Nr. 52. 1903 MU ALM Imü HH l'uHS ■Äai si»P(0 Z^W l-» cschweifen. Und chrend er sprach, i, toäl als er seine Rede Es ging nur ein unsicherer Pfad durch die Felder, nicht bestimmt genug, um ein Fußweg genannt werden zu können, doch für ihn erkennbar genug durch den Anblick des niedergetretenen kurzen Grases. Er war nur noch etwa ein. paar hundert Aards von dem kleinen Flusse entfernt und blickte nach einem Merkmal der Gegenwart Nells im jenseitigen Küchengarten aus, als er des verdächtigen Jem Stickels gewahr wurde, der in seiner Schauke langsam wie am vorigen Tage darauf hinfuhr. Den Gentleman bemerkend, lenkte er sein Fahrzeug dem Ufer zu, legte an, sprang, den schwarzen Filz im Nacken, die kurze Tonpfeife im Munde und die Hände in den Taschen, ans Land und schlotterte auf ihn zu. „Nun, Sir, ich hab' Sie gewarnt, daß es nicht geraten wäre, im ,Blauen Löwen' Quartier zu nehmen", sagte Jem mit übermütiger Frechheit, die Clifford reizte, ihm einen Fußtritt zu geben. „Hab' davon drüben in Fleet gehört", und er machte mit bent Kopf eine Bewegung nach dem alten verfallenen Schlosse oben am Flusse. „Vermute, daß man zum Scheine ein großes Nachsuchen angestellt, und nichts gefunden zu haben behauptet hat. Nun, man wird sich nach und nach; an diese Art Vorfälle gewöhnen." Nachdem er einen Blick in Eliffords Gesicht geworfen hatte, ließ der Mann seine Augen weiterschweifen. Und wie er so unstet und lässig umhersah, ..... wurde seine Aufmerksamkeit, gerade beendet hatte, durch etwas aus dem Boden,' etwa ein paar Fuß von der Stelle, wo Clifford stand, erregt und festgehalten. Dieser bemerkte die rasche Veränderung auf dem Gesichte des Mannes, den lebhaften Blick voll Interesse und Staunen, mit dem er offenen Mundes auf einen bestimmten Fleck des Bodens hinstarrte. Wider Willen wendete Clifford den Kopf und blickte gleichfalls dorthin. Da auf dem Gras! hinter ihm, nicht drei Fuß von (Nachdruck verboten.) Das Gasthaus am Strande. Roman in zwei Bänden von Florence Warden. Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen. (Fortsetzung.) In der Hoffnung, Nell auf ihrem Heimwege einzuholen, oder vielleicht auch nur mit dem Wunsche des Liebenden, in der Geliebten Fußstapfen zu treten, erlangte Clifford Miß Bostals Erlaubnis, durchs das kleine Tor am Ende des Gartens zu gehen, damit er zum „Blauen Löwen" durch die Felder zurückkehren konnte. Nell war aber, als er fortging, nicht mehr zu sehen, und welches Vergnügen er aus dem Spaziergang auch zog, so schuldete er es doch nur dem Bewußtsein, daß sie diesen Weg nicht lange vorher betreten hatte. dem Pfade entfernt, dem er gefolgt war, lag sein« eigene Uhr, noch mit der Kette daran, halb in dem kurzen, doch dichten Wüchse des Feldes verborgen. Im ersten Augenblick starrte Clifford sprach-- und bewegungslos hin, stumm vor Bestürzung und Staunen. „Meine Uhr! Wie kam sie dahin?" stammelte er endlich. Der Mann lachte höhnisch „Ja doch! Wie kam es? Ich glaube, ich könnt' es,, wenn ich dürfte, erraten." „Was wollen Sie damit sagen?" „Ei, daß dies der Weg ist, den Miß Nell einschlägt, wenn sie zu Miß Bostal nach Shingle End geht, und daß er außer von ihr von niemand weiter benützt wird. Das ist, was ich mir die Freiheit nehmen würde, zu sagen, wenn ich. von der Leber weg reden dürste. Und ich will wetten, daß das Fräulein heute ftüh hier gewesen ist. O, sie geht den Protzen nicht für nichts und wieder nichts um den Bart." Clifford sprang auf den Manu los und Packte ihn an der Gurgel. „Lügnerischer Schurke, Du!" keuchte er wild. „Du verdienst eine Züchtigung!" Doch gerade, als er den Kerl der Länge nach in den Schlamm des Flußufers schleuderte, fühlte Clifford sich einen Schauer ans Herz dringen, da er bedachte, wie sich der Zeugenkreis immer enger um und gegen das Mädchen schloßt 5. Kapitel. Nell sucht Trost. Eine Frau zum Mittelpunkt des Interesses zu machen, wäre es selbst mit Hilfe eines Skandals, ist immer ein sicherer Weg gewesen, ihr mehr noch als ihre Schönheit ' die Bewunderung des andern Geschlechts zuzuwenden. Wenn daher der Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit noch mit ungewöhnlich anziehenden Reizen der Persönlichkeit begabt ist, so ist die Verheerung, die er in leicht empfänglichen Herzen anrichtet, verhältnismäßig sehr groß. Clifford war kein besonders schwächlicher Mann, und er würde eine Woche zuvor den Gedanken verächtlich zu- rückaewiesen haben, daß er ein unter dem Verdachte des Diebstahls stehendes Weib gerade deshalb nur noch mehr lieben könnte. Es ist nichtsdestoweniger unbestreitbar, daß je stärker die Verdachtsgründe wurden, die Nell einhegten, desto mehr auch die Gefühle zärtlichen Anteils an ihr bet ihm an Stärke gewannen. Wenn sie nicht der Dieb war, wer wohl konnte es gewesen sein? Und wenn sie wirllich der Dieb war, der die Uhr und das Geld genommen und jene auf dem Wege zwischen Shingle End und dem „Blauen Löwen" weggcworfen hatte, welches konnte dann Wohl die Ur-i fache sein?" Noch immer glaubte Clifford, daß viel für die An- nahme von Somnambulismus spräche, weil dies den erschreckten Blick halber Erinnerung erklärt haben würde. 206 bett er Lei Erörterung des Diebstahls mehr als einmal im Gesichte des Mädchens bemerkt hatte. Anderseits war sie aber sicher ganz wach gewesen, als er sie diesen Morgen nach Shingle End durch die Felder fortgehen sah, zu derselben Zeit, da sie die Uhr bei sich gehabt haben mußte. Und wenn sie nickt nachtwandelte, welchen anderen Beweggrund konnte es dann noch für ein schönes, liebenswürdiges, scheinbar so gutes und reines Mädchen wohl geben, um einer so furchtbaren Versuchung zu unterliegen? War sie die Beute jener zweifelhaften Krankheit, die erfunden zu sein scheint, um den Gerichten einen Vorwand der Freisprechung der Diebe von Ansehen und „höherer Bildung" an die Hand zu geben? Litt sie wirklich an Kleptomanie? Oder wären die Verlegenheiten ihres Onkels noch nicht so völlig vorüber, wie sie es dargestellt hatte? Und war sie das Opfer des irregeleiteten Entschlusses, sie selbst um den Preis ihrer Ehrlichkeit zu beseitigen?" Jede neue Annahme erschien Clifford noch unwahrscheinlicher als die vorige, und als er Nell auf dem jenseitigen Ufer gewahrte, nachdem er Jem Stickels für die Rolle, die er im Schlamme gespielt, schadlos gehalten hatte, indem er ihm eine halbe Krone, die der mitternächtige Dieb unberührt in seiner Tasche gelassen, zu- wars, war er aufs neue bereit, alle seine Zweifel in den Wind zu schlagen. Es lag an dieser Stelle auf jeder Seite des Flusses immer ein Boot angebunden da, so daß Clifford hinab an den Rand des Wassers lief und sich hinüberruderte. Jem Stickels brach in ein spöttisches, höhnendes Lachen aus, doch Clifford beachtete es nicht. Wie seine Freunde Jordan und Otto Conybeare gesagt haben würden, war er zur Zeit „schon zu weit gegangen." Nell war, während er zurück in den Garten ging, wieder verschwunden, und er mußte sich einige Minuten lang umsehen, ehe er sie durch die Felder gehend bemerkte, diesmal ungewöhnlicherweise in der Richtung von Fleet. Sie hatte einen Korb am Arme und ging so schnell, daß Clifford anfangs kaum glauben konnte, die Flgur, die in so kurzer Zeit einen so großen Weg zurückaelegt haben mußte, könnte wirklich die des Mädchens sein, die er wenige Minuten vorher im Garten ihres Onkels gesehen hatte. Er war entschlossen, ihr seine wiedererlangte Uhr zu zeigen, immer wider Erwarten hoffend, daß eine neuerliche Entwicklung des Geheimnisses die ersehnte Aufklärung gebracht haben würde. Ehe er sie aber einholen konnte, verschwand sie vor fernen Blicken hinter dem Kamme des aufsteigenden Bodens bei Fleet, und als er seinerseits die Höhe des Hügels erreichte- war sie Nirgend zu sehen. Es war, nachdem er die Gegend nach rechts und nach links durchforscht hatte, einige Zeit vergangen, ehe er Nell mit einem alten Besen in der Hand aus einer ärmlichen kleinen Hütte heraustreten sah, die ganz allein auf her Marsch unten stand. Sie machte sich rüstig an die Arbeit und kehrte den Staub von denr Fußboden der Hütte, den Türstufen und dem kleinen gepflasterten Vorplatz weg; und Clifford hatte schon einige Sekunden in einer kleinen Entfernung gestanden, weil der Ausdruck ihres Gesichtes ihm warnend ankündigte, daß sie nicht aufgelegt zur Unterhaltung wäre — als sie schließlich die Augen erhob und den seinen begegnete. Ein schmerzlicher Krampf durchzuckte bett jungen Mann, als er die Veränderung bemerkte, den die letzten wenigen Stunden an dem Mädchen bewirkt hatten. Statt der sanften Lieblichkeit des vorigen Tages lag in ihren Augen eine solche Welt von Trauer und Schrecken, daß Clisfords Herz heftig schlug, und er wünschte, seinen Verlust ruhig hingenommen zu haben, ohne ein Wort zu irgend einem im Gasthof zu verlieren. Sie hielt in der Arbeit inne, als sie ihn sah, und stand hochaufgerichtet da, in einer Stellung, die etwas Herausforderndes hatte. „Sie haben mir, wie ich vermute, etwas zu sagen?" sagte sie aus einmal kalt. Clifford antwortete nicht sofort, seine Hand aber fuhr unwillkürlich nach seiner Uhrkette, die er jetzt trug, Ihr Gesicht wurde so blaß wie das einer Toten. „Wo — wo haben Sie sie gefunden?" stammelte sie. . Und sie zitterte so heftig, daß der Besen ihr aus der Hand glitt und zu Boden fiel. „Ich sand sie im Grase auf der andern Seite des Flusses —" antwortete Clifford, der ganz so aufgeregt war wie sie. Das Blut drängte plötzlich wieder in ihre Wangen zurück und sie fing an, so schwer zu atmen, daß Clifford glaubte, sie wäre in der Gefahr irgend eines Schlaganfalls. „Was — was gedenken Sie nun zu tun?" stieß sie hervor, ihn mit einer Gebärde, die fast wild war, ab-; wehrend, als er sich ihr näherte, sie zu stützen. „Tun? Nichts —" sagte er. „Sie werden mich nicht wegen Diebstahls verfolgen?" fragte sie in 'einem Tone, der, wie sie dachte, hart und höhnisch wäre, der aber im Grunde nur ein trauriger Notbehelf war. „Nell — o, Nell! Wie können Sie so etwas zu mir sagen?" ries Clifford heiser. Er war sich nicht einmal bewußt, daß er sie bei ihren Taufnamen genannt hatte. Sie aber wußte es. .Und inmitten ihrer Aufregung warf sie ihm einen scheuen Blick zu, in dem ein Schimmer von etwas aufleuchtete, das weder Mißfallen nock Verdruß war. Er sah es und sein Herz flog ihr entgegen: er war bereit, vor ihr niederzuknieen. Sie aber rief ihn mit einer sehr wenig, romantischen Bemerkung zur Besinnung zurück. „Wenn Sie es dann entschuldigen, will ich mit meinem Kehren hier sortfahren." Und mit großer Lebhaftigkeit und Kraft nahm sie ihre Beschäftigung wieder auf, so daß Clifford in Gefahr stand, in den Bereich ihrer Tätigkeit zu geraten, und sich doch nur ungern zurückzog. „Es ist sehr gut von Ihnen, hieherzugehen, und der alten Frau das Kehren zu besorgen." geschieht nicht für eine alte, sondern für eine junge Frau. Und ich hätte Sie warnen sollen, nicht so nahe heranzukommen, denn sie hat das Scharlachfieber, und das, wie Sie wissen, steckt an", antwortete Nell mit einer abwehrenden Gebärde. „Da Sre sich nicht vor Ansteckung fürchten, warum sollte dann tch's." „Nun, ich muß es wagen, sonst würde niemand da sein, der nach ihr sähe. Und ich würde nicht sirr nichts Gefahr laufen, wie Sie es jetzt tun." „Es ist auch nicht für nichts", sagte Clifford mit Wärme. Worauf er, was ihm eine Eingebung schien, hinzusetzte: „Ich wünsckte mit Jhtten zu sprechen. Ich wünschte zu wissen, wen Sie beschützen." Nell fuhr empor und hielt einen Augenblick wieder in ihrer Arbeit inne. „Beschützen? Ich schütze niemanden. Ich würde einen Dieb nicht beschützen." . Wenn Clifford sie so beargwöhnt hätte, tote er arglos gegen sie, ja ihrer Unschuld ganz sicher war, so würde er sich doch aller Zweifel entschlagen haben, bei dem Ausbruch herrlichen Stolzes, mit dem sie ihm diese Worte! zuschleuderte. Es war gerade der Ton, den er von ihr zu hören gewünscht hatte, der zornige Ausdruck der reinen Seele, die keines Unrechts fähig ist. Es machte die ganze Sache geheimnisvoller, aber es beruhigte ihn. Er atmete tief auf, und trotz ihrer warnenden Gebärde trat er ihr näher. . . „Nell", sagte er, „ich habe darauf gewartet, Sie so sprechen zu hören. Es sind gerade die Worte, die ich von Ihnen zu hören ersehnt habe." „Nun, jetzt sind sie gesagt, und Sie täten besser, zurück nach Stroan zu Ihren Freunden zu gehen", sagte sie kühl, „und zu versuchen, sie zu überreden, Ihre Ansicht der Sache zu teilen, denn sicher wird es bereits ganz über den Ort verbreitet sein, daß Nell Claris ein Dieb oder die Mitschuldige eines Diebes ist." Und nachdem ihm das Mädchen diese Rede mit aller Würde des beleidigten Stolzes und der Unschuld zugeschleudert hatte, brach sie schließlich plötzliche zusammen und in so bitteres Schluchzen aus, daß seine Seele sich wuno rang. Als er jedoch auf sie zusprang, sprang sie zurück und stürzte nach der Tür der Hütte. Clifford aber war schneller als sie, und sich zwischen sie und die Zufluchtsstätte stellend, die sie zu erreichen suchte, sprach er m flehendem nnd leidenschaftlichem Tone zu ihr. „Einen — 207 Augenblick. Sie müssen mich hören. Sie sagen, die ganze Welt wird gegen Sie sein? Nicht die ganze, nein, nein, Nell! Ich werde Ihre Sache verteidigen. Ich werde ihr zeigen, was zu glauben ist. Nehmen Sie mich zum Gatten, und wer kann dann wagen, von Ihnen anders zu denken als ich? Wer kann ein Wort zu sagen wagen, wenn Sie mein Weib sind?" Das Mädchen stand wie versteinert da. Er hatte sie so beredt, so dringend verteidigt, als ob es sein eigenes Leben gegolten hätte. Er hielt inne, es seinen glühenden Augen überlassend, von seiner Liebe zu sprechen, als er ihr erschrecktes, errötendes Gesicht sah, und wähnte die in ihrer Brust streitenden Gefühle von Bestürzung, Ungläubigkeit, Freude und Zweifel verfolgen zu können. Jetzt schüttelte sie mit dem Kopfe und wendete sich ab, damit sie seinen Blic^n nicht mehr begegnen konnte. „Wissen Sie auch-, was Sie sagen?" fragte sie nach einer kurzen Stille in einem sachlichen Tone. „Und erwarten Sie wirklich von mir, daß ich solchem Unsinn mein Ohr leihe?" „Es ist kein Unsinn. Es ist mein fester Entschluß^ Sie zu meinem Weibe zu machen." „Ah, es ist aber mein fester Entschluß-, so etwas nicht zu werden. Ich bin Ihnen sehr für Ihre gute Absicht verbunden, und ich sehe wohl ein, daß Sie sogar glauben, etwas recht Schönes zu tun, indem Sie mir anbieten, mich zu heiraten. Mein" — und sie richtete sich dabei auf und warf ihm einen trotzigen Blick zu — „ich will mich nicht so, und noch dazu aus Mitleid, von einem Manne heiraten lassen, den rch bis gestern nicht kannte." Diese letzten Worte versetzten Clifford in jähe Verwunderung. Er hatte vergessen, wie kurz seine Bekannt- chaft mit Nell noch war; es schien ihm, als ob er sie chon seit Monaten gekannt hätte. Rasch war er mit seiner .Antwort auf diesen Einwurf bei der Hand. „Was das betrifft, so hab' ich Sie schon seit lange gekannt, Nell", sagte er ernst. „Ich habe Sie gerade gekannt, als ich danack verlangte, ein Mädchen, ganz so, wie Sie sind, zu finden. Und es war stets meine .Absicht, wenn ich es fände, nicht eher zu ruhen, bis ich es überredet hätte, mein Weib zu werden. Ich glaube, Sie können dies auch als Antwort aus den Einwand annehmen, daß hiebei Mitleid mit obwalte. Des Mitleids werde nur ich bedürfen, wenn Sie mich ausschlagen." Nun war dies ziemlich hübsch ausgedrückt und Nell sah besänftigt aus. Sie nahm wieder den Besen zur Hand und tat, als ob sie ihr Fegen wieder aufnehmen wollte, obschon das Vorhaben kein sehr wirksames war. „Unglücklicherweise", sagte sie mit leiser Stimme, dre nicht so zungenfertig, als sie gewünscht hätte, war; >üch habe keine so lebhafte Einbildungskraft und ich rann nicht behaupten, Sie lange genug zu kennen, um ftcher zu sein, daß ich Sie gern zum Mann haben Ihr Ton war nicht so entmutigend wie ihre Worte. Clifford, der sehr zu seiner eigenen Verwunderung es ganz ernst meinte, betrieb seine Werbung mit besonderem Eifer. (Fortsetzung folgt.) Vom Aufstehen. Der erste Akt des beginnenden Tages ist bei weitem nrcht der unwichtigste; im Gegenteil hängt davon, wie er vollzogen wird, viel ab, denn er drückt allen folgenden ,en Stempel aus. Aus der Schulzeit entsinne ich mich emes franzosrschen Diktates, das den Titel trug: la lutte avec l orerller (der Kampf mit dem Kopfkissen), und das von der Lehrerin gleichzeitig zu erzieherischer Einwirkung benutzt wurde, dem Stücke hieß es u. a., daß man an der Art, ttt der jemand — einen gesunden Körper vorausgesetzt — am Morgen den Kampf mit dem Kopfkissen erledige, erkennen könne, ob er ein charakterfester Mensch ser oder nrcht. Wer sich morgens nicht entschließen könne, das Haupt vom weichen Kissen zu erheben, lasse es in der » gsl auch rm übrigen Leben an der wünschenswerten Fesngkert, Tatkraft und vor allem an Selbstüberwindung der Tat geht auch der Frühaufsteher frisch und fröhlich ans Werk, während bei dem Langschläfer die Trägheit Manchmal nicht weichen will und rechte Lust zur Arbeit nicht vorhanden ist. Wie sehr man von der Wichtigkeit und Nützlichkeit rechtzeitigen Aufstehens allzeit überzeugt war, zeigen uns die Sprichwörter mancher Nationen. Von tiefer Sinnigkeit sind die Worte des berühmten Predigers P. Lacordaire zu unserem Thema. Er sagt: „Der Augenblick des Erwachens in der Dämmerung oder in der ersten Klarheit des Morgens, je nach der Jahreszeit, ist ein heiliger Moment. Die Seele, welche seinen Wert nicht kennt, wird nie tief in die Wege Gottes eindringen; denn Er hat den Lauf der Sterne geregelt, wie das Leben des Menschen, und hat beide zu einander in wohlberechnete Harmonie gesetzt. Die Verachtung dieser Harmonie, für Arbeit und Wohlergehen nicht nützliche ist schädlich für das Seelenheil. Der Mensch, welcher weit in den Tag hinein schläft, weil er die Nacht zum Tage gemacht hatte um des Vergnügens willen, findet, wenn er aufwacht, die Angelegenheiten der Welt und des Lebens an seinem Lager. Sie dringen auf ihn ein, und er wird überwältigt von ihrem Geräusch. In den Pflichten und Mühen, die sich nun folgen, findet er keine stille Stunde mehr für seinen Schöpfer, und gar bald vergißt er ihn . . . Daher, welches auch euer Berus sei, beachtet bei der Nachtruhe wie bei allem, die geheiligte Ordnung der Natur. Ungestraft verletzt man ihre Gesetze nicht." Die Mahnung zu frühzeitigem Aufsteheu ist für eine gewisse Anzahl von Frauen wohl meist notwendiger als iür die Männer, welche durch ihren Beruf genötigt sind, oie Nachtruhe zeitig zu beenden. Die Damen des Hauses, denen Dienstboten alle häusliche Arbeit abnehmen, glauben vielfach, sich eine recht lange Ruhe gönnen zu dürfen. Sie sehen nicht ein, welcher Schaden dem Haushalt und den Kindern aus der mangelnden Aufficht erwächst, noch abgesehen von dem unwiderbringlichen Schaden, der ihnen selbst durchs die verlorene, bezw. verträumte kostbare Zeit entsteht. Möchte ihnen die treffliche Bemerkung einer italienischen Schriftstellerin bekannt werden, welche lautet: „Der Tag im Geiste des Opfers durch frühzeitiges Aufstehen begonnen, wird unsere Frauen, unsere Mütter von jenem bösen Blutmangel der Seele befreien, der sich lähmend aus ihre Tatkraft legt; er wird sie tatkräftiger, verständiger und besser machen, und sie vor aller Verweichlichung körperlich! und seelisch bewahren." Die Einrichtung des geselligen Lebens bringt für den, der sich an ihm beteiligt, manchmal das Opfer eines Teiles der Nachtruhe mit sich. Hier Einschränkung oder Wandel zu treffen, liegt vorzüglich in der Hand der Frau. Gar manche gesellige Zusammenkunft läßt sich durch ihre vernünftige Anordnung auf eine angemessene Dauer beschränken, wodurch sie wohl stets nur gewinnt. Das Erwachen nach einem durch Maßhaltung wirklich genußreichen Gesellschaftsabende mag entschieden angenehmer sein als im gegenteiligen Falle. Ist die Hausfrau sowohl für sich als für die Ihrigen um die Einhaltung der rechten Nachtruhezeit besorgt, so wird sie bald erfahren, welchen Nutzen ihr, der Familie und bent ganzen Hause daraus an Zeit, Arbeitsfreudigkeit, Gesundheit des Leibes und der Seele erwächst. Für die Frauen! Ein Lied, gedichtet mrd komponiert von Prin- zesfitt Luise von Toskana, bringt die neueste Numiner der illustrierten Halbmonatsschrift „F r a u e n - R u n d s ch a u" zur erstmaligen Veröffentlichung, eingeleitet durch einen Artikel des Musikschriftstellers Arthur Smolian. Mit Smolian zu reden, werden forschende Frauenseelen dieses Lied als Beitrag zur Psychologie, teilnahmsvolle Frauenherzen als klangschimmernden Nachglanz eines „knisternd zerstobenen Sternes" willkommen heißen. Die Herausgeberin Carmen Teja würdigt Anton Klamroth als Kindermaler in einem von acht Kinderporträts gezierten Artikel. Heber die Vorläufer moderner Möbel, besonders in der Zeit des Rokoko, berichtet I. Franken. Eine Erzählung, von Gabriele Reuter findet ihren Abschluß während eine ebensolche von Ilse Frapan beginnt.. Frau Marie Stritt, die Präsidentin des Bundes deutscher Frauenvereine, behandelt das Thema „Frauenfrage und Mutterschaft", während. Anna Pappritz in ihrem fulminanten Artikel „Herren^ moral" in überaus scharfer Weise zu den kürzlich im Frank-^ — 208 Literarisches von Schwind, Muror a von 47 der Familienblätterr Nr. Auflösttng des Preisrätsels in I I R E L M V E N U 8 L A L Tabakver-rauch. An der Spitze steht Holland mit jährlich 3400 Gramm pro Kopf der Bevölkerung. Jeder Belgier verraucht jährlich- 1552 Gramm, der Deutsche ver- qualmt im Jahre 1485 Gramm, und der Oesterreicher konsumiert namentlich in Zigaretten und „Virginias" 1350 Gramm. Verhältnismäßig wenig wird in Portugal, Italien und der Schweiz geraucht, doch ist in diesen Ländern Wohl weniger die Neigung oder Abneigung zum Rauchen als vielmehr die „Sorte" ausschlaggebend. Redaktion: Anon» Gvü- - Rotationsdruck und L-rrlM der Brnhi'scken llmverMtS-BuL- und Eteindruckerci (Pietsch Erben) in Gießen. Grundfragen der Mädchenschulreform behandelt Helene Lange in einem längeren Artikel des Aprile Heftes der von ihr geleiteten Monatsschrift „Die Frau^ (Verlag W. Moeser, Berlin S.). Der Artikel, der gerade jetzt besonders aktuell sein dürfte, leitet aus den Grundaufgaben der Schulbildung überhaupt ein geschlossenes Programm der höheren Mädchenbildung ab. Die. Verfasserin behandelt von den verschiedenen in Betracht kommenden Gesichts»- punkten aus die Frage, inwiefern sich eine Verschiedenheit der höheren Mädchenbildung und der der Knaben recht-i fertigen lasse, und kommt am Schluß ihrer Ausführungen zu folgender Forderung: Die der gegenwärtigen Lage der Frau entsprechenden Bildungsanstalten wären neben der Volksschule mittlere und höhere Mädchenschulen, dieden! Realschulen und Oberrealschulen der Knaben etwa gleich- - ' gleich langen und in seinem Aufbau ing umfassen würden. Den besonderen Vermischtes. Warum Kaiser Wilhelm I. sich einmal verrechnete. Ein Brief Kaiser Wilhelms I. über seine Beförderung zum Generalmajo r, die am 30. März vor nunmehr 85. Jahren erfolgte, wird beim 2. Garderegiment z. F. als teures Andenken aufbewahrt. Veranlassung zu dem Briefe war die Teilnahme Kaiser Wilhelms I. an einem Mittagsmahle im Kreise der Offiziere am 19. November 1879. Der Brief, welcher an den Oberst v. Wißmann gerichtet ist und in welchem die durch den Truck hervorgehobenen Worte von des Kaisers Hand unterstrichen sind, lautet nach der „Schles. Ztg.": „Berlin, 20. 11. 79. Die Folgen Ihres vortrefflichen Cardinal-Punsches gestern sind doch nicht ganz ausgeblieben. Denn, wie ich befürchtete, daß ich Doppelt- sehen würde, wenn ich zu viel von demselben tränke, sind zwar nicht eingetvoffen, aber verrechnet habe ich mich doch, als ich von meinem Generals-Avancement erzählte, und im Vergleich zu dem Sächsischen Generäl, der sein 50jähriges Generals-Jubiläum feierte, anführte, daß Niemand meines nicht nur 60, sondern sogar 70jährigeu Generals-