Montag den 9. März. 1903. -- Nr. 36 W läK.lFTOTEn: ■LZV1 'M j# *r7&. (Nachdruck verboten.) Ein Einbrecher aus Passion. Bon E. W. Hornung. Autorisierte llebersetzung aus dem Englischen, von F. Mangold. (Fortsetzung.) Melir wir waren beide unterwegs ziemlich wortkarg. Zch meinerseits sann darüber nach, was Raffles mit dem Atelier in Chelsea tun werde, bis wohin ihm jedenfalls mit Erfolg nachgespürt worden war. Ich war der Ansicht, daß diese Frage von großer Wichtigkeit sei und sofort gelöst werden solle, allein als ich die Rede darauf brachte, antwortete er mir, es habe Zeit. Seine nächsten Worte sprach er, als wir in Bond Street einem uns bekannten leichtsinnigen jungen Herrn zugenickt hatten, der zufällig auf dem besten Wege war, sich einen schlechten Namen zu machen. „Der arme Jack Rutter!" sagte Raffles seufzend. „Nichts ist trauriger, als einen jungen Mann moralisch untergehen zu seheu. Das Trinken und die Schulden haben ihn fast wahnsinnig gemacht, den armen Teufel! Ist Dir sein Blick nicht aufgefallen? Nebenbei bemerkt, seltsam, daß totr ihm gerade heute abend begegnet sind; denn der alte Baird soll ihm das Fell über die Ohren gezogen haben, und ich hatte die größte Lust, dem alten Baird den gleichen Liebesdienst w cttv cf fClt !zz In seinem Don kam plötzlich eine verhaltene Wut zum Ausdruck, die durch ein abermaliges langes Schweigen nur noch auffälliger wurde. Dieses Schweigen dauerte wahrend des ganzen ausgezeichneten Diners im Klub, nach dem wir uns mit unserem Kaffee und unseren Cigarren in erne ruhige Ecke des Rauchzimmers zurückzogeu. Dort sah ich endlich, wie mich Raffles mit einem trägen -acheln anblickte, tmd wußte, daß der Anfall von übler Laune zu Ende war. „ , , , „Du hast Dir gewiß den Kopf zerbrochen, herauszu- bekommen, woran ich die ganze Zeit gedacht habe? sagte er. „Nun, ich habe darüber nachgedacht, tote dumm es t)t, etwas halb zu tun!" , „Na", entgegnete ich» sein Lächeln erwtdernd, „den Vorwurf kannst Du Dir doch nicht machen." „Dessen bin ich doch tticht so sicher", erwiderte Raffles, den Rauch seiner Cigarette nachdenklich ausstoßend. „ttev-- rigens dachte ich eben weniger an mich, als an den armen Teufel Jack Rutter. Das ist ein Mensch- der alles nur halb tut; er ist moralisch nur halb untergegangen, und dann Keinmal den Unterschied zwischen ihm und uns rns _e. Ihn hat ein gewisser Wucherer in den Nauen, wrr sind zahlungsfähige Bürger — er hat sich das Trinken angewöhnt. Wir sind ebenso nüchtern, als zahlungsfähig. Seine Freunde beginnen, ihm aus dem Wege zu gehen, wahrend es rtns schwer wird, unsere Freunde in angemessener Entfernung zu halten; endlich bettelt oder borgt er, und das ist halb stehlen, und wir stehlen wirklich und neunen die Sache beim richtigen Namen. Offenbar ist das unsere das ehrenwertere Verhalten, und doch bin ich nicht ganz sicher, Bunny, ob nicht auch wir halbe Arbeit machen." „Wie so? Was könnten wir sonst noch tun?" rief ich mit leisem Spott, wöbet ich mich jedoch vorsichtig umsah, um mich ztt überzeugen, daß uns niemand hören konnte. „Was sonst?" fragte Raffles. „Na, morden — um nur eins zu nennen." „Ach was! Leeres Geschwätz!" „Das ist Attsichtssache, mein lieber Bunny, es war keineswegs leeres Geschwätz von mir. Schon früher habe ich Dir einmal gesagt, daß der größte unter den lebenden! Menschen derjenige sei, welcher einen Mord begangen Hatz, aber nicht erwischt worden ist; er sollte es wenigstens sein, aber leider haben diese Leute sehr selten Seelengröße genug dazu, sich groß zu fühlen. Stell' Dir nur einmal vor: Male Dir aus, Du trätest hier ein und sprächst mit den Anwesenden, höchst wahrscheinlich über den Mord selbst, und dabei weißt Du, daß Du der Täter bist, und fragst Dich, was für Gesichter sie machen würden, wenn auch sie es wüßten! O, das wäre großartig, einfach großartig! Und außerdem, wenn Du ertappt würdest, so fändest Du em barmherziges und dramatisches Ende. Ein paar Wochen lang wären die Zeittmgen voll von Dir, und das Letzte wäre eine große Extraausgabe, und Du würdest nicht während sieben oder vierzehn Jahren ohnmächtiger Ruhe ver- roftcTL/z ' „Mein guter, alter Raffles!" antwortete ich kichernd, „ich beginne Dir Deine üble Laune beim Diner zu ver-t &cificTt.zz „Mer ich habe nie im Leben ernster gesprochen."- „Fahre fort." „Ich spreche im vollen Ernst." „Was Du zu tun auch im stände wärest, daß Du keinen Mord begehen würdest, weist Du ganz genau." „Ich weiß ganz genau, daß ich diese Nacht einen begehen werde!" Bei diesen Worten lehnte er sich aus seinen Stuhl zurück und beobachtete mich mit seinen von den Lidern halb verdeckten, scharfen Augen, dann beugte er sich plötzlich mit einem Ruck vor, und seine Augen zuckten wie kalter Stahl aus der Scheide und bohrten sich in die meinen. Sie rüttelten auch meinen langsamer arbeitenden Geist auf, und nun war ich über die Bedeutung seiner Blicke nicht länger im Jweifel. Ich, der ich den Mann kannte, las Mord m feinen geballten Fäusten, Mord schwebte aus seinen 8U-i sammengeschlossenen Lippen, aber hundert Morde funkelten in den harten blauen Augen. „Baird?" stammelte ich, meine Lippen mit der Zunge befeuchtend. „Natürliche 142 „Aber Du sagtest doch«, es sei gteichgiltig, daß er Dein Zimmer in Chelsea entdeckt habe." „Dann habe ich gelogen." „Und daß Du ihm jedenfalls nachher entschlüpft seist." „Das war auch eine Lüge. Ich bin ihm nicht entschlüpft. Als ich heute abend zu Dir kam, glaubte ich es selbst, aber als ich aus Deinem Fenster sah — weißt Du noch? als wir uns der -Vorsicht halber noch einmal überzeugen wollten — stand er aus dem. Bürgersteig des Hauses gegenüber." „Und davon hast Du mir kein Wort gesagt^ „Ich wollte Dir den Appetit nicht verderben, Bunny, und hatte auch keine Lust, mir von Dir den meinen verderben zu lassen; und natürlich ist er uns nach dem Albany nachgegangen. Das ist so recht ein Spiel nach seinem schuftigen alten Herzen: von mir Geld erpressen, sich von der Polizei Anzeigerlohn bezahlen lassen, und dann diese Zwickmühle weiter spielen. Aber mit mir wird er nicht spielen; das soll er nicht erleben, und die Welt wird um einen Blutsauger ärmer sein. Kellner! Zwei Whisky und Soda! Um elf Uhr gehe ich von Hause fort, Bunny; es ist das einzige, was zu machen ist." „Dn weißt also, wo er wohnt?" „Ja, draußen hinter Widlesden, und allein. Außer einigen anderen Dingen ist der Kerl auch ein Geizhals. Ich habe schon lange alles ermittelt, was ihn betrifft." Wieder sah ich mich im Zimmer um; es war ein Klub für junge Herren, und junge Herren saßen lachend, plaudernd, rauchend und trinkend überall umher. Einer begrüßte mich durch den Rauch, ich erwiderte das Nicken maschinenmäßig und wandte mich stöhnend wieder Rafs- les zu. „Du wirst es aber doch noch einmal aus gütlichem Wege versuchen!" drängte ich. „Der Anblick Deiner Pistole wird allein schon genügen, ihn so gefügig zu machen, daß er alle Deine Bedingungen annimmt." „Es würde nicht genügen, ihn dahin zu Bringen, daß er sein Versprechen hält." „Versuchen könntest Du es aber doch immerhin." „Das werde ich wahrscheinlich auch tun. Hier ist was zu trinken für Dich, Bunny, und wünsche mir Glück." „Ich bin mit dabei." „Ich will Dich aber nicht haben." „Aber ich will!" Ein häßliches Licht schoß aus den stahlblauen Augen. „Ilm mir in den Arm zu fallen?" „Nein." „Giebst Du mir Dein Wort darauf?" „^za. „Bunny, wenn Du es' brichst"—" „Daun kannst Du mich auch totschießen." „Das würde ich auch ganz bestimmt tun", sagte Raffkes feierlich. „Du gehst also auf Deine eigene Gefahr mit, mein Lieber; aber wenn Du denn einmal dabei sein willst — na, dann je früher, desto besser, denn ich muß noch einmal in meiner Wohnung vorgehen." Wenige Augenblicke später stand ich, auf ihn wartend, in der nach Piccadilly führenden Eingangstür des Albany- Klubs. Besondere Gründe veranlaßten mich, nicht einzutreten: das Gefühl — halb Hoffnung, halb Furcht — daß Angus Baird noch auf unserer Spur sei und daß ein plötzliches Zusammentreffen des Wuchereres mit mir dazu führen könne, auf kürzerem und weniger blutigem Wege mit ihm fertig zu werden. Allerdings wollte ich ihm nicht vor der ihn drohenden Gefahr warnen, aber es war meine Absicht, ein Trauerspiel um jeden Preis zu verhindern. Als dieses Zusammentreffen nicht stattfand, und Raffles und ich wirklich den Weg nach Willesden einschlugen, war das, wie ich glaube, immer noch mein ehrlicher Entschluß, So lange es ging, wollte ich mein Wort nicht brechen, aber das Bewußtsein, daß ich es auf eine Gefahr hin, die mir genau bekannt war, jederzeit brechen könne, war mir doch eine Beruhigung. Aber ich fürchtete, daß meine guten Absichten leider durch die eigentümliche Anziehungskraft befleckt wurden, die alles Schreckliche auf uns ausübt. Der Stunde, die der Weg nach dem Hause in Anspruch nahm, erinnere ich mich sehr genau. Wir gingen durch St. James' Park (die Lichter, die aus der Brücke so hell leuchteten und ihr verschwommenes Spiegelbild int Wasser, sehe ich auch noch jetzt) und« mußten kurze Zeit aus den letzten Zug nach Willesden warten. Er fuhr, tote ich mich entsinne, um 11 Uhr 21 Mm. ab, und Raffles war ärger-, lich, als ich hörte, daß er nicht bis nach Kensal Rise ging. Das nötigte uns, auf dem Bahnhof von Willesden auszu-i teigen und durch die Straßen in die ziemlich offene Umgegend zu wandern, die mir zufällig ganz unbekannt war. Ich würde das Haus nie wiederfinden, allein ich erinnere mich, daß wir einem dunklen Fußpfad zwischen einem Gehölz und Feldern folgten, als die Uhren Zwölf zu schlagen begannen. „Gewiß werden wir ihn im Bett und schlafend finden"« sagte i ch. „Das hoffe ich", antwortete Raffles grimmig. „Du beabsichtigst also eiuzubrechen?" „Ja, was hast Du Dir denn sonst gedacht?" Offen gestanden, hatte ich mir gar keine Gedanken darüber gemacht, denn das Verbrechen, das den Schluß des Unternehmens bilden sollte, hatte meinen Geist so in Anspruch genommen, daß nichts anderes Raum daneben hatte. Im Vergleich zu diesem Verbrechen war ein Einbruch eilte Bagatelle, aber eine, die darum nicht weniger zu mißbilligen war, und ich hatte naheliegende Bedenken dagegen. Der Mann war mit Einbrechern und ihrem Verfahren vertraut, er hatte gewiß Schußwaffen zur Hand und konnte uns damit zuvor kommen. „Etwas besseres wüßte ich mir gar nicht zu wünschen", entgegnete Raffles. „Dann kommt's zum Kampf von Mann gegen Mann, und der Teufel holt den schlechtesten Schützen. Du glaubst doch nicht, daß ich Hinterlist einem offenen Kampf vorziehe? Sterben muß er auf die eine ober andere Weise, sonst können wir beide uns auf eine hübsche Reihe von ' Jahren gefaßt machen." „Lieber das- als — das andere!" „Dann bleib, wo Du bist, mein guter JUnge! Ich habe Dir ja gesagt, daß ich Dich nicht haben wollte — und hier sind wir am Hause. Also gute Nacht." Ein Haus sah ich überhaupt nicht; nur die Ecke einer hohen Maner ragte einsam in die Nacht empor und auf ihrer Krone spiegelten sich die Sterne in Glasscherben. Auch ein großes grünes Tor bemerkte ich, das von eiserner, Stacheln starrte und dessen Außenseite in den schwachen Strahlen einer auf der gegenüberliegenden Seite der nen angelegten Straße stehenden Laterne so aussah, als ob es einem Mauerbrecher Widerstand leisten könne. Die straße . schien mir nur aus Bauplätzen zu bestehen, von denen nur auf diesem einen ganz am Ende gelegenen ein einsames Haus erbaut war, aber die Stacht war zu finster, sodaß daß nur eine Vermutung war. Raffles hatte die Oertlichkeit jedoch am hellen Tage gesehen und war für die befonbereii Schwierigkeiten gerüstet, die sie bot. Schon reckte er sicb empor und steckte Champagnerflaschenkorke auf die Stacheln, und gleich darauf legte er feilten zusammengefalteten lieberrocE auf die Korke. Äls er in die Höhe kletterte, trat ich etwas zurück, und nun sah ich, wie sich ein Teil eines Daches am Himmel ab- ze/chnete. Raffles verschwand auf der anderen Seite des Tores, ich lief vor, und als ich auf dem UeberrocI lag, der die Korke und die Stacheln bedeckte, fühlte ich ein Zupfen. „Du willst also doch mithin ?" „Na, ich meine denn!" Dann nimm Dich in acht; das Nest ist voll von Kltugel- drähten und Federn. Leicht ist die Arbeit nicht — sch bleib hier stehen, wahrend ich die Korke abnehme. Der Garten ivar sehr klein und neu angelegt. Am Rasenplatz konnte man die viereckigen Stücke noch erkenneii, woraus er zusammengesetzt war, aber einige ausgewachsene Lorbeerbüsche waren in frisch aufgeworfene Beete gepflanzt. „Das siiid natürliche Mngeln; nichts raschelt so laut als die — der schlaue alte Fuchs!" flüsterte Raffles, worauf wir fte in weitem Bogen umgingen, als wir über den Rasen schlichen. „Er liegt im Bett!" ,, „Das glaube ich nicht, Bunny, ich fürchte, er hat uns gesehen." „Warum?" „Ich habe ein Licht bemerkt." „Wo?" „Unten — auf einen Augenblick — als ich —' Sein Flüstern erstarb, er hatte das Licht wieder gesehen und ich auch. „ Wie ein goldener Stab lag es unter der Haustür, ■ und verschwand, dann erschien es von neuem unter der Oberschwelle der Tür — und erlosch abermals, diesmm 143 — um nicht wieder sichtbar zu werden. Dann hörten wir die Treppe ein paarmal knarren, und auch dieses Geräusch hörte auf, um sich nicht zu wiederholen. Weder sahen, noch hörten wir etwas weiteres, obgleich wir im Grase stehen blieben, bis unsere Füße vom Tau durchnäßt waren. „Jetzt gehe ich hinein", sagte Raffles endlich. „Ich glaube gar nicht mehr, daß er uns> gesehen hat — ich wollte, er hätte es getan. Hierher." Mit großer Vorsicht folgten wir dem Pfade, aber der Kies blieb an unseren feuchten Sohlen hängen, und als wir die mit Fließen belegte Veranda betraten, von der aus eine Glastür ins Innere führte, knirschte es ganz abscheulich. Durch diese Glastür hatte Raffles zuerst das Licht schimmern sehen, und er machte sich jetzt daran, mit dem Diamanten, dem Dopf voll Syrup und dem Bogen starken Papier, die unter seiner Ausrüstung selten fehlten, eine Scheibe herauszuschneiden. Auch meine Hilfe verschmähte er nicht, obgleich er sie vielleicht ebenso instinktiv annahm, als sie angeboten wurde. Jedenfalls waren es meine Finger, die halfen, den Syrup auf dem braunen Papier zu verteilen und dieses ans Glas zu drücken, bis der Diamant seinen Weg vollendet hatte und die Scheibe geräuschlos in unsere Hände fiel. Nun steckte Raffles seine Hand durch die Oeffnung, drehte den Schlüssel im Schloß und zog den Riegel am unteren Ende der Tür in die Höhe. Das war der einzige, wie sich herausstellte, iiitb die Tür öffnete sich, wenn auch nicht sehr weit. „Was ist das?" sagte Raffles, als noch auf der Schwelle etwas unter seinem Fuße knirschte. „Eine Brille!" flüsterte ich, sie aufhebend, und ich drehte die zerbrochenen Gläser und das verbogene Gestell noch in den Fingern hin und her, als Raffles stolperte und mit einem ächzenden Schrei, den zu unterdrücken er sich. gar keine Mühe gab, fast gefallen wäre. „Sttll, Mann, still!" bat ich mit gedämpfter Stimme, „er wird Dich hören!" Statt aller Antwort klapperten ihm die Zähne — seine Zähne! — und ich vernahm, wie er nach seinen Streichhölzern suchte. „Nein, Bunny, er wird uns nicht mehr hören", flüsterte Raffles gleich darauf, indem er sich erhob und das Gas mit dem fast avgebrannten Streichholz anzündete. Angus Baird lag auf dein Fußboden seines eigenen Zimmers, tot, und mit von fernem eigenen Blut zusammen- geklebten grauen Haaren, neben ihm ein Schüreisen, dessen schwarzes Errde glänzte, und in einer Ecke stand sein Pult, erbrochen und durchsucht. Ciue Uhr tiefte geräuschvoll auf dem Kaminsims, und eine lange Weile war kein anderer Ton hörbar. (Fortsetzung folgt.) Gemeinschaftliche Schulen für Knaben und Mädchen. In der „Frauen-Rundschau" (Redakiiorr Dr. Phil. Helene Stöcker und Carmen Deja, Geschäftsstelle Leipzig) widmet der preuß. Landtagsabg. W. Wetekamp-Breslau der Frage des gemeinschaftlichen Schulunterrichts für Knaben und Mädchen folgende Ausführungen: Die Frage der Coödukation hat in Dänemark einen großen Fortschritt zu verzeichnen. § 4 des dem Reichstage augenblicklich vorliegenden Schulgesetzes lautet: Sowohl „Mittelschule" löte „Jugendschule" kann Knabenschulen, Mädchenschulen und gemeinsame Schulen für Knaben und Mädchen umfassen. Sehr interessant für die Entwickelung des Coödukation-Gedankens sind die dem Gesetze beigegebenen Erläuterungen. Es heißt dort: Der Unterrichtsplan kann nicht ganz übereinstimmend für Knabenschulen und Mädchenschulen eingerichtet werden. Es wird bestimmt von den Vorstehern höherer Mädchenschulen behauptet, daß es mit Rücksicht auf die geistige und körperliche Entivickelung unbedingt notwendig sein wird, die Altersgrenze für die Reifeprüfung um ein Jahr bei den Mädchen höher anzusetzen als bei den Knaben, also der Regel nach auf das 19. Lebensjahr. In Ueber- einsttmmung damit hat das Ministerium das Aufnahmealter für Mädchen für die Jugendschule auf das 16. Lebensjahr festgesetzt. Ob aber nicht der Unterricht und das Abschlustexamen der Mittelschule und der Reauchlußklasse für beide Geschlechter in derselben Zeit und in derselben Meise eingerichtet werden kann, erfordert noch nähere Erwägung. Der gemeinsame Unterricht für Knaben und Mädchen hat augenblicklich eine bedeutende Ausbreitung an privaten und kommunalen Schulen: von 32 kommunalen und 60 privaten Realschulen mit Berechtigungen, die im wesentlichen Knabenschulen sind, haben 25 bezw. 53 auch Mädchen, und von 35 privaten Mädchenschulen mit Berechtigungen haben 4 auch Knaben. Um die Aufnahme von Mädchen an Staatsschulen handelte es sich zum ersten Male im Jahre 1881, wo ein Vater in Aarhus für seine Tochter um Zulassting in die OIL der Kathedralfchule einkam. Das Ministerium holte damals die Gutachten von sämtlichen Direktoren der Staatsschulen und von den Lehrerversammlungen ein; aber fast alle Schulen stellten sich dem Gedanken an die Aufnahme von Mädchen aufs entschiedenste entgegen und nur einige wenige meinten, daß man doch wohl den Versuch wagen dürfe. Das Ministerium gab daher abschlägigen Bescheid, und 11 Jahre lang kam die Sache nicht mehr zur Sprache. Mer in der Zeit von 1892 bis 1898 erhielten acht Mädchen die Erlaubnis zum Einttitt, und von 1900 bis 1902 sind noch 26 Mädchen in verschiedene Klassen ausgenommen. Nach den Gutachten, die von den verschiedenen Schulen vorliegen, hat man nirgends auch nur die geringsten Mißstände verspürt, man ist im Gegenteil erfreut über die Einrichtung. Da es also scheint, als ob der Zugang selbst unter den jetzigen Verhältnissen ständig wächst, und da die Bewegung wahrscheinlich noch zunehmen wird, so hält das Ministerium es für richtig, daß man jetzt, anstatt von Fall zu Fall zu entscheiden, besser dazu übergeht, sestere Regeln für den gemeinsamen Unterricht von Knaben und Mädchen auszustellen. — Also: noch im Jahre 1881 völlige Ablehnung, schon 1892 Zulassung des Versuchs und wiederum 11 Jahre später, 1903, völlige Freigabe! Auch in Schweden liegen neue amtliche durchaus günstige Urteile über die gemeinsame Erziehung vor, und zivar in dem soeben erschienen Berichte der vor vier Jahren eingesetzten Kommission zur Vorberatung einer Reform des höheren Schulwesens. Die Kommission hat den 15 Schulen mit gemeinsamem Unterricht, welche Staatsunterstützung erhalten, die Frage vorgelegt, ob sich schädliche Wirkungen des gemeinsamen Unterrichts in gesundheitlicher oder sittlicher Hinsicht gezeigt haben. Keines der Gutachten weiß über Schädigungen zu berichten, fast die Hälfte der Gutachten stellt fest, daß der Einfluß des gemeinsamen Unterrichts nicht nur nicht schlecht, sondern direkt fördernd sei, sowohl bei den Knaben wie bei den Mädchen. Zwei Gutachten, das eine von einem Manne, das andere von einer Frau, sind besonders belehrend, da sie von früheren Gegnern des gerneinsamen Unterrichts herrühren. Aus jeden, dieser Gutachten werde ich einen Wschnitt hier anführen. Schulvorsteher N. Beckmann (Upsala): „Trotz aller Hindernisse wage ich zu behaupten, daß die gemeinsame Schule sür mich jetzt in viel günstigerem Lichte da- steht, als zu der Zeit, wo ich noch nicht in direkte Berührung mit ihr gekommen war. Ich habe die Vorteile größer und die Gefahren kleiner gesunden, als ich erwartet hatte. Ich habe nicht in einem einzigen Falle irgend welches allzu starke Interesse zwischen Kameraden verschiedenen Geschlechts wahrgenommen — wo sich Interesse für Courschneiderei fand, war der Gegenstand derselben außerhalb der Schule. Auf dem Spielplatz kommt frisches gemeinsames Spiel zustande, wenn aber Kameraden sich besonders gern aufsuchen, so sind es Knaben und Knaben, oder Mädchen und Mädchen. Und schließlich: wenn eine Klasse sich setzen darf, wie sie will, so ist es durchgehende Regel, daß die Knaben sich zusammensetzen — möglichst weit vom Katheder." t Frl. G. v. Friesen (Djurshvlm): „Bon irgend welchen schädlichen Wirkungen des gemeinsamen Unterrichts haben wir nicht die geringste Spur gemerkt, dagegen in hohem Grade gute. Die Zweifel, die ich früher gegen den gemeinsamen Unterricht hegte, sind in den neun Jahren, die ich hier unterrichte, gründlich widerlegt. Bei einer Elternzusammenkunst am 30. März 1901 sprachen sich alle Eltern ohne Ausnahme für gemeinsamen Unterricht brs zur sechsten Klasse (unsere Untersekunda) aus. Ein Baier 144 - der vier Kinder in der Schule Hatte, hiervon einen Knaben in der fünften Klasse (OIII), erklärte, das; er, der früher ein Gegner der Idee des gemeinsamen Unterrichts gewesen sei, durch die Erfahrung überzeugt worden sei, und nun nichts mehr wünschte, als daß die Schule vollständig ausgebaut sei" Also auch hier wieder die Erfahrung, daß Mit oer Kelrntnis der gemeinsamen Erziehung der Widerstand schwindet. Wir sind der festen Ueberzeugung, daß auch bei uns dasselbe Resultat sich zeigen würde, wenn mau sich nur erst entschließen könnte, überhaupt Erfahrungen zu machen. ________ Ein neues Mesen-Projekt für Ncw-Hork. (Nachdruck verboten.) Wieder einmal kommt aus Amerika die Nachricht von einem geplanten Riesenunternehmen, das in Newyork aus- gefiihrt werden und alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen soll. Die reiche Pennsylvania Eisenbahngesellschaft will auf einem enormen Mächenraum der Mau- Hattan-Jnfel eine Tunnel-Endstation anlegen, die nicht nur den Verkehrsbedürfnissen für die 20 Millionen Fahrgäste genügen, sondern auch eine palastartige Hotelanlage, eine Badeanstalt und Vergnügungslokale aller Art in sich schließen soll. Das Ganze bildet einen ungeheuren Kuppelbau. Unter der Erde liegen die Bahnhöfe für den Personen- und Güter-Berkehr, im Parterre die zahlreichen Bureaus der Bahn, ferner eine Polizeistation, eine Muerwache und ein Automobildepot nebst Reparaturwerkstatt. Der mittlere Teil des Gebäudes, dessen Plan von dem Architekten Charles Reid stammt, würde Hotelzwecken dienen. Zwei Ecken sollen für ein Opern- und ein Schauspielhaus eingerichtet werden. Bon den Mauern des achten Stockwerks aus wölben sich massive Bögen aus Stahl und Glas bis zu einer Höhe von vier Stockwerken. Unter dem gewölbten Glasdach und sich um das ganze Gebäude hin- ziehend ist ein freier Raum von ungefähr der halben Breite eines Häuserviertels gedacht, auf dem Pferderennen abgehalten, in der Zwischenzeit Spiele mannigfachster Art — Tennis, Golf usw. — veranstaltet werden sollen. Für den riesigen Mittelraum dieses Stockwerks hat Herr Reid ein Arrangement von Läden und Schaubuden geplant, eine Art dauernder Ausstellung. Ein drei Stockwerk hoher Raum über dem Ausstellungsraum ist für Massenversamnr- lungen bestimmt. Es ist ein enormes Amphitheater mit riesiger Zuschauertribüne mit Sitzplätzen für 60000 Personen. Die Halle umgebend und von innen und außen zugänglich sind Komiteezimmer, Borräume und Klubzimmer geplant, alle mit anschließenden Toilettezimmeru. Ebenso ist für ein großes populäres Restaurant gesorgt, das auch zu einem kolossalen Ballsaal umgewandelt werden kann. Für das oberste Stockwerk ist ein großartiges Gewächshaus mit Wintergarten geplant. Das ganze Dach räumt Reid einem Dachgarten ein, der im Sommer seine Ziersträucher und Blnmen aus dem direkt unterhalb gelegenen Wintergarten und Erfrischungen für die Besucher aus der tiefer gelegenen Restauration erhalten kann. Von dem Dachgarten aus würde der Besucher eine wunderbare Aussicht auf Newyork und seine Umgebung haben. Ans der Höhe des Kuppelbaues soll eilte Station für drahtlose Telegraphie eingerichtet werden. Das sind in großen Zügen einige Einzelheiten des Reid'schen Riesenplanes, der natürlich ungeheure Summen zu seiner Durchführung erfordert. Rund 5 Millionen Dollars hat die Gesellschaft für den Ankauf des Grund und Bodens und die Anlage des Unterwassertunnels von New-Jersey nach Newyork bereits bezahlt, und eingeweihte Kreise behaupten, daß die Mrtig- stellung der Gesamtanlagen einschließlich des vorstehend beschriebenen Ausbaues der Endstation sich auf 100 Ö00 000 Dollars stellen, daß sich aber trotzdem eine gute Rentabilität erzielen lassen wird. Vermischte». Stimmt genau. Ein Engländer speiste in einem fremden Hotel, als ein Detektiv an ihn herantrat und sagte: „Entschuldigen Sie, mein Herr. Ich bin auf der Suche nach einem entsprungenen Sträfling. Darf ich Sie der Form ivegen um Ihren Paß bitten?" „Aber, sehe ich etloa aus wie ein entsprungene« Sträfling?" „Gewiß nicht, mein Herr. Dennoch muß ich darauf bestehen, Ihren Paß zu sehen." Der Engländer nahm ärgerlich die Speisekarte vom Tische, gab sie dem Detektiv und sagte: „Gut, da ist er!" „Was ist das? — Schafskopf, Hammelhals', Schweinefüße — die Beschreibung paßt genau. Folgen Sie mir!" Ein Naturwunder. Man sprach im Klub über Hunde. „Mein Freund", sagte einer der anwesenden Herren, „besitzt einen Hühnerhund, ein außerordentlich sympathisches Geschöpf. Der mütterliche Instinkt ist in diesem Tier so stark entwickelt, daß es einen jungen Hund, der ihm gar- nicht gehörte, mit der größten Sorgfalt auferzogen hat. ' „Man hört häufig von solchen Fällen", entgegnete ein anderer. „Ich erinnere mich jedoch eines weit merkwürdigeren Falles. Eine Henne hatte ein Küchlein. Die Henne starb und das arme Küken war in großer Not. Da erbarmte sich ein schottischer Schäferhund des Kitkens und zog es auf." ,. „Ja", sagte einer der Zuhörer, „das ist merkwürdig, aber nicht außergewöhnlick." „Das Außergewöhnliche kommt. erst noch, erwiderte der Erzähler feierlich, „jenes Küken bellt W' Tit-Blts. Ein Musterzeugnis. Das folgende Zeugnis wurde einem Diettstmädchen kürzlich erteilt: „Hiermit bescheinige ich, daß Anna B. bei mir ein Jahr weniger elf Monate bedienstet war. Während dieser Zeit zeigte sie sich mäßig in ihrer Arbeit, aufmerksam gegen sich selbst, flink in Ausreden, liebenswürdig gegen junge Leute, treu gegen ihren Grenadier und ehrlich, wenn alles sich unter Schloß und Riegel befand. Literarisches. Paul Achse, Romane und Novelle,». Wohlfeile Ausgabe Erste Serie: Romane. 48 Lieferungen zu je 40 Pf. Alle 14 Tage eine Lieferung. Verlag der I. G. Co tt a'sch en Buchh andlun g Nachfolger G. m. b. H. in Stuttgart und Berlin. Paul Heyses zweiter Roman „Im Paradiese", dessen erster Band in den vor kurzem zur Ausgabe gelangten Lieferungen 16 bis 21 der wohlfeilen Ausgabe von Pa ul Hevses Romanen enthalten ist, darf mit Recht aß eine der reifsten Schöpfungen des Dichters bezeichnet werden, als ein Kunstwerk, in dem sich die Eigenart Heyses und sein Können in schönster Entfaltung zeigt. Der Schauplatz des Romanes ist München, das dem Dichter jut zweiten Heimat geworden ist, und die reich bewegte Hai d- luna svielt sich meistens in Künstler kreisen ab. Auf diesem Boden konnte der Dichter auch nur solche Kraftnaturen finden, wie er sie für die starken seelischen Konflckte, auf betten der Roman aufgebaut ist, gebrauchte, -ws Milieu des Romans ist überaus reizvoll man wird „ins Paradies" eingeführt, das Versammlungslokal der Künstler, und lernt das lustige Völkchen in semem Uebermut und seiner guten Laune kennen. Auf der andern Seite aber zeigt der Dichter auch, tme ernst diese Künstler ftrebeit und wie sie mit Not und Entbeyrnng um ihre Ideale kämvfen. Mau fühlt es bei jeder Zeile, die Gestalten des' Romans sind nicht Phantasiegebilde des Dichters, er hat sie alle mit eigenen Augen erschaut, unter ihnen gelebt, sie aber mit dem Zauber umkleidet, den nur der echte Dichter seinen Gestalten zu verleihen vermag, Kapselrätsel. (Nachdruck verboten.) Beilage, Preis, Perlen, Sandale, Uhland, Warmbrunn, Läufer. In jedem der vorstehenden Wörter ist ein anderes Hauptwort versteckt. Sind die richtigen Wörter gesundeu, so ergeben die Anfangsbuchstaben derselben den Namen einer bekannten deutschen Stadt. (Aufiösung in nächster Nummer.) Auflösung des Telegraphenrätsels in vor. Nr.r Eisenbahn (Weln, Asien, Bafe, Aliorn). Redaktion: K