Samstag den 5. Aezewöer. U r (Nachdruck verboten.) Wotans Mertoöung. Novelle von Robert Kohlrau sch. i „Cie, — Müller!" Keine Antwort erfolgte. Auch war allem Anschein nach kein „Müller" vorhanden, dem die Anrede hätte gelten können. Außer dem Herrn, der hiilter den Blättern der „Neuen Freien Presse" hervor den halblauten Ruf getan hatte, war nur noch die Dame ihm gegenüber am Tisch zu sehen, und ein blondhaariger Piccolo mit kecker Stumpfnase, der auf einem Stuhl neben dein Büffet von den Anstrengungen seines Berufs ausruhte. Gleich dem Herrn war auch die Dame in das Studium einer Zeitung vertieft; Format und Spaltenbreite verrieten den „Berliner Börsen-Courier". Die beiden saßen an einem der Rundbogenfenster im Rokokosaal des Cafe Luitpold zu München. Sie hatten offenbar dort miteinander gespeist, aber nun war auch die Kaffeestunde vorüber; die geleerten Tassen mit dem Abzeichen des Restaurants auf dem Porzellan standen vor ihnen auf dem wcißgedeckten Tisch. Sie waren die einzigen Gäste in dem goldblitzenden Raum zu dieser vorgerückten Nachmittagsstunde. Hierher drang das Licht des kalten Februartages, der draußen nnt weißem, scharfem Rausfrost erzeugendem Nebel die Straßen erfüllte, noch hell genug, um die Lektüre zu beleuchten. Aus dem Buffet her aber kam schon der sanfte Schimmer des Glühlichts, und spielte in feinen, warmen Streifen über die rötlichen Marmorfäulen, die Leiber der Karyatiden und die barocken, goldenen Ornamente an den Wänden. In den vorderen Sälen war bereits alles erleuchtet, und durch btc weite Türöffnung sah man aus dem kühlen Tagestrcht hinein in die weite Perspektive zwischen den dunklen Marmorsäulen, wo dichter, bläulicher Zigarren- rauch, eurem sonnedurchschimmerten Gewölk gleich, empor- streg. Bon dorther drang auch das gleichmäßige Tönen aneinander verrauschender Stimmen; hier aber im Rokoko- I““1 'E es still. Tie Göttergestalten, die unter der Decke Knuten das leise Knistern der Zeitungsblätter vernehmen, und auch das Geräusch unablässig gegenein- ander stoßender Elfenbeinkugeln im riesenhaften Billard- faal nebenan stieg zu ihnen empor. „Sie, — Müller I" o-uu$'ie8maL t)ül) die Dame den Kopf und öffnete die Lippen zur Entgegnung. Und indem sie es tat, verriet sie Mlerch, wer oder vielmehr was sie war. Denn nur beim »oB?* f' in dieser wunderlichen, kleinen und doch so großen We^l. können die männlichen Kollegen sich den weiblichen gegenüber solch geschlechtslose Anrede gewohnheitsmäßia U^n. r Dort allein, wo das Weib selbst zu einem ae- sthlechtslosen Wesen, zu einer lebendigen Puppe wird, die der Mitspieler allabendlich! küßt, umarmt, ermordet und! heiratet, ohne das mindeste dabei zu empfinden, — vorausgesetzt, daß er nicht zufällig selbst in die kebenswarmtz Puppe verliebt ist. „Was wollen Sie, Wotan? Haben Sie doch die ®üte,- mich! nicht immer wieder so laut „Müller" zu nennen. Sitz wissen, der Name gehört der Vergangenheit an." Er zuckte die Achseln. „Hier hören's ja höchstens ditz Gotter dort oben und der Piccolo dahinten, dem die Kalbsaugen bereits zufallen. Aber wenn Sie es wünschen, mir kann es recht sein; ich werde Sie nur noch mit dem Namen titulieren, den der Theaterzettel verkündet: Milka Mil-, lerta." „Das wird mir sehr angenehm sein. Und was wollten Sie sagend „Ach, nichts Besonderes. Nur daß ich hier eben lese, ditz Sarah Bernhardt hat wieder etwas Neues: sie hält sich einen jungen Panther als Hauskatze." „Es ist eine geniale Person! Diese Geschicklichkeit ist der Reklame, geradezu phänomenal!" „Ja, die kann's." 1 j Milka Millerta hatte ihrem Nachbar bisher das Profil zugekehrt; jetzt wandte sie sich mit energischer Bewegung zu ihm herum. In ihrer neuen Stellung fiel das kühle Tageslicht voll auf ihr Gesicht und offenbarte allerlei zierliche Malereien auf der nicht mehr ganz frischen Haut. Auf den Wangen lag ein zarteres Rot, als die Natur es giebt, und der Bogen der Augenbrauen war von merkwürdig edler Wölbung. Sonst verriet sich das Theater in ihrem Aeußeren kaum. Sie war mit vornehmer Einfachheit ist em fest anliegendes schwarzes Gewand gekleidet, das die üppige Figur ein wenig schlanker erscheine» ließ, und nur der flache, rote, runde Hut zeigte keckere Farbe. Tie roten Schleifen auf ihm aber stiegen nicht allzuhoch empor, und' ote Bussardfedern dazwischen wirkten lebendig, nacht auffällig. Das Gesicht war etwas zu breit und zu viereckig; um schön zu sein, die Formen im einzelnen aber zeigtest reine Linien. Unter dem Hute quoll blondes, volles Haar, die Ohren modegemäß überdeckend, hervor. „Wotan, ich muß Ihnen was sagen. Es geht nicht so weiter mit uns." „Wieso?" „Wir sind in Gefahr; man spricht nicht mehr vvst uns." „Nun, ich dächte —" . „Da sitzen wir beide seit einer halben Stunde und lese» Zeitungen. Haben Sie auch! nur in einer einzigen meinen Namen gefunden, meinen oder Ihren? Ich habe mir die, Augen beinahe danach ausgeschgut. Mer nein, nicht ein einzigesmal!" „Tas ist freilich nicht angenehm." es ist mehr als das. Ein Künstler, von dem mast in den Zeitungen und bei den Diners nicht mehr spricht ist tot, einfach tot!" 722 „Ja, Müller -— Pardon, Fräulein Millerta, — da Müssen wir uns wohl begraben lassen." Er seufzte ein wenig; überhaupt lag in Ausdruck und Haltung bei ihm eine sanfte Melancholie. Er hatte den Kopf auf den malerisch gebogenen Arm gestützt und die hnte Hand in den Wald blonden Haares vergraben, der in wohlberechneter Unordnung das gebeugte Haupt umgab. Schlangengleich wandten die mattschimmernden Strähnen sich ineinander; ein voller, geradegezogener Bart bedeckte die Oberlippe, das Kinn verschwand unter sorgsam gepflegtem Spitzbart. Es war ein Mittelding von Christus- kopf und Waldmenschmaske. Die beiden Bärte waren Wotans Stolz; denn sie bewiesen, daß er berühmt genug war, um den Vorschriften kunsthistorisch eifriger Direktoren trotzen zu dürfen. Seine dunkelblauen Augen blickten sanft und gut; gegenwärttg wohnte die Schwermut darin. „Machen Sie keine Witze; die Sache ist ernsthaft, und ich habe noch durchaus nicht die Absicht, mich begraben zu lassen. Ich lebe sehr gern und ich glaube. Sie auch. Aber ohne meinen Ruhm — nein. Und ich merke, man fängt an, mich gleichgiltig zu behandeln. Ich bin gestern nach dem vierten Akt nur dreimal gerufen worden, — ja, das geht einfach nicht! Denken Sie doch, nach dem vierten Akt nur dreimal gerufen! Sonst war fünfmal das wenigste. In Petersburg sogar zwölsinal; ach, das ist überhaupt eine reizende Stadt! Dieser Enthusiasmus und die Brillanten, die man dort bekommt! Ich habe auch schon —" „Ja, Müllerchen, Ihre Triumphe kenne ich doch. Sie wollten von etwas anderem sprechen, meine ich." Auch er hatte sich weiter zu ihr herumgewandt, und in die Melancholie seines Gesichts mischte sich jetzt ein leiser Spott, ein Ausdruck geistiger Ueberlegenheit, der die weichen Züge männlicher und bedeutender machte. „Sie haben ganz recht, Wotan, aber man spricht doch immer wieder auch davon gern. Heute freilich, — wir haben wichtigeres zu bereden. Mir ist eben ganz angst geworden bet dem Zeitungslesen. Man muß nur sehen, wie die anderen dafür sorgen, daß von ihnen gesprochen wird. Tie Bernhardt hat ihren Panther; das ist gar nicht übel. Tie Düse hat sich interviewen lassen und kündigt der ganzen modernen Kunst den Krieg an; sie will nur noch antik kommen. Tas ist auck ganz gut, aber doch ein wenig ominös. Ich würde das Wort „antik" nicht gern in Verbindung mit mir gebrauchen. Tie Termin« hat wieder einmal einen Engagementsantrag, unter 60 000 Mark tut sie's ja nicht mehr. Aber etwas größere Abwechslung könnte sie schon tu die Sache bringen. Tie andere — wer war's denn gleich? — hat sich eine Adresse überreichen lassen, — na, und so weiter. Aber wir beiden? Meder Panther, noch Adresse, noch sonst etwas. Und ich sage Ihnen noch einmal, Wotan, es geht nicht so weiter, wir müssen etwas tun." „Ich bin ja gern dabei. Aber was?" „Ja, das ist die Frage. Strengen Sie Ihren Geist nur mal ein wenig an. Sie sind ja früher Schulmeister gewesen, und die Schulmeister stehen doch in dem Ruf, Las Vaterland zu retten, wenn es in Gefahr ist, nicht wahr?" „Bitte, bitte! Mein Schulmeister liegt da, wo Ihr Müller liegt. IM tiefen Brunnen der Vergangenheit." „Nun, dann nehmen Sie den Sängerschädel statt des Schulmeisterschädels; vielleicht geht's auch." Beide schwiegen einen Augenblick, wandten sich, wie auf einen stummen Befehl, zum Fenster und schauten in den weißen Nebel hinaus, als miißte von dort mit dern Licht auch die Erleuchtung kommen. Ihnen gegenüber! erhob sich die ernste Wand der Markthalle mit ihrer gleichmäßigen, rechteckigen Qnadergliederung und den Säulenstellungen darüber; aus dem Nebel hiuten dämmerte die graurote Portalwand der griechischen Kirche hervor. Traußen ging nur selten ein Mensch vorüber und weckte mit seinen Schritten den Widerhall; in der Stille tönte das Stoßen der Billardkugeln doppelt laut. Mit einem unwilligen Kopfschütteln begann die Sängerin wieder zu sprechen. Wenn sie lebhaft wurde, kam ein leiser Klang vom heimatlichen Königsberger Dialekt in ihre wohlgeschulte Sprache. „Ich finde nichts. Alles schon dagewesen. Meine Brillanten habe ich mir zuletzt vor zwei Jahren erst stehlen lassen; da gehts doch noch nicht wieder." „Nein, nein. Das ist auch eigentlich nicht mehr Mode. Äie Geschichte ist zu oft Lagewesen." Sie war sehr in Eifer gekommen; er nahm die Sache ruhiger, wenn auch nicht ohne Interesse, doch mischte sich immer noch ein leiser Spott hinein. „Ja, was soll man aber machen?" „Haben Sie denn keine Xiuft zu einem Panther, oder sonst einem netten, gemütlichen Raubtier?" „Ter Bernhardt etwas nachmachen? Niemals! Ich reife auch zuviel. Wie soll ich denn das Vieh transpor- tieren?" . „Ein kleiner Eisenbahnunfall? Wie wär' es damtt?" „Stein, — darin bin ick abergläubisch, das will ich nicht berufen." , , ,, „ „Tann müßten Sie sich entfuhren lassen." „Aber Wotan! Mich so zu kompromittieren —" „Sie haben recht. Ich weiß ja, daß Sie klug genug find, tugendhaft zu sein. Tie Tugend ist ein Kapttal betm Theater; für eine anständige Sängerin darf die ganze gute Gesellschaft anstandslos schwärmen, alle höheren Töchter mit einbegriffen." „Jetzt werden Sie, wieder malittös/ „Aber ich bitte —" „Nein, nein, ich sehe es ganz genau. Ihre Bartspitzen zucken schon wieder so verdächtig; das ist immer ein böses Zeichen. Sie haben übrigens gar keinen Grund, so von oben auf mich herab zu sehen. Ihnen gegenüber ist das Interesse reichlich so sehr int Schwinden, tote bei mir. Lesen Sie doch die Kritiken, die jetzt über Ste geschrieben werden. „Mit bekannter Vortrefslichkett, — mtt gewohnter Verve, — mit bewährter Größe der Auffassung , — das stnd ja Ausdrücke, für die man die Krtttker prügeln möchte! Nichts neues, nichts eingehendes, was man dem Agenten einschicken könnte. Nicht etnmal Ihr Name zteht mehr." . , „Nun, ich dächte doch —" „Die Leute kommen noch ins Theater, wenn Sie gastieren, so meine ich das nicht. Wer Ihr Wotan-Nmne macht keinen Eindruck mehr. Anfangs hat der ja herrlich gewirkt. Als im „Berl. Tageblatt" gestanden hatte: „Herr Rauchmann ist der Wotan par excellence", und als dann die Kollegen, die Zeitungen, das Publtkum anftngen, Sie nur noch den Wotan par excellence zu nennen, — l«, das war noch ’ne Sache. Ich habe es Ihnen gegönnt; benn Sie sind mir, von Ihren malittösen Anfällen abgesehen, immer ein guter Kollege gewesen. Damals tn Berltn, als wir zusammen engagiert waren, und spater, wenn ich Ihnen bei meinen Gastspielen begegnete so tote heute liier Jetzt aber ist der Name abgebraucht und, was schlimmer ist, er ist in Gefal^r, lächerlich zu werden. Seit der Esel in Breslau gesckpcieben hat: „Der Wotan kommt, der Wotan kommt, der Wotan tst schon da , seitdem ists aus damit, und Sie können froh setn, wenn bei Ihrem Auftreten nicht einmal das ganze Parkett: ansängt zu singen: „Der Wotan kommt, der Wotan kommt, ber Wotan ist schon da!" „Davor schützt mich denn doch wohl meine Kunst." „Ach was, Kunst! Die Kunst ist für die Künstler, die etwas davon verstehen, ntcht fürs Publtkum. Dav geht zu dem, ber Mode tst; ein anderer kann bas Blaue vom Himmel herunter gingen, die Leute kommen doch ntcht. Eme Sänaerntobe, eine Kleibermode, das tst ganz dasielbe. Ten einen Winter B.llincioni und Pelzcapes, den andern Prevosti und Radmäntel, — tch kenne das. Und des halb muß man alles tun, um in ber Webe S» blecken, wenn man einmal darin gewesen ist, tote wrr betde^ Tas geht ab r nur, wenn von einem gechrohen wtrd, tmmeriort tm, toieder. Das Publikum will jo eigentlich gar ketne Kunst, saa will Kulissentlatsch und DoUettengeschtchten und Anek- dotet^ die ihm seine Mhnengötter als Menschen erichetnen lassen Meiitt Sie nicht vorbeugen, Wotan, erzählt man K «ns-M-n, fürcht« ich. bald Mag«, d,- Id»«» «ch» B'1“n£n mir? »az beim? Miefe?" "Nun, Ihre Krankheit." Müller "Krankheit! Ich mutz Ste ernstlich. Litten, Muuer, dieses Wort nicht zu gebrauchen. Em kleiner> eine ganz leichte Affektion der Stimmbänder, d e tn etn paar Wochen gehoben sein totrd, - metn flfott, nwn schont sich natürlich, aber das tst auch a les^ Meinen u nicht, daß es mir schon unangenehm ist, mitten m ° Saison meine Gastspiele zu unterbrechen und nach dem Süden LU Leben? Das bedeutet einen kvlollalen Aust» - 723 in meinen Einnahmen. Und das ist noch lange nicht das Schlimmste. Denn ich weiß ganz genau, wenn irgend io ein Kump von Kritiker auch nur das leiseste davon erfährt, so bin ich verloren. Es gibt für diese Kerle ja nichts Schöneres, als dem Publikum zu erzählen, daß ein berühmter Sänger auf dem Wege ist, seine Stimme zu verlieren. Und wenn man auch wieder ganz gesund ist und fingen kann wie eine Nachtigall oder sonst ein Wundertier, — in den Zeitungen geht es dann doch los mit Beben der Stimme und Flackern des Tones und anderen Schänd- lichkeiteu. Das Publikum glaubt es natürlich, und um den armen Sänger ist es getan. Deshalb habe ich vorgebeugt und habe neulich schon eine Notiz in die Presse lauziert über einen Gastspielantrag, nach Amerika. Die Leute sollen denken, daß ich schon auf dem Wasser schwimme, und nun fangen Sie auch noch an, von Krankheit zu reden! Sie könnten wirklich, — was haben Sie denn zu lachen?" Sie hatte nur zu Anfang auf ihn gehört, dann hatte sie angefangen, mit dem Kaffeelöffel zu spielen und mit der Spitze allerlei Figuren auf das Tischtuch zu zeichnen. Plötzlich hatte sich ihr Gesicht erheitert wie von einem glücklichen Einfall — im selben Augenblick, als nun auch in diesem Raum die elektrischen Flammen aufglühten, ein dreiblütiger Lichterstrauß an jeder Säule — und jetzt lachte sie wirklich, herzlich und laut. „Ich lachte nicht über Sie, Wotan, das müssen Sie nicht glauben. Aber die Geschichte wird wunderbar!" Ihre Heiterkeit erneuerte sich, und im Lachen ertönte ihr prachtvolles Organ nocy klarer und metallischer, als int Sprechen. „Wenn ich fragen dürfte —" „Ja, das dürfen Sie, Wotan. Denn Sie sind der nächste dazu, wie die schöne Redensart heißt. Ich hab' es jetzt ausgefunden, was wir tun müssen, um einmal wieder gründlich von uns reden zu machen. Wir müssen —", sie lachte von neuem — „wir müssen uns miteinander verloben." „Wissen Sie, Müller, dazu gehören zwei." Er hatte seinen Aerger noch nicht überwunden, uno ihre Lustigkeit machte ihn nervös. „Tie sind vorhanden." „Aber durchaus verschiedener Ansicht." „Tas wird sich schon geben. Warum wollen Sie sich denn nicht mit mir verloben?" „Müller, was denken Sie denn! Ich werde doch nicht gegen mich selber wüten. Ein unverheirateter Sänger ist für die jungen Mädmen ein ganzer Gott, ein verheirateter nur noch ein halber. Ach, nicht einmal das, —i höchstens ein achtel." „Seine Mißverständnisse, Wotan. Wer spricht denn vom Heiraten!" „Wer sonst, als mein hochverehrtes Fräulein Milka Millerta!" „Sie denkt ja gar nicht daran. Vom Verloben hat sie gesprochen, das Wort Heiraten hat sie nicht in den Mund genommen." „Ah, so ist's gemeint! Ja, dann läßt sich vielleicht über die Sache reden." „Nun, also." „Aber ist es auch keine Falles „Was soll das heißen?" „In bte Sie mich hinein und an den Altar locken wollen? Das gibts nämlicy nicht bei mir. Heiraten tue ich Sie unter keinen Umständen, Müller, das müssen Sie stcy merken." „Aber icy denke ja gar nicht daran! Sehe ich aus, als ob in) Selbstmordgedanken hätte? Und heiraten ist für eine Sängerin so gut wie Selbstmord. Für mich wär' es jo noch zehnmal so schlimm wie für Sie; kein Mensch wurde sich mehr für mich interessieren. Nein, Freund, ge- hetratet wird nicht. Aber so ein bißchen verloben, das wäre doch ganz nett?" „O ja, der Gedanke ist sogar recht hübsch; er fängt an, mir zu gefallen." »Und dem lieben Publikum erst! Ja, wissen Sie's denn schon? Haben Sie's denn schon gehört? Ter Wotan hat sich mit der Brünhilde verlobt. Tas ist doch wirklich ernmal eine göttliche Verlobung!" „Hören Sie, Müller, wenn man die Familienverhält- nt['e- der Götter in Betracht zieht, ist es eigentlich ein Etwas merkwürdiges Bündnis." „Das macht nichts. Bei Wagner geht es ja immer bunt durcheinander, wir bleiben nur in der Rolle Sieg- mund und Sieglinde, Wotan und Brünhilde, das paßt sehr schön zusammen." Er lachte nun auch; der Einfall machte ihm Spaß. Wenn sein Gesicht den melancholischen Ausdruck verlor, schaute er heiter und gutartig in die Welt. (Fortsetzung folgt.) Plaudereien aus der Kaiferüadt. (Nachdruck verboten.) Babel und Bibel im CirkuS. — Verzweiflungstaten und Berliner Wohltätigkeit. — WeihnachtShamfter und ihr Betrieb. So gelehrt das aktuelle Schlagwort auch aussieht, das Professor Delitzsch als Titel für seine Vorträge geprägt hat: auch seine Stunde hat geschlagen, die Stunde nämlich, wo es in Riesenlettern an den Litfaßsäulen prangt und als Aushängeschild für irgend einen industriellen Unternehmer dient, der damit die schaulustige Menge in seine Bude locken will. Ter Unternehmer ist in diesem Fall' Schumann und seine „Bude" ist der schöne massive Zirkus am Schiffbauerdamm. Er will einem hohen Adel und hochverehrten Publikum von Berlin und Umgegend in seiner Manege zeigen, wie das alte, berühmte Babel ausgesehen, wie der biblische Türm gebaut worden, wie Semiramis Hof gehalten und Sardanapal geschwelgt hat. Darauf wird er bie sündige Metropole des Altertums, deren Name noch heute als Gattungsnamen jür die modernen Weltstädte gilt, untergehen und verwüsten lassen, alles in der Manege, bis nur noch graue Nuinenkolosse als Zeugen einstiger Pracht und Herrlichkeit aufragen. Scheffels „schwarzer Walfisch zu Askalon" bildet die humoristische Zugabe zu dieser großsprecherischen Wanderung durch „acht Jahrtausende" — in der Manege. Und ganz Berlin wird hingehen und mit offenem Munde auf die großen Offenbarungen lauern und hinterher rühmen, wie großartig und sehenswert es gewesen, schon weil es tüchtig Entree gekostet hat. Die Säle des „Neuen Museums" dagegen, in denen großartige Reste der babylonischen Kultur auf- bewahrt werden und dem sinnigen Beschauer ein wirkliches Bild dieser gewaltigen Kulturperiode zu geben vermögen, bleiben nach wie vor als ungestörte Rendezvousplätze unseren Backfischen und Primanern reserviert, da man zu ihnen ja ganz für umsonst gelangen kann. Jedenfalls ist die hastige Sucht, alles Aktuelle in dieser Weise auszuschlachten, nicht just geschmackvoll zu nennen. Wie man sich im alten Babylon mit den Armen und Elenden abgefnnden hat, ist uns von Delitzsch bei seinen Vorträgen noch nicht kund getan worden. Es wäre der Mühe wert, es zu erfahren. Das moderne Spreebabylon hat auf diesem Gebiete den richtigen Weg noch immer nicht gefunden, obgleich bei uns jahraus jahrein Millionen für öffen.liche und private Hilfe ausgegeben werden. Das beweisen am besten die Verzweiflungstaten, die von Unglücklichen bald im Zentrum, bald in den ärmeren Vororten Großberlins mit einer geradezu unheimlichen Regelmäßigkeit begangen werden. Und in neun Fällen von zehn ist es der Hunger, der den letzten Ausschlag gibt, daß eine Mutter mit ihren Kindern aus dieser „besten aller Welten" geht, und fast ebenso häufig erfährt man, daß diese Aermsten recht würdig gewesen wären, in ihrem Elend so reichlich wie möglich unterstützt zu werden — aber oaß sie die rechte Tür nicht gefunden haben, an der sie hätten anklopfen müssen. Diese „rechte Tür" ist ein sonderbares Ding. Daß sie vorhanden ist, liegt außer allem Zweifel. Es gibt Stiftungen und Fonds von ganz erklecklicher Höhe, es gibt Menschen in dem berühmten Tiergartenviertel, die prinzipiell niemanden von ihrer Tür weisen, der um Hilfe bittet"; es gibt Arm en vor st eher, Frauenvereine, Brockenhäuser und viele andere Institute — und doch wiederholen sich alljährlich bie entsetzlichen Vorfälle, die wie ein glühendes Eisen in das Gewissen der Allgemeinheit fahren. Das liegt aber daran, daß bie sogenannte „rechte Tür", zumal wenn etwas recht Erkleckliches hinter ihr zu holen ist, meist von Leuten belagert ist, die dort eigentlich nichts zu suchen haben, bie aber zu Virtuosen der Bettelkunst geworden sind und vertrauensselige Leute über ihre Verhältnisse, ihren Charakter, ihre Tätigkeit ufw. derartig zu täuschen wissen, daß 724 ein großer Teil der verfügbaren Sumnren in ihre Taschen fließt, während die wirklich Bedürftigen mit ihrem Schamgefühl das Nachsehn haben. Natürlich läßt man sich nicht überall hinters Licht führen. Aber man gerät dadurch loft in ein noch verhängnisvolleres Gegenteil. Man „recherchiert", d. h. man fragt Hauswirt, Nachbarschaft, Geistlichkeit und Polizei aus uttb versäumt dadurch oft den richtigen Zeitpunkt, oder bereitet den sensiblen Bittstellern fatale Situationen. An den Lehrern der öffentlichen Schulen, die in vielen Fällen aus der Beobachtung der Kinder ein ziemlich sicheres Urteil zu geben vermögen, geht man häufig vorüber, läßt sich Wohl auch durch beschränkte Auffassungen sogen, „kleiner Leute" zu schiefen Urteilen verleiten und hilft auf diese Weise ganz gegen den eigenen Willen dazu, das Bild vom großstädtischen Elend zu verdüstern. Was da not täte, wäre eine große Zentrale, in der ein Ueberblick über möglichst alle Hilfsmittel und Quellen gewonnen würde, und eine Anzahl wirklich erfahrener, urteilsfähiger, selbstloser und warmherziger Menschen, zu denen die Verschämten unter den Armen mit vollem Vertrauen gehn könnten. Tie guten Damen aus den besseren Ständen haben selbstverständlich den besten Willen bei allen Samariter- diensten, aber es fehlt ihnen meist an der Brücke, die das Herz zum Herzen schlägt und nicht minder an dem nötigen Scharfblick. Verkommenheit, die sich sentimental ins rechte Licht zu stellen weiß, erreicht bei ihnen immer mehr als das wirkliche Elend, das nicht zu lamentieren vermag. Es ist das eine Erfahrung, die in der ganzen Welt zu machen ist, genau so wie die „Weihnachtshamster" ihren Bau in allen Gemeinwesen angelegt haben. Diese Meihnachtshamster betreiben das schöne Geschäft des sich Ueberallbescherenlassens mit ebenso viel Ausdauer wie Geschick. Trotz aller Wachsamkeit der Behörden wissen sie es möglich zu machen, daß ihnen oder ihren Kindern von der Stadt wie von der Kirche aus, von Hilfsvereinen, öffentlichen Wohltätern, Schulen usw. alljährlich der Tisch gedeckt wird, während bescheidenere Leute, die es nötiger hätten, überall das Zusehn haben. Sie arbeiten eben mit allen Chikanen, lügen, geben sich falsche Namen, spielen die Frommen — und lachen sich nachher ins Fäustchen. Mer daber den wirklich Bedürftigen eine Festfreude machen will, der halte bei Zeiten Umschau, auf daß er nicht unter die Hamster gerät! A. R. Vermischte». * Ueber Talent und Persönlichkeit lesen wir im „Kun st wart" (Verlag von Georg D. W. Callway in München) folgende beachtenswerte Auslassung von Ferdinand Gregori. „Ich meine, es wird heute ein Unfug getrieben mit dem Worte „Persönlichkeit". Das „Talent" hat sich überlebt und beinahe etwas Verächtliches aufge- muzt bekommen. Was Wunder, daß jeder mittelmäßige Mrme nach dem Persönlichkeitslobe strebt. Und man macht ihm sein Streben leicht. Publikum und Presse schnüffeln überall nach der seltenen Blume Persönlichkeit herum und glauben sie schon gefunden zu haben, wo nur ein absonderliches g!rünes Keimlein aus der Erde dringt. Und daun wird das Keimlein durch unaufhörliches Besprechen, Betasten und Zupfen an der Entwicklung gehindert. Ließe maws nach Gefallen wachsen, so würde vielleicht ein allerliebstes, aber bescheidenes Gänseblümchen daraus, das der bunten Wiese gewiß zur Zierde blühte, wenn es auch nimmermehr übers weite Land duftete und- leuchtete. Hörte man auf, dem Schauspieler immer wieder einen Tonfall, eine Bewegung, eine Stellung als rührend, herrlich und plastisch nachzurühmen, so würde er sich bemühen, mehr auf den darzustellenden Charakter als auf sich zu achten. Persönlichkeit ist eine Stärke und keine Schwäche, uni), sie hat Ecken und Kanten, an denen sich die Menge meist ärgert; sie ist ein Ganzes, Unteilbares und von Mächten des Gefühls zusammengehalten. Was aber dem Pnbttkum an seinen Lieblingen gefällt und worin diese dann sich selbst verlieben, das sind Teile eines vergänglichen „Hochzeltskleides", das als Lockmittel dient und über die Turchschnittsseele hinwegtäuschen will. Fehlt also dem schauspielerischen Talente die Persönlichkeit, so soll es — wenrgstens auf dec Bühne — das Gebaren des in sich fest ruhenden künstlerischen Grundbesitzers abstreifen und lieber ein bischen mehr Vagabund sein, das heißt, cs soll sich die Elastizität bewahren, die ihm in der Provinz so wohl anstand. Unsere großen Theater leiden alle unter dem Persönlichkeits-Tik und vergrößern ihr Personal unaufhörlich, um auch für die kleinste Rolle eine genau passende Individualität zu bekommen. Dabei springt für den einzelnen Schauspieler keine befriedigende Beschäftigung mehr heraus. Wir sollten den Proteus in uns sorgsamer pflegen und etwas darin suchen, liebenswürdige und nichtswürdige Charaktere, Schreier und Säusler in einer Person darzustellen — heute den, morgen jenen —, und wir sollten nicht gleich aus der Rolle fallen, wenn abends der Stuhl eine Hand breit weiter vom Tische absteht, als auf der Probe, oder wenn ein Requisitenbrief aus gelbem statt aus weißem- Papiere gemacht ist. Wer nicht auf dem Kopfe stehen kann, dürfte eigentlich gar nicht zum Theater gehen, sagte mir einer, der. das Handwerk gut verstand." * Farbige Gesellsch aftskleid un g für Herren. Aus London wird berichtet: Mehrere Schneider des Londoner Wkst«-End ermutigten die Herren ihrer Kundschaft, Gesellschaftsanzüge aus farbigen Stoffen zu tragen. Kein Geringerer als Mr. Vincent, der Herausgeber des führenden Organs „Tailor and Cutter", ist der Befürworter oieser Wandlung, die den Ballräurnen einen malerischen Anblick geben und überhaupt Farbe in das gesellschaftliche Leben bringen würde. Mehrere beherzte Herren der Gesellschaft sind bereits in Prunefarbe, die besonders beliebt ist. Hellblau, Grün und Karmin erschienen. Die Bescheidenheit des Turchschnittsmanncs verhindert noch eine allgemeinere Annahme der Idee", erklärte Mr. Vincent jedochc Auch in dem Schnitt der gewöhnlichen Kleidung sind einige wichtige Aenderungen für den Winter eingeführt worden. Der „korrekte" Ueberrock hat einen ganz bestimmten Schnitt. Er soll sich eng an den Rock schmiegen, einen Rocksanm wies der Gehrock und eine doppelreihige Vorderseite mit sanft- geschwungenen Aufschlägen haben. Grau ist die beliebtest« Farbe. Seidene Aufschläge dürfen nie mit Sammetkragen! zugleich getragen werden. Der Kragen des eleganten Gesellschaftsanzuges ist nicht mehr ganz aus Seide, sondern zum Teil aus Tuch-. Die Weste wird unten mehr weg- geschnitten als im vergangenen Jahr, sodaß sie ein umgekehrtes V bildet. Die Oeffnung für das Vorhemd soll U-förmig werden. Ein ausfälliges Stück des Tagesanzuges ist die Phantasieweste von „lautem" Muster. „Einige der Muster erinnern an Teppiche", meint Mr. Vincent. Gemeinnütziges. ^Tintenflecke ans Teppichen und Wollstoffen zu entfernen. Ans den Fleck tröpfle man süße Milch und sauge dieselbe mit reiner Watte auf. Dies wiederhole man mehrere Male. Schließlich wird der Fleck mit reinem Seifeuwasser ausgewaschen und mit einem weichen Tuche trocken getupft. Ist der Fleck schon älter und eingetrocknet, so ist warme Milch besser; dieselbe muß- längere Zeit darauf stehen. (Auflösung in nächster Nummer.) Bilderrätsel, Auflösung der Zahlenschrift in vor. Nr.r Gelegenheit für eine arge Verführerin. (Schlüsselwörter: Flügel, Vase, Hirten.) Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schcn UniversltätS-Buch- und Stcindruckerei. N. Lauge, Gieße«,