1903. AZ b CTsTw & I“ l.g ZMM (Nachdruck verboten.) Wotans Mrtoöung. Novelle von Robert Kohlrausch. (Fortsetzung.) „Sie haben ganz recht", sagte er, „eine Verlobung macht interessant. Alle Verehrer und Verehrerinnen strengen sich dann noch einmal an, die Sache wieder auseinander zu bringen — das tun die lieben Mchsten so gern. Aber Müller", — er war noch einmal etwas nachdenklich ^ewordei^ — „einigermaßen frivol bleibt die Geschichte „Da sieht man den Schulmeister! C'est la guerre, lieber Freund; wir kämpfen um unsere Existenz. Uebri- gens habe ich auch gar nicht die Absicht, die Verlobung offiziell zu verkiindigen, Anzeigen zu verschicken und dergleichen. Oh nein, vorläufig bleibt die Sache tiefes Geheimnis. Tas vertrauen wir unter dem Siegel der Ver- chwiegenheit dem ersten Journalisten an, der uns begegnet, — dann steht es am anderen Morgen sicher in der Zeitung. _ Wir aber können immer noch mit verschämtem lächeln sagen: „Ach, es ist ja gar nicht wahr?" „Müller, Müller, an Ihnen ist ein Diplomat verloren gegangen." „Es gäbe vielleicht bessere Diplomaten in der Welt, wenn sie alle erst ein Jahr zum Theater gehen müßten. Also, wir sind einig, Wotan?" „Ta haben Sie meine Hand — aber nur geliehen." „Ich will sie auch nicht behalten, seien Sie ganz ruhrg. Zur Ausführung unseres Planes fehlt also nur noch ein Journalist.^ Hier sollen ja viele verkehren, und ich will Ihnen gestehen, daß ich gerade darum vor- geschlagen habe, hier zu dinieren. Nicht unseres Planes wegen — der ist ja ganz neu — nur weil es immer gut rst, sich den Leuten in Erinnerung zu bringen und sich ein wenig liebenswürdig zu machen." „Nützlich wohl, aber weniger angenehm. Am liebsten wurde man die Kerle ja mit der Reitpeitsche traktieren" rref Wotan etwas nervös. . „Nehmen Sie's doch nicht so schwer. -Es ist auch eme Rolle, die man spielt, nur ausnahmsweise nicht auf bet Bühne. Nun lassen Sie uns aber von anderen Trugen sprechen. Wohin werden Sie denn eigentlich gehen? Ich habe bei Tisch noch gar nicht danach gefragt, weil ich ^hre Krankheit — Pardon, Ihren kleinen Katarrh — nicht erwähnen wollte. Gehen Sie nach Meran?" . -Meran! Sagen Sie nur noch Nervi, und der Schwind- suchtskandrdat ist fertig. Nein, ich habe kolossal hin und ft n "bAegt, bis ich einen passenden Ort ausgefunden *tefe bekannten Krankenstationen find für mich avjolut ausgeschlossen; ich würde ja sofort zu den Toten geworfen. Endlich hat mir ein Freund einen kleinen Ort I anr Gardasee empfohlen, den man in Deutschland noch wenig kennt, der aber mehr und mehr in Aufnahme kommen soll. Er heißt Fasano und liegt nicht weit von Gar- done-Riviera, das ja auch mit Kranken gefüllt ist. In! Fasano sollen aber mehr Erholungsbedürftige und Rekonvaleszenten sein. Dort gehe ich in eine Pension, nicht in das große Hotel, wo man leichter Bekannten begegnen kann, und sehe zu, mich bald wieder auf den Damm zu bringen. Es soll dort milde und geschützt sein, schon italienische Vegetation, auch die Umgebung, — was ist denn passiert?" Er hatte einigen Grund, erstaunt, ein wenig erschrocken sogar zu ihr herüberzusehen; denn sie hatte mitten in seine Auseinandersetzung hinein ein halblautes „Hurrah!" gerufen. Jetzt legte sie ihm die Hand besänftigend auf den Arm. „Verzeihen Sie, aber da kommt er." „Wer denn?" „Ter Mann, den wir gebrauchen. Der Doktor May."- „Ach, — es ist mir eigentlich höchst unangenehm, eurem Menschen von der Presse zu begegnen. Was soll ich deirn sagen, warum ich in München bin?" „Tas werden Sie schon sirrden. Sich nur nicht verblüffen lassen." „Und nun gerade der! Ein unangenehmer Mensch! Er hat über meinen Nelusko einmal sehr ungünstig geschrieben." „Ja, leiben kann ich ihn auch nicht, aber was soll man machen?" Sie hatten während des Sprechens die Männergestalt beobachtet, die zwischen den Säulenreihen des vorderen Saales her inmitten von Licht und Qualm sich langsam zu ihnen heranbewegte. Jetzt hatte der Manu die Türöffnung erreicht, trat ein und wandte sich nach links zum! Billardsaal hinüber. Tas Künsilerpaar am Fenster streifte er nur mit einem flüchtigen Blick, ohne die Gesichter zu erkennen, doch jetzt sprang Milka Millerta elastisch empor und eilte zwischen den weißbehangeuen Tischen hin auf ihn zu. „Aber sind Sie es denn wirklich, liebster Doktor? Das ist ja eine ganz unerwartete Freude. Es war mir so furchtbar leid, Sie neulich zu verfehlen, als ich bei Ihnen auf der Redaktion war. Meine Karte haben ©ie doch erhalten, — ja? Mit mein erster Weg war natürlich zu Ihnen." _ Ter Angesprochene war ein kleiner, hagerer Mann, dessen bewegliches, gelbfarbiges Gesicht seinen charakteristischen Ausdruck durch eine seltsame Linienführung der Augenbrauen erhielt. Sie liefen von der Nasenwurzel schräg aufwärts, und ein paar gleichgerichtete, stark hervortretende Adern betonten die absonderliche Zeichnung noch mehr. So bekam das Gesicht eine auffallende Aehn- lichkeit mit den Mephistomasken der Bühne, und bie: schwarzen, funkelnden, lebhaft umherschweifenden Augen widersprachen dem Eindruck nicht. Ein leichtes Hinken auf bem r echten Fuß konnte von Uebelwvllenden gleich faKs auf eine Verwandtschaft mit den: höllischen Sendling gedeutet werden. Vierzig Jahre vielleicht hatten dem Charakter dieses Mannes geholfen, dem Gesichte bleibende Züge einzugraben, und wer sich auf ihre geheinmisvolle Schrift verstand, mochte leicht erkennen, daß Tr. May zu deu Kritikern gehörte, die lieber gehaßt und gefürchtet, als geliebt sein wollen. Seine scharfe Feder war durch keine Liebenswürdigkeit zu bestechen; dagegen galt er für sehr neugierig, und man erzählte sich, daß eine interessante Geschichte den strengen Richter milde zu stimmen vermöge. Auch seht ließ er die Schmeicheltöne der Sängerin mit vollendeter Gleichgiltigkeit über sich ergehen, aber er kam doch rasch und interessiert heran und begrüßte die beiden mit weltmännischer Höflichkeit. Rauchmann war gleichfalls anfgestandeu und streckte dem Kritiker mit schön gespielter Freude die Hände entgegen. „Guten Tag, mein gnädiges Fräulein, hab' die Ehre, Herr Rauchmaun", sagte der Doktor. Er sprach schnell und leise, dabei jedoch mit so vollendeter Lautbildung, daß keine Silbe verloren ging. „Aber, bitte, behalten die Herrschaften doch Platz. Wenn Sie gestatten, setze ich mich einen Augenblick zu Ihnen. Freilich nur einen Moment, ich habe nicht lange Zeit. Das ist ja hübsch; Wotan und Drünhilde beisammen. Ich hatte keine Ahnung, daß Sie auch in München sind." ,,"Vor drei Tagen batte ich selbst noch keine, daß ich hierher kommen würde", entgegnete der Sänger, dem die letzten Worte gegolten hatten. „Und was ftihrt Sie hierher, wenn man fragen darf?" „Tas ist eigentlich noch Geheimnis". Er war in Verlegenheit, was er sagen sollte. Tie Zeitungen hatten von seiner Amerikafahrt berichtet; jetzt aber saß er hier, und es war etwas unwahrscheinlich, daß er von Berlin über München nach Amerika fuhr. Ter Doktor zog seine hohen Augenbrauen noch mehr in die Höhe. „Ein Geheimnis? Werden Sie hier gastieren?" „O nein. Ta wären Sie doch der Erste, der es erführet Bei dem gütigen Interesse, das Sie meinen bescheidenen Leistungen immer geschenkt haben —" „Also nicht gastieren? Dürfen Sie's nicht sagen, was es ist?" „Ich weiß nicht — ich sollte eigentlich, — aber jedenfalls nur im Vertrauen —." „Im Vertrauen, selbstverständlich." „Also: eine große Bühne beabsichtigt —" „Eine große Bühne? Welche? Berlin?" „Nein". „Wien?" / „Nein". „Leipzig, Köln?" „Nein, — ich will es nur sagen, Frankfurt ist es. Dort will man die hiesigen Musteraufführungen Mozartscher Opern nachahmen, über die Sie ja so entzückend geschrieben haben." „Will man das? Wirklich? Wahrhaftig? Da sieht man doch, wie das gute Beispiel hilft; und hier hat Possart wirklich einmal etwas gemacht, woran man seine Freude haben kann." //Ach, Ihr Intendant ist überhaupt ein genialer Mann." „Genial war wohl zu viel gesagt, Sie haben recht. Aber ^geschickt ist er wirklich, sehr geschickt." „Ja, nun sagen Sie mir aber, was haben Sie großer Wagnersänger denn mit Mozart zu tun?" Wotan lachte; es sollte heiter klingen, kam aber ein ! venig gepreßt heraus. „Das ist wiederum ein Geheimnis." „Also lviederum: im Vertrauen." „Im Vertrauen also: man will meinen Namen gern für diese Vorstellungen haben. Und ich, wissen Sie, ich habe das ewige Wagnersingen doch auch ein wenig satt. Ich möchte mich gern einmal wieder auf einem andern Gebiete zeigen, aber das fühle ich denn doch, daß mir mancherlei dabei fehlt. Der bel canto, — Sie haben das ja mehrfach so brillant erörtert, wie der unter dem Wagnersingen leidet. Da habe ich mich denn rasch ent- Ä: hier in München höre ich mir ein paar von zartaufführungen an '— vorgestern war ich schon in „Cosi fan tutte", wirklich famos! — und dann gehe ich nach Mailand, um an der Quelle mir noch ein wenig von der alten, unschätzbaren Gesangskunst zu holen." „Tas ist nett — sehr nett", sagte Doktor Mäh, doch sprach er langsamer als sonst und blickte den Sänger mrt einem prüfenden Blick aus seinen bohrenden, schwarzen Augen an. „Sie sind doch nicht krank?" fragte er plötzlich. Wotan lachte lauter als zuvor, doch klang es wiederum em wenig gezwungen. „Gestind wie der Fisch im Wasser!" „Ich meine — haben Cie nicht Ihr Gastspiel in Berlin sehr unvermutet abgebrochen?" „Ja. Ich hatte 'einen Krach mit dem Regisseur. Mit dem Schönlein ist es nicht mehr auszuhalten." „So — so! Ihre Stimme klingt mir nämlich ein wenig angegriffen." //Keine Spur. Ich lege Ihnen hier den ganzen Wotan hin, wenn Sie ihn hören wollen." „Nein, danke, deu kenne ich schon. Aber nehmen Sie sich in Acht mit dem Nebel hier. Ter ist verflucht scharf „Das macht mir nichts. Ein Sänger muß abgehärtet sein." — »Muß er schon. Ist er aber nicht immer. Also Vorsicht. Um Ihre Stimme wäre es schade." „Tie ist, Gott sei Dank, bombenfest." Ter Sänger war aufgeregt geworden und ärgerte sich zugleich, daß er es nicht besser zu verbergen wußte. So versuchte er es noch einmal mit einem herzlichen Lachen, während doch im» willkürlich ein besorgter Blick aus dem Fenster hinaus- schiveifte aus die Straße, wo jetzt Nebel und Dämmerung ineinander verflossen. Im Stillen faßte Wotan den Vorsatz, für die Heimkehr sich einen Wagen holen zu lassen. Milka Millerta hatte schon lange darauf gewartet, sich in die Unterhaltung der Beiden einmischen zu können. Inzwischen hatte sie sich so gesetzt, wie sie am besten auszusehen glaubte. Sie hielt das Profil für das Schönste an ihrem Gesicht und zeigte sich dem Kritiker daher möglichst nur von der Seite. Jetzt war der Moment gekommen, den sie ersehnt hatte, und sie zauderte nicht, ihn zu nützen. „Sagen Sie, liebster Doktor, wie steht es denn mit Ihrer Gesundheit? Ich finde. Sie sehen brillant aus. Wirklich um fünf Jahre, — ich möchte beinahe sagen, um zehn Jahre jünger als im vorigen Winter bei meinem Gastspiel. Damals waren Sie krank, nicht wahr?" „Nein, nicht krank." Es zuckte sonderbar in den schrägen Augenbrauen. „Meine Mutter war gerade gestorben." //Ja, ja, ich weiß", sagte Milka mit einem leichten Beben in der Stimme. Sie hatte keine Ahnung davon gehabt, aber sie faßte fick schnell. „Tas war ein schwerer Verlust. Ich mochte nicht an die Wunde rühren, die gewiß noch immer blutet, darum sprach ich nur von Krankheit. Ach, ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie auch mir das freundliche Gesicht der lieben Verstorbenen im Theater fehlt. Sie saß ja immer neben Ihnen mit Ihrem hübschen Häubchen und dem weißen Haar. Jedesmal, wenn ich singe, sehe ich zu Ihnen hinunter, das bemerken Sie doch, nrcht wahr? — und nun finde ich an Ihrer Seite nur fremde Gesichter. Ja, ja, es war eine vortreffliche Frau! Eie haben gewiß schwer gelitten. Aber Ihr lieber Kleiner ist doch hoffentlich wohl?" Auf dem Mephisto - Antlitz hatten allerlei wechselnde Empfindungen gewetterleuchtet; jetzt fuhr ein sarkastischer Blitz aus den dunklen Augen. „Pardon, mein gnädiges Fräulein, ich bin nicht verheiratet." „Aber ich bitte Sie, nein, wie kann man nur so zerstreut sein!" Sie war für einen Augenblick wirklich bestürzt; gleich aber hatte sie ausgefunden, wie sich die Sache zum Guten wenden ließ. Tie Augen niederschlagend, sagte sie halblaut: „Ach, wenn Sie wüßten, lieber Doktor, welche Gefühle mich heute erfüllen, Sie würden Nachsicht mit mir haben. Sie sehen uns hier beisammen, unfern Wotan und mich; — Sie haben wahrscheinlich gedacht, wir sitzen hier nur als ein paar gute Kollegen, — über. Ihnen kann ich es ja sagen, — es ist mehr als das." „Wieso? Mehr? Wieso?" Er war mit einem Male Feuer und Flamme. „Es ist noch keine offizielle Verlobung, — nein, nein! Es soll noch nicht publik werden, — es ist so mancherlei dabei zu bedenken, — aber die Herzen, — ja, die Herzen haben sich gefunden." Ihre Stimme bebte von neuem, und indem sie dem Sänger über deu Tisch hinüber die Hand reichte, warf 727 sie einen feuchten Mick zu dem blitzeschleudernden Zeus an der Decke empor. „Tas ist ja brillant! Wahrhaftig? Verlobt? Das ist ja höchst interessant! Wotan und Brünhilde, das ist ja höchst interessant! Ich gratuliere, meine Herrschaften!" „Tanke, danke!" Beide schüttelten ihm die darge- Hand. — „Aber Sie sagen noch nichts davon, nicht wahr? Tas müssen Sie uns versprechen." „Muß ich wirklich?" „Ja, ja, das müssen Sie." „Nun denn, so verspreche ich, daß ich niemandem etwas davon sagen werde." Er legte einen besonderen Ton auf das Verbum, doch schienen die Beiden es nicht zu bemerken. „Wissen Sie", fügte die Sängerin hinzu, „es ist noch ganz unbestimmt, wann wir heiraten werden. Bei unserm Beruf, — beide immerfort aus Gastspielreisen, — man muß sich ja doch erst prüfen, nicht wahr?" „Jawohl, allerdings." Er war zerstreut und unruhig geworden, offenbar von irgend einem Gedanken in An-- spruch genommen. Jetzt zog er die Uhr hervor und tat sehr erstaunt. „Ist es denn wirklich schon halb sechs?" Wotan bejahte, indem auch er auf seine goldene, monogrammgeschmückte Uhr blickte, und sogleich spra N Doktor May empor. „Da muß ich mich empfehlen, es höchste Zeit für mich. Also nochmals meinen besten Glückwunsch!" „Sie gehen jetzt zum Billard, Herr Doktor?" fragte die Sängerin und schenkte ihm zugleich den zärtlichsten Blick ihrer Augen. „Jawohl, — das heißt, — es ist eigentlich zu spät geworden. Es fällt mir ein, daß ich etwas vergessen habe. Unangenehme Geschichte! Hab' die Ehre, meine Herrschaften !" Damit eilte er hinweg, den rechten Fuß nachschleppend, die linke Schulter ein wenig vorgeschoben. Als er außer Hörweite war, begann die Äingerin zu lachen, gedämpft, aber herzlich. „Ter leistet sich jetzt einen Wagen und fährt direkt zur Redaktion. Morgen früh stehen wir in der Zeitung." (Fortsetzung folgt.) Jod eines treuen Wieners Kedins in Wö t.^) Um 7 Uhr erhob sich ein so heftiger Sturm, daß das B Lager fortzufliegen drohte und die Zelte von der t des Hagels und Regens beinahe zu Boden gedriickt wurden. Nach einem letzten Besuche im Lazarettzelte, wo Kalpet ruhig schlief und Muhammed Tokta über sein Herz klagte, gingen wir zur Ruhe, um die Sorgen des Tages in den Armen des Schlafes zu vergessen. Sobald ich am 11. September aufgestanden war, besuchte ich die Kranken. Muhammed Tokta war unverändert; er war bei klarem Bewußtsein und scherzte sogar, hatte aber gemerkt, daß er allmählich das Gefühl' in den Fingern verlor. Schlimmer war es mit Kalpet. Errang mühsam nach Atem, seine Wangen waren eingefallen, aber die Augen hatten ihren Glanz beibehalten. Es schien mit ihm zu Ende zu gehen, aber er sprach vernünftig und sagte, er habe eine „kättik kessel" (schwere Krankheit) rend sei noch kränker davon geworden, daß einer seiner Kameraden ihn vor einigen Tagen geschlagen habe. In Wrrküchkeit war es damit, wie sich herausstellte, nicht so schlimm gewesen, aber die Erinnerung daran erfüllte den Sterbenden ganz und gar, und er wußte von nichts anderem zu reden. Der arme Kerl, der dies auf seinem Gewissen hatte, würde jetzt viel darum gegeben haben, wenn er die Sache hätte ungeschehen macken können. Allmählich schwand das Bewußtsein; er sprach nicht mehr, war total geistesabivesend und starrte in unbekannte Fernen, vielleicht nach dem Paradiese, das der Prophet ihm versprochen hatte. Ich lvollte den Tag über hier bleiben, aber die Gegend war so erbärmlich, daß alle für das Uebersiedeln nach einem besseren Platze stimmten. Kalpet wurde daher bequem und weich auf sein Kamel gebettet, und der Zug setzte sich wieder in Bewegung. *) Aus: Hedin, Im Herzen von Asien. L reich illustrierte Bände, eleg. geb. 20 Mk. Verlag von F. Ä. Drockhaus. Leipzig. Wir alle fühlten, baß heute der Tod mit der Karawane zog, und die Stimmung war daher gedrückt und düster. Es ging nach Südosten. Von der ersten kleinen Paßschwelle sahen wir wieder einen außerordentlich schönen, von niedrigen Bergketten eingefaßten See mit bizarren Ufern vor uns liegen. Das Wasser war kristallhell; daß es diesmal nicht wieder der Selling-tso sein konnte, merkte man bald, denn hier sah man sowohl Wasserpflanzen als auch Fische, und das Wasser war so süß wie das eines Flusses. Das linke Seeufer sah bedenklich aus, denn steile Felsen sielen hier jäh ins Wasser hinunter, und ich hielt es daher sirr das Klügste, Sirkin und Schagdur auf Rekognoszierung auszuschicken. Inzwischen überfiel uns ein gewaltiger Hagelsturm, und Kalpet wurde mit einem Filz- teppiche zugedeckt. Die drei neu angekommenen Tibeter ritten an mich heran, um mir zu erklären, daß es auf dem Westufer keinen Durchgang gebe, doch führe aus denr Nordufer ein Weg nach Osten, den wir benutzen könnten, wenn wir durchaus weiter wollten. Ich ahnte sofort, daß etwas dahinter liegen müsse; es blieb mir aber keine Wahl, umsomehr, als nachher die Kosaken die Aussaae der Tibeter bestätigten. Wir zogen also längs des nördlichen Ufers weiter; es wurde eine Wanderung in den schönsten Schlangenlinien. Ein gerade nach Osten gehender Weg führte über die Hügel, aber die Tibeter hielten sich hinter uns und hüteten sich wohl, ihn uns zu zeigen. Wir gingen also am Strande entlang und nahmen so alle Buchten, Landzungen und Halbinseln mit, ohne zu wissen, nach welcher Seite der See ausbog^. Wenn wir infolgedessen auch viele unnötige Schritte machten, so erhielt ich doch wenigstens eine getreue Karte des launenhaften Sees, und eine herrlichere Landschaft als diese hatten wir in Tibet noch nicht gesehen. Nach allen Seiten hin öffneten sich großartige Perspektiven in Buchten und Fjorde hinein, die zwischen malerischen, dekorativen kleinen Bergketten mit steil nach dem See abfallenden Abhängen tief in das Land einschnitten. Hier und dort tauchten kleine Inseln auf, gewölbt wie Delphinrücken. Alte Uferlinieu waren hier nicht zu sehen, und das süße Wasser sprach dafür, daß der See, der Nakktsong-tso heißt, Abfluß nach einem weiter südlich liegenden Salzsee hat. Nachdem wir einige Stunden in allen möglichen Richt- ungcn gewandert waren, überraschten wir die T.beter, die ihre Zelte am Ufer aufgeschlagen hatten und ihre gewöhnliche Teerast hielten. Sie hatten dadurch Zeit gewonnen, haß sie einen Richtweg hinter den Uferfelsen benutzt hattest. Wir zogen an ihnen vorbei, bis der See definitiv nach Südosten abzubiegen schien. Hier traten die Berge vom Ufer zurück, das eben und mit festem Kiese bedeckt war und den Kamelen ein vortreffliches Terrain bot. Am östlichen Ende des Sees lagerten wir bei einem Zeltdorfe. Tie Späher waren uns auch diesmal zuvorgekommen und hatten schon ihre Zelte aufgeschlagen. Kalpet hatte oft gesprochen und besonders Rvsi Mollah, seinen Kerijaer Landsmann, gerufen; er hatte um Wasser gebeten und darum, daß seine Lage auf dem Kameel verändert werden möchte, wenn er sich auf einer Seite müde gelegen hatte; manchmal ries er laut und deutlich, das Kamel gehe zu schnell. Als er jedoch in der Nähe des Lagers längere Zeit still gewesen war, hielt die Ambulanz, welche die Nachhut der Karawane bildete, mtb Mollah horchte. Er holte mich sofort, und es war nicht schwer, zu konstatieren, daß mein armer Diener verschieden war. Sein Ausdruck war ruhig und verklärt, aber die Augen hatten ihren Glanz verloren. Er war schon kalt, obwohl es kaum eine Stunde her war, seit er zuletzt um Wasser gebeten hatte. Mollah drückte ihm für immer die Augen zu, und dann setzte die jetzt in einen Leichenzug verwandelte Karawane ihren Weg fort. Tie Muselmänner hatten, wie gewöhnlich, gesungen, um sich den Marsch weniger langweilig zu machen; jetzt aber wurde es still wie in einem Grabe, und nur die Tritte der Tiere auf dem Sande und Kiese des Ufers und das keuchende Atmen der Kamele unterbrachen das Schweigen. Wir standen wieder vor dem furchtbaren, erbarmungslosen Ernste des Todes, und wieder führten wir einen Toten auf einem lebendigen Katafalke mit uns. Als wir an den Zelten der Tibeter vorbeizogen, kamen diese uns entgegen, um uns zu sagen, daß es bis zur 728 nächsten Stelle mit Weide ttm mit' daß wir einen Toten be Redaktion: Anaust Götz. — Rotationsdruck imb Verlag der Brühl'scheu NniversnStS-Duck!- und Stcindrnckerei. R. Lange, GieK Sobald das Lager fertig war, sprach ich mit Wollah und Turdu Dai über die Beerdigung; sie schlugen vor, ste bis sunt nächsten Morgen aufznschreben und dann mit den üblichen Zeremonien vorzunehmen. Tie Leiche wurde für die Nacht in das eine weiße Zelt gelegt und sollte von einem Wächter vor den Hunden geschützt werden. Kalpets Beerdigungstag, der 12. September, brach strahlend hell und tlar an; nur dann und wann segelte n der frischen Seebrise, welche die Wellen ans User rauschen ließ, ein kreideweißes Wölkchen über den Himmel. Tas Grab war schon fertig, nnb im Dodeszelte waren ■ Hcnnra Kul, Wollah Schah und Turdu Bar damit beschäftigt, die Leiche in ein Laken zu hüllen, nachdem sie vorschriftsmäßig gewaschen worden war. Tabei hatten sie sich das Gesicht außer den Augen mit weißen Binden umwunden, um nicht die Leichenluft einatmen zu müssen. Vor dem Leite saß Rosi Mvllah und las laut ans einem Gebetbnche. Tas Grab war nicht viel mehr als einen Meter stref, und seine eine Längsseite bildete eine Höhlung, tn welche die Leiche hineingeschoben werden sollte. Hrerher lenkt, der Leichenzug seine Schritte. In eine weiße Jilzdecke gewickelt, lag der Tote lang, mager und kalt aus einer Kamelleiter, und wurde von Mvllah Schah, Li So je, Chodai Kullu, Oerdek, Hamra Kul und KUischuk getragen Die improvisierte Bahre wurde auf . den Rand des Grabes gestellt und Kalpet dann vorsichtig m seine letzte Ruhestätte hinabgelassen, wobei Mullah Schah und der Mvllah mit hiirabstiegen, um ihn unter den Vorsprung, der sich über der Aushöhlung m der Seite des Grabes wölbte, zu legen. Der Mollah setzte sich dann und hielt folgende Rede an den Verstorbenen: Tu bist ein rechtschaffener, rechtgläubiger Musel- manu gewesen, du hast niemals einem von uns etwas zuleide getan, du läßt eine Lücke zurück, und wir beweinen dein Hinscheiden, du hast dem Türa gut und redlich ocbicnt “ Nachdem die beiden Märrner aus dem Grabe gestiegen waren, wurde die Kamelleiter quer über die Oef nung oelegt und das Ganze mit einem Filzteppiche bedeckt, dessen Kauten mit Erdschollen beschwert wurden; darauf wurde der Grabhügel über dem Teppiche aufgeworfen, welch letzterer dieses Gewicht natürlich nicht sehr lange wurde aushalten können, - es bedurfte nur emes Regens oder des Tarüberlaufens umherstreifender Yake, um das Ganze zum Einstürzen zii bringen. Als bet Hügel fettig unb am Kopfende mit einem ebenso vergänglichen Denkmale aus Erdschollen und einigen daraufgestellten Siemen verziert war, warfen sich die Muselmänner um das Grab herum auf die Knie, hielten sich die Handflächen vor das Gesicht und murmelten leise Gebete, die nur dann und wann von den Gebetformeln des Mollah unterbrochen wurden^ war der feierliche Akt vorbei und Kalpet der Erde wiedergegeben. Wir kehren, wie aus einer Kirche, aus einer Sonntagsstimmung in der Wildnis,, zu den Sorgeii des Alltagslebens zurück. Wir packen unsere Hab- seliakeiten ein, brecheil unsere Zelte ab, beladen unsere geduldigen Kamele, steigeii zu Pserd und ziehen von die,em dritten Todeslager fort. Alles erscheint so eitel und zwecklos, wenn man eben am Rande eines Grabes gestanden hat, wo man sich von dem erhabenen Ernste bes Lebens und des Todes durchdrungen gefühlt und das Stundenglas abiausen gesehen hat. Und dann kommt man zu den unbedeutenden kleinen Sorgen eines neuen Tages zurück und setzt seine endlose Wanderung über die Gebirge ohne Rast und Ruhe fort! Auf der Karte steht neben diesem Lagerplatz ein schwarzes Kreuz. Heute ist das Grab sicherlich schon verschwunden. Die Nomaden treiben ihre Herden darüber hin, und rings iiinher in bett Bergen heulen in den Winternächten bie Wölfe. Und sollte das Grab wirklich noch nicht verschwunden sein, so weiß doch keiner, wer der Tote war. Ter Rechtgläubige ruht in heidnischer Erde, aber seine Ruhestätte ist doch mit Gebeten aus dem Korati geweiht worden. Anagramm. (Nachdruck verboten.) ralar, Launen, Marat, B-imrn, Siam, Nestor, Stal-, SS axgien ein modernes Verkehrsmittel bezeichnen. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr.r Trucksehlerteusel. Nach der Beerdigung kam Rosi Mollah mit folgendem Anliegen zu mir: „Ehe wir uns nach Beendigung dieser Reise trennen, gebt mir, bitte, ein schriftliches Zeugnis, daß Kalpet eines natürlichen, ehrlichen Todes gestorben ist damit feine Brüder in Kerija nicht glauben, er sei bum mir oder irgend einem andern von uns totgeschlagen worden." Ties versprach, ictt, und es geschah auch, worauf das Zeugnis nebst Kalpets Lohn an seine Bruder geschickt Tie Tibeter, die dem Begräbnisse zusahen, erlaubten sich die Bemerkung, daß wir uns viel zu viel Muhe damit machten. „Werft den Dolen den Raben und den Wolfen hin i" sagten sie. Ties tun sie selbst, wie wir bei einer spätem Gelegenheit mit eignen Augen sahen. Tie Muselmänner verbrannten das Zelt, m welchem Kalpet ausgebahrt gestanden, seine Kleider und seine Stiefm Bei der heutigen Gelegenheit waren alle üblichen Zeremonien beobachtet worden; als Aldat starb, war er tote er ging und stand begraben worden. , L. Heiterlächelnd verjagte der Tag die traurige Erinnerung des Morgens, und wieder entrollte die Erde, auf deren Oberfläche wir ein so flüchtiges, unsicheres D^ern führen, vor uns eine ihrer schönsten Landschaften. Auch fetzt gingen wir durch ein Felsentor im Sudosten. Links zeigte sich noch einmal ein Teil des.Sellmg-tso. Von einer niedrigen Paßschwelle erblickten wir nach Süden hin eine ch ene weite Ebene, die ganz hinten vom Gebirge begrenzt wurde. Die Tibeter waren uns auf den Fersen Links von uns lagen einige schwarze stnd zwei blauweißs Zelte, wohin sie sich begaben. Als wir dicht bet btefent ^cltdorfe waren, sprengte eine Reiterschar st" Mich heran unb überbrachte mir die Nachricht, daß zweGhohe!Herren aus Lhasa angelangt seien, weshalb sie uns bitten mußten, der Verhandlungen wegen in ihrer Nahe zu lagern. Anfangs weigerte ich mich und sagte, tote hatten "nt diesen Leuten nichts zu schaffen, sondern wurden weiterziehen. Toch als es nachher um ihr Lager hermn von Soldaten zu wimmeln begann und mw gesagt wurde daß s e mir Botschaft direkt aus Lhasa brachten, hielt ich es für das. Klügste, wenigstens zn Horen, was sie eigentlich toollten, und bat bie Tibeter, ihren hohen Herrn zusagendaß ich mit ihnen sprechen wurde, wenn sie zu mir tarnen. Weihnachts-Litteraiur. — Reform-Moden-Album III. Neue Sarnm- luug von 80 Modellen für Resormkleider aller Art und .»Son Alters cpm Verlag von Vobach il. Eo., Berlin uno Lewzia^ erschien das III. Reform-Moden-Album, dessen Er- sckeinen allen Anhängerinnen der neuen Frauenkleibung und solchen die es werden wollen, willkommen fein wirb. Doris Kiesewetter hat es mit einem "l^emein verständlichen die Vorzüge der Reformkleidung scharf hervvr- hebenden^Borwort versehen. In.biefem Hefte finden sich viele eigenartig-schöne Kostüme, bie von Kunstlerhanb ent worfen 8|ittb, daneben aber auch solche, die NA ^er herrschenden Mode anpassen und daher weniger aufsallen. Mehr oder weniger elegante Straßenkleider zeigen, daß der fuß freie Reformrock uicht unschön wirkt und^auch dw Bluse dabei zu ihrem Recht kommt. Von dem Standpunkt au» gehend daß ein Reformkleid überhaupt nur denkbar auf entiprechenber Unterkleidung ist, sind die verschiedenart gen als gesund lind praktisch erkannten M^le m geschi Ausführung anschaulich b ar gestellt. Am Schst übersichtliche Schnittmuster für Kleider und Wasche. :ck, weit sei. Ich teilte ihnen mit bas; Wir einen Lvien oet uns hätten, der begraben werden müsse, was sie sehr ruhig anhörten, uns dann aber einen Platz anwiesen, wo dies am besten geschehen