Ur. 116 1903 Freitag den 7. August. B' MH Kjfij WA ir^i'^DW'UzrW^ !L! (Nachdruck verboten.) Schloß Osterno. Roman von S. M e r r i m a n. (Fortsetzung.) Er war es, der zuerst sprach. „Frau Fürstin, wenn Sie meine Freundschaft wirklich wünschen, so gehört sie Ihnen", sagte er. „Ich mache Sie jedoch im voraus darauf aufmerksam, daß sie keine Nippsache ist. Da wird es keine Komplimente, keine hübschen Redensarten, keine Blumenspenden gebe!n, sondern alles wird solid und altmodisch sein, wie ich es selber bin." „Sie glauben wohl, daß ich nichts anderes wert bin, als hübsche Reden, Komplimente und Blumen?" antwortete sie mit gezwungenem Lachen, indem sie trotzig, herausfordernd zu ihm aufblickte. Er erwiderte den Blick ruhig; ihre Schönheit im Rahmen der glänzenden Toilette und der kostbaren Möbel, der reichen Beleuchtung, der Blumen, blendete ihn nicht. „Ja", sagte er gelassen. „Und doch bieten Sie mir Ihre Freundschaft?" Er verneigte sich bejahend. „Warum?" „Um Pauls willen, Fürstin." Sie wendete fto), achselzuckend von ihm ab. „Der Zufall will es, daß ich ebenfalls Panls wegen mir die Mühe nahm, mit Ihnen über diese Sache zu sprechen; denn ich will ihn nicht länger mit derartigen kleinen häuslichen Angelegenheiten belästigen. Da wir unter demselben Dache leben sollen, würde ich Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie Ihre Abneigung gegen mich auf jeden Fall verbergen wollten." Er verbeugte sich ernst und schweigend. Etta starrte mit fieberhaft geröteten Wangen ins Feuer, bis die Tür sich öffnete und Nell Yins Zimmer trat. Steinmetz ging ihr mit seinem ernsten Lächeln entgegen, während Etta ihr plötzlich so furchtbar verstörtes Gesicht verbarg. „ Nelly betrachtete sie mit regem Interesse, denn das Verhältnis zwischen diesen beiden hatte sie in der letzten Zeit stutzig gemacht. „Wie gefällt Ihnen Petersburg?" fragte Steinmetz. r" .s hat mich nicht enttäuscht", antwortete sie. „Ich brn mcht ftö» blasiert wie Etta, und alles interessiert mrch." 11 „Wir sprachen eben von Petersburg", sagte Stein- tlteAo1,bem er einen Stuhl heranschob. „Der Frau Fürstin gefallt es mcht, sie klagt über Nerven." '(?eEN?" rief Nelly, indem sie sich zu ihrer Cou- U"e wandte. ,,^ch habe uoch nie bemerkt, dalß Du nervös bist. Etta lächelte etwas müde. „Ja, mail weiß nie, was das Alter mit sich bringt", antwortete sie, sich zur Heiterkeit zwingend. „Ich habe heute früh ein gralles Haar entdeckt; Du weißt, ich werde bald 33 Jahre alt." „Ich bin heute vormittag mit Paul Schlitten gefahren", erzählte Nelly in ihrem heiteren, harmlosen Ton. „Es war sehr schön; die Polizisten in ihren kleinen Häuschen an den Straßenecken, die Ofsiziere in ihren großen Pelzen, die Kutscher, kurz, alles hat mir sehr gefallen. Die Leute haben so etwas Geheimnisvolles an sich, und man kann sich leicht vorstellen, daß sie etwas anderes sind, als sie scheinen. Paul, Etta, selbst Sie, Herr Steinmetz, sind vielleicht etwas ganz anderes, als Sie scheinen." „Sehr möglich", antwortete Steinmetz lachend. „Sie sind vielleicht ein Nihilist und halten Bomben in Ihrem Aermel verborgen, wechseln vielleicht mit den Vorübergehenden auf der Straße geheimnisvolle Erkennungsworte, kurz, sind vielleicht viel weniger unschuldig, als Sie aussehen/' „Das alles ist möglich." „Vielleicht haben Sie gar einen Revolver in der Tasche Ihres Gehrockes versteckt?" fuhr Nelly fort, indem sie mit dem Fächer auf dieses umfangreiche Kleidungsstück deutete. Er fuhr mit der Hand in die bezeichnete Tasche und hielt ihr einen kleinen, silberbeschlagenen Revolver entgegen. „Auch das ist möglich", sagte er. Nelly betrachtete den Revolver mit plötzlicher Neu» gierde, aber ihre hellen Augen waren ernst geworden. „Geladen?" fragte sie. „Ja." „Dann, will ich ihn nicht untersuchen. Wie sonderbar! Wer'weiß, ob ich nicht auch in manchem anderen der Wahrheit nahegekommen bin." , „Wer weiß", wiederholte Steinmetz, indem er einen Blick auf Etta warf. „Sagen Sie uns, was Sie über die Frau Fürstin denken; wessen halten Sie sie für fähig?" In diesem Augenblicke trat Paul ins Zimmer. „Dem gnädigen Fräulein erscheint alles hier verdächtig", erklärte Steinmetz, indem er sich zu ihm wandte. „Ich bin schon sv gut wie nach Sibirien verbannt, und jetzt will sie über die Frau Fürstin Gericht halten." Paul trat näher, allein Nelly vermied es offenbar, ihn anzublicken. „Wir wollen zuerst Paul ins Verhör nehmen", sagte Etta etwas hastig, indem sie auf die Uhr blickte, auf der auch Steinmetz' Augen ruhten. „O, Paul", sagte Nelly in ziemlich gleichgültigem Tone, 11110 es war, als sei ihre Heiterkeit plötzlich verschwunden. „Vielleicht hat er sich ttef in Verschwörungen einge- 462 lassen, um das Königreich Polen oder dergleichen wieder herzustellen." „Das klingt sehr zahm", warf Steinmetz eilt. „Mir scheint, bezüglich der Fran Fürstin könnten Sie sich einen spannenderen Roman ersinnen. In den Büchern sind es immer die schönen Prinzessinnen, die die furchtbarsten Verbrechen begehen." Nelly klappte ihren Fächer auf und'zu. „Von Etta stelle ich mir vor, daß sie eine geheimnisvolle Befangenheit hat", sagte sie. „Ich glaube, sie gehört zu denen, die auf einem. Balle lachend tanzen können, obwohl sie wissen, daß unter dem Fußboden eine Mine liegt." „Da irrst Du Dich", antwortete Etta zusammenfahrend und erhob sich so hastig, daß ihr Seidenkleid rauschte. „Lassen Sie sie nicht weiter sprechen", flüsterte sie, als sie an Steinmetz vorüberging. 20. Kapitel. Ein verdächtiges Haus. Tie Gräfin Lanowitsch und ihre Tochter Katharina saßen in dem allzu luxuriösen Salon, der auf den Englischen Quai und die Newa hinausging. Die Doppelfenster waren hermetisch verschlossen, während die inneren Scheiben von einem dicken Reif überzogen waren. lieber dem Moorboden, der den finnischen Golf begrenzt, stieg eben die Sonne auf und beleuchtete die schneebedeckte Stadt mit einem risigen Schimmer; er drang auch in das Zimmer, in dem die beiden Frauen saßen. Katharina ging ruhelos von einem Stuhl zum andern, vom Kamin an das Fenster. „Mein liebes Kind, wir können jetzt noch nicht nach Thors gehen", ries die Gräfin, die diese Rastlosigkeit begreiflicherweise nervös machte. „Der bloße Gedanke daran ist mir schrecklich. Du denkst eben nie an meine Gesundheit. Außerdem stimmt mich dieser ewige Schnee gar zu traurig; denn ich muß an Deinen armen, verführten Vater denken, der jetzt wahrscheinlich in Sibirien Schnee schaufeln muß. Wir haben hier so viele nette Freunde; Du wirst sehen, wie voll unser Salon heute wird. Baron Chauxville versprach mir, heute zu meinem ersten Empfangsabend zu kommen, und selbstverständlich muß auch Paul mit seiner Frau meinen Besuch erwidern. Ich bin auf sie schon sehr neugierig; es heißt, sie soll sehr schön sein und Aut Toilette machen." Katharinas starke, weiße Zähne glänzten einen Augenblick im flackernden Lichte des Feuers auf, während sie sie in ihre Unterlippe vergrub. „Pauls Lebensglück ist also gesichert", sagte sie mit harter Stimme. „Natürlich, was könnte er mehr wünschen?" murmelte die Gräfin, ohne die Ironie ihrer Tochter z;u verstehen. Katharina warf einen verächtlichen Blick zu ihrer Mutter hinüber. In diesem Augenblicke hörte man durch die Doppelfenster hindurch das Klingeln von Schlitten- glocken auf dem Englischen Quai, und Pferdehufe donnerten auf dem Pflaster. Die Farbe tötet) plötzlich ans Katharinas Wangen, als wäre sie weggewischt worden, und ihr Gesicht sah gespenstisch bleiche aus: Paul war mit seiner jungen Frau vorgefahren. Gleich darauf öffnete sich die Tür und Etta erschien mit jener unbesiegbaren Schönheit, die all ihre Bewegungen kennzeichnete, dicht hinter ihr Paul, der ziemlich gelangweilt aussah. Katharina trat aus ihrer Fensternische hervor und begrüßte Etta, die mit einem einzigen Blick ihre Häßlichkeit und ihre unvorteilhafte Toilette zur Kenntnis nahm. Paul küßte der Gräfin die Hand; als er die Katharinas ergriff, waren ihre Fänger eiskalt und zuckten nervös. Die Gräfin plauderte bereits in geläufigem Französisch Mit Etta, und so blieben Paul und Katharina einen Augenblick allein. „Ich wünsche Ihnen Glück", sagte Katharina, ohne die Augen zu ihm aufzuschlagen, und ihre Stimme klang seltsam kurzatmig. „Ich danke Ihnen", antwortete Paul einfache indem er unwillkürlich einen Blick zu seiner Frau hinüberwarf. Katharina schaute rasch auf und bemerkte den Ausdruck, mit dem sein Auge auf Etta ruhte. „Er liebt sie nicht! Er liebt sie nicht!" schrie es plötzlich in ihr ■auf. „Ja, Paul ist einer unserer ältesten Freunde", sagte die Gräfin eben mit ihrer trägen Stimme. „Sie wissen, wir sind Nachbarn, und er ist immer wie ein Kind des Hauses bei uns aus- und eingegangen. Mein armer Mann hatte ihn sehr lieb." „Ihr Gemahl ist tot?" fragte Etta leise, mit einer auffälligen Hast. „Nein, er ist in Sibirien. Sie haben vielleicht von seinem Unglück gehört, — mein Mann ist der Graf Stephan Lanowitsch." Etta nickte. „Ich empfinde die tiefste Teilnahme für Sie, Gräfin", sagte sie. „Wie tapfer Sie dabei sind — Sie und Komtesse", fügte sie hinzu, indem sie sich zu Katharina wendete. „Ich hoffe, daß wir uns in Twer häufig sehen werden..." Katharina verbeugte sich kühl, ohne zu antworten. Etta warf einen scharfen Blick auf sie und vielleicht sah sie mehr, als Katharina ahnte. „Paul und Fräulein von Lanowitsch waren wohl Jugendgespielen?" fragte sie die Gräfin. „Ja, »über Katharina ist erst vierundzwanzig Jahre alt, — zehn Jahre jünger als Paul." „Wirklich!" rief die Fürstin mit leiser, schneidender Ueberraschung. In der Tat, Etta sah jünger aus als Katharina. Kurz darauf erschien Claude v. Chauxville mit seinem mechanischen, herzlosen Lächeln; als er sich jedoch über Ettas Hand beugte, hat de sein Gesicht einen ernsten Ausdruck. Er äußerte über das Zusammentreffen mit Paul und Etta keine Ueberraschung, obwohl fein Wesen eine gewisse Bewegung verriet, und nichts deutete darauf hin, daß diese Begegnung von ihm selbst mit Hilfe der unschuldigen Mitwirkung der Gräfin herbeigeführt worden war. „Sie gehen von hier zweifellos nach Twer?" wandte er sich fast sofort an Etta. „Ja", antwortete die Fürstin, und abermals erschien jener flüchtige, gehetzte Ausdruck in ihren Augen. Es schien ihr, als ob das Wort ,Twer' mit Riesenbuchstaben überall stände, wohin sie blickte. „Der Fürst soll, wie iaj höre, ein großer Sportsmann sein, ein großer Jäger vor dem Herrn", fuhr Chauxville fort, indem er sich zu Paul wandte. „ „Ja, mir haben noch ein paar Baren übrig", antwortete jener kurz. „Glücklicher! In meinen jungen Jahren habe ich einen geschossen. Ich fürchtete mich entsetzlich, und der Mr ebenso; aber ich hätte große Lust, mein Gluck noch einmal zu versuchen." Etta sah zu Paul hinüber, der Chauxvilles liebenswürdigen Blick mit der unerschütterlichen Ruhe eines Fürsten erwiderte. „Da müssen Sie zu uns lammen", fiel die Gräfin ein und machte so der etwas peinlichen Situation ein Ende, wie Chauxville es vielleicht erwartet hatte. „Wir haben bei uns in Thors noch eine ganze Menge." „O, Frau Gräfin, das hieße Ihre Gastfreundschaft uitb wohlbekannte Güte wirklich mißbrauchen. Was meinem Sie dazu, gnädiges Fräulein? Die Versuchung ist zu stark; soll ich ihr nachgeben?" Katharina lächelte gezwungen. Ich möchte das lieber Ihrem eigenen Gewißen uber- lassen, weiß aber nicht, was Sie unter Mißbrauch verstehen", sagte sie kalt. , „Dann nehme ich die Einladung an, Frau Gräfin! rief Chauxville mit jener liebenswürdigen Offenheit, die immer so falsch klang. „In diesem Falle werden wir uns vielleicht noch vor dem Frühjahr Wiedersehen, Fürst; das heißt, wenn die Gräfin ihre Einladung wirklich ernst „Ja, ich jage oft in Thors," antwortete Paul. , „Darf ich mir vielleicht erlauben, der Fürstin meine Aufwartung zu machen? Oder ist die Entfernung zu ciro Mit einem guten Pferde, und wenn der Schnee trägt, läßt es sich in anderthalb Stunden machen , antwortete Paul. , , „Ich darf also au revoir sagen? fragte Chanxbule, indem er ihm die Hand hinstreckte. „Au revoir, wenn Sie es wünschen." Und er wandte sich ab, um von Katharina Abschied zu nehmen. 463 Da Chauxville später gekommen tour, als die anderen Gäste, machte es sich natürlich, daß er nach ihrer Entfernung noch ein wenig blieb, und selbstverständlich tat er sein möglichstes, um sich die etwas übereilte Einladung der Gräfin Lanowitsch zu sichern. „Was will der Mann in Twer?" fragte Paul, als er und Etta wieder unter den Pelzen im Schlitten saßen. „Wir brauchen ihn nicht." „Nun", antwortete Etta ziemlich übellaunig, „ich glaube, wir werden uns so furchtbar langweilen, daß selbst Herr von Chauxville eine vollkommene Abwechslung sein wird." Paul antwortete nicht. Er machte dem Kutscher ein Zeichen, und die Pferde griffen mächtig aus, so daß ihre silbernen Glocken melodisch aneinander klirrten. (Fortsetzung folgt.) Hessische Räuberbanden im achtzehnten Jahrhundert. Von Dr. Arthur Bechtold. Original-Aufsatz für die Gießener Familienblätter. (Schluß.) Nachdem alle Zeugen vernommen waren, die Jnkul- paten fast alle Verbrechen in Abrede gestellt hatten und aus den verstockten Kerlen gutwillig nichts mehr herauszubekommen war, wurde der Bericht über die Untersuchung mit den Akten nach Darmstadt geschickt und ein ausführliches Gutachten beigefügt. Nach eingeholtem Gutachten des „Geheimden Raths-Collegii" ließ der Landgraf folgende Resolution an die fürstliche Regierung in Gießen abgehen: „Von GOttes Gnaden Ernst Ludwig / Landgraf tc. tzochgelährte Räthe, liebe Getreue! Uns ist ab Eurem unterm 3. des vorigen Monats in Peinlichen Sachen Fis- calio contra die verschiedener Verbrechen halber bißhero processirte viele Ziegeuner und ' deren Weiber erstatteten ausführlichen Bericht, und verhandelten hierbey zurück gehenden Akten, des mehreren geziemend referiret worden; Nachdem Wir nun, vorgekommenen Umständen nach, gnä- digst verordnet haben, daß diesen Peinlich Beklagten insgesamt ihre hierunten folgende difserente Todes-Art und Straffen ordentlich publicirt, ante executionem aber vorerst su'b mutt. 17. 18 und 19 benahmte Hamperla, Anton Alexander oder der kleine Galant, und Lorentz Lampert, per omnes gradus würcklim torquiret, und nebst denen Complicibns bey dem Dörßdorfer Pfarr-Mord, auch tu specie auf diejenige Socios, welche bey des Lieutenant Emeraners Mord zugegen gewesen zu sehn negiren, befragt, sodann praevio hoc auch alle übrige, von denen man Wohl einige des erstbemeldten Hamperlas und der zwey andern Tortur sub fine mit zusehen lassen kann, ad locum torturae gebracht, und unter deren Andeutung und Declaration des nichts destoweniger zu erwarten habenden Todes, und daß sie bloß durch freywillige Bekänntnuß die Peinigung würden ebittren, über Unsers Peinlichen Gerichts-Asscssoris Dr. Weissenbruchs formirte Quaestiones torturales sub sola territione von denen Weibern anfaheud, mit jedesmahliger Attention auf den Umstand der An- oder Abwesenheit bey der Emeranischen Entleibung, bloß zur kiinfftigen Notiz abgehöret / mit jedem derselben aber, die Depositiones mögen fallen, wie sie wollen, citra ulteriorem aggrava- tionem poenal sofort / um der Sache nur einmahl ein Ende zu machen / executive verfahren und zwar a) die sub numeris 1. 2. 3. 4. 6. 7. 11. 13. 25. 26. 27. und 28. benahmte Lißge, des Georg la Grabens Eheweib, Anna Marta, Christofs Himntolaß Wittib, Catharina, Hanß Veltens Studenteus Eheweib, Magdalena, Christian Stör- Hmgerv Wttttb, Johannes Reinhold, Hanß Henrich Stoffel oder Balanton genannt, Gottfried la Fortuu, Johann St. Amons, wenn anderst der Hamperla und übrige aussagcn werden, daß er, St. Amour, mit in des Emeraners Mord consptrtret, und sonsten noä> mehreres graviret werden sollte, Catharina, des Gabriel Lorries Eheweib, Maria! Zo ma, des Hamperla Mutter, Anna Maria, dessen Schwester, falls nemltch auf dtese letztere deponiret wird, ”,aP sw mtt bey des Emeraners Ueberfall gewesen, und Anna Christtna, Anton Alexanders Eheweib- decoiliret, so- dami h) dte sub numeris 5. 8. 9. 10. 12. 14. 15. 16. 20. uni) 23. beschriebene Peinlich Beklagte, als Henrich Stur- tztnger, der Becker-Hanß, Hans Henrich Foura, Christian la Fortun, Christian Grünewald jun. oder la Carre, Friedrich, St. Amour der Kurtze, wofern soviel diesen betreffend selbiger durch des Hamperlas und übriger Aussage, wegen mit Konspiration in des Emeraners Tod, und anderer seiner Jmputatorunr halber, noch mehreres graviret werden sollte, Johann Peter Selandin der Junker genant, Johann la Fortun, Friedrich St. Amour der Lange, Student Selten, und Johann la Fouri aufgehenckt, letzlich c) die sub numeris 17. 18. 19. 22. und 24. erwehnte Ziegeuner aber, nemlich Johannes la Fortun oder Hamperla genant, Anton Alexander la Grave, oder der kleine Galant, Lorentz Lampert, Johannes oder wie er auch sagt Gabriel Lorries, und Frantz Lampert, insgesammt, mit Abstra- hirutig von der beym Hamperla mit vorgeschlagenen Schleifung zur Gerichts-Stätte, von oben herab gerad- brechet werden sollten; So ist Unser gnädigster Befehl hiermit, daß ihr auch darnach achtet, und die Nothdurfft darunter besorgen lasset, wofern aber bey denen minus gravatis sich in der Abhör noch weiters mitigirc'ttde und etwa solche Umstände von ihrer positiven Ohnwissen- und Abwesenheit bey des Emeraners oder Dörßdorffer Pfarrers Entleibung hervor thun sollten, welche an deren würck- lichen Hinrichtung Euch einen Scrupel erwecken tnögten, derentwegen ererst noch einmahl anfraget, mit denen übrigen vel plane convictis, vel confessis aber auf einen Tag mit der Execution führfahren lasset, und weilen leicht zu erachten ist, daß selbige viele tausend Menschen in die Stadt ziehen werde, zur Verhütung aller, bey zumahl herannahender Winters-Zeit, wo nicht durch der Exeqnen- dorum adhaerenter, doch etwa ex culpa inquilinorum leicht entstehender Feuers-Gefahr, mit auordnender fleißiger Vi- sitir- und Säuberung der Offen und Schornsteinen hinlängliche Vorsehung thuet, und zu dem Ende mit Unserer Universität und Commendanten zu gleichmäßig nöthiger Veranstaltung communiciret, weniger nicht durch besagt Unfern Vormunds-Rath, und Peinlichen Gerichts-Assessorem, Dr. Meissenbruch, als welcher ohne das eine schrisftliche Relation ex actis gemacht, und bar tun wohl informiret ist, eine Specificatiou aller Delinquenten mit kurtzer Anführung ihrer Deliciorunt, auch wenn sie in bevorstehender Tortur weiters denominiren werden / sodann accurater Beschreibung dieser Complicum, und die Art deren Bestraffung verfertigen, solche sodann durch den Buchdrucker Müller, als welcher es wegen des sonder Zweiffel erfolgenden grossen Abgangs auf seine Kosten gern übernehmen wird, zum Druck bringen, und durch selbigen in die Executionis verkauffen lasset, weilen gleichwohl merck- lich daran gelegen ist, daß dieser gottlosen Leute abscheuliche Facta, sammt denen noch etwa angebenden Complicibus dem Publico bekannt gemacht werden, und wenigst dieser Nutzest davon zu hoffen stehet, daß erwehnte Com- plices so leichter zu hassten gebracht, oder wann sie sich verrathen sehen, Unsere Fürstlichen Lande sammt der Wetterau zu meiden veranlasset und genöthiget werden. Versehens Uns, tiud seynd eucy mit Gnaden wohl gewogen. Darmstadt den 28. Octobr. 1726 Er n st Ludwig / Landgras zu Hessen Hoffmann." Am 4. November wurden sämtliche Zigeuner und Zi- geunerimten von einer starken Bürgerwache abgeholt und vom Stockhaus zum Rathaus transportiert. Hier wurde ihnen das Urteil mitgeteilt, und sie aufgefordert, sich zum Tobe vorzubereiten. Tie Weiber geberdeten sich wie verzweifelt, auch einige Männer warfen sich auf den Boden und flehten jammernd um Gnade, die meisten männlichen Zigeuner aber nahmen den Urteilsspruch schweigend, mit verbissenem Grimm auf. Hamperla meinte trotzig: „Ob er gleich gefangen, wäre er doch noch nicht gehangen." Die sogenannte „Cron", seine Frau, verbat sich geistlichen Zuspruch: „sie habe ihr Lebtag nicht gebetet, außer wenn sie krank gewesen". Anton Alexander, Lorenz Lambert und Hamperla wurden auf dem Rathaus zurückbehalten und ins sogenannte arme Sünderstübchen gebracht, die anderen wieder ins Stockhaus zurückgeführt. Im untern Geschosse des Rathauses blieb eine starke Bürgerwache. Mittwoch, den 6. November versammelte sich das peinliche Gericht um 3 Uhr morgens aus dem Rathaus und ließ zunächst den Lambert aus dem Schlase wecken und vorführen. Er wurde nochmals vergeblich aufgefordert zu gestehen, dann 464 Vermischtes. der Auflösung der Schachaufgabe in vor. Nr.r 1. b6-b7, beliebig. 2. dreifach matt, sofort in die Folterkammer gebracht und auf den Pem- stubl aesebt. Erst ivurden ihm Damnschrauben angelegt, alsdann die „spanischen Stiefel". Als sie fester zugeschraubt wurdeu, rückte er mit der Sprache heraus lind gestand, was man von ihm haben wollte. Standhafter blieb Hamperla. Auch ihm legte man zuerst die Taumschrauben an, dann die spanischen Stiefeln, erreichte jedoch nichts; er gab keine Antwort, sondern stellte sich ganz unempfindlich, bis inan ihm die Haare abschnitt und am ganzen Körper untersuchte. Nochmals gefoltert, bekannte er seine Teilnahme an der Ermordung des Pfarrers Heinsius und des Emeraner und an vielen anderen Verbrechen. Während er noch gefoltert ward, ivurde seine Mutter und die Cron hereingeführt, welche beim Anblick des Gemarterten ebenfalls allerlei Geständnisse ablegten. Auch Anton Alexander ließ es gar nicht znr Folter selbst kommen, sondern bestätigte sogleich die Aussagen der andern. Nach diesem Erfolge wurden sofort die anderen Zigeuner ioieder vorgenommen und „über die quaestiones tortu- rales in specie befragt". Interessant ist die Art und Weise, wie das Verhör geführt wurde. Eine Frage wird genau formuliert uud die Verbrecher einzeln, erst in Güte, dann unter Bedrohung mit der Tortur befragt. Die Frage lautet z B • „Wer beim vou denen Ziegeuner-Weibern mehr mit auf der „Hütten" (bei der Ermordung Emeraners) gewesen?" 1) L. Lambert: Resp. Es wären keine Weiber dahm kommen, endlich, die Ließ wäre allein dagewesen. 2) Hamperla. Resp. Alle mit einander von ihrem außer seine Mutter, denn dieselbe wäre überm Rhein gewesen, wegen ihres daselbst gefangenen Sohnes. 2) An ton. Resp. Es wären 6, 7 oder 8 Weiber und ein großes Geschwärm dagewesen, keine alten Leute hätten sie bei) sich gehabt, als den alten Frautzen, dessen Frau und des Hamperlas Mutter. 4) Gabriel. Resp. Nescit. 5) Fr. Lambert. Resp. Er wäre weder zu Hirtzcuhayn noch auf der Hütte gewesen. . L. Lambert, dessen Sohn gegenwärtig, sagte, daß sein Vatter zu Hirtzenhahin gewesen wäre. Pater mußte solches endlich gestehen, wollte aber durchaus nicht au sich kommen lassen, daß er mit auf der Hütten gewesen wäre, oder einen Degen in der Hand gehabt hätte. Ter Scharfrichter wurde zwar diesem vorgestellet, er bliebe aber einmahl darbey, daß er nicht auf der Hütten gewesen sehe, man möchte umbringen, er wäre nicht ca- pcckle davor. . Filius. Er wollte darauf sterben, es auch auf feine Seel und Seeligkeit nehmen, daß er nicht auf der Hütten "gewesen wäre. Frantz Lambert sagte beym Fortführen nach der Marterkammer, daß er wohl in 20 Jahren teilten Degen in der Hand gehabt, und wäre unrecht auf ihn gezeuget worden. Als man diesen nun auf die Marter-Kammer führen, und ihme die Instrumenta vorlegen lassen, liesse er wieder zurücksagen, er wollte alles von seinem Hertzen thun, gestünde demnach extra loeum torturae, daß er zwar auch auf der Hütte gewesen wäre, doch aber weder eine Hand angeleget, noch einen Degen in die Hand kriegt hätte. Es wären darbey gewesen, der Caspar Lorries, der grosse Galant, dessen Sohn Günther, der Gabriel, der Anton iväre zwar auch darzukommen, hätte aber abgewehret. Es wären äusser diesen wohl mehrere darbey gewesen, ivollten ihme aber jetzo nicht recht mehr betteten." Dieselbe Frage wirb noch zwanzig anbereit Zigeunern vorgelegt. Anbere Fragen lauten: „wer des Emeraners und dessen Knechts Kleidung und übrige Sachen bekommen? Ob der Jud zu Oberdieffenbach ihnen bekannt sehe / und woher? Wer den Königsteiner Mord und Diebstahl begangen?" usw. Auf die Frage „was vor Führer bei) dem grossen Schwarm gewesen, so bet) Hirtzenhayn gelegen", wird von beit meisten ber Caspar Lorries ttnb ber große Galant genannt; „bett Anton hätten sie nichts aeftimiret, er hätte aber doch auch als contntattbireit wollen." Den Widerstand und das Schießen auf die Kommandos * Der „Geschmack nach dem Pfropfe n". Jedem Weintrinker ist es schon vorgekommen, daß ihm eine Flasche des edlen Naß ungenießbar ivurde, weil der Inhalt nach dem Pfropfen schmeckte. So lautet wenigstens die übliche Bezeichnung für einen bestimmten unangenehmen Beigeschmack des Weins, ber angeblich daburch entsteht, baß eni- iveber ber Wein schlechte Teile bes Korks in sich ausnimmt ober baß der Kork schadhaft ist und Luft tu bie Flasche eintreten läßt. Keine dieser Erklärungen jedoch ist ganz richtig, denn ein nach dem Pfropfen schmeckender Wern ist nicht immer sauer, und in den meisten Fallen ist der Kork, soweit man sehen kann, gesund. Dabei ist die Verschlechterung des Weins eine sehr wesentliche, er besitzt einen scharfen Geruch und einen bitteren Nachgeschmack, die schließlich beide so zunehmen, daß der Wein ganz ungenießbar und wahrscheinlich auch gesundheitsschädlich wird. Rotwerne scheinen dieser Gefahr mehr zu unterliegen als Weißweine und unter letzteren ist wieder der Champagtter am meisten anfällig. Bei Cherry kommt der Psropfengeschmack Niemals vor, vermutlich, weil dieser Wein aromatische Stosse mit keimtötenden Eigenschaften enthalt, selten bet Mosel, Chablis, Sauterne. Andererseits ist selbst ein guter „Brandy nickt aanz aefeit gegen die Krankheit, die zeboch bet diesem Getränk wirklich eine Folge der Einwirkung des Alkohols auf einen schlechten Kork ist, weshalb es inemals liegend, auch nicht in einem dumpfen.Keller aufbewahrt werden sollte. Der gewöhnliche Pfropsengeschmack der Weilte ist wahrscheinlich dem Eindringen etnes besonderen Bazillus zuzuschreiben, entweder vom Pfropfen aus oder auch vor dem Einfüllen des Weins in die Flasche. Außer daß dte,er Keim am Pfropfen gehaftet haben kann, letzterer vermutlich gar nichts mit dessen Entwicklung zu tun. Sicher ist, daß der noch unentdeckte Bazillus den Gerbstoff iin Wein angreift, woraus sich auch die größere Anfälligkeit daran reicheren Rotweine erklärt. Redaktion: Ausust Gvtz. - RetaticnStruck imd 8 erleg Irr SFrü 1:1’ fd.cn ruiversüSlEud- nut' Cicir.trudern. R. Lauge, Cießen. hielten die Zigeuner für völlig gerechtfertigt: „sie hätten ich wie ehrliche Kerls wehren müssen." Ten Wortlaut und den Vollzug des Urteils übergehe ich, da ich ber Buchner'schen Schilberung, bie beut oben erwähnten sliegenben Kalenber entnommen ist, nichts tue» entliches hinzuzusügen habe. Ter „Relation" beigegeben sinb brei von einem sehr mittelmäßigen Künstler (Joh. Anbr. Koll senlps. Butzbach) gestochene Kupfer, welche in je zwei Abbilbuugen bie Er- morbung Emeraners unb bes Pfarrers Heinsius vorstellen; ber britte zeigt fünf Mitglieber ber Banbe in ganzer Figur, beit Joh. Lorries, alias Gabriel, ben Hamperla, Lorenz Lambert, Anton Alexanber und Franz Lambert, wild aus- ehenbe Kerle mit langem wirrem Haupthaar unb kühnen Ablernafen. Franz Lambert ist ber einzige, ber einen Vollbart trägt, bie andern tragen nur Schnurrbärte. Ein landschaftlicher Hintergrund, der etwa den Gießener Richtplatz vorstelleii würde, fehlt auf dem Bilde. Im Hintergrund sieht man lediglich einen aufs Rad geflochtenen Körper, den Kopf auf einen Pfahl gesteckt. In T armstabt fauben am 16. August 1727, tit Fulda vom 10. Dezember 1726 bis zum 28. März 1727 größere Exekutionen an Zigeunern statt. Insgesamt hatte man m Hessen unb Fnlba an 100 Zigeuner bingfest gemacht, anbere aßen zu Mainz unb Trier gefangen, eine Anzahl mochte ich noch in Walb unb Felb frei, herumtreiben, doch hatten bie Hinrichtungen mit Galgen, Schwert unb Rab bie noch in Freiheit befiublichen berart eingeschüchtert, baß man in ber nächsten Zeit wenig von Mord unb Raub, bnrch Zigeuner verübt, chernahm. Tie „Relation" stellt mit Befriebigung fest, baß „bie Wetterau und übrige gantze durch Dieb- und mörderische Einfälle bißher sehr infestirte Gegend wiederum vollkommene Ruh und Sicherheit erlangt hat." Wie lange diese'Sicherheit gedauert hat, ist daraiw zu ersehen, daß es schon 1727 nötig ward, eine „neu- und mehrgeschärffte Poenal-Sanetion" zu erlassen.