(Nachdruck verboten.) Das Gasthaus am Strande. Roman in zwei Bänden von Florence Warden. Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen. (Fortsetzung.) Wieder glitt über das geistvolle Gesicht des Mädchens jener Ausdruck, der eine unbestimmte, doch furchtbare Erinnerung verriet. Es machte Clifford bestürzt und quälte ihn. Es war der einzige Umstand, der seinen vollkommenen Glauben an sie erschütterte. Tenn es zeigte, was all ihre Worte doch leugneten, daß sie etwas mehr Kenntnis von der Sache hätte, als sie eingestand. „Und was ließ Sie glauben, daß es meine Hand wäre?" fragte sie verwirrt. Und unwillkürlich suchte sie ihre Hände, indem sie es sagte, unter den Rand ihres Huts, den sie abgenommen hatte, zu verbergen. „Nun, die Hand war klein und weich, wie die Ihre", sagte Clifford mit gedämpfter Stimme. „So klein, daß sie fast wie die Hand eines Kindes in meiner lag. Mir schien, daß ich in meinem ganzen Leben nur eine Hand wie diese berührt hätte." Nell warf einen erschreckten Blick nach ihm hin und während der darauf folgenden Stille sah Clifford eine Träne auf das Tischtuch fallen. Er fuhr empor. „O das ist furchtbar!" stöhnte er. Doch auch das Mädchen sprang auf, und sich ihrem Onkel zuwendend, rief sie mit der vollen Kraft ihrer Stimme" „Onkel George, Du mußt Mr. King das Geld, das er verloren hat, geben, wie viel es auch ist. Natürlich —" setzte sie rasch hinzu, indem sie sich mit Augen, die jetzt vor Aufregung glänzten, Clifford zukehrte, „können wir Ihnen Ihre Uhr nicht zurückgeben, aber wir können Ihnen den Wert ersetzen, wenn Sie ihn uns sagen wollen. Den bloßen Geldwert, meine ich, denn natürlich können wir nichts weiter tun. Doch ehe Clifford gegen diesen Vorschlag, den er nie ins Auge gefaßt hatte, Einspruch erheben konnte, brach der Wirt in einen Strom zorniger Einwände aus. „Ich ihm fünfundzwanzig Pfund geben? Denn das, sagte er, habe er bei sich gehabt. Und wer wird's ihm glauben? Wer kann's beweisen, sag' ich. Und überdies noch den Wert, den es ihm seiner Uhr zu geben beliebt? Nein, das werde ich nicht tun. Ich glaube, daß es nichts als eine vorgespiegelte Geschichte ist. Mag er die Polizei nur holen. Ich laß es darauf ankommen!" Und er schlug noch einmal dabei mit der Faust auf den Tisch. Geiz sowohl, wie Zorn glühte, als er sprach, in des Mannes Augen, der Geiz eines Menschen, der hart für kleinen Gewinn gearbeitet hat. Clifford blickte von der Samstag -rn 4. April, ül iKpTy &TnT h. M '•Ui .^5" Nichte zum Onkel, und der Argwohn gegen diesen schoß in ihm auf. Nell bewahrte ihre Geistesgegenwart. Sie ging zu dem außer sich, geratenen Manne und legte ihm. schmeichelnd die Hand auf die Schulter. „Onkel", sagte sie fast flüsternd, „Du erinnerst Dich bod), daß hier schon andere Diebstähle stattfanden." Ihre Stimme sank, sodaß die letzten Worte kaum noch! vernehmlich waren. George Claris fuhr heftig auf, und in dem Aufruhr der Wut fuchtelte er mit der Faust durch die Luft. • „Ich weiß es! Ich weiß es!" knirschte er zwischen den Zähnen. Und ich wollte, ich könnte den Schurken erwischen, der's tat. Doch niemand wagte bis jetzt zu sagen, daß Du oder ich dahinter steckte, Nell. Niemand wagte zuvor zu sagen, daß wir nicht ehrlich wären. „Aber, Herr, ich bin seit fufundzwanziüg Jahren hier ansässig und jedem Manne, jeder Frau, jedem Kind zwischen Stroam und Court- stairs bekannt. Ich — jemandes Uhr oder Börse stehlen, ich oder meine Nichte? 's ist ein Kniff, Mädchen, ein Kniff dieses feinen Londoner Gentleman. Fünfundzwanzig Pfund! Du kannst darauf wetten, 's ist mehr, als er mit Sack und Pack wert ist. Er mag von meinen jüngsten Unfällen gehört haben und ist nun mit dieser abgekarteten Geschichte gekommen, weil er gedacht, es würde mir geratener scheinen, ihin das Geld zu bezahlen, als einen neuen Skandal über mein Haus kommen zu lassen. Aber nein! nein! nein! Ich will lieber Wolle spinnen." Clifford wurde von kämpfenden Gefühlen zerrissen, als er diese Rede anhörte, die in der Tat die eines Mannes mit gebrochenem Herzen zu sein schien. Er war nicht im stände gewesen, den Strom der Wut dieses armen Mannes zu hemmen, und erst als Claris mit dem Kopf auf den Tisch herabsank, war er fähig, sehr ruhig zu sagen: „Ich habe nie daran gedacht, Ersatz zu verlangen, Mr. Claris. Ich denke auch nicht, es zu tun. Alles, was ich begehre, ist, dieses abscheuliche Rätsel aufzukläreu, mehr in Ihrem Interesse, als meinem. Bin ich kein reicher Mann, doch bin ich auch keiu Bettler, wie Sie ziemlich unfreundlich angedeutet haben. Ich kann den Verlust meiner Uhr uitb meines Geldes ertragen, aber ich kann es nicht über mich gewinnen, Sie und die'arme Miß Nell zu verlassen, ohne mein Bestes zu tun, die Ursache dieser unglücklichen Vorfälle ausfindig zu machen." Nell sah ihm da wieder mit einen: Lächeln ins Gesicht, vor dem er gern in die Kniee gesunken wäre, um sie wegen ihrer süßen Nachsicht auzubeten. „Dank Ihnen", sagte sie. Dann zu ihrem Onkel gewendet: „Es wird sich schon alles aufklären. Oder", setzte sie eilig hinzu, „wir wollen es wenigstens hoffen. Gehe nur wieder an die Arbeit zurück, Onkel, und ich will sehen, ob ich meine fünf Sinne zusammennehmen und Dir, wenn wir uns Wiedersehen, etwas sagen kann." Claris ließ sich gern, ihrem Wunsche gemäß, überreden und verschwand gleich nach dem Schenktisch, Als sie dünn 202 verschossenen Kissen, die gebrechlichen Stühle, der leere Kamin, mit nichts als einem Bogen braunem Papier auf dem Roste, zum Ersätze des Winterfeuers — dies alles ließ einen verzweifelten Glückswechsel, die tiefste Not vornehmer Armut sichtbar werden. Miß Bostal ließ ihm aber wenig Zeit, sich umzusehen. „Ich kann erraten, weshalb Sie gekommen sind," fing sie an, nachdem sie ihr altes Messer auf den Seitentisch des Ganges vor dem Eintritt ins Zimmer hingelegt hatte. „Es ist wegen der schrecklichen Sache, die sich Bet den Claris ereignet hat. — Ich muß Ihnen aber frei heraus sagen, daß, wenn Sie den alten Claris und seine Nichte dabei in Verdacht haben, es vergeblich ist, mit mir zu sprechen, da Sie keine Zustimmung bei mir fiitden werden. Ich kenne bett alten George Claris schon fast seit zwölf Jahren, und was Nell betrifft, so glaube ich, daß ich das Mädchen nicht mehr- lieben könnte, wenn sie meine leibliche Schwester wäre. Sie ist eines Diebstahls so wenig fähig wie ein Engel." Das schmale, blasse Gesicht der Dame wurde ganz rot von der Energie dieser Beteuerung, deren es, wie Clifford sich ihr zu versichern beeilte, gar nicht bedurfte. ,^Jch glaube dies gerade so innig wie Sie", sagte er ernst. „Ich wünschte nur ihrer selbst willen das Geheimnis aufgeklärt zu sehen, und ich dachte, daß Sie uns zur Auf--, findung der Wahrheit behilflich sein würden." Miß Bostal lächelte triumphierend. „Ich habe einen Verdacht", sagte sie nachdrucksvoll, „einen sehr starken Verdacht in der Tat. Ich will Ihnen im Vertrauen mitteilen, wen ich dabei im Sinne habe, und ich werde das Möglichste tun, die Wahrheit ausfindig zu machen." t „ Cliffords Gesicht glühte vor Aufregung und Er-, Wartung. „Wer — und wer ist's?" fragte er atemlos. „Jem Stickels", antwortete fte mit Entschiedenheit. „Und wer ist-das? Sic wissen, ich, bin hier ganz fremd." ,, ,, . Ein junger Fischer, der Nell etwas nachtragt, weck sie seine unverschämten Anträge zurückwies. treibt sich immer um den Ort herum und trägt kern Bedenken, dem Mädchen zu drohen, ihr ein Leid antun zu wollen, und er schwatzt unaufhörlich zu Leuten, die hier in die Gegend kommen, von den Räubereien, die tm „Blauen Löwen' begangen worden sind." Cliffard hörte zweifelhaft zu. Er erinnerte sich deA Jischers in der Schenke und seines abstoßenden Wesens, des gemeinen Ausdrucks seines Gesichts; wenn es überhaupt möglich gewesen wäre, ihn mck dem Diebstahl m Verbindung zu bringen, so würde er dem Gedanken als einem annehmbaren mit Freuden zugestrmmt haben. Allein die Hand, die er ergriffen hatte, war sicher nicht die Jem Stickels, und 'außerdem konnte er nicht begreifen, wie der junge Fischer in das Haus hinein und aus ihm heraus gekommen sein sollte, außer durch heimliches Einverständnis mit jemanden im Haufe. , Fast in seinen Erwartungen von der anscheinend phantastischen Idee der Dame getäuscht, und nachdem er gesunden, daß sie keine bessere Vermutung aufzustellen vermochte, war Clifford schon im Begriff, sich von ihr zu verabschieden, als sie durchs Fenster des Obersten ansichtig wrirde^ und^aaufiprang. ist zeitig heute zurück. Er aeht immer nach Stroan, um die Zeitungen zu lesen. Bleiben sie noch, bis er da ist. Vielleicht daß er noch aus eine andere Vermutung fällt. Jedenfalls wird er er- ^^Si?Me^au/dem Zimmer, Clifford einer eingehenden Untersuchung seiner Einzelheiten überlassend, als er dazu die Gelegenheit bei seinem früheren Besuche gehabt hatte. Es war Beredsamkeit in den alten Teppichen und tn den Fenstervorhängen mit ihren netten Flicken. Die Landschaften, welche mit Seide auf feinen Kanevas gesti« waren und die Sitze der Stühle bildeten, legten Zeugnis von dem unermüdlichen Fleiß und der Geduld der kleinen vertrockneten alten Jungfer ab. Es waren wundervolle Erzeugnisse, die Clifford in der unnatürlichen PausbacNg- keit des unvermeidlichen Kindes im Vordergrund, rn de? Steifheit des gleichfalls unvermeidlichen Hundes oder Schafes und der massigen Schwere des Baumschlages iin Hintergründe an Willie Jordans Kunst von der schlechtesten Seite erinnerte. Eine Schirmfahne, die vom Kammsims zusammen allein waren, bemerkte Clifford aber eine plötzliche Veränderung in ihrem Verhalten gegen ihn. Es war nicht mehr das zuversichtliche, kindliche Betragen eines leichtherzigen Mädchens, es war der sich seiner Verantwortung "bewußte Ernst einer älteren bedachten Frau. „Sie brauchen sich nicht zu ängstigen, Mr. King", sagte sie ruhig. „Obschon es für uns etwas Schreckliches ist, so sind wir doch einigermaßen daran gewöhnt; da, wie Sie mich sagen hörten, schon zwei oder drei Fälle von Diebstahl hier vorfielen. Ich hoffe, daß Sie keine Eile Haben, nach Stroan zurückzuknhren, denn ich würde gern, ehe Sie gingen, eine Untersuchung im Hause und noch einige andere Nachforschungen anstellen." Sie wollte seinen Einreden und Einwürfen kein G.hör schenken, sondern verließ ihn und ging in ihr Zimmer hinauf. Unglücklich und verwirrt trat Clifford hinaus in den Garten und trieb sich zwischen den Kohlköpfen und Mohrrüben herum, von Zweifeln gequält, die er vergeblich zu unterdrücken versuchte. In ungefähr zehn Minuten sah er von der Ecke des Gartens aus, wo er unter einem Apfelbaum seine Pfeife schmauchte, Nell rasch durch die Hintertür aus dem Hause kommen und wie ein Pfeil herab an das Ufer des Flusses fliegen. So viel er in der Schnelligkeit an ihrem Gesicht wahrgerwmmen hatte, sah sie verstört und schuldbewußt aus und warf Blicke einer Person um sich her, die nicht bemerkt zu sein wünschte. Hastig eines der Boote, die am Ufer lagen, loskettend, stieg sie hinein, leitete es durch den Strom, befestigte dann das Boot am gegenüberliegenden User und fing an, durch die Felder so rasch, als es ihre Füße vermochten, zu laufen. Es fiel Clifford sofort ein, daß sie beabsichtigten müßte, sich bei ihrer Freundin Miß Bostal Rat zu erholen, und er machte sich selbst in der Richtung von Shingle End auf den Weg, da er es für einen guten Gedanken hielt, dieser Dame sein Hertz zu eröffnen und Nell seines vollen Vertrauens durch die unverdächtigen Lippen ihrer älteren Freundin zu versichern. Er schlug den Weg auf der Straße ein, und gelassenen Schrittes hinschlendernd, erreichte er den kleinen hinfälligen Wohnsitz des Obersten Bostal gerade, als Nell durch eine sich auf die Felder öffnende Hintertür aus ihm wieder heraustrat und sich zum Heimwege anschickte. Sie bemerkte ihn nicht, er aber,, sie durch eine Hecke beobachtend, war im stände, zu erkennen, daß ihr Gesicht womöglich noch trauriger war, als es gewesen, da sie von zu Hause fortging, und daß ihre Augen von frischen Tränen geschwollen waren. Das spröde, alte Fräulein war offenbar gefühllos und streng gegen ihren armen kleinen Günstling gewesen, und Clifford fühlte, daß er die starrköpfige alte Jungfer darum haßte. Er konnte jedoch nicht umhin, sich zu gestehen, daß er gern die Meinung von Leuten über die ganze Sache gehört hätte, die, wie die Bostals mit der Familie im „Blauen Löwen" bekannt wären und gleichzeitig auf freundschaftlichem Fuß mit ihr standen. Miß Bostal öffnete selbst, wie früher, die Türe, und aus diesem und anderen Umständen war für Clifford leicht zu entdecken, daß sie und chr Vater keine Dienstboten hielten. Sie schien von seinem Besuche durchaus nicht überrascht zu sein, und als er sich seiner nochmaligen Zudringlichkeit wegen, zumal an einer so frühen Stunde des Tages, zu entschuldigen begann, lächelte sie nur und bat ihn, hereinzukommen. „Ich muh bekennen, daß ich in der häuslichen Beschäftigung begriffen war, Kartoffeln für unser erstes Mittagessen zu schälen", sagte sie, indem sie ihm das alte abgenutzte Tischmesser zeigte, das sie in ihren sorgsam behandschuhten Händen hielt. Und sehr sorgsam war sie, diese ausgetrocknnete kleine Ältliche Dame, in Ansehung ihrer Person; sie ging weder ohne Sommerhut in den Garten, ihre Gesichtsfarbe zu bewahren, noch verrichtete sie irgend eine rauhe Arbeit ohne den Schutz eines Paares alter Handschuhe. Sie führte Clifford ins Wohnzimmer, eine lange, freundliche Stube mit niedriger Decke, einem altmodischen Erkerfenster, das den Blick nach Westen hatte, und einem andern, das sich nach Süden öffnete. Der Sonnenschein ließ die Armseligkeit sichtbar werdest, von der Clifford am vorausgehenden Tage schon Spuren bemerkt hatte. Die 203 herabhing, mit brennend roten, gelben nnd hellroten Rosen auf einem scharlachnen Hintergründe war offenbar das Werk der kunstfertigen Nadel Miß Bvstals. Und diese künstlerische Kraftleistung nahm durch ihren Glanz und ihre Kühnheit Clifford so in Anspruchs daß der Oberst, als er behutsam die Tür öffnete, ihn in der Betrachtung davon überraschte. Der alte Mann war fast von der Entdeckung erfreut. Er lächelte ein wenig und blickte, indem er die Hand ausstreckte, auf den Schirm. „Ganz das Werk meiner Tochter! Ganz nur ihr Werk! Es ist wunderbar, wozu dieses Mädchen die Zeit findet." Die geschickte kleine Dame selbst aber, die ihrem Vater in das Zimmer gefolgt war, war mehr mit der Zeit fortgegangen als er. Die Leute machen heutzutage dergleichen Arbeit nicht mehr, Papa", zirpte sie mit einem scharfen Blick auf Clifford. „Und wenn sie diese Art Dinge bewundern, geschieht es nur noch aus Hölflichkeit — oder nicht, Mr. King?" Clifford eilte sich zu verschwören, wenngleich! mit dem unbehaglichen Gefühl, daß er damit die kleine Dame nicht täuschen konnte. „Nein, wahrhaftig, ich denke, daß es sehr hübsch ist. Und wundervoll ausgeführt", setzte er mit siegreicher Ueber- zeugung hinzu, da er sich hier auf sicherem Boden fühlte. „Nun ja, das gebe ich zu", zirpte sie munter weiter, >,es sind keine Berge und Täler zwischen den Stichen." „Meine Tochter ist ein sehr geschicktes Mädchen, wie sehr sie sich auch immer herabsetzt", sagte der Oberst beharrliche „und ihrem alten Vater eine sehr gute Tochter." „Und eine treue Freundin nicht minder", sagte Clifford. -,Jch vermute, Miß Bostal hat Ihnen gesagt, über was wir eben gesprochen haben?" ließet das Gesicht des alten Mannes ging, als er antwortete, ein Schatten. „Ja, sie hat mir's gesagt. Ich bin sehr betrübt darüber, sehr betrübt. Ich weiß nicht, was ich sonst sagen soll." „Doch sicher glauben Sie nicht, daß Miß Claris etwas damit zu tun haben kann? Fragen Sie nur Ihre Tochter, was sie davon denkt. Miß Bostal ist ebenso sicher wie ich, daß Nell nichts zu tun damit hat, nicht das Geringste." Der alte Mann, das Gesicht voller Unruhe, nickte sanft mit dem Kopfe. „Ich stimme mit meiner Tochter überein", sagte er leise, „voll und ganz überein." Dem Wesen des alten Obersten fehlte es aber an der warmherzigen Natürlichkeit, die seine Tochter gezeigt Kalte, und Clifford war ihm deshalb gram. Nach einigen Bemerkungen über andere Gegenstände beurlaubte er sich daher von beiden. Miß Bostal, indem er Abschied nahm, bittend, Nell von seinem unerschütterlichen Glauben an ihre Unschuld zu Überzeugen. (Fortsetzung folgt.) Zeugen, die sich nicht verblüffen laffen. Plauderei von E. Osten. (Nachdruck verboten.) Der Wortkampf zwischen dem Richter und den Zeugen, bezw. diesen und den Anwälten ist natürlich meist ein ungleicher, weil unbefangene Personen die juristischen Spitzfindigkeiten und Winkelzüge nicht kennen und daher nicht wissen, woraus das peinliche Kreuzverhör hinausläuft. Aber bisweilen kommt es vor, daß Zeugen, dank ihres Mutterwitzes, den Juristen durchaus überlegen sind. Sie folgen diesen durchaus nicht auf den verschlungenen Wegen des Verhörs, und indem sie erkennen, daß Richter und Anwälte häufig weniger bemüht sind, den Tatbestand zu erfahren, als vielmehr ihre Ansicht von der Sache zur Geltung zu bringen, halten sie sich genau an die nackten Tatsachen, deren nüchterne Darstellung oft den drolligsten Kontrast zu den mit großer Emphase vorgebrachten Aeußer- Ungen der Juristen stehen. Wer häufiger Gerichtsverhandlungen beigewohnt hat, wird mir bestätigen, daß gar nicht selten ein derartiges komisches Intermezzo, welches nicht nur die Zuhörer, sondern auch den Gerichtshof erheitert, zu verzeichnen ist. Leider lassen sich manche dieser Szenen nicht in Kürze erzählen, da der komische Effekt nur von denen empfunden wird, welche selbst dem Verlauf der Verhandlung mit Aufmerksamkeit gefolgt sind. Aber einige solcher Szenen sind drastisch genug, um sie in Kürze erzählen zu können. „Sind Sie jemals bankerott gewesen?" ftagte ein schneidiger Anwalt einen Geschäftsmann aus der Provinz. „Nein, nie", lautete die in entschiedenem Tone gegebene Antwort. „Nun seien Sie vorsichtig bei der Beantwortung dieser Frage. Haben Sie jemals die Zahlung eingestellt^ „Ja —" „Aha", sagte der Anivält mit Genugtuung, „ich dachte doch- daß wir dahin kommen würden. Nun erzählen Sie mal, wann dies geschah." „Nachdem ich alle Schulden bezahlt hatte", lautete die Antwort, die mit einem Lachstnrm ausgenommen wurde, in welchen auch der Richter selbst mit einstimmte. — Bei einer anderen Gelegenheit hatte der Richter eine junge Frau über das Alter einer Person examiniert, mit welcher sie gut bekannt zu sein vorgab. Schließlich fragte er sie, um ihre Urteilsfähigkeit zu prüfen: „Nun sagen Sie mir einmal, für wie alt halten Sie mich denn?" Die Zeugin musterte ihren Bedränger einen Augent lick ziem- sich scharf, dann antwortete sie: „Nach Ihrem Aussehen würde ich Sie für sechzig halten, nach Ihren Fragen für sechzehn." — Es ist nrcht sehr wahrscheinlich, daß dieser Fall sich wirklich zugetragen. Daß jedoch Richter bisweilen derartige törichte Fragen stellen, die eine derartige Abfertigung rechtfertigen würden, läßt sich nicht bestreiten. Vor einem mecklenburgischen Gerichtshof fand ein Verhör statt. Ein Pferd war gestohlen worden, und alle Beweisgründe wiesen auf ein gewisses Individuum zweifel- haften Charakters als den Schuldigen hin. Obgleich seine Schuld klar erwiesen schien, hatte er einen Anwalt gesunden, der seine Verteidigung übernehmen wollte. Bei dem Verhör bot der Verteidiger seinen ganzen Scharfsinn auf, um die Zeugen zu verwirren, besonders einen Land- mann, dessen Aussagen sehr belastend für den Angeklagten waren. Der Verteidiger eröffnete ein Kreuzfeuer von nicht immer geistreichen Fragen und wiederholte dieselben immer von neuem in der Hoffnung, den Zeugen ir Widersprüche zu verwickeln. „Sie sagen", fuhr der Anwalt fort, „daß Sie schwören können, an dem fraglichen Tage den Angeklagten gesehen zu haben, der ein Pferd an Ihrem Gehöft vorbeitrieb?" „Jo, dorup kann ick swören", erwiderte der Zeuge verdrossen, denn er hatte dieselbe Frage bereits ein Dutzend- mal beantwortet. „Wieviel Uhr war es?" „Ick hew Sei datt all enmol seggt, datt dat so ungfiehr üm de Mitte von den Vörmiddag west is." „Ihr ,ungefähr' und Mitte' kann mir nichts nützen. Sie sollen den Geschworenen genau die Zeit angeben." „Na", sagte der biedere Obotrite, „ick hew doch keen golden Klock bi mi, wenn ick Tüften buddeln dauh." „Aber Sie haben doch eine Uhr im Hause, nicht wahr?" „Jo!" „Schön, wie spät war es nach dieser Uhr?" „Nah dese Klock toter dat grad nägenteihn Minuten nah Teihn." „Sie waren während des ganzen Morgens auf denr Felde?" fuhr der Verteidiger mit feinem Lächeln fort. I" "äßie weit ist dieses Feld von Ihrem Hause entfernt?" „So'n lütt Viertelstunn." „Sie schwören, daß die Uhr in Ihrem Hause genau 19 Minuten nach 10 war, nicht wahr?" „Dat beswöre ick." Der Verteidiger hielt inne und blickte triumphierend auf die Geschworenen. Endlich hatte er den Zeugen doch in einen Widerspruch verwickelt, der seine Aussagen in hohem Maße abschwächen mußte. „Ich denke, das genügt", sagte er mit einer bedeutungsvollen Handbewegung, „ich bin fertig mit Ihnen." Der Landmann griff bedächtig nach seinem Hut und erhob sich, um die Zeugenbank zu verlassen. Dann, sich noch einmal umwendend, fügte er nachlässig hinzu: .Vielleicht füll ick Sei noch vertelle«, bat sick einer Vermischtes. Eine vergleichende Kostprobe beweist am besten, daß Maggi's altbewährte Suppen- und Speizen-Würze zum Verbessern schwacher Suppen, Saucen, Gemüse usw. einzig in ihrer Art ist, und alle zum gleichen Zweck angepriesenen Produkte weit übertrifft. Verurteilung eines Hahnes. Um den Umfang menschlicher Torheit und Abgeschmacktheit, wenn Hexerei in Frage kam, richtig zu würdigen, lese man folgenden Auszug aus der Baseler Chronik: „Im Monat August des Jahres 1474 wurde ein Hahn des Verbrechens angeklagt und überführt, Eier gelegt zu haben, und verurteilt, mit einem seiner Eier auf dem Kublenberge, einem öffentlichen Platze, verbrannt zu werden, wo auch die Zeremonie unter einem ungeheuren Zulauf von Zuschauern stattfand." SiebaTtion: Ausust Götz, - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'ichm UniversitätS.Buch. und Stemdruckerei (Pietsch Erben) in Gießen. Betonungsrätsel. (Nachdruck verboten.) Ein guter — a zu der rechten Zeit Ist, wie bekannt, u— der Seltenheit. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr.r Fata morgana. „Ist sie hier?" „Nein." "Wissen Sie, wo sie ist?" „Nein." „Hören Sie mal, Zeugin", rief der Richter wütend, „sehen Sie sich vor und vergessen Sie nicht, daß Sie hier unter Ihrem Eide aussagen. Sie sagen, daß diese Frau Ihre Freundin und Nachbarin ist, und doch wollen Sie nicht loissen, wo sie ist. Sagen Sie sofort dem Gerichtshöfe, wo sie sich befindet." „Das ist mehr, als irgend jemand verlangen kann", lautete die unerwartete Antwort. „Sie ist vorgestern gestorben." Vielleicht füll ick Sel noch vertelle«, bat sick einer I Daß der Eigentümer des unglücklichen Hahnes nicht uv de Klock nich ganz vertaten kann. Siet en balweS Johr I dessen Schicksal teilte, rst emS von den Wundern, welche, stecht se nämlich all und hett de ganze Tied äwer ümmer nur die Zauberer erklären kann. up rrägentetyn Minute,r noch Teihn stahn".-- I Ein untrüglicher Beweis. „Und bist Du sicher, daß „Können Sie den Manu beschreiben, welchen Sie in I Du ihn liebst?" der Nähe des Tatortes sähen?" fiagte ein Richter einen I „Ob ich sicher bin? Siehst Du dieses Kleid?" Belastungszeugen in einem Mordprozeß. „War es ein I „Natürlich sehe ich es. Was ist's damit?" großer Mann?" I „Willst Du mir gütigst sagen, ob es auch nur die ge- „O nein, durchaus uicht", antwortete der Zeuge, der xingste Aehnlichkeit mit der gegenwärtig herrschenden Mode selbst sehr groß und kräftig gebaut war, „er war nur zeigt?" ein kleiner, unbedeutender Bursche". I „Nun wirklich, es — hm —" „Na, können Sie ihn denn nicht etwas genauer I „Nur heraus damit! Es ist völlig unmodern." beschreiben; wie sah er denn aus?" I „Nun ja." „Ungefähr so wie Sie, Herr Landgerichtsrat." I „Und ich trage es, weil es ihm gefällt." Tit-Bits, Eine ebenso niederschmetternde Antwort erhielt ein 1 Anwalt, der nur von kleiner Statur war, aber sich auf I seine Begabung außerordentlich viel einbildete und seine Literarisches. •-vVä* £X;it *r iÄU wL: Ä^brrnnere mich ganz öeumcg. bcr Berliner Verlagsbuchhandlung A. Hofmann 42 Ä44tot^Mei«Ho H Ä Ä* & f»- ö»- Besprechung überreicht^ /rn e,^°rUges ** WnnÄen43^U,,atfite io6,e" SS& Ä wffi totte. ta tarnte & Ä - g-schtcht- d°r "ÄSÄ'iÄ einem Prozesse, wo es sich um die Entschädigung artrgsten zeitgenössischen Dokumenten f.ch SU>ammemetzt, die eines Verunglückten handelte, wurde der Vater desselben, dem Leser bedeufiame Kampfe— w?e ein biederer Schlächtermeister, vernommen. und zwar im Spiegel der Karikatur, die Erlich we Woll Sie wirklich sagen", so äußerte sich der Rechts-! kerne andere Kundgebung es vermag — dre ureigen,re beistand des Gegners daß Ihr Sohn infolge dieses Un- I Sprache der Zeit spricht. Dre Formen hierzu haben Genre, ialles nie mebr fäbia 'sein wird Ihr Geschäft zu über- I Künstlerlaune, heitere und lachende Phrlosophre geschaffen, nehmen? Und wemr er nicht taugt, so und gerade das wird zweifellos dieses Werk neben ferner kann er doch wohl noch in einem anderen Berufe ein I kulturgeschichtlichen Bedeutung SU einem amusantesterk ganz brauchbarer^Mensch werdens Ebenfalls nicht mehr, von 1848% d?e politische KaRkatur in Deutschland, Oester- LkL St.M,‘,,tonir,e"- *****,mn ” 3unebeÄen B°rgän1en"de^1etzA M bte'»a« kett WÄÄ KW MrgLsfrau? die 1864,1866, 1870/71 ferner das W-ken Lonrs Napoleons in ?in?in bCtttOttltnCTt tDUlbC. I Utlb CllfO CtTtC DCt |Cl)& II r SteSV&Ä* Sie wären mit Frau geistreichsten und Mnstlerischen Edukte der ^zeichneten Schmitz befreundet", ließ sich der Richter vernehmen. | Satire^ bringen. Das Werk erschernt rn 20 Lieferungen Max Kretzer: Die Sphinx in Trauer. Roman.— Verlag von F. Fontane & Co., Berlin W. — Preis: 3,50 Mark. Dieser Roman behandelt einen höchst originellen Borwurf und dürfte, abgesehen von seinem literarischen Wert, der ja bei Max Kretzer nicht erst betont zu werden braucht, zu den Büchern gehören, die vom Leser „verschlungen werden, und die Phantasie nachhaltig erregen. — Dre Handlung zerfällt in zwei Teile und zwar in das Ergebnis eitles im Zustande des Scheintodes liegenden Kranken, dessen Seele aber wach ist, dessen geistiges Auge schaut, und in das Bestreben dieses wieder aus der Erstarrung Erwachtest, das Erlebte vom Erträumten zu unterscheiden und Licht tn das Geheimnisvolle des Vorganges zu bringen. Der Traum- zustand des anscheinend Leblosen ist so anschaulich geschildert, das Problem selbst so kühn angepackt, daß man dem Autor willenlos, fast wie hypnotisiert, folgt. — Das etoig Rätselvolle im Weibe schildert Kretzer in der Heldin feines Ro- manes; die Ohnmacht des Mannes, ihr Geheimnis zu entschleiern, bietet ihm Stoff für die Gestaltung einer pshcho- logisch ebenso fesselnden Studie als einer dramatisch aufs höchste bewegten Handlung.