Nr. 83. 1903. MU wte M V.’-v fr/lll W (Nachdruck verboten.) Die Annonce. Novelle von Thomas Glahn. (Fortsetzung.) „Vielleicht, ivenn. ivir uns nicht einigen. Fred, tu mal als Freund und Vetter einen Gefallen. Er ist groß und klein, tote Du willst. Verzichte auf Resi, auf den Antrag. Sieh mal, wir toissen beide, daß Resi Dich nicht liebt. Weshalb sich erst den Korb holen und mir Kopf- schmerzen machen? Denn die ,Viola' — die Resi mein' ich — ist so zartfühlend, daß sie an demselben Tage, an dem sie Dir den Korb gibt, nicht auch mir das Jawort geben wird. Das wär' doch rücksichtslos." Fred Richter lachte. „Sieht, Sänftling, der Teufel hol die Freundschaft imd die M'tternwirtschaft zusammen, wenn ich solch ein Karr wär', ihretwegen freiwillig auf das Mädel zu verzichtest, das ich lieb hab'. Das gibt's nicht." „Aber Resi macht sich doch nichts aus Dir." „Papperlapapp, wo steht das geschrieben? Sie hat tinS so mt der Nase herumgeführt, daß ich mich auf bloße Mndrücke' nicht mehr verlasse. Und wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Ich geh' morgen gleich in aller Frühe hin." „Das wär' schnöde von Dir. Mir hat die Resi extra tvegen morgen, geschrieben. Lies doch den Passus durch: sie erwartet mich geradezu. Mich, natürlich meinen Antrag, denn nach der ,Viola'-Korrespondenz ist ja nichts andres möglich." „Nach der ,Taugenichts'-Korrespondenz erst recht nicht. Außerdem hat Resi auch mich für morgen bestellt." „Meirietwegen. Ich glaube, Du könntest Dir den Weg sparen." Nervös drehte er die drei Lanzen des Schnurbarts. „Menu Du also nicht davon abzubringen bist, so schlag ich wenigstens eins vor: damit keiner etwa siegt, weil tzr früher kommt, und damit Waffen in diesem Kampfe gleich sind, treten wir zusammen an. Erst mag der Konsul entscheiden, wen er lieber zum Schwiegersohn haben will, dann soll Resi sich den aussuchen, den sie zum Mann Möchte. Gilt's?" „Wie Du willst." „Na, dann bestell' ich den Sekt doch noch. Einer von uns beiden ist morgen um diese Zeit glücklicher Bräutigam. Den müssen wir hochleben lassen." „Und toeittt jeder einen Korb kriegt?" ! : „Ist ausgeschlossen." „Sänftling, Sänftling, denk an mich! Es kommt im Leben immer ganz anders. Ich will nur hoffen, daß unsere Freundschaft darüber nicht in die Brüche geht." 9. Kapitel. „Dürfen ivir 'rein, Onkel?" Der Konsul drehte sich in seinem Sessel und sah. über bie dritte. „In Gottes Namen, weil ihr es seid. Aber das sag' ich euch gleich: lange Zeit hab' ich nicht für euch." „Wollen auch nicht stören. Tag, Onkel. Hm!" „Ja, Kinder, wie seht ihr denn aus? Wollt ihr Visite machen?" Fred sah Kurt an, Kurt Fred. „So tvas Aehnliches, lieber Onkel." „Na und —? Zeit ist Geld. Habt ihr was auf dem ?/z । „Viel", seufzte der Assessor. jj „Sehr viel", bestätigte der Arzt. „Also 'raus damit. Je schneller, umso besser!^ ß „Hm, lieber Onkel, wir möchten nämlich —" J tV „Es ist nämlich wegen der Rest." ■ J „Wir lieben sie nämlich schon lange." „Und da man doch schon in den Jahren ist," fügte der Sänftling hinzu. „Kurz und gut", schloß Fred Richter und raffte sich auf, „wir denkeit ans Heiraten und bitten Dich um die Hand Deiner Tochter." Da war es heraus. , Konsul Bergmann verzog keine Miene. „Fred", sprach er dann, „komm doch mal her." Und bantt legte er ihm die Hand auf die Stirn. „Jungchen, ich glaube, ihr seid übergeschnappt oder betrunken. Dettn daß ihr euch mit eurem alten Onkel einen Witz machen wollt, kann ich doch nicht annehmen." „Aber was denkst Du!" protestierten sie beide fast gleichzeitig. „So wahr wir vor Dir stehen, es ist uns heiliger Ernst damit." „Kruzitürken, soll denn die Resi gleich zwei Männer kriegen? Ihr könnt sie doch nicht beide heiraten." „Aber wir lieben sie beide, Onkel. Das heißt: ich allerdings wohl mehr." „Sänftling!" empörte sich sein Vetter. „Noch ein Wort, und Du fliegst 'raus. Ich nämlich bin's, der die Resi schon viel früher geliebt hat. Und ich bitt' Dich, mach uns beide glücklich und gieb uns Deinen Segen." „Trenne zwei Herzen nicht —" „Nun haltet mal. die Mäuler", sagte der Konsul energisch. „Also ihr liebt beide die Resi?" „Jawohl, und Du sollst entscheiden, wer Dein Schwiegersohn wird." Der Konsul begann zu verstehen. „Wenn die Geschichte so liegt", antwortete er, „dann ist es allerdings ivas anderes. Habt ihr denn schon mit Rest gesprochen? Wen will sie denn lieber haben?" „Ich glaube, mich", sagte der Assessor. „Und ich glaube das weniger", fuhr Fred Richter auf. —' 330 „Ja, meine Lieben, dann wäre es doch das einfachste, ihr laßt sie selbst wählen. Ich bin dabei ja nicht die Hauptperson. Ich kenne euch beide als gute und anständige Kerle, euer Brot werdet ihr auch mal haben, und niemand kann mir als Schwiegersohn willkommener sein, als einer von euer). Aber wählen kann idj nicht. Das mag die Rest besorgen. Zu komische Sache, weiß der Himmel. Also bleibt mal hier, ich schick' euch das Mädel her. Da mag jeder seinen Spruch sagen." Kopfschüttelnd und leise vor sich hinlachend, verschwand der Konsul. „Hör mal, Sänftliug, wenn Dir noch einmal Faxen machst, fahr' ich Dir in die Parade, daß Du's merken sollst." „Dann unterbrich mich nicht." „Gut. Also jeder darf ausreden. Ich als der Aeltere Iprech' zuerst, dann kommst Du." Das machten die beiden Vettern, die auf Freiersfüßen gingen, aus, während sie allein blieben. Nicht allzulange, so erklang auch eilt leichter Schritt, der sie beide elektrisierte. Rest Bergmann, das Gesicht leicht gerötet, trat ein. Sie begrüßte freundlich jeden von ihnen, und sagte: „Was wollt ihr denn eigentlich von Papa? Er kommt 'raus, lacht, ist ganz aus dem Häuschen, und ich soll durchaus gerade hier euch aufsuchen." Ein kurzes Schweigen. Sie setzt sich. „ „ „Liebe Resi", begann da Fred Richter und räusperte, sich, „ich fühle vollständig das Merkwürdige dieser Situation, die sich aber nicht vermeiden ließ. Vielleicht hat Dir Dein Papa bereits gesagt, weshalb wir hier sind. Kurt und, ich haben Dich — hm — sehr lieb, das ist ja Aar.bei einer Cousine, aber wir lieben Dich nicht nur als Coupne, sondern — hm — auch anders — Du verstehst schon. Und nun mach uns die Sache nicht so schwer und entscheide Dich, wen von uns beiden Du heiraten willst. r)ch hatte Dich stets sehr gern, aber Du warst mir — zu himmelblau, so schien es mir. Und ich lieb' mehr das Natürliche, Lustige, Frische. Nun, nach den,Taugenichts'- Brtefen habe ich eingesehen, daß Du ganz so bist, wie ich meine Frau haben möchte, und der Deubel soll mich fressen, wenn ich Dich nicht ganz schändlich lieb habe, utzd — und — na ja, mehr brauch' ich nicht zu sagen. Vielleicht hast Du wirklich — den Sänftling lieber. Dann Mach den Schmerz kurz. So, und nun red' Du!" Aber da richtete sich der Assessor auf. „Erst ich, mit Verlaub — das haben wir abgemacht. Ich will ganz kurz sein, wie Fred. Ich erinnere Dich nur an emen Namen, Resi, ich sage nur: ,Viola!' Erinnere Dich der Briefe, in denen unsere Seelen sich unverlierbar gefunden haben! Ich darf es aussprechen, daß ich Dich verstehe, daß der Einklang unserer Empfindungen jene schöne Eintracht einer glücklichen Ehe verbürgt, die das höchste Geschenk des Himmels ist. Entscheide Dich frei, laß Dein Herz nur sprechen und denke an,Biola'. Mehr brauche auch ich nicht zu sagen." Ein tiefes Atemholen. Beide sehen in zitternder Erwartung auf Resi. Sie saß in einem Sessel und spielte, ohne aufzu- blicken, mit der Troddel. Zuerst schien sie völlig sprachlos zu sein. Ihr Vater mochte sie vorbereitet haben, und doch färbte sich ihr Gesicht hochrot. Aber als sie dann unter den gesenkten Lidern hervor ihre beiden Vettern so feierlich urkomisch dastehen sah, den sanften Kurt mit dem dünnspitzen Schnurrbart, den kräftigen Fred mit halb trotzigem Gesicht, als wäre er ans alles gefaßt, konnte sie sich nur mühsam das Lachen verbeißen. Und mit erzwungenem Ernst erwiderte sie: „Ihr könnt euch denken, liebe Vettern, wie sehr mich diese neue und unerwartete Wendung der Dinge überrascht. Hätt' ich das ahnen können, daß so etwas aus dem harmlosen .Taugenichts'- und,Vivla'-Witz entstehen könnte, hätt' ich ihn wahrscheinlich nicht gemacht. Ich weiß die Ehre, die ihr mir antut, wohl zu schätzen und —" „Resi!" unterbrach Fred Richter sie zornig und sah sie an. Sie ward rot. „Was hast Du denn?" „Wenn Du — so sprichst, so konventionell, dann —" Ein trotziges Achselzucken beendete den Satz. „Du bist ein netter Freier, Fred — hier selbst wird er mir Vorschriften machen." „Ich sag's ja", murmelte der Assessor, „die Naturen passen nicht zu einander. O ,Viola'!" „Entscheiden sollst Du Dich", fuhr Fred Richter fort, „quäl' uns nicht unnütz!" „Und wenn ich mich nicht entscheiden will?" „Dann können wir beide einpacken. Dann magst Du uns beide nicht. Darauf — war ich nicht vorbereitet."! „Laß Dich von dem Grobian nicht einschüchtern, Resi", mahnte der Sänftling. Da lachte sie auf. „Ich will euch was sagen, Kinder. Ich hab' euch beide sehr gern, von Herzen. Aber entscheiden mag ich mich nicht. Das macht ihr untereinander ab. Einigt ihr beide euch. Meinetwegen fechtet ein Tournier aus oder so was, und der Sieger — mag dann wiederkommen. Einverstanden?" „Resi!" flehte Kurt Unruh. Fred Richter sagte nichts. Er nahm seinen Hut auf. „Nun?" „Liebe Cousine, was Du da eben vorschlugst, genügt mir. Ich sehe daraus zu meinem ehrlichen Schmerz, daß Dein Herz bei der Sache wenig oder gar nicht berührt ist.' Ich glaub's, daß Du es gut meinst, und mit keinem verderben willst, aber — na ja, wieder eine Hoffnung zu Essig geworden! Und jetzt geh' ich hin und betrink' mich — basta!" „Fred!" Es war fast befehlend. „Was soll's?" fragte er kurz. „Verzeih', wenn ich — zu viel geredet hab'. Aber — das würgt verdammt!" Sie hatte ernste Augen. „Ich habe mich längst entschieden, ich habe einen von euch von ganzem Herzen lieb", sie wurde rot und sah den Assessor an, „aber wie die Sache hier liegt — ich bitte. Dich, Fred, und Dich auch, Kurt, einigt euch selber mal. Ich hab' nteine — Gründe. Es soll ein Gottesgericht sein. Ich bin der heiligen Zuversicht, daß der Sieger der ist, den ich will." Jetzt sah sie den jungen Arzt an. „Wollt ihr?" In Fred Richters Augen leuchtete es kurz auf. „Gut", sprach er. „Dann muß ich — wohl auch dabei sein", fügte der Assessor hinzu. „Weiß Gott, wie schwierig so eine Verlobung ist," Als die beiden Vettern das Haus des Konsuls verließen, schlenderten sie planlos und schweigsam durch den Tiergarten. An einer einsamen Stelle blieb Fred Richter stehen. „Sänftling", sagte er mit Galgenhumor, „wenn wir hier ein paar Pistolen hätten! Das Gottesgericht wäre fertig!" Unwillig schüttelte der Assessor den Kopf. „Ich wette, die Resi geniert sich nur. Als ob nicht jeder von uns Mannes genug wäre, seine Niederlage mit Würde zu tragen." „Alles schön und gut. Aber nur das Gottesgericht. Was soll denn das heißen? Was machen wir denn? Einen Taler hochwerfen, und Kopf und Wappen spielen. Kopf gewinnt." „Man könnte auch ein Akazienblatt zupfen!" „Oder zusehn, wer länger auf einem Bein stehen kann. Na, ich mühte mich nicht schlecht. Die ganze Geschichte ist unserer unwürdig, Junge. Wir haben das Mädel doch nun mal ernstlich lieb. Da muß der Teufel sie reiten, daß sie solche Dummheiten macht." „Noch eins wäre möglich, Fred, das wäre das sicherste. Mas meinst Du zir einem amerikanischen Duell?" „Teufel!" Fred Richter blieb stehen. „Du mußt Deines Sieges verdammt sicher sein, Blonder, sonst würdest Du das nicht Vorschlägen. Aber das gibt's nicht, Jungchen. Wegen einer Weiberlaune mich um die Ecke bringen — brr! Fällt mir nicht ein! So schießen die Preußen nicht. Am besten, wir setzen uns in ein gemütliches Lokal. Verpfuscht ist der Tag doch, da mag er ganz draufgehn. Irgend etwas fällt uns schon ein. (Fortsetzung folgt.) 331 Das zweite Gesicht. Plauderei von P. K. von Perfuhn. (Nachdruck verboten.) Tas zweite Gesicht? Was versteht man darunter? Woher stammt das Wort? Wir haben uns im Laufe der Zeiten so daran gewöhnt, alles, was in das dunkle, geheimnisvolle Gebiet der Hellseherei gehört, mit diesem Namen zn bezeichnen, daß es uns gar nicht mehr einfällt, seines engeren Bedeutung uachzuforschen. Und doch besaß es diese Es war im Jahre 1625, unmittelbar nach der Thron- besteigung Karl I. von England. Unter den Landeskindern, Vie sich nach London begeben hatten, um den ihm zn Ehren Veranstalteten Festlichkeiten beizuwohnen, befand sich auch ein schottischer Häuptling Mac Eavor. Als er seinen neuen Herrscher zum erstenmale sah, blieb er totenblaß, wie versteinert stehen und fiel dann plötzlich bewußtlos zur Erde. senren Freunden befragt, was ihn denn angewandelt hatte, wollte er anfänglich nicht sprechen, erzählte auf ihr Trangen aber spater doch, es wäre ihm in dem Augenblick, er des Königs ansichtig geworden, ein fürchterliches Bild erschienen. Inmitten eines schwarz verhangenen Gw- ^""es, umgeben von einer ungezählten Volksmenge, hätte er zwer Manner tn Matrosenkleidung mit verhüllten Ge- sichtern gesehen, vo,l denen der eine das blutige Stäupt des E^san dien Haaren hoch empor hielt, dazu rufend: „Tas ist der Kopf eines Verräters!" Von der einen Seite r?-6,;,eineS Schlosses aufragten, aber habe Trommelwirbel herubergeschallt. Mac Eavor fügte dann noch hinzu, daß es sicher alles so kommen würde, wie seine S? ®=S KE ■**"" *" ,el”" 8nm,lic ,ei "das itodte Gesicht?" fragten die andern. „Was ist ? ?"^'!/rwlderte Mac Eavor: „Das sind die Augen der Seele, welche die Männer und Frauen unseres Namens körperlichen Augen besitzen. Für gewöhiu It? KJle geschlossen aber bei besonderen Anlassen öffnen Ue nch- — Es wurde damals viel über den Fall ge- Mtelt bis - vierundzwanzig Jahre später die Ereignisse iiel w 9(lbciL Sfm 30- Januar 1649 jiel zu Wh lieh all Karl Stuarts Haupt unter den von Mac Eavor geschilderten Begleitumständen! Nunmehr urteilte man doch anders über die Sacbe Hier und dort hörte inan von dem „zweiten Gesicht" reden na? t,e@ (rrle^ne £euie behaupteten, im Besitz der unheim- ?nbe F fein- Ein paar englische Geistliche und Gelehrte machten den Gegenstand zum Ziel ihrer st-oricb- S'^Ls^^en ganz seltsame Resultate ans Raeslicht. Es stellte sich nämlich heraus, daß erstens die Vratwe- lAftÄ Ä" 6”Ä S'L mej(?9em -chetter, von blauem Tunst umflossen allerhand $ Landschaften, zuweilen'aber a7ch Ä'Ä'ÄÄ» ÄSÄ&fS die die Ppi.?» sJ. wM, daß es sich in allen ienen Fällen füllten, lediglichabergläubischem Entsetzen er- Morgana der Wüsw /iB N mißlungen, ähnlich der Fata dem Namen des auch jenes unter gehanüelt habe NatürlvuÄ^nstes bekannten Phänomens E-str nl• »«Meh in StoentnM^ einer uns unbekannten Naturkraft undphvsp dhonomenen untereinandergemengt werde/Ter unkritische Aberglauben und die allzu kritische 4iä) ?bide gleichermaßen dieses Fehlers schüldch denn wahrend der erstere alles Erdenkliche, was streng genommen gar nichts mrt der Sache zu tun hat, als Belag 'ur die Wahrheit seiner phantastischen Anschauungen heran- zieht, lehnt die letztere in ihrer vornehmen Geringschätzung der betreffenden Materie es rund ab, irgend etwas, was seinen Ausgangspunkt von derselben genommen, in den Kreis ihrer Betrachtungen zn ziehen. Wir würden sonst m der Erkenntnis mancher physischen Probleme wahrschein- lich weiter fern, als wir es sind. Wie lange hat es z B gedauert, bis die Gelehrten die mannigfachen Erschein- migen aus dem Gebiete des Hypnotismus und tierischen Magnetismus als tatsächlich vorhanden zugaben und ihnen ihre Aufmerksamkeit zuwandten? Heute fällt es niemand mehr eut, fte zu leugnen, und die Hälfte aller Aerzte, vor allem aber fast jeder Psychiater, experimentiert damit. Infolge der scharfen Scheidung, die dadurch zwischen Occul- tismus und Hypnotismus gemacht worden, ist ein großer Schritt vorwärts in der Volksaufklärung geschehen. Doch, um zu meinem Thema zurückzukehreu, will ich hier nur konstatieren, daß unter den Begriff des „ziveiten Gesichts von Schottland" während langer Jahre alles fiel, was die Schulweisheit jener Zeit nicht zu begreifen vermochte. Im übrigen drang die Kunde von der ganzen Angelegenheit nicht über die Grenzen des britischen Jnsel- landes hinaus, oder zum mindesten vergaßen die, welche im Festlaude davon hörten, sie bald. Erst nahezu hundert Jahre später, als die seltsanien Lehren Emanuel Sivedem- borgs (geb. 29. Januar 1688, gest. 29. März 1772) viel von sich reden machten, trat man ihr näher. Emanuel Swedenborg, ein ausgezeichneter Gelehrter, der bedeutende Werke über Physik und Mineralogie verfaßt und als Mitglied des schwedischen Bergwerkskollegiums zahlreiche Erfindungen und Verbesserungen gemacht hat, die sich bei der Anlage von Kanälen und Toüs trefflich bewährten, bat im Jahre 1747, nachdem er seiner Verdienste wegen in den Adelstand erhoben war, um Entlassung aus allen seinen Aemtern, um den Rest seines Lebens als Mystiker zu verbringen. Er behauptete, durch eine Vision, die er ein Jahr zuvor gehabt hatte, hierzu «ufgefordert worden zn sem. Anfänglich betrafen seine „Gesichte" nur göttliche Offenbarungen und Erscheinungen, die mit seinem Seelenheil, wie überhaupt mit religiösen Dingen zusammenhingen, daun fing er angeblich n», mit längst Gestorbenen zu verkehren und Wunderkuren zu vollbringen, bis ^s schließlich dazu kam, daß er prophetische Visionen hatte. Nun tauchte auch wieder mit Bezug auf ihn der Ausdruck „das zweite Gesicht aus. So soll er in Gothenburg den Brand von Stockholm im Jahre 1759 unt allen seinen Einzelheiten gesehen haben. Es existieren hierüber urkundliche Belege. Inwieweit dieselben auf Wahrheit beruhen, soll tut dieser Stelle nicht untersucht werden, ein immerhin zum Nachdenken anregendes Faktunt aber ist es, daß sein großer Zeitgenosse, der Königsberger Philosoph Immanuel Kant, welcher die „Kritik der reinen Vernunft" verfaßte, an Swedenborgs Sehergabe glaubte. Er hat umfassende Nachforschungen über den Gegenstand angestellt, und von ihm rührt unter anderem auch die genaue Schilderung der Vorgänge her, in deren Begleitung die den Brand von Stockholm betreffende Vision stattfand. Auch eine andere Geschichte, in der die Gattin des holländischen Gesandten in Stockholm, Frau Marteville, eine Rolle spielt, hat uns Kant überliefert. Diese Dame erhielt von einem Goldschmied eine Rechnung üßer 25 000 holländische Gulden. Sie war zwar überzeugt, daß ihr Wann, der damals schon tot war, die Summe längst bezahlt hatte, leider aber vermochte sie die Quittung nicht zu finden. In ihrer Not wendete sie sich au Swedenborg, der ihr Hülfe versprach und nach drei Tagen wirklich aussagte, der Verstorbene hätte ihm mitgeteilt, die Quittung läge im geheimen Fach eines gewissen Schrankes. Frau Marteville sah an dem bezeichneten Ort nach und fand das Gesuchte. Bekannt ist, daß Swedenborg die Sekte der Swedenborgianer stiftete, unter denen einige sich ebenfalls der Gabe des zweiten Gesichts rühmten. Als eilten Nachfolger des merkwürdigen Mannes darf man Johann Heinrich Jung-Stilliug neunen, der sich als Augenarzt großen Ruf erwarb und zum Schluß Professor der Staatswisseuschaft an der Universität Heidelberg wurde. In Karlsruhe starb er 1817. Tiefer war der Erfinder der Pueumatologie, derzufolge der Mensch aus Körper, Geist und Nervengeist bestehen soll. Er behauptete, daß man durch mesmerische Behandlung den Körper zeitweise vom Keift und Rervengeist lösen könne, worauf dann Die beiden letzteren ihre eigenen Wege gingen und das dabei Geschallte auch in Erinnerung behielten, nachdem sie sich bereits wieder utit dein Körper vereinigt hätten. Es vermöchte sich demnach jeder die Fähigkeit des zweiten Gesichts zu erwerben. Jung-Stillings Anhänger, die Pneumatologen, sollen wiederholt Proben davon abgelegt haben. Als eilte bedeutsame Erscheinung auf dem in Rede stehenden Gebiete ist weiterhin noch Friedericke Hausse, geb. Manner, die Seherin von Prevorst, zu erwähnen. In dem Leben dieser Fran wimmelte es von Geistern; dar Fälle, in denen sie Mitteilung von den Tingen machte, die ihr das zweite Gesicht gezeigt, waren hunderte. Alle die bei ihr beobachteten Phänomene sind in dem von ihrem zweiten Mann, dem Arzt und Dichter Justinus Kerner verfaßten Buch „Tie Seherin von Prevorst" beschrieben. Heutzutage spricht man verhältnismäßig selten vom zweiten Gesicht. Wenn es auch, flüchtig betrachtet, so er- scheinelr mag, als ob mancherlei seltsame Aussagen, die man von spiritistischer Seite hört, darauf zurückzuführen sind, so beruht das doch auf einem Grundirrtum. Tenn bei den Spiritisten sind es immer die Geister, welche das Wunderbare verkünden, gleichviel ob sie es durch den Psychographen, durch den Mund von Medien oder direkt selbst tun) während die Gabe des zweiten Gesichts stets einer einzelnen Persönlichkeit eigen ist. Ob diese sie erworben hat, oder ob sie ihr angeboren wurde, macht dabei keinen Unterschied. Nur die Zerrüttung des Nervensystems Haban die Medien mit den Leuten, die die „Augen dar Seele" besitzen, gemeinsam. Immerhin möge noch gesagt sein, daß KS auch gegenwärtig zuweilen alte Schäfer oder Förster <— überhaupt Menschen, die sich viel in freier Luft auf- halten — gibt, von denen man sich erzählt, sie hätten „das -weite Gesicht". Vermischtes. * liefet» das Vermächtnis des verstorbenen sktrahburger Bankiers Staehling an August Bede l meldet die sozialdemokratische „Leipz. Bolksztg." folgendes: Bebet erhielt die Nachricht von der ihm zuae- dachten Erbschaft erst vor einigen Tagen zugestellt, be- gteitet von, der in französischer Sprache abgefaßten Willens- Meinung des Verstorbenen. Dieser erklärt darin, er legiere 10 000 Franken an Bebet, nicht weil er ein Führer der sozialistischen Partei, sondern weil er ein Freund der Wahrheit sei und den Mut habe, allezeit zu sagen, wie er denke, so weit ihm dies erlaubt sei, und er glaube, daß es die Wahrheit sei, ferner, weil Bebel mit ihm (dem Erblasser in dem auf hie Spitze getriebenen Militarismus bo» stärkste Hindernis der Entwickelung der Menschheit sehe, daN entweder damit endigen iverde, das kontinentale Europa zum Nutzen Englands und Amerikas zugrunde zu richten oder zu einem schrecklichen Siege zu führen, den tat verhüten die Aufgabe jedes Menschenfreundes sein müsse. Im weiteren führt der Erblasser aus, sei er auch zu dem Legat veranlaßt worden, weil Bebel wiederholt den Mut gehabt, zu erklären, daß das einzige Heilmittel, diese verfahrene Situation ins Gleichgewicht zu bringen, eine Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich in Bezug auf Glsaß-Lothrmgen sei, da, wenn diese beiden ersten Kulturnationen des europäischen Kontinents sich verständigt hätten, für beide Länder eine Periode innerer Wohlfahrt beginne und der Friede der Welt gesichert sei. Der Erblasser hält es auch für angemessen, in dem Schriftstück zu erklären, daß Bebel von dem Legat keine Kenntnis habe. Das Testament ist am 6. März 1900 ausgestellt, als der Erblasser bereits im 84. Lebensjahre stand. " Ein Meister des Witzes und der Satire war der verstorbene Justizrat Munckel. Aber seine Bedeutung in dieser Beziehung bestand darin, daß er die Pfeile seines Witzes und seines Spottes nicht allein versendete, um „Heiterkeit" oder „stürmische Heiterkeit" zu erzielen, vom denen die stenographischen Berichte über seine Reden im Reichstag und Landtag zu erzählen wissen. Vielmehr heimste er gerade durch diese Art, schwierige und delikate Fragen zu behandeln, ernste und sachliche Erfolge in Hülle und Fülle ein. So eröffnete er seinerzeit seine erfolgreiche Kampagne gegen die verhängnisvolle Tätigkeit des Landgerichts direktors Brausewetter in att« scheinend harmlosester und humoristischer Art. „Bei uns in Berlin — so sagte er im Reichstag — ist es nicht nur von großem Unterschied, sondern auch von großer Bedeutung für Freiheit und Vermögen, mit welchem Buchstaben der Familienname des Menschen anfängt. Nämlich wegen der. Strafkammer, vor die man eventuell, kommt. (Heiterkeit.) Ich für meine Person kann darüber ganz unparteiisch sprechen, denn mit dem Buchstaben „M" komme ich vor die beste Strafkammer, die es hier in Berlin gtebt. (Stürmische Heiterkeit.)" — Nachdem er aus diese Weise das Ohr des Hauses gewonnen hatte, ging er gründlich auf die Übergriffe mancher Strafkammervorsitzenden ein, und ihm war es in erster Linie zu danken, daß die „Brausewetterei" schließlich ein Ende nahm. Daß Munckel aber andererseits auch sich als Verteidiger mit den Vorsitzenden und den Mitgliedern der Strafkammern vorzüglich zu stellen wußte, und auch dort durch Witz und Humor viel erreichte, beweist eine kleine Geschichte, die er selbst gern zu erzählen pflegte. Im Beginn seiner Anwaltstätigkeit hatte er einen Knaben zu verteidigen, der sich mehrmals den törichten Scherz gemacht hatte, einem Schutzmann zuzurufen „Adje Aujust". Der Schutzmann hatte schließlich den Uebeltäter ergriffen, und eine Anklage wegen Beamtenbeleidigung sollte das Verbrechen sühnen. Am Tatbestand war nicht zu rütteln, und deshalb beschränkte Munckel sein Plaidoyer auf folgende Ausführungen: „Die landläufige Ansicht, daß in der Anrede August, ober Berlinisch gesprochen Aujust, etwas Beleidigendes liege, ist gänzlich unzutreffend. Wenn beispielsweise der Herr Vorsitzende nach Verkündigung der Freisprechung meines Klienten mir zuriefe „Adje Aujust", so würde ich weit davon entfernt sein, hierin eine Beleidigung zu erblicken, ich würde vielmehr einen Ausdruck mich ehrender Vertraulichkeit darin sehen." Die Richter, denen bekannt war, daß Munckel mit Vornamen August hieß, zogen sich, nur mit Mühe ihren Ernst bewahrend, ins Beratungszimmer zurück. Nach wenigen Minuten erschienen sie wieder, und der Vorsitzende verkündete die Freisprechung des Angeklagten. „Nun habe ich aber noch", sagte der Vorsitzende, „einen persönlichen Auftrag des Kollegiums an den Herrn Verteidiger zu bestellen: „Adje Aujust. . ." Munckel machte eine tiefe Verbeugung und verließ die Verteidigerbank. Alt-Heidelberg, du feine.*) O Neckartal, wie bist du schön. Wenn langsam in der Abendstunde Ter Mond sich hebet von den Höh'n Und froher Sang tönt in der Runde! — O Neckarstadt, wie bist du fein. Vom Mondlicht silberhell umflossen, Wenn über Stadt und Schloß und Stein Liegt stiller Zauber ausgegossen; Wenn Mondesglanz den Fluß umflimmert Und eine Zauberbrücke zimmert. Worauf die Geister uus'rer Lieder Gespenstisch wandeln auf und nieder. —i Tann muß Alt-Heidelberg ich preisen, Tann grüß' ich dich, mein altes Schloß! Tann hör' ich fern die durst'gen Weisen Von Rodensteiners Geistertroß! —> * * * Tann lasset fröhlich uns das Glas ergreifen Und dankbar laßt Alt-Heidelberg es weih'n! —. Laßt in die Ferne drauf die Blicke schweifen: Tas zweite Glas, es soll dem Liebchen sein! —i So geht es weiter in der Tafelrunde — Hier strömet Wer, dort funkelt edler Wein. ' j Tem Glücklichen schlägt hier ja keine Stunde: Alt-Heidelberg! Gepriesen sollst du fein! *) Wir entnehmen dies nette Gedicht dem Brief eines Freundes unseres Blattes. Sitbatton: August Götz. — Notationsdruck und Verlag der Brühl'sckcn tinivcrsttöts-Vncki- und Etcindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.