L N mW WjVi 1903. — Nr. 115. Mittwoch den 4. August. / \ . i° WK !?MWi MW !"-/ - I (Nachdruck verboten.) Schloß Osterno. Roman von S. M e r r i m a n. (Fortsetzung.) Von der Kathedrale schlug es sechs Uhr, als Steinmetz aus dem Newski-Prospekt auf den großen Platz vor dem Dome trat. Er fand bald den Kasan-Bazar, ein wahres Nest von Spielzeugläden, stieg, den gegebenen Weisungen folgend, erne enge Treppe empor und klopfte an die Tür links an der obersten Treppe. „Herein!" antwortete eine Stimme, die ihn zurückfahren ließ. v 0 Im nächsten Augenblick hatte er die Tür aufgerissen. Tas Zimmer war klein, von einer Petroleumlampe hell beleuchtet, und am Tische saß ein alter Mann mit einem breiten, gütigen Gesicht, einer hohen Stirn, dünnem Haar und einem seltsam sanften Lächeln. „Sie!" rief Steinmetz. „Stephan!" „Ja, kommen Sie herein und schließen Sie die Tür." Er legte die Feder beiseite, stand ans unb küßte Karl Steinmetz nach russischer Art auf beide Wangen. „Ja, mein lieber Karl. Es scheint, daß der liebe Gott für Stephan Lanowitsch noch etwas Arbeit übrig hat. Ich bm ganz leicht, auf dem gewöhnlichen Wege, mit Hilfe bezahlter Flnchtagenten durchgekommen unb seit gestern abend in Petersburg. Aber ich bars nicht lange bleiben, soiibern muß weiter nach Süben. Vielleicht kann ich dort noch gutes tun. Ich höre, baß Paul in Twer Wunder wirkt." „Wie steht es mit bem Gelbe?" fragte Steinmetz, der immer praktisch war. „Tas hat Katharina geschickt, bas gute Kinb! Die härteste Bebinguug, bie der Agent stellte, war, daß ich keinen meiner Angehörigen sehen dürfte. Meine Frau, — nun, du lieber Gott, daran liegt mir nicht viel; sie ist zweifellos wohlaiif intb eifrig dabei, sich vor der Kälte zu schützen. Aber Katharina, das ist etwas anderes, — sagen Sie, wie geht es ihr? Tas ist das erste, was ich wissen antwortete Erzählen starrte sie Bremiers. Gefährteil. „Ich habe sie gestern gesehen, sie ist gesund", Steinmetz. ' a ' „Und Paul?" fragte Graf Lanowitsch rasch. Sie,mr auch von ihm." 1 ' „Er hat geheiratet." Graf Lanowitsch betrachtete die Lampe und als interessiere ihn der Mechanismus des D«nn richtete er seinen Blick wieder auf seinen „Wissen Sie, wie die Dinge stehen?" „^ch weiß von nichts", antwortete Steinmetz. Ter Graf blickte ihn forschend an, stieß einen schwachen Seufzer aus und ließ das Thema fallen. '^acyen „Gilt, reden ivir von Geschäften", sagte er. „Ich Habs biet ziu fragen und Ihnen viel zu erzählen. Vor allem bitte ich Sie, Katharina aufzusuchen und ihr zu sagen, daß ich gesund unb in Sicherheit bin, daß sie aber noch mehrere! Jahre lang keinen Versuch machen darf, mich zu besuchen oder mit mir zu korrespondieren. Natürlich sind Jhnett keine Berichte über meinen Prozeß zugekommen. Ich wurde auf die Aussagen bezahlter Zeugen hin wegen Auf-, reiznug zur Empörung verurteilt. Fortan werde ich entweder im Süden ober in Oesterreich leben, aber es ist besser für Sie, wenn Sie nichts Genaues wissen." kurz toiH auct) 0ar "ichts wissen", sagte Steinmetz „Katharina soll mir auf bent gewöhnlichen Wege Geld schicken, aber nicht mehr als bisher' das genügt für meine kleinen Bedürfnisse. Vielleicht treffen wir uns eines Tages in der Schweiz ober in Amerika. Sagen Sie das meinem teuren Kinde, sagen Sie ihr, daß ich täglich Gott um dieses Wiedersehen anslehe. Was Rußland betrifft, so ist sein Tag noch nicht gekommen und wird auch zu unserer Zeit nicht mehr kommen. Lieber Freund, wir sind nur die Säeleute. Jetzt aber wollen wir von der Vergangenheit sprechen. Ich bin nicht müßig gewesen und weiß, wer die Papiere der Armenliga stahl und verkaufte: ich weiß, wer sie kaufte." Steinmetz verschloß die Tür und kehrte wieder an den Tisch zurück. Jetzt lächelte er nicht mehr, ganz im Gegenteil. „Erzählen Sie", sagte er. „Ich bin furchtbar neugierig." Graf Lanowitsch blickte mit jenem seltsam sanften Lächeln empor, wie man es in Gefängnissen lernt. „O, ich hege keinen Groll", sagte er. „Aber ich", antwortete Steinmetz trocken. „Wer hat die Papiere ans Thors gestohlen?" „Robert Beaumont!" „Großer Gott! Ist das wahr?" „Ja, lieber Freund." Steinmetz strich sich wie betäubt mit der breiten Hand über die Stirn. „Und wer hat sie verkauft?" „Seine Frau." Graf Lanowitsch starrte noch immer den Brenner bei Lampe an. Der Mann hatte etwas seltsam Gebrochenes an sich, als sei er am Ende seines Lebens angelangt, als könne ihn nichts mehr berühren. „Ich kann erraten, wer sie gekauft hat, — Wassili", sagte Steinmetz. „Sie haben recht geraten", antwortete Lanowitsch ruhig. Steinmetz setzte sich nieder unb wischte sich mit einem großen Taschentuche die bleiche Stirn; es kam ihm furchtbar heiß vor im Zimmer. „Diesmal haben Sie mich überrascht", gestand er. „Ihrs 458 „Guten Wend", sagte sie. „Guten Abend, Frau Fürstin", antwortete er. Dann machte er die Tür sorgsam hinter sich zu. 19. Kapitel. Freundschaft. Etta rührte sich kaum, als Steinmetz näher trat; sie schob nur einen ihrer kleinen, zierlich beschuhten Füße etwas näher an das Feuer. Steinmetz war einer der wenigen Männer, die ihrem Zauber nicht unterlegen waren, aber sie verzweifelte noch nicht; trotz seiner grauen Haare und seines kolossalen Umfanges war er ein Mann, also ein letcyres Opfer der Schmeichelei und dem Einflüsse der Schönheit zugänglich. „Warum hassen Sie mich?" fragte sie, indem sie ins Feuer blickte. Steinmetz sah mit seinen: finstern Lächeln auf sie nieder. Die Pose, von dem nachdenklich gesenkten Köpschen an bis zu dein unschuldig vorgeschobenen Füßchen, war tadellos. „Warum glauben Sie das?" „Was so deutlich gezeigt ivird, das sieht man schon." „Was mit Absicht deutlich gezeigt wird, dient vielleicht dazu, das zu verbergen, was dahinter steckt", ant- toortctc er. Etta wurde nachdenklich. Hatte Steinmetz die Absicht, ihr den Hof zu machen? Sie war kein unerfahrenes Mädchen und wußte, daß so etwas weder unmöglich, noch unwahrscheinlich war. Wie mochte Karl Steinmetz als junger Mann wohl ausgesehen haben? Selbst jetzt konnte er, wenn er sich Mühe gab, interessant sein. Woher sollte sie wissen, daß er gerade gegen die Frauen, die er verachtete, am liebenswürdigsten, am höflichsten war? „Sie glauben wohl, daß mir nichts daran liegt?" sagte die Fürstin Alexis. „Und Sie glauben, daß ich Sie nicht bewundere", antwortete Steinmetz mit unerschütterlicher Ruhe. „Geben Sie mir keinen Grund, das zu glauben?" i „Nicht mit Absicht, Fürstin. Sie wissen, ich bin ein deutscher Dickkopf, und meine Stellung in Ihrem Hause ist, wie nur scheint, nur wenig von der eines Dieners verschieden, obwohl der Fürst fo gütig ist, mich als Freund zu behandeln, was denn auch seine Bekannten uachahmen. Ich klage nicht, durchaus nicht! Ich werde gut bezahlt, meine Arbeit interessiert mich, ich bin mehr oder weniger mein eigener Herr und außerdem liebe ich den Fürsten. Sie sind sehr — gütig und nachsichtig, ich tue daher mein möglichstes, um Sie mit meiner Gesellschaft zu verschonen; aber natürlich wage ich es nicht, mir eine Meinung von I Ihrem — von Ihnen zu bilden." „Ich möchte aber, daß Sie sich eine Meinung von m:r bildeten", sagte sie in schmollendem Tone. „Dann müssen Sie auch wissen, daß ich nur die beste Meinung von Ihnen haben kann." „Das weiß ich durchaus nicht. Was sie da von Stellung und Arbeit sagen, ist natürlich die reine Ironie, denn in Pauls Augen kommt Ihnen kein Mensch auf der Welt I nieidj." I Steinmetz warf einen scharfen Blick auf sie. Die Möglich keit daß sie Paul vielleicht lieben könne, hatte er me in Betracht gezogen. War das Eifersucht? Er hatte es immer für Eitelkeit gehalten. „Und Paul hat gewiß recht", fuhr sie lächelnd fort. „Verstehen Sie denn nicht? Ich möchte Sie gern zum I '^ieU<3ie hsal/"i'hn dabei nicht an, streckte ihm aber mit I reizendem Schmollen die Hand hin. , , ° Diese kleine, weiße Hand brachte Stemmetz, der doch an vieles gewöhnt war, etwas in Verwirrung; er nahm sie jedoch in seine großen, warmen Finger, hielt sie eilten Augenblick fest und ließ fie dann wieder fallen. , Warum sprechen Sie immer nur mit Nelly und igno- nieren mich? Halten Sie Nelly für gar so hübsch?" „Ist das die ganze Freundschaft, die Sie wünschen I antwortete er, während es unter dem grauen Schnurrbart zuckte. „Ich fürchte, Frau Fürstin,, daß meine Freund- I schäft schwereres Geschütz ist, als Sie voraussetzen., Einige Augenblicke schwieg sie, indem sie müßig Mit beiU Di? Nähe^von Karl Steinmetz hatte etw^ Bemchigen- | des, Vertrauenerweckendes, das selbst auf Gtta Eindri Neuigkeiten werden mich die ganze Nacht nicht schlafen, lassen, mein lieber Stephan. Wissen Sie näheres? Un- I glaublich, unglaublich ! Ja, es giebt einen Gott im Himmel, — wie können " ,',Friert cs Euer Exzellenz M fragte der Kellner ehr- | xrbietig, während er den schäumenden Krug vor ihn stellte. _ . „Nein, im Gegenteil", antwortete Steinmetz. Er trank das Bier aus, hielt dann seine Hand in den Schatten des Tisches und sah, daß sie nur noch wenig zitterte. _ . „Ja, jetzt ist es schon besser, aber ich muß noch ein bischen sitzen bleiben", murmelte er vor sich hin. „Ich war ganz aus Rand und Band, — das ist mir noch me passiert. Diese Laternen aus dem Prospekt! Gott, wie sie hin und hertanzten!" Er legte die .Hand über die Augen, als wollte er das helle Zimmer, das grelle Gaslicht, die glänzenden Flaschen und die Tische, die noch immer nicht stillstehen wollten, nicht mehr sehen. t , Plötzlich stand er auf, stieg schwerfällig wieder in den Schlitten und fuhr in dem gewöhnlichen, halsbrecherischen Tempo in den Palast am oberen Ende des Englischen Quais zurück. Dort angelangt, lieh er Paul sagen, daß er zuruckgekehrt sei und sich zum Diner umkleiden wolle. Seinem Diener, einem flinken, schweigsamen Menschen, fiel sem seltsames Benehmen auf; denn er bewegte sich beim Ankleiden ganz langsam, wie jemand, der von einem schweren Fall oder einer starken Ueberanstrengung betäubt ist. Als Steinmetz sich in den Salon begab, warf er einen Blick auf seine Uhr. Sie zeigte, zwanzig Minuten nach sieben; er hatte also noch zehn Minuten Zeit. Gleich darauf öffnete er die Tür des Salons- Etta saß allein vor dem Kamin und warf einen jener raschen, unstäten, wie fgiehetzten Blicke auf ihn, die Steinmetz erst seit der Ankunft in Petersburg an ihr bemerkt hatte. 459 machte. Während dieses kurzen Stillschweigens erwachte in ihr der plötzliche Wunsch, diesem Männe Dinge anzuvertrauen, die sie noch niemand anvertraut hatte. „Sagen Sie, haben Sie noch nie ein unverständliches Angstgefühl, eine unbegreifliche böse Ahnung empfunden?" fragte sie mit einem müden Lächeln. „Ein unverständliches Angstgefühl?" wiederholte Steinmetz. „Nein. Freilich müssen Sie wissen, daß ich keine Nerven habe." „Sind es die Nerven, oder "äst es Petersburg? Ich glaube, Petersburg trägt die Schuld; ich hasse es." „Warum ist Ihnen Petersburg verhaßter als Moskau, oder Nischni-Nowgorod, oder — Twer?" Sie holte lange und tief Atem, während sie ihn von der Seite von oben bis unten betrachtete. „Ich weiß nicht", antwortete sie gefaßt. „Es wird die Feuchtigkeit sein. Die Häuser sind Wohl alle auf Meerboden gebaut, nicht wahr?" Er gab darauf keine Antwort, — sie schien auch keiue zu erwarten, — sondern blinzelte über den Rand feiner goldenen Brille hinweg in das Feuer, während sie ihn verstohlen aus den Augenwinkeln betrachtete; ihre geöffneten Lippen waren wie vertrocknet, ihr Gesicht bleich wie der Tod. Ein paar Augenblicke zuvor hatte sie beteuert, daß ihr seine Freundschaft erwünscht wäre; jetzt wußte sie, daß sie seiner Feindschaft nicht trotzen könne. Das einzige Wort „Twer" hatte das beivirkt, die bloße Erwähnung einer unbekannten, schmutzigen Stadt am oberen Laufe der mächtigen Wolga! Während dieser wenigen Augenblicke wurde sie sich plötzlich ihrer Lage vollständig bewußt. Was hatte sie diesem Manne zu bieten? Sie sah ihn an, wie er so dick, gelassen und undurchdringlich vor ihr stand. Das war kein gewöhnlicher Abenteurer, der nach Frauengunst strebte, kein Bettler, der mit Geld zu kaufen war; sie besaß nicht die Macht, sich Gewißheit zu schaffen, wie viel er wußte, wieviel er ahnte. Sie hatte einen Mann vor sich, der die besten Karten in der Hand hielt und sie nicht ausspielen wollte. Auf ihrem Wege durchs Leben war sie zumeist mit Schurken znsammengetroffen, und ein Schurke ist kein besonders gefährlicher Feind, denn er kämpft stets auf schlüpfrigem Boden. Mit Ausnahme Pauls hatte sie es noch nie mit einem wirklich ehrlichen, anständigen und furchtlosen Manne zu tun gehabt und war dadurch in den häufigen Fehler verfallen, anzunehmen, daß ehrliche Menschen einfältig, gläubig und ein bißchen dumm sein müssen. Während dieser kurzen Zeit durchlebte sie Jahre tätlicher Angst und erkannte, daß sie hilflos, mit gebundenen Händen und Füßen in die Macht dieses Mannes gegeben war. (Fortsetzung folgt.) Hessische Räuberbanden im achtzehnten Jahrhundert. Von Dr. Arthur Bechtold. Original-Aufsatz für die Gießener Familienblätter. (Fortsetzung.) Tie durch den Tod Emeraners erledigte Stelle eines Landlieutenants hatte der dem Tode entronnene Kräcker erhalten. Am 31. Januar 1726 meldete er nach Gießen, daß ^it Fauerbach im Gräflich Solms-Assenheimschen ein starker Zigeunertrupp sich habe seheu lassen. Die fürstliche Regierung beriet sich daraufhin sofort in aller Stille mit dem Stadtkommandanten, Obrist von Schenck; damit der Zer,, nickst verraten werde, wurden die Festungstore ge- iaa ""d istät abends der Kapitän von Lehrbach mit 100 Mann, außerdem eine Anzahl Freiwillige und Mus- ketrere, dre man beritten gemacht hatte, zum Tor hiuaus- gelassen. Das Kommando hatte Glück; es gelang ihm, 12 Zigeuner und eine Weibsperson, des berüchtigten Galantheo Tochter, die Cron genannt, gefangen zu nehmen. Der Zigeuner Kemperla hatte sich in einem Backofen versteckt, wurde entdeckt, nn den Füßen herausgezogen uub eben« tallS nach Greßen gebracht, wio natürlich über beit alück- r 71" MB' der am nächsten Morgen bekannt wurde, un- beschreibüche Freude herrschte. Am 11. Februar fielen bei Schwickartshausen einem Kommando von 60 Mann unter Führung eines Lieutenants und eines Fähnrichs abermals 6 Zigeuner mit 3 Weibern in die Hände. Die Zigeuner hatten sich dabei zur Wehr gesetzt und auf die Soldaten geschossen. Bei Homburg v. d. H. wurden drei männliche Zigeuner, außerdem die Mutter uud die Frau des Hemperla von einem Unteroffizier mit einigen Mann gefangen. Tie Gefangenen, ohne die Kinder 28 Köpfe stark, wurden in das Stockhaus, welches sich im „Heidenturm" des alten Schlosses befand, gesperrt und gegen alle der peinliche Prozeß eröffnet. Tie Jnkulpaten leugneten zunächst alle ihnen zur Last gelegten Tiebstähle und Mordtaten, doch sprach schon der Umstand gegen sie, daß man seit ihrer Gefangennahme in der Umgegend nichts mehr von räuberischen Ueber- fällen vernahm. Durch verschiedene Zufälle gelang es, sie nicht nur der angeschuldigten, sondern einer ganzen Reihe weiterer Verbrechen zu überführen. Der Pfarrer Nebel von Wallenfels, der während der Ermordung des Landleutnants Eemeraner in der Nähe gewesen war, kam zufällig nach Gießen, sah die einge- brachten Zigeuner und erkannte in ihnen mit Bestimmtheit die Mörder Emeraners wieder. In Großlinden wurden im Oktober 1725 einige Spitzbuben, Friedrich Daniel Steiger, vulgo Rübelhans, der sogenannte Siebenbündelbub und noch einige ihrer Spießgesellen eingefangen; da sie in Großlinden sich überworfen hatten, suchte jetzt jeder den anderen an den Strick zu reden. Es stellte sich heraus, daß der Kübelhans bei der Ermordung des Pfarrers Heinsius dabei gewesen war; durch Rundschreiben der fürstlichen Regierung zu Gießen an die gräfliche Kanzlei zu Jttstein, an die kurfürstlichen Regierungen zu Trier und Mainz, wo ebenfalls Zigeuner eingebracht worden waren, erfuhr man alle Teilnehmer an den einzelnen Mordtaten der letzten Jahre; die Zigeuner verrieten sich gegenseitig. 1) Seyen sie gegen die Fürstl. Verordnung, in specie aber gegen die Poenal-Sanktion, sowol in denen Fürstlichen als angräntzenden Grässlichen Landen, in einer großen Anzahl herumvagiret, hätten mit Rauben, Morden und Stehlen sich ernähret, Ober- und Untergewehr bey sich gehabt, denen Unter- thanen Obst, Hüner, Gänse und dergleichen gcraubet, und wann die Unterthanen ihnen sich widersetzen wollen, solche todt zu schiessen sich betrohentlich vernehmen lassen. 2) Wären sie öffters untereinander selbst uneinig worden, und hätten sich ohngescheut mit Schiessen und Hauen ums Leben gebracht. 3) Hätten sie den Land-Lieutenant Emeraner auf der Hütten jämmerlich ermordet, vorhero aber zu Hirtzenhayn seinen Knecht, Rahmens Hempel, elendiglich zugerichtet. 4) Hätten einige von ihrer Bande den Pfarrer Heinsius, nebst seiner Frau, zu Dörsdorfs, auf eine Barbarische Weise erschossen. 5) Auch den Müller zu Hahnstätten, sodann den Heimberger zu Mühlen, ohnweit Limburg, bestehlen Helsfen. Jngleichen hätten 6) einige von dieser Bande den Diebstahl und Mord auf der Mühle bey Königstein begehen Helffen. Wie denn auch 7) der Unter-Offizier Trauth zu Weilburg von dem Jnquisito Hamperla und dessen Mord-Cammeraden soll erschossen worden seyn. 8) Wurde ihnen die Mordthat zu Gelßhausen im Lon- dorfer Grund impütiret. 9) Ter Geißmarische Diebstahl zu Blofeld, und 10) der Diebstahl, so in Anno 1722 zu Griedel, im Grässlich Braunfelsischen, in das Land-Commissarii Meders Hauß verrichtet worden, zu Schulden gelegt, und 11) denenselben die Mordthat, so zu Burggemünden aus- geiibet worden, impütiret. 12) Sölten sie den Schwein-Hirten, ohnweit Dauerheimb, in der sogenannten Au, mörderischer Weise angegriffen, und mit einer Kugel durch und durch geschossen haben. 13) Wurde ihnen der Diebstahl und die Mordthat zu Saassen, im Ambt Grünberg, wie auch der nächtliche Einfall zu Ostheim, im Ambt Butzbach, aufgebürdrt, 14) Käme deuen Jnquisito zur Last, daß sie rm uechp- vorigen Winter auf dem Hof Hayna und Zu Rodt-. 460 heim, Fürstl. Ober-Ambts Giessen, gewaltsamer Weise eingebrochen. 15) Jnculpirte man den Jnquisiten Gabriel und seine Bande, daß sie im Gräsfl. Wächtersbachischen, in specie auf dem Schreibers-Hütter Hof viele unmenschliche Thaten ausgeübet hätten. 16) Zeihete man den Hamperla, daß er einsmahls nach dem Fürstl. Ambtmann und nunmehrigen Grässlich Stollbergischen Rath Rudrauff-auch demselben den Ladstoß in seiner Flinter entzwey geschossen. 17) Gab man auf den Gabriel und seine Bande an, daß sie zu Hoßenfeld und Niederstorcken, ingleichen zu Bcrmuths- und Vaitzhayn, so daann zu Selnrod und Altenhayn, im Ambt Ulrichstein, viele gewaltsame Diebstähle begangen, und darbey die armen Leute recht barbarisch tractiret hätten. Die bodenlose Frechheit der Verbrecher beweist die lntwort des Lorenz Lambert, der alles ableugnete, woraus der Richter ihn fragte: ob er nicht wüßte, daß er vor dem peinlichen Gericht stünde? „Wüste nichts davon, behüts Gott dafür!" Die Untersuchung zog sich etwas in die Länge durch die umfangreiche Korrespondenz, die mit den benachbarten Regierungen über diese Sache gepflogen werden mußte, doch wurde der Prozeß eifrig betrieben, so daß sogar aus Darmstadt verschiedene fürstliche Reskripte kamen, welche den Eifer des peinlichen Gerichts löblich anerkannten. „Bon GOttes Gnaden Ernst Ludwig, Landgraf zu Hessen, Fürst zu Herßfeld, Graf zu Catzenelnbogen, Dietz, Ziegen- hayn, Nidda, Schaumburg, Isenburg und Büdingen rc. Hochgelährte Räthe, liebe Getreue. Wir haben Uns gehorsamst referiren lassen / was Uns ihr wegen der zu Giessen gefänglich eingebrachten Ziegeuner nach und nach unterthänigst berichtet habt. Nachdem Ihr nun mit euren gemachten Veranstalltungen zu Unserm gnädigsten Gefallen gantz wohl gethan; So ist unser gnädigster Befehl hiermit, daß ihr darinnen continuiret, in specie mit der Gräflich- Nassau-Jtzsteinischen Cantzley des Dörsdorffer Mords halber Lvmmunication Pfleget, und Uns von dem vvrgehenden bvn Zeit zu Zeit weiters berichtet rc. rc." „Von GOttes Gnaden Ernst Ludwig, Landgraf re. Hochgelährte Räthe, liebe Getreue. Wir haben Uns ab eurem unterm 18. hujus erstatteten unterthänigsten Be' icht geziemend referiren lassen, auf was Weise ihr die Jüyuisition gegen die zu Giessen gefänglich eingebrachte ZietzLuner sortgesetzet, auch welchergestallten ihr an die respective Churfürstlich- und Gräfliche Regierungen, nach Mayntz, Trier und Jtzstein die nötige Requisitions- und Communications-Schreiben abgelassen habt. Gleichwie Wir nun diesen euren hierunter bezeigenden Eiffer und Fleiß Uüs in Gnaden gefallen lassen; Also habt ihr auch in diesem Tramite fortzufahren rc. rc." (Schluß folgt.) Vermischte». *^Ju den Abgrund der Hintertreppen-Ro- manliteratur leuchtet der „Künstwart" hinein, indem er einige Anpreisungen dieses papierenen Schundzeugs abdruckt. In „Fischers Mitteilungen für den Kolportage-, Sortiments- und Reisebuchhandel" inseriert u. a. A. Weichert in Berlin: „Der große Schlager von 1890 übertroffen durch die Sensation von 1903. 1890 hat der deutsche Buchhandel das Riesengeschäft durch die Memoiren des Scharfrichters Krautz gemacht, die, von Viktor von Falk bearbeitet, in des Wortes wahrster Bedeutung den Weltmarkt eroberten. 1903, also nach 13 Jahren, 1903, übergebe ich soeben meinen hochverehrten Geschäftsfreunden ein Werk, das bestimmt ist, den Erfolg von 1890 zu erreichen, vielleicht sogar zu übertreffen. Denn endlich, nach langen Bemühungen, ist es mir gelungen, den ältesten berühmtesten und populärsten Scharfrichter Deutschlands davon zu überzeugen, daß seine hochinteressanten geheimnisvollen Erlebnisse mit ihm nicht zu Grunde gehen dürften, daß sein Leben und Wirken als Scharfrichter dem deutschen Volke durch einen berufenen Schriftsteller in Form eines hochspannenden Romans geschildert werden müsse. Wilhelm Reindel, der preußische Scharfrichter, der Vollstrecker aller Todesurreile/ die in den letzten 13 Jahren in der preußischen Monarchie gefällt wurden, hat sich in Magdeburg notariell verpflichtet, seine Erlebnisse, historische und biographische Erinnerungen, sowie die Aufzeichnungen seines Großvaters und seiner Ahnen, die gleich ihm Richtschwert und Handbeil geschwungen, in meinem Verlage erscheinen zu lassen. Und wieder hat Viktor von Falk, der Märchenerzähler, mit dessen Namen die bedeutendsten Erfolge des deutschen Volksromans verknüpft sind, die Mitteilungen Rs Scharfrichters in die Form eines Sensationsromans gegossen, wie er spannender, überraschender und unterhaltender selbst aus seiner berühmten Feder noch nicht geflossen ist, und der -unter dem Namen: Wilhelm Reindel, der Scharfrichter von Magdeburg, oder Die Opfer des Schaffots die deutsche Leserwelt im Fluge erobern wird!" usw. usw. * König Eduard mit dem grauen Zyliuder- h ut. Tie Bekanntgabe, daß König Eduard im Dubliner Phoenix-Park gelegentlich der dortigen jüngsten Rennen einen grauen Zylinderhut getragen habe, hat in der englischen fashionablen Welt nicht geringes Aufsehen hervorgerufen. Sehr erfreut sind natürlich die englischen Hutmacher, die nun wieder einen „Boom" für sich anbrechen sehen. Der Monarch gilt bekanntlich in der Herrenmode als tonangebend und darum wird es nicht lange währen, bis alles, !vas sich zur Society rechnet, das Beispiel des Königs nachäfft. Uebrigens soll sich König Eduard, wie er dies schon zuvor als Prinz von Wales tat, nicht immer von seinem Geschmacke, sondern vielmehr sehr oft von seiner guten Laune und der Fürsorge für das Schneider- und Hutmacher-Gewerbe teilen lassen. Vor fünf oder sechs Jahren führte ein Londoner Hutmacher des Westends dem ehemaligen Prinzen von Wales einen grauen Zylinderhut vor und klagte ihm sein Leid, daß in diesem Gegenstände gar kein Geschäft mehr zu machen wäre. „Machen Sie mir denn einen solchen Hut!" antwortete der Thronfolger, und mit einem Schlage war die verpönte Farbe wieder fashionable, umsomehr, als sich auch der Herzog von Con- naught, der Bruder des jetzigen Königs, sich eine gleiche Hutform und -Farbe bestellte. Vor 25 Jahren waren die grauen Zylinderhüte in London sehr in Mode, aber auf je damals verkaufte hundert Hüte kommt heute nur ein solcher. Es heißt, daß das englische Wetter — richtiger wäre vielleicht der Schmutz der Londoner Straßen — der Farbe und damit dem Hute selber nachteilig sei und ihn allzu schnell abnütze. Schachaufgabe. Von Baron Wardener in Taus. (Nachdruck verboten.) abcdef g h a b c d e f g h 8 8 6 5 5 2 2 Weiß. (5 + 8) Weiß zieht an und seht mit dem zweiten Zuge matt. (Auflösung in nächster Nummer.) Altflösung des Abstrichrätsels in vor. Nr.r Rosmarin. Redaktion: August Götr. — Rotationsdruck und Verlas der Vriihl'schen UniversttätS.Vuch- und Steindrucke«!. R. Lange, Gießen.