Montag den 7. September. l^lPrnli • lr »*" Infi n Ä^WOST-R! E l003. — Nr. 133, t - d) I , A ex 41 flWnTi iy Sx W ßife (Nachdruck verboten.) Schloß Ofterno. Roman von S. M e r r i m a n. (Fortsetzung.) In den unerschütterlichen, steinernen Mauern des Schlosses befanden sich nur drei Ausgänge; das große Einfahrtstor, ein Seitenpförtchen, das bei starken Schneefällen in Verwendung kam, und ein kleines, heimliches Türchen, das der Starost gewöhnlich benutzte, wenn er mit seinem Herrn sprechen wollte. Einen Augenblick standen die beiden Männer auf dem obersten Treppenabsatz und lauschten in den wilden Lärm hinaus. Sie waren gerade im Begriff, hinunterzugehen, als ein durchdringendes Kreischen, das sofort von einem gellenden Triumphgeschrei übertönt wurde, die im Innern des Schlosses herrschende Stille unterbrach, Dann trat eine kurze Pause ein, auf die ein abermaliges Aufkreischen folgte. „Sie sind drin", sagte Steinmetz. „Das Seitenpförtchen —" Und die beiden Männer sahen einander mit weitauf- gerissenen Augen verständnisvoll an. Während sie nun der breiten Treppe zuliefen, ertönte aus den entfernteren Korridoren das Getrappel unzähliger Füße und zorniges Gebrüll. In den Dienerwohnungen schien eine Hölle losgelassen zu sein. Der Lärm kam näher. „Hinauf", sagte Paul, und sie liefen nebeneinander die breite Treppe hinan. Dann blieben sie stehen und warteten. Im nächsten Augenblick waren die Türen aufgebrochen und eine tobende Masse von Männern und Weibern, eine wahre Kloake der Menschheit, strömte in das Vestibül. Ein Wutgeheul bewies, daß sie den Fürsten erkannt hatten. „Sie sind rasend", flüsterte Steinmetz, als die Menge wie toll auf die Treppe zudrängte; man sah Stahl aufblitzen, wilde Gesichter blickten empor, verzerrte Lippen brüllten Haß und Mord. „Ich will es versuchen, — vielleicht hält er sie auf", sagte Steinmetz. Er streckte gelassen den Arm aus, ein lauter Knall, ein kleines Rauchwölkchen, das zum vergoldeten Plafond emporfchoß, — dann stand die Menge für einen kurzen Augenblick still und betrachtete einen der Anführer, der etwa sechs Stufen vom Boden entfernt auf dem Rückeu lag. Ter Mann wälzte sich, die Händ auf die Brust drückend, schwelgend umher, und die Menge schaute wie versteiuert zu. Er hielt die Hand empor und sah sie mit wunderlicher Verblüffung an. Das Blut strömte von den Fingern herab. Tann fuhr sein Kinn in die Höhe, als packe ihn jemand beim Nacken; er drehte süchj hangsam um sich selbst rollte die Treppe hinunter. Nun erhob Paul die Stimme. „Hört", rief er, aber er kam nicht weiter, denn aus dem Hintergründe, über die Köpfe der anderen hinweg, wurde eiu Schuß auf ihu abgegeben. Aber er traf ihn nicht, lrnd die Kugel bohrte sich in die Wand. Gellendes, haßerfülltes Geschrei erhob sich, und alles drängte der Treppe zu; aber der Anblick der zwei Revolver hielt die Menge ein paar Augenblicke wieder fest. Die im Vordergründe Stehenden drängten zurück, während die Schreier im sicheren Hintergründe die anderen mit Worten und Gebärden vorwärts trieben. Zwei einzelne Männer hielten hundert andere in Schach. „Was wollt ihr?" rief Paul. „Ich werde warten!" schrie er in der nächsten Pause. „Wir haben Zeit genug, — wenu ihr euich müde geschrieeU habt." Einige fingen an, ihm auseinanderzusetzen, was sie von ihm ivollten. Es war die alte Geschichte, und Paul erkannte aus dem Stimmengebrause die abgeleierten Argumente der berufsmäßigen Agitatoren, den Ruf „Gleichheit, Gleichheit", während doch die Menschen offenbar zur Ungleichheit geschaffen sind. „Aufgepaßt", rief er, „ich glaube, sie machen Sturm." Die im Vordergründe Stehenden rückten ans die Treppe zu, während die dichtgedrängte Menge im Hintergründe miteinander stritt. In den Korridoren dahinter ertönte gellendes Geschrei und Kreischen, dessen wilder Klang Steinmetz bekannt war. Er hatte die Kommune mitgemacht. „Die Kerls da hinten haben jemanden umgebracht, das erkeuue ich an ihrer Stimme!" rief er Paul zu. „Der Anblick des Blutes hat sie berauscht." Jetzt gewann ein neuer Redner das Ohr des Pöbels, und die schlechtgekämmten Köpfe schwankten hin und her. „Es nützt euch nichts, wenn ihr ihm sagt, was ihr wollt", schrie er. „Er wird es euch doch nicht geben. Nehmt es euch selber, nehmt es euch selber, Väterchen, das ist der einzige Ausweg." Steinmetz hob den Arm und schaute nach dem Redner aus; die Stimme verstummte sofort. In diesem Augenblick wurde jedoch das gellende Geschrei stärker, und aus der Tür, die zu den Diener- Wohnungen führte, ergoß sich ein Strom von blutbefleckten zerlumpten, ivütenden Menschen. Älle schwenkten Waffen nnd Ackergeräte über dem Kopf. „Nieder mit den Aristokraten, bringt sie um, bringt sie um!" kreischte« sie. Ein paar Schüsse regten sie noch mehr auf, aber der Branutivein macht keine sichere Hand, und Paul blieb unverletzt, indem er, wie er gesagt hatte, nbwartete, bis sie sich müde geschrieen hätten 530 „Jetzt fort!" schrie Steinmetz ihm auf französisch zu. „Oben auf der Treppe können wir uns noch einmal verteidigen, dann in der Tür und dann —" er zuckte die Achseln. „Tann ist das Ende da", fügte er hinzu, während sie, langsam rückwärts schreitend, Stufe für Stufe die Treppe hinanstiegen. „Teurer Freund, vor der Tür müssen wir anfaugen, ans sie zu schießen", fuhr er fort. „Das ist unsere einzige Rettung. Außerdem ist es unsere Pflicht gegen die Damen." „Es gibt noch einen Ausweg", antwortete Paul. „Den Doktor ans Moskau?" „3 a." „Vielleicht hilft das; sie sind gerade in der Stimmung." Die Neuhinzugekommenen, die immer nach vorwärts drängten, waren die Gefährlichsten, und es konnte kein Zweifel sein, daß sie, sobald sie die dichtgedrängte Menge durchbrechen konnten, die Treppe hinaustürmen würden, selbst wenn auf sie geschossen wurde. Ein starker Branntweingeruch, vermischt mit der ekelhaften Ausdünstung schmutziger Kleider, stieg aus der erhitzten Atmosphäre empor. „Rasch legen Sie Ihre Verkleidung an", sagte Steinmetz. „Ich kann sie ein paar Minuten zurückhalten." Es war keine Zeit zu verlieren. Paul eilte davon, während Steinmetz mit dem Revolver in der Hand allein auf dem obersten Älbsatze der Prunktreppe stehen blieb. Nelly war irrt Salon allein. „Wo ist Etta?" fragte der Fürst. „Sie ist vor einiger Zeit hinausgegangen." „Ich befahl ihr doch, hier zu bleiben." Nelly antwortete nicht darauf; sie sah ihn ängstlich forschend an. „Hat man auf Sie geschossen?" fragte sie. „Ja, aber sie haben mich nicht getroffen", antwortete er mit einem leisen Lachen, während er weitereilte. Ein paar Minuten später erschieir er, ganz verändert, in den groben, fleckigen Kleidern des Moskauer Doktors wieder im Salon. Der Lärm auf der Treppe ivurde lauter, Steinmetz erschien bereits in der Tür. Er schoß vorsichtig, indem er seine Leute auswählte. Paul schleppte mit kraftvoller Hand ein paar schwere Möbelstücke in das Zimmer hinein, um eine Art von Barrikade zu bauen; damr deutete er Nelly den Platz an, wo sie sich aufstellen sollte. „Fertig!" schrie er Steinmetz zu. „Herein!" Der Intendant stürzte ins Zimmer, und Paul schloß die Barrikade. Der Pöbel strömte kreischend und schreiend, blutbefleckt, rasend vor Mordlust zur offenen Tür herein und staute sich vor der Barrikade. Dort blieb er stehen und starrte Paul blöde an. „Der Doktor aus Moskau! Der Doktor aus Moskau!" gitlg es von Mund zu Mund. Die Weiber waren es, die am lautesten schrieen, und wie der Wind durch den Wald streicht, so fuhr der Ruf aus dein Zimmer die Treppe hinab. Die Hinaufkommenden drangen weiter und wiederholten die Worte. Das Zimmer war zum Ersticken voll. „Ja, der Doktor aus Moskau — euer Fürst!" schrie Steinmetz, so laut er konnte. Er wußte, welchen Ton er anzuschlagen hatte, und tat es mit unfehlbarer Sicherheit. Im nächsten Augenblick war die Barrikade fortgerissen, und die Bauern stürzten vorwärts, indem sie auf die Küie fielen, Pauls Füße, den Saunt seines Rockes küßten und seine Hände ergriffen. Es ioar eine große Ernte. Was in das Herz des Volkes gesaet wird, trägt zuletzt tausendfältig. „Schaffen Sie sie hinaus, — öffnen Sie das große Tor", sagte Paul Steinmetz. Er stand mit kaltem, ernstem Gesicht unbeweglich da. Ein paar Männer, die Anführer, die Schwätzer aus der Stadt, schlichen bereits aus der Tür; sie fürchteten bei dein Umschwung der Gefühle für ihren Kopf. Steinmetz trieb sie hinaus und hieß sie ihre Toteit mitnehmen. Hinter deir Vorhängen lugten bleiche Gesichter hervor, und einige Diener kämen wieder zum Vorschein. Als der letzte Bauer die Schwelle überschritten hatte, liefen lie herbei, um das große Tor zu schließen und zu verrammeln. „Nein, läßt es offen!" rief Paul vom obersten Treppenabsatz aus. G.,,®° .das große Tor trotzig offen stehen. Die L.tll)ter im Schlosse flammten ins Dorf hinunter, während die Bauern niedergeschlagen ins Dorf zurückschlichen. Sie blickten beschämt empor, wußten aber nicht, was sie sagen sollten. Steinmetz stand im Salon und sah Paul mit resignier- tein, halb humoristischem Ausdruck an. „Das hing an ein em Haare, mein Lieber", sagte er. „Ja, und jetzt ist es für uns mit Rußland aus", antwortete der Fürst. Er schritt auf die Tür zu, die zum alten Schlosse hiuüberführte. „Ich will mich nach Etta umsehen", setzte er hinzu. „Und ich will Nachsehen, >ver das Seitenpförtchen ge- ösfnet hat", antwortete Steinmetz, indem er dem anderen Ausgange zuschritt. 41. Kapitel. Hinter dem Schleier. „Wollen Sie mitkommen", wandte sich Paul zu Nelly. „Ich werde deu Dienern Befehl geben, diefes Zimmer ivieder in Ordnung zu bringen." Nelly folgte ihm und sie gingen miteinander durch die Korridore, indem sie von Zeit zu Zeit Ettas Namen riefen. In den Räumen des alten Schlosses herrschten Dunkelheit und Kälte; die Umrisse der großen Steine, die sich leicht unter der Tapete abzeichneten, erinnern seltsam an eine Festung. „Etta hat wohl den Mut verloren", sagte Paul. „Ja, das glaube ich auch", antwortete Nelly in unsicherem Tone. Paul schritt, eine Lampe in der Hand haltend, weiter. „Wir werden sie wahrscheinlich in einem dieser Zimmer finden", fuhr er fort. „In den vielen Korridoren, auf den vielen Treppen kann man sich leicht verirren." Sie kamen jetzt durch das große Rauchzimmer mit den Jagdtrophäen. Der Luchs, der Claude von Chaux- ville so ähnlich sah, grinste sie finster an. Als sie die Hälfte der Treppe, die zum Seitenpförtchen führte, hinabgestiegen waren, kant ihnen Steinmetz hastig entgegen. Sein Gesicht sah bleich und fchreckverzerrt aus. „Gehen Sie nicht weiter", sagte er mit heiserer Stimme, indem er ihnen in den Weg trat. „Warum nicht?" „Gehen Sie wieder hinauf", stammelte Steinmetz atemlos. „Da hinunter dürfen Sie nicht." Paul legte die Hand auf den starken Arm, den der Intendant ihm entgegenstreckte; einen Augenblick sah es aus, als gäbe es einen Kämpf, dann trat der Intendant beiseite. „Ich bitte Sie, gehen Sie nicht hinunter", murmelte er. Aber Paul schritt weiter; Steinmetz folgte ihm, hinter ihnen ging Nelly. Am Fuße der Treppe zweigte ein breiter Korridor nach dem Seitenpförtchen ab, von dort mündeten andere Korridore in die Dienerwohnungen und führten durch die Küchen in den modernen Schloßflügel. Die Tür, die zu dem grasbewachsenen Abhänge hinter dem Schlosse führte, stand augenscheinlich offen, denn ein kalter Winter strich durch das Treppenhaus und ließ die Lampen flackern. Am Ende des Korridors blieb Panl stehen. Steinmetz stand ein paar Schritte hinter ihm und hielt Nelly zurück. Die zwei Lampen erhellten den Korridor und zeigten die weiße Gestalt der Fürstin Alexis, die zusammengekanert dicht an der Maner lag. Das Gesicht war verborgen, aber das schöne Kleid, das herrliche Haar waren nicht zu verkennen. Es konnte niemand sein als Etta. Panl bückte sich nnb sah sie an, berührte sie jedoch nicht. Er tat ein paar Schritte und schloß die Tür. Hinter Etta, quer über den Korridor lag eine schwarze, zertretene, entstellte Gestalt. Paul senkte die Lampe, und Claude von Chauxvilles fein geschnittene Züge zeichneten sich in Kot und Blnt deutlich ab. Der Strom der rasenden Bauern, den Steinmetz am Fuße der Treppe, aufgeyalten hatte, indem er ihren Anführer erschoß, hatte ihn zertreten. Der Schädel war von einem Schlage gespalten, den er wahrscheinlich von einem Spaten oder einem sonstigen stumpfen Instrument erhalten hatte; die Hand hielt noch eilten Revolver, der andere Arm streckte sich nach Etta aus, die dicht an der Mauer quer Wer feinen Füßen lag. Der Tod traf sie, als sie ihren gesenkten Kopf mit Erhobenen Händen furchtsam vor einem Schlage schützen wollte; ihr gelöstes Haar fiel in einer langen, goldenen Woge über 531 die blutige Hand, die sich nach ihr ausstreckte. Sie kauerte in Chauxvilles Mut, das den steinernen Boden des Korridors bedeckte. Paul bückte sich und legte den Finger auf ihren nackten Arm, gerade oberhalb des Bracelets, das im Lampenlichte schimmerte. Sie war tot. Er hielt die Lampe dicht an ihr Gesicht. Der Schlag, der ihr Haar herabriß, hatte sie getötet, ohne sie im geringsten zu entstellen. Die seidene Schleppe ihres Kleides, die sich im Korridor ausbreitete, war von hundert schmutzigen Füßen zertrampelt und befleckt worden. Dann trat Paul auf Claude von Chauxville zu, bückte sich ebenfalls und schob seine geschickten Finger unter den zerrissenen, kotbefleckten Rock. Auch hier war der Tod eingetreten. Paul richtete sich auf und sah die beiden an, die schweigend, bewegungslos, mit für immer verschlossenen Lippen vor ihm lagen. Nun trat er zu der Tür, die aus vier Zoll dickem, altem Eichenholz bestand, und untersuchte sie. Der Riegel, das Schloß, die Angeln waren unversehrt: die Tür war von innen geöffnet worden. Er sah sich langsam um und maß die Entfernung. „Was bedeutet das?" wandte er sich endlich mit dumpfer Stimme zu Steinmetz. Nelly zuckte bei dem Klange zusammen. Ter Intendant antwortete nicht sogleich, sondern zögerte wie einer, der Worte abwägen will, die die Hörer nie vergessen werden. „Es ist mir ganz klar, daß der Baron den Tod fand, indem er sie zu retten suchte", sagte er mit leiser, gütiger Stimme. „Alles übrige kann bloß erraten werden." Nelly war näher getreten und stand jetzt neben ihm. „Ich glaube, daß Baron Chauxville die treibende Kraft des ganzen Aufstandes war", fuhr er uach einer kleinen Pause fort, da beide schwiegen. „Er war sein ganzes Leben lang eine der Sturmmöven der Diplomatie. Wo er erschien, entstand Unheil. Es gelang ihm, die Fürstin derart unter seine Herrschaft zu bringen, daß er sie zum Gehorsam zwingen konnte; die Mittel, die er dabei anwandte, waren Drohungen. Es lag in seiner Macht, Unheil zu stiften, und bei solchen Gelegenheiten ist eine Frau so hilflos, daß wir ihr das, was sie in einem Augenblick des Entsetzens tun mag, verzeihen können. Er schüchterte die arme Frau derart ein, daß sie seinem Befehl, die Türe zu öffnen, gehorchte. Vor dem Diner, als wir uns alle im Salon befanden, bemerkte ich auf dem weißseidenen Rocke ihres Kleides eine leichte Staubspnr. Aber damals dachte ich nur, daß ihre Kämmer- junfer nachlässig gewesen sei, — haben Sie es vielleicht auch bemerkt, gnädiges Fräulein? Damen fallen derartige Dinge eher auf." Nelly nickte stumm mit dem Kopfe. „Es war der Stäup dieser alten Korridore", fuhr er fort. „Sie war hier und hat diese Tür geöffnet." Er zuckte resigniert die Achseln, dann hielt er mit einer wunderlichen Gebärde die Hand über die zwei bewegungslosen Gestalten, als bäte er stumm, daß ihnen vergeben werden möge. (Schluß folgt.) Der Doppelgänger des Einjährigen. Mauöverhumoreske vou F. Clemens. (Nachdruck verboten.) Hurra! Da kommen sie! Trompeten schmettern, Trommeln rasseln; Helme und Waffen blitzen im Abendsonnenglanz, rhythmisch erdröhnt der Boden vom Stampfen der Pferde. Erst verraten sie sich nur dem Ohr, dann auch dem Auge — nun sind sie da, staub- und schweißbedeckt, rothglühend und sonnengebräunt sehen sie mehr wie Indianer denn als Europäer aus. Gott sei Tank, der Rastort ist für heute erreicht, in den Häusern der begeisterten Dörfler winkt Labung und Ruhe, und ein frisches Faß Bier ward in der Schenke schon fürsorglich angesteckt. Abgesessen — rührt Euch! Die Quartierbillets werden ausgeteilt, die Kinder der Quartiergeber stehen zur Abholung und Führung bereit. Vergessen ist die Anstrengung des Tages, man erblickt überall nur schmunzelnde Gesichter, leuchtende Augen. Nur der Einjährige Kurt Möllhof schaut etwas nachdenklich in die Welt. Eine Stunde vom Dorf entfernt liegt das Rittergut Tiefthal, die Tochter des Besitzers teilt mit ihm das Geheimnis der Minne, Vater und Mutter stellen sich, als wüßten sie nichts davon, aber das ist pure Heuchelei, nur geübt, um den Kindern den Spaß nicht zn verderben, und weil sie im Grunde nichts dagegen haben. Wie hat er sich während des ganzen Manövers auf das Quartier in dieser Gegend gefreut! Für einen Abend, hoffte er, einige Stunden süßen Wiedersehens herans- zuschlagen — und nun muß der Oberst gerade einen Regimentsbefehl erlassen, daß niemand für heute und die nächsten drei Tage Urlaub erhalten darf, zur Strafe für eine mißglückte Attacke! Trübsinnig saß er im Quartier beim Abendbrot; vrll Mißmut richtete er seine Blicke nach dem Fenster — da flammte plötzlich ein Strahl in ihnen auf, der sein Antlitz mit neuer Hoffnung verklärte. Tas Haus, in dem er wohnte, war das letzte des Dorf s — die Dunkelheit brach bereits herein, in einer halben Stunde mußte es finster sein — einer der Wege nach Ti:f- thal lief einsam und verborgen am Bache entlang — rin Appell, ein Alarm oder eine sonstige unliebsame Störung stand für heute oder wenigstens für die nächsten Stunden sicherlich nicht in Aussicht — auf das Schweigen seine? treuen Burschen, eines gutmütigen Bayer, konnte er sich verlass: n. Was hinderte ihn, heimlich zu tun, was ihm offiziell nicht verstattet wurde? Seine Kameraden hatten schon ganz andere Streiche ausgeführt. Ohne Zögern weihte er seinen Burschen in das Geheimnis ein. Fragte jemand nach ihm, sollte .Huber, der Bursche, sagen, er habe heftige Zahnschmerzen und liege im Bett. Huber sollte vorher schon Kurts Pferd nach dem Flusse hinführen, sobald es dunkel genug war, stieg der Einjährige dann zum Fenster seines Zimmers hinaus, schlich zum Garten, überstieg den niedrigen Zaun und befand sich im Freien. Dann noch ein paar Hundert Schritte durch die Obstplantage zum Flusse hinunter, auf das Pferd geschwungen, und hui, wie der Blitz, auf und davon nach Tiefthal — der Plan war einfach und konnte nicht mißglücken. Und in der Tat — alles gelang über Erwarten! Gerade als es neun schlug, sank Kurt in die Arme seiner aufjauchzenden Geliebten! Auch die Eltern, Baron von Welsen und Frau, hießen ihn freundlich willkommen, und gemütlich plaudernd saß man auf dem großen weinumrankten Balkon der ersten Etage. Da klang plötzlich von unten eine volle tiefe Männerstimme herauf: „Ter Herr Baron ist doch zu Hause?" „Alle Götter", rief erbleichend her Besucher, „das ist die Stimme meines Obersten!" Richtig — der weitere Fortgang des Gespräches unten im Vorgarten ließ keine Zweifel der Tatsache! Kurt Möllhof bebte. „Wer hätte denken können, daß der hier her kommen würde?" „Es ist ein alter Freund von mir", erklärte der Baron. „Sie sind wohl ohne Urlaub hier?" „Allerdings — und der Herr Oberst kennt in Fragen der Subordination kein Erbarmen! Ich falle gründlich hinein, wenn er mich hier entdeckt. Liebste Olga, sei so gut, und zeige mir den Weg ans diesem Zimmer, auf dem ich ihm nicht begegne." Alle waren ausgestanden und in das Zimmer getreten. Ter Baron hatte leise die Tür geöffnet. „Hier können Sie nicht mehr hinaus — rasch, Kurt, in das Gemach dort — verbergen Sie sich dort, bis der Oberst wieder fort ist" Kurt Möllhof folgte schleunigst dem Wink. Es war die höchste Zeit — Oberst von Bardelftein trat eben herein und begrüßte aufs herzlichste den alten Freund und dessen Familie. „Ich habe nicht viel Zeit", äußerte er, indem er Platz nahm, „ich gedenke heute abend noch durch plötzlichen Alarm nicht nur die Wachsamkeit meiner Leute auf die Probe zu' stellen, sondern auch zu ergründen, ob keiner ausgerissen ist." Kurt stand an der nur angelehnten Tür und hörte jede? Wort. Der Arme erschrak nicht wenig, als er von der Ab sich des Obersten hörte. Ta galt es, sofort nach Hause zurück zukehren. Doch vergebens sah er sich beim Schein einet Wachsstreichhölzchens — denn es war stockdunkel in dem Räume — nach einer zweiten Tür um. Das Gemach besatz 532 leine, der einzige Ausgang war nach dem Balkonzimmer, in dem der Oberst beim Glase Burgunder saß. Was aber das schlimmste ivar — es gab auch kein Fenster — er befand si-ch in einem bloßen Alkoven, der als Rumpelkammer benutzt wurde. Und durch das Balkonzimmer konnte er sich nicht wagen, der Oberst drehte der Tür seines Aufenthalts gerade das Gesicht zu. Was nun anfangen? Fort mußte er — brach der Oberst vor ihm auf, so war er verloreu — ersterer konnte die bequeme Hauptstraße reiten, auf welcher er das Quartier in der Hälfte der Zeit erreichte, wie sein Untergebener. Weißt Du keinen Rat, mein Lieb?" wandte er sich mit Angstschweiß auf der Stirn an Olga, die nach ihm Umschau zu halten kam. „Ich zerbreche mir umsonst den Kopf, Kurt, —• ich will hinunter und einmal mit dem alten Christian reden. Der ist aller Ränke und Schwänke voll." „Thu' das — aber es ist Gefahr im Verzüge, mein Herz — wenn ich nur vor allen Dingen hier heraus wäre — solch ein Pech, gerade in eine solche Sackgasse, in ein Gefängnis zu geraten!" „Wenn ich Dir nun Kleider von Hermann schickte? Er ist doch fast von Deiner Figur^ rief Olga nach kurzer Ueberlegung. „Wozu das?" „Du ziehst sie an, bindest noch ein Tuch um den Kopf, als hättest Du Zahnschmerzen und gehst keck an dem alten Haudegen vorüber —" „Und wenn er mich trotzdem erkennt?" „Wir stellen Dich als Deinen Bruder vor, der gerade zu Besuch ist — Ihr seid nur ein Jahr auseinander und Euch sehr ähnlich. Den Eltern gebe ich schon einen Wink. Deine Uniforin packen wir in dasselbe Paket, in welchem ich Dir meines Bruders Zivilkleider sende — der Bote trägt sie vorher unbemerkt hinaus." Kurt dachte einige Sekunden nach. Es blieb ihm nichts anders übrig. Olga ging; zehn Minuten später erschien ein Knecht mit einer Kiste im Gemach, worin sich der in Aussicht gestellte Zivilanzug befand. Kürt schlüpfte rasch aus seiner Uniform in die gebrachten Kleider, der Knecht warf die Uniformstücke in die Kiste, klappte den Deckel zu und bewerkstelligte durch das Balkonzimmer seine Rückkehr. Auch das weißseidene Tuch war nicht vergessen, das sich der junge Mann um die Wange wand, er zog es so dicht vor Nase und Augen, als die Wahrscheinlichkeit der Maskerade nur immer gestattete. Nun nahte der entscheidende, inhaltschwere Moment! Eine möglichst klägliche Miene anuehmend, öffnete Kürt entschlossen die Tür, schritt kühn durch das Zimmer und wollte mit einer flüchtigen Verbeugung an dem Oberst vorbeischlüpfen, als dieser, dessen Adlerauge trotz der Verhüllung eine Aehnlichkeit herausgefunden haben mochte, ihn mit den Worten zurückhielt: „Na, was fehlt Jhuen denn — aber das ist doch nicht Hermann, lieber Baron?" Was blieb nun Kurt übrig, als stehen zu bleiben und der Vorstellung stand zu halten? Zum Glück war der Baron von seiner Tochter schon herausgewinkt und instruiert worden. „Nein, es ist nicht Hermann", erwiderte er nachlässig, „sondern der Sohn eines alten Freundes — er ist seit gestern bei uns zu Besuch und wurde leider heute morgen von heftigen Zahnschmerzen befallen, die absolut nicht wieder weichen wollen. Als Besuch kam, genierte er sich und zog sich zurück — Sie wollen wohl Ihr Lager auf- suchen, fieber Möllhof?" „Ja", antwortete Kürt mit möglichst veränderter Stimme. „Herr Guido Möllhof", stellte der Baron bor. „Herr Oberst von Bardelstein — Du kennst ja die Familie wohl auch, lieber Bardelstein? Der Bruder steht in Deinem * Regiment als Einjähriger." Es kam dem Baron hart an, diese Notlüge vom Stapel zu lassen, eiuerseits konnte er aber den jungen Manu nicht in der Not im Stiche lassen, anderseits lief seiner Meiuung nach die Sache auch mehr auf einen lustigen Soldatenstreich hinaus. (Schluß folgt.) Ltterarsfchss. — Die neueste Nuiümer (35) der „F r eist a t t" (Kritische Wochenschrift für Politik, Literatur und Kunst) dürfte diesmal ganz besonderes Interesse erregen. Gleich der schneidige Leitartikel von Dr. I. Johannsen, der sich in Süddeutschland als Vorkämpfer der jungliberalen Bewegung einen Namen gemacht hat, ist sowoohl in Bezug auf Gedankengehalt wie Form gleich vortrefflich. Er ist betitelt „Ein! inneres Sedan" und weist auf neue Ziele und Wege des Liberalismus hin. Dr. Max Prager schildert in einem Aufsatz „Präsident Roosevelt und die amerikanischen Frauen" Roosevelts Stellung zur Frauenfrage. Eine entzückende und doch 'wieder tief ergreifende Novelle „Das Modell" steuert der in Hessen allgemein bekannte Darmstädter Dichter Wi l h e l m H o l z a m e r bei. Weiter enthält die Nummer Gedichte von R. Schaukal und Andreas Königsbauer. Ludwig Thomas (Peter Schle- mihls) 'künstlerische Persönlichkeit erfährt eine eingehende Würdigung durch Wilhelm Michel, nüd Otto Grautoff befaßt sich in einem längeren Essay mit der diesjährigen Kunstausstellung im Münchener Glaspalast. Ein reichhaltiger kleiner Teil vervollständigt den wertvollen Inhalt dieser Nummer, die von dem kräftigen Aufschwung der jungen mutigen Zeitschrift wieder beredtes Zeugnis ablegt. Attttst imfe Wissenschaft. — DeutscheSchillerstistung. Nach dem soeben ans- gegebenen 48. Jahresbericht über Stand und Wirksamkeit der deutschen SchiNerstistnng sind im verflossenen Jahre von dieser Stistuna im ganzen 53 587 Mk. ausaegeben worden, darunter an lebenslänglichen Pensionen 17 020 Mk. Letztere erhielten u. et. die Witwe v. Roderich Benedix in Leipzig, Fr. v. Bodenstedts Wirme in Wiesbaden (f 1902), Jrsr. Maria v. Eichendorff in Wischoivitz, Gutzkows Witwe in Franksnrt a. M., Jul. Hammers Witwe in Pillnitz, Bürgers Enkelin Frau Emilie Auguste vertv. Köhler in Leipzig, Dr. Hermann v.Lingg in München, Otto Ludwigs Witwe in Dresden, E. Mörikes Witive in Neu-Ulm, Dr. Wilhelm Raabe in Braunschweig, Fräulein Antoinette Roquette in D a r m st a d t, Rückerts Tochter Fräulein 9)1. Rückert in Nerffetz, Ferd. v. Saar in Wien, Dr. Robert Schtveichel in Berlin. An vorübergehenden, auf ein oder nrehrere Jahre bewilligten Pensionen wurden 28 550 Mk. ausgegeben, darunter an Justmns Kerners Enkelin Fran Helene Fischer geb. Niethammer in Pittsburgh, Frau Hosrat Dr. Julius Grosse in Berlin, Frau Marte Herrig m Braunschweig, Frau Ennna Herwegh in Paris, Proseffor Kinkels Hinterbliebene in Berlin, Detlev Freiherr von Liliencron m Berlin, E. Palleskes Enkel in Thal als Erziehungsbeitrag, Frau Hulda Edle v. Sacher-M n s o ch in L i n d h e i m (O b e rh es s en), Frau Herinine Telman geb. Freiin v. Preuschen m Rom. Einmalige Verrvilligungen witrden im Betrage von 6917 Mk. gewahrt, darunter an Dr. Julius Lohmeyer in Charlottenbura. Aus der v. Holteislistung erhielt 500 Mk. Hermann Frey gen. Martin Greis m München. Die ditrch den Tod Jultus Grosses erledigte Stelle des Generalsekretärs der Stistmig ist dem Novellisten Dr. Hans Hoffmann übertragen worden. An sürstlichen Zuwendungen erhielt die Stistung im vergangenen Jahre ivicder 1000 Mk. vom deutschen Kaiser, 500 . Gulden vom Kaiser von Oesterreich, 7d0 Mk. vom Großherzog von Sachsen-Weimar und eine Gabe vom Groff« Herzog von Hessen. Bilderrätsel. (Nachbildung verboten.) «Auflösung in nächster Nummer.) Aitflösung der Kreuzcharade in vor. Nr.: Alma, Degen, Algen, Made, Magen. De gen Redaktion: August Göst. — Rowtionsdruck und Berlaa der Briil l'schen Unirerstlvts-Bn»- und Steindrnckerei. R. Lange, Gießen.