1903. — Nr. 131. Wi W i| i I-IMW ■ü1 •!11 ®ö Freitag den 4. September.^^ cis WW (Nachdruck verboten.) Schloß Osterno. Roman von S. M e r r i m a n. (Fortsetzung.) Ter Tag verstrich, wie solche Tage zu verstreichen pflegen. Etta war nicht die Frau, konventtonelle Kopfschmerzen vorzuschützen und sich zu verstecken; sie erschien zum Frühstück und führte während der Mahlzeit kühn das Gespräch. „Sie hat Geist", dachte Karl Steinmetz hinter seinen ruhigen blauen Augen. Er bewunderte diesen Mut und half ihr daher, indem er mit unerschüttetlichjer guter Laune den Ball der Konversation hin und her warf. Sie waren vollständig eingeschlossen, und keinerlei Nachricht aus der Außenwelt drang zu der kleinen Gesellschaft hinein, die hinter ihren eigenen steinernen Mauern belagert war. Nelly, furchtlos in ihrer Unschuld, hatte die Absicht, mit ihren Schneeschuhen hinauszugehen, wurde jedoch von Steinmetz mit versteckten Warnungen davon abgehalten. Während des Vormittags ivar ein jeder mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, doch zum zweiten'Frühstück trafen sie zusammen. Etta war jetzt beinahe trotzig; sie war so nahe daran, Paul zu lieben, daß ein wilder Haß in ihrer Brust anfguoll, so oft er ihr Entgegenkommen mit gelassener Zurückhaltung abwies. Niemand hatte eine Ahnung, — vielleicht sie selbst nicht, — daß das Oeffnen der Seitentür von ihrer Laune abhing. Am Nachmittag saßen Etta und Nelly gewöhnlich, in dem kleinen Boudoir, das die Aussicht über die Klippen hatte. In der letzten Zeit war ihr Verkehr etwas gespannt geworden; übrigens hatten sie nie viel miteinander gemein, obwohl die Verhältnisse sie im Leben zusammengeführt hatten. Als es dunkel wurde, ging Steinmetz aus, denn er hatte mit dem Starosten eine Zusammenkunft verabredet. _ PEl saß gegen fünf Uhr in seinem Zimmer und tat, als arbeite er,, als Steinmetz eilig eintrat. Neuigkeit", sagte er kurz. „Kommen Sie mit." Paul erhob sich und folgte ihm diwch die doppelte Tur iit der dicken Mauer. . .große Zimmer des Intendanten war nur von emer auf dem Tische stehenden Lampe erleuchtet. Ein großer, grüner Schirm warf alles Licht auf die Platte und lreß das übrige Zimmer im Halbdunkel In einer entfernten Ecke staiid in abwartender Halt- uiig ein Mann. Paul, der ihn im Dämmerlicht zu er- kenneii uchte kamer verdächtig und zugleich bekannt vor. Plötzlich trat der Mann rasch auf ihn zu. „Pawel, Pawel", sagte er mit tiefer, hohler Stimme. „Freilich, ich konnte nicht erwarten, daß Du mich erkennen wurdest." - Er schlang die Arme um ihn und umarmte ihn nach russischer Sitte. Dann Hielt er ihn auf Armeslänge von sich.' „Stephan!" rief Paul. „Nein, ich habe Dich nicht erkannt." Stephan Lanowitsch hielt ihn noch immer auf Armes- lange von sich und betrachtete ihn ptüfend mit seinen großen, schwachen, blauen Angen. „Alt geworden, alt geworden", murmelte er vor sich hin. „Mein armer Pawel! Ich hörte in Kiew, — Du weißt, wie wir Ausgestoßenen solche Dinge zu hören bekommen, — daß Du in Not wärest, und darum kam ich her." Der iiwHintergrunde stehende Intendant zog die- Augenbrauen in die Höhe. „Es gibt nur zwei Menschen in der Welt, die die Bauern von Twer im Zaume halten können, und das sind imr beide", fuhr Lanowitsch fort. „Ich kam also her, Pawel, ich werde Dir helfen, ich werde Mr beistehen. Zusammen werden wir diese Einpörung gewiß unterdrücken/« „ Paul nickte und ließ sich ein zweitesmal umarmen. Er wußte langst, daß Gras Stephan Lanowitsch von Äiors eiiier der Vielen war, die Gutes mit geschlossenen Augen tun wollen; für den Augenblick hatte er äbsolut keine Verwendung für den ivohlmeinenden Träumer. „Ich fürchte, die Sache ist zu weit gediehen", sagte er. „Wir können sie nur mit Gewalt unterdrücken, und das möchte ich nicht. Unsere einzige Hoffnung ist, daß dre Flammen von selbst ausbrennen. Die Schreier müssen mit der Zeit heiser werden." Lanowitsch schüttelte den Kopf. „Sie schreien seit den Tagen des Ananias und sind noch nicht heiser. Ach, Patvel, ich fürchte, in der Welt wrrd nie Friede werden, bis die Schwätzer heiser sind/« „Wie bist Du hergekommen?" fragte Paul. „Mit einem Bündel.auf dem Rücken, — als Hausierer. Ich machte mich mit dem Stärosten bekannt, und er vermittelte beit Verkehr mit unserem guten Karl." P „Hast Du vielleicht im Dorf etwas erfahren?" fragte „Nein, sie sind argwöhnisch, wollen nicht reden. Aber ich verstehe die armen Narren, Pawel. Ein kleines Steinchen würde die Strömung ihrer Ueberzeugungen ändern. Sag' ihnen, wer der Moskauer Doktor ist, — das ist Deine einzige Rettung." Steinmetz brummte zustimmend und schritt müde dem Fenster zu. Es war dies ein altes, vergebliches Argument von ihm. „Tann kann ich auch keine» Tag länger hier bleibens KPaul. „Glaubst Tu, daß Petersburg einen Fürsten m wird, der unter seinen Bauern arbeitet?" Lanowitsch schüttelte mit einem leichten, duldsamen Lächeln den weißen Kopf; er liebte diese armen. 522 hilflosen Bauern mit einer ebenso großen, aber tausend- , mal weniger praktischen Liebe wie Paul. Mittlerweile dachte der Fürst nach. „Höre, Stephan, es sieht Tir ähnlich, daß Du gerade tn dieser Zeit zu uns kommst. Ich erkenne Deinen Edelmut an, denn sowohl Steinmetz wie ich verstehen die Gefahr, der Tu Dich aussetzest, indem Du in diese Gegend zurückkommst. Aber wir können es nicht dulden, — nein, widersprich nicht, es ist ganz außer Frage; wir könnten den Aufruhr vielleicht unterdrücken, wir beide zusammen, —. aber was würde dann geschehen? Man würde Dich nach Sibirien zurückschicken, und ich müßte Dich wahrscheinlich begleiten, weil ich einem entsprungenen Sträfling Aufnahme gewährt habe." Das Gesicht des impulsiven Menschenfreundes nahm einen rührend traurigen Ausdruck an. Paul machte sich die Lage rasch zunutze. „Du kannst Deine Energie in anderer Weife anwenden", fnhr er fort. „Dich erwarten noch ganz andere Arbeiten." Das breite Gesicht des Greises leuchtete auf, seine gutmütigen Augen strahlten. Seine Arbeitsfähigkeit und Energie hatten ihn zuletzt in den Schuhmacherladen in Tomsk geführt. , „Es hat der Vorsehung gefallen, jedem von uns ferne eigenen Sorgen zu geben", fuhr Paul fort, der fromme Phrasen nicht liebte. „Mit meinen, Stephan, muß ich selbst fertig werden, und Deine kann niemand tragen, als Tu allein. Du kommst zu rechter Zeit, Du ahnsst garnicht was Dein Kommen für Katharina bedeutet." „Katharina!" Die schwachen, blauen Augen schauten in das starke Gesicht des anderen, vermochten aber dort nichts zn lesen. „Ich weiß nicht, ob Du recht daran tust, Katharina noch ferner für das wenige Gute zu opfern, das Du zu tun vermagst", sagte Paul. „Du bist in Deinem Werke derart gehemmt, daß das Resultat sehr gering ist, während die Leiden, die Du Deiner Tochter bereitest, ungeheuer groß lind." „Ist das wahr, Pawel? Ist meiu Kind unglücklich?" „Ich fürchte es", antwortete Paul ernst. „Sie hat mit ihrer Mntter nicht viel gemein, das wirst Du verstehen." /,Ja, ja." „Du hast bereits genug gekämpft", fuhr Paul fort. „Tu hast den Arm für das Land erhoben, hast die Saat gesäet, aber die Ernte ist noch nicht reis. Jetzt ist es Zeit, an Deine eigene Sicherheit, an das Glück Deines einzigen Kindes zu denken." Stephan Lanowitsch wandte sich um und ließ sich schwer auf einen Stuhl nieder. Er legte beide Arme auf den Tisch und das Kinn auf feine gewaltigen Wüste. „Warum willst Du nicht das Land verlassen, wenigstens für ein paar Jahre?" fuhr Paul fort. „Du kannst Katharina mitnehmen und sicherst damit ihr Glück, das auf jeden Fall etwas Greifbares, eine sofortige Ernte ist. Ich werde sofort nach Thors hinüberfahren und sie hierher bringen. Ihr könnt noch heute nacht die Reise nach Amerika 'antreten." Stephan Lanowitsch hob den Kopf und schaute Paul fest ins Gesicht. „Ist das Dein Wunsch?!" „Ich glaube, es ist für Katharinas Glück notwendig", antwortete Paul ruhig. Da stand Lanowitsch auf und ergriff mit seinen abgearbeiteten Fingern Pauls Hand. „Geh, mein Sohn, ich werde hier warten. Es wird ein großes Glück für mich sein", sagte er. Paul ging sofort zur Tür; Steinmetz folgte ihm aus den Gang hinaus und ergriff ihn beim Arm. „Sie können das nicht tun", sagte er. „Doch, ich kann's", sagte Paul. „Ich werde meinen Weg durch den Wald schon finden. Niemand wird wagen, mir im Dunkeln zu folgen." Steinmetz zögerte, zuckte die Achseln und ging ins Zimmer zurück. — Die Damen in Thors hatten sich eben zum Diner angekleidet, als Paul erschien. Er nahin sich nicht die Zett, den Pelz abzulegen, sondern ging direkt in das lange, niedrige Zimmer, indem er unterwegs mühsam die Pelzhandschuhe auszog; denn es fror so stark, wie es nur im März frieren kann. Tie Gräfin belagerte ihn mit vielen mehr oder weniger vernünftigen Fragen, die er geduldig ertrug, bis der Diener das Zimmer verlassen hatte. Katharina blickte ihn mit geröteten Wangen an, sprach jedoch kein Wort. Paul zog die Handschuhe aus und ergab sich barem, daß die Gräfin fortwährend vergeblich an seinem Pelzrock zupfte, um ihn zum Ablegen zu bewegen. „Baron Chauxville hat uns verlassen", sagte Katharina plötzlich, ohne eigentlich zu wissen, warum. Paul hatte die Existenz des Barons im Augenblick ganz vergessen. „ , , „Ich habe Ihnen eine Nachricht mitzuterlen", sagte er, indem er die schwatzende Gräfin sanft beiseite nahm. „Lanowitsch ist in Osterno, er kam heute abend." „O, der Arme, haben sie ihn endlich freigelassen! Trägt er Ketten, — hat er lange Haare? Mein armer Stephan! Ach, wie dumm er war!" Und die Gräfin sank erschöpft in den weichen Lehnstuhl, — man konnte nicht sagen, daß sie die Nachricht mit ungemischter Freude aufnahm. „So lange er in Sibirien war, wußte man wenrg- stens, wo er sich befand, — aber jetzt — mon Treu! was für Sorgen wird das wieder geben." „Ich wollte Sie fragen, ob Sie heute nacht mit ihm die Reise nach Amerika antreten wollen?" fragte Paul indem er sie ansah. rii r m r .. . „Nach Amerika, heute nacht! Lieber Paul, S,e find verrückt! Das ist ja unmöglich. Amerika! Das ist ja überm Meer." „Ja", antwortete Paul. . „Ich kann die Seefahrt nicht vertragen, — ja, wenn es Paris wäre —" , ~. „Tas ist nicht möglich', fiel Paul em. „Wollen Sie sich Ihrem Vater anschließen?" fügte er hinzu, mdem er sich zu Katharina wandte. Das Mädchen sah ihn mit einem Ausdruck in den Augen an, den er meiden wollte. „Um mit ihm nach Amerika zu gehen?" fragte fie mit klangloser Stimme. ■ Paul nickte. Katharina wandte sich plötzlich von ihm ab und schritt an den Kamin. Tie kleine, plumpe Gestalt in dem schwarzgrünen Kleide kehrte ihm den Rucken zu, KSViMA Ä A stssms U st°. ..W -s als die Gräfin sie jammernd unterbrach. . - „Was, Du willst heute nacht fort, ohne jedes Gepäck? Mas"wird aus mir werden?" . „Sie können ihnen nach Amerika nachfahren , meinte Paul in seinem ruhigen Tone. „Oder Sie können auch in Ihrem geliebten Paris leben, — endlich 39. Kapitel. Pflicht. Die Nacht war nicht sehr kalt, flockige Wölkchen hingen wie Rauch am westlichen Himmel, und der abnehmende Mond — eine kleine, auf dem Rucken liegende Sieget — senkte sich zum Horizont. Das Thermometer war seit Sonnenuntergang gestiegen, wie es im Marz häufig geschieht; in der Luft lag etwas wie Frühlingsnahen. Eo war als ginge der lange Winter endlich seinem Ende zu, als 'löste sich die eiserne Faust des Frostes. Paul ging in den Hof nnd untersuchte das Zaumzeug beim Lichte der Stalllaterne, die em Knecht hielt. Er hatte seine Gründe, zu verschwinden, wahrend Katharina von der Mutter Abschied nahm. Er fürchtete sich vor den ^^Nachdem er mit dem Untersuchen des Zaumzeuges fertig war, begann er zu berechnen, wie viel Stunden Mondschein ihm noch blieben. Der Stallknecht, der die Richtung seines Blickes sah, begann vom Wetter zu sprechen und meinte, daß es wohl bald schsneien würde. Sie, unterhielten sich in gedämpftem Ton, als plötzlich die Tur aufging, und Katharina, gefolgt von einem Diener, der eine kleine Handtasche trug, rasch herauskam. Paul konnte Katharinas Gesicht nicht sehen, denn fie war bis an die Augenlider in Schleier und P^äe ükhuut. Wortlos nahm das Mädchen feinen Sitz im Schlitten ein, und der Diener ordnete die Bärenfelldecke. 523 Vermischte». Tas Anspr echen auf der Straße. In den Spalten großstädtischer Blätter finden wir seit einiger Zeit Erörterung eines Kulturphänomens, das wohl jedem Kenner der Großstadt als deren nicht eben erfreuliche Eigenheit bekannt ist: das Ansprechen von Frauen und Mädchen auf der Straße. Tas Thema ist klassisch; Faust hat sich für unsere Literatur als nicht unfruchtbar erwiesen. Uebel genug stände es zwar großstädtischen Rowdies an, ihre Frechheiten mit diesem klassischen Beispiel zu entschuldigen. Wir wollen andererseits auch nicht die Fahne allzu strengen Sittenrichtertums ausziehen und gern zugeben, daß manche Bekanntschaften, die auf der Straße gemacht sind, sehr glücklich und zum dauernden Heil für beide Teile geendet haben mögen. Wer zudem im ftöhlichen Köln oder in München oder in Mainz einmal den Karneval mitgemacht hat, der würde sich als ein Erznarr vorkommen, wenn er ein hübsches Gesicht, das sich ihm in den Weg stellt, nicht anredete, ebenso wie der Besucher des Herbstmarktes in Bremen. Schließlich ist man doch immer allein, sagt der griesgrämigste Philosoph des verflossenen Jahrhunderts. „Uns hält der,Gott zusammen, der uns hierher gebracht!" singt Goethe in den geselligen Liedern. Zwischen diesen beiden Lebensanschauungen kann man ja wählen. In dem aber, was jene Zeitungsstimmen rügten, liegt ein Zeitsymptom für die Entwicklung des modernen Straßenlebens überhaupt. Noch spielt in Deutschland die Straße — besonders für unser Kunstleben — nicht die seltsame, unfaßbare und doch so gewaltige Rolle, die jeder bemerkt, der auch nur acht Tage in Paris war. Noch ist die Straße nicht wie dort, zugleich ein Salon, ein Museum) ein Markt, eine offene Schaubühne, wo das ganze Pariöte des Lebens in tausend Paul ergriff die Zügel und nahm seinen Platz neben ihr ein. Es dauerte ein paar Augenblicke, bis die Felldecke in die Höhe gezogen und mit Riemen befestigt worden war, dann knallte Paul mit der Peitsche, und die Pferde griffen aus. Als sie die Allee hinunterjagten, wandte sich Katharina um und warf einen letzten Blick auf Thors. Kurz darauf bog Paul in den weglosen Wald ein. Er war sehr achtsam gefahren, indem er sich hauptsächlich nach Mond und Sternen richtete und zeitweise eine Biegung des gewundenen Stromes benützte. Von Zeit zu Zeit fuhr er über das Eis, indem er ein paar Meilen lang dem Lauf des Stromes folgte. Bisher hatte es nicht geschneit; es war als'v leicht, auf seiner früheren Spür zurückzukehren. Durch diesen Teil des Waldes führte keine Straße. Beinahe eine halbe Stunde lang fuhren sie schweigend dahin; nur das Knirschen des eisenbeschlagenen Schlittens aus dem pulverisierten Schnee, das Knarren des sich erwärmenden Leders, das regelmäßige Atmen des Gespanns unterbrach die Stille des Waldes. Paul zwang sich zu der Hoffnung, daß Katharina schliefe. Sie saß neben ihm, ihr Arm berührte seinen Aermel, und fo oft der Schlitten über einen gefallenen Baum oder sonst eine Ungleichheit des Bodens stolperte, fiel sie mit ihrem ganzen Gewichte gegen ihn. Er konnte nicht umhin, sich zu fragen, was für Gedanken sich wohl hinter ihrem Schweigen verbärgen. Steinmetz' gutmütige Neckereien waren ihm während der letzten Tage wieder in Erinnerung gekommen und zeigten sich in einem ganz neuen Lichte. „Paul", sagte das Mädchen neben ihm ganz plötzlich. Sie brach damit die Stille des großen Waldes, in dem sie beinahe Seite gn Sette zum Leben und zum Schmerz des Lebens herang-ewachsen waren. „Ja, Katarina." „Ich möchte wissen, wie es gekommen ist, Mein Pater tat es nicht aus eigenem Antrieb, — es ist so rasche praktisch und klug, daß es mich eher an Sie und Herrn Steinmetz denken läßt. Ihr berde. Sie und er, habt dies wohl für unser Glück getan?" „Nein, es war ein bloßer Zufall", antwortete Paul. „Ihr Vater hörte in Kiew, daß es schlimm bei uns steht, und Sie kennen ihn ja. Er ist immer impulsiv und ungestüm, denkt nie an die Gefahr. Er kam, um uns zu helfen." Katharina lächelte Matt. (Fortsetzung folgt.) glitzernden, wirren, bunten Bildern vorüb erziehn, bestaunt, belächelt, kritisiert, bis in die verborgensten Falten untersucht und ausgebeutet wird. Diese Straße, tote sie sich in Paris entwickelt hat, macht rücksichtslos; sie macht auch schamlos, weil sie selbst alles fast ohne Hüllen läßt. Noch bewahren wir uns in Deutschland der Straße gegenüber etwas von der Philosophie des Anstands, die der Deutsche als Gentleman in sich trägt. Wo es anders geworden ist, da treten jene bedauerlichen Erscheinungen zutage, die . in dem professionellen Ansprechen von Damen, in der hartnäckigen Belästigung derselben bestehen, durch Leute, die sich auch durch eine kurze, knappe Zurückweisung nicht in ihre Schranken bannen lassen, weil diese galanten Ritter — wie man höflicherweise fagt — mit Sicherheit darauf rechnen, daß eine es fast immer scheut, den Schutzmann zu Hülfe zu rufen. Und tote es mit der Hülfe des Schutzmannes in solchen Fällen ist, davon hat man Beispiele. Glücklicherweise ist die moderne Frau energisch geworden; sie ist kein Gänschen mehr wie meistens noch vor zwanzig Jahren. Sje wird sich auch hierbei fast immer selbst helfen, und von den großen deutschen Städten, die uns bekannt sind, glauben wir, daß es fast immer mit Erfolg geschieht. Uebrigens gibt es Städte — z. B. München, Dresden —, in denen man noch niemals von einem öffentlichen Protest gehört hat. Die Damen scheinen sich also da doch irgendwie mit der Sache abgesunden zu haben. Etwas anders liegt es mit der Reichshausttstadt, die darin eine Sonderstellung einnimmt, auf die sie keineswegs stolz zu sein braucht. In Berlin allein kann man von einer wirklichen Plage für alleingehende Damen sprechen, die sich besonders auf bestimmte Straßen bezieht. Daß die Friedrichstraße in ihrem nördlichen Teil von der Leipziger Straße noch heute zwischen 9 und 11 Uhr abends für junge DaMen der besseren Klassen so gut tote unpassierbar ist, ist eine Sache, die man nur in Berlin vielleicht äbleugnen ton. Viele Damen, die aus der Provinz nach Berlin zum Besuch kommen, vermeiden den Theaterbesuch, wenn sie allein vom Theater nach Hause gehen müssen. Das sind keine Zustände, mit denen das auf seine Kultur so stolze Spreeathen prunken kann. Es handelt sich hier auch keineswegs um Zudringliche aus den unteren Klaffen. In Berlin findet darin eine wahrhafte Verschmelzung aller Stände statt. Nun, wird man als Entschuldigung einwenden, Berlin ist eine junge Weltstadt, die Rüpeleien der Flogeljahre sind unvermeidlich. Die Jugend ist aber nicht immer eine Entschuldigung. Besonders nicht da, wo so gern die Töne mannhaften Selbstbewußtseins erklingen. * Ueber neue Erfindungen für das Theater lesen wir in der „Allg. Ztg.": Im Prinzregenten- Theater in München herrscht eitel Freude. Der Ingenieur des Hoftheaters, Jülius Klein, glaubt das Problem des „fließenden Wassers" auf der Bühne glücklich gelöst zu haben. Die Darstellung der atmosphärischen Er- scheinungen kann für die heutige Theatertechnik so ziemlich als überwunden gelten; man donnert, blitzt, stürmt und wettert auf der Bühne, daß die Wände des Theaters in Erschütterung komtnen. Nur die Nachahmung des „fließenden Wassers" war bis jetzt nicht gelungen, zum Schmerz -so vieler Dichter und Dichterkomponisten, die bisher statt des prächtig in Wellen fließenden Wassers mit bemalter Leinwand oder dünnen Blechplatten, die über Walzen gerollt wurden, sich begnügen mußten. Jetzt hat Herr Julius Klein glücklich eine bessere Lösung gefunden. Es ist eine Kombination von Zinkstreifen, in die die Wellen eingraviert find. Die Vorrichtung wird über die „Effekt-, maschine" gewalzt, und mit eigenartig durchbrochenem elektrischem Apparat beleuchtet. Diese Erfindung, die bei den „Rheingold"-Aufführungen im Prmz-Regententheater, und zwar in jener Szene, in der die Rheintöchter in den Fluten schwimmen, zuerst in Anwendung kommt, hat auf der Probe sich ausgezeichnet bewährt. Auch mit einer weiteren Erfindung, die sich in der Münchener Neueinrichtung der „Zauberflöte" vorzüglich bewährte und geräuschlose Zwischenakte von sehr kurzer Dauer ermöglichte, werden jetzt überall Proben gemacht. Diese geräuschlosen, raschen Zwischenakte, selbst bei den schwierigsten Verwandlungen, lassen sich nur erzielen durch den Einbau der Dekorationen auf einer Drehbühne von möglichst großem Durchmesser mit hydraulischem oder elektrischem Antrieb. Durch neue Kombinationen hat nämlich nunmehr der unermüb* I liehe pensionierte Münchener .Hoftheatermaschinendirektor — 624 — Lautenschläger das große Problem gelöst. Die Drehbühne soll die größte praktische Vervollkommnung in Bezug auf Maschinen, Beleuchtung, Dekorationswesen, Sicherheit und Ersparung an Arbeitskräften aufweisen und doch nicht kostspieliger. im Gegenteil auf Grund der bisherigen Erfahr-, ungen weit billiger zu stehen kommen, als jede andere Ein- richtung, die nach dem System der Drehbühne hergestellt wird. Karl Lautenschläger will auf seiner vereinfachten Drehbühne z. B. eine Abteilung des Nibelungenrmges aus- stelleu, und zwar so, wie Wagner sich die technische Buhnen- ausgestaltung dachte, und wie sie bisher nur auf wenigen Bühnen durchgeführt wurde, weil einesteils die bestehenden Bühnenräume nicht ausreichten, andererseits aber die Kosteii zu hoch gewesen wären. * A u ch e i n S p r a ch r e i n i a e r. Die Tätigkeit jener patriotischen Männer, die seit Jahr und Tag die deutsche Sprache „reinigen", beginnt nachgerade unheimlich zu werden. Wir haben nicht nur einen deutschen Sprach- Verein, der jedem Fremdwort, und sei es noch so eingebürgert, grundsätzlich zu Leibe geht, jetzt tünchen auch Sprachreiniger uns, die auf eigene Faust iim die Rettung unserer Sprache beflissen sind. Ein dieser Tage erschienene^ Buch „Deutsche Scherflein zum Sprachschatze" von Gottgeft — soll heißen Theodor — Dehlinger, ist eine der radikalsten Leistungen deutscher Sprachneuerung. Herr Dehlinger macht kurzen Prozeß: für jedes Wort, was ihm nicht gefallt, erfindet er einfach ein neues. Seine ungewöhnliche sprach,- bildnerische Kraft wird man aus folgenden Neubildungen erkennen: Nordamerika z, B. heißt in Zukunft „KlombeM, die Vereinigten Staaten werden kurz und schnarfig — das heißt nämlich: prägnant! - die „Jänkei" genannt. Wer die „Jchter", den Aequator, passiert — richtiger flirtet — gelangt nach „Amringen", d. h. Südamerika. Armatur hecht bei Dehlinger nicht etwa Bewaffnung, sondern „Sarmch Quartal nicht Vierteljahr sondern „Dreimot", Antiquitäten nicht Altertümer, sondern „Firnsel", und Amateur- Pbotograph — „Anbuhl-Laukser"! Wer zu welchen feinen Unterscheidungen führt ihn der Genius oder „Ansel" der Sprache! „Pirs" ist bei ihm Papier, „Pars" Papiermache und „Vurf" der Papyrus. — Jü der nach Dehlinger „ gereinigten Sprache wird der Satz: ein Fabrikant hat über die Lieferung einiger Maschinen, einer Lokomotive und eiltet elektrischen Lokomobile einen Kontrakt signiert, also lauten: ein „Warchner" hat über die Lieferung einiger „Schükse", einer „Suly" und einer „ilzigen Schaub" einen „Schager gebochert". Noch schöner wird die Sache, wenn man etwa hört: Der Begriff der „Duler" geht über den „Zork" der „allwendigen Eltrieste" und „widerzichtsamen Lortbolte". Dieses Kauderwelsch soll nämlich heißen: Der Begriff der Toleranz geht über den Horizont der ultramontanen Katholiken und protestantischen Orthodoxen. Diese Beispiele genügen wohl, um den Verdienst des Herrn Dehlinger zu würdigen. — Schopenhauer, der schließlich auch ein ganz gutes Deutsch schrieb, meinte einmal mit Beziehung auf gewisse Sprachueuerer, daß der Patriotismus, wenn er im Reiche der Wissenschaften auftreten will, ein schmutziger Geselle ist, den man beim Klagen packen und hinauswerfen soll. . . * Die Temperamente des Rauch ers. Man kann, wie die Nords, schreibt, den Männern, die da rauchen, nur den guten Rat geben, sehr darauf zu achten, wie sie ihre Zigarre im Mund halten; denn wenn es mehr so gute Beobachterinnen gibt wie eine Engländerin, die die Männer darauf studiert hat, so werden sie von den Frauen erkannt, noch ehe sie ein Wort gesprochen haben. Obgleich die Männer, schreibt die scharfsinnige Dame, sich nicht bewußt sind, ihren Charakter durch die Art, wie sie rauchen, zu verraten, kann ein Zuschauer doch viel aus seinen Beobachtungen herauslesen. So hat z. B. der Mann, der beim Rauchen seine Zigarre aufwärts gerichtet hält, ein tatkräftiges Temperament, und er ist wahrscheinlich geschäftlich flink, wohingegen der Raucher, der seine Zigarre zum Kinn abwärts fallen läßt, ein Träumer voller Pläne und herrlicher Ideen ist, zu deren Ausführung er niemals die nötige Tatkraft finden wird. Zwischen beiden steht der Mann, der seine Zigarre stetig und wagerecht hält; er hat eine harte berechnende Natur mit starken charakteristi- sichen Kennzeichen; vorherrschend ist dabei eine Gleichgiltigkeit gegen pie Gefühle anderer. Wer seine Zigarre ausgehen läßt und sie während des Rauchens wieder ansteckt, ist jedenfalls ein unvernünftiges Individuum. Der Mann dagegen, der sie nach dem Anstecken in freudiger Erwartung zwischen den Fingern hält, und der häufig und zärtlich das brennende Ende prüft, um zu sehen, ob sie ruhig brennt, ist schwer zufriedenzüstellen und besitzt viel persönlicheü Stolz. Der Verschwender, der auch nicht übermäßig sauber in seiner persönlichen Erscheinung und seinen Gewohnheiten ist, beißt ' das Ende seiner Zigarre ab; der erfolgreichje Kaufmann dagegen, dessen Beherrschung der Details die Hauptsache seines Reichtums ist, schneidet sorgfältig und ordentlich die Spitze ab, ehe er die Zigarre ebenso sorgfältig ansteckt. Pfeifenraucher, die ihre Pfeife fo fest zwischen den Zähnen halten, daß sie das. Mundstück, markieren, sind leidenschaftlich!^ und nervös und auch, meistens von sich- eingenommen; der „Berschchender" aber, der lieber die Zeit totschlägt, als daß er kräftige Anstrengungen macht, läßt seine Pfeife über die Unterlippe herabhängen, als wenn er nicht genug Energie hätte, sie'zu stützen. Der Mann, der als Freund zuverlässig ist, stopft langsam und methodisch seine Pfeife und raucht sie fertig, fast mechanische . . . * Wovon die Schönheit der Fran ab hängt. Ter bekannte Arzt Dr. C. H. Stratz erörtert in interessanter Weise einige Momente, die auf die Schönheitswirkung der Frau von Einfluß sind: „Es gibt viele Frauen, die von' der Natur besonders bevorrechtet sind und stets dieselben schönen Farben zur Schau tragen, andere, die ihre guten! und schlechten Tage haben. Tie letzteren sind häufig zartbesaitete Naturen, bei denen sich jede auch noch so geringe Störung des Nerven- und Seelenlebens oder des Blutumlaufes in der Veränderung des Teints erkennen läßt." — Abgesehen von diesen von der Konstitution abhängigen Ursachen gibt es noch andere äußere Erscheinungen^ die die Farbe des Teints beeinflussen können, und das. sind die optischen Wirkungen oder, wenn man will, die optischen Täuschungen. Die Farbe der Umgebung — helle Farben machen breit, dunkle schmal — tragen naturgemäß dazu bei, den Teint und die Gestalt zu ändern. Die Licht- quelle selbst ist von größtem Einfluß auf die Wirkung, die der beleuchtete Gegenstand hervorbringt. Sonnen-^ Mond-, Gas- und elektrisches Licht beeinflussen in der verschiedenartigsten Weise. Die Wachskerze liefert im allgemeinen die günstigste Beleuchtung weiblicher Schönheit. Eitevavisches. — Paul Mahn: Der kranke Fritz. — Novelle. Verlag von F. Fontane u. Co. in Berlin. — Preis 2 Mark. — Einen heiklen Stoff, das Hineinspielen des Physiologischen in das rein psychische Gebiet der Liebe, behandelt Paul Mahn in seinem neuesten. Werke. Er gibt dem Problem dadurch einen neuen Boden, gleichsam eilt anderes Feld der Betätigung, als es auf den ersten Blick zu besitzen scheint, daß er es der Brutalität der unmittelbaren Wirklichkeit entrückt und es sich lediglich in der Vorstellungswelt des eilten der Liebenden abspielen läßt. So wird der Konflikt für denjenigen, der ihn zu durchkämpfen hat, nicht minder wirklich, als wenn er auf realen ^glsachen ruhte, verliert aber in feinen Endkonsequenzen bte ihm sür gewöhnlich anhaftende beleidigende und verletzende Roheit, weil er der Macht des blinden Zufalls entzogen ist. Wie der Stoss liier von einer feinen und behutsamen Kunstler- hand geformt worden, stellt er seinem letzten Sinne nach den Sieg des Glaubens, des bedingungslosen Vertrauens über die stumpfen Widerstände der Realität dar, den Triumph einer entschlossenen und opferwilligen Bereitschaft über kleinliche Tücke und Scheelsucht. Gleichung. (Nachdruck verboten.) a _|_ b + c — (d — e) = x. a Fluß in Sibirien, b Himmelskörper, c Getränk, d symbolischer Schmuck, e schmackhafter Fisch, x ein in den Spätsommer und. Herbst fallendes Ereignis. (Auslösung- in nächster Nummer.) Auflösung des Logogriphs in vor. Nr.r Hans, Hals, Haus. Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'sckcn ünivcrsitäts'Vuch- und Cteindrnckeici. R. Lange, Gießen,