Nr. 134 1903. Mittwoch den 9. '"eptember. skKW W^WN! 8^ 54 M.MW ,4» BÄ (Nachdruck verboten.) Schloß Osterno. Roman von S. M e r r i m a n. (Schluß.) „Wir haben alle unsere Fehler, und dürfen andere Nicht richtens fuhr er fort. „Wenn wir alles verstünden, würden wir leichter verzeihen. Die zwei stärksten menschlichen Motive sind Ehrgeiz und Furcht. Sie wurde von beiden beherrscht. Ich selbst sah sie unter dem Einfluß einer plötzlichen Angst, und bemerkte, wie der Ehrgeiz in ihr arbeitete. Der Mann da, der ein Schurke war, betrog sie wahrscheinlich unaufhörlich. Er ist tot, und der Tod, heißt es, löscht alle Schuld aus. Wäre ich ein besserer Mensch, so würde ich wohl auch besser von ihm sprechen, aber — du lieber Gott, der Mann war eben ein Schurke. Ich glaube, Gott wird zwischen ihnen richten und dem armen Weibe vergeben. Sie mag ihre Tat wohl bereut haben, als sie das Geschrei der Aufrührer hörte; ich bin davon überzeugt. Ich bin überzeugt, daß sie herunterlief, um das Türchen zu schließen, und den Baron hier fand. Wahrscheinlich sprachen sie miteinander, als -bie armen Narren, die sie töteten, auf dieser Seite des Schlosses erschienen und sie entdeckten. Sie erkannten in ihr die Fürstin nnd hielten ihn wahrscheinlich für den Fürsten. Die Menschen nennen das ein Zusammentreffen von Zufällen. Wie Gott es wohl nennen mag?" Er brach ab, bückte sich und legte einen Zipfel vom Mantel des Toten sanft über das entstellte Gesicht. „Wir wollen daran denken, daß er sie zu retten versucht hat", sprach er weiter. „So ist manches Menschenleben, — gerade am Ende gibt es eine kleine Sühne. Jin Leben war er ihr böser Geist; als er starb, mußten sie ihn zertreten, um zu ihr zu gelangen. Gnädiges Fräulein, wollen wir jetzt gehen?" Er ergriff Nelly beim Arme und führte sie sanft hinweg. Sie zitterte am ganzen Leibe, aber sein Arm war fest. Er geleitete sie die enge Treppe hinauf in ihr eigenes Zimmer, in dem ein Helles Feuer brannte; die augezün- deten Lampen standen auf dem Tische, gerade so, wie die Jungfer sie beim ersten Alarmruf verlassen hatte. Nelly sank in ein Fauteuil und brach plötzlich in Tränen aus. Der Intendant blieb neben ihr stehen und streichelte mit seinen dicken Fingern sanft ihre Schulter. Er sprach kein Wort, aber der graue Schnurrbart verbarg nur halb die Lippen, die vor Zärtlichkeit und Teilnahme zuckten. Nelly war die erste, die wieder zu sprechen anfing. „Ich danke Ihnen, mir ist jetzt besser", sagte sie. „Sre brauchen hier nicht länger zu warten. Die arme Etta!" Steinmetz schritt auf die Tür zu. „Ja, die arme Etta", wiederholte er. „Gerade die. die in der Welt am meisten vorwärts kommen, sind oft am meisten zu bemitleiden." An der Tür blieb er stehen. „Morgen bringe ich Sie zu Ihrer Mutter zurück; ist Ihnen das angenehm, gnädiges Fräulein?" Sie lächelte ihn traurig unter Tränen an. „Ja, es wäre mir lieb", antwortete sie. „Dieses Land ist grauenhaft. Ich danke Ihnen für Ihre Güte." Steinmetz ging hinunter und fand Paul vor dem Schloßtor. Er sprach eben mit einem jungen Offizier, der langsam vom Pferde stieg und im stolzen Bewußtsein seiner glänzenden Uniform lässig im Vestibül nmher- schlenderte. Es war ein Kosakenleutnant mit einem schönen, knabenhaften Gesichte, das zum Vorschein kam, als er sich bei der Vorstellung vor Steinmetz verbeugte und zugleich mit einem Schwünge seine hohe Astrachanmütze vom Kopfe zog. „Ja, der General hat mich mit einer Svtnia her- geschickt," fuhr er, zu Paul gewendet, auf französisch fort. „Sie werden sehen, welch tüchtigen Hunger die Leute haben; wir haben die große Strecke seit Sonnenaufgang zurückgelegt. Zu dem General drang nämlich das Gerücht, daß das ganze Dorf im Aufstand gegen Sie sei." „Wer verbreitete das Gerücht?" fragte Steinmetz. „Menn ich nicht irre, hatte es seinen Ursprung in bett Werften, und soll von einem alten Manne und seiner Tochter ausgegangen sein, — Hausiererleuten, denke ich^ die stromabwärts fuhren; aber wo sie das Gerücht hörten, weiß ich nicht." Paul und Steinmetz vermieden, einander anzusehen; sie wußten, daß Katharina und Stephan Lanowitsch die Hilfe geschickt hatten. „Ich bin natürlich sehr erfreut, Sie hier zu seheu, aber ebenso erfreut, Ihnen mitteilen zu können, daß Sie nicht mehr Vonnöten sind", sagte Paul. „Steinmetz ivird Ihnen alles erzählen, nnd ein Diener für Sie wird bereit sein, sobgld Sie es wünschen. Ich will unterdessen Befehl geben, daß die Leute versorgt werden." „Besten Dank. Das Komische dabei ist, daß ich beauftragt bin, das Dorf mit Ihrer Zustimmung unter das Standrecht zu stellen und den Oberbefehl zu übernehmen." „Ich glaube, das ivird nicht notwendig feilt", antwortete Paul, indem er in den Hof trat, um mit den wild ansseheuden Kosaken, die zu seinem Schutze erschienen waren, zu sprechen. Wie in allen Ländern, ivo ein Menschenleben nicht viel gilt, sind die Förmlichkeiten bei Todesfällen in Rußland sehr gering. Während der junge Offizier seine Uniform gegen den Frack vertauschte, Sen sein vorsichtiger Diener mitgebracht hatte, einigten sich Paul und Steinmetz eilig über die 534 Form, in der die Geschichte dieses Abends der Welt mitgeteilt werden sollte. Sie kannten das Land gut und waren daher im stunde, eine wahre Geschichte zusammenzustellen, die das Klatsch- bedürfnis trotzdem nicht befriedigen konnte. Alles, was die Welt je erfuhr, war, daß die Fürstin Etta Alexis von den aufrührerischen Bauern erschlagen wurde, während sie durch eilt Seitenpförtchen zu entschlüpfen versuchte, und daß der Baron Claude von Chauxville den Tod fand, als er sie vor der Wut des Pöbels schützen wollte. Auf den Rat des Intendanten stellte Paul Schloß und Dorf unter das Standrecht und übertrug auf der Stelle das Kommando dem jungen Kosakeuoffizier, der von dem in Twer komniandierendeu General weitere Instruktionen forderte. Ehe der nunmehrige Herr von Osterno die Wirkungen seines laugen Rittes und eines üppigen Diners verschlafen hatte, waren Steinmetz und Nelly bereit, die Reise nach London anzutreten. Das Frühstück wurde iu dem trüben Licht eines nebligen Morgens in dem Zimmer serviert, das auf die Klippen hinausging. Ein paar Lampen brannten auf dem Tisch, uud Paul wartete bereits, als Nelly reisefertig in der Tür erschien. Steinmetz hatte schon früher gefrühstückt. Sie wünschten einander guten Morgen und versuchten, von gewöhnlichen Dingen zu sprechen, bis der Diener Nelly mit Kaffee und dem sonstigen Zubehör eines soliden Frühstückes versorgt hatte. Dann entstand Schweigen. „Steinmetz wird Sie an Ihr Ziel bringen und dann zu mir zurückkommen", sagte Paul endlich mit Anstrengung. „Sie dürfen sich seiner Obhut getrost anvertrauen." „Ja", antwortete sie, indem sie den vor ihr stehenden Teller mit einem hilflosen Mick anstarrte. „Aber es ist nicht das, um was ich mich sorge. Ich weiß nicht, ob ich Ettas Andenken Ihrem Urteile ruhig überlassen darf. Paul, Sie sind sehr streng; ich glaube, Sie können sie leicht falsch beurteilen. Männer verstehen nicht immer, welchen Versuchungen eine Frau ausgesetzt ist." Paul hatte sich nicht gesetzt; er trat ans Fenster und blieb dort stehen, um in den düsteren Nebel hinauszustarren. „Ich sage das nicht, weil sie meine Cousine war", fuhr Nelly leise fort. „Ich sage es, weil sie ein Weib war und von zwei Männern gerichtet wird, die beide — hart sind." Paul sah sich nicht um und gab keinen Laut vou sich. „Wenn eine Frau ihr Leben selbst gestalten muß und es zu einem glänzenden macht, begeht sie gewöhnlich einen ungeheuren Irrtum", fuhr das Mädchen fort. Sie hielt einen Augenblick inne, und sprach dann hastig, in flehendem Tone weiter, denn sie hörte Schritte uäherkommen. „Wenn Sie alles verstehen würden, müßten Sie auch anders urteilen, — Hie können eben nicht verstehen." Da wandte Paul sich langsam um. „Nein", sagte er, „ich kann es nicht verstehen und werde es wohl auch nie können." Nun trat Steinmetz ins Zimmer. Ein paar Minuten später verschwand der Schlitten, der den Intendanten uud Nelly trug, int Dunkel des Morgens. Ein paar Kosaken, die als Wache dienten und Depeschen überbrachten, begleiteten das Gefährt. So geschah es, daß Etta Beaumont — die Fürstin Alexis — nun doch zu ihrem Gatten zurückkehrte, der in einem namenlosen Grabe an der Wolga in Twer ruhte. Hinter den weißen Wänden des Friedhofes, unter dem Schatten der großen, glänzenden Küppel erwarten sie, Seite an Seite, das letzte Gericht. 42. Kapitel. Kismet. Drei Jähre nach Ettas Tode, an einem herrlichen Äprilabend, fuhr ein sogenannter Seelentränker die Seine hinab. Das Ruder stieg und fiel so sachte, so träge und friedlich, daß die Wasservögel ihr Geschwätz über Nester und andere häusliche Aprilsorgen gar nicht unterbrachen, während das Boot vorüberglitt. In der Tat, es siihr so leise dahin, daß Karl Steinmetz sein Kommen gar nicht beachtete. Er saß mit einer großen Havanazigarre im Munde am Ufer, während eine kleine Flinte int Grase neben ihm lag. Sein Haar war plötzlich weiß geworden, wie es bei starken, alten Männern oft geschieht, und die Strahlen der untergehenden Sonne, die durch die niedrigen Zweige guckten, zwangen ihn, träge zu blinzeln, so daß er wie eine große, gutmütige Katze aussah. Plötzlich verriet ihm der Instinkt des Jägers, daß jemand herankam; er drehte langsam den Kopf und betrachtete das Boot mit ruhigem Wohlgefallen. Der kleine Kiel glitt unter den Schatten eines mächtigen Baumes; ein weißgekleidetes Mädchen in einem großen, weißen Hute führte langsam, ohne besondere Geschicklich-- keit das Ruder. „Ein hübsches Bild", murmele Steinmetz vor sich hin. „Gott im Himmel, so ein Bild kann einen alten Manu wieder jung machen!" Mit eiuemmale riß er die Augen weit auf und sprang in die Höhe. „Kolossal!" stieß er hervor, riß feinen alten, weißen Strohhut vom Kopfe und machte eine tiefe Verbeugung. „Gnädiges Fräulein, welch ein Glück nach drei Jahren!" Nelly hielt an und sah verstört auf ihn; die Farbe wich langsam aus ihrem Gesichte. „Was machen Sie da?" fragte sie, und etwas wie Furcht klaug aus ihrer Stimme. „Nichts Böses, gnädiges Fräulein, nur Gutes. Ich bin vom Hochwild auf Niederwild gekommen. Sehen Sie, hier ist eine Salonflinte. Ich warte, bis eine Wasserratte erscheint, ttnb schieße sie dann tot." Das Boot trieb näher ans Land, während das Ruder im Wasser nachschleppte. „Sie sehen wohl meine weißen Haare an", fuhr er fort. „Kommen Sie doch ein bischen näher." Das Ruder drehte sich wie eilt Fischschwanz träge int Wasser. „Halten Sie sich fest", sagte er, indem er sich bückte und mit einem leisen Lachen das Boot samt feiner Insassin ans Ufer zog. „Trotz meiner weißen Haare", setzte er hinzu, indem er sich mit beiden Händen auf die Breite Brust schlug. „Für mich haben sie keine Bedeutung", antwortete sie, indem sie die dargebotene Hand ergriff und über den Rand des Bootes stieg. „Ich habe selbst graue Haare, — ich bin auch alt." „Wie alt?" fragte er mit seiner gewohnten Derbheit, indem er auf sie hinabsah. „Achtundzwanzig." „Ach, Ihre Jahre sind Sommer, — meine sind Winter geworden. Wollen Sie sich hier setzen? Sehen Sie her, ich Breite den Plaid aus für Ihr weißes Kleid." Nelly BlieB stehen und schaute durch die Bäume zu der untergehenden Sonne hinüBer. Das Licht fiel auf ihr Gesicht und zeigte ein paar Linien, die es früher nicht ge- habt hatte; es zeigte aber auch die geduldige Zärtlichkeit in den ruhigen Augen, die dort infmer zu sehen gewesen war, und die Katharina in den stürmischen Tagen, die nun vergangen waren, sofort Bemerkt hatte. „Ich kann nicht lange BleiBen", antwortete sie, „ich Bin Bei den Faneanx' zu Besuchs und sie dinieren um sied en Uhr." „Ah, die Gräfin ist eine gute Freundin von mir. Es ist eine seltsame Welt, gnädiges Fräulein, eine sehr seltsame Welt, — so klein und doch für manche so groß und kahl." Nelly sah ihn an, dann ließ sie sich nieder. „Erzählen Sie mir alles, was seitdem geschehen ist,", murmelte sie. .„Nachdem ich Sie nach Hause geBracht hatte, fuhr ich wieder zurück", antwortete Steinmetz. „Wir wurden selbstverständlich aus Rußland verBannt. Das war zu erwarten, wir waren zu gefährlich. Mich grämte es wenig, aber Paul tat es weh." Eine kleine Pause entstand, während das Wasser zu ihren Füßen plauderte und flüsterte. „Mau hat mir erzählt, dast er eine große Reise gemacht hat", sagte Nelly endlsch mit gelassener Stimme. „Ja, er war in Indien." „Nicht in Amerika?" fragte Nelly in gleichgiltigem Ton, indem sie müßig kleine Holzstückchen ins Wasser warf. „Nein", antwortete Steinmetz, gerade vor sich hinblickend, „nein, er war nicht in Amerika."- 535 „Und Sie?'1 „Ich, — ich blieb zu Hause. Ich habe mir nämlich ein Haus gekauft, dort steht es hinter den Bäumen. Sie können es von hier nicht sehen. Ich lebe in Frieden mit allen Menschen und zahle pünktlich meine Rechnungen. Manchmal koiprnt Paul lauf ein paar Tage zu mir." „Gnädiges Fräulein", sagte Steinmetz nach einer kleinen Pause ernsthaft, „ich bin ein alter Mann und habe zu meiner Zeit viel durchgemacht, aber wenn ich alles bedenke, hatte sogar mein Leben seine Freuden. Es gibt int Leben viel Glück, das für alles übrige entschädigt; allein dieses Glück muß man festhalten, — es schlüpft so leicht durch die Fiuger. Eine kleine Uitschlüssigkett, ein kleiner Mangel an moralischem Mut, ein kleiner Mangel an Selbstvertrauen, ein bischen Stolz, und es ist verloren. Folgen Sie mir?" Nelly nickte. Aus ihren großen Attgen strahlte eine tiefe Zärtlichkeit. Steinmetz legte feine breite, plumpe Hand auf ihr schmales Händchen. „Gnädiges Fräulein, ict) glaube, der liebe Gott selbst hat Ihnen heute den Gedanken eingegeben, hieherzurndern^ fuhr er fort „Paul reift morgen ab, — er tritt eine neue, große Reife an. Es gibt Dinge, von denen wir nie miteinander sprechen — es gibt einen Namen, den toir niemals nennen. Seit Osteruo haben Sie es vermieden, ihnr zu begegnen. Gott weiß es, ich verlange für ihn nichts, was er sich scheuen würde, selbst zu verlangen, — aber auch er hat seinen Stolz; er wird sich nirgends aufdrängen, wo fein Erscheinen unwillkommen fein könnte." Steinmetz erhob sich etwas schwerfällig und sah sie an. Es gelang ihm jedoch nicht, ihrem Mick zu begegnen. „Gnädiges Fräulein, ich bitte Sie sehr demütig, sehr ehrerbietig, mit mir in meinen Garten zu kommen, damit Paul wenigstens weiß, daß Sie hier sind." Er trat ein paar Schritte von ihr fort und wandte ihr einen Augenblick den Rücken, indem er in der Richtung des Hauses blickte. Dann hörte er das Rauschen ihres Kleides, während sie sich langsam erhob. Ohne sich umzuschanen, ging er weiter. Der Weg zwischen den Bäumen war so schmal, daß nicht einmal zwei Personen nebeneinander gehen konnten. Nach etwa fünzig Schritten gelangte er auf einen großen, abschüssigen Rasenplatz, an dessen anderem Ende ein niedriges, langgestrecktes Haus stand. Auf der gedeckten Terrasse faß an einem Schreibtisch ein Mann. Er war von Papieren umgeben, und die Feder in seiner Hand glitt rasch über das vor ihm liegende Blatt. „Wir verwalten das Gut von hier aus", sagte Steinmetz mit leiser Stimme. „Aus unserer Verbannung säen wir noch immer unsere Saat." Sie schritten über den weichen Rasen, und plötzlich blickte Paul auf. Es war ein kraftvolles, strenges, beherrschtes Gesicht, das Gesicht eines Mannes', der immer ein Ziel im Leben hatte, der niemals kleinlich war, weder in Gedanken, noch in Taten. Einen Augenblick schien er sie nicht zu erkennen, dann sprang er auf, und die Feder fiel auf die Fliesen der Terrasse. Nelly ging Halb bewußtlos weiter. Sie fühlte nur, daß sie alle drei die unvermeidliche Rolle spielten, die in dem großen Komödienbuche des Lebens für sie ausgezeichnet war. Sie merkte gar nicht, daß Steinmetz sie verlassen hatte, daß sie allein über die Wiese ging. Paul kam ihr entgegen und ergriff schweigend ihre Hand. Sie hatten einander so viel zu sagen, daß die Worte ihnen plötzlich wertlos erschienen; sie hatten einander so wenig zu sagen, daß Worte unnötig waren. Das, was diese beiden einander zu sagen hatten, kann weder in Minuten, noch in Jahren ausgesprochen werden, nicht einmal während eines ganzen Lebens; denn es ist endlos und ewigi. Der Doppelgänger des Einjährigen. Manöverhumoreske von F. Clemens. (Schluß.) Die Beleuchtung im Zimmer kam zum Glück dem Schars- bli-ck des strengen Regimentsbefehlshabers nicht zu Hilfe. Trotzdem maß erden Patienten mit forschenden Augen — von dessen Verhältnis zur Tochter des Hauses wußte er nichts, sonst wäre der Verdacht, der in ihm aufstieg, vermutlich gleich zur vollen Gewißheit geworden. „Freut mich, Sie kennen zu lernen, Herr Möllhof. Ich wußte nicht, daß unser Einjähriger einen Bruder hatte — die Aehnlichkeit giebt es allerdings — sie ist frappant — geradezu frappant — wahrhaftig, wenn ich nicht eben Ihren Namen vernommen hätte, ich würde Sie unbedingt für Ihren Bruder selbst gehalten haben." Baron Welsen verbiß sich das Lachen. „Wenn er noch Zeit findet, will er morgen feilten Bruder im Biwack besuchen — gehen Sie nur, lieber Guido, der Herr Oberst weiß auch, was Zahnschmerzen bedeuten, er wird Sie gern entschuldigen." Kurt verbeugte sich und machte sich davon, während der Oberst einige Augenblicke nachsinnend dasaß. Plötzlich erhob er sich. „Aber Bardelstein, Du willst doch nicht schon fort?" „Ich muß, und sogleich, lieber Baron, ich erinnere mich eben, daß ich etwas Wichtiges vergessen habe." Da gab es kein Haltett, er verabschiedete sich rasch und schritt eilig, vom Baron begleitet, die Treppe hinab in den Hof. „Christian, niein Pferd!" „Entschuldigen Sie einen Augenblick, Herr Oberst, ich will ihm nur noch einmal zu trinken geben, das arme Tier war ganz verdurstet." „Sehr wohl, aber beeilt Etich." Schnellen Schrittes begab sich Christian nach dem Stalle. Indes bewerkstelligte Kurt in einem Hinterzinnner den Umtausch der Kleidung. Dann nahm er hastig Abschied von der draußen seiner harrenden Olga, bat sie, ihn bei ihren Eltern zu entschtildigen, und eilte durch den Garten nach dem Platz draußen, wo Christiatt sein Tier hatte hinbringen sollen. Hier fand er Christian selbst, der ihn mit der niederschmetternden Botschaft empfing: „Der Herr Oberst ist eben fort — er hat sicherlich Verdacht geschöpft." „Was — noch vor mir? So ist alles verloren, denn ich muß den längeren Weg reiten." Christian lächelte schlau. „Nur keine Sorge, Herr Möllhof — ich habe dafür gesorgt, daß Sie noch eher aitkomtnen, als der Oberst, wenn Sie auch den anderen Weg reiten —" „Was habt Ihr gemacht?" „Halten Sie sich jetzt ttichi auf — vorwärts, Brauner!" Zweifelnd und voll Angst jagte Kürt im Galopp davon. Der Oberst ritt ebenfalls int schnellsten Tempo die Hauptstraße entlang. Anfangs ging alles gut, mit einem Male begann sein Pferd unsicher zu werden. „Zum Teufel, Türk, was hast Du? Vorwärts, mein Braver." Er streichelte das Tier und klopfte es liebkosend aus den Hals. Umsonst, Türk wollte nicht mehr laufen. Das heißt, er lief zwar, aber fühlte sich offenbar unsicher aus den Husen, er schwankte und turtelte beängstigend. „Der Racker ist ja wie betrunken", räfonnierte der Oberst. „Das arme Vieh ist die letzten Tage zu sehr angestrengt worden, es muß krank sein — hoffentlich bricht es mir nicht unter dem Leibe zusammen. Er versuchte es mit Liebtosungen, Drohungen, Peitsche und Sporn, alles umsonst — Türk war wie von Sinnen —. es blieb ihm nichts übrig, als abzusteigen und das kranke Tier am Zügel nach deut Quartier zu führen. Vor Zorn kirschrot im Gesicht, erreichte er nach einer Stunde sein Ziel; wütend übergab er das Pferd feinem Diener und erteilte Befehl, das Alarmzeichen zsu geben. Alles ging wie am Schnürchen — niemand fehlte, auch der Einjährige Kurt Möllhof nicht. Vor diefem hielt der Oberst still und blickte ihm lange und forschend ins Gesicht „Ernjähriger Möllhof!" 536 „Zu Befehl, Herr Oberst." „Wo waren Sie heute ab end?" „Im Quartier, Herr Oberst — ich habe geschlafen." „Sie haben einen Bruder?" „Zu Befehl, Guido." „Ein Jahr älter als ich, Herr Oberst." „Er ist jetzt in Tiefthal zu Besuch?" „Tas ist mir unbekannt, Herr Oberst, ich habe seit acht Tagen keine Nachricht von ihm." „Hm — gut." Schon im Begriff, sich wegzuwenden, drehte er dem Einjährigen sein finsteres Gesicht noch einmal zu. „Sie sehen ihm verdammt ähnlich." „Allerdings, Herr Oberst — wir werden oft sogar miteinander verwechselt." Ter Oberst brummte etwas vor sich hin und ging weiter. Offenbar kam er zu keiner inneren Klarheit. Tie Aehnlich- keit erstreckte sich bis aus die Stimme — sonderbar! Er war geneigt, die Sache weiter zu untersuchen, aber aus alter Erfahrung wußte er, daß dabei nichts herauskam. Die Racker verrieten einander nicht! Doch ging ihm die Affäre noch lange im Kopfe herum und noch manchmal warf er verstohlen nachdenkliche Blicke auf den jungen Marrn, dessen Dienstjahr zrim Glück mit dem Manöver zu Ende ging.... Ein Jahr später befand sich Oberst von Bardelstein in einer Gesellschaft, in welcher auch die Brüder Möllhof an- wesend waren. Als Kurt seinem ehemaligen Vorgesetzten seinen Bruder vorstellte, schaute der alte Soldat dem jungen Mann aufmerffam ins Gesicht. „Na, sind Sie Ihre Zahnschmerzen los?" „Tanke, Herr Oberst, ganz und gar." „Und Sie, Herr Möllhof, haben sich gestern mit Fräulein von Welsen verlobt?" „Ja, Herr Oberst." „Gratuliere herzlich — hm — seltsame Geschichte — wirklich verwünschte Aehnlichkeit — merkwürdig, daß auch gerade mein Pferd krank wurde — war am nächsten Morgen wieder völlig gesund — werde nicht gescheit daraus!" „Was meinen Sie, Herr Oberst?" „Ich? Hm — nichts von Belang — wünsche, wie gesagt, herzlich Glück. Olga ist ein reizendes Geschöpf — behandeln Sie sie nach ihrem Verdienst, lieber Möllhof. Und vor allen Dingen", fügte er hinzu, indes ein halb- verstecktes Lächeln seine Züge überzog, „machen Sie ihr nie etwas weiß — verstanden?" Damit wandte er sich schnell hinweg, einer anderen Gruppe zu... . Es versteht sich, daß Kurt und Olga ein äußerst glückliches Paar wurden. Aber eins ist noch nachzutragen, wenn der verehrte Leser diese wahre Geschichte nicht unbefriedigt aus der Hand legen soll. Als Kurt nach seiner Entlassung vom Militär das erstemal wieder nach Tiefthal kam, begrüßten er und Christian sich mit einem verständnisvollen Grinsen, und Kurt drückte dem alten Diener ein Zwanzigmarkstück mit der Frage in die Hand: „Im Vertrauen, Christian, was habt Ihr nur damals mit dem Pferd des Obersten angefangen?" Da zeigte Christian fletschend seine weißen unregelmäßigen Zähne — kratzte sich mit der breiten Hand am Kopse uni) entgegnete halblaut: „Nichts Besonderes, Herr Möllhof — aber das arme Tier war so durstig, und da es der Herr Oberst so eilig hatte und nicht gleich Wasser zur Hand war, so hat das vierfüßige Schleckermaul einen ganzen Eimer von dem Fäßchen Lagerbier ausgesoffen, das wir eben in der Küche angesteckt hatten, 's war nämlich gerade der Jette ihr Geburtstag.!" VeNmftchtSS. Firm en-Kuriosum. In dem badischen Städtchen Ueberlingen existiert eine Wirtschaft „Zur Hölle" oder richtig: „Gasthaiis zur Hölle", wie auf dem Schild steht. Das Haus ist ein Anbau an die dortige Münsterkirche und unmittelbar daneben steht in Uebcrlebensgröße Christus am Oelber g. Der Besitzer des Gasthauses heißt Teufel (Anton Teufel), der aber führt die Wirtschaft nicht selber, sondern hat einen Pächter darauf, der heißt Pfaff. Das alles ist nicht etwa willkürlich, sondern durch Zufall so gefügt worden. Also zwischen Münster und Oelberg steht die „Hölle" als Eigentum des „Teufels", der dieselbe an einen „Pfaff" verpachtet hat. Ist das nicht Humor des Zufalls? Literarisches. Frau Grete Meisel-Heß leuchtet in ihrem bei Hermann Seemann Nachfolger in Leipzig erschienenen Roman AnnieBiankasl Mk.) tief in die weibliche Psyche hinein. Ein junges modernes Persönchen wird geschildert, das die Genußfreude und die tolle Neugier ins Verderben führen wird. Damit ist gleichzeitig das Schicksal dieser mimosenhaft reizsamen Geschöpfchen angedeutet, die von ihrem Lebensdurst geplagt und von ihm schließlich verzehrt werden. Grete Meisel-Heß weiß diesem heiklen und dankbaren Thema trefflich gerecht zu werden, und besonders sind ihr die Partien gelungen, in denen sie den Leser nach der Darstellung packender Vorgänge mit in den Taumel einer starken Leidenschaft reißt. Das Buch wird unter den Freunden der Moderne zweifellos begeisterte Anhänger finden. Eine neue Zeitschrift betrachtet man heute mit Mißtrauen, aher angenehm enttäuscht waren wir nach der Lektüre des evsten Heftes von „Spitzen", Zeitschrift für die vornehme Welt. Herausgegeben von Trüth (Verlag Rich. Eckstein Nächst H. Krüger, Berlin W. 57). Wir begegnen da Namen, wie Hans von Kahlenberg (Verfasser von „Nixchen"), Hermann Pang, Hermann Heyermanns jr., P. Verlaine, Lady Piccadilly, Paul Gisbert ic., Namen, die heute zu den besten gehören, und alle haben sich bestrebt, ihr Bestes zu geben. Die Ausstattung der Monatsschrift ist vornehm. Gin Probeheft kostet nur 1 Mk. Arrnft und Wissenschaft. — H e n r i k I b s c n kein Norweger. Ibsen hat zwar durch fein und feiner Vorfahren seßhaftes Leben das schöne Norwegen als Heimat erworben, und nach heute geltendem Brauch ist er, politisch und litterarisch genommen, durchaus ein vollgiltiger Bürger Norwegens, ein unzweifelhaft echtes Mitglied des norwegischen Volkes, aber weder stammt er ursprünglich aus einem norwegischen Geschlecht, noch hat er überhaupt viel norwegisches Blut in seinen Adern, dafür aber dänisches, schottisches und namentlich deutsches. Das hängt nun so zusammen: Peter Ibsen, sein Ururgroßvater, dänischer Schiffer, wandert* 1 1720 von Moen nach Bergen, dort vermählt mit der Tochter eines eingewanderten Deutschen: Henrik Petersen Ibsen, dessen Enkel, Schiffer, vermählt mit I Wenche Dischington, Tochter eines eingewanderten schotten: , Henrik Ibsen, dessen Sohn Posthumus, Schiffer, vermählt mit A Fräulein Plesner, Tochter eines deutschen Kauf- mansehepaares; bsen, vermählt mit Maria Cornelia Altenburg, Tochter eines begüterten Kaufmanns deutscher | Herkunft; Henrik Ibsen, der Dichter, geboren am 28. März 1828, vermählt mit Susannah Daae, Tochter des Stiftsprobstes Thoresen in Bergen. Man sieht, die Leute haben gar nicht so unrecht geurteilt, welche meinten, in Ibsens dichterischem Wesen sei so etwas von „echt deutscher Art" zu spüren. Nun, wir Deutschen wollen ihn den Norwegen nicht abspenstig machen; gut nordisch ist die Jbsen'sche Blutmischung fraglos, und der deutsche Einschlag sorgt dafür, daß die Mischung einen guten Klang hat. T a n s ch r ä t s e l. (Nachdruck verboten.) Gran, Weib, Seife, Fuder, Bein, Bote, Kahlkopf, Weste, Bier, Blut, Damm, Mahl, Dame, Kante, Tanne, Geister, Rest, Gase, Weide, Haller, Wald, Haus, Pilz, Galle, Hebe, Halm, Algen, Wahl, Bau, Wolle. Von jedem Wort ist durch Umänderung eines Buchstabens an beliebiger Stelle ein neues Wort zu bilden derart, daß die neu eingefügte« Buchstaben im Zusammenhang ein bekanntes Sprichwort ergeben. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr.r Anschauungsunterricht. »»edaktion: August Götz.— Rotationsdruck und 8 erlag der Brübl'schen Universitäts-Buck- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen,