1903. 13 W 18 t K 1V iHl (Nachdruck verboten.) M MemWen m der -Son B. W. Howar d. (Fortsetzung.) Hamor lachte herzlich. „Nannie, wir sind verwandte Naturen, wir ’ glauben beide an uns selbst, von nun an wollen wir geschworene Freunde sein". Die beiden jungen Mädchen traten näher und näher heran, aber Hamor schien sie nicht zu bemerken. Madame stand ruhig in der Mr, anscheinend nur die herrliche Nacht bewundernd. Staunton hatte im Stillen darauf gewartet, daß sich! Hämors Uebermut endlich legen würde, als er aber auf» blickend die jungen Mädchen gewahrte, lächelte er bedeutsam Vor sich hin. „Jetzt geht mir ein Licht auf, Hamor, daß Dein lustiges Possensvtel am Ende nur eine feine Kriegslist ist." „Ich bin noch nicht fertig", lachte Hamor, „jetzt kommt ihr daran, würdige Mitglieder meiner Ehrenlegion. Achtung, rechts um! Wenn ich bis drei zähle, lauft ihr aus. Die Wette gilt für alle. Während ihr fort seid, wird der Preis für den Sieger gesammelt." „Ich werde reichlich beisteuern", sagte Staunton, „ich zahle immer am liebsten für die Abwesenheit dieser Rotte Kora." Auf das verabredete Zeichen stürmte die wilde Bande auf das vorher bestimmte Ziel los. „Jetzt Nannte, geh Du uinher und sammle ein. Du wirst hier am Tisch uird drinnen im Cafs schon einige Sous erobern." Kaum hatte Hamor ausgesprochen, als auch schon Guenn dicht. an seiner Seite stand, und ihn mit zornfunkelnden Augen maß: „Lassen Sie meinen Bruder in Ruhe!" rief sie leidenschaftlich erregt. „Ah, Guenn, bist Du ba?" es lag eine freudige Hebet» raschung im Tone seiner Stimme, „und Jeanne auch? seid ihr gekommen, um den Wettlauf der Buben mit anzusehen ?" „Was gehen mich die Buben an, ich sage Ihnen nur, daß Sie meinen Nannic ungeschoren lassen sollen." „Aber Guenn?" suchte Hamor zu begütigen. „Sie haben ihn ausgelacht, ich hab' es wohl gesehen, ich habe Ihre Mienen dabei beobachtet", und zornig stampfte ihr Fuß den Boden. „Mein liebes Kind, das hast Du ganz falsch verstanden, es ist mir gar nicht eingefallen, über ihn zu lachen; sei doch bernünftig und bedenke, daß ich ihm nur ein kleines Vergnügen bereitet habe. Der arme Junge kann ja nicht teilnehmen am Wettlaufen und am Raufen der andern, aber er möchte sich doch auch einmal hervortun und wichtig 'erscheinen. So habe ich ihn jetzt glücklich gemacht. Ist, das so schlimm?" Guenn stand regungslos lauscheudf wie unter einem Bann, ihr Atem ging schwer, ihre Augen schienen Hawor jedes Wort von den Lippen zu nehmen. Es war ja alles wahr, was er von Nannic sagte, alles, alles. Ihr Betragen tat ihr jetzt leid, sie hätte das gern eingestanden, — aber sie konnte kein Wort hervorbringen. „Wie kannst Du nur so böse sein, Wrenn?" sprach die zärtliche Stimme aufs neue, „glaubst Du, ich würde Nannic weh tun wollen? Wie töricht, Kind, welcher Unsinn!" Heiße Tränen füllten ihre Augen. Beschämt und hils- las stand sie vor ihm. „Tu schönes, süßes Geschöpf!" dachte Hamor bei sich selbst., „Monsieur ist viel zu liebenswürdig, um irgend jemand! wehe zu tun", erscholl jetzt M'adames ruhige Stimme hinter ihnen, „stehst Tu, Guenn, die Herren suchen Unterhaltung auf ihre Weise, die freilich nicht die unsere ist, Kommt, mes entfants", — sie legte die Hände wie Besitz ergreifend aus die Schultern der beiden Mädchen, „ich möchte Euch etwas zeigen. Guten Abend, Messieurs, unterhalten Sie sich gut, Sie machen die Knaben sehr glücklich und der Abend ist besonders günstig für einen kleinen Sport. Tas Wetter läßt glücklicherweise nichts zu wünschen übrig." Sie führte die jungen Mädchen nach der Tür. Guentt empfand sehr wohl, daß sie nicht nur physisch, sondern auch moralisch beeinflußt werde. Freilich durch! Madame — aber sogar von ihr ausgehend erschien ihr jeder Druck und Zwang unerträglich. Vergeblich, daß sie die ruhige, sichere Hand abzuschütteln versuchte, einen Blick wenigstens mußte sie zurückwerfen. Da stand Nannic und überbrachte soeben mit wichtiger Miene Hamors Cigaretten, sein bleiches Gesicht strahlte vor Stolz und freudiger Erregung. Zutraulich lehnte er neben Hamors Stuhl. Mit einem einzigen Sprung hatte sie sich ihrer milden Bande entledigt und stand nun glühend vor Aufregung und Scham in aller Pracht ihrer jugendlichen Schönheit vor den erstaunten Künstlern. „Vorhin war ich ganz abscheulich!" rief sie reuig aus. „Nicht doch, Guenn", beruhigte sie Hamor. „Doch, doch!" rief sie und flog zurück an Madames Seite. Ein langgezogener Pfiff war Douglas' einzige Anmerkung. Nach kurzer Pause zog Staunton seinen Hut und sagte ernsthaft: „Salut!" Hamor antwortete durch ein Lächeln. Madame führte die beiden Mädchen nach der Küche auf der Rückseite des Hauses. Jeanne war freundlich und fügsam, Guenn dagegen ruhelos und sichtlich verstimmt: „Warum sollen wir nicht draußen den Spaß mit ansehen?" fragte sie argwöhnisch. „Ich wollte Euch eine Spitze zeigen, von der ich genug habe, um für Dich und Jeanne Sonntag-Coiffes damit zu garnieren." „Guenn hat Spitzen sehr gern", suchte Jeanne zu vermitteln. 590 vuvuit, „ich bin ja noch hier mit ______ _...... sehr gut von ihm gemeint", setzte sie etwas reuevoll hinzu, weil sie eine Sache, die deut Priester heiliger Ernst gewesen, so leichtfertig besprochen „Ach, der Himmel mag wissen, was für einen Geschmack die Waler haben", ertönte eine andere keifende Weiberstimme; „meine Tochter ist doch gewiß ein schönes, dralles Mädel! Als ich sie aber neulich zu den dreien brachte, die auf Morots Speicher hausen, sahen sie sie nur über die Achsel an, dankten und meinten, sie sei nicht gerade die Art von Schönheit, die sie gebrauchen könnten; dann malten sie ruhig weiter und ließen mich plantse la! Jedermann weiß aber, daß sie durchaus Guenn Rodellec zum Modell haben möchten — aber sie will nicht! Nun sage ich ja nicht, daß Guenn nicht hübsch ist, aber aus meiner Tochter ließen sich zwei so kleine Personen machen. Sie ist über stolz und hält sich für zu gut dazu!" „Hallo", ries Rodellec aufhorchend, „fünfzig Franken sagt Ihr? Ich dachte, die Mädchen bekämen höchstens ein paar Sous. Da wäre ich doch ein Narr, wenn ich mir das entgehen ließe. Ich kann dann auch dem verdammten Maler leichter an den Kragen! Sie soll mir nicht mehr darüber lachen und den Kopf hochmütig zurückwerfen. Kommt", wandte er sich, dann zu seinen Gefährten, „ich habe genug gesehen und gehört." „Ich werde hinüber zu den anderen Burschen gehen"/ sagte Nives schüchtern. „Nicht wahr, um die Mädchen zu hofsieren und den fremden Schlingeln auf die Finger zu passen", lachte Hoest „Nun, so> muß es ein junger Bursche ja auch machen; wir Alten wissen uns etwas besseres, gelt Rodellec?" Rodellec blickte wohlwollend in Loics häßliches Gesicht. Loic trat zu der Gruppe der verschmähten Liebhaber heran, die trübselig im Hintergrund der lustigen Szene standen und von den Mädchen durchaus nicht beachtet wurden. Auch Guenu drehte den Kopf, kaum nach ihnen, sondern lehnte nachlässig an der Haustür: „Ah mon dieu que la Vie est amsre!" sang sie mit ihrer frohen, frischen Stimme. „Es ist doch sehr gcht, daß ich! nicht in der Schule in' Quimper bin", sagte sie endlich! tief aufatmend zu Jeanne und zu Madame, „es wäre dort nicht halb so lustig wie hier." „Nach Quimper!" rief Jeanne erstaunt, — „Du, nach Quimper?" „Hab' ich Euch das noch nicht gesagt? Ter gute Thymert wollte mich dahin schicken —" Guenn lehnte sich no chbe- haglicher an den Türpfosten. Hamor rückte seinen Stuhl! unmerklich ein wenig, um sie nach Herzenslust beobachten zu können, während er scheinbar aufmerksam dem Kampf seiner zerlumpten kleinen Truppe folgte. Madame ließ ein halblautes, langgezogenes „A—h" hatte. „Tas verstehe ich wirklich nicht!" rief Jeanne und machte große Augen. „Tas ist auch gar nicht nötig", bemerkte Guenn mit Würde, „es wäre sehr keck von uns, wenn wir. überhaupt versuchen wollten, monsieur le recteur- des Lanntons zu et fielen/7 Madame begnügte sich mit einem vielsagenden Lächeln. Wenn es Thymert mißlungen war, konnte sie auf keinen Erfolg rechnen, und doch schien ihr die Idee mit Quimper gar nicht sp schlecht. Guenn lachte, sang und machte kecke kleine Bemerkungen/ sie lächelte sogar Alain sreundüch zu, wie um zu beweisen/ daß sie gegen einen guten Kameraden keinen Groll hege; für Loic hatte sie nur einen hochmütig-kalten Blick; gegen Madame war sie so sanft und höflich, als sie es überhaupt im stände war, dabei warf sie den Kopf zurück und brachte ihre zierliche kleine Gestalt in immer neue, bezaubernde Stellungen. Während der ganzen Zeit aber verlor sie kein Wort und keinen Blick Hamorch der lächelnd dasaß und seme kleine Bande kommandierte. „Bis jetzt ist's noch sehr harmlos", dachte Madame, „nur ihre Augen sind mir zu glänzend und sehen ecnzrg und allein nach ihm." , . „Ich weiß wirklich nicht, warum ich fo einfaltig bm, das kleine Tina zu bedauern", dachte Staunton bei W „ich hatte mn ihretwillen immer gehofft, es möchte ihm „Gewiß, aber da draußen ist's auch lustig", murrte Guenn und blickte ungeduldig nach der Tür. „Es wäre so hübsch, die Knaben ankommen zu sehen", — setzte sie zögernd hinzu. „So wollen wir denn hinausgehen. Mir ist's ganz recht; ich hatte die kleine Ueberraschung für Euch bestimmt, aber dafür ist's auch ein andermal noch Zeit", und mit der gleichen unveränderlichen Rnhe führte sie die Mädchen wieder hinaus. — „Ich habe Sie lieb, Madame", rief Guenn lebhaft und abermals legte sich die ruhige Hand auf die Schulter des jungen Mädchens, ohne daß Guenn den Versuch machte, sie abzuschütteln, sie nahm es diesmal als freundliche Liebkosung auf. Guenn stand still und fügsam neben Madame, als die Kuabenschar daherstürmte, gllen voran Kadoc, der sich ganz außer Atem zur Erde warf. Hamor bezeugte ein fast kindliches Vergnügen an dieser Schaustellung. Mehr und mehr Weiße Coiffes sammelten sich unter der Tür neben Madame, die dort schweigend lehnte, der weisen Pallas vergleichbar, alles überblickend und durchschauend. Auch mehrere Seeleute kamen herüber, durch oie allgemeine Aufregung angezogen. Alain war unter ihnen, wie es schien etwas angeheitert, wagte er, sich zu Guenn heranzudrüngen, und ihr ein Schmeichelwort zuzuflüstern, das ihr Mißfallen erregte. Mit beiden Händen gab sie ihm emen so heftigen Stoß gegen die Brust, daß er betroffen zurücktaumelte. Die Männer schrieen, die Mädchen lachten — und Guenn nahm ihre frühere Stellung wieder ein, wobei sie Madame gutmütig nickend zuries: „So wird er's jedesmal bekommen." Madame lächelte. Hierin lag keine Gefahr. Thymert selbst würde in Guenns handgreiflichen: Scherz nichts ta- oelnswertes gesunde:: haben. Obwohl Madame sich sonst nicht mit Phantasiegebilden abgab, verfolgten sie heute abend Thymerts dunkle, angstverwirrte Augen doch unablässig. Unter der großen Eiche aus dem Dorfplatz standen die älteren Leute in Gruppen. Madame brachte ein paar Laternen heraus, welche die ringenden Knaben in ihrer zerrissenen, nur aus Hemd und Hose bestehenden Bekleidung grell beleuchteten. Mutter Quaper war in der rosigsten Laune. Hatte sich doch ihr Kaooc vor allen anderen hervorgetan. Um sie herum standen die schwatzenden, strickenden Weiber. Die Nacht ward kühl; durch den Nebel starrte die Festung mit ihren Türmen und Zinnen tote eine dunkle, gespenstische Se, nur unsicher von einer einzigen Laterne aus der rücke erhellt. "„Woher, zum Teufel, kennt denn mein Junge den Maler", fragte Hervö Rodellec, der gegen den Eichenstamm lehnend aus einer kurzen Pfeife rauchte. „Tas möchte ich doch wirklich wissen!" „Es ist ein sehr einträgliches Geschäft, mit den Malern bekannt zu sein, es wirst eine anständige Summe monatlich ab", warf sein Freund Hoel ein. „Wenn ich dem Kerl nur mal eins auswischen könnte", brummte Rodellec grimmig. „Sein ewiges Grinsen und Lachet: ist mir auch in der Seele zuwider, seht nur, wie sie alle nach ihm hingaffen, Jeanne und Guenn und alle oie andern", setzte der junge Loic Nives mit einem Fluch hinzu. „Tu bist ein wackerer Bursche, Loic", sagte Rodellec freundschaftlich und schlug ihm derb aus die Schulter; „ich wollte, ich hätte einen Sohn wie Du." „Nun, mir wäre auch nichts erwünschter", erwiderte Loic verlegen lachend und trat linkisch von einem Fuß auf den anderen. „Wir werden ja sehen", ermutigte Rodellec. „Ich zwinge meine mutterlosen Kinder zu nichts, seit mein Werb von uns gegangen und ein schöner Engel geworden ift" er wischte sich gerührt die Augen, „nein, ich lasse ihnen den Willen; aber wir werden sehen, mein Junge, ich will schon für Dich tun, was in meiner Macht steht." „Jeanne Ronan bekommt fünfzig Franken monatlich^", erscholl hier Mutter Quapers Stimme. „Tas ist jetzt, wo das Sardinenpacken aufhört, ein sehr ordentlicher Verdienst, und Mühe ist ja nicht dabei." „Nein, man hat nur still zfu sitzen und hübsch auszusehen, Mutter Quaper", versetzte eine schrille Stimme aus der Gruppe der Weiber. „Das wäre freilich für manche Leute ein sehr schwieriges Geschäft." hören. „Meme chose!" rief Guenn, Leib und Seele! Es war sehr < 691 nicht gelingen. Nun läßt sich wohl nichts mehr dagegen machen." Hamor schwamm in Künstlerseligkeit. „Was soll ich wohl zuerst mit ihr beginnen?" überlegte er in überwallender Freude, „eine jede ihrer Stellungen wirkt begeisternd. Erst jetzt werde ich anfangen, wirklich Gutes zu leisten!" Es wurde spät. Staunton erhob sich, als sei seine Geduld jetzt erschöpft, und schlug sine Whistpartie vor mit einem Freunde, der im Grand Hotel wohnte, worauf Hamor seine Truppe verabschiedete. „Komm morgen zu mir, Nannte", rief er dem verwachsenen Knaben zu. Nannte legte seine Arme auf den Tisch, stützte den Kopf darauf und sagte, sie alle feierlich ansehend, mit hohler Stimme: „ich bin schon vorher dort gewesen, ich bin immer dort." „Ich zweifle nicht daran", versetzte Hamor ernsthaft, „aber laß mich Dich auch sehen, wenn Du morgen kommst, willst Du?" „Ich will", erwiderte das Kind. „Gute Nacht, Madame, gute Nacht, Jeanne und Gnenn." Madame und Jeanne dankten höflich auf den Gruß der drei jungen Männer, nur Gnenn sagte kein Wort, sondern begnügte sich, sie mit ihrem kecken, etwas übermütigen Lächeln anzufehen. Sie fand augenscheinlich, daß sie für diesen einen Tag ganz liebenswürdig genug gewesen sei, alle weiteren Förmlichkeiten konnte Jeanne besorgen. (Fortsetzung folgt.) Wilhelm II. und die Literatur. In den „Wartburgstimmen" schreibt Adolf Bartels von des Kaisers Bedeutung für die Literatur folgendes: Es ift eine nicht zu bestreitende Wahrheit, daß in unseren Zeiten auch der mächtigste Mann nicht den geringsten Etnsluß auf die Entwickelung der Literatur gewinnen kann. Sei er Fürst, sei er Kapitalist, beherrsche er alle Theater, gewinne er alle Zeitschrtften, er wird doch niemals eine „Richtung" hervorbringen oder nur einer schon vorhandenen zum Siege verhelfen können; was kommen soll, das kommt, die Schaffenden, die großen Schaffenden sind alles. „Gewinnen" lassen sich in der Literatur nur die Turchscknitts- und Geschäftsleute, aber diese haben auf die Entwicklung im allgemeinen nie Einfluß gehabt, und ob die Masse ihrer Produktion noch so groß und ihr Erfolg noch so lärmend war. Universitäten und Bibliotheken können die Carnegie usw. gründen, aber eine leistungsfähige Tichter- schule bringen fle durch all' ihre Millionen nicht zusammen. Won diesen allgemeinen Gesichtspunkten aus treten wir nun an die Frage heran: Was bedeutet die mächtigste Person des heutigen Deutschlands, unser Kaiser, für die Literatur? Ich brauche kaum vorauszuschicken, daß der Kaiser als literarischer Genießer so gut das Recht seiner eigenen Meinung und das Recht der Aussprache seiner Meinung hat, tote jeder von uns. Freilich, eine kaiserliche Meinungsäußerung kann, wenn auch nicht die Literatur selbst, doch Tausende von Genießern beeinflussen, etwas in Mode brtngen — aber das Publikum, das der literarischen Mode folgt, zählt nicht, und es ist ästhetisch gleichgiltig, ob ein Karser oder die demokratische Kritik die Mode macht. Erst da können wir einige Ansprüche an den Kaiser stellen, wo er /uHt mehr als Privatmann, sondern als öffentliche Persönlichkeit zu Literaturdingen Stellung nimmt. Als Verteiler des Schiller Preises ist der Kaiser eme offentltche Persönlichkeit. Unter Kaiser Wilhelm II. hat ein wahrer Unstern über dem Schillerpreis geschwebt, er tst nur zweimal (als Doppelpreis) verliehen worden, einmal an Klaus Groth und Theodor Fontane, Ä 8rllet Nichtdramatiker, und das zweite Mal an Ernst 6 ^u ch für sein Drama „Heinrich und Heinrichs Geschlecht — Wtldenhruch hatte ihn übrigens vorher schon einmal erhalten. Es sind dann Statutenänderungen vor- Seno«tmen worden, der Preis soll jetzt nur alle sechs Jahre verterlt werden, aber gleich das erste Mal (im vorigen Jahren hat wieder kerne Verteilung stattgefunden . . . . rvian hat für drese Dinge ganz allein den Kaiser verantwort- Uch gemacht, gesagt, er wolle den Preis eben nur ihm genehmen Persönltchkeiten -geben. Ich mache zuerst oie Preiskommission, dann die Verhältnisse verantwortlich. Als der Preis zum ersten Male unter dem jetzigen Kaiser verliehen werden sollte, da schlug die Kommission, wie allgemein bekannt ist, F u l d a s „T a l i s m a n" vor. Das war, gelinde gesagt, eine große Taktlosigkeit; denn dieses Stück verdankte, wie jeder Einsichtige erkennen mußte, seinen Erfolg nur der allerdings äußerlich versteckten Tendenz gegen die Persönlichkeit des Kaisers, es war ein sogen, „schielendes" satirisches Stück, dabei, wie sich inzwischen für jedermann klar herausgestellt hat, dramatisch ziemlich lendenlahm und poetisch konventionell, ja, im Grunde langweiltg. Ein solches Stück konnte der Kaiser unmöglich krönen. Aber er hat dann auch die später vorgeschlagenen Stücke Hauptmanns, deren Bedeutung doch nicht zu bestretten ist, nicht gekrönt! Ich gebe zu, daß das ein Fehler war, zwar nicht für ein einzelnes Stück, aber für fern Gesamtschaffen hätte Hauptmann den Preis unbedingt emmal bekommen müssen — hätte er ihn, tote vielleicht anzunehmen ist, abgelehnt, um sp besser! Aber man scheint dem Kaiser die „Weber" stets als revolutionäres Stück htngestellt zu haben, während es doch nur das treue histo- riiche Gemälde von Notständen ist, mit denen der moderne monarchische Staat recht Wohl fertig werden kann. Neber- Haupt hat die Kommission, so viel sich wenigstens erkennen läßt, Wertig Findigkeit in Vorschlägen erwiesen. Hätte der Kaiser, wenn er denn nicht ein einzelnes Werk krönen wollte, nicht vielleicht den Dichter als Ganzes gekrönt? Und wenn Hauptmann Wegfällen mußte und ein anderer ernst zu! nehmender Dramatiker nicht da war, weshalb hat man nicht Poeten wie Wilhelm Raa be, Peter Rosegger, Martin Greif, Detlev von Liliecron in Vorschlag gebracht? , Auch der Kaiser ist ja Theaterherr und insofern wieder öffentliche Persönlichkeit. Er kann Einfluß auf eine Reihe Hofbühnen, nicht bloß die Berliner, sondern auch die in Hannover, Kassel und Wiesbaden üben und tut es auch gelegeutltch. Gerade das Königliche Schauspielhaus hat während der Regierungszeit Kaiser Wilhelms II. eine Aufgabe durchgeführt, die bedeutender ist, als was sonst irgendwo auf deutschen Theatern geschehen: Es hatte das deutsche Klassikerrepertoire durch die Aufnahme Kleists, Grillparzers und vvA allem Hebbels erweitert. Nun ist aber recht wohl bekannt, daß der Kaiser ein Verehrer Hebbels ist, und wenn auch die Initiative vielleicht nicht von ihm, sondern von Grube ausgegangjen ist, gehalten hat doch er zweifellos den großen Dichter, der ein Liebling des Berliner Premierenpublikums ja allerdings schwer lverden kamt. Ueberhaupt erhält doch wohl das Königliche Schauspielhaus allein das Drama hohen Stils in Berlin aufrecht; das berühmte „Deutsche Theater" ist von seiner ur- sprünglichen Aufgabe schmählich abgefallen, das „Berliner Theater" ist nie recht ernst zu nehmen gewesen/ und das vielgefeierte volkstümliche Scbillertheater hat ästhetisch auch noch nichts Sonderliches geleistet — oder ist es wirklich eine so große Tat, wenn Direktor Raphael Löwenseld feine berühmten Gäste entweder als Shylock im „Kaufmann v o n V e n e d i g" oder in der „I ü h i n v o n T o l e d o", den beiden klassischen Stücken, die in Berlln obligatorisch sind, auftreten läßt? Das ist nun allerdings richtig, daß die Neuansführungen im Berliner Königlichen Schauspielhause, >ch meine die neuen Stücke, oft unter aller Kanone sind. Aber der Kaiser selbst kann natürlich die dramatische Literatur nicht verfolgen, das können selbst seine Intendanten nicht; vernünftige, unabhängige Dramaturgen sind not. Man wird ja nun sehen, was der neue Intendant Herr von Hülsen in Berlin fertig bringt — seine Wiesbadener Festspiele haben nicht literarische, sondern mehr bühnentechnische Bedeutung. Hoffentlich hält er vor allem das er- wetterte Klassikerrieperroire. Außer durch die Verleihung des Schillerpreises und durch Beeinflussung seiner Theater kann der Kaiser noch ditrch Begünstigung einzelner Dichter aus die Literaturpflege (Ntcht -Entwickelung) Einfluß gewinnen, aber hier kommen wir nun schon aus das Gebiet, wo jeder das Recht zu jagen hat: Car tell est notre plaisir. Als kaiserlicher Hofpoet hat eine zeitlang Ernst von Wildenbruch gegolten, aber er war es nie, wenn er auch über seine Hohenzollertt- stücke — er ist ja selbst Hohenzoller — manchmal mit dem Kaiser verhandelt haben mag. Das sieht jeder literarische Sachverständige sofort, daß Wildenbruch seine Dramen genau so schreiben würde, wie er sie schreibt, auch wenn er 592 ewig „fern von Madrid" gelebt hätte. Um es ausdrücklich zu sagen, der Kaiser ist für Herrn von Wildenbruch an keiner Beziehung verantwortlich. Eher für I o s e p h L a u f f, aber auch die Opposition gegen diesen finde ich unberechtigt. Mas, man sollte als ehemaliger Offizier sein Königshaus feiernde Stücke nicht bona fide schreiben können, man sollte da gleich eine Knechtsseele haben müssen? Geraten die Stücke schlecht, ei, da tadelt sie, aber tadelt sie nicht ihrer Tendenz wegen. Daß der Kaiser den Wunsch hat, die Großtaten seiner Vorfahren feiernde Stücke auf der Bühne zu sehen, begreift sich; als modernen Shakespeare hat er Laufs, soviel ich weiß, noch nicht erklärt, ein Talent ist dieser aber, wie noch neuerdings sein Roman „Karreki ek" erwiesen hat. Also man gönne doch dem Kaiser das Vergnügen, er zwingt ja niemand, Lauffsche Stücke anzusehen. Da freilich, hat er sicher etwas Aesthetisch-Unrichtiges getan, als er L e o n - cavallo beauftragte, den „Roland von Berlin" zu behandeln, den kann nur ein Deutscher schreiben und komponieren. Aber, auf ein Experiment mehr oder weniger kommt es zuletzt auch nicht an. Eine Blüte deutscher Knnit und Literatur haben wir von dem Kaiser nicht zu erwarten, die haben wir selbst in unermüdlicher Arbeit zu schaffen. Aber es ist das gute Recht des Kaisers, die reichen künstlerischen und literarischen Interessen, die er ja doch sicherlich hat, in seiner Weise als freier Mann zu betätigen. Irrt er sich, so kann man es in respektvoller Weise öffentlich sagen, Sensa- tkonsangelegenheiten sind aber kaiserliche ästhetische Urteile nicht. Vermischtes. Ernst Haeckel und Ernst v. Wildenbruch, der Naturforscher und der Dichter, haben als Ehrenpräsidenten der Association litteraire et artistique internationale in Weimar zwei charakteristische Reden gehalten. Haeckel, von stürmischen Kundgebungen begrüßt, gab seiner Freude über die Jnternationalität der Vereinigung Ausdruck. Internationale Kulturarbeit müsse Brücken schlagen und vermittelnd wirken gerade in einer Zeit, wo aus den nationalen Gesinnungen, die ein Volk scharf voneinander schieden, oft feindschaftliche Gefühle erwuchsen. Es sei hoch au der Zeit, daß die „Vereinigten Staaten von Europa" sich im Geiste zu einer vernünftigen Jnternationalität verbänden gegenüber der gelben Gefahr des fernen Ostens, wo Japans Kultur einen mächtigen Aufschwung nahm und China sich als äußerst leistungsfähig erwiese. Tie Assoziation werde aufklärend und einigend wirken tm Sinne solchen Zusammenschlusses, im Sinne eines alle umfassenden Menschentums. Daß er, Haeckel, diese und ändere Ideen frei habe vertreten können, danke er der Universität Jena. In Preußen hätte man den Verfasser der „Welträtsel" längst vor dre Tür gesetzt. Der verstorbene Großherzog Karl Alexander habe seine wissenschaftliche Ueberzeugung nicht geteilt, aber er habe ihn in edelster Meise frei gewähren und lehren lassen. Als einmal ein strenggläubiger Oberkirchenrat dem Großherzog nahegelegt habe, Haeckels Tätigkeit Einhalt zu tun, habe der fürstliche rector magnificus der Universität Jena gefragt: „Sind Sie der Ansicht, daß Haeckel von der Richtigkeit seiner Lehre überzeugt ist?" und als der Geistliche bejahte, hinzugefügt: „Mm, sehen Sie, dann tut Haeckel nichts anderes, als was Sie selb et tun."— Ueber Nationalität und Jnternationalität sprach auch v. Wildenbruch. Anknüpfend au die scheinbare contradictio in adjecto, daß man ihn, den ausgesprochen nationalen Dichter zum Ehrenpräsidenten eines internationalen Kongresses berufen habe, führte er u. a. aus: Man habe ihn einen Chauvinisten genannt; das sei er nicht, und könne es nicht sein, denn Chauvinismus, d. h. aggressives Geltendmachen der eigenen Nationalempfindungen sei der deutschen Natur unbekannt und unverständlich. Mer er begrüße es als das wesentlichste historische Ergebnis des 19. Jahrhunderts, daß die europäischen Nationen zu Individuen mit individuell persönlichem Bewußtsein geworden seien. Das wirke nicht etwa schrankenbildend. In Wahrheit werde mir ausgeschlossen und unmöglich gemacht, was allerdings auszuschließen sei: eine charakterlose Nationalitätenvermisch- ung, bei der jede ihr Bestes, ihre Eigenart einbüße, ohne die der andern in sich aufzunehmen. Wohl aber erreiche man als das Erstrebenswerteste: ein Gesellschaftsbewutzt- sein der europäischen Nationen und daraus erwachsend einen gesellschaftlichen Zustand. Gesellschaft sei eine Menschenvereinigung, die sich durch gemeinsame, ungeschriebene Gesetze gebunden fühle. Seiner Ueberzeugung nach würden' im Laufe der Zeiten die Menschenstaaten sich zu einer Menschheitsgesellschaft entwickeln. Eine Gesellschaft entstehe " und erhalte sich dadurch, daß jedes einzelne Mitglied sich als gleichberechtigt neben dem anderen und alle alle anderen als gleichberechtigt neben sich empfinde, und es diene die Gesellschaft zur Erreichung gemeinsam als Bedürfnis empfundener Ziele, die zu erringen nur dem Zusammenwirken der Kräfte möglich sei und die er, Redner, zusammenfassen möchte in den Begriff Menschheitskultur. — v. Wildenbruch schloß diesen Passus seiner von begeistertem Beifall aufgenommenen Rede: „Das Problem liegt für uns .also so: wie erreichen wir, indem wir uns' individuell sondern, das über uns allen schwebende gemeinsame Ziel menschlicher Kulter? Und hrerauf ist zu antworten: wir erreichen es nicht dadurch, daß wir einer in den anderen aufgeben, sondern dadurch, daß jeder einzelne sich selbst uno seine individuelle Eigenart zu denkbar höchster Vollendung ansbildet und bann von seinem Eigensten selbstlos im Hinblick auf das gemeinsame Ziel an die anderen Hergibt. So kommt ja auch ein gutes Konzert nur zu stände, wenn jeder einzelne mitwirkende Musiker sein eigenes Juftrument bis zu denkbar höchster Vollendung zu beherrschen lernt." rli * • Ein Wettbewerb. Wie die „Dtsch. Töpfer- und Zieglerztg." mitteilt, hat die Union Csramigue et Chau- sourniöre de France einen Wettbewerb ausgeschrieben zur Erlangung von Entwürfen, aus denen die reiche Anwendung ersehen werden soll, welcher die Baumaterialien aus gebranntem Ton fähig sind. Män will die keramischen' Baumaterialien zu allgemeinerer Anwendung bringen, seien diese Baumaterialien Konstruktionsmaterialien, seien es reine Dekorationsmaterialien. Der Verein hat gedacht, daß dies eine interessante Studie wäre sowohl in Bezug auf die dekorative Erscheinung, als auch in BezUg auf die Anforderungen des Komforts und der Hygiene. Als Gebäude, das zu entwerfen ist, hat der Verein ein Gasthaus einer Provinzstadt gewählt üifb dabei angenommen, daß dieses Programm allen Wünschen entspricht, zumal viele Hotels noch weit hinter der Zeit sind. Alle die Zimmer und Salons der Gasthöfe, welche mit Ornamenten und Teppichen, Tapeten, Decken und groben, ungesunden Möbe In ausgestattet sind, könnten zweckentsprechender in der Weise ausgestattet sein, daß Dekorationen angewendet würden, welche eine öftere Reinigung, auch mit warmem Wässer, zulafsen und dabei dennoch das Auge befriedigen. Tie keramischen Fabrikate scheinen ganz geeignet, diesen Zweck zu erfüllen. Sternrätsel' (Nachdruck verboten.) >«■ K A A & ä S » & • Nach dem Muster obiger Figur sind die Buchstaben AAA CCC, DD, EEEEEEEE, FFEF, HHHH, IUI, LL, MM' p, RRRRRB, 88 derart einzutragen, daß die mittelste wagerechte Reihe gleichlautend mit der mittelsten senkrechten ist und die Buchstaben wagerecht gelesen folgende Bedeutung ergeben: 1. Konsonant. 2. Körperteil. 3. Singvogel, 4, Fluß. 5. Vorname. 6. Geistlicher. 7. Werkzeug. 8. Ausruf. 9. Konsonant. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Anagramm in vor. Nr.: a. Siam, Rain, Angel, Abel, Eris, Save, Selma. b. Mais, Iran, Nagel, Elba, Reis, Base, Amsel. Minerva. R. Lange, Gießen. Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und st erlag der Brübl'schen UniversttätS-Buch- und Steindruckerei.