Samstag den 7. Februar. »B1 MU« Äil Will.;- ■„<:: MG H (Nachdruck verboten.) Eine verhängnisvolle Fahrt. Roman von B. M. Croker. Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen von Alwina Wischer. (Fortschung.) Heftig griff Sir Greville darnach — es war der vierte Teil eines Briefbogens, der tatsächlich Nitas Handschrift trug,. Mit noch tiefer erblaßtem Gesicht las er: „Mr. Lo- vell liebt und schätzt — niemals glücklich mit Dir gewesen — keinen Wert mich zu verfolgen." Er warf das Papier weg, als ob es Feuer wäre, und verbarg das Gesicht in beide Hände. „Ryan", sagte er endlich, das düstere Schweigen brechend, „verzeihen Sie mir; Sie haben mir die Augen geöffnet; nun aber halten Sie auch reinen Mund." Während er so sprach, hob er das Papier wieder auf und zerriß es in viele kleine Fetzchen. „Das will ich gern. Sie aber werben Gerechtigkeit üben. Ich verlange ja gewiß nicht von Ihnen, daß Sie Ihre Frau fortschicken, Cie dürfen im Gegenteil nicht zu streng mit ihr ins Gericht gehen, denn sie ist eben ein schwaches törichtes Geschöpf." Als hätte ihn ein Schlag ins Gesicht getroffen, so heftig fuhr Sir Greville zurück. Es erleben zu müssen, daß dieser alte irländische Invalide ihn bat, Nachsicht mit seinem Weibe zu üben, war vielleicht der Höhepunkt seiner Beschämung. Sir Greville konnte sich später nie mehr erinnern, wie er ins Hotel zurückgekommen war. Als er jedoch in das kleine Wohnzimmer hereingewankt kam, wo seine Schwägerin saß, machte er den Eindruck eines vollständig gebrochenen Mannes, und sein Gesicht war so geisterhaft bleich, dag Maureen hastig aufsprang und ihm seinen Lehnstuhl zuschob. „Ich bin durchaus nicht krank", sagte er, auf den Sitz niedersinkend, indem er sie sonderbar, wie geistesabwesend anstarrte. „Du bist ein edles Mädchen, aber Dein Opfer war umsonst. Ich weis alles." „Wer sagte es Dir?" fragte sie heftig. „Der alte Ryan. Er konnte es nicht ertragen, baß Dir die Schuld zugemessen wurde, anstatt Nita und jenem verfluchten Schurken. Wenn ich an all das denke, was ich in meinem Zorn gesagt und getan habe, so darf ich nicht hoffen, daß Tu mir jemals vergeben wirst. Augenblicklich bin ich wie betäubt; mir ist, als sei eine Bergeslast auf mich gestürzt und drohe mich zu erdrücken. Aber ich werde mich schon befreien", fügte er auffahrend hinzu. Maureen jedoch war flinker als er und hatte noch vor ihm die Ture erreicht. Dort stand sie nun, den Rücken dagegen gelehnt mit ausgebreiteten Armen und flammenden Augen. Wundervoll hob sich ihre hohe, schlanke, in Weiß gekleidete Gestalt von dem dunkeln Eichenholz flk Und selbst dem vor Mut fast blinden Sir Greville entging es nicht, daß es ein herrliches Weib war, das sich hier zwischen ihn und seine Gattin geworfen hatte. „Nein", sagte sie gebieterisch, „Du wirst diese Schwelle nicht überschreiten, ehe Du mich fünf Minuten angehört hast. Das wenigstens schuldest Du mir. Ich bitte Dich, bergteti ihr." „Du glaubst wohl, ich sei kindisch geworden? Maureen, das ist zu viel verlangt." „Dann höre mich wenigstens fünf Minuten lang an. Es geschah alles aus Liebe zu Dir." „Daß sie mit Lovell davonlief?" unterbrach er sie wütend. „Ja, denn die Eifersucht hatte sie unzurechnungsfähig gemacht. Ich gab Dir einmal einen Wink, aber Du wolltest ja nicht auf mich hören. Sie war so daran gewöhnt, Dich stets in ihrer Nähe zu haben, daß Deine anscheinende Vorliebe für eine andere Frau sie geradezu verrückt machte. Mir vertraute sie ihre Gefühle an, Dir gegenüber erlaubte es ihr Stolz natürlich nicht. Dein langer Aufenthalt auf den Skellings setzte der Sache dann vollends die Krone auf." „Das ist ja lauter albernes, kindisches Zeug!" warf er dazwischen. „Mag sein. Mein Deine viertägige Abwesenheit, die dummen Scherze der Leute, Mr. Lovells Einflüsterungen, seine teilnehmenden Aufmerksamkeiten und sein unsinniger Vorschlag, Dich zu verlassen, führten die Katastrophe schließlich herbei. Nachdem ich mich auch am vierten Tage ganz dumm und heiser gesprochen hatte, ging ich endlich aus, um etwas frische Lust zu schöpfen, und als ich zurückkehrte, war sie auf und davon gegangen, um Dich zu strafen und zwar mit den gleichen Gefühlen, die sie um Deinetwillen erduldet hatte." „Denkst Du wirklich, ich sei ein solcher Narr, und glaube diesen Unsinn?" fragte er mit bitterem Hohn. „Du mußt mir glauben. Tust Du es nicht, so wirst Du es schmerzlich bereuen. Nita tat ihr unsinniger Schritt schon leid, nachdem sie kaum eine Meile von Ballybay entfernt war, und bei meinem Kommen fand ich sie in trostloser Verfassung. Wir eilten zurück, so rasch wir konnten, kamen aber docb zu spät." „Ja, allerdings zu spät." „Da Tu bei unserem Kommen bereits, einen falschen Schluß gezogen hattest, schwieg ich um sie zu retten. „Wegen des Briefes unternahmt ihr also die Wett fahrt, wegen jenes Briefes, den Tu an Dich nahmst und zerrissest? Na, sie kann sich zu einer solchen Schwester gratulieren, so giebt's unter tausend kaum wieder eme. Warum tatest Tu das alles?" „Weil ich sie lieb habe, weil ich schon damals als ich mit meinem Vater auf einige Zeit nach England kam. die Ueberzeugung gewann, daß Nita schwach und emeS 82 Offizier in Indien." _ .. t „ I „ES war also Ihre Familiengeschichte, ine der alte I Mann uns damals erzählte?" „ . I „Ja, meine Großeltern führten ein sehr üppiges | Leben, die Landwirtschaft ging immer mehr zurück, mein Vater aber hatte trotzdem für jedermann eine sehr offene Hand. Gott sei Dank starb meine Mutter noch vor dem großen Zusammenbruch, zu welcher Zeit ich mich ahnungslos in Indien befand. Da plötzlich erhielt ich eines Tages völlig unvorbereitet die Nachricht von dem Bankerott meines Vaters und am darauffolgenden Tage die seines Todes." Sir Greville nickte teilnehmend. „Nun kehrte ich schleunigst nach Hause zurück, um Ordnung zu schaffen, allein es war mir unmöglich. Ich selbst sah mich völlig mittellos. Wohl hatte ich verschiedene gute Freunde, aber was können die einem helfen, auch wenn sie den besten Willen dazu haben? Mehr gelernt, als für meine militärische Laufbahn nötig war, hatte ich nicht. Ohne besondere Kenntnisse und ohne Vermögen konnte ich nichts anfangen, Hürdenrennen, Kutschieren, eine Schwadron führen, das verstand ich wohl, aber was half mir das?" „Sie hätten eine Sekretärstelle annehmen können." „Ich hasse Schreibereien und bin ein äußerst schlechter Rechner; das Leben im Freien sagt mir viel mehr zu, und als mir vor drei Jahren das Offert der hiesigen Post- verwaltung zufällig in die Hände kam, nahm ich es an." „Sind die Desmond'fchen Besitzungen jetzt vollständig für Sie verloren?" „Richt ganz, aber sie befinden sich in einem sehr schlechten Zustand. Meine Großmutter, Madame Desmond, lebt noch, und zwar aus ziemlich großem Fuße. Die besitzt ein schönes Haus in Montjoy-Square in Dublin und hat in den neunzig Jahren ihres Lebens niemals den Wert des Geldes schätzen gelernt, Unbekümmert um alles wirft sie auch heute noch das Geld zum Fenster hinaus." , „ ,, _ „Können Die sie denn nicht veranlassen, rhre Ausgaben zu beschränken?" r rv. , Da kennen Die meine Großmutter schlecht; aber ich tue natürlich mein Möglichstes. Sie ist noch immer eine sehr gesunde, lebenslustige alte Dame und dabei entsetzlich hochmütig. Wenn sie meinen Beruf erführe, würde iie sofort der Schlag treffen." „Dann würde ich sie so rasch als möglich über den Stand der Dinge aufklären." „Im Gegenteil, ich lüge sie sogar ein wenig an, und sie glaubt, ich sei den größten Teil des Jahres aus der Jagd oder auf Besuch bei Freunden; letzteres trifft übrigen s im Winter auch manchmal zu. Irgendwo habe ich noch einen Frack versteckt, wundern Sie sich also Nicht', wenn Sie mich eines Tages in Piccadilly antreffen." „Das würde mich sehr freuen. Was für eine romantische Geschichte! Warum heiraten Die eigentlich nicht irgend ein reiches Mädchens „So weit bin ich denn doch noch Nicht heruntergekommen", antwortete er errötend. „Ich werde als Junggeselle sterben — als Letzter der Familie Desmond." „Hoffentlich nicht. Ihr Schicksal wird sich schon noch wenden. Wenn Sie nach London kommen, müssen Die uns besuchen." „Sehr freundlich." „Meine Frau und Schwägerin werden übermorgen abreisen." . _ ., „Wirklich? Ich kann mir wohl denken, daß ihnen dieser Ort jetzt verleidet ist." „Vorerst gehen sie nach Dublin, um chre Verwandten — auch D'Archs — zu besuchen." So viel ich weiß, wohnt dre Familie ebenfalls tn Montjoy-Square, meine Großmutter kennt sie sehr genau. „Tas ist ein eigentümliches Zusammentreffen. Doch nun", sagte er, sich erhebend, „darf ich Sie nicht langer stören, denn ich weiß, Sie sind ein Frühaufsteher, ^ch hoffe indes. Sie recht bald wiederzusehen, Henn ich habe die Absicht, noch einige Zeit allein hier zu bleiben. Sie müssen manchmal zu mir herüberkommen und eine Zigarre rauchen — und mit mir zu Mittag speisen." Terence schüttelte lächelnd den Kopf. „Es ist sehr freundlich von Ihnen, allein ich nehme niemals eine Einladung an. Denken Sie nur, was das für eine Aufsehen machte, wenn Sie mich mit sich an die Table d'hote bTa^Smrr komme ich eben zu Ihnen, wenn Sie gestatten?« , Ja, tun Sie das, es wird mich außerordentlich freuen , i erwiderte Terence, indem er seinen Gast bis vor die Ture begleitete und ihm sinnend nachschaute. ~ Qitoi Tage später hatte die Frühkutfche eine Menge Reisender zu befördern, denn die Dadesai;on näherte sich ihrem Eiide. Sir Greville, der seine Damen bis zum Haupt- knotenpunkt begleiten wollte, nahm den Doc^ltz em wahrend Nita, deren Schwester und Tasfy ziemlich wett hinten im Wagen saßen. Als das Fuhrwerk im frischen Morgen- I wind und strahlenden Sonnenschein durchs -Städtchen I rasselte, wagte Maur een kaum die Augen auszuschlagen, denn Tränen verdunkelten ihren Blick. Sw sollte es ja jetzt verlassen, das Land, an dem ihr Herz hing, das Land I niit seinen geheimnisvollen, unter Wasserrosen schlummernden Seen, seinen violett schimmernden Bergen, feiner feuchten, kräftigen Luft und seiner weichen Sprache. Wurde ste I es jemals Wiedersehen? — Nita dagegen sah träumerisch I zurück und stieß einen langen Seufzer der Erleichterung aus. „Scheußlicher Ort !" rief sie „Gott sei Tank, daß ich endlich fortkomme! ... Wie rasch wir wieder fahren! Wer wie ich sehe, kutschiert ja Terence, dann ist Nichts zu I b-stürchten. Es ist wunderbar, wie sicher ich mich immer in seiner Nähe fühle, sogar auf den Bock könnte ich mich I setzt setzen. Warum nahmst Du Dir Nicht diesen Platz? I M aureen antwortete nicht. Mittlerweile eilte der Wagen die wohlbekannte Straße entlang, und jebe Meg- ung, jeder Felsvorsprung rief die Erinnerung an jene I erste verhängnisvolle Fahrt in ihr wach. Endlich langten sie auf der Station Carra an, und nur wenige Minuten blieben bis zum Abgang des Zugs. Maureen stieg aus und sah sich nachdenklich um. Waren wirklich erst zwei Monate vergangen, seit sie hier | gestanden und aus einen ähnlichen Wagen gewartet hatte, ohne zu ahnen, was sie alles erleben würde? ^a, das | am allerwenigsten Erwartete war eingetroffen. Die hatte | in den Grund ihres eigenen Herzens geschaut und wußte nun, wenn sie diesem Gefühl auch kaum Raum zu geben wagte, daß all die Liebe, deren sie fähig war - die erste und letzte Liebe, die sie zu vergeben hatte — jenem Man« dort auf dem Bock gehörte, der noch iMmer die Zugel des 1 Viergespanns festhielt, und dabei in gleichgtttigem Ton Haltes bedürftig sei, und daß ich die Pflicht habe, ihr t zur Seite zu stehen. — Das tue ich auch jetzt." „Weiß Gott, daß Tu das tust!"F . „Und ich flehe Dich an, ihr zu vergeben, tote ich Dir vergebe. Du sagtest, ich sei eine Schwester, wie es unter ! Tausenden kaum eine gebe, nun, so sei Du ein Gattie, I tote man unter einer Million nicht einen findet. Bedenke den Skandal, die Schande und den Jammer. Es würde sie töten." 25. Kapitel. Die Friedenspfeife. Was auch immer während der ziemlich lange andauernden Unterredung zwischen dem Baronet und seiner Gattin vor sich gegangen sein mochte, das Ende war j Friede. Obwohl Lady Fanshawes hübsches Gesicht durch zweistündiges, ununterbrochenes Weinen fast unkenntlich geworden war, so verließ sie ihr Gatte, als er sich zur Mittagstafel hinunter begab, doch völlig versöhnt. Männer find eben auch nur schwache Menschen, und Nita war unwiderstehlich. , Sogleich nach beendigter Mahlzeit begab sich Sir Greville zu Terence, um ihm seine aufrichtigsten und wärmsten Entschuldigungen und Dankesbezeugungen darzubringen, die auch aufs freundlichste ausgenommen wurden. Mehr als eine Stunde lang rauchten die beiden Männer im wahren Sinne des Wortes miteinander die Friedenspfeife. Die kürzlich stattgefundenen Ereignisse wurden kaum erwähnt, dafür aber allerlei andere Dinge, tote Tabak, Tweed — die Hauptindustrie des Ortes — Flußjagden und Bulldoggenzüchtungen eingehend erörtert. Ms Terence sah, daß die Augen seines Gastes etwas erstaunt von dem abgenützten Tigerfell zu einem massivsilbernen Aschenbecher wanderten, sagte er plötzlich: „Was Lady Fanshawe und Miß D'Arcy bereits wissen, will ich auch Ihnen nicht länger verheimlichen. Obwohl ich hier in der Gegend nur als Kutscher Terence bekannt bin, so ist mein wirklicher Name doch Desmond. Ich stand früher als 83 mit einem Stallknecht sprach. Da plötzlich stellte sich dieser vor die vorderen Pferde, der Kutscher schwang sich herunter und kam auf die Damen zu. „Ein herrlicher Reisetag", bemerkte er, zu Lady Fan- shawe gewandt. „Ihr Herr Gemahl sagte mir, daß Sie zu der Familie D'Arcy nach Dublin gehen, die meine Großmutter — Madame Desmond — sehr gut kennt. Es ist nicht ausgeschlossen, daß Sie mit ihr zusammentreffen werden, in diesem Fall bitte ich, mich ja nicht zu verraten." „O, nein, ich bin die Verschwiegenheit selbst", erwiderte Lady Fanshawe, die nun fast fünf Minuten plaudernd und Lachend bei ihm stehen blieb, und sich alle Mühe gab, im letzten Augenblick noch seine Gunst zu erringen. Terence aber, der sich auffallend schweigend verhielt, verging fast vor innerlicher Ungeduld. Wird sie denn niemals fortgehen, und ihn einen Augenblick allein mit Maureen lassen? Da endlich stürzte sie mit einer erschrockenen Frage nach Taffy davon, und Terence wandte sich zu ihrer Schwester: „Ich kam, um Ihnen Lebewohl zu sagen." Lebe wohl, zwei kurze Wörtchen, aber sie enthalten, wie der alte Pat sagt, viel Kummer und Leid. Terence war sehr errrst und blaß; die Augen hatte er fest auf Maureens halb abgewandtes Gesicht geheftet. Ihr aber war die Kehle wie zugeschnürt, kein Wort entrang sich ihren Lippen. Eine qualvolle Pause folgte, während sie unbeweglich neben ihm stand und auf ein weiteres Wort von ihm wartete. Schon ertönte laut die Glocke der Abfahrt, da lüftete er schweigend den Hut und ging zum Wagen zurück. „Maureen, so komm doch rasch und steig, ein, es ist die höchste Zeit!" rief Nita. Maureen sicherte sich einen Platz am Fenster und schaute, während sie langsam aus der Station abfuhren, dem Wagen nach. Terence aber wandte die Pferde und fuhr weiter, ohne noch einen Blick nach dem Zug zu werfen. „Um des Himmels Willen, was ist Mr?" fragte Lady Fanshawe, „Du siehst ja aus wie ein Gespenst!" „Ich — ich habe Kopfschmerzen, so wie Du sie manchmal plötzlich bekommst', antwortete sie lächelnd, indem sie aufstand und sich in eine entfernte Wagenecke fetzte. Arme Maureen!- Ihr blasses Aussehen hatte seinen Grund in etwas weit Schlimmerem als nur in Kopfweh. Herzweh war es, unter dem sie zum erstenmal in ihrem Leben litt. 26. Kapitel. Terences Versuchung. Sir Greville war nicht der Mann, der sich gerne mit feiner eigenen Gesellschaft begnügte, ihm war ein lustiger Gefährte oder ein teilnehmender Zuhörer Bedürfnis, und so trat er seinen gewöhnlichen Sonntagsbummel in recht niedergeschlagener Stimmung an. Rita, Maureen, Mrs. Duckitt und manche andere Bekannte waren abgereist, sodaß er sogar den Verlust des sonst so verachteten Taffy zu beklagen begann. Es war ein schöner Nachmittag — der erste Sonntag im Oktober. Nur wenige weiße, zerrissene Wölkchen zogen langsam am blaßblauen Himmel hin; die See war ausnahmsweise ruhig. Sir Greville richtete seinen Spaziergang heute zur Abwechslung nach einer einsamen, an schroffen Felswänden sich hinziehenden Straße, auf der in früheren Zeiten der Postverkehr stattgefunden hatte, die aber jetzt mit dichtem Gras bewachsen war, und einen Lieblingsweg der Ziegen und des verirrten Weideviehs bildete. Als Sir Greville die Höhe erreicht hatte, kletterte er über einen Heckenzaun in ein erst kürzlich gemähtes Haberfeld, um aus näherem Wege zu einem Felsvorsprung zu gelangen, von wo aus man einen hübschen Ueberblick aus die Bucht hatte. Fast unbeweglich, wie schlummernd, lag die weite Wassersläche zu seinen Füßen, und außer einigen unternehmungslustigen Krähen und Seemöven war weit und breit kein lebendes Wesen zu sehen. Und doch, dort gerade unter ihm stand ja Terence Desmond, die Arme aus einen Felsen gestützt, mit sonderbar starrem Blick in die Ferne schauend. Was hatte das zu bedeuten? Sir Greville war durchaus nicht phantasie- voll angelegt; wie hätte er also auf den Gedanken kommen sollen, daß die Züge des jungen Mannes namenlose Verzweiflung ausdrückten? Er bemerkte nur, daß Terence blaß und verstört aussah. Sollte er am Ende krank gewesen {ein? — Ob krank oder gesund, Sir Greville war jedenfalls hoch erfreut, ihn zu sehen und eilte hinunter, indem er ihm in herzlichem Tone zurief: „Hallo! wie gehts? Sie sehen schlecht aus. Sind Cie krank gewesen?" „Nein, ich bin niemals krank; ich habe eine Gesundheit wie ein Pferd. Oder besser gesagt", fügte er lachend hinzu, „ich wollte, alle meine Pferde wären ebenso gesund als ich." „Dann haben Cie wohl irgend einen Kummer?" „Vielleicht. Jedermann hat seine guten und bösen Tage — seine heiteren und traurigen Stimmungen." „Allerdings, ohne Ihre Hilfe aber bestände mein ganzes künftiges Leben aus lauter bösen Tagen." „Nein, nein, das ist alles Miß D'Arcys Verdienst." „Ich will Ihnen etwas sagen — seit ich Sie zuletzt sah, habe ich viel über diese ganze Geschichte nachgedacht, und ich weiß jetzt, daß ich mein Lebtag in Ihrer Schuld stehe." Eine Pause trat ein. „Aufrichtig gesagt, Desmond, ich kann nicht begreifen, wie Sie, ein Fremder, ein Mann, der alle Hände voll zu tun hat, so ohne weiteres dazu kamen, meiner Frau und Schwägerin solch große Dienste zu erweisen." (Fortsetzung folgt.) Nüalj l Wl dimirolvnr. .Bon A. Tschechow. Deutsch von Stefania Goldenring. (Nachdruck verbalen.) Natalja Wladimirowna begann zu erzählen: Bor etwa neun Jahren ritten wir, der Untersuchungsrichter Pjotr Sergjejewitsch und ich während der Ernte gegen abend nach der Msenbahnstation, um Briefe zu holen. Tas Wetter war prächtig, aber auf dem Rückwege hörte man entferntes Donnergeroll, und wir sahen eine böse, schwarze Wolke uns direkt entgegenziehen. Immer näher rückte die Wolke heran. Bon ihrem Hintergründe hoben sich unser Haus und die Kirche weiß schimmernd ab, silbern erglänzten die hohen Pappeln. Es duftete nach Regen und nach gemähtem Heu. Mein Reisegefährte war sehr guter Stimmung. Er lachte und redete viel Unsinn zusammen. Es wäre nicht übel, meinte er, wenn wir an einem mittelalterlichen Schlosse mit zackigen Türmen, Eulen und Moos vorüberkämen, wo wir vor dem Regen Zuflucht suchten und schließlich vom Blitz erschlagen würden. — Nun begannen aber die Roggen- und 6af jeider zu wogen, ein Wind erhob sich, durch die Luft wirbelte der Sand. Pjotr Sergjejewitsch lachte und drückte die Sporen fester. „Prachtvoll!" rief er. „Ganz herrlich!" Seine Begeisterung teilte sich mir mit, und bei dem Gedanken, daß ich im nächsten Augenblick bis auf die Haut durchnäßt sein würde und vom Blitz erschlagen werden könnte, begann ich ebenfalls zu lachen. Bei solchem Sturm und dem hastigen Ritte, während dem man den Atem verliert und sich einen Bogel wähn., wogt und keucht die Brust. Als wir in unseren Hof hineinritten, hatte sich der Wind gelegt, und dicke Regentropfen fielen prasselnd auf das Gras und auf die Dächer. Im Stall war kein Mensch. Pjotr Sergjejewitsch sattelte selbst die Pferde ab und führte sie in die Pferdestände. Ich wartete auf iha an der Schwelle und schaute nach den schrägen Regenstreifen; den süßlichen, würzigen Tust fühlte man hier stärker, als auf den Feldern; infolge der Wolken und des Regens war es dunkel. . . , „Tas war aber ein Schlag!" sagte Pjotr Serg;eiewltsch und trat nach einem starken, rollenden Tonnerschlag, bei dem d er Himmel auseinanderzuprallen schien, näher zu mir heran. „Was sagen Sie dazu?" Er stand neben mir auf der Schwelle und blickte mich an, schwer keuchend von dem stürmischen Ritt. Ich bemerkte, daß er mich mit Vergnügen betrachtete. „Natalja Wladimirowna", sagte er, „ich würde alles hergeben, um nur so lange wie möglich hier stehen und Sie betrachten zu dürfen. Heute sind Sie herrlich schön!" Seine Augen blickten begeistert und flehend, sein Gesicht war bleich, am Bart und Schnurrbart glänzten Regentropfen, die mich ebenfalls liebend anzublicken schienen. 84 Mauer, die z: er Tauschrätsel. «Nachdruck verboten.) b. Gebäude. Nahrungsmittel. Charaktcrzug. Märchengestalt. Land in Asien. Baum. Gesäß. Hausgerät. Himmclsbewohner. Tiakons — ich - Gott. < a. 1. Nagetierchen 2. Getränk 3. Empfindung 4 Glück Land 5. Alles Gewicht 6. Rückstand 7. Himmelskörper 8. Wasserlicr s e kenne, zu feige, träge, müde und zu zweqeuw; pc ver- jöslnen sich allzu schnei' mit dem Gedanken, daß sie Pechvögel seien, daß das L den sie betrogen habe, anstatt zu kämpfen. kritisieren sie, nennen die Welt gemein und ver- g s en, daß ihre Kritik allmählich zur G meinhert wird. l’.ch wurde geliebt, das Glück war nahe, und schien Schulter an Schulter mit mir zu leben. Ich jubelte und trillerte, ohne mir Mühe zu geben, mich zu begreifen, ohne zu wissen, worauf ich wartete, was ich vom Leben begehrte, — und die Zeit ging dahin. liebe Sie", sagte er. „Ich liebe Sie und- bin glücklich, daß ich Sie sehe. Ich weih, daß Sre Nichtmeine Zrau werden können, aber ich will und begehre nichts, nur Pn(f™, wissen, daß ich Sie liebe. Bitte, antworten Sre nur nicht, beachten Sie es nicht, nur wissen Sie, daß Sre ,nir teuer sind, und erlauben Sie mir, Sre anzuschauen. Seine Begeisterung bannte mich jetzt völlig. Ich blickte in sein verzücktes Gesicht, hörte seine Stimme, die srch mrt deni Geräusch des Regens vermischte; tote verzaubert stand irb da, unfähig, mich zu regen. Gerne hätte ich ohn' Ende in diese leuchtenden Augen sckraiien, diese Stimme vernehmer, mögen. „Sie schweigen — das ist schön!" sagte Pjotr Sergje- iewitsch. „Schweigen Sie noch länger!" Mir war so wohl zu Mut, ich lachte vor Vergnügen und rannte im strömenden Regen nach Hause zu; auch er lachte und lief hüpfend hinter mir her. Lärmend, wie Kinder, naß, außer Atem, auf der Treppe polternd, stürzten wir in die Zimmer hcnern. Mein Vater und Bruder, die nicht gewohnt waren, mich ausgelassen und lachend zu sehen, blickten mich erstaunt an und fingen Bor mir zogen liebende Menschen vorüber, huschten Helle Tage und warme Nächte vorbei, sangen die Nachtigallen, duftete das Heu — und all das Liebe und Wundersame in der Erinnerung verging mir, tote allen, rasch, spurlos, ungeschützt und verschwand, tote eilte Wolle. . . . Wo blieb das alles? . „ Mein Vater starb, ich wurde alt; alles, was mich einst liebkosend mit Freude und Hoffnung erfüllte — das Prasseln des Regens, das Rollen des Tonners,. die Gedanken an das Glück die Gespräche über die Liebe - all.dies war nur eine Erinnerung, — und vor mir sehe ich eine gleich- mäßige öde Ferne: auf der weiten Ebene keine Menschenseele, und dort am Horizont ist s dunkel und unheimlich. Es klingelte. ... Tas ist Pjotr Sergleietoitsch. Wenn ich im Winter die Bäume sehe und daran denke, wie sie im Sommer für mich grünten, dann flüstere ich: „Oh, meine L^Auf Empfehlung meines Vaters ist er schon längst nach der Stadt überwiesen worden. Er ist ein wenig alt und e n wenia mager geworden. Schon lange macht er feine Siebt» erklärungen mehr, spricht keineni Unsinn, liebt seinen Ttenst nicht, hat irgend ein Leiden, ist enttäuscht, hat ein Kreuz über das Leben gezeichnet und lebt unwillig, ^etzt hat e sich au den Kamin gesetzt; schweigend blickt er ins Feuer. i Ich wußte nicht, was ich sagen sollte und fragte. „Nun, was giebt's?" Wieder Schweigen. Ter rote Schein des Feuers huschte über sein trauriges Gesicht. Ich gedachte der Vergangenheit, und plötzlich zuckten meine Achseln, mein Kopf senkte sich, ustdrch begann bitter lich zu weinen. Ein unerträgliches Gefühl des .Mitleids mit mir selbst und mit diesem Menschen packte mich, und eine leidenschaftliche Sehnsucht nach dem, was vergangen war und was das Leben uns nun versagte. Jetzt dachte ich nicht mehr daran, wie vornehm und reich ich war. Ich schluchzte laut, drückte meine Schlafen fest und stammelte: „Mein Gott, mein Gott, ein verlorenes Leben... ■ Und er saß schweigend da und sagte zu mir: Weinen Sie nicht." Er fühlte, daß die Zeit gekommen war," da man weinen mußte. Ich sah ^/"nen Augen an, daß er mich bedauerte; auch ich bedauerte ihn und zürnte diesem feigen Pechvogel, der es weder verstanden, meut, | noch sein eigentliches Leben zu gestalten. , . Als ich ihn hinausbegleitete, zog er mi Vorzimmer, wie mir schien, absichtlich langsam seinen Pelz an. Zweimal küßte er schweigend meine Hand und blickte rn mein v weintes Gesicht. Ich glaube, daß er dabei an das Gewitter, den Reaenstrom, an unser Lachen, an mein damaliges Gesicht dachw § wollte mir etwas sagen er hätte gern ge proche^ sagte aber nichts, nickte nur mit dem Kopfe und druckte mit I feit die Hand. Gott sei mit ihm! . I Nachdem ich ihn hinausbegleitet hatte, kehrte ich ms Wohnzimmer zurück uud setzte mich wieder auis Sofavor den Kamin. Tie roten Kohlen überzogen sich mit Asche ! und fingen an, zu verlöschen. Ter Frost klopfte noch wütender an die Scheiben, der Wind heulte m der Kamin- s röhre.--- --------------- Bornamen. _ . (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Silbenrätsels in vor. Nr.r Parade. 9. Fanqgeräk — Himmclsbewoyncr Aus den Wörtern, deren Bedeutung unter a angegeben ist, solle« durch Umwandlung des Anfangsbuchstabens die unter b angedeutete« Wörter gebildet werden. Sind die richtigen Wörter gesunden, ergeben die Anfangsbuchstaben derselben unter b im Zusammenhang einen weiblichen auch au zu lachen. — Tie drohenden Wolkn hatten sich verzogen, der Donner war verstummt, aber aus Pjotr Sergjejewitschs Bart glanz- teu immer noch die Regentropfen. Wahrend des ganzen Abends bis zum Wendbrot saug und pfiff er, spielte geräuschvoll mit dem Hund, den er durch alle Zimmer jagte, I sodaß er um ein Haar den Tiener mit dem Samovar um- I gefloßen hätte. Bei Tisch aß er viel, machte faule Witze und versicherte, daß, wenn man im Winter frische Gurken I esse, es im Munde nach Frühling dufte. Als ich mich schlaseu legte, zündete ich das Licht an und machte das Fenster weit auf: em unbestimmtes G.suhl bemächtigte sich meiner Seele. Ich dachte daran, das; ich frei gesund, vornehm, reich war, daß ich geliebt wurde, und vor allem, daß ich vornehm uud reich - vornehm und reich war! - Wie schön war das, mem Gott! . . Als dann ein kühler Luftzug mit dem Tau aus dem ©arten in mein Zimmer drang, hüllte ich mich fester m die Betten ein und bemühte mich zu begreifen, ob ich Psotr Serme- I jewitsch liebte oder nicht. . . . Ohne zu einem Entschluß zu kommen, schlief ick> ein. , ... , Als ich des morgens auf meinem uifseu die zckt rüden Sonnen flecke und die Schatten der Lindenzweige sah. erstand das gestern Erlebte lebhaft in meinem Gedächtnis. Tas Leben schien mir so reich und mannigfaltig, ,o voller Herrlichkeit. Eine M lodie umnunb, flech te ich mich rasch an und lief in den Garten. . . . lind was war nachher? Nichts — nachher kam nichts.-- Sm Winter, wenn wir in der Stadt lebten, besuchte uns P otr SergjejeiA sch s ftett. Tie Bekannten vom Laude sind » ir auf dem Laude und im Sommer anziehend,; in der Stadt dagegen und im Winter verlieren sie die Hälfte ihrer Vorzüge. Wenn man ihnen in der Stadt Tee auswartet, so hat man die Enipfindüiig,, als hätten sie fremde Röcke an und als ob sie den Tee ,zu lange mit dem Löffel rührten. Auch in deStadt sprach Pjotr Sc gjejcwitsch zuweilen von Lieb :, aber es kam ganz anders heraus, als auf dem Laube: In der Stabt fühlten wir stcuker die ™ ' • 7,,:;chen uns stand: ich war vornehm und reich, arm und nicht einmal von Adel, der So:,m eines , Untersuchungsrichter und weiter nichts. Alle beide - info-ge meines jugendlichen Alters, er — weiß arum — beirachteten wir diese Mauer als sehr hoch uud stark: u-enn er uns in der Stadt besuchte, lächelte er gezwunw ii uud tri! sirrte dir höhere Welt, und er schwieg düst-i- torim außer ihm noch jemand im Salon war. Es gibt feine solche Mauer, die nicht gebrochen werden könnte, ab : die .S'ld n des modernen Romans sind, soweit ich träge, müde und zu zweifelnd; sie Verne! mit dem Gedanken, daß sie Pech- Redaknon: Tur. Pla.o. Rm-t.-nsdrucl .ml Verlag der Br üb .'wen Univerfit-t-.Bii«. nnd Ll.indrnüerei (Piets« Erben) in Gießen.