Ssmsiag öen 9. Mai. 1903. — Nr. 68 L! II nMW ä»ÄrF aÄÄö8 (Nachdruck verboten.) Das Gasthaus am Strande. Roman in zwei Bänden von Florence Warden. Autorisierte Nebersetzung aus dem Englischen. (Fortsetzung.) In der Cliffords Abreise folgenden Woche kam daher fott „Blauen Löwen" ein Mann von rauhem Aeußern an. Ar gab sich für einen Auswanderer aus, der sein Glück tzemacht hatte und mit vollen Taschen in sein Geburts!- Mnd zuruckkehrte. Der Mann verweilte mehrere Tage im Rasthof, rühmte sich in der Schenkstube ganz offen seines Glücks, machte die Ergebnisse davon durchs verschwende- xlsches Freihalten und dadurch erkennbar, daß er anscheinend sorglos Hände voll Gold sichtbar werden ließ. Es war aber alles vergeblich, Hemming mußte Cltfsord, nicht ohne heimlichen Aüriumph, berichten, daß der „reiche Auswanderer" nach einem verlängerten Aufenthalt den Gasthof verlassen durfte, Vhne einen Besuch, von dem mitternächtlichen Dieb erhalten Ku haben. Clifford war sehr bekümmert, obschon er vvrgab, zu glauben, daß der Dieb, über dem seht auch noch der Verdacht des Mordes schwebte, nur aus gewöhnlicher Klugheit vorsichtiger geworden wäre. Als ihn jedoch Hemming verlassen wollte, fing Clifford gatt, über eine Frage nachzusinnen, die nach diesem neuesten Vorfall zum erstenmale bei ihm aufgetaucht war, war Jem Stickels vielleicht trotz allem selber der Dieb? Doch war es dann sicherlich nicht Jem Stickels gewesen, dessen Hand er unter dem Kopfkissen ergriffen hatte. Und ein Schauer überlief den Körper des jungen Mannes, als pr sich der Berührung der weichen Haut, der kleinen schlanken Finger erinnerte. Es war nicht vor dem ersten Tage des März, an einem Habend stürmischen Morgen, daß Nell Claris, deren Ent- Wluß von einer leidenschaftlichen Aufforderung ihres Onkels zu Falle gebracht worden war, zurück nach Stroan kam. George Claris war seiner Nichte auf dem Bahnhof Mtgegengekommen und beide waren über das veränderte Aussehen des anderen betreten. Nell schien die Hälfte ihrer Schönheit verloren zu haben, ihre Wangen waren ihrer Fülle und ihre Augen des Blicks kindlichen Glücks beraubt, der einer ihrer größten Reize gewesen war. „O Onkel!" rief sie sanft, nachdem sie seinen stillen 'Kuß auf die Stirn erhalten hatte. „Du siehst Dir selbst Nicht mehr ähnlich! Was hast Tu mit Dir gemacht?" „O, wir haben so ganz in der alten Weise weiterge- antwortete der Gastwirt, eine Gleichgiltigkeit zur Schau tragend, die er weit entfernt war zu haben. „Nichts Besonderes ist vorgefallen, seit Mr. King wieder nach London Furückgekehrt ist. Er wünschte Deine Adresse zu haben, wie W Dir schon geschrieben. Warum wolltest Du, daß ich iie Mn nicht gäbe?" „Onkel, ich. liebe ihn zu sehr", antwortete das Mädchen fest. „Wenn es noch so wie früher gewesen wäre, nun, so würde er sie schnell genug erhalten haben. Bis aber dieser elende Handel, der unser aller Unglück gewesen, nicht aufgeklärt ist, werde ich keinen Mann, den ich liebe, sich in meine Schande verwickeln lassen." „Schande, Nell!" wiederholte Claris mit leiser Stimme. „Sage das nicht, Kind, sag's nicht-" In seinem Don entdeckte Nell alle die Gemütsbewegungen, die von der Geschichte und den Gerüchten darüber in ihres Onkels schlichtem Gemüte aufgerührt worden waren. Sie empfand schmerzlich die Liebe, den Zweifel, den Zorn, die ihn während der langen Wochen des Winters gequält hatten. Sie stieß einen leisen Seufzer aus und mit der Hand unter seinen Arm schlüpfend, flüsterte sie: „Wir wollen dann nicht Schande, sondern Unglück sagen." „Ja, das ist besser, Liebe", stimmte der arme Mann traurig ein. Es entstand eine Stille von einigen Minuten. Nell hatte einige Fragen an ihn zu richten, bevor sie den verhaßten Gegenstand fallen lassen und vorgeben konnten, ihn zu vergessen. Sie blickte zu den Bäumen hinaus, die die Straße zur Rechten umsäumten. Sie schwankten und krachten im Winde, und obschon sie blätterlos waren, boten sie dem Wagen und den darin Sitzenden doch etwas Schutz gegen den Schnee, der in dichten Wolken von der grauen Linie des Meeres aus nach den öden Marschen getrieben wurde. „Onkel", flüsterte sie endlich, „hat die Polizei sich viel hier zu schaffen gemacht? Tu hast mir nichts darüber in Teuren Briefen geschrieben? Bist Du von ihnen bedrängt worden?" „Nun, nein. Ich. kann eigentlich nicht sagen, daß sie's getan hätten", antwortete George Claris betroffenen Blicks. „Tas ist's eben, wo der Knoten sitzt. Sie nicken und geben Winke und sehen aus, als ob sie was wüßten. Wüßten sie aber so viel, als sie vorgeben, warum legen sie dann nicht Hand ans Werk und beeilen sich urtb klären die Sache auf? Mir sieht es aus, als ob sie selbst ganz verblüfft wären, wahrhaftig, so ist's. Und als ob sie , nie imstande sein würden, etwas anderes zu tun, als die Sache liegen zu lassen" Er warf unwillkürlich einen ängstlichen, neugierigen Seitenblick auf seine Nichte, zu sehen, wie sie seine Rede aufnehmen würde. , Und es schnitt ihm ins Herz, zu bemerken, daß ein Ausdruck großer Freude und ungestörter Erleichterung und Dankbarkeit sich auf einmal über ihr Gesicht verbreitete. „Nun, so werden sie uns auf alle Fälle in Ruhe lassen, nicht, Onkel, nicht?" sagte sie mit einem tiefen Seufzer. „Vielleicht werden sie's, Kind", erwiderte Claris düster, indem er den Kops nach rechts neigte und die Zügel straffer anzog. „ _, , Tenn in diesem Augenblicke kam sie aus dem Schutze heraus, den ihnen die Bäume von Strvan-Court ge- 270 boten hatten, dem Wohnhaus, das einsam außerhalb der Mauern der Stadt lag. Sie näherten sich jetzt der Stelle, wo die Leiche Jems entdeckt worden war. Doch was sie bei der Erinnerung daran auch gefühlt haben mochten, so wurde es doch von dem Bewußtsein augenblicklicher körperlicher Gefahr Überboten. Tenn der Wind, der schon den ganzen Morgen sehr heftig gewesen war, wurde jetzt so stark, daß sie fürchteten, mit ihrem Wägelchen davon niedergeworfen zu werden, während gleichzeitig ein furchtbares Schneegestöber es ihnen fast unmöglich machte, die Straße weiter als eine Yard vor dem Kopfe des Pferdes zu sehen. „Cs weht geradezu aus die Küste", sagte George Claris. >,Man wird von Glück sagen können, wenn keines der Schiffe im Kanal diese Nacht von der rechten Fahrt abgetrieben wird." Nell schauerte zusammen. Da sie am MeereSftrand lebte, so war sie an Stürme und an die Schrecken, die sie für die auf dem Meere befindlichen Schiffe im Gefolge hatte, gewöhnt. Jeder Sturm brachte Unglück; und vbschpn der „Blaue Löwe" nur am Strand einer Bucht stand und die meisten Unglücksfälle, von denen Nell erfuhr, sich einige Meilen entfernt davon zutrugen, so gehörten sie und ihr Onkel doch zu den ersten, die von den Lippen der Besucher des Gasthofs von ihnen hörten. Beide, Nell und ihr Onkel, erachteten es für klug, ihre Reise zu Fuß zu beenden, indem sie das Pferd führten und sich nicht ohne Schwierigkeit den Weg durch den Schnee- sturm erkämpften. Es war ungefähr acht Uhr abends, als sie vernahmen, daß em Schoner etwa eine Meile vom Gasthof auf den Strand der Bucht gelaufen wäre. Er hatte das Steuerruder ün Sturm verloren und die Gewalt des Windes Hatto ihn auf den Sand am Rande der Marsch getrieben. Man glaubte, baß er in Gefahr wäre, zertrümmert zu werden, und das Rettungsboot war von Courtstairs ab- geschickt worden, als die Nachricht davon in den Gasthof Allein der „Bradford" war wie gewöhnlich im Schlamm stecken geblieben und es mutzte auf andere Weise Hilfe ge- schafft werden. Durch den Schnee, den der Wind ihnen gerade ins Gesicht wehte, verfolgten Nell und eine Schar benachbarter Leute den Weg durch die Marsch die Männer Stricke und Laternen tragend, die Frauen mit stärkenden, wieder- belebenden Mrtteln für die halberfrorene Mannschaft. Es war eine lange, ermüdende Meile. Der Boden war hart gefroren; die Schneewehen wurden schon tief, die Lichter, die von Zeit zu Zeit von der Mannschaft des gestrandeten Schiffes an gezündet wurden, flackerten unsicher in der Dunkelheit, sobald der Schnee für kurze Zeit zu fallen aufhörte. Die Unternehmung war aber nicht fruchtlos. Den Männern des Trupps, meist selbst Seefahrer und alle ans Meer gewöhnt, gelang es, brs an die Hüften im Wasser, ein Boot auszusetzen und die Bemannung sicher ans Land -u bringen. Tie Leute waten so vor Kälte erstarrt, daß ihnen mit fortgeholfen werden mußte, als sie durch den Schnee nach dem Gasthof humpelten und strauchelten. Tort wurden sie jedoch bald wreder hergestellt durch die freundlichen Dienste eines Wirts mit willigen Händen. Jedermann in der Nachbarschaft hatte inzwischen von dem ungewöhnlichen Ereigms eines Schiffsbruchs in ihrer eigenen Bucht gehört, und eine große Menge hatte sich im „Blauen Löwen" angesammelt, noch ehe das Schiffsvolk eine halbe Stunde unter seinem gastlichen Dache war. Selbst MM. Lansdowne, die Gattin des hervorragendsten Landedelmanns der Nachbarschaft, hatte von dem neuen aufregenden Ereignis gehört und war, den Obersten und Miß Bostal unterwegs mitnehmend, herübergefahren, um die Helden des Abenteuers zu sehen. Da man nun hörte, daß wenig Hoffnung wäre, den Schoner zu retten und die Matrosen jedenfalls ihre Aus- rüstung verlieren würden, so legte Mrs. Lansdowne in yre Hände des Gastwirts" eine Summe Geldes zum Besten der Leute, was der Ausgangspunkt einer Sammlung wurde, zu der die meisten der Anwesenden etwas beitrugen. Selbst Oberst, dessen Armut sprichwörtlich war, gab einen Schilling, obschon seine Tochter mit ängstlichen Augen seine Hand verfolgte, als er die Münze spendete. Im ganzen kamen zwischen fünf und- sechs Pfund zusammen und George Claris band das Geld in einen Segeltuchbeutel und verschloß es dann in der Geldkässe hinter dem Schenktisch In der Menge gab's ein Geflüster, daß des Gastwirts Haus nicht der sicherste Ort wäre, um Geld auszubewahren, doch selbst sie, die sich's zuraunten, hatten keinen Zweifel an der Ehrlichkeit des Wirtes selbst, während viele ander« sich sogar der Gelegenheit freuten, einem Manne ihr Wertrauen bezeigen zu können, der zweifellos seit einiger Zeit Schweres erlebt hatte. Es war jedoch Nell, die diesen Borgang mit größter Aengstlichkeit beobachtete. Ihre Aufregung war so sichtbar, daß sie gerade, ihren Onkel anstarrend, innerhalb der Tür stand, die aus dem Schenkverschlag nach der Hinterseite! des Gasthofs führte, sodaß einer und der andere in der Menge sich bedeutsam ansahen. Plötzlich trat das Mädchen ein paar Schritte vor und stieß leicht an den Arm des Wirtes. „Onkel", sagte sie leise, „Onkel George, würde es nicht! geratener sein, das Geld nach Stroan durch —" sie überblickte die Männer, die sie umstanden, und wies aus einen Geschäftsmann der Stadt — „durch Mr. Paramor hier zu schicken?" Ter Onkel blickte finster und Mr. Paramor schüttelte' den Kopf in der freundlichen Absicht, George Claris zu zeigen, daß seine Freunde auf seiner Seite wären. „Nein, nein, Miß Claris', lassen Sie's nur, wo es ist und wo es immer zur Hand sein wird." Als Nell, ohne ein Wort, doch mit einer eigentümlichen Miene von Unwillen und Beunruhigung, sich zurückzog, erschien eine kleine Gestalt an der Außentür, und Miß Bostal, die keine Gewalt dazu bringen konnte, den Fuß über di« Schwelle eines Gasthofes zu setzen, rief in ihrer zimperlichen Weise zu: „Nell, Nell, so kommen Sie doch heraus, mit mir zu sprechen." Nell sah nach ihr hin, zögerte und stand im Begriff, ms Innere des Hauses zu verschwinden, als Meg, die! mit einem Brett voll heißer Getränke nach der Schenkstube! ging, sie dienstfertig mit starker Hand vorwärts drängle, während sie in der anderen die Gläser aus dem Brett sorgsam im Gleichgewicht zu erhalten suchte. „'s ist Miß Theodora, sehen Sie denn nicht. Miß — raunte sie ihr laut genug zu. Und Nell, die nun nicht länger tun konnte, als ob sie jene weder hörte, noch sähe, ging aus die Straße hinaus., „Aber Nell, was soll d-as bedeuten? Behandeln Sie s-p Ihre alten Freunde? Ich wußte nicht einmal, daß Sie wreder zurück wären und ich habe alle die Wochen von Ihnen rein Sterbenswörtchen gehört. Was bedeutet das, Liebe? Gleich sagen Sie mir, was das bedeutet. Ich fürchte, Sie sind nicht glücklich Ich fürchte. Sie sind mir noch böse wegen — nun Mr. Kings wegen." Nell war kalt, scheu, verlegen. Ein ganz verschiedenes Geschöpf von dem Mädchen, das Miß Bostal gekannt und! geliebt hatte. „O, das ist vorüber", antwortete sie schnell. „Ich glaub« nicht, daß ich Mr. King je Wiedersehen werde." Miß Bostal schien eher betrübt, das zu hören. Jetzt, da! ihr Günstling Jem Stickels nicht mehr am Leben war, konnte sie es über sich bringen, ihre Einwände gegen seinen Nebenbuhler fallen zu lassen. „Warum aber nicht? Warum aber nicht, meine Liebe drängte sie ernstlich „Ich dachte, daß Sie ihn so gern' Hütten?" Und die kleine Persom die aus dem Wagen gestiegen war, um ihre sie vernachlässigende Freundin aufzusuchen, zog den wollenen Schal dichter um sich der kaum ein genügender Schutz gegen den fallenden Schnee war. „Sie täten besser, zurück in den Wagen zu steigens Miß Theodora", warf Nell kühl ein, die Fragen der Dam« umgehend. „Aber ich möchte erst eine Antwort haben, meine Liebe, Kümmern Sie sich nicht um den Schnee. Ich fröstele nur, weil ich nicht an die Nachtluft gewöhnt bin. Sie wissen, ist gehe nie nach Sonnenuntergang und nur selten kurz vor diesem aus." Doch Nell wollte ihr keine Antwort erteilen. Und Miß' Theodora, äls sie sich gezwungen sah, wieder in den Wagen zu steigen, bedauerte gegen Mrs. Lansdowne, daß Loudon' ihr liebes kleines Mädchen verdorben hätte. Selbst George Claris bemerkte die Veränderung in NeM Bettagen gegen ihre gütige alte Beschützerin und tadelt« 271 sie deshalb. Das Mädchen blickte, die Augen voll Tränen, rmpor. „Wie kann ich sie noch so gern staben, wie ich sonst zu tun pflegte, Onkel?" sagte sie. „Wenn sie Jem Stickels nicht ermutigt statte, mich zu verfolgen und zu quälen, so würde er nicht an jenem Tage mit Mr. King zusammen- getwsfen und der schlimmste Teil des Unglücks daher nicht geschehen sein." „Wer sie meint es doch gut und stat es auch damals St gemeint, Nell. Du solltest Deinen alten Freunden nicht e Irrtümer nachtragen, Mädchen." Doch Nell gab keine Antwort darauf. Es war schon die Schlußzeit des Gasthofs vorbei und George Claris leerte mit großer Schwierigkeit das Haus von der Menge seiner Besucher. Drei der Matvofen, die lattt Meißen von der Kälte und dem gefahrvollen Zustand gelitten hatten, sollten die Nacht unter seinem Dache verbringen, während die anderen von neuerworbenen Freunden, die ihnen Gastfreiheit anboten, mit nach Stvoan genommen wurden. George Claris schloß sein Haus zu, nachdem er seine Nichte und Meg schon zu Bette geschickt statte, und Völlig übermüdet ging er in sein eigenes Zimmer hinauf. Er statte einen sehr schweren Dag gehabt und ihn Mit einem Extraglase von Rum und Wasser beschlossen. Die Folge war, daß er sofort einschlief, als er sich auf den Rand des Bettes gesetzt statte, um die Stiesel auszuziehen, und nicht früher als ein paar Stunden später erwachte, wo er sich plötzlich aufrichtete und sich im Momente des Erwachens erinnerte, vergessen zu staben, das Geld, sowohl seine eigenen Einnahmen, wie die Sammlung für die Seeleute, aus der Kasse im Schenkverschlag mit sich zu nehmen. Nachdem er die Tür seines Zimmers leise geöffnet hatte, um nicht die Schläfer zu stören, ging er die Treppe hinunter. Es war am folgenden Morgen nach halb sechs Uhr, als die nächsten Nachbarn durch ein lautes Nochen an ihre Tür und durch das Hereinstürzen Megs, oer Magd des Gasthofes, in einem Zustande rasender Aufregung, erschreckt wurden. „O kommt doch, o kommt! In unserem Hause gehen schreckliche Tinge vor!" schrie sie, kaum vor Furcht und Mangel an Atem verständlich. „Hinterm Schenktisch ist jemand versteckt und ich krieg' ihn nicht vor. Und Mr. Claris ist nirgends zu finden. Und Miß Claris wurde ohn- mächtig, als ich's sagte — und — aber so kommt doch — v Gott —" Die Frau, zu der sie dies sagte, war anfänglich zu bestürzt, um kommen zu können. Zwei Männer jedoch- die nicht weit davon standen und die fliegende Rede mit an- gehört hatten, erboten sich, mit Meg zurückzugehen, und m wenig Minuten waren sie alle im Gasthof. Gewiß war jemand hinter dem Schenktisch, jemand unten am Boden. Zaudernd standen die Männer an der Tür. Die Töne, die hinter dem Schanktisch hervvrkamen, glichen mehr dem Grunzen und Brummen eines Tieres als einer menschlichen Sttmme. „'s ist kein Mensch was da hinten steckt, 's ist ein Tier", sagte einer der Männer. Und die Heugabel, die er trug, zum Angriff bereit haltend, trat er entschlossen hinein. Doch indem er es tat, sprang eine wüste Gestalt hinter dem Schenktisch empor und starrte den Eindringling wild und wütend an. Sie ergriff einen der steinernen bauchigen Bierkrüge, die auf einem Brett an der Wand standen, und ihn über den Kops schwingend, stteß er ein schreckliches Geheul aus. „Wer ist das? Was ist das?" kreischte Meg. „Zurück! Zurück!" brüllte das Wesen, mit den Füßen stampfend und die Arme herumwirbelnd. „Zurück: ich will nicht beraubt werden. Ich will's Euch heimzahlen, wie ich's chnl^heimgezahlt habe — dem Teufel heimgezahlt habe, dem Und mit noch stärkerem Gestampfe und Geheul schleuderte das Geschöpf den Krug nach dem Kopfe des Eindringlings. Erzerschmetterte in tausend Stücke an der Tür, die von dem Wurfe schütterte und prasselte. „Aber das ist ja — das ist George Claris ja selbst!" stammelte der andere Mann, der zu bestürzt, um die Schwelle überschreiten zu Wunen, draußen geblieben war. „Der Herr?" rief Meg entrüstet. „Aber er trinkt nicht! Gr ist ein so mäßiger Mann als nur einer im Orte." Sie schluchzte und zitterte und klammerte sich an den Mann. „Er ist auch nicht betrunken", antwortete der Mann kurz. „Er ist verrückt geworden, mein Kind. Sieh nur seine Augen an. Und als das Mädchen furchtsam durch das Fenster auf ihren unglücklichen Herrn sah, konnte sie nicht mehr die Worte des Mannes bezweifeln. Um elf Uhr vorige-Nacht war George Claris noch ein so gesunder Mann wie einer der Grafschaft gewesen. Um sechs Uhr des Morgens war er der Raserei des Wahnsinn" verfallen. (Fortsetzung folgt.) Der deutsche Michel. Bon H. Stein. (Nachdruck verboten.) Der Ausdruck „deutscher Michel" wird heute von unserem eigenen Volke viel gebraucht. Während jedoch die einen mit dieser Bezeichnung den Begriff des Verächtlichen verbinden, ist sie in letzter Zeit bei den anderen zu einer ehrenvollen Benennung geworden. Mcht zum geringsten Teile hat unser Kaiser selbst den Anstoß zu dieser Wandlung gegeben. Ein von seiner Hand herrührendes und von Professor Knackfuß. ausgeführtes Bild zeigt den deutschen Michel in anderer als bisher üblicher Weise. Eine hohe jugendliche Rtttergestalt steht lichtumflossen i nner- halb eines hochgewölbten Raumes. Die Rechte liegt kraftvoll auf dem gewaltigen Schwerte; an der linken Seite lehnt der Schild. Im Hintergründe verkörpern ioeibliche Figuren die von dem Ritter in strahlender, mit schwarzen Wlern geschmückter Rüstung geschätzten Güter des Familienlebens) der Wissenschaft und Kunst. So steht der deutsche Michel in ruhiger, aber selbstbewußter Haltung und blickt furchtlos auf die andringenden feindlichen Gewalten, welche, von ihm bereits mächtig zurückgeschlagen, sich zu neuen Angriffen anschicken. Die unter dem Bilde angegebene Devise: „Niemand zu Liebe, niemand zu Leide", vervollständigt die charakteristische Darstellung, welche eine durchaus zeitgemäße und für unser Volk ehrenvolle Auffassung der ihm in übler Nebenbedeutung gegebenen Bezeichnung ist. Michel ist eine Wkürzung von Michael und hängt vielleicht mit dem althochdeutschen Worte michal, groß, zusammen. Der Name gilt schon lange als Spottname zur Bezeichnung eines schwerfällig-gutmütigen, einfältigen Menschen. Die etwa seit den Befreiungskriegen gebrauchte Benennung deutscher Michel sollte die politische Unreife und Indolenz der deutschen Nation andeuten und zwar der Inbegriff der fehlerhaften Gutmütigkeit und Kurzsichtigkeit, sowie der Torheiten unseres Volkes; daher wurde der deutsche Michel als Karrikatur oft zur Verspottung deutscher Art ähnliche dem englischen John Bull oder dem nord- amerikanischen Uncle Sam angewandt. Die politischen Ereignisse der neuesten Zeit haben die fremden Nationen eines Besseren über deutsches Wesen belehrt, und man bedient sich, darum zu seiner Bezeichnung heute lieber passenderer Gestalten als der eines verschlafenen Bauernjungen mit der Zipfelmütze über den Ohren. Ueber den Ursprung des Ausdruckes „deutscher Michel" verlautet verschiedenes. Eine Erklärung besagt, daß die Deutschen diese Benennung von ftemden Völkern erhalten hätten, weil in dem altdeutschen Schlachtgesange der Name „Herzog Michael" nach jeder Zeile wiederkehrte. Glaubhafter ist die folgende Mitteilung, nach welcher der Mann, welchem der Beiname des deutschen Michel zuerst beigelegt wurde, ein Generalleutnant deutscher Wkunft in dänischen Diensten, Namens Johann Michael Obertraut war. Er wurde als tapferer Soldat von dem Könige sehr hoch geachtet und geehrt. Wenn er während des dreißigjährigen Krieges den Spaniern und kaiserlichen Kriegsvölkern derb zusetzte, und sie ihren Verlust an Toten und Verwundeten beklagten, oder von sonstigem Schaden sprachen, so pflegten sie zu sagen: „Das haben wir dem deutschen Michel zu danken." Wenn in jener Zeit etwas Kühnes unternommen und geglückt war und man fragte: „Wer hat's getan?" so war die Antwort gewöhnlich: „Der deutsche Michel hat's getan." . Ms dieser General Obertraut einen Feldzug nach 272 - Schwein erhalten müsse, erhalte die Wurstsuppe eine so Frage .lilablaue Färbung, daß ihr Genuß nicht angängig erscheine. 1 Da wird sich wohl der in!" r 4"’ Wurstsuppenverein ins Mittel legen müssen. Redaktion: Anaust Götz. - Rotationsdruck und Verlaa der Brübl'Mn UniversiMs-Buch. und Steindruüerei (Pietsch Erben) in Gießen. LrLevavisches. Die Tatsache, daß sich der Stuttgarter Buchhandel von der bevorstehenden Weltausstellung in St. Louis fernhalten wird, finden wir im Anschlüsse an die bekannte Reich s- tagsverhandlung in dem 18. Hefte der illustrierteil Zert- schrift „Zur Guten Stunde" (Preis des Bierzehntag- hestes 40 Pf., Deutsches Verlagshaus B.ong u. Co., Berlin W. 57) gewürdigt und besprochen. Erinnerungen an einen Osterspaziergang durch die schönen Täler des Taunusgebirges faßt Edward Stilgebauer rn einem prächtigen Aufsatze „Aus Krontal und Kronberg zusammen, über Blumensymbolik plaudert Willy Lauge tn einem reich illustrierten Artikel. Die Fortsetzung von Adolf Otts Hochgebirgsrvman „In den Abgrund" und Hellmuth Willes Erzählung „Die höchste Instanz" bilden neben Charade. (Nachdruck verboten.) Die schöne Pauline treibt fleißig Musik Und hat heut das Erste zum Zweiten; Drum bat sie den Bruder, ein neues Stuck Ihr aus dem Klavier zu begleiten. Der aber gab ihr mürrisch zurück: Ich muß auf dem Pegasus reiten; , Ich schreib an dem Ganzen, das wird em Stück, Das macht mich unsterblich beizeiten, (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Wortspiels in vor. Nr.: Lende, Negus, Stall, Pless, Aguti. —cnb— —egu— —tal— —les— —9Wt—• Ende gut, alles gut. b ihn weniger wie andere Nationen auf I khe seiner Muttersprache — die zu suchen überlaßt man bedacht sein läßt, sowie sein aller Prahlerei I jedem Einzelnen! Wer wieviel Menschen sind imstande, -- • ' ’ p--------r ich in dem Gestrüpp und Unkraut zurechtzuftnden, das LiU J»h. ..... »»ssprirßt im deutschen Sprachgarten? Es bedarf eines kundigen und sichern Führers,, und das nnnnrn btante riet ihm ein Freund davon ad und spracht I dem Schlüsse von PH. WengerhofssNovelle,,Nemesis" den ^Mdenke^ was Du beginnen "willst. Hast Du denn noch I belletristischen Teil des Heftes. Kunstblätter und Nlu- „Moenre, was ^u g i ' irtmaY {n ein so I strationen treten ergänzend zu dem literarischen Inhalt Nnternebmen einlässest? Nimm Dich in acht, I hinzu. In der illustrierten Gratisbeilage: „Klassischer Hu- Ä“ U b« »mX werden perlen der »W«, «US boa « 3 ei„ SckMm fein, wenn ich ««»teile", »er« der den,scheu Reformation geb»ten. setzte"Obertraut. . I Allerhand Sprachdummheiten. Kleme deutsche Du hättest wenigstens dazusetzen sollen: So Gott will", I Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Haßwarf" der besorgte Freund ein. I lichen von Gustav Wustmann. Dritte, vermehrt und Das weiß ich schon", entgegnete der alte Haudegen, verbesserte Auflage mit einem ausführlichen Register In mein Herrgott läßt mich nicht zum Schelm werden." Leinwand gebunden 21/2 Mark. Verlag von Fr. Wil^ Zn einem Treffen in der Nähe von Hannover wurde Grünow in Leipzig. —. Diese neue Auflage tritt tn Obert'-aut im Jahre 1625 schwer verwundet. Man setzte bem Augenblick auf den Markt, wo die Einführung einer ihn in eine Kutsche und brachte ihn vor Tilly. Dieser einheitlichen Rechtschreibung weite Kreise veranlaßt hat, sagte höflich zu ihm: „Euer Zustand tut mir leid. Wie sich mit Sprachdingen zu beschäftigen. So dankenswert es seid Ihr nur in dieses Unglück gekommen?" | aber ist, daß endlich auf diesem Gebiet eme feste Ordnung iierr General", sagte der alte Krieger ganz gelassen, angestrebt wird, so handelt es sich dabei doch nur um das" sind Unqlücksblumen. In solchen Gärten, in welchen I eine Aeußerlichkeit; viel wichtiger, als orthographisch richtig, wir' umberirren, pflückt man keine andern." | zu schreiben, ist es, seine Gedanken richtig auszudrucken. Das war der Mann, welcher zuerst der deutsche Michel feine Muttersprache klar und verständig zu handhabenund genannt wurde. Er hat diesen Namen zu Ehren gebracht; ein Gefühl dafür zu haben, was schpn und was häßlich ist, denn er ivar tapfer, einfach!, gottvertrauend und doch gemut- was lebendig und was papieren. Aber darüber find bie ifjch wie dies aus seiner Antwort an Tilly hervorgeht, und I Leute vielfach im Unklaren; in allen Stilfragen herrscht diese Eigenschaften sind Tugenden des deutschen Chcktak- I große Unsicherheit und Verwirrung — hier hat der Staat terch airf die der Deutsche mit Recht stolz sein kann. Die „ÜC[} nicht mit väterlicher Hand emgegriffen; in den ruhige Beschaulichkeit, das poetischie Innenleben, welches Schulen lernt man vieles und alles, nur rncht die Ge ibn erfüllt und ihn weniger wie andere Nationen auf » 11 r kinben uberlastt mar äufiCTC KyOltfitre x----- । ■ ,r ■■ und ieglichem Schein abgeneigtes Wesen gereichen ihm zur I < ... ----- - , ,, . Zierde Darum gebrauchen auch heute ftemde Volker den jedes Jahr neu aufsstrießt int Sfll^btUCE b€Utf(f)iCr ttUT ttod) fcItCTt, UUt blC I uCvuXf CttlCS ^llTlb ly'Clt "\X\X~. , v , •L4-rv^i mütiqkeit "des Deutschen zu bezeichnen, die ihm früher I will dieses kleine Buch sein. Es ist auch^in dieser drittem oft zum Schaden gereichte, oder um seine schläfrige Gleich- I Auflage wieder vielfach verbe,sert und vermehrt worden, ailtiakeit in allen Dingen zu verspotten, die ihm Nicht zu I Einzelne sprachgeschichtliche Irrtümer sind besentgt, em nahe an den Lech gehen. Die Gestalt des Generals Ober- ^lne Regeln richtiger gefaßt worden Einige W chnitte traut ist die Verkörperung des Begriffes, wie er heute vom I sind neu hinzugekommen, m den bisherigen hier und dä DermilcbtCS« I ungen, wie sie manche andere geben: m, das laßt sich . Der »eri ’Ä-it». ** gttÜSf WÄ TÄ'S überschätzt, daß barmt ente ^rmehrung des Haares ein- I ^werfen — mit solchen unftchern, ängstlichen, achsel- hergeht, ist sicher nicht der Fall, wohl aber verstärkt I I Auskünften ist Leuten, die Belehrung in Sprach^ es das einzelne Haar. Auch die Ansicht, daß das Haar- ^ben Auskunft n st,^t ihnen solche Weisheit schneiden das Ausfallen der Haare hmtanhalte, ist, nach I S l w r. m nicht streiten und nicht uM dem „Praktischen Wegweiser", Würzburg, nicht bewiesen, würden \ jstz eher läßt sich das Gegenteil behaupten, und auch damit Scheidung bitten ^u weder handelt lichs um! begründen, daß Glatzen bei Frauen nicht oder doch nur n cht dmnit gwnt entscheidet einfach die Sprach- in ganz seltenen Ausnahmen zu finden sind Der Haar- ossenbare stestier 0 Dber & handelt sich ausfall ist nach! den heutigen Anschauungen der meoizmi- Sesckstckfte un der^^PA^x^b^Falle, dann kommt zur scheu Wissenschaft, wie so viele andere, wahrscheinlich auf um^ öweiftlhafte unv M Sprachgebrauch ein drittes Ent- etnen übertragbaren Erreger zurnckzufnhren. Em kahl ge- I der gute Geschmack. Und er allein, weder! Morener Kopf dürfte schon aus- dem Grunde nicht be- ML""Z^sckstchte nL der sonst so gern zu Hilfe gerufne sonders zu empfehlen fern, weil das Haar den «taub I ,mus SprachgebraM,! hat zu entscheiden, wenn, sichs von der sehr empfindlichen Kopfhaut fernhalt thrannus «P a)g o i ö f bdt, um bte eigent- * Die blaue Wurstsuppe In Koburg führt em um asthetische, uin ^nr §raä/bumm(ett(;t^ sind teilt Hausschlächter bittere Klage über die neue Fleischbeschau- Uch^ Sprast>mn,p jede grammatische oder stilistische durch die 13 Stempels^e^edes geschlachtete | AAV mÄnsV Äntwort bereit' hat, sondern em .....z-nutz «Ä-gäurt erf^eiue. I «Ä •*"» **?>.."* 6Ca™nbete w«, 2» dm Wd-S BilchM W «X M-K-U.