1903 ei n iifeffläSSS a Aid f L-M (Nachdruck verboten.) Ein Einbrecher aus Passion. Bon E. W. Hornung. Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen von F. Mangold. (Fortsetzung.) Meine schmale Treppe war von Stein, ich stolperte tiütdb, ohne viel Lärm zu machen und brauchte die eiserne Tür nur aufzustoßen, denn ich hatte die Schlüssel im Schrank stecken lassen. Als ich das tat, hörte ich, wie oben auf eine Klinke gedrückt wurde, und iä). dankte den Göttern, daß ich alle Türen hinter mir verschlossen hatte. Wie Du siehst, mein alter Junge, hat Vorsicht manchmal auch ihr Gutes. „Wer klopft denn da?" rief Ewbank oben. Die Antwort verstand ich nicht, aber sie klang Wir tote die Bitte eines Erschöpften. Was ich jedoch deutlich' hörte, das war das Spannen eines Revolvers, bevor die Riegel zurückgezogen wurden. Dann folgte ein schwankender Schritt, keuchender Atem und Ewbanks entsetzte Stimme: „Großer Gott! Was ist Ihnen denn zugestoßen? Sie bluten ja wie ein Schwein!" „Jetzt nicht!" antwortete der andere mit einem Seufzer der Erleichterung. „Aber Sie sind ja. . . Wer hat das getan?" „Buschräuber!" „Unten an der Straße?" „Zwischen hier und Whittlesea — an einen Baum gebunden — nach mir geschossen — dann verlassen — sollte verbluten....!" Die schwache Stimme erlosch und die bloßen Füße eilten davon. Jetzt war meine Zeit gekommen — wenn der arme Teufel ohnmächtig geworden war. Aber das konnte ich nicht bestimmt wissen, und ich kauerte da unten im Dunkel an der halb geschlossenen eisernen Tür, vom Schreck gelähmt und gefangen. Und das war ganz gut, denn Ewbank kam sofort wieder. „Trinken Sie das", hörte ich ihn sagen, und als der andere wieder sprach, klang seine Stimme kräftiger, „Jetzt fühle ich neues Leben „Sprechen Sie nicht!" „Ach, das tat mir wohl. Sie haben keine Vorstellung, was es heißt, diese weite Strecke allein zurückzulegen und höchstens eine Meile in jeder Stunde! Ich glaubte nicht, daß ich es überleben würde, und ich muß Ihnen alles erüären — im Falle ich doch noch erliege." „Trinken Sie erst noch einen Schluck." „Danke.... Ich sagte Buschräuber; natürlich gibt's die jetzt nicht mehr." „Was für Leute waren eS denn?" „Bankdiebe; einer von ihnen war derselbe Schuft, den ich mit einer Kugel im Leibe aus der Bank von Coburg verjagt habe." „Das habe ich mir doch gleich gedacht." Natürlich hast Du Dir das gleich gedacht, Bunny; und ich da unten int Kassengewölbe hatte es mir auch gedacht, aber der alte Ewbank wollte es nicht gleich glauben, und seine Antwort ließ so lange auf sich warten, daß es mir vorkam, als habe er die Sprache verloren. „Sie reden im Fieber", sagte er endlich. „Wer, in Drei-i teufelsnamen, bilden Sie sich denn ein, zu sein?" „Der neue Geschäftsführer." „Der neue Geschäftsführer liegt oben im Bett und schläft." „Wann ist er denn angekommen?" „Heute abend." „Nannte er sich Raffles?" „Za." „Himmeldonnerwetter", flüsterte der echte Raffles. „Ich glaubte, cs sei nur Rache, aber jetzt seh' ich, was dahinter- steckt. Mein lieber Herr, der Mensch da oben ist ein Betrüger — wenn er überhaupt noch oben ist. Er muß einer von der Bande sein, und er will die Bank bestehlen — falls er dies nicht schon getan hat!" „Falls er es nicht schon getan hat", wiederholte Ewbank, „wenn er noch oben ist. Bei Gott, wenn er es ist, kann er mir leid tun." Sein Don war ganz ruhig, aber ungefähr der häßlichste, den ich jemals gehört habe. Ich sage Dir, Bunny, ich war froh, daß ich den Revolver bei mir hatte, denn es sah so aus, als ob es meinen gegen seinen gelte, Mündung gegen Mündung." „Lassen Sie uns lieber zuerst mal unten nachsehen", sähe der neue Geschäftsführer. „Daß er sich mittlerweile durchs Fenster auf und davon macht? Nein, nein, da unten ist er nicht." „Aber mal nachzusehen kostet ja nicht viel Zeit." Bunny, wenn Du mich fragst, welcher der Augenblick der größten Spannung in meiner ehrlosen Laufbahn war, dann sage ich, es war dieser. Da stand ich am Fuße der schmalen Steintreppe im Innern des Gewölbes hinter der einen guten Fuß vffenstehenden Tür, rmd ich wußte nicht, ob sie knarren würde oder nicht. Das Licht kam näher — und ich wußte es noch nicht! Ich mußte es darauf ankommen lassen. Und sie knarrte nicht im geringsten, sie war viel zu fest und gut in ihren Angeln aufgehängt, und zuschlagen hätte ich sie beim besten Willen nicht können; dazu war sie zu schwer. Sie schloß so genau, daß ich die entweichende Luft an meinem Gesicht fühlte. Jeder Schimmer von Licht verschwand, nur unten blieb ein feiner Streifen sichtbar, der Heller wurde. O, wie ich diese Tür segnete! „Nein, da unten ist er nicht", hörte ich, als ob der Schall durch Watte gedämpft wäre; dann verschwand auch 138 der feine Streifen, und nach wenigen Augenblicken wagte ich, die Tür wieder zu öffnen, gerade zur rechten Zeit, um zu vernehmen, wie sie nach meinem Zimmer schlichen. Jetzt hatte ich nicht den, geringsten Bruchteil einer Sekunde zu verlieren, aber es macht mich stolz, daß ich sagen kann, ich flog die Treppe auf Fingern und Zehen empor und hinaus aus dem Bankgebäude (sie hatten sich entfernt und die Tür offen gelassen) so vorsichtig, als ob mir eine endlose Zeit zu Gebote gestanden hätte. Nicht einmal den Hut vergaß ich, woraus des Doktors Stute ihren Hafer fraß, so gut sie es mit dem Gebiß im Maule konnte, denn der Hut allein hätte genügt, mich zu überführen. Ich ritt auch nicht im Galopp davon, sondern trabte ruhig in dem dicken Staube an der Seite der Straße einher (obgleich mein .Herz galoppierte) und dankte meinen Sternen, daß das Bankgebäude am Ende der Stadt lag, in die ich keinen Fuß gesetzt hatte. Das letzte, was ich hörte, war wie die beiden Geschäftsführer Cairo, den Hund, und den Kutscher riefen. Und nun, Bunny. . . .*" Bei diesen Worten stand er aus und streckte sich mit einem Lächeln, das in ein Gähnen überging. Die schwarzen Fenster hatten allmählich alle Schattierungen von Indigo durchgemacht, jetzt umrahmten sie die in den gegenüber liegenden Häusern in der kalten grauen Morgendämmerung, und die Gasflammen flimmerten mit fahlem Scheine in ihren Glaskugeln. „Aber das ist doch noch nicht alles?". „Es tut mir leid", antwortete Raffles, als ob er sich entschuldigen müsse, „aber das ist alles. Die Geschichte hätte mit einer aufregenden Hetzjagd schließen sollen, das weiß ich, allein sie tat es nicht. Wahrscheinlich glaubten die beiden, ich hätte einen zu großen Borsprung; außerdem waren sie auch überzeugt, ich gehöre zu der Bande, die nicht so sehr weit entfernt war, und einer von den beiden hatte auch schon genug von dieser zu leiden gehabt. Allein Vas konnte .ich uattirlich nicht wissen, und so fehlte es doch nicht an Aufregung für mich, wie ich zugeben muß. Großer Gott, wie habe ich das arme Vieh abgehetzt, als ich unter die Bäume kam! Unsere Hinreise war eine reine Schneckenpost dagegen, aber der gestohlene Hafer kitzelte das alte Frauenzimmer, sodaß es geradezu durchging, als ich es nach Süden lenkte. Zwischen den Bäumen und Aesten durchzukommen mit der Nase in der Mähne, das war wahr- hasttg kein Spaß! Ich habe Dir ja schon von dem Walde von abgestorbenen Gummibäumen erzählt! Die sahen im Mondlicht ganz gespensterhaft aus, und er war gerade so, wie ich ihn verlassen hatte — so still, daß ich dort meinen ersten Halt machte und eine ganze Weile mit dem Ohr auf der Erde horchte. Allein ich hörte nichts — nichts als das Keuchen der Stute und mein eigenes Herz. Es tut mir leid, Bunny, aber wenn Du jemals meine Memoiren schreibst, so kann es Dir nicht schwer werden, die Ver-, solgung sehr hübsch und spannend herauszuarbeiteu. Die abgestorbenen Gummibäume siud dabei ausgezeichnet verwendbar, und die Kugeln kannst Du fliegen lassen, tote Hagel. Ich drehe mich im Sattel um und sehe Ewbank in seinem weißen Anzug angejagt kommen — den ich sehr bald rot färbe. Allein Du mußt in der dritten Person schreiben, damit die Leser nicht wissen, wie es endet." „Aber das weiß ich ja selbst nicht", klagte ich. „Hast Du die Stute bis nach Melbourne geritten?" „Jeden Schritt oder Meter! Ich lieh sie in unserem Hotel gut verpflegen und schickte sie dem Doktor am Abend zurück. Daß ich mich im Busch verirrt hatte, schien ihm ungeheuren Spaß zu machen. Am nächsten Morgen brachte er mir die Zeitung, um mir zu zeigen, welchem Unglück ich in Wea entgangen war. „Hatte er denn keinen Verdacht?" „Ja", sagte Raffles, als er das Gas ausdrehte, „das ist ein Punkt, worüber ich nie recht ins Klare gekommen bin. Die Stute uud ihre Farbe stimmten — glücklicherweise war sie braun — und auch der Zustand des Tieres dürfte ihm verdächtig erschienen sein. Sein Benehmen mir gegenüber hatte sich jedenfalls etwas geändert, sodaß ich im ganzen der Annahme zuneige/ daß er irgend etwas gearg- wöhnt hat, aber nicht das richtige. Ich erwartete ihn nicht, und ich fürchte, mein Aeußeres hat feinen Verdacht verstärkt." „Warum?" fragte ich ihn. „Ich trug früher einen starken Schnurrbart", antwortete Raffles, „aber den verlor ich am Tage, nachdem ich meine Unschuld eingebüßt hatte." V. Ueberlegter M o r d. Nur wenige von den verschiedenen Diebstählen, die wir zusammen beginge^, verdienen, wie ich finde, ausführlich erzählt zu werden. Nicht, daß die andern etwa Einzelheiten enthielten, die mitzuteilen selbst ich Anstand nehmen würde, sondern es ist gerade das Fehlen gefährlicher Nebenumstände und Zwischenfälle, das sie für seinen gegenwärtigen Zweck untauglich macht. Raffles entwarf unsere Pläne mit der größten Umsicht und Schlauheit, und wir gingen niemals an ihre Ausführung, bevor die Möglichkeit des Mißlingens auf das Mindestmaß zurückgeführt worden war. Es konnte Wohl Vorkommen, daß wir uns über den Marktwert unserer Beute täuschten, aber daß wir auf unvorhergesehene Schwierigkeiten stießen oder in einen wirklich dramatischen Vor-, gang verwickelt wurden, waren seltene Ausnahmefälle. Selbst in Hinsicht auf unsere Beute bestand eine große Einförmigkeit, denn nur die kostbarsten Edelsteine sind es wert, daß man sich solche Mühe gießt und solchen Gefahren aussetzt, als wir es taten. Kurz, gerade unsere erfolgreichsten Unternehmungen würden in der Erzählung die ermüdendsten sein, und keine mehr so, als die langweilige Geschichte der Sma- ragden von Ardaghj, die ein, paar Wochen nach der Errcket- woche in Milchester vorfiel. Jene hatte indessen em Nachspiel, das ich lieber aus meiner Erinnerung tilgen mochte, als alle unsere Einbrüche zusammengenommen. Am Abend nach unserer Rückkehr von Irland wartete ich in meiner Wohnung auf Raffles, der wie gewöhulicb ausgegangen war, um nufere Beute zu verwerten. Bei diesem sehr wichtigen Zweig unseres Geschäfts, den ich mit Freuden ganz in feinen Händen ließ befolgte Raffles seine eigene Methode. Er führte diese Verhandlungen, wie ich glaube, in einer Verkleidung, sodaß er aussah, wie ein heruntergekommener Mensch aus den Kreisen der Halbgebildeten, und bediente sich dabei der Mundart der Londoner dieser Klasse, die er vollständig beherrschte. Außerdem verhandelte er stets mit demselben Schärfer, der in den Augen der Welt ein unbedeutender aber berüchtigter Geldverleiher, in Wahrheit aber ein ebenso durchtriebener Spitzbube war als Raffles selbst. Erst ganz vor kurzem war auch ich einmal bei dem Menschen gewesen, aber ohne Verkleidung. Wir bedurften eben, um diese Smaragden zu bekommen, eines Kapitals, und ich hatte hundert Pfund unter Bedingungen ausgenommen, wie man sie wohl von einem sich fortwährend verbeugeiiden Graubart, mit einer weichen Stimme, einem einschmeichelnden Lächeln und den nn- stätesten Augen, die jemals hinter einer Brille hm und her gewandert sind, erwarten konnte. So kehrte also die Beute zu der Quelle zurück, die die Mittel zur Kriegsführung geliefert hatte — ein Umstand, der unfern Sinn für Humor "^Allein diese Beute — ober vielmehr ihren Geldwert — hatte ich noch nicht gesehen, und ich wartete mit einer Nn- geduld daraus, die mit der zunehmenden Dämmerung immer unerträglicher wurde. Zuerst hatte ich am offenen Fenster gesessen, bis die Gesichter in der Straße unkenntlich geworden waren; dann rannte ich, von den furchtbarsten Besorgnissen gequält, im Zimmer auf und ab, bis ich endlich den Auszug knarren hörte und mich ein wohlbekanntes Klopfen an meiner Tür aus meiner Spannung erlöste. „Nach im Dunkeln!" rief Raffles, als ich ihn herernzog. „Wie ist das, Bunny; ist etwas vorgefallen?" „Nein — und jetzt, wo Du da bist, ist alles gut", antwortete ich, indem ich die Tür hinter ihm in fieberhafter Aufregung, aber auch beruhigt, schloß, „Nun? Was hast Du gelöst?" „Fünfhundert Pfund." „Bar?" ^Jch habe sie in der Tasche?" „Das ist gut", rief ich, „Du kannst Mr gar nicht vorstellen, in welcher Aufregung ich war, aber laß mich erst einmal das Licht andrehen. Während der letzten Stunde habe ich nur an Dich denken können. Ich — ich war dumm genug, zu befürchten, es sei etwas schief gegangen." Als das weiße Licht das Zimmer, erfüllte, lächelte Raffles, allein im ersten Augenblick bemerkte ich nicht, daß dieses Lächeln etwas eigentümlich war. Ich hatte törichterweise für keine anderen Empfindung Raum, als für die El- — 139 - (Fortsetzung folgt.) t * e rt K I e i ) Ein Bad, frische Wüsche und das beste Diner, das der Klub liefern kann, werden mir gut tun. Ich habe nur zunächst hier Vorgesprächen, weil ich fürchtete, Du würdest Dir Sorgen machen. Nun komm mit, ich werde Dich nicht lange aufhalten." „Glaubst Du, daß er wirklich Deine Spur verloren hat?" fragte ich, als wir unsere Hüte aufsetzten. „O, gewiß, aber wir können uns ja vorsichtshalber noch einmal überzeugen", antwortete Raffles, indem er an mein Fenster trat, wo er einige Augenblicke stehen blieb und in die Straße hinabschaute. „Alles in Ordnung?" fragte ich. „Ja, alles in Ordnung", erwiderte er, worauf wir hinuntergingen und uns Arm in Arm in den Albany-Klub begaben. innerung an meine vorhinige Angst und meine gegenwärtige Beruhigung, und mein erstes blödsinniges Tun bestand darin, daß ich in meinem Eifer, die Gelegenheit würdig zu feiern, etwas Whisky verschüttete und das Sodawasser über den ganzen Tisch spritzte. „Also Du fürchtetest, es sei etwas vorgefallen?" fragte Raffles, indes er es sich auf einem meiner Stühle bequem machte und sich eine Cigarette anzündete, wobei er sehr belustigt aussah. „Was würdest Du denn sagen, wenn es wirklich der Fall wäre? Aber ruhig Blut, alter Junge! Es war nichts von der geringsten Bedeutung und ist vorüber. Eine Jagd im Kielwasser war es, und das eine lange, Bunny, aber ich denke, ich habe ihnen für diesmal den Wind abgewonnen." Jetzt bemerkte ich plötzlich, daß! sein Kragen verschwitzt, sein Haar feucht war, und daß seine Sttefel mit dickem Staube bedeckt waren. „Die Polizei?" flüsterte ich erschreckt. „Lieber Gott, nein — nur der alte Baird." „Baird! Mer war es denn nicht Baird, der Dir die Smaragden abgekauft hat?" „Gewiß." „Wie ist er denn dazu gekommen, Dich zu verfolgen?" „Lieber Freund, laß mich doch nur zu Worte kommen, dann werde ich es Dir erzählen; aber es ist wirklich nicht der Mühe wert, Dich darüber aufzuregen. Der alte Baird hat endlich herausspintisiert, daß ich kein gewöhnlicher Einbrecher bin, wie ich ihn gern glauben machen möchte, deshalb hat er versucht, mich nach meinem Bau zu verfolgen." „Und das nennst Du nichts?" „Wenn es ihm gelungen wäre, so dürften wir die Sache allerdings nicht leicht nehmen, aber es ist ihm noch nicht gelungen. Indessen gebe ich zu, daß er mich diesmal hart in die Enge getrieben hat. Das kommt davon, wenn man etwas so weit von Hause entfernt unternimmt. Der alte Satan hat die ganze Geschichte in der Zeitung gelesen und daß es jemand getan haben mußte, der sich als gebildeter Mann zu benehmen verstand, und sowie ich ihm in meinem gewöhnlichen alten Näselton sagte, ich sei der Täter, sah ich, wie er die Augenbrauen in die Höhe zog. Ich tat mein Möglichstes, mich herauszuwickeln, — schwor, ich hätte einen Spießgesellen, der ein wirklicher Gentleman sei — allein ich konnte mir nicht verhehlen, daß ich mich verraten hatte. Er hörte sofort auf, zu feilschen und bezahlte mir, was ich forderte, als ob es ihm ein ganz besonderes Vergnügen machte, aber ich fühlte, daß er mir folgte, als ich wegging, obgleich ich mich selbstverständlich nicht umdrehte, um mich zu überzeugen." „Warum nicht?" „Mein lieber Bunny, das ist das Schlimmste, das man tun kann. So lange mau so aussieht, als ob man nichts argwöhne, halten sie sich in gemessener Entfernung, und so lange sie das tun, hat man Aussicht, zu entkommen. Läßt man sich aber merken, daß man die Verfolgung entdeckt hat, so heißt es anskneifen, oder sich bis zum äußersten wehren. Ich habe mich nicht ein einzigesmal umgesehen, und, merke Dir, Bunny, daß Du das in einer ähnlichen Lage unter allen Umständen vermeiden mußt. Am Bahnhof, Bei der Blackfriars Brücke forderte ich mit lauter Stimme eine Karte nach High Street, Kensington, und als der Zug Sloane Square verließ, sprang ich hinaus und rannte die Treppe hinan wie ein Laternenanzünder, und daun durch einige Hintergassen ins Atelier. Um ganz sicher zu gehen, blieb ich den ganzen Nachmittag dort. Kein verdächtiges Geräusch war zu hören, und ich wünschte nur, ich hätte statt des verfluchten Oberlichts ein Fenster gehabt, aus dem ich hätte hinausschanen können. Aber die Luft schien rein zu fein, und so weit war es nur eine Vermutung, daß er mir gefolgt sei, und nichts bewies, daß er es wirklich getan hatte. So verließ ich denn endlich mein Atelier in meiner wahren Gestalt — und lief dem alten Baird fast geradeswegs in die Arme." „Aber Mensch — was in aller Welt hast Du denn nun getan?" „Bin an ihm vorübergegangen, als ob ich ihn nie im lieben gesehen hätte, und blickte ihn auch jetzt nicht an. In King's Road nahm ich eine Droschke, fuhr, als ob der Teufel hinter mir wäre, nach Clapham Junetion, sprang ohne Karte in den ersten Zug, der vorbeikam, und stieg in Twickenham aus. Von do. ging ich rasch nach Richmond zurück, benutzte die Bahn nach Charing Croß, ;;uu — da bin ich! Zum 8. März. (Nachdruck verboten.) Ter Frühlingsbote unter den Vögeln, dessen Ankunft der Jägersmann am begierigsten erwartet, ist bekanntermaßen die Schnepfe. Ihr Zug hängt sehr vom Wetter ab, und man sagt, daß diese Langschnäbel ein feines Vorgefühl der bevorstehenden Witterung haben sollen, durch das sie sich bei ihren Reisedispositionen leiten lassen. Ein alter gereimter Jägermerkspruch kündet folgende Regel für das (Eintreffen der Schnepfen und ihre Jagd: „Reminiscere — nach Schnepfen suchen geh, Oculi — da kommen sie, Lätare — das ist das wahre, Judica — sind sie auch noch da, Palmarum — tralarum, Quasimodogeniti — halt, Jäger halt, jetzt brüten sie". Die fünf ersten lateinischen Worte im Anfänge jeder Zeile sind die Benennungen der Sonntage vor Ostern, während Quasimodogeniti der erste Sonntag nach diesem bekanntlich beweglichen Feste heißt. Da sich die Schnepfen aber nicht um unseren Kalender kümmern, so trifft der Merkreim natürlich nur annähernd das Richtige. Durchschnittlich wird der Waidmann etwa von Mitte März an auf die durchziehenden Schnepfen rechnen und mit Erfolg auf den Schnepfenstrich gehen können. Die verbreitetste Schnepfe ist die gemeine Becassine oder Heerschnepfe, von der Größe eines Krammeisvogels; sie wird wegen des meckernden Tones, den sie durch das Schwirren der Schwanzfedern hervorbringt, auch „Himmelsziege" genannt. Wegen ihres zickzackförmigen Flugs beim Auffteigen ist sie äußerst schwer zu schießen. Ihre Jagd wird daher auch außer mit der Flinte mit Schlingen betrieben. Die Sumpf- oder Moorschnepfen unterscheiden sich von den Waldschnepfen durch einige untergeordnete Kennzeichen, wie unten ganz nackte Schienbeine, gänzlich abgetrennte Zehen, sehr langen, an der Spitze etwas flachgedrückten Schnabel. Seltener sind in Deutschland die große Beeassinc, von der Größe einer Turteltaube, und die kleine Beeassine, welche die Größe einer Lerche besitzt; letztere geht und kommt mit der Heerschnepfe, erstere erscheint erst Ende April und zieht schon Anfang August fort. Das Eintreffen der Schnepfen wird aber nicht nur vom Jäger, sondern auch vom Feinschmecker mit Sehnsucht erwartet, denn dm; der lenzkündende Langschnabel eine große Delikatesse ist, wird wohl kaum ein Kulturmensch zu bestreiten wagen. Freilich gehört auch eine sachkundige Zubereitung dazu, um dem Vogel das Re- nommSe, dessen er sich in den Kreisen der Gourmands mit Recht erfreut, zu bewahren und unsere verehelichen Leserinnen werden es uns vielleicht Dank iuiffeu, wenn wir ihnen mit nachstehenden Zeilen einige kochkünstlerisch« kleine Winke erteilen. ®ie Vögel — etwa 4 — werden ausgenommen (die Eingeweide, außer dem Magen, zum sogenannten Schnepfendreck verwendet); der lange Schnabel jeder Schnepfe wird durch die beiden Schenkel derselben gesteckt. Dann werden die Schnepfen gesalzen, mit Speckscheiben Überbunden. Sodann läßt man sie mit genügend Butter und etwas Zwiebel 15 bis 20 Minuten bei fleißigem Begießen braten und bekränzt sie vor dem Aufträgen mit den Schnepfendreckbrötchen. Der unter dem wenig ästhetischen Namen „Schnepfendreck" bekannte Leckerbissen besteht ans den küchcumäßig «WWWtWWWMWl^M 140 tglucrltcye, dem Beryungern stokraten, die den Lands-, - Rotationsdruck und «erlas der B r ü h l'fditr IInlvcrsitüiZ.B«»- und Steindrucke«! (Pietsch Erben) in Gießen. Redaktron: Curt Plato. Bolksschnllehrers verdiene, mit den Offtzier und Prinzen konnte ich nicht entdecken. An und für sich wäre ja dieser Mangel an blauem Blut unter den Ganymeds gar nichts Auffälliges gewesen, wenn nicht auch drüben die Fabel vom ervierenden Kavalier in hundertfacher Tonart an mein Ohr gedrungen wäre. Bildet doch der Garde-Rittmeister als Waiter' eine ständige Figur im amerikanischen Witzblatt. Die volle Aufklärung wurde mir endlich von einer durchaus kompetenten Persönlichkeit, dem Millionär August Fleischmann, Besitzer der größten Bootbäckerei und einer s-w linsten Restaurants von Newyork zu teil. Die Ausfüg c- trugen dieses Herrn sind um so maßgebender, als er einer» 'eits in seinem Lokal selbst das beste Kellnermaterial hat und andererseits wegen der Großmut, mit der er sich der eingewanderten Landsleute anuimmt, insbesondere wenn es sich um Leute mit Bildung handelt, die einst gute Tage gesehen, sprüchwörtlich geworden ist. . „Der Aristokrat als Kellner ist ein Und tilg", darin gipfelten die Ausführungen des Millionärs, „aus dem einfachen Grund, weil diese Herren weder Geduld, Ausdauer und Fleiß, noch die Geschicklichkeit haben, nm in einem anständigen Restaurant den Posten eines Kellners mrs» füllen zu können. Kein Mensch auf der Welt ist m Bezug auf Bedienung verwöhnter als der Amerikaner. Er verlangt vom Kellner die größte manuelle Geschicklichkeit, Geschwrno diqkeit und unernrüdliche Aufmerksamkeit. Die besten und geschultesten Berufskellner Deutschlands, Oesterreichs und Frankreichs sind für uns hier gerade gut genug und kern besserer Newyorker Restaurateur würde es wagen, seine Gaste einem Dilettanten ausguliefern. Fleischmann selbst, war, wie er weiter erzählte, der, welcher der Mär vom „Kellner-Kavalier" am meisten Wer- breitilng verschaffte. Er versuchte es nämlich vor mehr als 20 Jahren wirklich öfters, unglückliche, dem Verhungern preisqeqebene österreichische Aristokraten, die den Landsmann um Arbeit anflehten, bei sich als Kellner unterzu- bringen. Das Resultat war stets dasselbe: Die verwöhnten, in einem üppigen, luxuriösen Leben ausgewachsenen Herren erschlafften nach einigen Stunden vollständig, verloren bei zwei gleichzeitigen Bestellungen den Kopf, zerbrachen massenhaft Geschirr, irrten sich bei den Abrechnungen, erregten den Unwillen der Gäste, gerieten in Streit mit dem übrigen Personal und kamen nach zwei oder drei Tagen nicht wieder. Bon all' den Entgleisten, die Fleischmann bei sich auf genommen hatte, war es einem Einzigen gelungen, sich em- zuarbeiten. Es war dies der Sprosse eines alten österreichischen Geschlechtes, ein Graf B. W. Er war fast em halbes Jahr bei Fleischmann Kellner, bis er eines Tages dm Kasse im Kontor erbrach uitb unter Mitnahme von 2000 Dollars auf Nimmerwiedersehen verschwand. Seit diesem Tage hat Mstr. Fleischmann alle weiteren derartigen Experimente %9er Aristokrat im Kellnerfrack ist also ein Fabelwesen, wie es ja eigentlich ganz selbstverständlich ist. Es wäre ja ml höchsten Grade bedauerlich, wenn der Berufskellner, der von seiner frühesten Jugend an in ehrlicher, fleißiger Arbeit diese Beherrschung seines Berufs erlernt, von stdem mehr oder toeniger „schlicht" entlassenen Offizier ersetzt werden könnte. - Und doch existiert der verunglückte Kavaller im Restaurantbetriebe. Aber dort, wo das Publikum ihn und er das Publikum nicht sieht, dort, wo es keme „fürstlichen" Trinkgelder giebt und seine Manieren nichts taugen. Im hintersten Winkel der Küche, am Waschfaß und dem Messerputzstein hat manch einer, der m der alten Welt seine Nächte beim Sekt und Jeu verbracht hat, das bitterste Elend und die tiefste Demütigung kennen lernen mus en. Bis ihm klar gemacht wurde, daß er „auch dort nichts taugt und er an Körper und Seele gebrochen, mit eiternden Wunden an den Händen das Hospital als letzte Zufluchtsstätte aufsuchen muß. v- Telegrapheurätsel. (Nachdruck verboten.) — . . — Getränt. — . — . . Teil der Erde. . .--Verwandte. — .--. Bekannter Baum. Die Punkte und Striche entsprechen den einzelnen Buchstaben der z suchenden Wörter. Sind di- richtigen Wörter gesunden, so bezeichnen. « » auf die Punkte treffenden Buchstaben im stulammenbang em moveru- Verkehrsmittel. (Auflösung in nächster Nummer^ zerkleinerten Gedärmen der Schnepfen und beit tu denselben meist zahlreich vorhandenen Eingeweidewürmern. Die Eingeweide, ohne den Magen, werden fein gewiegt, mit feingewiegtem frischen Speck (etwa 10 Gramm pro Schnepfe), 2 Eßlöffel geriebenem Weißbrot, 1 Eigelb, etwas Salz und etwas feinem weißen Pfeffer gewürzt und das Ganze gut vermengt. Dann werden von Semmeln Schemen geschnitten, mit jener Masse dick bestrichen und mit Butter im Ofen lichtbraun gebacken. Etwas recht Gutes ist auch ein Salmi von Schnepfeit, der wie folgt zubereitet wird. Zunächst werden die Schnepfen mit fetter Fleischbrühe, Wurzeln, Gewürz, etwas Zitronenschale und hinreichend Salz, gut bedeckt, völlig weich gedämpft und nach einigem Verkühlen in Stücke geschnitten und in einem Geschirr bei Seite gestellt. Dann werden die Knochen und Abfälle im Mörser feingestoßen, mit der nötigen Menge brauner Sauce, dem Geflügelsaft, 2 Glas Rotwein, etwas Champignons und Trüffelscheiben dickflüssig eingekocht und darauf wird die Sauce durch ein sehr feines Sieb gestrichen, damit kein Knöchelchen mit durchgeht. Zuletzt wird dieser Sauce noch etwas Zitronen- saft beigefügt. Ein Teil dieser Sance wird nun über die Schnepfen gegossen und mit demselben im heißen Bad gewärmt, (d. h. in einem Geschirr, das in heißes Wasser gesetzt wird), die übrige Sauce wird kurz vor dem Anrichten darüber gegossen. Kavalier und Kellner. Wemi ein Mensch mit unter dem Kops gekreuzten Armen einschläft, so bekoinult er „Alpdrücken" und träumt schlecht. Und wenn dieser Mensch zufällig ein junger Leutnant ist, so kann man zehn gegen eins wetten, daß er von Schulden träumt, von Ehren-, Spiel- und Kasinoschulden, die sich um ihn herum anhäufen bergehoch, und ihn aus dem Regiment, aus der Armee, aus Europa treiben. Und im Traiime sieht er sich schon in einem großen, prachtvollen Restaurant als Kellner auf- und ablaufen und protzigen Emporkömmlingen Austern servieren und Sekt eingießen. Denn natürlich! Der entgleiste Offizier muß, zumal wenn er Aristokrat ist, nach Amerika, und dort bleibt ihm nichts anderes übi^' Kellner in einem vornehmen Restaurant zu werden. ~ „ So und nicht anders hört man feit Jahrzehnten erzählen ; von Zeit zu Zeit taucht der „Graf" als Kellner auch in unseren Zeitungen in amerikanischen Reisebriefen auf, und der amerikanische Vetter erzählt, wenn er in die alte Heimat zurückkehrt, am Wirtshaustisch den hochauf- horchenden „Europäern", daß er sich „drüben" überhaupt nur von Aristokraten bedienen lasse und daß in feinem Stammgasthans in der 197. Straße (solche hohen Zahlen imponieren immer!) nur Leute vom Grafeil auswärts als Kellner genommen werden. Mir kam die Sache seit jeher verdächtig, vor. Es wollte mir einerseits nicht recht einleuchten, daß diese Herren mit dem blauen Blut und dem verlorenen Portepee unbedingt Kellner werden müssen, andererseits konnte ich mir nicht denken, daß die amerikanischen Restaurateure sich gerade auf Leute, die die Landessprache nicht beherrschen, dafür aber vielleicht Wechsel gefälscht haben, kaprizieren. Und als ich nach Newyork fuhr, beschloß ich, der Sache auf den Grund zu gehen und den aristokratischen Kellner an Ort und Stelle zu studieren. Mein Plan mißglückte aus einem ganz merkivürdigen Grunde, auf den ich nicht gerechnet hatte: Es ist mir nämlich während eines vierjährigen Aufenthaltes in Newyork und anderen Großstädten der Union nicht gelungen, ein lebendes Exemplar eines blanblütigen Kellners vor Gesicht zu bekommen! Ich ließ es bei meinen Unternehmungen an Gründlichkeit nicht fehlen. In großen deutschen Restaurants, in Cafss, Bars, Saloons, im Klubhaus und in vornehmen amerikanischen Hotels, überall spracy ich mit den Kellnern und ließ mir ihre Lebensgeschichte erzählen, den „Grafen" konnte ich aber nicht entdecken! Entgleiste Existenzen fand ich oft genug im weißen Saeco mit Schurze oder im schwarzen Frack, der Mehrzahl nach Leute, die in der alten Heimat Kommis oder Buchhalter gewesen waren, einmal sogar einen ehemaligen Schullehrer, der mir schmunzelnd versicherte, daß er als „Waiter" an einem Tag fast den Monatsgehalt eines österreichischen