1903 Mf tzss i8. r Ä-MM ml UsM D | .MZWülÄLL (Nachdruck verboten.) Die Annonce. Novelle von Thomas Glahn. (Fortsetzung.) „Dann begleit mich, Fred. Ich muß gleich nach Hause. Also erstens: ich hab' in der Zeitung eure Annonce gelesen und dachte: Probier es! Sind es die beiden, so giebt's enen Hauptspaß. Sind sie's nicht, so beantwortest Du den Brief nicht. Nun, Tu warst es eben! Weil ich das wußte, hab' ich auf Teirue netten Episteln erwidert. Da ist keine Hexerei dabei oder sonst was. Und nun kam Tein flehendes Schreiben. Seit unserer letzten Unterredung hatte ich mir vorgenommen, den Scherz nicht weiterzuführen. Der „Taugenichts" sollte urplötzlich von der Bildfläche verschwinden. Aber Tu batest ja so, daß ich neugierig wurde, was Tu eigentlich wolltest. Deshalb bin ich hier, und so hab' ich nun ein richtiges Rendezvous, wenn's auch nur eins mit dem Vetter ist. Ist Dir der Zusammenhang nun klar?" Ter junge Arzt hatte sich langsam von der ersten Bestürzung erholt. „Ja", erwiderte er, „jetzt fang' ich an zu begreifen. Du bist ja ein — ein Teufelsmädel, Resi! Sag mal, ich muß mir jetzt wohl gräßlich blamiert vorkommen?" „Das mach mit Deiner lieben Seele allein ab, Fred. Und nun: Was willst Du? Weshalb hast Du so um diese Zusammenkunft gebeten?" „Sehr einfach. Ich wollte — ich hatte — hin —" Er hielt plötzlich inne. Konnte er ihr denn sagen, daß er den „Taugenichts" kennen lernen wollte, um sich zu entscheiden zwischen ihm und ihr, der Resi? Es war ja zu dumm, sich zu entscheiden zwischen zwei Personen, die sich schließlich als ein Wesen herausstellten? Er machte sich ja schnöde lächerlich. „Liebe Resi", sagte er zögernd, „die Sache hat sich nun mit einem Schlage geändert. Erlaß es mir, darüber zu reden. Du erfährst es in aller Kürze doch." „Wie Du willst. Aber nun rede ich. Und das wird Dir vielleicht nicht gefallen." „Nanu? Was ist denn wieder los?" ., sE^ Du gleich hören. Offen gestanden, Fred: rch hab' Drch höher eingeschätzt. Es wird Dir wohl ziemlich egal sem, aber Du hast in letzter Zeit viel bei mir verloren. Du bist ja ein ganz gewissenloser Mensch!" „Hrmmel und Hölle, sei froh, daß Du kein Mann bist!" „Ja", fuhr sie fort, und ihre Stirn zog sich in Falten, „es macht mir auch keine besondere Freude, Dir hier eine Predigt halten zu müssen. Ich eigne mich wenig dazu. Daß ihr die Dummheit solcher Annonce macht, ist eure Sache. Der Witz ist nicht gerade gut; er paßt vielleicht auch mehr für achtzehn als für achtundzwanzia. aber er ist ja schließlich harmlos. Nun jedoch bist Du ehrlich verliebt, machst schwere Herzeuskämpfe durch, denkst daran, in allernächster Zeit ein Mädchen, das Dich wohl liebt und Dir vertraut, an Dich zu binden — und währenddem gehst Du fidel auf Schleichwegen, korrespondierst mit einer andern unbekannten Dame, nennst sie ein ,herrliches Geschöpf und schreibst ihr verkappte Liebeserklärungen — werde nur rot, Fred! — ja, und da Du beide doch nicht heiraten kannst, betrügst Du eine auf jeden Fall. Oder eigentlich sogar beide. Und das nenn' ich gewissenlos. Das hält' ich Dir nicht zugetraut!" Fred Richter wußte nicht, ob er lachen oder weinen sollte. „Das ist ja ein ganzer Rattenschwanz von Mißverständnissen, Resi. Wenn ich Dir das alles erklären soll —" „Laß nur", antwortete sie ernst, „ich hab' ja die bündigsten Beweise. Ich möchte nur wissen, was Du sagen würdest, wenn die Dame, die Du heiraten willst, hinter Deinem Rücken jetzt auch noch halbe Liebesbriefe an einen andern jungen Herrn schriebe." Die Komik der ganzen Situation kam ihm plötzlich zum Bewußtsein. Er lachte laut aus, itnb plötzlich sagte er: „Hör mal, liebe Resi, was tatest Du denn? Du hast mir selbst erzählt, daß Du Dich — in Kürze verloben! wirst. Und dabei schreibst Du fröhlich Pseudonyme Briefe und läßt Dir meine sogenannten verkappten Liebeserklärungen an den,Taugenichts' gefallen! Das nenn' ich gewissenlos! Das hätt' ich Dir nicht zugetraut!" Jetzt mußte sie selber lachen. „Man kann die Katze werfen, wie man will, sie kommt so sicher auf ihre vier Beine, wie Du auf einen Witz oder eine Ausrede." „Erlaube mal: wenn ich gewissenlos war, warst Du es nicht minder. Jetzt dreh' ich den Spieß einfach um." „Du weißt ganz gut, daß ich in einer total andent Lage war. Bei mir war es ein Scherz, den ich mir mit einem leichtsinnigen Vetter machte." „Ein so gewagter Scherz, daß Dein Verlobter schwerlich damit einverstanden wäre." „Ich bin nicht verlobt." „I ch etwa?" „Aber Du wirst es ja nächstens sein." „Du auch." „Ach, Unsinn", sagte sie ärgerlich. „Ich hab' Dir damals nur was vorgeredet. Ich bin weder verliebt noch verlobt, noch sonst was." Fred machte große Augen. „So", sagte er nur, „so". Er sollte ganz ruhig, ganz gkeichgiltig sein. Mer ein innerer Jubel lag darin, daß Resi Bergmann ihn betroffen ansah. „Also, unsere Handlungsweise ist überhaupt nicht zn 326 vergleichen. Und nachdem ich Dir das gesagt habe, sind wir für heut fertig. Adieu, Fred, und bessre Dich!" „Halt — ich geb' das Spiel noch nicht verloren. Wenn die Sache mit meinem Verliebt- und Verlobtsein nun auch nicht stimmt?" Ein Schatten huschte über ihr Gesicht. „Wenn —!" Achselzuckend sah sie znr Seite. „Uebri- gens muß ich jetzt wirklich fort." „Di: wirst aber so lange Zeit haben, daß ich Dir versichern kann: ivas Du von meiner Liebe glaubst, ist tatsächlich nicht wahr. Wie es jetzt herauskommt, haben wir uns beide angeschwindelt." Ein Zittern, das sie nicht verbergen konnte, lief durch ihren Körper. „Alles, was Du mir erzählt hast?" fragte sic mühsam und nahm alle Kraft zusammen, um ihm ihre Erregung nicht zu zeigen. „Alles, das heißt: alles war falsch und alles richtig. Ich kannte die Dame nicht. Ich war verliebt in den «Taugenichts'." „Fred!" Das Blut schoß ihr zu Kopf. „Ja, Resi, und nun laß mich mal ein ernstes Wörtchen reden Sieh mal —" „Nein, nein, nein!" protestierte sie. „Laß mich jetzt gehn, Fred, ich bitte Dich." „Aber ich will doch alles noch ausklären!" „Morgen", sprach sie fast flehend, „es muß doch nicht gerade auf der Straße sein. Adieu!" Und ehe er noch etwas erwidern konnte, hatte sie sich gewandt. Gr sah ihr lächelnd und mit leuchtenden Augen nach. Da ging sie hin, das herrliche Mädel! Der ,Taugenichts', der sein Herz so ins Dilemma gebracht — in ein Dilemma, das nun gar keins war! Eine stürmische Freude überkam ihn. Wie ein Schuljunge sprang er hoch, riß ein Matt vom nächsten Kastanien- vaum und zerpflückte es. „Freu Dich, Sänftling", sagte er dabei, als stünde jein Vetter neben ihm, „den Sekt bezahl' ich heut abend." 8. Kapitel. In der alten Weinstube an der Lützowstraße saß man in kleinen Nischen, in denen man ganz herrlich ungestört war. Damen betraten das Lokal selten. An den soliden Tischen tranken meist ältere Herren ihr Glas Wein, vornehmlich höhere Militärs und Berwaltungsbeamte, die mit außerordentlicher Pünktlichkeit kamen und gingen. Fred Richter und Kurt Unruh hatten das halb versteckte Lokal bei einer Streife entdeckt und waren öfter und und öfter wiedergekoinmen. Der Wirt kannte sie bereits und empfing auch heute den jungen Arzt mit einer halb vertraulichen Verbeugung. Er bestellte sich eine gute Flasche und während er das erste Glas einschänkte und wohlgefällig das Licht durch den grünen Römer scheinen ließ, dachte er bei sich: „Eh' Kurt ankommt, ist noch eine Stunde Zeit. Da kann ich Generalmusterung halten zmd den Kriegsplan für morgen entwerfen. Er nahni ein Schlücklein auf die Zunge. Lieber Himmel, ein Kriegsplan war eigentlich überflüssig. Sv klar und rein und golden sah die Zukunft ihn an wie dieser Wein. Da hatten sich die Fäden gar merkwürdig verschlungen. Resi liebte keinen andern und Resi war der ,Taugenichts': O, daß der Narr dieses Mädel nicht früher schon erkannt hatte! Nun, es war noch nicht zu spät. Morgen wollte er zum Konsul, wollte ihm sagen: Lieber Onkel, ich hab' ein Heiratsgesuch in die Zeitnng gesetzt. Resi hat sich darauf gemeldet, also hab ein Ein- sehen und gib mir das Mädel! Dann kam der zweite Teil: er mußte mit Resi sprechen. Er brauchte ihr nur zu sagen, daß dieses Dilemma, in dem er sich befunden, nun so wunderbar beseitigt sei, daß die beiden, zwischen denen er geschwankt, sich als ein und dieselbe Person entpuppt hätten, und daß er hiemit diese eine frage, ob sie den ganz gewissenlosen Menschen ein bißchen lieb haben könne, und heiraten wolle. Vielleicht war seine erste Empfindung doch die rechte, vielleicht hatte sie ihn lieb. Und wenn sie nein sagte? Auch dann brauchte man die Flinte noch nicht ins Kvrn zu werfen, konnte man diese Liebe zu erringen versuchen. Die Hauptsache ivar, daß noch kein anderer ihr Herz er- üllte und besaß. Auf die Braut! dachte er in geheimem Jubel und leerte sein Glas. Herr des Himmels, was wird nur der Sänftling sagen!" Es war noch nicht sieben Uhr, als der Sänftling zur Tür hereintrat. „Mensch, wo kommst Du denn jetzt schon her? Hat sie Dir abgeschrieben?" Kurt Unruh antwortete nicht darauf. Er sagte nur langsam: „Ich glaube. Du kannst mir gratulieren. Den Sekt, lieber Freund, geb' ich heute." „Du auch? Alle Achtung, Mensch, da kommen wir aber heut vollgeladen heim! Geht übrigens nicht. Muß morgen Antrag machen." „Jesus, Du gehst schneidig vor. Uebrigens: bei mir entscheidet sich die Sache morgen auch." „Mit ,Viola'? Schieß los, erzähl'. Ist sie hübsch?" „O ja . „Reich?" „Danke, es geht." „Und die Familie?" „Sehr ehrenwert. Vielleicht kennst Du den Namen: Bergmann." „Berg—mann — ?" Kürt Unruh lächelte. „Ja, lieber Fred, es ist zwar insofern etwas blamabel, als ich selbst nichts gemerkt hab', aber — meine ,Viola' ist keine andere als Resi Bergmann. Damit ist unser letzter Streit entschieden. Jetzt wirst Du selbst nicht mehr daran zweifeln können, daß sie tatsächlich die tief empfindende Idealistin ist. Um halb Sieben brachte mir ein Dienstmann dieses Briefpaket, das, genau geordnet, meine Briefe an ,Viola' enthält. Dazu folgendes Schreiben . . . Aber was ist Dir denn?" „Gar nichts. Lies!" „Na also: Lieber Vetter! Es ist mir nun doch unmöglich, um sieben Uhr in der Tiergartenstraße zu sein, und Du wirst die Veilchen umsonst gekauft haben. Verzeih, den Scherz, den ich mir machte. Deine ,Viola' war i ch. Jetzt verwandle ich mich wieder in die Resi und sende Der die ,Viola'-Briefe zurück. Wenn Dir mich sehen und sprechen willst, können wir das bei uns bequemer haben, dllso komm morgen oder übermorgen 'ran, dann wrll rch Drr jede gewünschte Aufklärung geben. Folgt der übliche Gruß. He, was sagst Du?" , Fred Richter sagte nichts. Er schüttelte nur den Kopf. „Natürlich", fuhr Kurt Unruh fort, „geh' ich morgen hin. Erstens möcht' ich wissen, woher die Resi von der ganzen Sache weiß, und dann werd' ich mrch mit ihr ver- Natürlich, wirst Du Dich verloben", sagte Fred Richter. „Aber Mensch, was fehlt Dir denn? Du siehst wahr- haitm aar nicht glücklich aus. Ich geb's ja zu, ich hab ein ganz unverschämtes Schwein. Aber als gute Freunde „Sänftling!" schrie der junge Arzt plötzlich und schlug die Faust auf den Tisch, daß die Gläser klirrten. „Wer haben uns beide ganz unsterblich blamiert. Das ist das einzige, was mal ganz feststeht." „Das brauchst Du eigentlich nicht durch's ganze Lokal zu schrei'n, Fred. Sieh mal, wie sie alle 'rübergucken. Und die Blamage laß ich mir gefallen. Denn. nnn hab' ich die unumstößliche Gewißheit, daß Resi mir seelisch, näher steht als jede andre, und daß ich eine Fran krieg', die Verständnis für alles hat, was mich bewegt. Ach Mensch, dafür ist mir Mum Dry nicht zu gut — lassen wir eine Flasche Sekt stellen." „Einen Augenblick? Weißt Du, wer der ,Taugenichts' ist?" Schweigen. , Resi Bergmann — vielleicht kennst Du das Fräulein? „Unmöglich. Mach keine faulen Witze!" „Mein Wort, Sänftling. Um Fünf kam sie mir mit der Gardenie entgegen." Er trommelte auf den Tisch. „Siehst Du, vorhin war ich starr. Jetzt bist Dn's. Weißt Du, was ich morgen tue?" Der Assessor atmete krampfhaft. „Morgen vormittag geh' ich zum Konsul und bitt ihn um Rests Hand." „Das wirst Du nicht tun!" 327 „Oho! Ich habe jetzt die unumstößliche Gewißheit erlangt, daß Rest so zu mir paßt wie keine andre. Und die ,Taugenichts'-Briefe beweisen, daß sie ein prächtig natürliches Geschöpf ist ohne falsche Sentimentalität. Basta. Willst Du noch Mum Dry spendieren?" . Kurt Unruh wehrte schwach ab. „Ich muß mich erst sammeln, Fred. Mir läuft ein Mühlrad im Kopf 'rum." „Mir liefen vorhin drei Mühräder 'rum. Wenn Dein Gehirnapparat wieder in geregelter Tätigkeit ist, sag's." „Die Rest — die ,Viola' — der ,Taugenichts' — jetzt fehlt nur noch, daß sie nicht meine Cousine ist, sondern meine Schwester", stöhnte der Assessor verzweifelt. „Das ist ja bodenlos." „Ergo müssen wir einen Boden finden. Wir beide glauben, durch diese vermaledeite Briefgeschichte so quasi ein Anrecht auf sie zu haben. Wir beide wollen morgen mehr oder minder feierlich unfern Antrag Vorbringen. Und wir beide sind bis jetzt schon kräftig blamiert und werden morgen fürchterlich blamiert sein. Stimmt das?" (Fortsetzung folgt.) Das Kleislerbuch. Texte, Kompositionen und Bilder von E. T. A. Hoffmann. Zusammengestellt von Hans v. Müller. Im Insel-Berlage, Leipzig 1903. Hans v. Müller ist ein Enthusiast und Kritiker zugleich — also ganz gewiß ein merkwürdiger Mensch oder wie man int Deutschen gern sagt, ein Original. Leidenschaftlicher Bibliophile und Sammler, hat er sich besonders auf E. T. A. Hoffmann geworfen (man darf bei Sammlern den vehementen Ausdruck schon gebrauchen), — auch hierin seinem Meister Eduard Grimbach neigungsverwandt. Gleich diesem ist er Literarhistoriker, nicht so sehr von Fach als aus Liebhaberei, aber man braucht deshalb nicht gleich schlimm von ihm zu denken als von einem Dilettanten der Literaturgelehrsamkeit, sondern es ist ihm gegenüber vielmehr erlaubt, in der Eigenschaft des Liebhabers eine angenehme Nuance des Gelehrten zu begrüßen. E. T. A. Hoffmann ist ihm mehr als ein Thema, ist ihm ein Gegenstand der Verehrung, aber das hindert nicht, daß er in ihm und seinem ganzen Umkreise so gründlich Bescheid weiß, wie nur irgend ein fachmäßiger Spezialist im Gebiete seiner „wissenschaftlichen Lebensaufgabe". Aber es interessiert ihn an seinem Dichter doch vornehmlich der Mensch. Er studiert ihn in erster Linie als außerordentliches menschliches Phänomen und nicht etwa um der Toktorfrage willen, wie die Gesamtheit seiner künstlerischen Leistungen int Verhältnis zu denen anderer Dichter zu bewerten und wie innerhalb dieser Gesamtheit das Einzelne „festzustellen", das heißt mit Zensuren zu bedenken sei. Er vertieft sich in das Leben E. T. A. Hoffmanns, weil das, was von diesem Leben Kunst geworden ist, seine Werke, ihm eine menschliche Sonderart verraten hat, die feiner eigenen in einem wesentlichen Sinne ähnlich ist. Tas sind nicht die Gründe, die einen bloßen Gelehrten veranlassen, sich mit einem Dichter zu beschäftigen. Es sind sehr viel tiefere, bessere Gründe, weil sie elementarer sind. Tie Liebe des Menschen ist mehr inert als das Interesse des Gelehrten. Doch die Liebe allein tut's sreilich auch nicht. Einmal: sie kann blind fein. Tas schadet ihrer Wärme allerdings nicht und beeinträchtigt nicht im entferntesten das Wohlgefühl des Verliebten. Aber wenn der seine Stimme erhebt, vom Gegenstände feiner Liebe zu reden, so werden die Hörer alle Ursache haben, mißtrauisch zu sein, denn er wird mehr schwärmen, als exakt schildern. Und bann: sie kann ihrem Gegenstände nicht gewachsen, kann unter if)m sein, wobei es sich sogar begeben mag, daß sie an ihm nicht das Wesentliche, Bedeutende sieht, versteht, liebt, sondern vielleicht gerade irgend etwas Beiläufiges, verhältnismäßig Wertloses. Auch diese Art Liebe hat für den Entbrannten alle möglichen Wonnen, aber ihr ist es noch weniger gegeben, ihren Gegenstand so darzustellchi, daß wir ihn, und damit sie, vollkommen begreifen können. Wir müssen also von einem literarischen Liebhaber verlangen, daß er sich bei aller Hingebung Klarheit des Blickes bewahre und Qualitäten des Geschmackes besitze, die ihil befähigen und bestimmen, gerade das Eigentliche seines Objektes zu lieben. Tas ist nicht wenig von einem Verliebten verlangt. Tenn ein bischen blind, sozusagen, ist jede Liebe, und nichts ist so geeignet, auf Geschmacksabwege zu locken als Verliebtheit. Gerade das itenfiü verliebte Eingehen auf Schönheiten führt gern dahin, just im Mangelhaften das Reizendste zu finden. Von Hans v. Müller ist nur mit Rühmen zu vermelden, daß er wirklich auf feiner Hut ist. Er ist verliebt, aber mit vielem ästhetischen Gewissen. Seine Hosfmaun- Schwärmerei besitzt Kritik. Zwar ist ihm jedes Schnitzel- chen von Ernst Theodor Amadeus so lieb, wie einem jungen Studenten ein Bändchen vom Putze der Geliebten, aber in der Beurteilung des ganzen verehrten Komplexes macht er doch Unterschiede wie ein Doktorand, der Akribie zu bewähren hat. Er liebt mit Kritik — und das muß bei Einem, der zur Gelehrsamkeit gehört, freilich verständig geheißen werden. Doch führt ihn nun die Kritik leider auf nicht minder böse Abwege, als es die der kritiklosen Siebe sind. Aus Furcht, zu zärtlich zu erscheinen, wird er grausam. Aus Liebe zum Menschen. Hoffmann wird er am Künstler Hoffmann zum Vandalen. So hat er in seinem „Kreislerbuch", von einem furor biographicns besessen, das heißt nur bedacht, alles auf die Biographie Kreisler-Hoffmaurs Bezügliche, unbeeinträchtigt durch jede andere Zutat, jtcb.. - einander zu stellen, sich zu der ästhetischen Metzgerei hin- reißen lassen, unseren lieben „Kater Murr" zu vivisezieren. Er hält das sreilich für eine Art restitutio in integrum. Aber der „Kater Murr" ist kein von fremden Zutaten verunstaltetes Kunstwerk, das man erst säubern muß. E. T. A. Hoffmann hat ihn, so wunderlich er auch gestaltet ist, eben in seiner wunderlichen Gestalt doch als" lebendigejn künstlerischen Organismus erzeugt. Er ist kein .Flickwerk, wenn es sich auch, aus ironischer und anderer Laune, so gibt, sondern ein wohlproportionierter Körper voll der lebendigsten künstlerischen Beziehungen aller Glieder zueinander. Da schält man nicht einfach das Knochengestell heraus und wirft alles übrige zum Anatomiekehricht. Daß dafür allerhand andere schöne und int'ereffante Tinge quod Kreisler fein säuberlich daneben aufgestellt werden, entschädigt nicht für das Mißvergnügen, das man über die Raterschindnng empfinden muß, wenn man 'auch nur ein bißchen Empfindung für ein lebendiges Kunstwerk hat. Auch die glänzende, den ganzen Geschmack Hans v. Müllers bewährende Ausstattung, die diese Perversität erfahren hat, vermag dieses Urteil nicht umzustoßen, und noch weniger kann dies durch die kaltblütige Berichterstattung über alle Einzelheiten der grausamen Arbeit geschehen, die sich im „Nachbericht" findet. Erfreulich ist diese Publikation also nicht, aber es darf nicht verschwiegen werden, daß sie sehr interessant ist. Zumal auch durch die Bilderbeigaben, besonders, aber durch verschiedene Mitteilungen in der Einleitung und durch die sehr persönliche und geistvolle Art, wie Hans V. Müller diese macht. Tie ausführliche Hoffmann-Biographie, die wir von ihm zu erwarten haben, wird, das läßt sich aus dieser Einleitung mit Gewißheit entnehmen, nicht bloß interessant, sondern auch erfreulich sein. O. I. Bierbaum (in der „Zeit"). Neber den Kuß und seine Stellung 'm Volksglauben schreibt Prof. Theodor Siebs, der bekannte Germanist und Sprachforscher der Breslauer Hochschule, in den „Mitteilungen der Schlesischen Gesellschaft für Volkskunde": Sicherlich ist der Kuß häufig genug, daß er eine liebevolle Behandlung verdient; aber ist er nicht vielleicht allzu häufig selbstverständlich, als daß ihm die vergleichende Volkskunde noch etwas abgewinnen könnte? Tie Bewegungen des Menschen, z. B. das Gehen oder Laufen, betrachte» wir doch nicht volkskundlich, sondern höchstens physiologisch; und s o könnte man den Kuß als eine Kontraktion der Lippenmuskeln oder im laut-phisiologischeu Sinne als „bilabialen Reibeilaut mit Inspiration" bezeichnen und von aller physiologischen Betrachtung absehen, da das Küssen eine dem Menschen angeborene Tätigkeit zu sein scheint. Anders deutet ein rechter Sprachvergleicher das so „gut schmeckende, angenehm tönende Geräusch". Er sagt: „Tie Lippen, Mädchen, wollst Du längen Und reichen mir dies Ansatzrohr; Alsdann soll brechen aus dem engen Ein explosiver Schall bervor. 328 Literarisches r V. Zwilling. Ferner „Keuchhusten" .Die Pflege des Ohres" von Dr. H. Alle Arten des Kusses, den Kuß der Liebenden, der Verwandten und Freunde, den Kuß des Friedens und der Versöhnung, der Verehrung und der Herablassung, finden wir in den mannigfaltigsten Verwendungen auch bei den indogerinanischen Kulturvölkern So ist bei den Griechen der Kuß eine übliche Form der Begrüßung, und häufig wird darum „aspazesthai" gesagt, das für den Gruß bei Begegnung und Abschied gilt. Das eigentliche Wort für „küssen" war „kynein", es wird aber mehr und mehr durch das auch im Neugriechischen herrschende „philein", „lieben", ersetzt; auch „abküssen" wird gern dafür gebraucht, und das würde besonders gut passen für die verschiedenen Stellen, auf die geküßt wird: das Auge, „die Quelle der Liebe, ferner Stirn, Haar, Nacken und Bart werden geküßt zur Liebkosung und durchaus nicht nur in sinnlicher Empfindung, auch Schultern, Kopf und Hände. Tas alles gilt von Liebenden und Verwandten, aber auch Freundschaft kennt den Kuß, ja Gegenstände der Liebe und Verehrung werden geküßt. Tie Gattin küßt den Wagen des scheidenden Mannes, man küßt den Brief von lieber Hand, ^pamtnondas küßt, so erzählt Justtnus, glückselig ° den Schild, den er tu der Schlacht verloren geglaubt hatte und nun gerettet sieht; man küßt den heimatlichen Boden, den man verlceß und wiederschaut, und bekannt ist ja die Er- zahluug, wre Brutus vom Orakel heimkehrend die Mutter Erde küßt. Als Begrüßung soll der Kuß, wie Herodot be- richtet, von den Persern eingeführt sein; man gibt ihn le nach Rang und Stand auf den Mnnd oder auf die Wangen bei' Untergebene aber leistet niedorfallend die Proskhnesis' Bon hrer ans sei er auch tut griechischen Orient und in Cghp,en gebräuchlich und dann auch uach Italien einqeführt worden; natürlich handelt es sich bei allen diesen Fragen nur um 'die zeremonielle Verwendnng des Kusses, der Nittme Gebrauch wird als ursprünglich überall daneben bestanden haben. Professor Siebs verfolgt nun die Worte für „Küß' tu zahlreichen Sprachen, Mundarten und Tia- « szz unr lommt öu dem Schluß, daß meistens das Wort „Kutz nach dem Munde benannt wird, wie das Logau sehr hikbsch tn einem Epigramm gesagt hat: „Wer küssen will, küß' auf den Mund. — Unser Kind. Tie Halbmonatsschrift für Kinderpflege und Erziehung „Unser Kind", welche seit wenigeü Wochen in Wien (I. Wallnerstraße 15) erscheint, nimmt emen von keiner anderen Zeitschrift dieses Gebietes aus- zufullenden Platz ein. Das 3. Heft bringt den Schluß des Artikels über das „Böse in der Kinderseele" aus der Feder des Pädagogen Direktor B. Zwilling. Ferner „Keuchhusten" von Dr. S Köllner, „Die Pflege des Ohres" von Dr. H. ^vhlich, „Tie Pflicht des Strafens" von Professor I. Herz, „Tas ,Erste" von O. Tann-Bergler und vieles andere. vermischter. _ *^L/?besunterricht auf der Universität, kem Scherz; m Amerika, das sich wieder einmal als das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten" erweist, ist eme Universitätsvorlesung, die die Studenten die Liebe zu lehren versucht zur Tatsache geworden. Dem „B. T." wird geschrieben: Schon des öfteren brachte die ameri- kanische Presse die Nachricht von der geplanten Gründung eines „Liebeskollegs", in dem den jungen Leuten das „Lieben" nach allen Regeln der Kunst beigebracht werden sollte, was natürlich stets einen Sturtn der Heiterkeit entfesselte. Ein Witzbold schlug vor, eine Balleteuse von ziemlich zweifelhaftem Ruf zum Leiter dieses Kollegs zu machen, em anderer erbot sich, eine Schulausgabe von Casanovas Memoiren herausgeben zu wollen. Aber jeder, der im Vaterland des „Flirtens" wohiit, imd die amerikanische Jugend, zumal auf den Kollegs kennt, weiß, da ßsie einen derartigen Unterricht gar nicht nötig hat. Dennoch kommt jetzt aus Ann Arbor die Nachricht, die selbst in Amerika ein wenig „amerikanisch" klingt, daß die Universität von Michigan einen neuen Kursus zu ihrent Lehrplan hinzugefügt hat, den man als „Liebeskursus" bezeichnen kann. Danach ist ein Professor Trueblood (Treublut) der Erfinder dieses Kursus, der zweifellos bald die größte Popularität erlangen dürfte. Professor Trueblood hat nämlich lange vergebens nach der Methode gesucht, durch die er das Interesse der Studenten genügend erregen könnte, um die Anzahl der Schüler, die sein Kolleg wegen „Frühlingsfiebers" im Lenz zu verlassen pflegen, zu vermindern. Nun ist er endlich auf die richtige Idee gekommen, und die Besucher der Universität Michigan sind jetzt jeden Tag Zeugen der aufregendsten Liebesszenen. Fiinfzigmal täglich sieht sich der Herr Professor der Liebeskunde genötigt, vor einer holdseligen Jungfrau niederzuknieen, um seineit Schülern zu zetgen, „wie's gemacht wird". „Sie müssen mehr Leben tn Ihren Antrag bringen", ruft er einem schüchternen Studiosus zu, „Sie zeigen ja keine Spur von Leidenschaft." Und dann sieht der Schüchterne mit Staunen und Ehrfurcht, wie der Professor niederkniet, „wie einst im Mai", und im süßen Wahnsinn des Verliebten die Holde fragt, ob sie die Seine sein wolle für das Leben. Jeder der jungen Männer muß einer errötenden Jungfrau seine Liebe erklären, und ganz gleich, wie weit die beiden unter sich schon gekommen sein mögen, stets findet der Professor etwas auszusetzen. „Aber das geht ja nicht, mein Freund, Sie müssen beide Kniee vor ihr neigen, sehen Sie — so!", und wieder muß der alte Professor niederknieen, und so geht das fort in infinitum. — Ter Schreiber dieser Zeilen hatte noch keine Gelegenheit, hervorragende Schulmänner über den erzieherischen Wert dieses neuen Zweiges des amerikanischen Unterrichtswesens zu „befragen". Etwaige Skeptiker, die amerikanische Nachrichten unter die Lupe zu nehmen gewohnt sind, seien aber auf die „Sun" verwiesen, der diese Nachricht entnommen ist, und deren Lieblingsspruch es ist: „Wenn Sie etwas in der „Sonne" sehen, dann ist es so!" * Ein Uhrmacher hatte in feinem Laden eine große Uhr ausgehängt mit der Inschrift: „Geht 300 Tage ohne Aufziehen!" Ein Herr las es und trat ein. „Sie haben da eine sehr interessante Uhr", sagte er. „Nur Eines möchte ich gern wissen". — „Nämlich?" — „Wie lange sie geht, wenn sie aufgezogen wird." (Münchner Jugend.) Ich — wissenschaftlich dies zu deuten — Nenn's Bilabialverschlußlaut, Schatz; Doch leider heißt er bei den Leuten Ganz oberflächlich meist ein Schinah." Darwin hat eine Reihe von Zeugnissen darüber zusammengestellt, daß manche Völker den Kuß nicht kennen: die Feuerländer, die Neuseeländer, die Eingeborenen von Tahiti, die Papuas, die Somalis in Afrika, die Eskimos. Bei anderen Völkern lvieder, z. B. bei gewissen, finnischem Stämmen, gilt er für ungehörig; der bekannte E. B. Thlor erzählt, eine finnische Frau habe ihm auf seine Aeußerung, daß iit England Mann und Frau sich küßten, geanttvortet, wenn ihr Mann das probiere, so würde er mindestens eine Woche darunter zu leiden haben. Bisweilen wird auch aus dem Altertum eilt Zeugnis dafür geltend gemacht, daß bei den dtumidiern das Küssen nicht üblich gewesen sei: Valerius Maximus erzählt als Merkwürdigkeit, daß die numidischen Könige nicht küßten. Tie Völker, die den Kuß nicht kennen, haben statt seiner zumeist andere Sitten, um mit der geliebten Person in nahe Berührung zu kommen: sie ersetzen den Kuß, indem sie die Nasen aneinander reiben oder drücken, so die Neuseeländer und Lappländer, afrikanische Negerstämme und auch die Malayen, weswegen man das auch einen maläyischen nennt; andere, indem sie die Arme, Brust oder Bauch klopfen und reiben; bei noch anderen Völkern streichelt man das eigene Gesicht mit den Händen oder den Füßen des anderen, oder man pflegt zum Zeichen der Zuneigung auf verschiedene Teile des Körpers zu blasen. Julvieweit alle diese Bräuche es nur auf die körperliche Berührung absehen, oder aber, wie das Nasenreiben und der Kuß, zugleich auf den Geruchssinn wirken, ist nicht zu sagen. Vielleicht ist beachtenswert, daß das arabische Wort für „küssen" von einigen mit dem Worte für „riechen" in etymologische Verbindung gebracht wird, und daß wir einige germanische Ausdrücke für den Kuß lernten, die sehr eng mit dem Worte „schmecken" zusammen- h äugen. _ • . , ™M auf den Mund. Das and're gibt nur halb Genießen; Gesichte nicht, nicht Hals, Hand, Brust, Ter Mund allein kann wieder küssen." Redaktion: Sluguft Götz. - Notation-drnek nndHü°-stder Blssblstch-n Universüa,Z.N^Hteindrnüere: .Piklsch Erben) in Gietz^