1903. |Z| (Nachdruck verboten.) Eine verhängnisvolle Fahrt. Roman von B. M. Croker. Autorisierte Nebersetzung aus dem Englischen von Alwina Vis ch er. (Fortsetzung.) „Ach, Maureen, Tu bist ein schreckliches Mädchen", entgegnete ihre Tante, schwermütig den Kopf schüttelnd. „Ja, ich weiß es Wohl, liebe Tante, es ist keine Kleinigkeit für Dich, eine solche unzivilisierte Nichte zu haben, die nicht mehr Verständnis für schöne Kleider hat, als ein junger Esel, aber ich will Tir versprechen, jegliche Schattierung von seegrün bis himmelblau und alle Arten von Stoffen, vom dicken Drell bis zum durchsichtigen Tüll zu tragen, vorausgesetzt, daß er mich wenigstens zudeckt." „Ach, Miß Coste, dann müssen Sie schon so freundlich sein, und dies wieder fortnehmen", sagte Mrs. Malpas in kläglichem Tone. „Zeigen Sie, bitte, das Weiße Atlaskleid, das ich so halb und halb für mich bestimmt hatte." Voll Eifer brachte Miß Coste zwei weitere Modellkleider herbei, und während Mrs. Malpas diese einer genauen Prüfung unterzog, wandte sich Lady Flashe zu Lady Flanshawe und sagte: „Wie ich höre, werden Die ja nächstens nach Irland reisen. Ich hatte keine Ahnung von Ihrer Vorliebe fürs Fischen. Haben Sie überhaupt schon geangelt?" „Nur nach Komplimenten", fiel ihre Schtvester ein. ,,Darin ist sie aber auch eine äußerst glückliche und erfahrene Fischerin" „Pfui, wie häßlich, Maureen! Ich verstehe gar nichts vom Fischen, ebensowenig wie mein Schwesterlein hier, aber wir hoffen, es zu lernen. Mein Mann schwärmt für Ballybay, für die Luft, die Menschen, den Sport und die ganze Gegend. Er geht ebenso regelmäßig dorthin wie nach! Derby, nur mit dem Unterschied, daß er in Irland zwei Monate bleibt, anstatt wie in Derby zwei bis drei Stunden, ich aber möchte nun herausbringen, was für Anziehungspunkte er dort hat, und ob es tatsächlich nur Fische sind." „Oder eine Wassernixe", fügte Lady Flashe mit einem schalkhaften Lächeln hinzu. ,Lch prophezeie Ihnen, daß Eie sich gründlich langweilen werden; ich für meine Person verabscheue das Fischen. Den ganzen Dag an ein nasses Boot gefesselt zu sein mit aufgelösten Haaren, von Fünfuhrthee keine Spur — greulich! Doch ich darf Ihnen nicht schon vorher den Mut nehmen. Jedenfalls Ist es reizend von Ihnen, sich für die Beschäftigung Ihres Gatten zu interessieren, und verdient hohes Lob." „S® schlimm ist cs nun gerade nicht, hin und wieder iemen Salm zu fangen unb etwas von dem inländischen Dialekt aufzuschuappen, außerdem habe ich die angenehme Aufgabe, Maureen zu b"nn'ttern." „Aber auch was für eine Verantwortung!" „Ja, nicht wahr, meine Liebe? Mir wird auch ganz Angst, wenn ich daran denke", sagte sie, während sie ihrer Schwester nachsah, die weggegangen war, um einige Hüte zu betrachten. „Sie sieht nicht aus, wie eine reiche Erbin." „Nein, das ist wenigstens noch ein Trost. Man könnte sie eher für eine arme Verwandte halten, eine Rolle^ in der sie sich übrigens selbst ganz besonders gefällt." „Dann würde ich sie in dieser Hinsicht noch ermutigen, das kann unter Umständen zu allerlei komischen Mißver- ständnissen führen. Jedenfalls aber dürfen Sie ihr nicht erlauben, einen Irländer zu heiraten." „Ich ihr erlauben? Es ist wirklich komisch, von „erlauben" zu sprechen! Die wird heiraten, wen sie will, sogar einen Schornsteinfeger, wenn sie es sich in den Kopf gesetzt hat." „Gütiger Himmel! Ach, ärmste Nita, wie leid Sie mir tun! Hoffen wir, daß es in Ballybay keine Schornsteinfeger giebt; zum Gluck ist es Sommer, da bedarf man ihrer nicht." „Sehen Sie dort Mrs. Fortesque Foularde? Es ist auffallend, wie sehr sie in diesem Winter gealtert I)at Voriges Jahr war sie noch so hübsch." „Finden Sie nicht auch, daß die meisten Menschen in ihrem Aussehen sehr wechseln?", sagte Lady Flashe. „Fast jedermann hat seine hübschen und häßlichen Tage —- außer Ihnen, Nita — denn bei Ihnen giebt es nur hübsche." „Ach, wie liebenswürdig von Ihnen, Dulcie! Diesmal könnte Maureen nun aber gewiß nicht behaupten, daß ich nach einem Kompliment angelte", erwiderte Lady Fan- shawe mit strahlendem Lächeln. „Doch nun Adieu und aus Wiedersehen heute abend bei der großen Raute, da können wir nach dem Essen behaglich weiterplaudern, vorausgesetzt, daß die Herren uns nicht gleich wieder aus den Fersen sind. Komm, Tantchen, komm Maureen." Lady Fanshawe und ihre Verwandten gehen ab bis zur Türe — begleitet von der Ladenbesitzerin, drei Probiermamsells, zwei Dienstmädchen und einer Menge bewum, dernder Blicke. Zweites Kapitel. „Der schwarze Schwan". „Na, endlich sind diese Leute fort", bemerkte eine federngeschmückte, alte Witwe, die plötzlich hinter den großen Blättern einer Modezeituna aufgetaucht war. „Mir rst diese Mrs. Malpas unausstehlich, mit ihren Toilette« ä l'enfant und ihrer jugendlichen Frisur, oder besser gesagt, Perrücke. Ihr Wesen, ihr Anzug, ihre Pläneschmie- dereien — kurz, alles an ihr ist mir zuwider." „Wer meine liebe Lady Langueville, sie hat doch, was Toiletten aubelangt, wahrhaft geniale JdsW, und ihre Pläne sind meistens von Erfolg ßefcßnt." — 18 — „Jedenfalls gelang es ihr, ihre Nichte an den reichen, allgemein beliebten Sir Greville Fanshawe zu verheiraten. Früher verkehrte er nämlich sehr viel in unserem Hause", fuhr sie fort, und ein schwerer Seufzer entrang sich ihrer Brust. „Ich hätte mir niemals träumen lassen, daß er sich durch ein hübsches Gesicht und einen hohlen Kopf würde fangen lassen, denn er machte mir stets den Eindruck, als seien ruhige, wohlunterrichtete und gediegene Frauen mehr nach seinem Geschmack. Auch war er stets ein leidenschaftlicher Klub- und Sportsmann." „Und nun ist er ein leidenschaftlicher Verehrer seiner Gattin, die auch in der Tat eine der reizendsten Frauen von ganz London ist." „Ich gebe ja zu, daß sie eine ganz hübsche Weltdame ist, stets wie geschniegelt und gebügelt, aber auch nicht mehr. Im Grunde genommen, ist Nita Fanshawe ein eitles, vergnügungssüchtiges, oberflächliches Geschöpf. Hinter dem „schwarzen Schwan" steckt zehntausendmal mehr." „Dein schwarzen Schwan", wiederholte Lady Flashe mit gerunzelter Stirne. „Ja, so nennt man ihre Schwester. Wahrscheinlich, weil sie ein außergewöhnliches Wesen ist — dabei ein bescheidenes, gediegenes Mädchen — und weil sie am Schwanenfluß in Mstralien geboren wurde." „Vielleicht auch nur, weil sie brünett ist und einen langen Hals hat. Obwohl sie, nebenbei gesagt, manchmal recht scharf und absprechend sein kann, so mutz ich doch gestehen, daß ich sie sehr gern habe." „Noch ist eS Mrs. Malpas nicht gelungen, sie an den Mann zu bringen, obgleich sie schon alle Hebel in Bewegung gesetzt hat." „Allerdings nicht; sie behauptet, mit dem Mädchen ein gesellschaftliches Fiasko gemacht zu haben, eine Ansicht, die wohl hauptsächlich daraus zurückzuführen ist, daß D'Mrcv Lord Runarigs Hand ohne weiteres ausschlug und M weigerte, Lady Blore zu werden." „Ich finde, daß man ihr das nicht übel nehmen kann. Warum sollte eine junge, reiche Erbin einen alten Mann heiraten, bloß um das Vergnügen zu haben, ihr Briefpapier mit einer Grafenkrone schmücken zu können?" sagte Lady Langueville. „Da stimme ich vollständig mit Ihnen überein. Miß D'Arcy wird wahrscheinlich einmal irgend einen berühmten Nimrod heiraten, denn sie liebt jegliche Bewegung in freier Luft, und ist eine glänzende Reiterin. Sie sollten sie wirklich einmal sehen. Jeden Morgen um neun Uhr reitet sie im Hydepark." „Ich aber", erwiderte Lady Langueville etwas un- geduldig, „schreibe meine ausgezeichnete Gesundheit in erster Linie dem^Umstande zu, daß ich vormittags niemals ausgehe. Die Morgenstunden sind in nuferem Klima zu rauh und neblig." „Wohl möglich, allein Maureen D'Arcy fürchtet die kalte Morgenluft nicht, und setzt ihre zarte Haut ungescheut Wind und Wetter aus. Alles aber, rvas zur großen Geselligkeit gehört, ist ihr ein Greuel, und Bälle betrachtet sie förmlich als eine ihr auferlegte Strafe, genau so, wie jetzt so viele unserer langweiligen Herren." „Ich muß sie mir doch morgen einmal näher betrachten — da bin ich nämlich zu Mrs. Malpas zum Diner eingeladen und werde auch hingehen, da man ja bei solchen Gelegenheiten zum Glück nicht viel von der Wirtin selbst zu sehen bekommt. Wahrscheinlich werde ich in Homburg wieder mit ihr zusammentreffen, und da gibt's dann kein Ausweichen. Jeden Morgen mit halb acht Uhr erscheint sie am Elisabethbrunnen und zwar bereits in einer höchst auffallenden Sommertoilette. Ehe wir nicht unser drittes Glas getrunken und die nötige Morgenpromenade vollendet haben, läßt sie mich dann allemal nicht wieder los. Aber dies Jahr wird sie wohl ihre Nichte mitnehnren, dann bin ich erlöst." - „ „Ich bedauere, Ihnen diese Hoffnung rauben zu müssen, denn Miß D'Arcy reist mit ihrer Schwester und Sir Greville nach Kerry in Irland. Mta Fanshawe über- «immt damit eine ziemlich schwierige Verantwortung." „Im Gegenteil", erwiderte oie alte Dame, „die Verantwortung wird aus der andern Seite sein. Nita ist jedenfalls eine schreckliche Last für das arm« junge Dina; wie ein Mühlstein wird sie ihr am Hals hängen." Lady Flashe brach in lautes Lachen aus. „Sie find wirklich komisch. Dabei fällt mir ein junges Mädchen ein. Idas ganz ernsthaft zu mir sagte: ,Na, nun hab ich die Mutter endlich wieder verheiratet. Es war eine schreckliche Aufregung, bis ich sie glücklich unter die Haube gebracht „Was für ein greuliches Mädchen! Hoffentlich haben Sie ihr gründlich den Mund gestopft. Daß sich aber Nita Fanshawe nach Irland, in solche Weltabgeschiedenheit begeben will, ist höchst merkwürdig. Wo liegt denn nur der Ort, den sie sich zu ihrem Aufenthalt ausgesucht hat? Sind vielleicht Kavalleriekasernen in der Nachbarschaft?" „Ich glaube nicht. Der Ort ist berühmt wegen seines! Meer-, See- und Flußsischfangch wegen seiner romantischen Lage und einiger guter Gasthöfe; es soll die reizendste Gegend von Irland sein." „Daß es Sir Greville dort gefällt, bezweifle ich nicht, und auch der „schwarze Schwan" kann dort nach Herzenslust seine Schwingen regen und das freie, ungebundene Leben genießen; aber Nita, die bis Mittag im Bett liegt, und ohne!?Lufregungen und Huldigungen, ohne den neuesten Klatsch und ihren letzten Verehrer nicht leben kann — was für ein geheimer Grund mag sie zu dieser Reife bewegen?'< „Sie wünscht den wahren Charakter der Gegend zu ergründen". „Mta Fanshawe und den Charakter eines Ortes oder einer Person zu ergründen!" rief die alte Dame mit verächtlichem Hohnlachen dazwischen. ,Me befürchtet vielleicht, ‘ daß er mehr als Fische und eine schöne Landschaft in sich schließt." „Ah so!" Lady Langueville wurde plötzlich ganz heiter! und lebhaft. „Nun habe ich's. Erinnern Sie sich des jungen Hauptmanns Mac Lawleß, der während des letzten Winters viel bei Lady Fanshawe verkehrte? Ein bekannter Don Juan, aber eifriger Fischer — der geht ja auch nach Irland. Ich suche nämlich immer gern den Dingen auf den Grund zu kommen. Jetzt begreife ich Lady Fanshawes Reisepläne." „Aber ich bitte Sie, Mta ist ein ganz harmloses Geschöpft', entgegnete die andere voll Wärme. „Sie kann doch nichts dafür, daß sie schön und anmutig ist. Sie liebt ihren Mann auftichtig und dann — schließlich sind doch alle hübsche Frauen ein wenig kokett." „Darin stimme ich durchaus nicht mit Ihnen überein. Jedenfalls wird Lady Fanshawes arme, einfache Schwester alle Hände voll mit ihr zu thun haben, um ihr die Zeit zu vertreiben und sie vor Wwegen zu behüten. Sir Greville vertraut seiner Gattin zwar unbedingt wie alle Männer, die nicht viel Erfahrung mit Frauen haben, aber ich weiß; aus sicherer Quelle, daß eine Dame, die Lady Fanshawe zum Verwechseln ähnlich sah, im Princehotel mit einem Herrn dinierte und darauf mit diesem ins Theater ging — zu einer Zeit, wo Sir Greville in Schottland war. Die bekannte Sache — wenn die Katze fort ist" —i der Schluß des Satzes verklang in einem häßlichen Lachen. „Ich glaube nicht, daß Mta Fanshawe jemals etwas so Einfältiges getan hat", sagte Lady Flashe empört. „Sie ist zu allen Albernheiten fähig. So wenig eifersüchtig nun aber auch ihr Gatte ist, so sehr neigt sie dazu. Als er z. B. kürzlich einmal während zwei oder! drei Tänzen mit seiner alten, guten Freundin, meiner! Perdita, zusammensaß, kam seine Frau tatsächlich zu ihm her, und veranlaßte ihn, aufzubrechen. Dabei sah sie ganz zornig und aufgeregt aus — wie unfein, nicht wahr?'< ,Hielleicht wollte sie nach Hause gehen", bemerkte Lady Flashe. „Oder aber ist ihr etwas davon zu Ohren gekommen, daß Greville Perdita einmal die Cour gemacht hat." „Courmacherei? O nein, es war eine ganz ernsthafte Sache, bei der er sich übrigens recht wenig hübsch benahnp Perdita aber ist ein gutmütiges Ding, und hat ihm verziehen — obwohl ich das von mir nicht behaupten kann.i — Doch hier kommt endlich mein schwarzes Spitzenkleid, ich muß mich jetzt wirklich von Ihnen verabschieden. Besuchen Sie mich bald, der dritte Dienstag im Monat ist mein Empfangstag. Nicht wahr, Sie vergessen es nichts Nachdem die Witwe davongerauscht war, band sich' Lady Flashe vor einem Spiegel langsam den Schleier vor, griff nach ihrem Sonnenschirm und murmelte beim Hinausgeben ärgerlich vor sich hin: „Du darfst überzeugt sein, daß ich eS nicht vergessen werde du alte, falsche 19 Drittes Kapitel. Der rote Sonnenschirm. „Und dieses merkwürdige Ding nennt man in Irland eine Postkutsche?" fragte Lady Fanshawe, die, in einen weiten Staubmantel und Gaze sch lerer gehüllt, auf der Rückseite des Stationsgebäudes von Carra stand, und den hohen, gelben, mit vier prächtigen Pferden bespannten, einer Scharabank ähnlichen Wagen musterte, der die neu angekommenen Reisenden nach Ballybay bringen sollte. Auf dem Bock saß ein stämmiger, wetterharter Kutscher, und vorn bei den Pferden stand ein junger Postillon, ©ine Menge Neugieriger mit dem ausgesprochenen Typus des Irländers umstanden gaffend den Wagen und machten allerlei spöttische Bemerkungen und Witze über die zu befördernden Reisenden. Unter diesen befanden sich zwei Kammerjungfern, von denen die ältere einen lleinen Korb trug, in den sie mitleidlos eine große schwarze Katze hineingepreßt hatte; ferner Sir Greville Fanshawe, ein hübscher kleiner Mann mit fröhlichen dunkeln Äugen, frühzeitig ergrauten Haaren, und raschen, lebhaften Bewegungen, der eifrig um seine Angeln und Uschereigeräte bemüht war; dann ein schon bejahrter Rektor mit seiner Gattin, der sich auf seiner alljährlichen Sommerferienreise befand, und ein junger Bergnügungsreisender in hellgelbem Anzug und blauer Brille, der, fernen ungeheuren Schnurrbart drehend, und hin mtb wieder ungeduldige Verwünschungen ausstoßend, einherstolzierte. Ms Letzte von allen erschien Maureen DÄircy mrt leuchtenden Augen, strahlend wie der junge Morgen. Während dann das Gepäck in den Kutschbockkasten verladen wurde, be- garrnen die Reisenden ihre Sitze einzunehmen. Lady Fanshawe raffte Mantel und Röcke zusammen und sah sich hilfesuchend um, aber ach, Sir Grevrlle war ganz von der Sorge hingenommen, eine lange Angelrute in dem Kasten unterzubringen! „Ach, meine liebe Dame", rief ein alter Mann aus dem Kreis von Zuschauern heraustretend, „ich will Ihnen gerne helfen. Wenn man wie ich zwanzig Jahre lang Pferdebahnkutscher war, so versteht man sich auf zarte Damenfüßchen." — „Willst Du wohl das Maul halten, Tim Nolan", schrie ihn der Postkutscher an. „Zürnen Sie chm nicht, Fräulein, er ist ein alter Schnapsbruder, der auf eine Belohnung rechnet." „Kehr Du nur vor Deiner eigenen Türe, Tom, wir wissen alle, daß Du es doch nur auf eine halbe Krone abgesehen hast." Diese Antwort mit ihrer derben Anspielung auf das Trrnkgeld des Kutschers ries ein schallendes Gelächter unter den Zuhörern hervor. „Ich, habe den Kutschbocksitz belegt", erklärte der junge Mensch im gelben Anzug, indem er Lady Fanshawe unhöflich bei Seite stieß. „Ich wünsche die Gegend zu sehen, und habe dafür bezahlt." ,^on mir soll ihm dieser Genuß nicht geschmälert werden", murmelle Nlla zu Maurern gewandt. „Ich sitze lieber^ ganz hinten, wo ich nicht sehen kann, was die Pferde für Sprünge machen." „Mir aber macht es das größte Vergnügen, sie zu beobachten", sagte ihre Schwester, indem sie sich unmittelbar hinter den Kutscher setzte. „Du solltest Stalljunge werden, und lieber ganz im Pserdestalle wohnen", antwortete Lady Fanshawe etwas gereizt, denn sie war stets schlechter Laune, wenn sie aus Mem Behagen gerissen wurde. Der Gedanke, vierzehn Merlen in diesem schwankenden Fuhrwerk zurücklegen zu S-lli ' tDar ch*. verhaßt, und zudem graute chr vor diesen kräftigen, unruhigen Pferden. Auch die neugierig grinserrde Menge toor ihr zuwider, und um ihrem Mißvergnügen die Krone aufzusetzeü, hatte sich nun auch noch ein heftiger der ihr den Hut lockerte und diesen samt Schlei» fortzuoehmen drohte. Dennoch saß sie schließ- lrch glücklich unter einem großen roten Sonnenschirm, ihren Foxterrier Taffy aus dem Schoß. (U-rtsetzmrg folgt.) Amerikanische Zeltstädte. (Nachdruck verboten.) Der Westen der Vereinigten Staaten, der in mancher Beziehung für den Wolkswirtschaftler Interesse bietet, sicht alljährlich wirkliche und sogenannte Städte entstehen und wieder vergehen. Sie sprießen empor, blühen eine Zeit lang und verwelken dann vielleicht wieder ebenso schnell- wie sie emporgekommen sind. Hier wird auch wohl vo« einem großen Landspekulanten der Befehl erteilt, „eine Stadt zu erbauen", und die Ausführung desselben zeitigt dann uatiirlich Früchte der merkwürdigsten Art. Einem solchen Befehl verdankt auch eine neue Stadt auf der Insel Santa Catalina ihre Entstchung. Tie Insel gehört zu der Reihe von Eilanden, welche sich die kalifornische Küste entlang von Point Conception bis San Juan hin- ziehen nud befaß als' einzige von diesen auch bisher schon eine Stadt, die in regelmäßiger Verbindung mit dem Festlande steht. Diese Stadt, den Namen Avalon führend, Werst eine Winterbevölkerung von etwa tausend Seelen auf, während diese Zahl im Sommer auf 6000 und mehr anschwillt. Avalon liegt in einem weiten Canon, und da es infolgedessen in seiner Ausdehnungsfähigkeit beschränkt ist, st» konnten die immer zahlreicher herbei ko mm enden Sommergäste schließlich nicht mehr Unterkommen finden. Die Eigentümer der Insel sagten sich daher, nach Dankeeart, daß es an der Zeit sei, mit dem Bau einer neuen Stadt $a beginnen, und gaben dementsprechende Ordre. Am Nordende der Insel wurde zunächst der Platz für die neue Stadt ausgewählt. Die Stelle stellt eine Art Landenge dar, denn aus der einen Seite wird eine lleine Bucht durch vorspringende Hügelketten gebildet, während auf der anderen Seite eine zweite Meeresbucht tief ins Land ein- schneidet. Auf diese Weise sind der neuen Stadt zwei gute Häfen gesichert. Als an die Gründung der neuen Siedelung herangetreten wurde, war der Platz völlig wüst und öde; kein Baum war weit und breit zu sehen, höchstens hier und da ein Kaktusstumpf, und von menschlichen Wohnungen war außer einigen Fischerhütten ebenfalls nichts zu bemerken. Auch Wasser war nicht vorhanden. Solches sank sich jedoch in einem benachbarten Tale vor und wurde von dort aus durch eine Wasserleitung dem Platze für die neue Stadt zugeführt. Tann folgte die Ebnung des Geländes, die mit einem enormen Auftvand an Arbeit durchgeführt wurde. Es wurden Vertiefungen ausgefüllt, klein« ■ Erhebungen abgetragen und so alles in besten Stand gesetzt. Ter Geometer kam und vermaß das ganze Gelände, legte die geplanten Wege, Straßen und Plätze fest, auch tourbe die Anlage eines öffentlichen Parks' mit Fontänen rc. vorgesehen. Hiernach rückten die Rohrleger an, um die Straßr« nut einem Netz von Kanalisations- und WasserleitungA- röhren zu durchziehen. Tie Straßen wurden mit lleine« australischen Encalyptuspflänzchen bepflanzt, ein Landungsplatz wurde angelegt, es wurden ein Restaurant, ein Hotel, einige Hütten für die Verwaltung, sowie eine größere Anzahl von Zelten erbaut — und die moderne amerikanische Zeltstadt war fertig. Diese Art von Zeltstädten ist typisch für das südkalifornische Küstengebiet; sie bilden eine beliebte Sommerfrische sür alle, die der drückenden Hitze in den Binnenftädten auf einige Zeit zu entfliehen streben, um eine zeitlang mit möglichst geringen Kosten die ftischere Seeluft zu genießen. Tie neue Stadt auf der Landenge bei Avalon ist indes! nicht ausschließlich als „Tent city", Zeltstadt, gedacht, sondern sie soll mit Landhäusern und Hotels ausgebaut werden, und die Eigentümer warten nur darauf, daß die angepflanzten Bäume genügend groß, geworden sind, um mit dem , Bau solider Wohngebäude zu beginnen. Tie in Kall- svrnien ber solchen Gelegenheiten meist angewandten Enca- iyptusüäume zeichnen sich durch ein außerordentlich schnelles Wachstum aus, besonders hier, wo sie durch das Klima des Landes darin noch wesentlich unterstützt werden. An Stellen, wo reichlich Wasser vorhanden ist, erreichen sie in zehn Jahren eine Höhe von dreißig Metern. Tie Zeltstädte sind, wie erwähnt, eine besondere Eigentümlichkeit Kaliforniens, und die Lokalblätter vom Gebirge bis zum Meeresgestade hinab wimmeln während der Sommermonate von Anzeigen, welche die Herrlichkeiten dieser oder jener Zeltstadt preisen. Während des Winters ruht die ganze Zeltstadt wohk« 20 Mariomtten-Theater. Von Fred Hood. (Nachdruck verboten.) Tie Marionetten — Gliederpuppen, die durch Schnüre oder Drähte in Bewegung gesetzt werden und in den so- genanuten Marionetten-Theatern die lebenden Darsteller ersetzen — waren schon den Griechen und Römern wie auch herumziehenden chinesischen Gauklern früherer Zeiten bekannt. Die Blütezeit der deutschen Puppenspiele begann nach dem 30 jährigen Kriege, während man heut in Deutschland nur noch selten größeren Puppentheatern begegnet. Tie kleinen Kasperle-Theater zur Kinder- und Volksbelustig- ung, deren winzige Figuren auf die Finger einer unsichtbaren Person gesteckt und von dieser in Bewegung gesetzt werden, wird man hier kaum zum Vergleich heranziehen können, da dieses System unter Anwendung der guckkastenartigen Bühne naturgemäß aus ein sehr kleines Repertoir beschränkt bleibt und das gleichzeitige Auftreten einer größeren Zahl von Personen unmöglich macht. Ein Lieblingsstück des deutschen Puppentheaters früherer Jahrhunderte bildete das Puppenspiel „Dr. Jo- hannes Faust", welches Lessing bearbeitete und auch Goethe die Anregung zur Bearbeitung desselben Stoffes gab. In neuerer Zeit haben die Marionettenspiele in Frankreich großen Beifall gefunden. Während das Marionetten- spiel bei uns nur noch 'zur Belustigung für Kinder und niederes Volk dient, pflegen in Frankreich auch die gebildeten Kreise M arivnetten-TH eater zu besuchen, in denen namentlich dramatische Satiren ausgesührt werden. Ei» geborgen in dem Magazin des Unternehmers. In Avalon z. B. kann man ein rundes Zelt sehen, in dem im Winter die verschiedenartigen Materialien, wie Teppiche, Matten, Petroleumkocher, Schüsseln, Lampen und sonstige Haushaltungsgegenstände, serner Zelte jeder Größe, kurz die ganze Zeltstadt aufgestapelt liegt. Im April oder Mai tritt dann eines Tages eine Kolonne Leute an, räumt die Winterquartiere aus, und mit verblüffender Geschwindigkeit werden die Fußböden gelegt, Zelte errichtet, Teppiche ausgebreitet, die Gebrauchsgegenstände an ihren Ort gestellt, das Wasser angedreht, und bald steht die Zeltstadt fix und fertig wieder da. Tie Zelte oder auch einzelne Räume derselben werden dann an die Sommerfrischler vermietet, und diese fühlen sich in der leichten Wohnung Schr wohl und freuen sich ihres Lebens, so gut es geht. m Zentrum der Zeltstadt befindet sich ein Laden, in dem alle möglichen Speisen zu haben sind, und nebenan finden wir eine Bibliothek mit Lesezimmer. Es ist also alles da. Auch für das physische und moralische Wohlergehen der Bürger der Zeltstadt, sowie für die nötigen Zerstreuungen und Vergnügungen ist bestens gesorgt. Wir finden an der Grenze der Stadt eine große, sür gesellschast- liche Vergnügungen bestimmte Halle. Vor dieser konzertiert im Freien in den Anlagen von sieben bis neun Uhr abends eine gute Kapelle, und es ist hier für 1200 Personen Sitzgelegenheit vorhanden. Um neun Uhr begiebt sich die Kä- pehle in die Halle, in der dann ein für alle Bewohner der „Zeltstadt freier Tanz arrangiert wird. Kein Polizist ist in der Stadt zu sehen, nur Schutzleute in Zivil sorgen für die öffentliche Ordnung. Ueber- haupt ist hier eine vollständige Sommerstadtverwaltung vorhanden, von einer Gesellschaft geleitet, die für alles Ergti Tie Reinigung und sanrtäre Beaufsichtigung der ladt wie die Unterhaltung der Bewohner liegt ebenso in ihrer Hand, wie Äe Sorge für ein Postamt und tue täglich zweimalige Tampferverbindung mit dem Feftlande. Trotzdem haben die Bewohner der Zeltttadt nur verhältnismäßig geringfügige Gebühren zu zahlen, nämlich außer der Zeltmiete nur 11,50 Mark für die Heberfahrt von Los Angeles nach der Insel, eine Strecke von etwa 80 Kilometern. Auf diese Weise ist durch die Einrichtung der Zeltstadt vielen Bewohnern Kaliforniens während der heißen Jahreszeit für billiges Geld der Genuß eines Landaufenthaltes ernröglicht, den sich sonst mit Rücksicht auf die Ebbe in seinem Familienbudget mancher versagen müßte. W. Stengl. solches Theater hatte sich auch auf der Pariser Weltausstellung großen Beifalls zu erfreuen. In Paris hat sich neuerdings Herr de Sainte-Genvis bemüht, seine Figuren natürlich und lebenswahr zu gestalten. Es ist ihm dies gelungen, denn nicht nur die Haltung und die Bewegungen dieser Darsteller, sondern auch ihr Gesichtsausdruck ist natürlich der Situation angemessen. Er bedient sich War nur derselben technischen Mittel, tote alle seine Vorgänger, indem er durch Fäden, welche an geeigneten Stellen der Puppen befestigt sind, die Darsteller^ und zwar meist nur mit einer Hand, tn Bewegung setzt. Aber er hält eine sehr große Zahl solcher Lenkfäden in seiner Hand, und er hat sehr genaue Beobachtungen gemacht, um seinen Puppen Leben einzuhauchen. Erforderlichen Falles benutzt er aber auch die Füße, die Fäden zu halten oder in Bewegung zu setzen. Im „Jardin des Plantes"- hat er nicht nur die übliche Bühne, sondern auch ein dazugehöriges Puppenorchester eingerichtet. In einer Hinsicht aber hat er etwas völlig Neues und Originelles geschaffen.. In die Logen hat er männliche und weibliche lebenswahre Puppen gesetzt, die mit Fächern, Operngläsern und Theaterzetteln spielen, überhaupt sich ganz wie Zuschauer benehmen. Ter Orchesterdirigent, selbstverständlich eine große Pupp«, leitet mit großem Eifer das Orchester, wie es die Pflichte« seines Berufes verlangen, und alle Musiker sind in lebhafter Tätigkeit. Es wäre unartig auch nur daran zu zweifeln, daß sie es sind, welche die den Gesang begleitende Musik erzeugen. Alles dies geschieht allein durch den Willen des Theaterbesitzers. Er steht, von den Coullsien verdeckt, auf einer unsichtbaren hochliegenden Plattform, von welcher, aus er sein Theater überschaut ün& alle Fäden lenkt. Vielleicht ist es notwendig, zu betonen, daß es ein« Kirnst ist, Puppen in natürlicher Weise spielen zu lassen. Man muß sich vergegenwärtigen, daß die Bewegungen lebender Wesen, und namenllich diejenigen von Schau- K eiern, sehr kompliziert sind, und daß jede unnatürliche wegung störend auf das Ganze ein wirken muß. Es ist deshalb wesentlich, daß eine genügende Anzahl von Zugfäden Anwendung finden und daß dieselben an richtiger Stells befestigt sind. Und noch eine besondere Zahl von Fäden werden erforderlich bei Puppen, welches ein deutliches Mienenspiel zeigen, wie dies bei den von Sainte-Genois vorgeführten Gringalets (Kinder-Theater) der Fall ist. Ta muß eine Bewegung der Augen, des Mundes und selbst der Backen bewirkt to erben. Nun ist es sehr wesentlich, daß sich all die Fäden, welche zur Bewegung einer einzigen Figur dienen, nicht verwirren. Sainte-Genois bedient sich zu diesem Zwecke einer besondere« Methode. Er hat die Fäden in mehrere Serien eingetellh, deren eine die Füße regiert, eine zweite dis Arme, eins dritte den Rumpf rc. Jede Serie ist an einem horizontalen Stabe befestigt, und zwar jeder Faden an ganz bestimmte« Stelle, sodaß schon die Art Und Weise, wie die einzelnen Stäbe gehalten werden, die Figur beeinflußt. Alle Stäbe hält der Marionettenspieler in einer Hand, und der ganze Witz besteht nun darin, den eine« oder anderen Stab an rechter Stelle zu neigen, bezw. mit den freien Fingern die Fäden anzuziehen. Es ist llar, daß eine solche Kunst nicht an einem Tage erlernt werden kann, und sicher erfordert es sehr viel Hebung unb sehr schärfe Beobachtung, um naturgetreu diesen oder jenen Politiker oder sonst eine andere den Theaterbesuchern wohlbekannte Persönlichkeit vorzuführen« Silbenrätsel. (Nachdruck verboten.) AuS nachstehenden Silben: a, ab, be, bro, cher, bi, do, e, fest, gar, Hut, in, ma, «er, ten, trau, wein sind sechs Wörter zu bilden von folgender Bedeutung: 1. Handwerk«, 2. Fluß in Spanien, 3. Landesteil in Ostindien, 4. schmackhafte Frucht 5. fremde Rasse, 6. festliche Veranstaltung. Sind die richtigen Wörter gefunden, so ergeben die Anfangsbuchstaben einen weiblichen, die End« buchstabm einen männlichen Vornamen. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Rätsels in vor. Nr.r Rüge — Prügel. Redaktion: Curt Plato. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen UniversitStS-Buch« und Eteindruckerei (Pietsch Erbe») ta Gießen.