M AuLechalLuAMM M !KiehmerAn^iger MMmt-AllMer). > WW s^U B M WI .4- -:; T Mn 1903. — Nr. 132 Samstag den 5. September. (Nachdruck verboten.) Schloß Osterno. Roman von S. M e r r i m a n. (Fortsetzung.) „Aber es geschieht doch- zu unserem Glück, nicht wahr, Paul? Ich weiß es, nur deshalb haben Sie es getan. Ich hatte bisher noch keine Zeit, zu überlegen, was ich tue, oder was geschehen wird, aber wenn es Ihr Wunsch ist, so will ich mit dem zufrieden sein, was geschieht." „Es war nicht mein Wünscht, antwortete Paul, dem ihr sehnsüchtiger Ton nicht gefiel. „Die Umstände haben es so gefügt, die Umstände, die uns seit kurzem alle beherrschen. Es scheint, daß wir keine Zeit haben, nachzudenken, sondern nur das tun, was für den Augenblick das beste erscheint." „Sie halten es also für das beste, daß ich mit meinem Vater nach Amerika gehe?" Ihre Stimme klang ruhig und gelassen. In dem trüben Lichte konnte er ihre weißen Lippen nicht sehen, aber er sah auch nicht hin. „Mir scheint es so", sagte er. „Soweit wir vorläufig voraussehen können, steht wohl fest, daß Sie Ihren Vater vor Sibirien retten. Sie kennen ihn, er denkt nie an seine eigene Sicherheit. Er hätte nickt hierherkommen dürfen. Wenn er in Rußland bleibt, so ist mit Gewißheit zu erwarten, daß er früher oder später wieder verhaftet wird. Er ist einer von den guten Leuten, die vor sich selbst gerettet werden müssen." Katharina nickte. Manchmal ist die Pflicht der Anker des Glücks, und das Mädchen war sich dunkel bewußt, daß es sich daran anklammerte. Außerdem war sie so einfach und unverdorben, daß sie Pauls Meinung für unfehlbar hielt. Wenn wir an den großen Kreuzwegen des Lebens stehen, sind wir geneigt, jeden, der sich zufällig in der Nähe befindet, um den Weg zu fragen. Und Katharina hätte sich keinen schlimmeren Ratgeber wählen können; denn Paul war wenigstens ehrlich. „Ihrer Ansicht nach ist es also meine Pflicht", sagte sre. ,,-oarin liegt eine Art Trost, wie schmerzlich es mir auch vorläufig sein mag. Ich glaube, es tröstet einen, ~e!Ln rn.uut Aurücksieht und bedenkt, daß man auf jeden Fall ferne Pslrcht getan hat." „Ich weiß nicht, aber ich kann es mir denken", antwortete Paul einfach. ... der Vater allein hinübergegangen ä r • £9 o • Ate' ltn? ihrer Stimme klang'ein sehr menschliches Zrttern der Hoffnung. it^aube ich nicht", antwortete Paul gelassen. „Uebrrgens können, Sre ihn ja fragen." Oie waren einander nie so fern gewesen wie in -rato^ kalte, oberflächliche Bekannte; und doch hatten sre als Kinder miteinander gespielt- „Wenn es so steht, ist meine Pflicht mir klar", sagt« das Mädchen. „Es bedurfte einiger Ueberreduna, um seine Ein-, willigung zu erlangen, selbst als er horte, daß Sie mit-, gehen würden." Der unebene Weg unterbrach vorläufig jedes weitere Gespräch. Der Schlitten sprang und kollerte von eineink gefallenen Baumstamm zum anderen. Paul streckte die Fiiße aus und saß fest int Schlitten, indem er die müden Pferde mit den Zügeln und der Stimme anfeuerte. Katharina war genötigt, sich mit beiden Händen tut der Stange des Schutzleders zu halten; denn das Schutz- leder eines russischen Schlittens ist ein schweres Lederstück, das an einer hölzernen Stange befestigt ist. „Sie glauben also, daß meine Pflicht mir deutlich vorgeschrieben ist?" wiederholte das Mädchen endlich Paul antwortete nicht sogleich „Ich bin davon überzeugt", sagte er. Damit hatte die Sache ein Ende: Katharina Lano«- witsch, die sich nie von jemand beherrschen ließ, formte, ohne eine weitere Frage zu stellen, ihr ganzes Leben nach der Meinung dieses Mannes. Eine Zeitlang schwiegen sie, dann brach das Mädchxn die Stille. „Ich habe Ihnen ein Geständnis zu machen und eins Bitte zu tun", sagte sie ohne Umschweife. Pauls Haltung verriet Aufmerksamkeit, aber er antwortete nicht. „Es ^handelt sich um den Baron Chanxville", sagte sie. „Ich bin feige, — ich habe das früher nicht gewußt", fuhr sie fort. „Es demütigt mich. Seit einigen Wochen bereits bemühe ich mich, Ihnen etwas zu sagen, aber ich schrecke davor zurück. Ich fürchte mich, daß Sie mich verachten werden. Ich war ein Närrin, vielleicht noch etwas Aergeres. Ich hatte keine Ahnung, daß Claude von Chaux- ville das ist, was er ist. Ich ließ ihn Dinge erraten, drei er nie hätte erfahren dürfen, — ich meine, über meine eigenen, privaten Angelegenheiten. Dann fing ich an, mich zu ängstigen, und er versuchte, mich auszunützen. Ich glaube,' er nützt jeden aus. Sie wissen wohl, was für ein Mensch er ist." „Ja, das weiß ich", antwortete Paul. „Er haßt Sie", fuhr sie fort. „Ich will damit nichts Böses sagen, er — ich glaube, er wollte die Fürstin heiraten. Seine Eitelkeit wurde verletzt, weil sie Sie vorzog, und er wollte sich an Ihnen rächen. Wunden, die der Eitelkeit geschlagen iverden, heilen nie. Paul, ich weiß nicht, wie es kam, aber er zwang mich, ihm bei seinen Plänen zu helfen. Ich hätte Sie hindern können, auf die Bärenjagd zu gehen, denn sein Benehmen kam mir schon damals verdächtig vor; ich hätte meine Mutter hindern können, ihn nach Thors einzuladen, ich hätte ihm tausend Schwierigkeiten in den Weg legen können, aber ich tat eS 526 nicht. Im Gegenteil, ich half ihm. Ich erzählte ihm von den Bauern, nannte ihm die schlimmsten darunter, — jene, die von den Anarchisten beeinflußt sind und nicht arbeiten wollen. Ich erlaubte ihm, hierzubleiben und fernen Plan auszuführen, — Paul, der ganze Aufruhr unter den Bauern ist sein Werk. Er hat eine regelrechte Empörung gegen Sie angezettelt. Er versteht seine Sache gut. Gestern reiste er ab, aber ich bin überzeugt, daß er sich noch immer in der Nachbarschaft aufhält." Sie brach ab und sann nach. In ihrer Geschichte fehlte etwas, das sie nicht ergänzen konnte: das Motiv. „Ich weiß nicht, warum ich es tat- Es war eine Art Krisis, die ich durchmachte. Ich kann es nicht erklären. Das ist das Geständnis." Er brach in ein leises Lachen aus. „Wenn keiner von uns etwas Aergeres auf dem Gewissen hätte, würde es in der Welt nicht allzu schlimm stehen", antwortete er. „Chauxville hat nur eine Krisis beschleunigt, die von der Vorsehung bereits vorbereitet war. Ter Fortschritt der Menschheit läßt sich nicht aufhalten. Worin besteht die Bitte, die Sie stellen wollen?" „Sie müssen Osterno verlassen", sagte sie ernsthaft. Selbst die Verzögerung von ein paar Stunden bedeutet Gefahr. Herr von Chauxville sagte, daß keine Gefahr vorhanden sei, und damals glaubte ich ihm, aber jetzt tue ich es nicht mehr. Außerdem kenne ich die Bauern; sie sind schwer aufzurütteln, aber wenn sie einmal erregt sind, kann man sie nicht beherrschen. Sie fürchten sich vor nichts. Sie müssen noch heute nacht fort." Paul antwortete nicht. Sie drehte sich langsam auf ihrem Sitze um und schaute ihm beim Lichte des abnehmenden Mondes ins Gesicht. „Sie werden hier bleiben?" Er erwiderte ihren Blick mit seinem ernsten Lächeln. „Von Fortgehen ist keine Rede", antwortete er. „Das müssen Sie doch wissen." Sie machte keinen Versuch, ihn zu überreden, vielleicht lag etwas in seiner Stimme, was sie als Russin verstand,— ein Klang von dem, was wir sonst Starrköpfigkeit nennen. „O, es muß herrlich sein, ein Mann zu sein", sagte sie plötzlich mit lauter Stimme. „Etwas — ein Gefühl bewog mich, diese Bitte z,u tun, und dabei empfand ich doch eine gewisse Freudigkeit bei dem Gedanken, daß Sie die Bitte sicher abschlagen würden. Ich wollte, ich wäre ein Wann. ' Ich beneide Sie, Paul, Sie wissen gar nicht, wie ich Sie beneide." Paul lachte ruhig. „Wenn Sie Gefahr suchen, so werden Sie in der nächsten Woche mehr davon haben, als ich", antwortete er. „Steinmetz und ich wissen, daß Sie das einzige Weib in Rußland sind, das' Ihren Vater sicher über die Grenze bringen kann. Darum kam ich. Sie zu holen." Das Mädchen antwortete nicht gleich. Sie fuhren jetzt wieder aus der Landstraße, und der Schütten glitt geräusch- los dahin. „Was ist das für ein Licht?" fragte sie plötzlich, indem sie ihre Hand auf seinen dicken Pelzärmel legte. Sie war nicht nervös, aber sehr aufmerksam. „Das Licht dort, — gerade vor uns." „Es ist der Schlitten mit Ihrem Vater und Steinmetz", antwortete Paul. „Ich sagte ihnen, sie sollten beim Kreuzweg auf uns warten; denn Sie müssen noch vor Tagesanbruch an der Wolga sein. Schicken Sie die Pferde nach Twer weiter. Ich habe Ihnen „Minna" und „Blitz" gegeben; sie brauchen nur eine Stunde auszuruhen, aber Sie müssen selbst kutschieren." Katharina sank plötzlich gegen die Stange des Schutzleders; das war seltsam, denn die Strecke war ganz eben. Sie legte ihre behandschuhte Hand aus die Stange und richtete sich! mit sichtlicher Anstrengung empor. „Was haben Sie?" fragte Paul, denn sie hatte einen unartikulierten Laut ausgestoßen. „Nichts", antwortete sie. „Ich wußte nur nicht, daß es so bald geschehen müßte; aber es macht nichts." 40. Kapitel. Det Sturm bricht los. Ter große Salon war hell erleuchtet. Abermals hatte sich ein trauriger Tag feinem End« genähert. Es war am Dienstag abend, der letzte Dienstag im März. Der Starost hatte sich den ganzen Tag über in der Nähe des Schlosses nicht blicken lassen, und Steinmetz war mit Paul seit dem Frühstück stets bei den Damen gewesen, da sie sich nicht vors -Tor wagten. In! der Atmosphäre lag etwas Unheimliches, die Stille vor eilt ct Etta war den ganzen Tag über in gefährlicher Stimmung, trotzig und schweigsam. Nelly beobachtete Paul mit ihren stillen, gelassenen, 'mutigen Augen, denn sie wußte jetzt, daß Gefahr war. Steinmetz, immer gefaßt und humorvoll, unterhielt das, Gespräch während des ersten und zweiten Frühstiicks. Jetzt rückte die Tinerzeit heran, und das ganze Schloß wurde glänzend erleuchtet, als erwarte man einen Schwarm von Gästen. , „ , Nelly war allein im Salon, stutzte einen Arm aus den Kaminsims und blickte nachdenklich ins Feuer Das Rauschen von Seide bewog sie, den Kops um- zuwenden, und sie erblickte Etta in herrlicher Toilette, mit totenblassem Gesicht und vor Angst starren Angen. „Ich finde es heute abend wärmer", sagte Nelly, von einem plötzlichen Sprechbedürfnis ergriffen, aber ein eisiger Frost packte ihr Herz. „Ja", antwortete Etta und schauerte zusammen. Einen Augenblick herrschte eine Pause, und Etta sah aus die Uhr. Es war zehn Minuten vor sieben. Traußen wehte ein heftiger Wind, der erste jener Aeauinoctialstürme, die den Frühling verkünden. Tas Brausen des Windes im großen Schornsteine glich dem! Aechzen des Takelwerkes auf hoher See. Tie Tür tat sich aus und Steinmetz trat herein. Ms Ettas Gesicht erschien ein bitterer Ausdruck, ihre Lippen schlossen sich mit einem Ruck. , rr, Steinmetz sah sie und Nelly an; diesmal^ schien W keinen Scherz bereit zn halten. Er ging aus den Tisch z: auf dem einige Bücher und Zeitungen in künstlerischer Unordnung lagen, und stand noch dort, als Paul ms Zemmer trat. Der Fürst blickte auf Nellys er sah, wo seine Frau stand, warf aber keinen Blick auf sie. Steinmetz schrieb mit Bleistift etwas auf einen halben Briefbogen und schob ihn über den Tisch hinweg 5ßaU1,/Sitti) Sie bewaffnet?" stand auf dem Bogen. Paul zerdrückte das Papier in der hohlen Hand und warf es ins Feuer, wo es rasch aufslammte. Dann bückte er ebenfalls ans die Uhr. Füns Minuten vor sieben. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen, und ein Bedienter stürzte bleich, verwirrt, außer sich vor Entsetzen herein. Es war ein riesiger Lakai in der prunkvollen Livree des Fürsten Alexis. „Durchlaucht", stammelte er, „das schloß ist umringt, sie werden uns umbringen, — sie werden uns ver- Er hielt bestürzt inne, denn Paul deutete mit einem Mm--", M. «. »«- 8e,f“uS? ”i* offene Dir, auf die P«l deutete, lugten die aschbleichen Gesichter der anderen, gleich schasen zu- ,“”Stoffen9«e M”e3iS5;. «ied-rh-lt- Paul, «* der Mann gehorchte wortlos. Er schritt unsicher, mit zitternden Lippen auf die Tür zu, auf der schwelle blieb, er aber noch einmal stehen. . _ Paul deutete noch immer mit stolz zuruckgeworseuem Kopfe auf die Tür, — es war ein plötzliches Erwachen des Blutes, das durch die Adern erblicher Fürsten ge- ^^o'NellY^sah ihn an; so hatte sie ihn nochs Nie gesehen. Sie kannte den Menschen; dem Fürsten war sie noch Nie begegnet. . Die große Schloßuhr schlug die Stunde, und tn demselben Augenblick erhob sich ein betäubender Lärm. Auf allen Seiten klirrten Fensterscheiben, aber schon hatte SteE metz die Vorhänge dichter vor die Fenster gezogen, damit das Licht nicht durch die Ritzen der geschlossenen Läden hinausdringe. „Es sind bloß Steine", sagte er tmi seinem finsteren Lächeln zu Paul; „es könnten ebenso gut Kugeln sein." Wie zur Antwort auf diese Worte übertönte der schürfe Knall mehrerer Schüsse daß! ldumpfe Stimmengebrause. Steinmetz schritt durch das Zimmer auf den Kamin zu, wo Etta mit bleichen Lippen stand. Ihre zitternden Finger umklammerten Nellys Handgelenk, imb sie verbarg sich halb hinter ihrer Cousine. Nelly sah Paul an. Etta hatte Steinmetz' Blick offenbar verstanden. „Ich bat Sie vorhin, mir alles zu erzählen, was Sie wissen", sagte er. „Sie weigerten sich. Werden Sie es jetzt tun?" Etta begegnete einen Moment seinem Blick, zuckte die Achselri und wandte ihm den Rücken zu. Auch Paul kehrte ihnen den Rücken, während er allein in der offenen Tür stand. Ter glänzend erleuchtete, prachtvolle, leere Palast hatte nie so riesenhaft ausgesehen, wie in diesem Augenblick. Mitten in dem Hagel von Schlägen, die aus das feste Tor fielen, mitten in dem Klirren der Steine gegen die Scheiben konnte der Fürst gellende Flüche und wildes, zerstörungslustiges Gelächter hören. Er wandte sich um und trat wieder ins Zimmer. Sein Gesicht sah grau und schreckenerregend aus. „Sie haben keine Aussicht, gewaltsam einzudringen, denn die unteren Fenster sind verrammelt; sie haben auch keine Leitern, dafür haben Steinmetz und ich gesorgt. Wir haben dies seit mehreren Tagen erwarten" Er wandte sich zu Steinmetz, als verlange er eine Bestätigung seiner Worte. Der Lärm wuchs, und der Intendant mußte fast schreien, um sich verständlich zu machen. „Wenn wir wollen, können wir sie zurückschlagen; wir können aus den Fenstern auf sie schießen, aber" — er hielt inne, zuckte die Achseln und lachte — „dieser Fürst will nicht auf die Leibeigenen seines Vaters schießen." „Wir müssen euch jetzt allein lassen", fuhr Paul fort. „Vor allem müssen wir uns gegen Verrat schützen. Mqg geschehen, was will, wir werden das Haus nicht verlassen; wenn das schlimmste kommt, verteidigen wir uns in diesem Zimmer. Aber ihr müßt hier bleiben, bis wir zurückkominen, mag geschehen, was will." Er verließ, von Steinmetz gefolgt, das Zimmer. (Fortsetzung folgt.) Der Orgelbauer von Trient. Von Alfred Bock-(Gießen). Es war ein milder Spätsommerabend, als ich über die Etschbrücke in Trient der Piazza gründe zuschritt. Vor mir erhob sich in erhabener Pracht das Marmörwunder des herrlichen Doms. Die Nacht breitete ihre dunklen Fittige aus; nur um die grotesken Zacken der Kalkberge, die wie ein Riesengürtel die Stadt und das liebliche Tal umspannt halten, wob noch ein heller Schimmer. Die Vesperglocken luden zum Gebet, und ich trat in die dämmernde Halle des Doms. Orgelklänge durchbrausten den gewaltigen Bau, es mußte ein Künstler sein, der so meisterlich Manual und Pedal beherrschte. Aus dem Stabat Mater von Pergolese ging er in eine Tokkata über, die seinem leidenschaftlichen, beinah' phantastischen Spiele die vollste Freiheit ließ. In feierlicher Stimmung begab ich mich auf die Orgel, um, wenn es möglich sei, die Bekanntschaft des vortrefflichen Organisten zu machen. Es währte nicht lange, da stand ich einem kleinen, ünschein- baren Herrn gegenüber, der mein begeistertes Lob bescheiden zurückwies und mir die prachtvolle Arbeit der Orgel zeigte. „Fünfzehn Jahre", sagte er, „bin ich als Domorganist hier im Amte, und Sie können sich denken, daß ich allmählich mit meinem Instrument verwachsen bin." „Und diese Orgel", setzte er mit leiser, bewegter Stimme hinzu, „hat ihre Geschichte." „Wie alles in dem ehrwürdigen Trient." „Der Name Giovanni Scarli ist Ihnen vielleicht in einem Reisehandbuch begegnet?" „Ich kann mich nicht entsinnen." „Giovanni Scarli hieß der Orgelbauer von Trient. Haben Sie noch ein Viertelstündchen übrig, mein Herr?" „Den ganzen Abend für Sie, geschätzter Meister!" „So möchte ich Ihnen etwas von Scarlis Lebensschicksal erzählen." Er geleitete mich in das geheimnisvolle Dunkel einer Nische, wo wir unter dem Schutze eines marmornen Heiligen aus einer Steinbank Platz nahmen, und begann: Fünfhundert Jahre waren vergangen, seitdem der Grundstein zum Dom von Trient in den Boden gesenkt worden war, endlich um die Mitte des 16. Jahrhunderts strebte das Riesenwerk seiner Vollendung entgegen. Aber noch fehlte die Orgel, die dem Gotteshause die musikalische Weihe gebeu sollte. Da trat vor den Bischof von Trient ein junger Paduaner, der Giovanni Scarli, und erbot sich- in zweier Jahre Frist eine Orgel zu bauen, dergleichen keine Kirche sich rühmen dürfe. Der Bischof, der an dem freimütigen Wesen des jungen Mannes Gefallen sand, gab ihm unter allen Bewerbern den Vorzug, und Giovanni machte sich alsbald ans Werk. Fortan war seine Arbeitsstätte von einer neugierigen Menge umlagert, dazwischen züngelten die Schlangen der Bosheit und des Neides, und nur wenige mochten dem talentvollen Paduaner gönnen, daß ihm das kühne Unternehmen gelingen werde. " Mit ihren Gespielinnen sah auch Margherita, die liebreizende Tochter des Pvdestä*) von Trient häufig der Hantierung des wackeren Scarli zu. Und der kleine Gott mit den nimmer fehlenden Geschossen fügte es, daß die jungen Leute in heftiger Leidenschaft zu einander entbrannten. Margherita trug das Geheimnis ihrer Liebe mit stiller Sorge im Herzen, denn ihr Vater, ein stolzer Patrizier, hätte nimmermehr in die Verbindung seiner einzigen Tochter nrit dem armen Orgelbauer gewilligt. Dieser aber war von Mut und Zuversicht beseelt. „Der wahre Künstler", tröstete er die Zaghafte, „darf ohne Bangen neben dem Edelmann schreiten, denn die Kunst adelt, die sich ihrem Dienst geweiht. Wenn erst mein Name, wie mir schon an der Wiege geweissagt ward, durch ganz Italien fliegt, werden sich mir wie mit einem Zauberstabe die Pforten eures Hauses öffnen." Es war um das Jahr 1563. Die Stadt Trient rüstete sich, die geistlichen Würdenträger aus aller Herren Länder zum Konzil zu empsangen, als Giovanni Scarli festlich gekleidet im bischöflichen Palaste erschien, und freudig ausries: „Eminenza, die Orgel ist vollendet, erlaubt, daß ich sie in Eurer Gegenwart spiele!" Und alles Volk strömte zusammen, die neue Orgel zu hören. Es war aber, als wenn die heilige Cäcilia selbst durch den Dom schwebte, so wundersam berückend war der Strom der Töne, der durch das Schiss der Kirche quoll. Andächtig lag die Menge auf den Knien, und das Gefühl einer heiligen, gottgeweihten Stunde lebte in jeder Brust. Der Bischof beschiel) Giovanni Scarli zu sich und sprach: „Du hast als redlicher Künstler gehalten, was Du versprochen hast. Ich will Dich auszeichnen vor all meinen Trabanten und will Dich fürstlich belohnen. Aber eins mußt Du mir in dieser Stunde geloben: Deine Hand, wie geschickt sie auch sei, darf fürderhin zum Bau einer Orgel sich nicht mehr rühren, denn mich gelüstet der Einzige zu sein, der solches Kunstwerk sein eigen nennt." . „Herr", erwiderte Giovanni erblassend, „ich lebe frei tote der Vogel, der in den Stiften schwebt, und niemand — und wäre es der Heilige Vater selbst — darf sich vermessen, mir mein Kunstgewerbe zu verbieten. Gebt mir den bedungenen Lohn und laßt mich meiner Wege ziehen." Dem Bischof schwoll die Zornesader aus der Stirne. Er winkte den Podesta heran. „Bringt den Scarli in Gewahrsckm, ich gebe ihm drei Tage Bedenkzeit. Hat er sich dann nicht zu anderer Sinnesart bekehrt, so laßt ihn in Eisen legen." Und die Schergen des Podesta ergriffen den unglücklichen Giovanni und schleppten ibn in ein dunkles Verließ. Als diese Vergewaltigung des jungen Orgelbauers ruchbar wurde, ging ein Schrei der Entrüstung durch das Volk von Trient. Scarlis Kerker aber wurde scharf bewacht, denn man glaubte nicht anders, die erregte Menge werde den Versuch machen, den Gefangenen zu befreien. Uinsonst, daß einsichtsvolle Männer den Bischof um Gnade für Scarli flehten, umsonst, daß die verzweifelte Margherita sich ihrem Vater zu Füßen warf — Giovanni blieb m Ketten. *) Bürgermeister. (Auflösung in nächster Nummer.) Redaktion: August Götz. 2 4 4 3 4 1 3 1 2 2 weiblicher Vorname. Waffe. Wasserpflanzen lästiges Insekt, innerer Körperteil. K r e n z ch a r a d e. (Nachdruck verboten.) Auflösung der Gleichung in vor. Nr.: Obsternte (a Ob, b Stern, c Tee, d Ehering, e Henng)-, - Rotationsdruck und S erlog der Vrübl'schen UniversttSts-V-ch. und Lteindruckerei. R. Lange, G.eßen. in einer Ecke kauernd dem Schauspiel zugesehen hatte, tief ihnen höhnend nach: „Tölpdl, die ihr sechs W ist ja gar nicht die heilige Cacilia, sondern Margherita Bardi, die Tochter des Podesta!" Giovanni Scarli ward nicht mehr gesehen. Das Volk sagte, er fei längst tot gewesen, nur sein Geist sei herabgekommen, sich an seinem Todfeinde zu rächen. Tie Orgel des Paduaners", schloß der Maestro seine Erzählung, „hat zahllose Geschlechter überdauert, und wie vor Jahrhunderten dringt heute noch die Fülle ihrer Harmonien der frommen Gemeinde ans Herz. Der Name Giovanni Scarli ist vergessen und verweht, sein Werk aber wird bestehen über den Wandel der Zeiten hinaus als ein Wahrzeichen hoher Meisterschaft!" Während die glänzende Versammlung des Konzils m den Mauern von Ttient tagte, und die ergreifende Stimme der Orgel tagtäglich die geistlichen Herren mit Staunen und Bewunderung erfüllte, geschah das Fürchterliche, daß Giovanni Scarli — aus wessen Anstiften blieb m Dunkel aeüüllt — von seinen rohen Wachtern geblendet ward. Notdürftig verbunden führten sie ihn in mitternächtiger Stunde vor die Dore der Stadt und überließen ihn fernem Schicksal. Hilflos lag er auf freiem Feld und wand sich in furchtbaren Schmerzen. Da legte sich tote Balsam eine leichte Hand auf seine brennenden Wunden, und eine wohlbekannte, sanfte Sitmme drang an fern Ohr: „Giovanni, fasse Mut, Deine Margherita ist bei Dir." Da schrie er auf in wildem Weh : „Führe mich ans User der Etsch und stoße mich hinab in die Flut, daß meine Qualen enden! Margherita aber hielt ihn umklammert. „Leben sollst Du um meinetwillen. Meine Augen sollen doppelt für Dich ------ sehen, und wohin Dich Deine Füße tragen, ich bleibe Dir I Schiitzschilden in die deut! ArrrrsL r»nd Wissenschaft. kWWZMM-L Th-mos uni §0',g£”"5ie»Silam e>- zs« Meer - Auch sonst führt, wanderte er dem sonnigen Süden zu ist das Heft reich an anziehendeiiArtikelnundhuw ' In dem leichtlebigen Trient spülten die hoch,gehenden Illustrationen. In die erhabenste Hocygebirg^welt versetzt Wogen der Festfreude schnell die Erinnerung an den armen un§ der Aufsatz „Quer du r ch dae Montl lanc Scarli hinweg. Vergeblich stellte der Podesta Nachsorsch- Gruppe" der Alpisttn Frau Mand Wundlöie at e^e- uimen an, sie war spurlos verschwunden. Und die Zeit I Herrscherin Lothringens, die (swrtenstadt Nancch beschreibt nahm ihren Lauf. Wohl gab ein durchreisender römischer [ Bruno Bruni, und eines der wichtigsten ^obleme der Bo Edelmann an dir (M. Tafel einmal °m mnem turnt behandelt R. » M>n-«.n blinden Organisten Kunde, der an der Santa Maria vsindung und Sinnesorgane Bet • "«>«'e ti Maggiore zu Rom bedienstet sei. Sein Orgelspiel, erzählte ftrierte Artikel befassen sich nnt Nordlandreise Kaiser er mit Begeisterung, schaffe einen Hochgenuß, den sich kein VMhelms, den Flottenmanövern m der Nordsee, Fremder, der nach Rom pilgere, entgehen lassen dürfe. I Uniformierung des französischen „Ihr vergeßt", fügte der Begleiter des Edelmanns hinzu, 1 merkenswerten Stuttgarter Schulneubauten. Kathariu "daß es nicht minder die zanberschöne Frau des blinden stift nnd Eberhard-Ludtoigs-Gymnaium^B^ Organisten ist, die ällmorgendlich unsere feurige Jugend scheu Beiträgen bringt das Heft dreFortsetzung!ütto in die Maggiore lockt." Während bei vollen Humpen | Höckers Erzählung „Heimkehr , Fue Havoyer Crzaytnng leichte Scherze hin- und herflogen, ahnte niemand, daß i von Viktor Menzel „Das Seekind Uttb• die römischen Edelleute Giovanni Scarlis und feiner Mar- Plauderei von Emmr Decher „Mein Hund Haus ui d ch . gherita Üob gesungen hatten. r _ außerdem die e, Jtaq« lieber Trient brachen stürmische Zeiten herein. Die usw. Unter den größeren Mustratlonen machen » Städter weigerten sich, die „Zehnsteuer", die fle nach emer I merksam aus die Wiedergabe der ™ Adolf alten Gerechtsame an den Bischof zu zahlen hatten, fürder- von Walter Thor, „Auf her hin zu entrichten. Der Mschos drohte, das Geld mit Schlabitz und „Elegie von M. NonnMbrucy )3 Gewalt eintreiben zu lassen, und es kam zur offenen Fehde, mentspreis von „UeBer Land und ^Neer betrat Ohne sonderlich gerüstet zu sein, verbrannten die Stadter I Nummern vierteljährlich 3,50 Ml., für je » J die Burg. Die Miliz des Bischofs machte einen erfolgreichen 60 Psg. Ausfall und schlug die Trientiner aufs Haupt. Einer ihrer mutigsten Kämpen, der Podesta, sank zu Tode getroffen auf der Wahlstatt hin. Wer nicht lange sollte der Bischof die Früchte seines Sieges genießen, eine lang- , . toter ige Krankheit vergällte ihm das Dasein und warf ihn I to/Äu aufs Siechhett. , Es war an einem Märztage des Jahres 1o80, als der Bischof gegen Wend aus erquickendem Schlummer er- j wachte und zu seiner Umgebung sprach: „Ich fühle mich , wunderbar gekräftigt, mir ahnt, daß ich genesen werde. Laßt im Dom ein Gloria singen, und bringt mich selbst dorthin, ich will mich in brünstigem Gebete stärken." Wohleingehüllt trugen sie den Kranken in den Dom, die Liturgie begann, aber der Organist, der das Gloria begleiten sollte, iuar nirgends zu finden. Da Hub mit' einem Male die Orgel von selbst zu spielen an. „Ein Mirakel, ein Mirakel!" riefen die Trabanten des Bischofs und sanken auf die Knie. Der Bischof richtete sich mühsam auf, Entsetzen malte sich in seinem verzerrten Gesicht. „Giovanni Scarli", schrie er auf die Orgel deutend, „seht Ihr den Giovanni Scarli nicht?" Plötzlich brach das Spiel ab, und von der Orgel donnerte es wie von hundert Simmen Hertab: „Jawohl, Giovanni Scarli, den Du geblendet hast. Rüste Dich, Bischof, Dein Stündlein, ist ge- kominen!" „Packt ihn!" röchelte der Bischofs hob sich noch einmal empor und fiel tot in die Kissen zurück. Die Trabanten stürmten auf die Orgel, Giovanni zu ergreifen. Da stieg von blendendem Licht umflossen ein holdseliges Frauenbild vor ihnen entpor. „Wagt es nicht, ihn zu berühren, ich selbst, die heilige Cacilia, beschütze ihn." Den Dienern des Bischofs glitt die Waffe aus der Hand und sie ergriffen die Flucht. Ein altes Mütterchen, das