Montag den 6. JuU. 1903. — Nr. 99. 'jiri-X'- (Nachdruck verboten.) Die Namensschwestern. Frei nach dem Englischen von Clara Rheinau. (Fortsetzung.) „IHv war alles bekannt über Sie, was Sie nicht wußten ? Und sie versuchte ein Geschäft — ei> mein liebes Fräulein Graham" — rief die erstaunte Zuhörerin dieser unverständlichen Worte — „was meinen Sie damit?" „Ich meine", entgegnete Minor, sich gerade aufrichtend und sehr rasch sprechend, „daß ich, obschon ich natürlich rch selbst und Frau Grahams Enkelin bin, und der ganze Besitz da drüben mein gehört, doch gleichsam wie erne Art — lebendiger Betrug herumgehe. Wenigstens würden die hochnäsigen Herrschaften hier so sagen!" „Ein Betrug--!" „Ja", — antwortete Ellinor mit aller Hast, um eine Unterbrechung zu verhüten — „denn meine Mutter war Nur ein einfaches Dorfmädchen; Sie hatten vielleicht von ihr gehört: Dora Stirling. Ich habe meine Großmutter ausgesucht, sie ist ein gutes, altes Geschöpf und wohnt nt einem entsetzlichen Loch. Und so bin ich also die Enkelin und Nichte von Männern, deren Verwandtschaft mich ver- umtlich aus jeder besseren Gesellschaft hier ausschließen würde. So, nun wissen Sie alles!" Zwei große heiße Tropfen rollten über ihre Wangen und ihre Unterlippe schmollte und zitterte, wie die eines Kindes. Ehe Frau Wilson sich nur soweit sammeln konnte, um zu fragen und zu beruhigen, brach Ellinor in einen Strom- von Tränen aus, schmiegte sich an ihrer Freundin Schulter an, und schluchzte laut: „Und es würde mir I a nichts daran liegen — nicht halb- so viel — aber — ch muß es noch einem andern sagen! Jemand, den ich o liebe. Und würde es ihm — einen Unter — Unterschied machen, wenn auch er miet) liebt? O, meinen Sie?" Sofort hatte Frau Wilsons lebhafter Geist die Sachlage erfaßt, und zu ihren Gunsten gedeutet. .Ellinors niedere Herkunft von mütterlicher Seite war allerdings Nicht ihre Schuld, aber für ihren Vater doch sicher ein Grund mehr, eine angesehene Heirat seiner Tochter zu wun.cheir und bei ihrer Wahl die ungleichen Vermögens- verhmtnlsse zu übersehen. Noch war die peinliche Sache em Geheimnis, und Frau Wilson wollte schon alles so dcch sie es auch bleiben würde. Trotz alledem war Minor eme wünschenswerte-Partie für ihren Bruder. 'M zögerte fte denn auch keinen Augenblick, sondern schlang um erregte junge Mädchen und antwortete ttttl Warme: „Haben Sie nur keine Angst, Liebling, alles sogleich r.u sagen. Ich kenne meinen Bruder gut genug, um zu daß drese Nachricht durchaus keinen Unterschied SlJ tt §OTten für Sie machen wird, wenn er Sie liebt, tote ich nicht bezweifle." Mit einer heftigen Bewegung, die ihre freundliche' Trösterin bald aus dem Gleichgetvicht brachte, machte Minor sich los: „Kein Unterschied für Ihren Bruder", rief sie aus, „wenn er mich liebt! Allmächtiger Himmel, Frau Wilson^ Sie -glauben doch nicht, daß ich ihn meinte, als ich von jemand sprach, den ich — den ich liebte?" Die arme Frau Wilson fühlte sich von einem Schwindel erfaßt; Haus, Bäume, Blumen, alles drehte sich mit ihr im Kreise, als sie mit matter Stimme antwortete: „Ich glaubte es wirklich." „Dann waren Sie in einem großen, großen Irrtum befangen!" rief Minor. „Ich meinte einen ganz andern, einen Jugendfreund, als dessen Braut ich mich schon lange betrachte! Nur müßte er sich erst eine Existenz schaffen^ und mit der Schafzucht geht es eben sehr übel in Australien^ darum versucht Papa immer, uns einander fern zu halten. Mer als ich hierher kam und fand, daß ich wirklich reich' sei, schrieb- ich sofort an Alex, er solle kommen und mich heiraten. Und der gute Junge war so gewissenhaft, daß er mir nicht einmal antworten wollte, ehe er bei Papa in Sydney gewesen, um dessen Einwilligung zu holen. Dgrum wartete ich auch immer so ungeduldig auf meine Briefe, und war ganz wild vor Vergnügen über den letzten, der mir die Nachricht brachte, daß Papa und Alex bereits unterwegs seien. Und Dies ist auch der Grund, warum ich die Arbeiten in Westfields noch ausschiebeu wollte. Als ich nicht gleich von Alex hörte, dachte ich; er würde sich am Ende so einfältig stellen, daß ich hinübergehen und ihn holen müsse; oder wenn er hierher käme, würde er vielleicht selbst alles anordnen wollen. Ich konnte doch nicht von meiner Heirat sprechen, ehe ich derselben sicher war, nicht wahr? Aber seit vierzehn Tagen warte ich- darauf, Herrn Morgan alles, alles zu sagen, und jetzt — o Gott, o Gott, ich hofte doch inbrünstig, daß er sich nichts aus mir macht! In welchem Wirrsal ist doch jetzt alles!" So war es in der Tat! Und wenn es schon Ellinor so schien, wie mußte es erst für Frau Wilson sein? Die schreckliche Ueberzeugung drängte sich ihr aus, daß sie von einem törichten Irrtum sich habe -leiten lassen,' und sie saß eine Weile schweigend da, bis sie gleichsam! zu ihrer eigenen Rechtfertigung sich zu der Frage zwang: „Sie wollten uns gewiß nicht irre führen, Fräulein Graham. Wer wirklich; ich und auch andere bemerkten, daß Sie eine so große, eilte so außerordentliche Vorliebe für meinen Bruder zeigten —" „Und ich zeigte nur, was ich fühlte", vollendete Minor aufrichtig. „Er gefiel mir vom ersten Augenblicke an. Ich glaube, nach Papa, und natürlich lange, lange nach Alex ist er der netteste Mann, den ich je kennen lernte.' Und er ist auch so gescheidt und 'so hilfreich, wie ich Ihnen schon früher sagte; mit meinen ArbeitsleUten wußte er so gut umzugehen, daß ich ihn stets zu fragen und nach 394 Rock. Kann ii noch das Boo abreisen." „Tn mußt nichts Derartiges tun!" rief der Doktor ärgerlich. „Eine solche Reise würde Dich halb! umbringen „Und das Hierbleiben würde es ganz tun", war Ri- chard's bestimmte Erwiderung. „Packe mir das Nötigste zusammen und laß mich weg, wenn Du nicht willst, daß ich den Verstand verliere!" Um die Mittagsstunde des nächsten Tages traf Richartz, der sich während der Fahrt fortwährend mit Selbstvorwürfen gemartert hatte, in Brüssel ein und stand bald vor dem bekannten Hause mit seinen langen Fenstern und reichen Vorhängen. 916er hier wartete seiner eine bittere Enttäuschung. Eine frenide Dienerin öffnete auf sein Klingeln und gab ihm dieselbe 9lntwort, die Frau Ellivt erhalten: „Fraulein Forest ist für immer weggezogen." „Seit wann?" „Seit Mittwoch." Und heute war Samstag! „Da müsse er Fräulein Osborne sprechen", verlangte Herr Morgan etwas ungeduldig. , „Q, Fräulein Osborne war seit etitetn Monat nicht mehr hier. Frau Rochford aber kommt erst am Abend von einem 9lusgang zurück." In verzweifelter Angst wandte sich Richard zum Gehen, als ein blutjunges Dienstmädchen vorüber trippelte, das ein besonderer Liebling 9limee's gewesen war. „Warten Sie", rief er, und drückte der Kleinen ein Fünfsrankstück in die Hand, worauf diese sich freudig bedankte, und ganz ffHßrt’Uf)! fliiftcrtc *. „Ach, Monsieur, wir haben das liebe Fräulein verloren. Und sie war so traurig — v so traurig!" „Können Sie mir sagen, ivo sie ist?" fragte er fast atemlos, denn all diese Verzögerungen setzten ihm gewaltig zu. Von Jeanette erfuhr er nun endlich; daß Fran- feinem Rat zu handeln wünschte. Mer etwas anderes für ihn fühlen? O, niemals! Mein Gott, er ist so ernst und kam mir auch stets schon ganz alt vor — beinahe vierzig! Alex ist zwei Monate jünger als ich." Frau Wilson seufzte tief auf, als ein Mißverständnis nach dem andern sich ausklärte. So niedergeschlagen sah die arme Danie aus, daß Ellinor nun ihrerseits die Trösterin machte. „Jetzt, da Sie meine Herkunft kennen", sagte sie demütig, „werden Sie bald ganz froh sein, daß ich nicht Ihre Verwandte werde. Und Herr Morgan wird weniger betrübt sein, wenn er überhaupt betrübt ist. Denn, F-ran Wilson, ich glaube nicht, daß er jemals daran dachte, mich zur Frau zu wählen. Das hätte ich doch sicher ausfindig gemacht! Gewiß, Sie waren in einem Irrtum befangen, ich hoffe sehnlichst, daß es so sein möge." Ob sie das Gleiche hoffte oder nicht, hätte die arme Frau kaum zu sagen gewußt. 9(6et auch sie wäre beinahe in Tränen ausgebrochen, und ihre Gedanken wirbelten so durcheinander, daß sie eine Aussprache mit ihrem Bruder gleichzeitig herbeisehnte und fürchtete. Sie erhob sich mit einer Miene aufrichtiger Betrübnis und sagte gepreßt: „Ich fühle, ich muß jetzt zu Richard gehen; und nicht wahr, Fräulein Graham, Sie werden meinen törichten Irrtum vergessen und mit Herrn Alex — Alex —" „Boyd", sagte Ellinor, „er ist ein Schottländer." „Mit Herrn Alex Boyd viele Jahre in unserer Nachbarschaft wohnen, hoffe ich. Gern will ich Ihnen über die kleine Schwierigkeit hinweghelfen, die Sie mir anvertraut haben, nnd schließlich werden wir über unsere heutige Unterredung noch mit einander lachen." Aber Beiden schien das Weinen näher als das Lachen, als sie sich jetzt zum 9lbschiede die Hand reichten. Ernst und traurig ruderte Ellinor nach Westfields zurück, während Frau Wilson in unbeschreiblicher Gemütsverfassung das Zimmer ihres Bruders aufsuchte. Nun hatte gerade an diesem Tage Richard nach langen inneren Kämpfen einen weisen Entschluß gefaßt. Es war jetzt Mitte August, und seine arme kleine Brant in Brüssel hatte seit 14 Tagen keine Nachricht von ihm erhalten. Es konnten aber noch Wochen vergehen, ehe er im stände sein würde, seine Hand zu gebrauchen. So durfte es unmöglich noch länger weiter gehen. Wenn es ihn auch die größte Ueberwindung kostete, er mußte die Zurückhaltung ablegen, die er wie einen Panzer um seine Gefühle getragen hatte. Er mußte seine Schwester ins Vertrauen ziehen und mit ihrer Hilfe Aimee seinetwegen beruhigen. Den ganzen Morgen hatte er hin und her überlegt, wie er beginnen, wie er, ohne seine Schwester zu kränken, sein bisheriges Schweigen erklären sollte. Er konnte ihr doch unmöglich sagen, daß er, in Erinnerung an frühere Meinungsverschiedenheiten, hauptsächlich ihretwegen 9limees Briefe sich postlagernd erbeten hatte; und als Fran Wilson jetzt hinaufkam und sich an seinem Lager niedersetzte, war seine eigene Befangenheit so groß, daß ihr bestürztes Aussehen ihm völlig entging. „Ich möchte Dir etwas mitteilen, Jessie", begann er, mit der einen abgezehrten Hand seine Augen bedeckend. „Ich hoffe, Du ivirst Dich nicht verletzt fühlen, daß ich eine für mich wichtige Sache feit meinem Hiersein geheim gehalten habe. Es handelt sich um eine — eine Person, die Du hoffentlich eines Tages sehr lieb gewinnen wirst." Fran Wilson rang nach Atem. Sollte dieser neue Schlag der härteste von allen Jein? „Ich sehe ein, daß ich mit Dir früher hätte davon sprechen sollen", fuhr Richard fort. „Aber wir sind so viele Jahre getrennt gewesen, und mir ist es zur zweiten Natur geworden, meine Angelegenheiten für mich zu be- ■ halten. Allein die Wahrheit ist, ich wünschte — ich möchte — mich verheiraten." „O Richard!" „Ich begreife, daß Du erstaunt bist, Jessie, und wahrscheinlich wirst Du auch anfangs nicht sehr erfreut fein, denn meine liebe Brant besitzt noch weniger Vermögen als ich. Darum sprach ich auch nicht gern davon, bis ich es selbst zu einem genügenden Einkommen gebracht hätte. 916er wenn Du sie kennst, wenn Du sie siehst", — er nahm seine Hand von den Augen weg, um stolz und glückliche zu ihr aufzublicken — „dann wirst Du finden; daß sie viel, viel zu gut für mich ist. Mer jetzt, während Weise bewegst!" „Meinetwegen mögen es fünfzig sein", war die aufgeregte Antwort. „Sei so gut, Wilson, hilf mir in diesen ...J. O ich den Wagen haben? Ich muß heute abend ' ' * wr in Harwich erreichen, und nach Brüssel ich hier festgebannt bin, möchte ich, daß Tu mir einen großen Gefallen erzeigtest und au meiner Stelle ein paar Zeilen an „Aimee" — „9limee Forest" schriebest. Nun, Jessie, was ist Dir?" Es war zu viel! Die arme, wohlmeinende Uicheil- stifterin nahm ihr Taschentuch heraus und schluchzte laut. „O Richard", sagte sie, „ich habe schon an sie geschrieben, und keines von Euch Beiden wird mir dies je verzeihen können!" Dann legte sie ihrem Bruder ein offenes Geständnis ab. Sie sprach von ihren eigenen Wünschen, von dem unglückseligen Irrtum, in dem sie befangen gewesen, der sie zu dem verhängnisvollen Schritt getrieben und wiederholte genau, was sie in der letzten halben Stunde mit Ellinor gesprochen. Es waren die schrecklichsten Minuten ihres Lebens, wie sie ihrem Gatten später wiederholt versicherte. Richard hatte sich ans seinem Ruhebett halb ausgerichtet und lauschte ihren Worten mit tätlichem Schrecken. „Ich hoffe und wünsche sehnlichst, daß sich alles wieder gut machen läßt", stammelte sie gerade, als der Doktor mit fröhlicher Miene, einen Bries in der Hand, das Zimmer betrat. „Harris war so freundlich, dies für Dich mitzubringen, Richard", sagte er, „es war vermutlich aus Versehen nicht in unsere Posttasche gekoininen. Nun, nun, was ist denn los?" — Richard ergriff den Brief und riß ihn in ungeschickter Weise mit der linken Hand auf. Seine Gesichtsfarbe wurde aschgrau, als er die wenigen Worte las: Brüssel, 12. August. Da Sie es wünschen, gebe ich Ihnen Ihre volle Freiheit zurück. Leben Sie wohl! Aimee." „Dies ist Dein Werk", sagte er heiser und reichte seiner Schwester die unglückliche Botschaft hinüber. „Aber ihr lieben Leute, so sagt mir doch nun endlich, was vorgefallen ist", bat der erstaunte Doktor, „lind Richard, um Himmelswillen, was hast Du vor?" Denn der Kranke legte gerade seinen bequemen Hausrock ab nutz suchte wie verzweifelt nach einem andern Kleidungsstück, „Setze Dich hin, Mann, das wird an Deinem Arm ein halbes Dutzend Knochensplitter geben, wenn Du Dich in dieser 395 der Bon ®r. Die Wunsche Pädagogische Betrachtungen. (Im Anschluß an ein Tagesereignis.) A. Messer, Oberlehrer und Privatdozenten Philosophie und Pädagogik. zieherisch wirken. Nun muß aber die Erziehung vor allem anstreben, daß über dem wechselnden, blinden und in sich widerspruchsvollen Trieb lebe», das in der frühesten Jugend beim Menschen allein sich geltend macht, ein kraftvolles, klares, in sich harmonisches Wollen sich entwickle. Das Kind steht ganz unter der Herrschaft des Augenblicks, es ist gänzlich unterworfen den momentanen Triebregungen und Begehrungen, die bald zu dem, bald zu jenem führen, und welche Folgen das Tun hat, .wird noch gar nicht berücksichtigt. Alle höhere Willensentwicklung beruht darauf, daß sich die Fähigkeit ausbildet, den aufstergenden Trieb, ehe er sich in Handlung unisetzt, zu hemmen, lns geprüft ist, ob diesse nützlicy oder schädlich, gut oder böse sei. Daß also nicht momentane Aufwallung, augenblickliches Begehren entscheide, sondern daß der Mensch allmählich sein gesaintes Handeln bis ins Kleine hinein mit Rücksicht ans seine Folgen und zu ober st nach den Normen der Sittlichkeit gestalte, das ist nicht möglich, ohne daß er sittliche Selbstbeherrschung gewinnt, die eben darin besteht, daß vernünftiges Wollen in ihm zunehmend aus dem blinden Triebleben sich heraushebe und die Herrschaft darlein Forest eine lauge Reise angetreten habe mit einer Familie aus Amerika, daß deren Name Henderson sei, und daß sie zuerst in Ostende Halt machen wollten. Nach einem kurzen, fast zwecklosen Besuch bei den Elliots reiste Richard am gleichen Tage nach Ostende weiter, obschon Jarris, der ihn halb als Diener, halb als Wundarzt begleitete, lebhaft gegen diese große Unvorsichtigkeit protestierte. In Ostende wurde das Hotel, in dem die Hendersons gewohnt hatten, bald aufgefunden, aber sie selbst waren nicht mehr hier — sie waren am Abend vorher nach Paris abgereist. Bon Schwäche überwältigt, sah Richard sich gezwungen, den Sonntag zum Ausruhen zu benutzen; aber am Montag ging er nach Paris, wo er ebenfalls nur wenig Erfolg hatte. Die Woche ging zu Ende, ehe er un Fremdenbuch eines neuen amerikanischen Hotels die Namen der Gesuchten fand, und dann hörte er mit unbeschreiblicher Bestürzung, daß sie wenige Stunden zuvor weiter gereist waren. ,, Wohin?" Nach Neapel, meinte der eine Kellner, ein anderer glaubte nach London, und ein dritter behauptete fast mit Bestimmtheit, daß Berlin ihr nächstes Reiseziel gewesen sei. Bei dieser widersprechenden Auskunft fühlte Richard sich von Verzweiflung gefaßt; er wankte und wäre zusammengebrochen, wenn niiyr der treue Jarris ihn rasch in den Wagen geschafft und nach seiner Wohnung befördert hätte. Eine halbe Stunde später stand an seinem Lager ein englischer Arzt, dessen Händen wir ihn eine kleine Weile überlassen müssen. (Fortsetzung folgt.) aus ihm zu lernen. Zunächst bezüglich der Wertschätzung-der Vorgänge in der Schule! Daß es sich dabei zumeist um „Kleinigkeiten" handle, ist ja wohl eine ziemlich weit verbreitete Auffassung, die man nicht erst aus dem Prozesse kennen zu lernen brauchte, über die ich aber anläßlich desselben einige Worte sagen möchte. Nehmen wir an, ein Schüler ist häufig unaufmerksam, er treibt gern „Allotria", er verursacht kleine oder größere Störungen des Unterrichts durch Schwatzen, Sich-Umdrehen, durch diesen oder jenen mutwilligen Streich. Mau ist da int allgemeinen geneigt zu sagen: das sind „Kleinigkeiten"; es ist ungerechtfertigt, daß deshalb die Schule, zumal im Maturitätszeugnis eine geringere Betragensnote erteilt, die doch dem Schüler vielleicht später schaden könnte. m Gewiß ist der einzelne Vorgang als solcher, z. B. die einzelne Störung, etwas Geringfügiges, und es ist sicher eine recht wertvolle Eigenschaft des Lehrers, wenn er Kleinigkeiten als solche zu behandeln versteht und wenn er vor allem nicht in jeder Störung eine bewußte und beabsichtigte Böswilligkeit sieht. Aber so harmlos, ja witzig dieser oder jener Schülerstreich sein mag, die Schule muß grundsätzlich mit Energie dagegen ankämpfen und sie kann das, ohne daß deshalb ein trüber, finsterer Geist in sie einzuziehen braucht. Sie muß als Grundbedingung ihrer Unterrichtstätigkeit aufmerksame Mitarbeit aller Schüler und Enthaltung von Störungen fordern und je älter die Schüler werden, in um so höherem Grade kann und muß sie diese Anforderung stellen. Sie kann es deshalb auch nicht als geringfügig auffassen, wenn ein Schüler, zumal ein älterer, häufig gegen diese Forderung verstößt; er schädigt dadurch nicht nur den Erfolg des Unterrichts für seine Person, sondern er beeinträchtigt ihn auch für die andern. Eine Schule, die eine Lockerung der Disziplin einreißen ließe, würde dadurch die wichtigste Beraussetz- ung eines gedeihlichen Unterrichts gefährden und somit sehr schlecht für ihre Schüler sorgen. Aber die Schule ist nicht nur und Null nicht nur Un terrichts anstatt sein, sie will und soll auch er« über gewinne. Die Schule unterstützt diese Entwicklung in überaus bedeutsamer Weise gerade durch die Forderung der Aufmerksamkeit. Gewiß giebt es auch eine trieb artige, unwillkürliche Aufmerksamkeit, und derjenige Unterricht wird sür den Schüler der interessanteste sein, dem es gelingt, diese unwillkürliche Aufmerksamkeit in hohem Grade zu erregen; aber auch der beste Lehrer kann mit dieser Art des Aufmerkens nicht auskommen, er wird von den Schülern fordern müssen, daß sie ausmerken wollen, und diese willkürliche, aktive Aufmerksamkeit verhalt sich zu jener unwillkürlichen, der sich der Schüler mehr passiv überläßt, wie der in sich konzentrierte, als ureigenste Tätigkeit gefühlte Wille zu dem schwanken, ohne unser Zutun in uns aufsteigende Trieb. So gewinnen, von dieser Seite aus betrachtet, bic oben erwähnten „Kleinigkeiten": das unaufmerksame Abschweften, das Allotriatreiben, die Betätigung der Triebregungen zu Störung und Unfug, noch eine neue und wohl noch größere Bedeutung. All dies erscheint setzt zugleich als bedingt durch eine unzulängliche Fähigkeit, zu wollen. Willensbildung aber ist die Hauptaufgabe aller Bildung und Erziehung, insofern auch die reichsten Kenntnisse und Fertigkeiten nutzlos bleiben, ja schädlich wirken können bet einem mangelhaft erzogenen Willen. Ich halte es übrigens sür recht wichtig — und der Unterrichtsstoff der oberen Klassen bietet genug Gelegen- heit zu dahingehenden Betrachtungen —, daß die alteren Schüler selbst schon zu einer klaren Einsicht in diese si-ragen geführt werden, daß ihre sittliche Erkenntnis geweckt werde gerade auch an den Kleinigkeiten des Schullebens, das doch auch ein Stück „Leben" ist; daß sie vor allem durchdrungen werden von der Ueberzeugung, Ivie hochbedeutsam für ihr ganzes Leben und für den Wert ihrer Persönlichkeit ist, daß sie allmählich die Herrschaft über sich, d. h. über ihre momentanen Triebregungen erlangen. ^>ch denke auch, Dir Lehrer älterer Schüler wird es mit Erfolg versuchen können, den sich aufringenden Vernunftwillen in den Schulern, sozusagen das reifere, bessere Selbst in ihnen zum Bundesgenossen zu gewinnen, sodaß alle Ermahnung von ;eiten des Lehrers, bereit es ja — bei manchen wenigstens -- immer wieder bedürfen wird, nicht mehr gefaßt wird als demütigend, als kränkend, sondern als Erinnerung an das vernünftige „Ich" in ihnen, als Hilfe für das eigene bessere Wollen im Kampfe gegen das „Kind", das noch m ihnen steckt. Dazu ist freilich überaus wichtig, daß der Lehrer Vertrauen bei den Schülern besitze, daß das Gefühl und mehr und mehr die klare Erkenntnis sie beherrscht, die Forderungen der Schule, die der Lehrer ihnen gegenüber vertritt — und die bei zunehmendem Alter leicht als br- I engend empfunden werden — seien durch das Zusammen- | arbeiten notwendig, also nicht in der Willküroder der Pedanterie der Lehrer, sondern in der Sache selbst begründe» und in ihrem eigenen Interesse an sie gerichtet. Nun kann natürlich auch der ältere Schüler noch nicht vollendete. Selbstmacht, vollendete Herrschaft des sittlichen Bewußtsein besitzen; denn diese ist em ine SW M verwirklichendes Ideal: nicht em vollendeter sittlich-guter Menschs sondern nur ein ehrlich ^iach chVervollkommiiuug > strebender Mensch kann der Schüler, ja kann schließlich nachstehenden Ansführuiigeu gehen aus dem hervor, daß der bekannte Prozeß, der gewiß manchen Beteiligten gar viel Arbeit, Mühe und Aufregung verursacht hat, nicht ganz ohne positives und wertvolles Ergebnis für das Verhältnis von Schule und Elternhaus bleiben möge; und es ist in der Tat hierfür manches 396 Auch der Erwachsene nur werden. Die „sittliche Reife", die die höhere Schule ihren Witurienten mitgeben möchte, bedeutet nicht, daß die sittliche Erziehung nunmehr fertig sei — denn sie wird nie fertig —, sondern daß die Erziehung durch andere jetzt zurücktreten könne, weil der Zögling sich jetzt selbst in Zucht zu nehmen versteht. Wenn aber ein Schüler in recht merkbarer Weise diese Selbstzucht vermissen läßt und infolgedessen in seiner Haltung und in seinem Benehmen den Anforderungen der Schule oft nicht genügt, so kann doch die Note, die ihm in seinem Abiturientenzeugnis „über das Betragen während des letzten Schuljahres"*) auszustellen ist, wenn anders sie mit Ernst und Wahrhaftigkeit erteilt werden soll, nicht „gut" heißen, man wird vielmehr zu dem nächst niedrigen Prädikat greisen müssen: „Nicht ohne Tadel" — das ja auch buchstäblich einem solchen Sachverhalt entspricht. Aber das schadet vielleicht später dem jungen Manne! — Man kann daraus zunächst bemerken, daß das Maturitätszeugnis im allgemeinen lediglich als Voraussetzung für die Immatrikulation bezw. die Zulassung zur Staatsprüfung in Betracht kommh,und daß dafür in den meisten Fällen die einzelnen Noten als solche nicht in Berücksichtig- ung gezogen werden. Wenn aber auch gelegentlich die „einzelnen" Noten aus bestimmten Gründen in Betracht kommen, so darf die Erwägung, daß eine schlechtere Note vielleicht schaden kann, durchaus nicht zur Abschwächung führen. Das Abiturientenzeugnis soll nicht ein liebens- ivürdiger Empfehlungsbrief sein, der es etwa mit der Wahrheit nicht so genau nimmt, sondern eine amtliche Urkunde, die ein möglichst objektives Urteil über das Betragen des Schülers und seine Leistungen in den einzelnen Fächern enthält. Bei Feststellung der Noten aber hat nicht nur persönliche Antipathie, sondern auch persönliche Sympathie zurückzutreten; nur objektive Erwägungen haben den Ausschlag zu geben. Auch ist es weder ein Widerspruch, noch eine Heuchelei, wenn die Schule einen Schüler, dem sie ein wenig günstiges Zeugnis mitgeben muß, doch mit den besten Wünschen für seine Zukunft entläßt. Ja, man kann sagen: wie oftmals kränkliche Kinder, die den Eltern unendlich viel Mühe und Sorge verursachen, ihnen doch — oder gerade deshalb — die teuersten sind, so kann es vorkommen, daß gerade die herzlichsten — wenn auch mit Befürchtungen gemischten — Wünsche der Lehrer einen Schüler begleiten, dem sie gerade kein gutes Zeugnis ausstellen konnten. Ich kann doch einen Primaner recht gern haben, ihn für einen gutmütigen, liebenswürdigen, witzigen Menschen halten und mich verpflichtet fühlen, ihm durch die Note im Reifezeugnis zu sagen: Dein Betragen war eben doch „nicht ohne Tadel"; Du hast Dich eben in der Schule uicht genug rusainmengenommen. Laß Dir das Zeugnis zur Mahnung dienen, daß Du Dich im Leben besser zusammen nimmst! Niemand wird doch verlangen, daß im Abiturientenzeugnis mangelhafte Leistungen in einem besonderen Fach, z. B. in der Mathematik mit der Note „gut" bezeichnet werden, weil sonst der Schüler davon Schaden haben kann, insofern etwa für gewisse Berechtigungen das Prädikat „gut" gefordert wird, und in dem zentralsten und wichtigsten aller „Fächer", int „Betragen", das doch am meisten auf das Maß der erlangten Willensreife zurückschließen läßt, soll die Note weniger gewissenhaft und objektiv erteilt werden! Gewiß kamt auch die gewissenhafteste Beurteilung irrig sein, gewiß kann ein junger Mann, der tatsächlich den Anforderungen der Schule in Betragen und Leistungen wenig entsprach, sich später durchaus tüchtig erweisen. Vielleicht war ihm aus diesem oder jenem Grund der Aufenthalt in der Schule durchaus unsympathisch, vielleicht konnte et nicht in das rechte Vertrauensverhältnis zu seinen Lehrern kommen, betrachtete sich vielmehr stets in einem latenten Kriegszustand diesen gegenüber, aber alles das kann die Lehrer — soviel Güte und Geduld ihnen bei ihrer Tätigkeit auch ziemt — doch nicht hindern, tn ihren Zeugnissen, wo sie berufen sind, ein Urteil zu fällen, dtes nicht nach Gutmütigkeit, sondern nach Gerechtigkeit zu tun. *) Vgl. § 13 der hessischen Verordnung über die Reife- prüfttng vom 18. 1. 1893. vermischte». *DieLaunenderFrau. Es gehört zu den Sonderheiten der weiblichen Natur, daß sie bei weitem reizbarer ist, als die männliche und schnell von einer Gemütslage in die andere übergeht. Immer wieder ruft dies die Verwunderung^ aller hervor. Noch mehr setzt es die meisten Menschen in Erstaunen, wenn sie sehen, daß neben dieser außerordentlichen Reizbarkeit die Frau bei weitem weniger tief empfindet, daß sie trotz dieser Reizbarkeit viel widerstandsfähiger und anpassungsfähiger ist als der Mann. Es! wirkt diese Vereinigung wie ein großer Widerspruch, der etwas Rätselhaftes in sich birgt und wohl deswegen gerade häufig Romanschriftsteller angezogen hat. Die große Widerstandsfähigkeit und Unempfindlichkeit gegen Schmerzen findet Man bei Frauen häufig: Frauen vertragen schwere Operationen, Blutverluste, Schädlichkeiten aller Art besser als die Männer. Bei den niederen Völkern wird betiti Weibe das Schwerste aufgepackt, sie ist das wahre Lasttier der ganzen Familie. Auch daß die Fran bei d-en Indern; sich mit der Leiche des Mannes verbrennen läßt, gehört tn dieses Kapitel. Trotzdem die Frau bei den Mohammedanern im Harem aller wirklichen Freiheit beraubt ist, unter einem Druck lebt, den der Mann nie ertragen würde, soll! die mohammedanische Frau durchaus nicht darunter leiden. So tragen die Frauen überall solche schweren Lasten und gelten doch stets als besonders empfindlich und reizbar, bei weitem reizbarer als der Mann. Dieser Widerspruch ist wohl aber nur ein scheinbarer, diese beiden entgegengesetzten Eigenschaften der Frau beruhen wohl auf ihrem weniger kräftig entwickeltet! Nervensystem, das aus der einen Seite leicht ermüdet und darum auch leichter selbst schon durch innere Einflüsse erschüttert wird, auf der anderen Seite aber weniger entschieden und kräftig die Sinnesreize der Außenwelt aufnimmt. Aterarisches. Neue Kunstliteratur. Das Juni-Heft der „Kunst" (München, Bruckmann, vierteljährlich 6 Mk.) beschäftigt sich zunächst in einer größeren Veröffentlichung mit der heurigen Sommer-Ausstellung der Berliner Secession, über die Hans Rosenhagen berichtet. 49 Abbildungen begleiten diesen Aufsatz. Ein weiterer Beitrag desselben Autors orientiert daun, zunächst nur textlich, über die Große Berliner Künstausstellung. Besonderes Interesse beansprucht auch die große Monographie, welche auf denk Gebiete angewandter Kunst der treuesten Schöpfung Bernhard Pankoks, dem von diesem Künstler entworfenen Ehe- fchließungszimmer im neuen Rathause zu Dessau gewidmet ist. Prof. Konrad Lange kommentiert tn liebevollstem Eingehen — auch auf die Mängel — die 37 Abbildungen, welche von der Schöpfung bertchtett, an deren Herstellung technisch die Vereinigten Werkstätten und einige sonstige Münchener Firmen, sowie die Stuttgarter Versuchswerkstätte beteiligt sind. Es ist freudig zu begrüßen, daß dem neuen Kunst- gewerbe einmal gerade auch in einer solchen, öffentlichen Zwecken diettenden Einrichtung, Gelegenheit zur Betätigung ward. Rich. Presberr Aus dem Lande der Liebe, 5. Ausl. 3 Mk. Dieses seinerzeit auch von uns mit Anerkennung erwähnte Liederbuch Presbers ging vor kurzem' in den Cottaschen Verlag über, in dem sich das ernste Gegenstück, die soeben in zweiter Auflage erschienene Gedichtsammlung „Media in vita" bereits befindet. Silbenversterkrätsel. (Nachdruck verboten.) Angesicht, Sterndeuter, Knochen, Schaufel, Bristol, Katzen, Frosch, Eisen, Scheune, Stein, Durchgang, Indien, Armbrust, Gelegenheit, Erdgeschoß, Meisten, Mormone, Agent, Main, Midas, Milchkühe, Aller, Grabscheit. Es ist eine vielzitierte Stelle aus einem bekannten Liede zu suchen. Die einzelnen Silben sind der Reihe nach in vorstehenden Wörtern Versteckt ohne Rücksicht ans deren Silbenteilung. (Auflösung in nächster Nummer») Auflösung des Akrostichons in vor. Nr.: a. Amsel, Torte, Helm, Siam, Else, Erde. b. Selma, Otter, Mehl, Mais, Esel, Rede. Sommer. Nedaktton: August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Drühl'schen UniversitötS-Buch. und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.