1803 Samstag den 7- Morumöer. ?! 1 W vM KL II i (Nachdruck verboten.) W UsßkmttEt» mii der BretUiie. Bon B. W. Howard. (Fortsetzung.) Sie schlug den kürzesten Weg durch die Felder ein, aber ihr übermüdeter Körper vermochte sich kaum mehr aufrecht zu erhalten. Als sie ins Haus trat und sich erschöpft auf eine Bank fallen ließ, saß Nannic mit aufgestemmten Amren am Tische und starrte sie mit seltsam glänzenden Augen an. „Hast Tu's gut gemacht?" „Ich weiß nicht", antwortete sie matt, „wenigstens ist er sicher — das Bild auch." „Erzähle", sagte er barsch. Sie berichtete ihm die einfachen Tatsachen so kurz wie möglich. Ihre Erregung war vorüber, sie war fast zu abgespannt, um F-reude zu empfinden. Er lauschte aufmerksam und stellte über einige Punkte verschiedene Kreuz- unb Querfragen, wobei sein Gesicht einen eigentümlichen Ausdruck annahm. Guenn schleppte sich durch das Zimmer und trank eine Tasse Milch. Sie sah totenbleich aus und mußte sich beim Gehen an den Möbeln halten. „Mach", daß Du zu Bett kommst", sagte der Knabe rauh. „Ich gehe schon. Weißt Du, Nannte, ich möchte. Du erlaubtest, daß ich Monsieur alles sagen dürfte; wie oft Tu ihn schon gerettet hast, tote Du alle ihre Anschläge herausbringst, damit er wüßte, daß niemand — niemand so klug, so gut und so edel ist wie Du." „Wir wollen doch zufrieden fein, daß er keine Kugel in der Brust, keinen Messerstich durch die Kehle und kein Loch im Kopfe hat", entgegnete der Knabe abweisend. „Wozu alles sagen, was wir wissen? Höchstens verdirbst Du mir damit. das nächstemal den Spaß." Sie sah ihn zweifelnd an. „Ich sage Dir, mir ist's lieber so", meinte er ungeduldig. „Ein Bursche von meinem Körperbau darf sich doch wohl auf seine Weise vergnügen", fügte er bitter hinzu, „ich. dächte, das wäre ihm zu gönnen." Guenn seufzte tief auf. „Du weißt es natürlich am besten, Nannie", entgegnete sie mit großer Sanftmut. „Gute Nacht!" „Halt, Guenn, höre einmal — hast Du wirklich das schwere Bild allein durch die Tür gezwängt?" „Nun ja, ich sagte Dir's ja schon —" es klang müde und gletchgtltig. „Du hingst dort an dem hohen Balken nur an Deinen beiden Händen, damit sie glauben sollten, es wäre der alte Morot? Du? — wirklich Du? —" „Gewiß, Nannic, was hätte ich denn auch sonst tun können?" Nannic streckte seine langen, schwachen Arme aus und betrachtete sie mit unaussprechlicher Verachtung. Eine trostlose Sehnsucht spiegelte sich in seinen bleichen Zügen, die heftigste Empörung gegen den elenden, pnßgestalteten Körper, der ihn überall hemmte. Dann nahm er seine gewöhnliche gleichgültige Maske wieder vor. Ten Kopf in den verkrümmten Händen bergenb, bie klugen Augen halb geschlossen, sagte ber kleine Krüppel in trockenem Ton: „Es war gar nicht so übel — für ein Mädchen." 21. Kapitel. Als Madame in den Voyageurs am Abend von Humors Ankunft in Plouvenec gegen ihn die Andeutung fallen ließ, daß bie Frau Postmeisterin zuweilen seltsam zerstreut sei, hatte sie ihr bamit nicht Unrecht getan. Die Maler pflegten diese ihre Eigentümlichkeit mit stärkeren Ausdrücken zu belegen. „Wie seltsam sich die nämlichen Typen überall wiederholen", hatte Humor bei sich gedacht, als er ber besagten Dame zum erstenmal gegenübertrat. „Diese hagere, unachtsame Frau hat mich so wie hier, schon in Maine, Massachusetts unb Kalifornien über ihre Brillengläser hinweg angestarrt", vertraute er eines Tages seinem Freunde Staunton. „Sie mag französisch sprechen so viel sie will, sie erscheint mir immer identisch mit jener Posthalterin in einem kleinen Dorfe Neu-Englands, bie mir eines Tages sagte: „Da, Mr. Humor, ist ein langer Bries für Sie, von Ihrer Kousine Elisabeth; so viel ich baraus ersehe, geht's ihr unb ber ganzen Sippschaft gut!" Tie Beamtin in Plouvenec war zugleich Telegraphistin unb legte ein schmeichelhaftes Interesse für bett Inhalt jeher Depesche an ben Tag, ein vorwurfsvoller Blick traf denjenigen, ber es vorzog, sich babei einer anderen, als ber französischen Sprache zu bedienen, lieber ihre Unregelmäßigkeit unb Saumseligkeit bei der Briefausgabe fluchten die fremden Maler zuerst, machten bann gütliche Vorstellungen unb fügten sich zuletzt, wie bie Muselmänner, ins Unvermeidliche. Sie nahmen ohne Murren fünf Tage alte Briese in Empfang unb ertrugen standhaft alle Prüfungen, welche ihnen bas Geschick sonst noch burch bis Plouvenecer Post auferlegte. Wer ber Tag sollte noch kommen, an bent Humor sich weigern würbe, als Philosoph zu bulben. Tie letzten Pinselstriche an dem großen Bilde waren getan, es war fertig, war getrocknet, war Humors Meisterstück. Stundenlang konnte er jetzt, davor sitzen, es einer letzten, stummen Kritik zu unterwerfen. Endlich Begann er. bie Kiste zuzurichten, in ber es nach Paris reifen sollte^ seinem Schicksal zu Begegnen. Guenn sah btefen Ab schiedsseierlichkeiten in tiefer Erregung zu, ihr Herz war zum Ueberfließen voll von reichen, köstlichen Erinnerungen. Das beste Stück ihres jun gen — 662 Lebens lag vor ihr, eingenagelt in der großen Bilderkiste. So sehr sie trauerte um die schöne Vergangenheit, so groß war ihr Entzücken, daß Humor sein Meisterwerk vollendet habe. Wie liebte sie dieses Bild, jeder Zoll davon war ihr ans Herz gewachsen. An dem und dem Tage hatte er mit großen Strichen den ersten Entwurf gezeichnet. Sic dachte daran, wie unzufrieden und ungeduldig er gewesen, und wie sie sich alle vdn seiner Stimmung bedrückt gefühlt hatten. Allmählich aber kam mehr Klarheit hinein, Skizze nach Skizze entstand, und zuletzt blickte er wieder lächelnd auf, sie atmeten alle freier und plauderten unbefangen wie früher, lind dann die herrlichen Tage, an denen er die Festung malte; die köstliche Woche drüben auf den Inseln, die schönste Woche ihres Lebens! Jeder einzelne Moment lebte in ihrer Erinnerung fort — die entzückende frische Morgenluft, das Rollen der Wogen, der Seewind, der ihre Wangen fächelte, jede Freundlichkeit, jedes lustige Lachen, der Gottesdienst in der kleinen Kapelle, die traurigen Augen des Pfarrers — er war damals so sorgenvoll wegen des armen Jean, der gute eure, — dann die Szene am Sterbebett, Humors Gestalt in der Tür und die Kinder- arme, die ihren Hals umschlungen hielten, das Toben des Sturmes und das klägliche Jammern der Frauen. Das alles und mehr noch lag in dem Bilde! Auch jene schreckliche Nacht, in der sie fast wahnsinnig geworden, als er sich durchaus nicht bewegen lassen wollte, fortzugehen, und sie dann das Kleinod von dem häßlichen Balten hinabwerfeu mußte, wie sündhaft es ihr auch erschien. Er hatte sich am andern Morgen gewundert, warum sie es nicht lieber in den Schuppen getragen habe, was so viel leichter gewesen wäre. Au die Gefahr wollte er nicht recht glauben, und sie hatte ihm nie erzählen mögen, wie alles zugegangen war und was sie getan. Warum auch? Das Wild totre ja gerettet. Aber auch diese Nacht lag mit in dem Bilde — die Nacht und noch mehr! Wenn alle die feinen, geputzten Menschen auf der Ausstellung wüßten, wie sehr das bretagnisch-e Mädchen dies Gemälde liebt — weit mehr als ihr Leben; wie sie ihn in gerade solchem Boote zuerst übergefahren, er so mild und freundlich, und sie so roh und trotzig, sodaß sie sich nodj, jetzt schämte, nur daran zu denken. Seitdem war sie freilich viel sanfter geworden, sie hatte gelernt, ihm eine Hilfe zu sein, hatte ihm — allen Heiligen sei Dank dafür — redlich beigestanden bei dem, was ihm das Liebste war! Sie war froh, daß es keiner je erfahren würde, es war ihr Geheimnis und seines. Die Leute würden auf dem Bilde eben nur ein Mädchen sehen mit einem großen Ruder. Sie würden über die Farbe und die Zeichnung, über das Wasser und die Technik sprechen — das wußte sie jetzt, sie hatte diese Worte ja so oft gehört. Sie würden nie ahnen, daß ihre ganze Vergangenheit, ihre ganze Seele mit in dieses Bild hineingemalt war, — daß ihre besten Kräfte und Gedanken, ihre heißeste Liebe ihm gegolten hatten vom ersten Tage an. Sie schluchzte laut auf und brach in Tränen aus. Ter Schreiner war fortgegangen, nachdem er den letzten Nagel eingeschlagen hatte. Humor kniete am Boden und schrieb die Adresse, er war in rosigster Stimmung, sogar Tränen verniochten ihn nicht ungeduldig zu machen. „Gib nur acht, Guenn, daß Tu mich nicht erseufst", meinte er scherzend. „Ich möchte nicht kindisch sein, Monsieur", verteidigte sie sich unter Tränen lächelnd. „Aber mir ist so sonderbar zu Mute, gerade wie einem Ertrinkenden. Die Leute sagen, daß einem da alles noch einmal einfällt, was man getan und erlebt hat. So ergeht's auch mir, ich muß zurück- denken, immer und immer. Mir ist's, als läge ein Totes dort in dem Kasten." „Wenn Du so sprichst, muß ich glauben, daß Dir das Bild lieber ist als der Maler", warf er lächelnd ein. „Aber ich weiß schon, was Du meinst. Es ist ein Gefühl, das uns häufig überkommt, wenn wir mit irgend etwas ans Ende gelangen. Geht es mir doch selbst nicht viel anders." Er legte den Pinsel hin, stand auf und sprach, obgleich lächelnd mit ernster Stimme: „Und nun, Guenn, scheint mir der rechte Augenblick gekommen, um Dir hier über jener geheiligten Kiste zu sagen, daß ich Dir noch nicht halb genug für Deine Hilfe gedankt habe. Ich bin wirklich ganz gerührt von Deiner Pflichttreue und Geduld, mir ist dergleichen noch nie vorgekommen. Du bist, auf mein Wort, so treu und standhaft gewesen, wie ein Soldat auf dem Posten." ,/O Monsieur, o Monsieur!" stammelte Guenn, freudestrahlend über sein Lob. „Ich will Dir hier keine Rede halten, ich wollte Dir nur sagen, daß Du unseren Vertrag gehalten hast wie ein Mann." „Wie ein Bretagner!" setzte Guenn glückselig lächelnd hinzu, in ihren Augen glänzte ein feuchter Schimmer. „Und dann noch eins, Guenn, — da ich mich entschlossen habe, den Sommer über hier zu bleiben, denke ich, den Plan mit dem Hochgeitszuge wieder aufzunehmen. Du weißt, ich sprach schon einmal davon auf dem Kirchhof von Beuzee. Dein Gesichtsausdruck soeben brachte mich wieder darauf. Rosig und verschämt, stolz und jung", murmelte er vor sich hin, nicht so hochfahrend und trotzig wie einst." — Er beobachtete sie plötzlich mit so forschenden Blicken, als sähe er sie jetzt zum erstenmal. Nach kurzer Pause fuhr er fort: „Was meinst Du? Wenn Du alle die Mädchen in Deinem Gefolge siehst, wirst Du so stolz werden, daß Du das neue Bild viel lieber gewinnst als dieses." „O nein, Monsieur, ich werde nie wieder ein Bild so lieb haben", entgegnete sie leise seufzend. „Nun, halte damit wie Du willst, aber Du tätest mir einen Gefallen, wenn Du Dich indischen nach dem Brautstaat umsehen wolltest. Könntest Du nicht einmal nach Quimper gehen? Du weißt ja, was für Silberstickereien ich am meisten liebe, und wenn Du zugleich auch eine alte bretonische Jacke auftreiben könntest, eine ganz echte —" „Gewiß, das kann ich sehr leicht, ich will noch diese Woche mit Andree hinüberfahren." „Und Guenn, ich muß mir Thhmert noch einmal zu verschaffen suchen. Noch eine Sitzung mit ihm wäre mir in hohem Grade erwünscht, aber der gute Mann ist so scheu, genau wie Du, ehe ich Dich zähmte, und vom Modellsitzen hat er so viel Begriff wie ein numidischer. Löwe." „Jawohl, Sie müssen ihn noch einmal haben", nickte sie ernsthaft. „Er wird sich schon dazu herbeilassen, Monsieur, er war nur im Winter so traurig wegen des armen Jean." „Ich will Dir die Schlüssel zum Atelier dalassen, Guenn, sodaß Du hereinkommeu lärmst, um nach meinen Bildern zu sehen, wenn es nötig wäre. Ich gehe auf drei bis vier Tage nach Lorient, Morot hat mich aufgefordert, mit ihm zur Regatta hinüber zu fahren. Wenn Du unterdessen die Besorgungen in Quimper machtest, könnten wir schon am Montag mit dem Hochzeitszug beginnen. Wir brauchen Jeanne, Viktoria und Lena dazu — wahrscheinlich halb Plouvenee. Alain soll der Bräutigam sein; wie würde Dir Alain als Bräutigam gefallen, Guenn?" setzte er bedeutsam hinzu. „Sehr gut — auf dem Bilde", antwortete sie übermütig. So lieb konnte ihr das neue Bild niemals werden, wie der alte Freund dort in der Kiste, aber sie brannte darauf, Hamors kleinsten Wunsch- nach besten Kräften zu erfüllen, auch war ihr der Gedanke, den Anzug in Quimper besorgen zu dürfen, schon an und für sich ein Vergnügen. Bis zum September war noch lange. Wie viele, viele Tage lagen noch zwischen März und September. Auch hatte Hamor seinen Entschluß über den Aufenthalt in Plouvenee ja schon einmal geändert. Warum nicht zum zweitenmal? Sie saun nicht mehr nach, ob es ihr möglich sein würde, ohne ihn weiterzuleben, sie gab sich ganz der herrlichen Gegenwart hin. Trotz ihres heftigen Kummers beim Abschied von dem geliebten Bilde war es eine sehr glückliche Guenn, die am nächsten Morgen im Sonnenschein am Quai stand und unter Lachen und Scherzen mit den Schiffern ein Boot nachdem andern nach Lorient abfahren sah. Ein wenig bänglich war ihr freilich ums Herz, als Morots Boot abstieß und Hamor den Hut schwenkte mit einem fröhlichen „Auf Wiedersehen!" Ohne sein Lächeln schien ihr Plouvenee heute verödet, aber sie ging mutig an die Arbeit, half Madame im Wirtshaus und arbeitete den ganzen Mittwoch und Donnerstag über für Monsieur Morot. Am Freitag fuhr sie auf dem Bock mit dem alten Andree nach Omimper hinüber. Er scherzte während der ganzen Fahrt über den Verlust ihres Haares, und über den schmucken Matrosen von der „Merle", der ihr's vermutlich angetan habe. Am Samstag sollte sie Hamor Wiedersehen, vielleicht gar schon heute abend — ihr Herz schlug ungestüm. als sie aus Qnimper hinaus wieder heimwärts fuhren. Tret lange Tage hatte sie ihn nicht gesehen! Wie freundlich er lächeln würde! Wie schön wurde seine Stimme klingen! Auch mit dem Brautstaat durfte er zufrieden sein, er würde sie loben und sagen, sie habe alles klug aus- gewählt und sei ihm eine große Hilfe. In der Dämmerung aus dem Bock der rot und gelben Postkutsche, das glückliche Gesicht nach Ploudenec gewendet, fuhr sie ihrem Maler entgegen. Fortsetzung folgt. Maudereien aus der Kaiserstadt. (Nachdruck verboten.) Sieglindm's Abschied. — Hauptmann's Rose Bernd — Bayer- lcül's Zapfenstreich. — Durchlaucht Radieschen. Eine ereignisreiche Wocke, in der der November die Herrschaft übernahm ! Der Größten einer im Reiche der Wissenschaft schied plötzlich von uns, und wenn auch das hohe Alter Theodor Mommsen's das Verlöschen feiner Kräfte über kurz oder lang erwarten ließ, der Gedanke verdüstert uns dennocy die Stimmung, daß wir den rüstigen Mten mit dem weißumwallten Charakterkopf und den sprechenden Augen hinter den scharfen Brillengläsern nun nimmermehr begegnen und dem „Freunde aus der Provinz", der mit uns die „Linden" entlang schlendert, mit frohem Stolze sagen können: Sieh, das ist Mommsen! So geht einer nach dem andern dahin von den alten „Sturmgesellen", von denen Sudermann so sonderbare Geschichten zu berichten weiß, ohne fteilich allzuviel gläubige Herzen dafür zu finden. Ihren Abschied, nicht von der Welt, doch von jenen Brettern, die sie bedeuten sollen, nahm in diesen Tagen auch eine der gefeiertsten Wagnersängerinnen der Welt, R o s a S u ch e r. Sang- und klanglos hatte sie Hochberg von fünf Jahren mit "ihrem Gatten, dem Kapellmeister, aus dem Opernhause ziehen lassen. Hülsen, der ein strafferes Regiment führt als seine Vorgänger, hat dieses feierliche Abschiednehmen von Bühne und Publikum, das Künstlerinnen von solcher Bedentung wohl zugestanden iverden muß, nachträglich zu inszenieren gewußt und dadurch wieder einmal gezeigt, daß er bei aller Strenge doch ein Mann von Herz ist. Und es war ein wehmütig-stolzer, brausender Jnbeltag, an dem Rosa Sucher als Sieglinde in der Walküre, zu der sie einst prädestiniert, schien, der Kunst Valet sagte. Schon am Vormittag waren Billets nur noch von Händlern mit hohem Aufgeld zu haben, und die Blumenhändler hatten einen guten Tag. Die Stimmung des Publikums war ganz un- berlinisch, so warm bewegt, so herzlicher Verehrung voll, und Rosa Sucher konnte es spüren, daß fünf Jahre noch lange nicht genügen, ihre unerreichten Leistungen vergessen zu machen. Einen stürmischen Beifall mit ganz, ganz wenig Opposition gemischt errang auch Gerhart Hauptmann mit seinem Trauerspiel Rose Bernd. Er selber hat diese Geschichte einer Kindesmörderin, in der er sein ganzes feines Können, seine psychologischen Zerglie- derungskünste wieder einmal voll offenbart, ein Schau- fpiel genannt. Es ist ein packendes, aber schließlich doch beklemmendes Stück, das jene letzte reine Stimmung, die wir von einer echten Tragödie erwarten, nicht auslöst Und doch ist es das Werk eines Dichters, der zum min- de,ten nicht bergab mit dieser Tat geht und den wir immer mehr schätzen und bewundern lernen, ob wir auch anfäng- nch seitab gestcmden haben und manche seiner Gaben noch heute zu kraß finden. Im Lessingtheater erschien ,öuvor das Werk eines schnell bekannt gewordenen Scyriftstellers und fand gleichfalls eine begeisterte Auf- nahme: „Zapfenstreich'^ von Franz Adam Bey erlern. Es rst her Verfasser des im Vorjahre herausgegebenen Mrlrtar-Romans „Jena oder Sedan", in dem das Leben und Trerben tn einem Artillerie-Regimente mit viel K ast und Charakterrslerungsvermögen, aber auch mit einer Aw'^«ubf-ren bitteren Schärfe geschildert wird; eine dm- überaus geschickt gewählte "Zapfenstreich" ist ein Kasernendrama. Ebben hat Schule gemacyt mit seinem „Rosenmontag"; Ä ectIten * ganz wirksamer Dreiakter „Der , spEe tn einer ostreichischen Kaserne. Ueber- haupt hat er , titele ähnluve Züge mit dem allerdings straffer und wirksamer gebauten „Zapfenstreich", in hem ein Leutnant die Tochter seines Wachtmeisters, eines Alten von anno 70 mit dem eisernen Kreuze, die Braut seines Sergeanten, verführt, allerdings, weil sie es nicht anders will. Der Sergeant faßt einen Verdacht, bringt tn des Leutnants Zimmer, findet die Ungetreue und macht nun seinem Vorgesetzten eine Szene. Dritter Akt: „Kriegsgericht." Um die Geliebte zu schonen, bleibt das Motiv zu dem Vorgehen des Unteroffiziers verhüllt, bis Klärchen selbst als Zeugin sich preisgibt, und ihre Beziehungen zu dem Offizier bekennt. Im Schlußakt tötet der Alte nach einer dramatisch bewegten Auseinandersetzung mit dem Verführer sein Kind durch einen Revolverschuß. In dem Moment tönt vom Dor her der Zapfenstreich in das Zimmer, jene Klänge, die sonst das Zeichen gaben, daß die liebenden zu einander konnten. Das Publikum war ganz bei der Sache und feierte den jungen Leipziger durch manchen Hervorruf; ober ich glaube, der Beifall galt dem Autor des „Zapfenstreichs" nur zur Hälfte; „Jenck oder Sedan" hatte seine Verehrer wohl mit ins Treffen geführt. Diese Premiöre hatte um deswillen einen besonderen Reiz, weil unser Kronprinz ihr von Anbeginn bis zum Schluß beiwohnte. Auch zu dem Eogiielin'schen Gastspiel bei Kroll kam er unlängst von Potsdam herüber. Es hat den Anschein, als beseele diesen jungen Hohenzoller eine starke Liebe zum Schauspiel, was die interessierteil Kreise jedenfalls mit Freuden begrüßen würden; denn Theaterneigungen haben sich bei unseren europäischen Fürstenhäusern meist in der Pflege der Oper betätigt, und die eigentliche dramatische Kunst ist mehr und mehr in die Rolle des Aschenbrödels gedrängt worden, was sich bei einer Musterung des Etats fast überall seststellen läßt. Mit einer Novität auf dem Plane erschien dann noch das „Metropoltheater", das mit den ernsten Kunstanstalten am Schiffbauerdamm und in der Schumannstraße eigentlich nicht in einem Atem genannt werden dürfte. Unsere Zeitungen behandeln freilich die zurechtgeschneider- ten, krampfhaft aktuellen Stücke dieser Ausstattungsbühne scheinbar mit dem gleichen Ernst. Aber das sind Gefälligkeitssachen. Anspruch auf Kritik haben hier in erster Linie die Damenschneider und die Dekorationsmaler. „Durchlaucht Radieschen" ist nichts weiter als eine Jagd durch das nächtliche, tolle, sündige Berlin, steMnweise arg gepfeffert, im großen und ganzen amüsant, wenn man nicht mit falschen Ansprüchen in das elegante Hans hineinkommt. Das Publikum, das die jeunefse doree Berlins, Fremden aus der ganzen und schöne Damen aus der halben Welt aufweiseu kann, ist entzückt über den flotten Unsinn, den „Durchlaucht Radieschen", die Herrin von Ma- cedonien, deren Karriöre in Berlin ziemlich weit unten begann, und ihre Paladine in Spreelxckylon, ausführen. Und der Direktor ist es auch — wenn er Kasse macht nämlich! A. R. Vermischtes. * H a s e n m n t und T a u b e n l i e b e. Eine amüsante Hasengeschichte, die deutlich beweist, daß Lampe gar nicht so furchtsam ist, wie man sagt, erzählt Dr. Victor Hornung im Zoologischen Garten. Ein jung eingefangenes Häschen wurde danach in einen geräumigen Käfig zu Hühnern und Tauben gesetzt. Lampe lebte sich rasch ein, verzehrte sein Futter inmitten der Hühnerschar und inar bei allen Käsiggenossen wohlgelitten, „^sonderen Eindruck" hat er jedo-lh. auf einen „bejahrten" Haustänber gemacht, der schon vierzehn Sommer zählte. Hornung erzählt: „Täglich bestürmte dieser den kleinen Lampe unter lautem Gurren mit fächerartig ausgebreitetem Schwanz mit seinen Huldigungen, die aber wirkungslos an -dem Hasenherz abprallten. Der Hase ließ fidji nämlich nicht int mindesten beirren; gleichmütig verzehrte er seine Nahrung, hüpfte munter Wucher und hielt gemächlich sein Mittags- schläfchen ab, bis die Ovationen schließlich dem Auserwählten zu lästig wurden. Näherte sich' der Verwegene nun dem Häschen, so legte dieses zunächst die Löffel an den Kopf, setzte sich stolz auf die Hinterläufe, richtete sich hoch auf, verleugnete kühn Furchtsamkeit und Feigheit und trommelte lustig und energisch auf den Eindringling los, überrannte ihn sogar regelrecht und hatte so wenigstens kurze Zeit Ruhe. Der Täuber ließ sich jedoch trotz der „schlagenden Beweise" von der „Unnahbarkeit" des Häs- chens nicht abschrecken und verfolgte das Tierchen mit seiner 664 Redaktion: August Götz.— Rotationsdruck und L erlog der SE ritti’fd.en UniverfliötZ-Lnch-- und Cteindruckerei. R. Lange, Gießen. „Liebe" so hartnäckig, daß Hornung ihn schließlich ent- fernen mußte. Dies ist übrigens nicht der erste Täuber, von dem eine solche „Liebesirrung", berichtet wird. In seinen „Spielen der Tiere" erzählt Groß voll einem ebenfalls füllfzehnjährigen Täuber, der sein Herz an eine-- Bierflasche verlor. Auch dieser Patriarch des Taubenschlags brachte seiner „Auserwählten", die auf dem Schutthaufen im Hof lag, die verrücktesten Ovationen dar. Als der Glasscherben schließlich entfernt war — grämte sich der verliebte Täuber zu Tode. Es' scheint auch auf die Taubenherren das Wort zu passen: Alter schützt vor Torheit nicht. * 5) er verkannte Fernsprecher. In einer Metzgerei in Solingen, mit der auch Wirtschaft verbunden ist, erschien ein Bauer und bat, nachdem er ein Glas Bier bestellt und erhalten hatte, den Fernsprecher benützen zu dürfen, er wolle seinen Angehörigen, die in Witzhelden wohnen, etwas Eiliges mitteilen. In der bereitwilligsten Meise gestattet der Wirt die Benutzung des Telephons und entfernt sich, Nach einiger Zeit, während der Bauer mit Aufbietung aller Lungenkräfte vergeblich das Fernsprechamt um Verbindung angerufen hat, erscheint er wieder beim Wirt — der Fernsprecher befindet sich in einem Raum neben der Wirtschaft — und beschwert sich darüber, oaß er vom Amt keine Antwort erhalte. Der Wirt bittet ihn, den Versuch einmal zu wiederholen. Der Bauer dreht wutschnaubend noch einmal die Kurbel und ruft mit Don- nerstinime das Amt an. Der Wirt platzt bald vor Lachen, denn der Bauer hatte anstatt den Fernsprecher die im selben Raume stehende Wurst spritze für das Mikrophon ungesehen. Nachdem dem Alten Aufklärung gegeben war, kam auch das Amt auf den ersten Anruf. * Das Münchner Oktober fest. Ein Münchner Mehrer gab seinen Schülern auf, ihre Gedanken und Erinnerungen über das Oktoberfest selbständig, ohne vorherige Besprechungen niederzuschreiben. Einer dieser Aufsätze verdient weiteren Kreisen zugänglich bemacht zu werden ivegen der realistischen Färbung, bie ihm der zukünftige Münchner Wiesenbürger gegeben hat. Der Aufsatz ' lautet im Wortlaut: „Das Oktoberfest: Auf der Miesen ist ein Fest. Das ist das Oktvberfest, weil es nicht im Mai ist. Ich und der Vater und die Mutter waren auch dort. Mir waren beim ^'angschorschi. (Georg Lang, der die größte Dierhalle auf der Wiese hat.) Da haben sie gesungen, Feuerstaa, Feuerstaa, wennst koa hast, na kassier aa. An der Bude ist ein Ellenfand. Das ist eine Heschanerie. Auf der Wiesen kann man viele Assen sehen. In der Ausstellung sind Ochsen. Bei den Ochsen war auch der Vater. Ein Ochs ist nocy größer. Beim Bschorr hat der Vater einen Krug mitgenommen. Die Mutter hat gesagt, wir können ihn braugen. Bei der r.'otterrieh gibt! es Wurschteln. (Hanswurste: auf den Nieten). Die Mutter hat gesagt, von den Brathendeln wird man krank. Ich hab es aber schon geschbannt (gemerkt). Dann sind wir noch heimgegangen. Das Oktoberfest dauert kein Jahr. Tas ist schade." — Er wird ein „Schlaucherl" werden, dieser vorwitzige Küirps, denn er ist nicht ganz im Unrecht mit dem, was er „geschbannt" hat auf der Wiese. Literarisches. — Das „Illustrierte Jahrbuch, Kalender für 19 04", ist im Verlag von Rudolf Mo sse, Berlin, in seinen: 10. Jahrgange erschienen. Aus dem reichhaltigen Inhalt des Kalenders heben wir besonders hervor „Bürger- kunde", Ratgeber für Haus- und Grundeigentümer von C. Seidler; Die Haftpflicht, nach den Bestimmungen des bürgerlichen Gesetzbuches, von Stadtrat Julitz; Das Kinderschutz- Lesetz; Die neuen Bestimmungen des Krankenkassengesetzes. Ferner praktische Ratschläge für Haltung, Zucht und Verwertung des Nutzgeflügels, von Arthur Wulf, unter dem Titel: „Der Geflügelhof" mit 24 Abbildungen. Aber nicht allein praktisch nützliche und belehrende Artikel enthält das Jahrbuch in großer Menge, sondern auch der Unterhaltung ist in spannend geschriebenen Erzählungen, die mit zahlreichen künstlerisch schön ausgestatteten Bildern illustriert sind, in umfassender Weise Rechnung getragen. Bei der reichen nneren und äußeren Ausstattung — das ea. 350 Seiten Earke Buch enthalt über 150 Abbildungen sowie einenFarben- !>ruck und ist gebunden — ist der Preis von 1 Mk. gering. — Moderne Sittlichkeitsprobleme behandelt Jka Freudenberg in dem Novemberheft der Monatsschrift „Die Frau" (herausgegeben von Helene Lange, Verlag von W. Moeser, Berlin S.). Die Zeitschrift Bietet damit ihrem Leserkreis die Ausführungen, mit denen Frl. Freudenberg auf dem Kölner Frauentage weitgehendes Interesse erregt hat. Der Aufsatz beleuchtet vor allem das Verhältnis der Frauenbewegung zu den jüngst viel erörterten Fragen der freien Liebe und des Rechtes der Frau auf die Mutterschaft, und sieht ihre Aufgabe darin, diesen Strömungen gegenüber an der sittlich-soziologischen Bedeutung der Ehe festznhalten und durch die Hebung der geistigen Fähigkeiten der Frau sie in tieferem Sinn zur Gefährtin des Mannes zu machen. In derselben Richtung deutet ein Aufsatz im Oktoberheft die Lösung der Fragen an: „George Eliots und George Sands Frauenleben unter dem Gesichtspunkt moderner Probleme" von Adele Gerhard. Wir möchten außerdem auf die geistvollen Aphorismen von Isolde Kurz: Vom Weibe im Oktoberbeft und auf einen sozialpolitischen Artikel über die Arbertszeit der Fabrikarbeiterinnen von Dr. Elisabeth I a f f 6-Richt h o s e n, der Seren Badischen Gewerbeinspektorin, verweisen. Litera- -ästhetische Essays über Thomas Mann von Gertrud Bäumer, sowie über die von Göhre herausgegebenen außerdem hervorgehoben zu werden. Aus dem Anustseöen. (**) Frankfurt a. M. Im Kunst-Salon Hermes ist eine große Sonderausstellung von mehr als 60 Gemälden Anton Burgers, des Kronberger Altmeisters, veranstaltet. Außerdem enthält die Novemberausstellung eine Kollektion von acht Werken des Norwegen Erik We- renskjold, neue Werke von Lenba ch, H a n s T h o m a, Keller-Reutlingen, Eckenfelder, F. A. Kaulbach usw. Das neueDrama v o n Gerhar t Haup t m ann „Rose Bernd", Schauspiel in 5 Akten, ist soeben Bei S. Fischer, Verlag, Berlin in Buchform (Mk. 2,50 geh.) erschienen. Die Zeichnung des Titelblattes wurde von Carl Schriebe! entworfen. „S t ur m g e s e ll e Sokrates" in Load o n. Das Deutsche Theater in London eröffnete seine diesjährige Spielzeit mit der Aufführung des Sudermann'fchen Dramas „Sturmgeselle Sokrates". Das Publikum folgte der interessanten Darstellung mit großer Aufmerksamkeit, was aber nicht verhindern konnte, daß es doch offenbar hier und da an Verständnis mangelte, wie man aus den Bei- fallsbezeugungen ersehen konnte, die mehrere Male an hochernsten Stellen von Gelächter unterbrochen wurden. Tie englische Kritik weiß augenscheinlich auch nicht recht, was fie mit dem Stück mach er: soll und ist, so weit der Inhalt in Frage kommt, nicht ganz so wohlwollend wie bei früheren Gelegenheiten, von einigen Ausnahmen natürlich abgesehen. Bilderrätsel. ' On.ir. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Pyramidenrätsels in vor. Nr.: S E s A s e Same Selma Anselm