Mittwoch den 8. Juli. W M 1903. — Nr. 100 M^W (Nachdruck verboten.) Die Namensschwestern. Frei nach dem Englischen von Clara Rheinau. (Fortsetzung.) 11. Kapitel. Während die Gemüter der Villabewohner die erste Aufregung und Erschütterung der Ereignisse der letzten Tage noch nicht überwunden hatten, war Fräulein Bassett in ihrem stillen, verdunkelten Zimmer in Westfields zu neuem Leben erwacht. Obschon sie nur wenig spracht bemerkten ihre aufmerksamen Wärterinnen doch bald, daß ihr Gedächtnis zurückkehre. Ihre wenigen Fragen betrafen alle die Zeit ihres Unfalls, und in den langen Zwischenpausen schienen ihre Gedanken kaum je zur Ruhe zu kommen. Am Montag nach Herrn Morgans Abreise von Brüssel war sie besonders unruhig und murmelte beständig Worte vor sich hin, welche ihre Wärterinnen nach ihrer Weise deuteten: „Hören Sie, Frau Dhbell", flüsterte die eine, „zum fünften Male sagt sie nun schon das Nämliche: „Sind meine Briefe abgesandt?" Ich möchte wissen, welche Briefe sie meint." „Wahrscheinlich wollte sie gerade einige zur Post bringen, als der Wagen umstürzte", war die Erwiderung. „Ich weiß,, daß sie auf dem Wege nach Bearford waren. Ach, da fällt mir ein, sie hatte eine Ledertasche in der Hand, die der Verwalter vom Wege aufhob und hierher brachte. Sie hängt dort bei ihren Kleidern, vielleicht sind die Briefe darin. Soll ich einmal nachsehen?" „Das können Sie", versetzte Frau Simonds, die erste Wärterin; und die andere brachte nach kurzem Suchen zwei versiegelte Briefe herbei und fragte mit gedämpfter Stimme: „Soll mein Mann sie heute nachmittag zur Post bringen? Es wird sie vielleicht ruhiger machen." Die Wärterin nickte, und als die Kranke das nächste Mal dieselbe Frage stellte, erwiderten die beiden Frauen, in dem Bewußtsein, recht gehandelt zu haben, daß die Briefe besorgt seien, sie brauche sich deshalb nicht mehr zu beunruhigen. Fräulein Bassetts Verstand war entschieden wieder ganz klar, denn sie stellte die gleiche Frage nicht mehr, schien aber mit zunehmenden Kräften sehr begierig, zu erfahren, was sich während der Zeit ibrer Krankheit er- ^gnet habe. Zweimal fragte sie, ob FM^ Wilson sie besucht habe; und als man in der Billa hMvon berichtete. Men tdE} bie ®ame' ben Wunsch der Kranken zu er- , die Aerzte nur eine kurze, harmlose Unterhaltung erlaubten, berührte Frau Wilson anfangs nur einige Dorf- neuigkerten und war froh> daß das gedämpfte Licht und die Bettvorhänge der Patientin den verstörten Ausdruck Mer eigenen Züge verbargen. Aber Fräulein Bassett mußte Verdacht haben, daß Ellinor ihre Freunde ins Vertrauen gezogen Hatte, denn denn sie fragte plötzlich: „Also geht hier alles seinen gewöhnlichen Gang?" „Hier in Westfields? O ja, ganz, wie immer." „Und bei Ihnen zu Hause? Nichts Neues?" „Ganz entschieden nichts, was ich, Ihnen sagen werde", dachte Frau Wilson, die deutlich fühlte, daß sie niftlmer- mehr vergessen könne, daß Reden Selber, Schweigen aber Gold sei. Laut erwiderte sie: „Nichts, was Sie besonders interessieren könnte, Fräulein Bassett." „O!" Dann nach einer längeren Pause: „Und IHv Bruder, Herr Morgan?" „Erholt sich langsam wieder, wie ich hoffe. Er mußte in Geschäften verreisen — in einer persönlichen Angelegen-' heit. Wir erhielten heute aus Paris Nachricht von ihm." „Und Fräulein Graham?" Die Frage verriet so deutlich Fräulein Bassetts Jdeen- verbindung, daß Frau Wilson sich nicht enthalten konnte^ auf die Anspielung zu antworten. Es war doch sicher keinerlei Gefahr dabei, diesen Irrtum aufzuklären. „Fräulein Graham hat sich über den Unfall sehr auf-, geregt", begann sie. „Aber, Fräulein Bassett, der Gedanke, den Sie hatten, und den ich teile, ich, gestehe es — wir! sprachen nach dem Konzert in Norchich davon, wie Sie sich erinnern werden — war ein großer Irrtum. Beide dachten nie an derartiges." Fräulein Bassetts entstelltes Gesicht krampfte sich, nervös zusammen. Sollten all ihre Umtriebe vergeblich gewesen sein? Aber sie enthielt sich jeder Bemerkung und sagttz nur mit klagendem Tone: „Fräulein Graham hat mich niemals besucht. Sie hatta kein Verlangen nach mir!" „Ein Wunder, wenn sie cs gehabt hätte!" dachte Frau Wilson, sich der letzten stürmischen Szene erinnernd, welche die beiden ja nach Ellinors Schilderung mit einander gehabt hatten. Der Doktor und seine Frau waren übereingekommen, über jene Episode mit niemandem zu sprechen. Sie glaubten auf Fräulein Bassetts Schweigen rechnen zu dürfen, so lange diese von Ellinors Gastfreundschaft so gänzlich abhängig war. So lautete denn Frau Wilsons Antwort etwas steif, aber doch auch wieder begütigend: „Fräulein Graham ist natürlich an Krankenzimmer nicht gewöhnt; sie wußte ja auch, daß Sie in geschickten Händen waren. Sie wünschte ausdrücklich, daß man Ihnen dis größtmögliche Aufmerksamkeit und Sorge erzeige." „Sie hätte aber selbst kommen follen", war die fast weinerliche Erwiderung. „Es würde ihr nichts geschadet haben; vielleicht aber — vielleicht aber — o Wärterin, mein Kopf — der Schmerz, der schreckliche Schmerz kommt wieder!" „Ich glaube, für heute haben wir genug gesprochen"^ sagte Frau Simmonds sich dem Bette nähernd. „So darf 398 ich wohl die Damen bitten, sich jetzt von Ihnen z>u verabschieden." „Es mag für immer sein!" bemerkte Fräulein Bassett. „Ich habe .Herrn Pott gebeten, an meine — meine Freunde in Dorsetshire zu schreiben. Sie wußten, daß ich bald hier Weggehen wollte, und jemand wird mich hier abholen, sobald ich werde reisen können. Ich möchte fort von hier. Herr Graham wird bald hier eintreffen, da muß ich fort sein!" Die Wärterin blickte warnend über das Bett, und Frau Wilson war natürlich gleich bereit, einen Besuch zu beenden, den sie nur aus Nächstenliebe unternommen hatte. Da Ellinor ausgegangen war, fuhr sie rasch wieder nach Hause,- ihre gedrückte Stimmung war natürlich in Westfields keine bessere geworden. „Das ist eine gefährliche Biegung, Madame", sagte der Kutscher, als sie an der Unsallstelle bei der Brücke voruberkamen. „Ein solcher Sturz, wie Herr Morgan getan weg " ,C) Unm' 6arti6er kommt man nicht so leicht hin- „Nein, wahrhaftig nicht", entgegnete seine Herrin: aber der Seufzer, der ihren Worten Nachdruck verlieh, bezog sich auf Mißgeschicke anderer Art, von denen jener nichts lagen" f°nnte' We n6er löie Blei aus dem Gewissen Welchen Erfolg würden Richards Nachforschungen haben? Sre hatten hente morgen von Jarris gehört, daß die „Freundin", die Herr Morgan suche, von Brüssel ab- gereist und auch in Ostende nicht zu finden gewesen sei. Wenn Herrn Morgans Kräfte ausreichten, würden sie jetzt nach Paris gehen. Wie unbeschreiblich die ganze Sache sw quälte, vertraute die arme Frau nicht einmal ihrem Gatten, an. Ihr Vertrauensbruch hatte ihr wahrlich einen Toriiins. Fleisch! gedrückt, den nichts entfernen konnte, als I Anblick von Richards ehelichem Glück; und hierzu schienen bte Aussichten so gering, daß sie keine Hoffnung j darauf bauen durfte. _ Sie wäre zu den größten Opfern drrmt gewesen, hätte sie ihr verderbliches Einmischen un- I geschehen, den Brrich zwischen den Verlobten nur wieder aut machen können. Aber eine so glückliche Lösung der augenblicklichen Schwierigkeiten war vorläufig nicht zu erwarten, und die arme Aimee mußte ohne jede Aussicht auf Erleichterung ihr schweres Los tragen. Die ersten Tage nach ihrer Abreise von Brüssel vergingen ihr wie ein Traum; aber es Bar em qualvoller Traum, der sie keinen Augenblick das I bittere Lech vergeßen ließ, das abermals ihr junges Leben betroffen hatte. Em fortwährender Kummer nagte an ihrer Seele; schlaflose Nächte und unruhige, aufreibende Tage spannten ihre- Kräfte auks äußerste an. Aengstlich besorgt, ihren Anteil an dem Reisevertrage gewissenhaft zu er- I füllen, übersetzte, erklärte und erforschte sie für Herrin I Henderson, unterhandelte mit Juwelieren und Modistinnen PLr feine Frau, ergänzte Zhabellas wunderbares Französisch bei den langen ermüdenden Besichtigungest von Museen und Gemäldegalerien, und strengte ihre Kräfte der- maßen an, daß sie ihr plötzlich den Dienst versagten, ehe die erste Woche ihres Pariser Aufenthaltes zu Ende war. Sie gestand schüchtern zu, daß sie vielleicht „ein wenig übermüdet" sei, bat um eine kurze Ruhezeit und schlich auf ihr Zimmer, überwältigt von Mattigkeit. Die Hendersons, in ihrer Art drei so gute Menschen, wie sie nur je zu einer Vergnügungstour über den Ozean kommen, waren sehr bestürzt, ihre schöne junge Dolmetscherin in solchem Zustande zu sehen und berieten eifrig, was man für sie tun könne. „Dagegen hilft kein Essen und kein Trinken, obschon sie von ersterem wohl täglich em paar Unzen mehr nehmen könnte", sagte der reiche Amerikaner. „Was ihr fehlt, ist eine gute Freundin, bei der sie sich einmal recht aussprechen und ausweinen könnte. ! ^ch würde gleich darum telegraphieren, wenn ich nur wüßte, wo, ein solcher Artikel zu finden wäre." „Aber sie hat niemand mehr, sie steht ganz allein, das arme Ding", sagte seine Frau. „O Ralph, so nett wie ftc ist, waren wir nicht doch etwas voreilig, sie miit uns zu nehmen?" -^/^"vn ich nicht eiusehen; übrigens läßt sich Geschehenes vify - wehr andern", war die etwas geschäftsmäßige Erwiderung. „^sabella, strenge Dein Gedächtnis an, kannst Du uns nicht auf eine Spur helfen?" Fräulein Henderson überlegte einen Augenblick. „ „Ja, Fräulein Forest hat eine Freundin — jenes Fräulein Osborne, die Vorsteherin meiner Schule war, ehe Fräulein Rochsorü kam. Ich denke wohl, sie würde sich ihrer annehmen." „Für diesen guten Einfall sollst Du eine extra Fünf- Dollar-Note haben, Bella; wir müssen Fräulein Osborne ausfindig machen." „Aber Ralph, sie ist ja in England", sagte Frau Henderson in klagendem Tone. „Was kann sie uns da nützen?" „Dummheit!" entgegnete ihr Gatte, dem aus seinen Reisen nichts lieber war, als ein triftiger Grund zu verzwickten Ziüzacktouren. „England liegt gerade aus der anderen Seite des Wassers; sage Fräulein Forest, daß ich Geschäfte halber unseren Reiseplan ändern müsse. Mit Fragen wegen Fräulein Osbornes Aufenthalt wollen wir sie nicht erschrecken; ich telegraphiere an Fräulein Roch- ford und diese kann umgehend antworten. Sorgt Ihr Damen nur, daß sie um die Mittagsstunde reisefertig ist, dann wird alles ganz gut gehen." So erhielt denn Fräulein Forest wieder einmal freund-, liche Marfchordre, und die kleine Gesellschaft verließ Paris, um sich nach London zu begeben. Hier verbrachte Airneg in einem riesigen Hotel, mit der Aussicht auf die gewaltigen Löwen und sprudelnden Fontainen von Trafalgar Square einen traurigen Sonntag, den ersten Tag ihrer Rückkehr nach England, die sie in Begleitung Richards an- zutreten gehofft hatte! Der unaufhörliche Schmerz, den ihr seine Untreue bereitete, hatte ihre Selbstbeherrschung so weit überwältigt, daß die Einbildung über die Vernunft zu herrschen begann! und sie von der beständigen Angst gefoltert war, ihm hier, in seinem Vaterlande, vielleicht an der Seite seiner zukünftigen Gattin zu begegnen. Diese Furcht quälte sie in den nächsten zwei Tagen in jeder Straße, bei jeder Sehenswürdigkeit, die sie mit den Hendersons aufsuchte. Sie stahl! den letzten Rest von Farbe aus ihren Wangen und verlieh ihren dunkeln, traurigen Augen einen solchen Ausdruck angstvoller Erwartung, daß mancher Vorübergehende halb! bewundernd das junge Mädchen betrachtete. Diese fremden! Blicke verrieten ihr deutlich, was ihre zunehmende Schwäche zu flüstern begann. Ihre Mutter war in jungen Jahren gestorben, und ein tiefer Kummer, der an ihrem Herzen! nagte, hatte ihr frühes Ende herbeigeführt, wie ihr Vater einst andeutete. Konnte der Allgüttge nicht auch sie früh- zeittg zu sich, rufen wollen? In den stillen Stunden der Nacht dachte sie über diese Möglichkeit nach und fing an einzusehen, daß sie ihren gütigen Freunden nicht länger zur Last fallen dürfe. Wenn ihre Tage gezählt waren, konnte sie vielleicht doch bei ihrer mütterlichen Freundin oder wenigstens in deren Nähe ihre letzte Lebenszeit zubringen. Mit Herrn Hendersons Zustimmung wollte sie gleich am nächsten Tage an Fräulein Osborne schreiben und ihr Anliegen Vorbringen. Mit diesen Plänen beschäfttgt, ging sie am Mittwoch morgen, es war der 1. September, hinunter und fand Herrn Henderson und seine Frau in ihrem Privatwohnzimmer, eine Mitteilung studierend, die sie gerade von Frau Rochford erhalten. „Hatte in eigener Angelegenheit nach Brüssel zu schreiben", erklärte der Herr, Aimee in einiger Entfernung einen Stuhl anweisend, „und hier ist auch ein Bries für Sie, Fräulein Forest, der dem meinigen beigelegen. Jene Lehrerin kannte seither unsere Adresse nicht, konnte ihn also auch nicht früher befördern." Dann- ging er wieder zurück, um in halblautem Ton mit seiner Frau zu beratschlagen, wann er am besten Fräulein Osborne aufsuchen würde, um über ihren früheren Schützling mit ihr zu sprechen. Aber diese wohlwollende Beratung wurde plötzlich unterbrochen. Aimee eilte mit geröteten Wangen herbei und reichte ihnen ihren Brief. „Lesen Sie", bat sie, „und sagen Sie mir, was ich tun soll. Sie sind beide so gut, wollen Sie für mich denken, denn ich selbst kann es jetzt nicht. Es ist ganz wunderbar", fügte sie an allen Gliedern zitternd, bei, „daß dieses gerad« jetzt kommt. Aber ich möchte sehr gern Bei meinen Verwandten sein, obschon ich dieselben nie gesehen, und obschon ich —" Tränen durchströmten ihr wieder bleiches Gesichtchen — „vielleicht nur hingehe — um zu sterben." (Fortsetzung folgt.) 399 China seufzt unter der Opiumgeitzel, die das Ausland schwingt, und kann die verbrecherische Hand des Engländers nicht sesthalten und abwehren, weil sie Schiffe und Kanonen gegen uns rüstet. Nun hat aber auch Deutschland seine gepanzerte Faust auf weite Strecken unseres Landes gelegt, und schon fängt man an, durch die Bresche, die hier entstanden, ein zweites verderbliches Gift auf uns mrs- zugießeu. Mit den deutschen Missionaren, welche die Flotte schützt, strömt das Bier in unser Land und verdirbt, was dem Opium Widerstand leistete. Der kleine Manu im Osten, der Japaner, hat uns unser Geld und unsere Schiffe genommen, als wir ihm unterlagen, gefährlicher als der uns stammverwandte japanische Feind, der mit Pulver und Blei gegelt uns donnerte, ist der weiße Mann, der als Freund sich uns naht und Pachtverträge mit uns schließt, er bringt uns ein schleichendes Gift, das uns unsere Weiber und Kinder zu Verbrechern, Idioten und Wahnsinnigen, zu Schwächklingen und Elenden macht. Hüte dich China vor dem Alkohol. Soweit Li-Ti-Schang Fai. Was sagen die Träger der deutschen Kültur dazu, wenn die unkultivierten Chinesen der deutschen Kultur solche Schattenseiten nachweisen können- Ein chinesisches Urteil über den Alkoholgenuß der Deutschen, Ein sehr interessantes Spiegelbild deutscher Kultur hat kürzlich die in Peking erscheinende Zeitung „Tanseng" gebracht, in der ein Herr Li-Ti-Schang Fai die deutschen Verhältnisse beleuchtet. Der betreffende Herr hielt sich nämlich, jahrelang im Auftrage der chinesischen Regierung als Aufseher beim Bau der vou China bestellten Kriegsschiffe, namentlich derjenigen mit moderner Torpedoausrüstung, in Berlin, Stettin und Elbing aus und hatte somit Gelegenheit, das Leben und Treiben der Deutschen, sowohl der besser situierten als der Arbeiter, kennen zu lernen. L.-T. schreibt: Deutschland ersäuft und verdirbt au Bier und anderen berauschenden Getränken. Wie eine Flut, die Tod und Verderben, Armut und Verbrechen bringt, ist der Alkohol in die letzten Winkel, in die größten Paläste und kleinsten Hütten des mächtigen Deutschen Reiches gedrungen, und immer stärker schwillt der Strom an. Die Stadt Berlin hat allein 9000 registrierte Alkoholhöllen, es gießt kein noch so kleines Dörflein, wo der Alkohol nicht in irgend einer Form verkauft wird. Fast alle Männer und viele der Frauen sind dem Genüsse des narkotischen Reizmittels, das zur langsamen aber sicheren Lähmung an Leib und Geist führt, ergeben. Selbst Kinder gewöhnt man von Jugend auf daran. Sonntags sitzen buntgeputzte Weiber in den Bierpalästen und Weinstuben, schwingen die Gläser und saugen das berauschende Gift ein, das ihr klarstes Sittlichkeitsgefühl und Denken lähmt. Man findet wenig Frauen, die ihre Kinder selbst nähren können, und nicht wenige von diesen geben ihren welken, unnatürlich genährten Säuglingen stark alkoholartigen Wein zur Kräftigung und Beruhigung, die Aermeren benutzen hierzu gar Schnaps; in Bayern, wo alles von klein auf nur für das Bier lebt, giebt man natürlich schon den Säuglingen Bier. Es werden in Deutschland 2500 Millionen Mark (jetzt 3000) vertrunken, weite Länderstrecken voll Kartoffeln, das beste Korn, die schönsten Trauben werden verdorben, um das gefährliche Gift herzustellen. Und alles das geschieht unter dem Schutze und der Protektion einer hohen Regierung. Die Stützen des Staates brennen Schnaps und verteidigen das Gewerbe um ihres Verdienstes willen. Die Großen des Landes liefern dem Volk diese Getränke und im Deutschen Reichstage führen Brauer und Brenner das großeWort. Niemand aber wagt es, dem verderblichen Treiben entgegen» zutreten, aus Angst vor den Herren) die beim Alkoholhandel reich, werden und aus Furcht vor ihrem trinkenden Anhang. Auch die Führer der Arbeiter, und die Vertreter der Presse stehen unter diesem Bann. Die Deutschen verabscheuen das Opiumrauchen unseres Volkes und stellen uns deshalb an den Pranger, obgleich Europa die Schuld daran trägt, daß China durch das Opium entsittlicht und verderbt wird. Der berühmte Professor Fick-Würzburg erklärte: Der mäßige Opiumgenuß, das kann ich Ihnen als Physiologe versichern, schadet genau ebensowenig, resp. genau ebensoviel, wie der mäßige Alkoholgennß, und doch beschönigen dieselben Deutschen ihr eigenes nationales Laster, den Gebranch narkotischer Getränke, welche, wie wir täglich sehen, genau die gleichen Wirkungen haben. China verurteilt das Opium, die angesehensten Kreise Deutschlands verherrlichen die Alkoholnarkose, und das Volk wird dadurch degeneriert. Ich sah in München faßdicke Männer mit mächtigen Wackelbäuchen und Hängebacken in großer Anzahl stumpfsinnig beim Biere sitzen, lebendigen Filtern gleichend, aufge- schwemmt und faul. Ich sah an den Straßenecken von Elbing und Stettin verkommene Tagediebe in großer Zahl, die jeden verdienten Groschen in Branntwein anlegten, ich sah aber- auch angesehene Männer nach der Feier von patriotischen Festen im Saale umherschwanken, einige lallend und unsinnig lachend, andere brüllend und streitend. Ich sah ferne Damen in Konditoreien und Gesellschaften das süße Gift schlurfen, und — ich sah abends besoffene und zerlumpte Weiber durch die Gassen taumeln, mau zeigte mir L'nter grünen Läden solche Weiber, die unter Beihilfe des ^tjvhols zu Falle gekommen waren, und nun durch dessen Hilfe Manner jeder Art zu Falle bringen sollten. Ich sah Mord und Totschlag, Ehebruch uud Gemeinheit jeder Art, begangen unter der Einwirkung des Alkohols, aber ich sah keinen Menscheii, der den Gebrauch dieser narkotischen Stoffe verurteilte, — sie trinken alle. Unser Garten im Juli. (Nachdruck verboten.) Zwei Hauptsorgen giebt es im Juli. Die erste Meten uns unsere Spargelfelder und Spargelbeete. Mit dem 24. Juni hat das Stechen ausgehört. Mit dem Aushören des Stechens aber soll die Düngung und Wässerung beginnen. Das klingt ganz neu. Wer aber im nächsten Jahre kräftigen Spargel ernten, wer wohlschmeckenden Spargel ernten will, wer Spargel ernten will, der sich zur Konservierung hält, der muß jetzt düngen, selbst wenn er es nicht gern möchte. Das Düngen im Herbst und Winter ist ganz verkehrt und sollte nun aushören. Es kostet viel, bringt wenig Duugstosfe snr den Spargel, weil die meisten in dem Boden versickern, ehe sie die Spargel ergreifen können und das, was sie ergriffen haben, wird als rohes Salz den Pfeifen einverleibt, nicht als wohlschmeckender, verarbeiteter Stoff. Die andere große Sorge, die uns der Juli bringt, das ist die Sorge um richtiges Veredeln so manchen Rosen- Wildlings, Veredeln des Pfirsich-, Pflaumen- und Aprikosenwildlings. Da sollen wir erst sorgen, daß die Wildlinge lösen, da sollen wir sorgen, daß sie richtig beschnitten werden und schließlich sollen wir sorgen, daß das Ange beim Okulieren gut und richtig eingesetzt werde. Wie gesagt, Rosen, Pstisich, Pflaumen und Aprikosen bilden die Hauptsorge beim Okulieren. Wer Cytisus, wer Ahorn, Flieder, Päonien, Akazien, Weißdorn, Linden, Liguster, Eschen, Schneeball und Ulmen okulieren möchte, muß dazu auch im Juli die nötige Zeit finden. Wer die Okulation derselben wird uns selten so dringend erscheinen, als die Okulation der Fruchtbäume und Rosen. Neben der Okulation der Rosen tritt auch die Vermehrung der Rosen durch Stecklinge in ihre Rechte. Verhältnismäßig leicht lassen sich die Rosen aus Stecklingen ziehen. Wenn aber trotz alledem die Veredelung selbst bei Liebhabern mehr gehandhabt wird, als die Stecklingszucht, so hat dieses seinen Grund vielleicht in dem nicht ganz gleichartigen Verhalten der aus Stecklingen gezogenen Rosen. Spätobst läßt sich noch einmal mit Kupferkalkbrtthe spritzen, bei Frühobst ist jedes Spritzen jetzt ausgeschlossen. Frühobst 8 Tage vor der Reife abgenommen, in Decken eingepackt, giebt Obst, das auf dem Markte Geld bringt. Im Juli sind die Tomaten zu beschneiden uitß zu düngen; die Würzkränter zu schneiden und zu trocknen. Im Juli sind Erdbeerpflanzen aus Senkern herauzuziehen. Treib, ro« beeren in größere Töpfe zu Pflanzen; Bleich-Sellerie, Cardy, Artischoken stark zu düngen; noch sind Winterkohl, Winterendivien auszusäen; auch Frühbohuen lassen sich noch legen. Es wird der Sommerschnitt bei allen Obstbäumen fortgesetzt, das Anbringen der Sac de> France durchgeführt. Man kann Nelkena Bfenten; Stecklinge von Nadelhölzern, von Liguster, Weigelien, Deutzien, Pelargonien und Fuchsien machen. Es sind die jungen Spargelaussaaten zu jauchen. Wo Spargelkäfer auftritt, ist mit Schweinfurter Grün zu spritzen. 400 Kren Alter von junge Witwe; Vokal. altes Gewicht. Luftart. Erzählung. Vorname. Schmuck. Nummer.) 1 1 2 3 12 2 13 4 1 3 5 4 2 2 6 1 5 8 4 (Auflösung in nächster der Union. * 74 Jahre gewartet. In Long-Jsland wohnte kürzlich ein sehr zahlreiches Publikum einer Hochzeit bei, wie nran sie in den Vereinigten Staaten noch nicht erlebt Auflösung des Silbenversteckrätsels in vor. Nr.: Gestern noch auf stolzen Rossen, heute durch die Brust geschossen, morgen in das kühl« Grab. Sinne des Wortes. Zahle «Pyramide. (Nachdruck verboten.) ^nt Blumengarten ist Bewässerung und Lockerung eitle gauvtsache. Es ist notwendig, die verblühten Blumen abzu- chnetden, dort, wo einige Pflanzen nicht wachsen wollen, sie durch ,ln»e zu ersetzen. g »sn». wird. Während des ersten Jahres ihres . , der Universität sind die Turnübungen für die jungen Damen | merkt obligatorisch, und zu Beginn L"': jahres werden an ihnen anthropometrische Messung« genommen, aus denen sich die Tatsache ergibt, daß halb eines Jahres die Taille der Mädchen erheblich schlanker geworden ist und ihr Thorax sich ungemein kräftig entwickelt hat. Neben den Uebungen an den Turngeräten lernen die Mädchen, wie sie stehen und sich halten, vor allem aber sich mit Anmut bewegen und gehen sollen, und bekanntlich haben die Amerikanerinnen neben anderen Vorzügen auch einen sehr elastischen, schönen Gang. Durch die Gymnastik werden ihre Schultern breiter und ihre Arme und Büste voller, kurz, ihr ganzer Körper entwickelt sich lese, Streiche der Dorfjugend, Birnenschälen usw. treten vor uns hin in lebendiger, vielfach humoristischer Schilderung. Eine Reihe charakteristischer Figuren stellt uns der Verfasser vor Augen: den Pfarrer Flick, der Schweres erlebt hat und die Franzosen glühend haßt, den Bauer und Dichter Isaak Maus, den mit den Franzosen sympathisierende« . , Maire Veith. Mr sehen, wie die Eltern bangen um daS Vermischter« | Schicksal ihrer zur Konskription kommenden Söhne, wir "Die Gymnastik wird das Korsett verdrängen. An | sehen den Deserteur, wie er hilflos im Laude um her^rt usw. der Mädchen-Hochschule in Michigan konnte die ^tsache | Daneben steht euteAnzahl ^» ^Estischen Figuren, festaestellt werden, daß weit besser als durch das Korsett I Typen lunger, ungeschlachter Bauernsöhne, Zigeuner uns durch gymnastische Uebungen eine schlanke Figur erzielt Waldarbeiter, Drescher, Wilderer, ■ - -- ‘ ----- ihres Aufenthaltes an die durch Schatzgraberei reich werden wollen. Aber nnver- ~ 1 tritt der Ernst der schweren Zeit in das heitere, wie am Endendes Studien- I pfälzische Dorfleben ein. Die Konskriptiou von 1809 führt .. .. ™ .. bor, I § Söhne des Dorfes in den Krieg nach Spanien, ^m Mittet« i inner- j punkt der Erzählung steht der Bauernsohn HetnrtchSchmahl, ' “ 1 der als Grenadier im 103. Linienregiment tm Felde steht. Sein Vater stirbt kurz nach dem Weggang des Sohnes, ^n Gram und Herzeleid warten aus diesen die alte Mutter und die Braut. Wie 1812 das geschlagene französische Heer über , , den Rhein zurückkommt und wie 1813 der Sturm der Be- :- fretungskriege dahinbraust, wird in großen, eindrucksvollen 1 Zügen geschildert. Nun kehren einige der Konskrtbterten aus Rußland und Spanien, wo sie gekämpft und gelitten haben, zurück. Die Mehrzahl ist aus den Schlachtfeldern geblieben, barmouiscki - I Endlich im Juli 1814 kommt Heinrich Schmahl aus deck "Äo0»0am-rira»Isch-SH-,ch-id>lng°n. Es MÄlS ÄÄ’SStÄ ist eine bekannte Tatsache, daß rn gewissen Teilen der Ver- " .^h wechselvollen Schicksale der Dorfbewohner vor einigten Staaten keine sehr gewichtigen Grunde notig sind, | » und Weinen schlingen sich ineinander, wir wenn Ehen gesetzlich geschieden werden sotten^es^st\ Zacken die Kirchweihfreudeu mit und werden an Sterbe- genug berichtet worden, was für lächerliche Scheidungs-- I machen vre «rrrywnys e hervorragender sucht anzukämpfen. Sie weisen darauf hrn, daß in zwanzig Jahren über 500 000 Scheidungen in den Vereinigten Staaten ausgesprochen worden sind. Während derselbeit Zeti hat man in ganz Europa mit seiner Bevölkerung von 380 000 000 gegen 80 000 000 in den Vereinigten Staaten nur 214 841 Scheidungen gezählt! Hebet iya Millionen amerikanische Kinder haben den Zusammenbruch ihres Elternhauses erlebt. Die Rechtsanwälte haben für ihre Dienste bei Scheidungsprozessen 100 Millionen Mark erhalten. Die Anzahl der geschiedenen Personen ist größer als die Bevölkerung jedes der 25 Staaten und Territorien hat. Ein Mr. Townsend Millar, in dem schlöi 104 Jahren, heiratete eine verhältnismäßig „ sie zählte nämlich nur 79 Jahre. Er hat sie bereits gekannt, als sie ein kleines Mädchen von fünf Jahren war. Trotzdem Mr. Millar damals seine dreißig Jahre Hütte, faßtet er den Entschluß, die Großjährigkeit des Kindes abzuwarten, um es dann zu heiraten. Aber sein Unstern wollte, daß das I Mädchen, als es in das heiratsfähige Alter kam, einen GemernrrUtztges. I anderen ihm vorzog. Mr. Millar verlor jedoch nicht den Die Eigens chaft des doppelkohlensauren I rongern er sagte sich: „Ich werde trotzdem wartend Natrons als örtliches Betäubungsmittel ^eine Geduld ist nun, wie man sieht, endlich gebührend wurde, nach dem „Prakt. Ratgeber", kürzlich von emem | englischen Arzte entdeckt, der an Warzen zu leiden hatte. « — Er beobachtete die eigentümliche Erscheinung, daß die I Warzen gerade zwei bis drei Stunden vor den Mahlzeiten I mwworw. besonders schmerzten, ohne daß er einen Grund hierfür hatxe I c>m zgerlag von Emil Roth in Gießen erscheint finden können. Schliehlich kam er zu dem Resultat daß 6{nn^ f «. Zwischen Rhein und Douners- diese Erscheinung in dem Augenblicke eintrete, wo die alka- B Roman aus der Franzosenzeit von Hemrich Bechtms- lische Beschaffenheit des Blutes sich infolge- der Aufttahme ^reis) drosch. 3 Mk., geb. 4 Mk.) - Ein Buch der der' Magensaure verminderte. Diese rein theoretische An- | Heimatkunst. Führt uns in ein Milieu, das bisher dich^ nähme bestätigte sich insofern, als das doppelkohlensaure | noch nicht verwertet worden ist, in das heutige! Natron eine bemerkenswerte beruhigende Wirkung ausubte. I Rheinhessen und zwar in der Südwestecke dieser Provinz, Ein ganzer oder halber Teelöffel eingenommen, brachte $äBe bon Kreuznach, in das fruchtbare Hügelland, sofort eilte bedeutende Erleichterung; die Wirkung war | , Bag Ber Donnersberg her niederschaut. Die Erzählung indessen weit intensiver, wenn das Natron nicht innerliche I , ej)t biit dem Jahre 1808 und zeigt uns die Lage bet sondern direkt auf die Warzen angewendet wurde; die I Rheinländer unter der Herrschaft Napoleons. Mr werde« Schmerzen ließen schon nach wenigen Minuten nach. Der | { ^orf Degenheim geführt und sehen die Landbevölker- Arzt erinnert bei dieser Gelegenheit an das doppeltkohlen- Bet Arbeit und harmloser Freude. Kirchweihtanz, Weinsäure Natron als Mittel gegen Zahnweh. Die Anwendung • - - - - - — erfolgt, indem man entweder das Zahnfleisch damit mn- reibt oder ein mit Natronlösung getränktes Wattebausch- chen in den hohlen Zahn steckt oder auch, indem man den Mund mit der Lösung ausspült. Redaktion: August Götz. - Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen UniverMts-Buch« und Steindrucke«! (Pietsch Erben) in Gießen