Mmüsg dru 5. Januar. 1903 — Nr. 3. Eine Skizze. Von Ruth Reinhardt. (Nachdruck verboten.) Es war in *6dt 50 er Jahren. Die äußeren Lebens- verhältnisse waren weniger kompliziert als heutzutage, die Menschen dagegen werden Wohl ziemlich dieselben gewesen sein. — Am Tage vor Neujahr rumpelte die schwerfällige Postkutsche durch die holprigen Straßen der Stadt S. Der Postillon, voller Ehrfurcht vor dem dahinsterdenden alten Jahre blies feierlich den Choral: „Das alte Jahr vergangen ist". Hinter den frostbemalten Fenstern tauchten hie und da die Silhuetten Neugieriger empor — vor dem Posthause hatte sich eine Schar Wißbegieriger angesammelt, verlief sich aber Lis auf wenige alte Männer ebenso schnell, nachdenr als einzige Insassen ein alter Handels- Wann und ein junger Herr dem Innern des Postaugetüms entstiegen waren. 'Der letztere wäre Wohl int stände gewesen, in seiner schmucken Jägertracht, mit dem jugendlichen Blondkopfe und den blitzenden blauen Augen die Aufmerksamkeit auf sich zu lenkem Er ließ den Blick Über die Gaffer schweifen und fühlte sich ab gestoßen durch das forschende Mißtrauen, das ihm aus allen Augen entgegenblitzte. Er liiftete zu flüchtigem Gruße den Hut, warf eine vollgepackte Reisetasche über die Schulter, griff Nach einem festen Knotenstock und schritt, keck und hochmütig den Kopf zurückwerfend, an der kleinen Gesellschaft vor dem Posthause vorüber, dem Stadttore zu. „Ist das nicht Karl Thieß aus Hiesdorf?" brummte ein Graubart. „Der scheint ja ganz aus der Art geschlagen, mag seinem Alten ein gut Stück Geld kosten." »,Na, dem wird bald das Lachen vergehen" — „ist doch eilt Skandal, daß er nicht früher kam", — so knurrte Und brummte es durcheinander, während die Männer Wit den Füßen stapften, sich den Schnee von den Stieseln schlugen, und dann zu den dampfenden Punschgläsern in die behagliche Wirtsstube des Posthalters zurückkehrtcn. Nur gut, daß Karl Thieß nicht vernahm, was die alten WirtshausphUosophen in bedächtiger Rede über ihn und die Seinen verhandelten; ihm möchte doch bange Iums Herz geworden sein bei den Auspizien, " die sie ihm für seine Zukttnft stellten. , Er atmete erleichtert auf, als er die Stadt hinter M hatte. War's ihm doch gewesen, als ob aus allen Ecken uvd Winkeln der engen Gassen neugierige vorwurfsvolle BMe ihm gefolgt wären. Rüstig schritt er durch das wette glitzernde Schueefeld Dem WEe entgegen, der sich tote eine majestätische dunkle Masse inmitten der weißschimmernden Felder erhob. . Der Wend war völlig yereingebrochen, als Karl Thieß M den Wald hineinbvg. Er hatte lustig vor sich yin- tzepftfsen, verstummte aber wie in unwillkürlicher Ehrfurcht, als die Einsamkeit des Waldes ihn Umfing. FH« war hier jeder Schritt und Tritt vertraut; iw Walde hatte er sein halbes Leben verbracht, er kannte ihn zu jeder Jahreszeit, in jeder Stimmung. Wer von solchen^ fast andächtigem Schauer batte er sich noch nie erfaßt gefühlt. War es das Heunatsgefühl, das ihn beschlich oder war es die hehre Schönheit der Winternacht, die ihkl umgab? Die ehrwürdigen Tanuen und Buchen, die zarten Erlen und Mrken, die tausenderlei Farren, Gräser und Moose wirkten in ihrem schneeigen Schmuck wie verzauberte Wesen im Märchenlande. Es war, als ob die Natur in Schlummer gesunken wäre: nur dann und wann ging ein Aechzen dttrch den Wald wie von schweren Träumen, oder ein Rauschen und Raunen, als hielten die Wald geister Zwiesprache mit einander. Ter Mond warf sein nrildes Licht über all die feierliche glitzernde Pracht, einige Teile des Waldes ganz' in Tunkel hüllend, andere wieder neckisch mit seinen Strahlen durchflutend. Karl Thieß war ein leichtlebiger froher Gesell, die schneidende Kälte schien seine Lebensgeister nur doppelt anzuregen. Energtsch schritt er vorwärts und kraus wirbelten die Gedanken durcheinander. „Was es nur mit dem Vater sein mochte? Ob et wirklich ernstlich krank war? Ach wo — das war nun einmal Schwester Mnna's Art. Sie mußte gleich alles zu wichtig uno schwer nehmen. Immer wußte sie seinen Frohsinn zu dämpfen. Es war ja freilich dumm, daß der Brief ihn nicht zu Hause traf — acht Tage waren vergangen da konnte es mit dem Vater schlimmer geworden sein, aber — er konnte auch längst wieder gesund sein — wer wollte denn gleich das Schlimmste denken? Anna hatte ihn nur zum Weihnachtsfest zu Hause haben wollen — so ängstlich, so dringend hatte sie geschrieben — aber das tat sie ja immer. Was hatte er inzwischen für eine lustige Zeit durchlebt. Da würde doch sein Wer stolz sein, wenn er hörte, in welcher noblen Gesellschaft er die Festzeit verbracht batte. Tie Feiertage waren schon herrlich gewesen in der Forstmeisterei mit den lustigen alten Herrschaften und den feinen jungen Damen. Aber als dann der Erbprinz kam mit seinem lustigen Gefolge, da fing doch erst das schönste Leben an. Tag für Tag die flotten Jagden und abends Tanz und Spiel bis in die tiefe Nacht hinein. SNn Alter wollte ja immer, daß er sich feine Lebensart an eignen sollte. Was er wohl sagen würde, wenn er hörte, daß sein Karl ganz gemütlich mit Grafen und Baronen und mit einem wirklichen Prinzen verkehrte? Da fanden sich die feinen Manieren ganz von selbst und unwillkürlich richtete sich Karl strammer empor. Freilich mit dem Spiel — das traute er sich nicht, seinem Vater zu sagen! — Mein Gott, wie diese vornehmen Mensche« doch das Geld zum Fenster hinauswarfen, rein, als wäre« SVu51 ctj't'CtTi'C! Eine Mutwelle schoß ihm Ws Gesicht — am Ende hätte 10 er doch nicht mithin sollen — er war arg in die Kreide geraten — wo sollte er nur.das Geld aufbringen, um alle die Spielschulden abzutragen? Seinem Vater konnte er's nicht sagen, zumal jetzt, wo er krank war, aber auch sonst ging es nicht. Der Alte hatte zu viel Respekt vordem „sauer Erworbenen". „Zu Nichtsnutzigkeiten habe ich nichts übrig" pflegte er zu sagen. — Ob er sich an seine Schwester Anna wandte? Sie schien ja jetzt länger im Elternhause zu weilen. Wenn nur der Schwager, dieser pedantische, tugendhafte Pfennigpsuscher nicht auch da war! Anna war ja eigentlich gutmütig, — sie hatte ihm schon manchen Groschen zugesteckt — vielleicht würde sie jetzt auch helfen! Freilich, die Summe war groß — am Gide hätte er doch nicht mitspielen dürfen. Aber was hätte das für einen Eindruck auf den Prinzen gemacht, der den flotten Forstadjunkten sichtlich ausgezeichnet hatte? „Sollte er ihm etwa sagen: „ich bin ein armer Amt- mannssobn, mein Vater hat redlich gekämpft, um seinen acht Kindern eine Existenz zu schaffen, ich habe nichts als mein bischen Gehalt. Ja, das würden sein Schwager und die älteren Brüder von ihm verlangen — diese Philister mit ihren engherzigen Ideen, mit ihrem begrenzten Horizonte. Aber verstanden beim die was vorn Leben? „Jedes redliche Streben erhält seinen Lohn", pflegte der Schwager zu predigen; ja schön, aber der Lohn ist auch darnach! Günstige Gelegenheit soll man nützen, philosophierte Karl — man kommt doch nicht alle Tage mit Prinzen zusammen. Ta muß man schon ein Opfer bringen! — der Prinz wird Fürst — er sammelt seine Freunde um sich, dazu gehört auch der flotte Forstadjunkt — es kann gar nicht fehlen — Karl macht glänzende (Karriere — eine Forstmeisterstelle ist das wenigste, was für ihn abfällt. Tas wird ein Leben! Tann kommen alle die vornehmen Herren als Gäste zu ihm und er lacht über die Philister und ihre grillenhafte Weisheit. Bums! Karl ist mit dem Kopfe gegen einen vorspringenden Ast gerannt und hat eine ganze Ladung Schnee ins Gesicht und in den Nacken bekommen. Tas wirkt ernüchternd auf den Erbauer kühner Luftschlösser. ^Verdammt", knirschte er, „wenn ich nur erst glücklich das Geld zusammen hatte!" Aber bald wendet sich seine rastws arbeitende Phantasie freundlicheren Widern zu. „Bin doch schon immer ein gutherziger Kerl gewesen", denkt er, „ganz anders als hie andern alle. Ihm füllt ein Vorfall ein aus der Kinderzeit. Mit kaum acht Jahren hat er einmal an den König geschrieben: „Lieber Herr König! Ich möchte auch gern König werden, aber ich weiß nicht, tote man es macht. Hol mich, bitte, auf Dein Schloß. Wh Will a.uch ganz artig sein. Tein lieber Karl Thieß." Er mußte breit lachen, als er sich des Sturmes erinnerte, per im Elternhause ausgebrochen ivar, als der verschmitzte alle Briefbote, der ihm heilig und fest versprochen hatte, den Brief richtig beim König abzugeben, denselben statt dessen dem Vater i« die Hande gespielt hatte. Tie Mutter hatte genug zu tun gehabt, um den Vater zu besänftigen, der Ulte hatte gewettert, aus solchen „Obenhinaus" würde nie etwas Rechtes; der dumme Junge solle lieber seine Lektion in der Schule lernen, statt aus Allotria zu sinnen. ,^Verflixter Bengel", hatte er endlich, schon wieder beruhigt, gebrummt, wo er nur all so Dummheiten her hat. Schon früher einmal hatte der ®ater ihn erwischt, als jir ganz glücklich eine Mäusefamilie vom Felde hereinbrachte und gerade dabei war, derselben aus einem alten Nähkorbe seiner Mutter auf dem Kornspeicher eine Mäuse- hütte zu errichten. Eine unangenehme Kopsnuß hatte ihn belehrt, daß die Mäuse schon ohne dergleichen Unterstützung genügend für sich zu sorgen wissen und an das traurige Geschick seiner armen Lieblinge hatte er lange Zeit nur Mit Schrecken denken können. Schlimmer wäre beinahe ein anderes Abenteuer ab gelaufen, zu dem er durch die schaurig-schönen Erzählungen ieines alten Fischers unten im Torfe angestiftet worden war. Er war eines Tages mit einem unternehmungslustigenKckme- raden an den Strand gegangen, hatte ein Boot losgelöst, lohne den Eigentümer um Erlaubnis zu fragen und war kühn mit dem kleinen Freunde hinaus aufs Meer gerudert, weil sie „Seeräuber" werden wollten. GelegenheiL Ar Raub und Plünderung Ware« ihnen freiwillig nicht geworden; ihr Heldenmut war im Gegenteil bald in Angst und Schrecken umgeschlagen. Tie See war stürmisch, die gewaltigen Wellen schaukelten das Boot wie eine Nußschale und die beiden kleinen Insassen saßen zitternd wie Espenlaub, legten sich angstvoll auf den Boden des Bootes und llammerten sich fest an die Ruderbänke. Stundenlang waren sie so aus und ab schaukelnd auf dem Meere Herumgetrieben, als endlich ein paar biedere Fischer, die auf Fischfang ausgezogen waren, das herrenlose Boot entdeckten, sich seiner bemächtigten und die beiden vor Angst und Kälte und Nässe halbtoten Jungen retteten und ans Land brachten. Karl Thieß verweilte nicht gern bei der Geschichte. Tas Gesicht von Vater und Mutter, als das vermißte und überall angstvoll gesuchte Kind ihnen wie leblos ins Haus gebrächt wurde, hatte sich ihm trotz seiner Schwäche damals fest eingeprägt — und als er völlig wieder zur Besinnung kam, wäre es ihm viel lieber gewesen, der Vater hätte gewettert und geschimpft, als haß er so traurig und still am Bette seines Jungen saß. Eigentümlich schienen Gegenwart und Vergangenheit! sich mit einander zu verquicken. Kurl war aus dem Walde herausgetreten — vor ihm unten im Tale lag langgestreckt fein Heimatdorf, feierlich und ernst klangen gerade jetzt die Glocken des Kirchleins zu ihm herüber — halb klang es wie Sterbeglocken, halb wie Festgeläute — ein Schauer über-- riefelte den munteren Gesellen und zog ihm, wie in banger Vorahnung, das Herz zusammen. Aber die Glocken mußten ja läuten und den Sylvesterabend einleiten; gewiß strömten jetzt die Torfbewohner zum nächtlichen Gottesdienst zusammen, um feierlich den Abschied des alten Jahres zu begehen. Ihr Schall wurde bald übertönt von einem gewaltigen Rauschen und Brausen! Tas war das Meer! Tas waren echteste Heimatsklänge! Alles Gute in Karl Thieß wurde bei diesen gewaltigen Tönen lebendig — der Leichtsinn trat zurück, Kraft und Ernst drängten sich vor. Er war daheim; schon winkte das Licht des Elternhauses - — oh! er wollte alles wieder gut machen! Wenn nur der Vater wieder gesund war — er wollte ihm schon beweisen, haß er könne, was er ernstlich wolle — vielleicht sagte er ihm doch alles offen heraus und dann wollte er von vorn an- sangen — er wollte ein ganzer Mann werden, stark und tüchtig, geachtet und geehrt wie der Vater. Er stand vor seinem Vaterhause; nur seitwärts drang ein Licht aus dem Wohnzimmer, sonst lag alles dunkel vor ihm. Vielleicht stand des Vaters Bett im geräumigen Wohngemach--ach ja--er hatte sich lästigen Gedanken hingegeben und der Vater Ivar krank. Angst scquarten ihm plötzlich die Kehle zusammen, so beklommen wurde ihm zu Sinn, daß er meinte, jeden Herzschlag zu Horen. Leise hatte er die Haustür aufgeklingt, er wollte nicht gleich zu dem Kranke« — rechts vom Flur lag das groge Amtszimmer, wo der Vater immer die Tagelöhner abzulohnen pfegte, dort wollte er eintreten, sich erst sammeln und dann zum Vater gehen. , Er öffnete die Türe und prallte entsetzt zurück — er trat ein, stand tote erstarrt, stürzte vorwärts unb brach erschüttert zusammen: O Gott, Water, metn Vater! schluchzte er Vor ihm stand ein schlichter Sarg; zu Haupten und zu Füßen brannten enift und feierlich vier hohe Wachslichter und von den weißen Kissen hob sich das Antlitz des alten Amtmannes ab, streng, ernst, voll hoheitcholler abweisender Ruhe. i Mbolf GniMr.*) Ein weiteren Kreisen bisher wohl gänzlich unbekannter Komponist tritt zum erstenmal, und zwar sogleich mit etwa einhuvdMsüufzig Liedern, an die 'Oeffentlichkeit. Soll die qnaniitattBs Fülle des Gebotenen die allgemeine Au,- merksamkeit vor anderen gleichartigen Produktionen aus sich lenken? Das wäre kaum sehr glücklich spekuliert; erscheinen doch gerade in der Gegenwart neue Lieder in solcher Massenhaftigkeit auf dem Musikalienmarkte, daß selbst ein und ein halbes Hundert mehr oder weniger nicht allzu schwer ins Gewicht fällt. Trotzdem dürfte es den *) Gritzuer, Rudolf, Lieder und Gesänge. 6 Baude fe 3 Mark (etegt gebt 4 Mk). Verlag Breitkopf u, Härtel, Leipzig. 11 Liedern Gritzners an Teilnahme nicht fehlen. Denn sie enthalten durchweg, was man bei gar manchem modernen Erzeugnis der Gattung so schmerzlich vermißt: „Melodie", leicht fließende, ansprechende, warm empfundene Melodie, die aber stets getvählt bleibt und Trivialitäten sorgsam aus dem Wege geht. Da auch die jeweilige Stimmung meist glücklich getroffen ist, ohne daß vom Interpreten und fernen Hörern ein Hinab steigen in allzu große Tiefen gefordert wird, so kennzeichnen sich diese Lieder als eine Gabe, an der namentlich, der Durchschnitt der musikalisch Gebildeten Freude haben wird. Ueber Gritzner selbst wird uns von Freunden des Komponisten folgendes mitgeteilt: Schon während der in Heidelberg verlebten Knabenjahre bekundete Rud. Gritzner innige Freude zur Musik und bei Aufführungen in Kirche und Konzertsaal war er ein eifriger Sopransänger des Chors. Doch mehr Neigung zeigte er nach und nach zur Technik. Werkstätten mit ihrem regen Treiben interessierten ihn besonders und als ihm die Wahl eines Berufes oblag, wandte er sich dem Maschinenbau zu. Nun kamen Lehrjahre und der Besuch des Polytechnikums, nebenbei betrieb Gritzner am Konservatorium zu Stuttgart unter Leitung Ludwig Starks eifrige Gesangstudien, durch deren Erfolg ihm die Freude wurde, an den musikalischen Veranstaltungen teilzunehmen, die in Julius Stockhausens Heim in Cannstadt stattfanden. Clara Schumann, Johannes Brahms, Edmund Singer und viele andere Künstler aus nah und fern kamen zu Gast. Die tiefsten Eindrücke machte aber Julius Stockhausens Gesang auf Rud. Gritzner. Alsdann widmete er sich ernsteren beruflichen Arbeiten. Er war eine Zeit lang Direktor der von seinem Vater begründeten Maschinenfabrik und hat nun erst seit vier Jahren, nach Aufgabe dieses Amtes, sich mit musikalischen Aufgaben beschäftigt. verbrachtes. In einer nachgelassenen Arbeit über Epilepsie vvn Wolf Kußmaul findet sich eine interessante Abweisung der Behauptung, die sich durch die Handbücher der Pathologie zieht und ost nachgesprochen wird, daß viele der größten Männer der Weltgeschichte an Epilepsie gelitten Hütten. Als merkwürdigste Beispiele werden immer Julius Cäsar, Napoleon I., der Apostel Paulus und Mohammed genannt; Cesare Lombroso hat diesen noch eine ganze Reihe klangvoller Namen, wie K a r l V., P e t e r den Großen, Petrarca, Händel, Dickens, Dostojewsky u. a. hinzugesügt, ja er erklärt sogar die Epilepsie, die bisher für eine besonders wirksame Ursache der Verblödung galt, für eine Hauptgrundlage der Genialität. Wenn ihm schon eine vorübergehende Trübung des Bewußtseins namentlich in Begleitung von Krämpfen ohne weiteres genügt, um den Befallenen zum Epileptiker zu stempeln, so wird, meint Kußmaul, die wissenschaftliche Pathologie strengere Anforderungen an die Diagnose der Epilepsie ~ stellen müssen. Tie Epilepsie eines Peter des Großen läßt sich allerdings nicht bestreiten, aber die geniale Anlage des Reformators Rußlands ging der Epilepsie voraus. Trv»tz feiner glänzenden Begabung wurde er epileptisch, da er, ausgewachsen in der rohesten Barbarei und gewohnt, seine Launen zügellos zu befriedigen, sein Nervensystem durch furchtbare Trinkgelage und Ausschweifungen zerrüttete. Tie dürftigen ttnb unsicheren Auszeichnungen, die über die angeblichen epileptischen Anfälle Julius Cäsars, Napoleons I., des heiligen Paulus und Mohammeds erhalten sind, reichen dagegen nach Kußmauls Meinung nicht aus, um ihre Natur festzustellen. Bei Mohammed scheint es sich um ekstatische, nicht um epileptische Nervenzustände gehandelt zu haben; er diktierte aus seinen Anfällen heraus die Suren des Korans, was mit der Natur epileptischer Anfälle unvereinbar ist. Bei den drei anderen wird nur von vereinzelten Anfällen berichtet, die als epileptische gebeutet, werden Jönnten; aber es fehlt die Periodizität der Anfälle, die zu dem Begriffe diesew Krankheit gehört; nur wenn sie sich ohne äußeren Anlaß wiederholen, haben sie Anspruch auf diese Bedeutung. Tas Hauptbeispiel für Lombroso ist Napoleon I., der nach ihm mit allen Merkmalen erblicher Entartung und des epileptischen Verbrechers behaftet gewesen sein soll. Im russischen Feldzug, bei Leipzig und Waterloo soll er Fehler gemacht haben, die sich aus einem epileptischen Geisteszustände erklärten, und infolgedessen habe er zuweilen an unüberwindlicher Schlafsucht gelitten. Kußmaul meint, daß sich seine Fehler, sein Schlafbedürfnis auch aus seiner unregelmäßigen Lebensweise, dem Durchwachen ganzer Nächte bei strenger geistiger Arbeit, dem hastigen Verschlingen der Nahrung mit nachfolgender Verdauungsstörung, der Erschöpfung durch die riesigen, ihm gestellten Aufgaben genügend erklären lassen. Im Herbst 1805 soll Napoleon vor seinem Abgang zur Armee nach Teutschland einen epileptischen Anfall erlitten haben, über den zwei sehr verschieden lautende Berichte vorliegen. Nach der Erzählung Talleyrands ereignete sich der Vorfall in Straßburg. Napoleon hatte mit ihm gespeist, war von der Tafel allein zur Kaiserin gegangen und kam nach einigen Minuten zurück. Er nahm Talleyrand beim Arm und führte ihn in fein Schlafzimmer. Remusat folgte, um noch einige Befehle zu erbitten. Kaum waren sie drinnen, da fiel der Kaiser zur Erde. Er fand nur noch Zeit, zu sagen, man solle die Thür zumachen, stöhnte, geiferte und drohte zu ersticken. Talleyrand riß ihm die Halsbinde ab, übergoß ihn mit Kölnischem Wasser, Romuset gab ihm Wasser zu trinken. Er hatte verschiedene Konvulsionen, die nach einer Viertelstunde aufhörten. In einem Lehnstuhl gehoben, fing er an zu sprechen, ordnete seine Kleider, empfahl den beiden Zeugen Geheimhaltung und war eine halbe Stunde später auf dem Wege nach Karlsruhe. Diese Schilderung, schreibt Kußmaul dazu, entspricht dem Bilde eines epileptischen Anfalls eher und weicht davon nur darin ab, daß Napoleon, wie es scheint, im Anfall Wasser zu trinken vermochte und so rasch sich davon erholte. Hochmut und Fall. Die nachsichtigen Freunde hatten seine Versuche im Malen und Zeichnen so sehr gerühmt, daß der junge Mann sich wirklich für ein Genie hielt. Seine wohlhabenden Bekannten kauften sogar seine Bilder, „um ihn zu ermutigen", wie sie sagten. Als er kürzlich an einer Gemüldehandlung vorüberging, war er hocherfreut, eins seiner Bilder schön eingerahmt im Schaufenster zu sehen, besonders da er in Begleitung einer hübschen Dame war, vor der er sich gern im bestmöglichen Lichte zeigen wollte. Die Ausmerksamkeit der Dame auf das Bild lenkend, sagte er: ^Entschuldigen Sie, aber ich bin ein wenig neugierig, zu erfahren, wie hoch meine Gemälde im Preise stehen." Und sie betraten zusammen den Laden. „Mein guter Mann", sagte er zu dem Kunsthändler, „was kostet jenes Gemälde im Fenster bort?" „Drei Mark." „Großer Gott!" schrie der Künstler, zurückprallend. Der Kunsthändler, welcher glaubte, es sei ein Ausruf des Staunens über den hohen Preis, fügte begütigend hinzu: „Einschließlich des Rahmens natürlich" Tit-BitL. Endlich einmal ein angenehmer Mensch. Hausherr nach Tisch zum Gast: „Wissen Sie etwas über Literatur?* 92eiti/z Etwas über Kunst?" „Nichts." „Verstehen Sie sich auf Musik?" „Keine Spur." „Schön, dann wollen wir uns in mein Zimmer zurück ziehen. Bringen Sie sich eine Pfeife mit, wir wollen ein bischen gemütlich plaudern." (Tit-Bits.) Geistesgegenwart. In einem sehr ernsten Drama mußte ein Gefangener einen Brief, den ihm der Gefängniswärter brachte, laut vorlesen. Um die Mühe des Memorierens sich zu ersparen, pflegte der Schauspieler den Text des Brieses abzulesen. Eines Abends wollte der den Gefängniswärter spielende Schauspieler sich einen Scherz machen, und gab dem Gefangenen nur ein Blatt unbeschriebenen Papiers. Als Der Gefangene mit dem Lesen beginnen wollte, wäre es beinahe um feine Fassung geschehen gewesen, doch mit schnell wiedergewonnener Geistesgegenwart tief er mit heiterer Ruhe: „Wärter!" „Ja" „Ich muß Ihnen ein Geständnis machen. Von armen Eltern abstammend, habe ich nicht lesen gelernt und muK Sie daher bitten, mir den Inhalt des Briefes vorzulesen." 12 Der andere Schauspieler sah> daß er' sich in seiner eigenen Schlinge gefangen hatte. Nachdem er den Brief einen Augenblick nervös in den Händen hin- und hergewandt hatte, sagte er: „Cern, aber ich. muß erst meine Brille holen." Natürlich brachte er mit seiner Brille zugleich den .richtigen Brief mit. (Tit-Bits.) Folgende originelle Grabschrift befindet sich laut „Münch. Allg. Ztg." auf einer Grabplatte aus dem 16. Jahrhundert in der Kirche im masurischen Rastenburg: Euphrosina, Pormanina, Meine trautste Ehegattin, Lieget hier begraben; Welche war wie Gott bewußt, Meine beste Augenlust, Die ich pflag, zu haben. Ja, sie war mein Kaufmannsschiff Welches früh und spät auslieff Und mir Nahrung brachte. Meine beste Arzenei War sie in Melancholei, Die mich munter machte. Mir und Mich. Die Schwierigkeit der Unterscheid- nng zwischen dem Dativ und dem Akkusativ des persönlichen Fürworts ist älter als Vater Wrangel und hat nicht nur in seiner pommerschen Heimat, sondern auch am grünen Rhein so manchem zu schaffen gemacht. Den unverbesserlichen Ver- wechslern widmete Gg. Harrys in der Sonntagsbeilage der „Köln. Ztg." im Januar 1825 folgendes hübsche Spottgedicht: Alexis: Der Tod nur kann mir von dich trennen, Sonst trennt mir nichts von dich; Ja, sterbend werd' ich dir noch nennen, Auch dann gehörst du mich. Melina: Bedaure sehr, kann Sie nicht dienen, Für Ihnen fühl' ich Liebe nie; Ich sage Sie: Ich kenne Ihnen Und mag nichts hören mehr von Siel Drei Töchter mit drei „Ottos" verlobt. Drei Töchter an einem Tage verlobt! Diesen seltenen Rekord erreicht zu haben, kann sich ein glücklicher Pfälzer, Herr Jakob Mergenthaler in Pirmasens rühmen, dessen 3 Töchter Friederike, Rosa und Lotte sich gleichzeitig am diesjährigen Weihnachtsfeste verlobten. Hervorzuheben wäre noch, daß die drei glücklichen Bräutigams sämtlich den Vomamen „Otto" führen. Präsident Roosevelt — Ehrenlokomotiv- Heizer. Der amerikanische Präsident ist der Gegenstand einer ebenso eigenartigen wie seltenen Ehrenbezeugung geworden. Im Weißen Hause zu Washington erschien unlängst eine Deputation der Gewerkschaft der amerikanischen Lokomotivheizer und überreichte Herrn Roosevelt feierlich eine Karte, durch welche er zum Ehrenlokomotivheizer ernannt wurde. Die Karte, die reichen künstlerischen Schmuck trägt, befindet sich in einem geschmackvoll ausgestatteten Album. Der Präsident hat dankend die neue Würde angenommen. Getäuschte Erwartimg. Auf ein, energisches Klopfen an der Tür öffnete sie eines Abends die Tür des Hauses. „Ach, Tu bist es?" sagte sie eisig. „Ich bin's", war die Antwort, „ich, Tein lang vermißter Munn, der geZommen ist, Tir ziu sagen, daß es ihm leid tut, daß er vor 20 Jahren davonlief." „W ist möglich, daß es Tir leid tut", erwiderte die Dame, „mir tut es nicht leid. Warum bist Tu zuruck- gekommen?" „Meine Teuerste, ich bin in Klondike gewesen. Und letzten Gommer erntete ich 60000 —" „50000 Pfund?" schrie die liebende Gattin, als sie Hm um den Hals fiel. „Nein Moskito-Stiche. Im nächsten Augenblick wurde ihm mit lautem Krache« die Tür vor der Nase Angeschlagen. Ttb-BitS. Wie er einen Auslauf verursachte. Ein junger Herr trat kürzlich aus einem Hotel auf die Straße und begann, mit seinem Spazierstock in der Erde uncherM- stochern. Ein Vorübergehender fragte ihn, was er machen „Ich suche ein Zwanzigmarkstück", war die Antwort.' Ter Fragende verschaffte sich einen langen Stock und' fing ebenfalls an zu graben. Ein zweiter machte es Ebenso und andere folgten- bis etwa vierzig Personen mit dem Suchen beschäftigt waren. Schirme, Stöcke und Miefelfpitzen waren in lebhafter Tätigkeit und wühlten den Staub' In solchem Maße ans, daß die Luft von unaufhörlichem Niesen erfüllt war, während ein Schutzmann sich vergeblich bemühte, die Menge zu zerstreuen. Schließlich fiel es jemandem ein, den jungen Mann zu fragen, wie es gekommen wäre, daß er das Geldstück verlor. ,/O, ich habe keins verloren", antw'ortete er seelenruhig -/Ich dachte nur, ich könnte vielleicht einS finden, wenn ich suchte — weiter nichts." Tarauf gingen die einzelnen Mitglieder der freiwilligen Geldsucher schweigend ihrer Wege, der junge Mann aber lachte, bis er ganz rot im Gesicht war. Ttts-Bits, J Humoristisches. „Wie heißt der Plural von Mensch", fragt der Lehr«! den kleinen Hans. „Menschen", antwortete Hänschen. „Recht", sagt der Lehrer, „und der Plural von Kind?" — Z i . i .j „Zwillinge", ist Hänschens prompte Antwort. 1 Ld Preisrätsel. Die sechs Gewinne, die wir auf dte Lösung unseres Preisrätsel» vom 24. Dezember ausgesetzt hatten, entfielen auf dir folgenden Linsender richtiger Lösungen: 1. „Tagebuch dcS deutsch-französischen Krieges 1870/71, in Zeitungsberichten aus jenen Jahren" in Prachtband geb.: Herr Schlofiermstr. Wilh. Ziegler-Gießen; 2. R. Hamerling, „Amor und Psyche, Eine Dichtung in sechs säugen", reich illustriert, in Prachtband geb.: Frl. O. Müller-Gießen; 8. P. K. Rosegger, „Jakob der Letzte", „Martin der Mann" und „Allerhand Leute", reich illustriert, in Gefcheukband: Herr Walter Nanz-Steinbach; 4. „Von Herzen zu Herzen, Ein Blütenstrauß deutscher Kunst und Dichtung", in Prachtband geb.: Frl. Gertrud Fromme-Gießen; 5. „Die vorzüglichsten Bilder der Dresdener' Gemälde-Galerie", Original-Nadierungen von Prof. H. Bürkncr u. A.: Herr Kunstmaler Otto Fritz-Nidda; 6. „Musikalische Erinnerungen und Feuilletons" von Peter Tschaikowsky, elegant geb: Herr Hoboist A. Krahn-Gießen. Die Gewinne können gegen Vorzeigung der AbonuewentSqutttrmg für Januar 1903 in der Expedition deS „Gießener Anzeigers« ta Empfang genommen werden. Den auswärtigen Abonnenten werden di« Werke auf Wunsch zugesandt. Auflösung deS Preisrätsels in Nr. 191 der Familienblätter: Weinkarte», Erdbeere, Island, Heller, Netze, Angriff, Cant«, HneSr«, Tanne, S»d, Falke, Eglt, Silber, Tors. Wcihnachtsfest — Friede auf Erden. Bilderrätsel. (Nachbildung verboten). (Auflösung in nächst« Numm«.) Redaktion: Curt Plato. — Rotationsdruck und Verlag btr Brühl'schen UniverfitStS-Buch- und Steindruckerel (Pietsch Erbe«) t* Gießen,