegen, die allerdings auch an Besteheubes anknüpft. „Ungefragt" wird zuweilen in freierem, aktivischem Sinne verwandt, ähnlich wie „ungegessen, ungefrühstückt", z. B. „um ungefragt und nngezankt (— ohne Fragen und Zanken) meinen Platz zu finden" (Hebel), „die üble Laune fährt. . . unangefragt (— ohne anzufragen) in jeden Erbensohn" (Göckingk-, ähnlich auch Grabbe (nach Sanbers). Danach ließe sich also auch sagen: „eine Reform ungefragt machen". , Daß nun' bazn ein Wesfall gesetzt ist, beruht wohl auf einer Nachbildung von „ungeachtet", z. B. „aller Schwierigkeiten un- geachtet". Aber trotz dieser Möglichkeit, dre Wendung „des Papstes ungefragt" auf vorhandene Spiacherscheinungen' zurückzuführen, scheint sie uns doch eine unerlaubte Ncich^ bildung einer vereinzelten, erstarrten Fügung zu sein. Sonst hätte man auch das Recht, zu sagen: „ber Folgen unbe- bacht" .— ohne bie Folgen zu bebenken usw. Wer toirb aber bazu bie Hand bieten? — Hörsam (für akustisch) scheint uns ein gutes Wort zu sein. „Hörsam" fehlt in den Wörterbüchern; boch haben wir es Lei Fr. Th. Vrscher gefunben: „Das Hans war so hörsam, baß selbst bas Nagen einer Maus int Nebenzimmer meinem Ohre nicht entging." („Auch Einer" I, S. 15.) Tre prächtigste Garb erobe in ganz Eurova hat, wie eine französische Frauenzeitschrift versichert, bie Königin-Mutter Margherita von Savoyen, bie Witwe König! Humberts. Die Könrgin Margherita trägt ein Kleib nie mehr als fünfmal, wie prächtig unb teuer es auch feilt möge. Ihre „abgetragenen" Kleiber schenkt sie ihren' Kammerfrauen, bie sich große Einkünfte dadurch verschaffen, baß sie bie Roben der Königin an Engländerinnen oder Amerikanerinnen verkaufen, die sich dann damit wichtig tun. Eine bekannte französische Schauspielerin war sehr! stolz auf einen Lehnstuhl mit einem wundervollen durch-- wirkten Atlasbezug, der von einem Hofkleide der Königin! Margherita stammte. Wenn die Königin ihre Kleider verschenkt, behält sie doch stets bie unvergleichlichen Spitzen zurück. Unter anberem besitzt sie ein Spitzentaschentuch, das: drei Künstlern in diesem Fache viele Jahre der Arbeit gekostet hat. Dieses Taschentuch, das auf 150000 Fr. geschätzt wird, ist so leicht, daß man sein Gewicht nicht in der Hand verspürt, und so sein, daß es sich in eine goldene Schachtel zusammenfalten und hineinlegen läßt, bte in Form und Größe einer Bohüenschote entspricht. Tauschrätsel. (Nachdruck verboten.) Greis, Made, Arm, Weste, Korn, Bast, Sund, Kork, Rast, Wald, Seife. Durch Umtausch eines Buchstabens an beliebiger Stelle ist ans jedem Wort ein arideres bekanntes Hauptwort zu bilden. «ue neu eingesetzten Bilchstaben müssen int Zusammenhang ein yami- liensest bezeichnen. (Auslösung in nächster Nummer.) Auflösung des Logogriphs in vor. Nr.t Sonde — Sonne. Redaktion: Au-nst Lötz. — Notationsdruck und Verlag der Briibl'schen Universitäts-Buch- und Cteindruckcrci. N. Lange, Gießen.